Das legasthenische Eichhörnchen
Geschrieben von Johannis am 16. August 2011 um 11:15 Uhr
Ich habe einen Freund verloren. Nein, er lebt noch, keine Sorge! Er hat mir aber nach sechs Jahren die Freundschaft gekündigt. Wegen meiner Spottlust. Angeblich.
Fast immer hat der Mensch für seine Entscheidungen zwei Gründe – einen, der gut klingt und einen, der stimmt. Den wahren Grund bekommt man nur durch geschicktes Nachfragen, psychotherapeutisch-einfühlsame Gesprächsführung, hellwache Intuition oder mit viel Glück heraus. Bei schweren Missverständnissen, endlos-zähen Konflikten oder im Grabenkampf der Geschlechter verschanzt man/frau sich gern hinter dem Satz: Du hast meine Gefühle verletzt! Eine echte Killerphrase, danach geht meist nichts mehr. Die meterdicken Betonwände eines Luftschutzbunkers sind leichter zu durchdringen als die Abwehr eines durchschnittlich neurotischen Menschen, dessen Gefühle verletzt wurden. Angeblich. Denn ein Gefühl kann niemand verletzen, es hat weder Haut noch Knochen oder Gewebe, nirgends fließt Blut. Bullshit also. Aber alltäglicher, nahezu unüberwindlicher und dazu quer durch alle Schichten der Gesellschaft akzeptierter Bullshit.
Ein Gefühl kann man fühlen, es ist eine sinnliche Wahrnehmung. Kälte, Hunger, Schmerz, eine zärtliche Berührung – all das kann man/frau fühlen. Wenn jemand mich verspottet oder gemein zu mir ist und ich dann wütend/traurig/enttäuscht bin, handelt es sich um eine Emotion. Emotionen sind das Resultat eines (oftmals unbemerkt ablaufenden) kognitiven Vorgangs. Verantwortlich sind also nicht die Sinne, sondern das Denken, die so genannten Gefühle finden nicht im Herzen, sondern im Hirn statt. Der Mensch wertet ein bestimmtes Verhalten oder eine Äußerung von Mitmenschen in einer bestimmten Weise und beschließt dann, dass er/sie feindlich gesinnt ist, sie/ihn zu wenig respektiert oder schlicht nicht liebt. Dann zieht er/sie sich entweder in die Schmollecke zurück oder reagiert mit Vorwürfen, Gegenattacken, Tränen. Man/frau fühlt sich missverstanden und schon sind die Gefühle verletzt. Mist.
Vor ein paar Jahren las ich in einer Studie, dass es in fast allen Teilen der Welt ein Beweis für Freundschaft ist, wenn man sich im Spaß gegenseitig beleidigen kann. Ich habe einen Freund, mit dem ich gern und häufig frotzele. Wir machen auch zusammen Sport, weil alte Säcke leider zum Verfetten neigen. Bedingt durch eine Krankheit (und weil er stinkefaul ist) hat er etliche Kilos zugenommen und dummerweise hab ich, auch krankheitsbedingt, neulich in zwei Wochen fünf Kilo abgenommen. Mir rutscht beim Anblick seiner sich wölbenden Wampe schon mal ein ruhrpotttypisches „Boah, Alter, bissu fett geworn!“ raus. Und er kontert darauf mit einem ebenfalls ruhrpotttypischen „Aschloch“, kurzes A, kein r. Und gut is. Wir sind weiterhin Freunde, unsere Freundschaft hält etwas Spott und ein paar aus Spaß dahingefrotzelte Beleidigungen aus. Absolut kein Drama, keine verletzten Gefühle.
Der Knatsch mit dem anderen Freund (eigentlich ja Ex-Freund) entstand aus heiterem Himmel. Wir saßen mit seiner Frau am Tisch bei Kaffee und Kuchen, dann holte er mir zuliebe ein Paket Milch aus der Küche und stand halb über mich gebeugt, während er das Tetrapack mit Kuhsaft aufschraubte. Da mein Ex-Freund im Umgang mit Speisen ständig kleckert, krümelt oder kleine Unfälle provoziert, und weil ich nicht gern mit Vollmilch betröpfelt werden wollte und bekanntlich ein loses Mundwerk habe, sprach ich folgenden verhängnisvollen Satz: „Jetzt bitte keine Sudelattacken!“ Seine Frau grinste kurz und mein Ex-Freund reagierte, als wäre er fälschlich der Pädophilie beschuldigt worden. Mit beleidigtem Unverständnis eben. Wenige Minuten später schenkte er sich aus einer Thermoskanne Kaffee nach und schaffte es, die schwarzbraune Flüssigkeit mit Schwung über Tassenrand und Untertasse bis aufs Tischtuch zu kippen. Mein trockener Kommentar, begleitet von einem freundschaftlichen Augenzwinkern: „Das war jetzt so eine Sudelattacke!“ Abgang mein Ex-Freund in die Küche zum verschärften Schmollen. Zurück blieben seine Frau und ich. Ratlos.
