Im Schatten des Kreuzes
Geschrieben von Johannis am 23. September 2011 um 09:47 Uhr
Massenpsychosen und individueller Irrsinn gedeihen in Krisenzeiten besonders gut, und ein dafür geeigneter Nährboden muss nicht unbedingt aus Pest, Cholera, brandschatzenden Horden und kollabierenden Weltreichen bestehen. Obwohl – bei Licht besehen erleben wir all dies gerade, nennen es nur EHEC (oder Vogelgrippe, Schweinepest etc.), Fukushima, Fußballfans, Schulden- und Eurokrise. Da passt es doch wunderbar, dass der höchste Vertreter Gottes in dieser Woche unser unwürdiges Land besucht und allerorten den verängstigten Massen seinen Segen spendet. Papa ist da! Unser Hirte und seelischer Fußpfleger, jener in Marktl am Inn gebürtige Mümmelgreis, der noch vor wenigen Jahren hauptsächlich damit beschäftigt war, pädophilen Prügelpriestern unauffällig neue Pfarrsprengel zuzuschanzen, damit sie dort auch weiterhin unbeirrt und unbehelligt ihren perversen Neigungen nachgehen und nebenbei milde lächeln konnten. Doch aus Kardinal Ratzinger wurde, oh Wunder des heiligen Geistes, Papst Benedikt der Sechzehnte, seither wohnhaft in Rom und mit dem direkten Draht nach oben ausgestattet.
Ich kann und will nicht verhehlen, dass ich den Glauben an ein höheres Wesen – insbesondere ein allmächtiges, allwissendes, liebendes und gnädiges höheres Wesen – etwa so albern und unsinnig finde wie die Hoffnung, Griechenland werde seine Staatsschulden in absehbarer Zeit vollständig zurückzahlen. Und falls es solch ein höheres Wesen tatsächlich gäbe, dann sähe es sicherlich nicht dem Menschen ähnlich und wir nicht ihm, sondern es hätte Gestalt und Charakter eines Buckelwals, Flaschennasendelfins oder Bonobos. Letztere haben allerdings schon eine derart frappierende Ähnlichkeit mit uns angeblich vernunftbegabten Zweibeinern, dass ich meine These wohl überdenken muss. Also bleibt es dabei – es gibt keinen Gott, gab keinen und wird nie einen geben. Punkt.
Nicht lange überlegen mussten die Offiziellen in Freiburg, Erfurt, Etzelsbach und Berlin, ob es denn angemessen sei, für die Abreise des Popen einen stillgelegten Militärflughafen wieder in Betrieb zu nehmen oder 50 Kilometer Autobahn in beiden Richtungen zu sperren, vorher eine Karawane aus 60 Limousinen und 15 Polizeimotorrädern durchs Land zu jagen oder den Mümmelgreis mit einem Schwarm aus dreizehn Hubschraubern einfliegen zu lassen. Nein, auch die Gesamtkosten von geschätzt 100 Millionen Euro für den affigen Besuchszirkus haben niemanden abschrecken und die peinliche Götzenanbetung (diesmal nicht der Tanz ums goldene Kalb, sondern um den näselnden Greis) verhindern können. Die Franziskanernonnen in Gengenbach stickten sich wochenlang die Finger blutig, damit der Papst und seine Betbrüder schicke (sieht schicke nicht fies aus? Total unchic. Aber chice ist auch nicht viel besser. Ich hasse die neue deutsche Rächtschraibunk!) Klamotten anziehen und nach einer Stunde, länger dauert die Messe nämlich nicht, wieder ausziehen können.
Allein für das flammende Kreuz auf des Popen Messgewand stichelten die braven Klosterfrauen (ganz ohne Melissengeist!) 90 Stunden lang japanische Blattgoldfäden in einen mit Synthetik verstärkten Baumwollstoff. Nein, kugelsicher ist die Kutte nicht, wandert dafür aber als quasiheilige Reliquie in die Sakristei des Freiburger Münsters, nachdem sie den päpstlichen Astralkörper volle sechzig Minuten lang verhüllt hat. Ob es auch um mich irgendwann solch albernen Personenkult geben wird und sich die Menschen darum drängeln werden, wenn schon nicht mein Leichentuch so doch wenigstens eine von mir getragene Unterhose berühren zu dürfen? Die Lebensabschnittsgefährtin meckerte übrigens neulich, dass ich meine Slips nicht täglich wechsele und so langweilige Ballerbuxen trage, statt schicker (wieder das fiese Wort) Retro-Slips. Mir doch egal. (Hab mir trotzdem Retro-Slips gekauft. Finde sie aber unbequem, weil mein bestes Stück beim Gehen so unkontrolliert im Unterhosenbein rumdengelt.)
