Paradigmenwechsel
Geschrieben von Johannis am 24. Juni 2011 um 09:24 Uhr
Nun isses soweit. Nein, ich nehme mir keinen vergifteten Strick oder gehe mit der Knarre ins Wasser. Obwohl ich manchmal schon überlege, wie lange ich mir das Drama dieser Welt noch anschauen will, aber morbide Themen hatten wir ja schon oft genug. Nöh, heute geht es um etwas anderes. Umwälzende Veränderungen, radikal neue Sichtweisen, wissenschaftliche Durchbrüche – derlei wird uns seit einigen Jahren gern mit dem sperrigen Wort Paradigmenwechsel verkauft. Ein Paradigma ist eine schöne Sache, aber weder verwandt mit der Paranuss, dem Paragliding oder dem Ort Para in Asturien. Auch der gleichnamige Distrikt in Surinam und die Paraflüsse, einer in Südamerika, der andere in Russland, haben mit dem Paradigmenwechsel nix zu tun. Wenn einer dieser Flüsse plötzlich seine Laufrichtung ändern und bergauf fließen würde – ja, das wäre ein Paradigmenwechsel vom Allerfeinsten. Und, nur der Vollständigkeit halber, auch zur Währungseinheit Para oder der amerikanisch-kanadischen Waffenschmiede Para (Shoot Like an Expert) gibt es thematisch keine Verbindung. Worum sich dieser vermaledeite Beitrag denn bitte dreht? Ich soll nicht immer nur die Dinge aufzählen, um die es nicht geht – ihr hättet heute noch reichlich Zeugs auf dem Zettel und könntet nicht ewig darauf warten, dass ich endlich zu Potte komme? Verzeihung, da hat wieder mein Hang zur Geschwätzigkeit die Oberhand gewonnen. Also zur Sache.
Obwohl, eigentlich ist es auch sehr schön, wenn man sich einem Thema in jener Weise annähern kann, mit der ein Nebenarm des Amazonas das Mündungsdelta durchquert, immer noch eine neue Windung ins üppige Tropengrün zeichnend und jeden Moment auskostend, bevor sich die von der Sonne erwärmten milchkaffeebraunen Fluten schlussendlich in den kalten Atlantik ergießen. Man mäandert so vor sich hin, hat nichts Böses im Sinn, und lässt sich weder vom Kreischen der Papageien noch vom Fluchen der Leserschaft irritieren. Doch irgendwann muss damit Schluss sein, warum also nicht jetzt? Das griechische Wort para bedeutet neben, und dieser Text ist schon ziemlich daneben, oder? Über 300 Worte und noch kein bisschen Inhalt, geschweige denn Sinn? Voll daneben!
Gut, gut – ich lasse jetzt die Hosen runter, auch wenn das niemand verlangt hat. Dies ist der fünfhundertste Text, den ich unter meinem verwirrenden Pseudonym Perlenschwein verzapft und hier veröffentlicht habe. 500, lasst euch das mal auf der Zunge zergehen. Tolle Wurst, höre ich jetzt jemanden spotten, ganz großes Tennis! Ob es wirklich nötig war, euch deshalb vollzuschwafeln, bis ihr euch am liebsten im nächstgelegenen Para ertränkt hättet? Nein, war es nicht. Hat mir aber Spaß gemacht. Und damit komme ich zurück zum Paradigmenwechsel.
Als ich im September 2007 begann, Blogtexte zu schreiben und hier zu veröffentlichen, war ich naiv. Ich dachte mir: „Mensch Johannis, du toller Hecht, kaum jemand im bekannten Universum ist witziger, wortgewandter und wundervoller als du – schreib doch mal was! Blogs sind angesagt. Ein wenig beachtetes Büchlein, erschienen bei einem völlig unbedeutenden Verlag, ist dir bereits gelungen – das kann doch nur der Anfang vom Weltruhm sein. Klatsch einfach ab und zu einen Text zusammen, stell ihn ins Internet, und ruckzuck werden dich alle lieben. Die Groupies liegen dir zu Füßen oder nackig auf deinem Futon, es gibt schon zum Frühstück Koks oder wenigstens Champagner, jeder lädt dich zu Lesungen oder wenigstens zum Abendessen ein, und alle wollen Autogramme von dir. Literaturagenten betteln darum, dass du ihnen erlaubst, ein paar Bröckchen deines Werkes zu unverschämten Preisen an renommierte Verlage zu verhökern, und bevor du es kapiert hast, bist du reich und berühmt.“ Das war die Theorie, und los ging’s.
