Good bye, EURO!
Geschrieben von Johannis am 19. Juli 2011 um 10:10 Uhr
Erinnert ihr euch noch an diese putzigen Starterkits? Bei Omas und Tanten total angesagt zu Weihnachten 2001, kurz bevor wir endlich mit dem neuartigen Geld der Zentraleuropäer einkaufen gehen durften. Für zwanzig Mark bekam man damals 10 Euro und 23 Cent, all die neuen Münzen, manche gleich mehrfach, eingeschweißt in einen robusten Plastikbeutel vom Ausmaß einer Kondomschachtel der Größe XXL. Gut, nur wenige LeserInnen verwenden im Alltag XXL-Kondome, obwohl mancher Mann sich und seinen prallen Schniedel bestimmt gern in solch ein übergroßes Latexbeutelchen hineinträumen möchte. Wie kam ich eigentlich so schnell vom Euro auf Präservative? Wahrscheinlich, weil ich Präservative hasse – schon der Gummigeruch ekelt mich und die gleitfreundlich-spermizide Beschichtung kann mir auch gestohlen bleiben. Genau wie Noppen und künstliches Erdbeer-, Brombeer- oder Bananenaroma. Wolltet ihr definitiv nicht wissen? Sorry! Zurück zum Euro.
Mit dem Euro sind wir ja, erneuter Brückenschlag unter die Gürtellinie, ziemlich gefickt. Gut, angeschissen hätte ich auch sagen können, aber Kontinuität ist wichtig. Geld macht bekanntlich nicht glücklich, doch es beruhigt die Nerven. Das mochte vor Einführung der europäischen Gemeinschaftswährung stimmen, gilt jedoch längst nicht mehr. Neuerdings jagen sich die Katastrophenmeldungen, wird beinahe täglich die Bonität eines Landes auf Ramschniveau herabgestuft, kündigt man ständig neue Rettungspakete an, und selbst das allerletzte Tabu, der Staatsbankrott eines Eurolandes, dürfte bald gebrochen werden. Griechenland ist de facto pleite und es kann eigentlich nur noch wenige Wochen dauern, bis sich das nicht mehr länger leugnen lässt. Und dann, wer kommt als nächster dran? Aus den PIGS, Portugal, Irland, Griechenland und Spanien, sind ja bereits die PIIGS geworden, denn die Ratingagenturen schießen sich nun auch auf Italien ein. Sogar die mächtigen US of A stehen mit einem Schuldenberg von aktuell 14,3 Billionen Dollar kurz vor der Pleite, werden schon im August Zinsen, Löhne und Renten nicht mehr bezahlen können, wenn Demokraten und Republikaner sich nicht hurtig auf eine Anhebung der Schuldenobergrenze einigen. Unabhängig davon hat man sich vorletzte Woche auf einen neuen Rekord bei den US-Militärausgaben geeinigt – 649 Milliarden Dollar, rund das Doppelte des gesamten Deutschen Bundeshaushalts, für zwölf Monate Mord und Totschlag. Ja, von dem Betrag könnte man alle Hungernden dieser Erde mindestens zwei Jahre sättigen, aber dafür ist leider kein Geld da.
Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe das Vertrauen in den Euro verloren. Bereitwillig wette ich hundert Schweizer Franken gegen ein Glas griechischen Rotweins, dass wir Ende nächsten Jahres nicht mehr mit den blöden Euronen bezahlen. Hoffentlich bekommen wir wieder unsere gute alte D-Mark und kehren nicht zum Tauschhandel zurück. Letzteres mag klingen wie ein dummer Witz – aber was wäre denn, wenn neben Griechenland, Portugal, Irland, Spanien und Italien auch die Amis ihre Schulden nicht zurückzahlen können? Der viel beschworene Domino-Effekt beschert uns dann eine Weltwirtschaftskrise, gegen die jene finsteren Jahre nach dem schwarzen Freitag vom 25. Oktober 1929 wie unbedeutende Konjunkturdellen wirken.
Den Euro habe ich von Anfang an nicht gemocht. Für die verschneite Sylvesternacht 2001 hatte ich Freikarten für die Gala des Circus Flic Flac, Buffet inklusive, habe aber Getränke und das Taxi für meine Begleiterin und mich brav in D-Mark bezahlt. Wir wären nie auf die dämliche Idee gekommen, uns kurz nach Mitternacht vor einem Geldautomaten anzustellen, um endlich die neuen Euro-Scheine in die Finger zu bekommen. Man erinnere sich – 2001 war ein ziemliches Scheißjahr mit den eingestürzten Twin Towers und dem von George W. Bush ausgerufenen Krieg gegen den Terror. Außerdem starb meine Lieblingstante überraschend an Krebs, während ich in Nepal arbeitete, aber das ist ein anderes Thema.