Nein, mein Freund ist nicht in der Pubertät, sondern feierte im vergangenen Jahr den sechzigsten Geburtstag. Trotzdem nahm das Verhängnis seinen Lauf. Ich entschuldigte mich, er schmollte nach seiner widerwilligen Rückkehr aus dem Küchenexil ostentativ. Ich fuhr nach Hause, wartete ab, und bot den beiden einige Tage später Hilfe bei einem Computerproblem an. Den Laptop der Gattin hätte mein Ex-Freund, sowieso unterwegs in Dortmund, bei mir abgeben können, aber es kam eine mürrische SMS: „Danke für das Angebot, aber ich habe keine Lust dich zu sehen“. Ich verbrachte etwas Wartezeit in der Hoffnung, dass Gras über die Sache wachsen würde, und lancierte dann nach zwei Wochen eine vorsichtige Nachfrage, ob er noch sauer sei. Es kamen bittere Vorwürfe sowie ein fein säuberlich abgetippter Auszug aus seinem Tagebuch. Als Beleg dafür, wie sehr ich seine Gefühle verletzt habe. Bullshit. Natürlich habe ich das nicht gesagt, sondern ihn pflichtschuldigst erneut um Verzeihung gebeten. Schließlich waren wir gute Freunde, mochten uns sehr gern und hatten viel gemeinsam. Aber eher klemmt sich ein brünstiger Elefantenbulle freiwillig hinters Lenkrad eines VW-Käfers, als dass man einem Menschen mit verletzten Gefühlen auf rationaler Ebene beikommt.
Dumme Sau, fette Kuh, blöder Hund – vertraute Beschimpfungen, die vor Gericht als Beleidigung geahndet werden. Minderbegabter Nachtfalter, übergewichtiges Delfinweibchen, begriffsstutziger Stubentiger – darüber wird sich kaum jemand ernsthaft echauffieren wollen. Du legasthenisches Eichhörnchen ist eben keine Beleidigung. Warum nicht? Weil wir es nicht entsprechend negativ besetzen wie den dämlichen Hund. Willkürlich wählen wir aus, was beleidigt, unsere Gefühle verletzt, und was nicht. Es spielt sich im Kopf ab, aber das wollen wir nicht wahrhaben, denn wir wären ja selbst verantwortlich, müssten uns die richtigen Antworten geben. Also erfolgt der vorwurfsvolle Hinweis auf die ominösen verletzten Gefühle, die niemand verbinden, schienen, mit Salbe einschmieren kann. Sprache kann sehr entlarvend sein. Ich ärgere mich, ich mache mir Sorgen, ich bin enttäuscht – immer handele ich, nicht der Mitmensch. Erst habe ich mich getäuscht, dann bin ich ent-täuscht – alles spielt sich in meinem Kopf ab. Schön blöd. Wie soll ich denn meinen Mitmenschen beikommen, sie manipulieren oder ihnen wenigstens ein schlechtes Gewissen machen, wenn ich für meinen Frust selbst ver-antwort-lich bin? Dann doch lieber der Rückzug in die gefühlige Schmollecke, wo man/frau sich hinter meist albernen Vorwürfen verschanzen und durch Liebesentzug Rache nehmen kann. Oder durch den Abbruch einer jahrelangen Freundschaft. Alles legitim und alltäglich, wenn auch etwas neurotisch. Finde ich.
Jetzt reicht es euch aber langsam, oder? Ob ich so ein kopfgesteuerter Roboter bin, immer logisch und rational, total gefühlsarm? Nein. Ich habe mich auch schon idiotisch, irrational und fürchterlich emotional verhalten. Aber ich weiß eben auch, dass die ganze Du-hast-meine-Gefühle-verletzt-Nummer eigentlich Blödsinn ist. Ich habe deine (meistens unausgesprochenen) Erwartungen nicht erfüllt und Dinge gesagt oder getan, die dir nicht passen und die du nie sagen oder tun würdest – das stimmt vielleicht. Und du hast nicht gemerkt, wie du dich über deine eigenen Wertungen geärgert hast, dir negative Gedanken gemacht und dich dabei in Rage gesteigert hast. Deshalb schiebst du mir den schwarzen Peter zu. So isses doch, oder? Mein Ex-Freund hatte sich, um noch mal auf die anfänglich genannten zwei Gründe zurückzukommen, wahrscheinlich schon ein Weile daran gestört, dass seine Frau und ich uns seit längerem recht gut verstanden. Völlig platonisch wohlgemerkt. Und als sie dann bei meinem Spruch mit der Sudelattacke geschmunzelt hat, musste ich als Sündenbock herhalten. Schließlich konnte er seine Frau schlecht anmeckern „Wieso grinst du, wenn er mich durch den Kakao zieht?“ Mit ihr lebt er zusammen, von mir konnte er sich erheblich leichter trennen. Also ab dafür und Ende.
Ob ich eigentlich hoffe, dass mein Ex-Freund durch diesen Text zur Besinnung kommt und wir uns wieder vertragen? Nein. Erstens verhielt er sich extrem nachtragend, hat sich in etlichen Mails ziemlich beleidigend ausgedrückt und hartnäckig jeden meiner Versöhnungsversuche vereitelt, und zweitens liest er kleine Blogs. Schon gar nicht von Leuten mit ausgeprägter Spottlust und frecher Schnauze. Schade.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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