In der Praxis wurde ich nicht beachtet und sogar von einem Mann, den ich heute als guten Freund bezeichne, als Zero-Blogger geschmäht. Zero für einen PageRank von Null, Zero Klicks, Null Leser. Jemand, an dem die Welt nicht das geringste Interesse hat. Unrecht hatte er damit leider nicht. Damals. Gut, heute hat sich das Bild etwas gewandelt. Ich zeige zwar immer noch Zero Tolerance gegenüber bestimmten Randgruppen (FDP-Wähler, Mitglieder der schwarzgelben Katastrophenkoalition, konsumgeile Klimawandelleugner etc.), bin weder berühmt noch reich, trinke morgens Grüntee und mein Frühstück besteht weiterhin meistens aus Müsli. Nix Koks und Champagner. Zum Thema Groupies möchte ich aus Rücksicht auf noch lebende Personen keinen Kommentar abgeben, aber mein PageRank ist über die Jahre auf vier gestiegen. Zehn ist das Maximum, die Deutsche Bank hat sieben. Ich habe eine kleine Fangemeinde, die mein Zeug brav und regelmäßig liest, manchmal kommentiert, und mich anderen Lesern empfiehlt, z.B. via Twitter. Dafür bin ich dankbar. Mäßig dankbar, denn verglichen mit meinen naiven Anfängerträumen hab ich total abgelost (sprich geluhst, das sagt man heute so). Und deshalb nun der Paradigmenwechsel.
Vergangenes Jahr habe ich pro Woche im Schnitt drei neue Beiträge veröffentlicht. Nachdem ich im Januar aus Neuseeland zurück war, wo ich ausgiebig das süße Nichtstun und die Medienabstinenz genossen hatte, stellte ich den Rhythmus um. Seitdem gab es hier nur montags und donnerstags Neues zu lesen. Und nun kommt es ganz dicke, ihr müsst sehr tapfer sein: Ich schreibe ab sofort nur noch, wenn ich Lust dazu habe. Über die Erscheinungstermine und -frequenz von neuen Texten sind absolut keine Prognosen möglich.
Ob ich mich rar machen will? Nein. Was der Quatsch dann soll? Ich muss Geld verdienen und möchte das am liebsten mit dem Schreiben. Da ich keine Werbebanner mag, bringt dieser Blog nix ein. Kostet aber eine Menge Zeit, weil ich mir Mühe gebe und überwiegend Qualitätserzeugnisse liefere. Diese Zeit will ich in Artikel, Texte, Buchprojekte investieren, für die ich dann hoffentlich bezahlt werde. Ich tue das, um mich am Kacken zu halten, wie man hier im Ruhrgebiet so schön sagt. Und um vielleicht doch noch reich und berühmt zu werden, wenigstens ein bisschen. Scheiß auf Groupies, Koks und Champagner – aber wenn ihr die Briefe von meiner Rentenversicherung (Höhe Ihrer künftigen Regelaltersrente) lesen müsstet, würdet ihr auch Angst vor Altersarmut bekommen.
Also seid mir bitte nicht böse, dass ich euch ausgerechnet zum Jubiläum so enttäuschende Nachrichten überbringe, aber es muss sein. Wie kürzlich erwähnt, habe ich in diesen Blog und seine 500 Texte insgesamt ein volles Jahr Arbeit gesteckt, bei 40-Stundenwoche und 30 Tagen Jahresurlaub. Es war und ist immer wieder schön, für euch zu schreiben. Ich habe viel gelernt und meine Schreibe ist spürbar besser geworden, aber dennoch war es ein ganzes Jahr unbezahlter Arbeit. Das kann so nicht weitergehen. Versteht ihr doch, oder?
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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