Wer jemals in einer durchschnittlich chaotischen Wohngemeinschaft gelebt hat, wird verstehen, warum der Euro eine Missgeburt war und ist. 1988 in Brüssel ausgebrütet und dann am 01. Januar 1990 als virtuelles Zahlungsmittel in die Welt gesetzt, erinnert er mich fatal an manches gescheiterte WG-Projekt meiner späten Jugend. Nur ging es damals um einen Bauwagen im Hinterhof, um den Übungsraum für die wohngemeinschaftseigene Punkband oder einen gemeinschaftlich beackerten Kleingarten, der uns mit kerngesundem Obst und Gemüse versorgen sollte. Trotz heftiger Probleme, Streitereien und Zerwürfnisse alles Pipifax – kein Vergleich zum Projekt Euro. Man stelle sich ein paar dauerbekiffte Möchtegernerfinder vor, die aus einem alten VW-Motor, etwas Blech und Rohr sowie diversen Computerteilen eine Zeitmaschine bauen wollen. Nach einigen Fehlschlägen schrauben sie tatsächlich eine Konstruktion zusammen, die irgendwie funktioniert. Sprit muss her, Batterien und Geschichtsbücher, und dann brechen die ersten Temponauten zur Testfahrt auf. Sie landen im alten Rom, saufen mit den Senatoren Wein und vögeln bei den ortsüblichen Orgien ein paar Sklavinnen, erfreuen sich an Gladiatorenkämpfen und kehren irgendwann schweren Herzens in die Gegenwart zurück.
Daheim, in der verdreckten Werkstatt der Kifferwohngemeinschaft, werden sie mit großem Hallo begrüßt, das Mobil wird wieder startklar gemacht und dann bricht die nächste Besatzung auf. Die Sache spricht sich herum, bald will die ganze Nachbarschaft auf Zeitreise gehen. Ja, versprechen alle, wir sorgen für Sprit und laden auch die Batterien wieder auf. Großes Indianerehrenwort, die Zeitmaschine steht nach unserer Rückkehr vollgetankt und picobello in der Garage. Bullshit! Menschen sind anders. Sie fressen in WGs zwar nachts den Kühlschrank leer, scheren sich aber einen Dreck um den Abwasch und bringen auch den Müll nicht raus, sie füttern morgens die Katze nicht, rauchen dafür jedoch ihren Gastgebern garantiert das letzte Gras weg. Und die wunderbare Zeitmaschine wird schon nach kurzer Zeit kaputt sein, mit Getriebeschaden, weil ein paar raffgierige Idioten den Goldschatz der Inkas abtransportieren wollten oder weil sich auf einer Spritztour sieben total scharfe Sklavinnen auf der Rückbank drängeln mussten.
Der Euro – um ein simpleres Bild zu wählen – ist ein Kleinbus mit neun Sitzen, in dem mittlerweile siebzehn Personen mitfahren. Leider hat man erst nach der Abfahrt bemerkt, dass die Bremsen nicht funktionieren und die Lenkung oft blockiert. Bedauerlicherweise kam dieser Erkenntnisgewinn unterwegs auf einer kurvenreichen Gefällestrecke und nun saust der Karren scheppernd bergab, droht aus jeder Haarnadelkurve zu fliegen, und die Schrotthändler, Besitzer von Abschleppwagen und Beerdigungsunternehmer (vulgo Ratingagenturen, Fondsmanager, Spekulanten und Investmentbanker) entlang der Strecke reiben sich die Hände. Ihr Geschäft geht gut, sie machen auch beim Crash Umsatz.
2008, nach dem Zusammenbruch der Lehman Brothers, habe ich einen Teil meines Ersparten in bar abgehoben und an einem sicheren Ort verbunkert. Die Mühe mache ich mir nicht mehr. Vielleicht tausche ich diesmal Euros gegen Schweizer Franken, oder ich warte einfach stoisch auf den Crash. Denn meiner festen Überzeugung nach muss dieses irrsinnige System von gigantischen Schulden und fetten Profiten, immer schön gedeckt durch das Geld der dummen und machtlosen Steuerzahler, erst komplett zusammenbrechen, bevor sich vielleicht die Vernunft durchsetzen kann. Lasst uns wieder Brot gegen Kartoffeln tauschen und Eier gegen Brennholz, lasst uns mit der Asche des Phoenix bezahlen. Es muss offenbar erst ganz dicke kommen, bevor dieser Wahnsinn ein Ende findet.
Ich habe in meinen Schubladen gekramt, und tatsächlich, ich besitze noch ein vollständiges Starterkit, sogar verziert mit weihnachtlichem Klebesternchen. Dazu lege ich zwei nahezu druckfrische 5-Mark-Scheine von der Sorte, die ich hoffentlich bald wieder häufiger im Portemonnaie haben werde. Außerdem präsentiere ich euch eine kleine Installation, die seit gut einem Jahr in meiner Küche ihren Platz auf einer Kommode hat. Shreks Esel als Dukatenkacker, auch wenn er nur Groschen, Pfennige und anderes Kleingeld scheißt. Aber ich mag unsere alte Währung. Auf den Euro ist doch geschissen!
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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