Halb Germanien ist im Fieber, weil der Papst unser Land bereist. Komisch. Ich würde mich heutzutage heftigst schämen, wenn ich Mitglied der katholischen Kirche wäre, bin schließlich schon mit zarten 18 Jahren aus der evangelischen ausgetreten. Immerhin, gut 180.000 Katholiken haben diesen Schritt innerhalb der letzten 12 Monate vollzogen, und das aus guten Gründen. Denn trotz eines expliziten päpstlichen Versprechens aus dem Jahr 2007, demzufolge Pädophile nicht Priester sein können, deckt die Kurie Kinderschänder bis heute, darunter auch persönliche Bekannte des Papstes. Schade, offenbar haben die möchtegernheiligen Kuttenträger aus den vielen Skandalen nix gelernt. Mir hat übrigens das Titelbild der ZEIT Nr. 38 sehr gut gefallen, und weil ich es im Netz nicht finden konnte, habe ich es flugs eingescannt und etwas beschnitten. Ich hoffe, Giovanni di Lorenzo wird mir das verzeihen, aber ich finde die Bildaussage so schön, und sie bleibt ja unangetastet: Der silberhaarige Opa, um nicht wieder das Wort Mümmelgreis zu verwenden, und die zu Tränen gerührte Frau, der Ohnmacht nahe, weil der höchste Vertreter Gottes sie gleich auf die Wange küssen wird. So etwas widerfährt einem Handelsvertreter, der mit Vorwerk-Staubsaugern oder einem rheinhessischen Weinsortiment an deutschen Haustüren klingelt, nur in äußerst seltenen Ausnahmefällen, zum Beispiel in Sketchen von Loriot (Friede seiner erkaltenden Asche!). Dort saugt und bläst der Heinzelmann, wo Mutti sonst nur saugen kann. Oder war es blasen? Lassen wir das, denn die Lebensabschnittsgefährtin wirft mir oft genug vor, das meine Texte ständig ins Schlüpfrige abgleiten würden. Stimmt natürlich nicht.
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Als ich noch in die Grundschule ging, wurde in Deutschland erstmals ein Phänomen beobachtet, das später unter dem Namen Beatlemania weltweite Bekanntheit errang. Junge Frauen weinten, kreischten und rasteten beim Anblick einer knappen Handvoll schlecht gekleideter englischer Musiker derart aus, wie es der kundige Lover auch nach wiederholtem Herauszögern seiner Ejakulation bei endlos-variantenreichem Liebesspiel nur äußerst selten erleben darf, wenn die bessere Paarungshälfte schlussendlich den wohlverdienten intergalaktischen Höhepunkt erreicht (für diesen Satz gibt es wieder Mecker von der Lebensabschnittsgefährtin, wegen schlüpfrig und so). Ähnlich ekstatisch-orgiastisch wird es sicherlich vom 22. bis zum 25. September auf deutschen Straßen, Plätzen und in den Stadien zugehen, wenn der Papst sich den anbetungswilligen Massen zeigt. Dabei spielt er nicht mal Gitarre und singt auch nicht besonders gut.
Dennoch, von seliger Freude bis zu blanker Hysterie wird angesichts des frömmelnden alten Sackes alles rausgelassen, und manch freudig erregtes Gottesgroupie fällt wohl in Ohnmacht oder wird vielleicht sogar ein bisschen feucht im Schlüpfer. Nur potentielle Attentäter kommen nicht auf ihre Kosten, denn das vier Tonnen schwere Papamobil knackt man höchstens mit einer Panzerfaust, die allerdings nur mit extrem viel Glück unbemerkt zum Einsatzort transportiert werden kann, weil sperrig. Und weil mittlerweile jeder vierjährige Kindergartenbesucher, den Taliban und libyschen Rebellen sei Dank, diese Dinger zweifelsfrei erkennt und sofort Alarm schlagen würde. Alle Gullydeckel entlang der päpstlichen Fahrtroute versiegelt, die Papierkörbe abgeschraubt – wenn nicht jemand als Selbstmordattentäter aktiv werden möchte, wird nirgendwo der für Semtex typische bleigraue Rauchpilz aufsteigen. Also müssen wir warten, bis wieder mal weißer Rauch aus dem Schornstein der Sixtinischen Kapelle kommt, und können dann nur hoffen, dass der nächste Papst nicht ganz so reaktionär sein wird wie Benedikt der Sechzehnte. Unwahrscheinlich.
PS: Wirklich erschreckend fand ich den Film “Jesus Camp”, der noch eine Weile in der Mediathek von ARTE zu sehen ist. Er zeigt, wie radikale Christen in den USA ihre Kinder zu religiösen Fanatikern erziehen und dabei auch vor Gehirnwäsche nicht zurückschrecken. Etwa 80 Millionen Amerikaner sind Evangelikale, sie leugnen den Klimawandel ebenso wie die Evolution, und wollen mithilfe der Tea-Party-Bewegung ein neues Reich Jesu begründen. Spätestens nach der Dokumentation versteht man, warum fanatische Christen die USA als “God’s Own Country” bezeichnen, und weshalb viele aufgeklärte Menschen lieber im vergleichsweise gottlosen Europa leben, wo die Homoehe und das Recht auf Abtreibung häufig längst zu den bürgerlichen Grundrechten gehören. Zum Glück!
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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