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Archiv für Juni, 2011

Paradigmenwechsel

Geschrieben von Johannis am 24. Juni 2011 um 09:24 Uhr

Nun isses soweit. Nein, ich nehme mir keinen vergifteten Strick oder gehe mit der Knarre ins Wasser. Obwohl ich manchmal schon überlege, wie lange ich mir das Drama dieser Welt noch anschauen will, aber morbide Themen hatten wir ja schon oft genug. Nöh, heute geht es um etwas anderes. Umwälzende Veränderungen, radikal neue Sichtweisen, wissenschaftliche Durchbrüche – derlei wird uns seit einigen Jahren gern mit dem sperrigen Wort Paradigmenwechsel verkauft. Ein Paradigma ist eine schöne Sache, aber weder verwandt mit der Paranuss, dem Paragliding oder dem Ort Para in Asturien. Auch der gleichnamige Distrikt in Surinam und die Paraflüsse, einer in Südamerika, der andere in Russland, haben mit dem Paradigmenwechsel nix zu tun. Wenn einer dieser Flüsse plötzlich seine Laufrichtung ändern und bergauf fließen würde – ja, das wäre ein Paradigmenwechsel vom Allerfeinsten. Und, nur der Vollständigkeit halber, auch zur Währungseinheit Para oder der amerikanisch-kanadischen Waffenschmiede Para (Shoot Like an Expert) gibt es thematisch keine Verbindung. Worum sich dieser vermaledeite Beitrag denn bitte dreht? Ich soll nicht immer nur die Dinge aufzählen, um die es nicht geht – ihr hättet heute noch reichlich Zeugs auf dem Zettel und könntet nicht ewig darauf warten, dass ich endlich zu Potte komme? Verzeihung, da hat wieder mein Hang zur Geschwätzigkeit die Oberhand gewonnen. Also zur Sache.

Obwohl, eigentlich ist es auch sehr schön, wenn man sich einem Thema in jener Weise annähern kann, mit der ein Nebenarm des Amazonas das Mündungsdelta durchquert, immer noch eine neue Windung ins üppige Tropengrün zeichnend und jeden Moment auskostend, bevor sich die von der Sonne erwärmten milchkaffeebraunen Fluten schlussendlich in den kalten Atlantik ergießen. Man mäandert so vor sich hin, hat nichts Böses im Sinn, und lässt sich weder vom Kreischen der Papageien noch vom Fluchen der Leserschaft irritieren. Doch irgendwann muss damit Schluss sein, warum also nicht jetzt? Das griechische Wort para bedeutet neben, und dieser Text ist schon ziemlich daneben, oder? Über 300 Worte und noch kein bisschen Inhalt, geschweige denn Sinn? Voll daneben!

Gut, gut – ich lasse jetzt die Hosen runter, auch wenn das niemand verlangt hat. Dies ist der fünfhundertste Text, den ich unter meinem verwirrenden Pseudonym Perlenschwein verzapft und hier veröffentlicht habe. 500, lasst euch das mal auf der Zunge zergehen. Tolle Wurst, höre ich jetzt jemanden spotten, ganz großes Tennis! Ob es wirklich nötig war, euch deshalb vollzuschwafeln, bis ihr euch am liebsten im nächstgelegenen Para ertränkt hättet? Nein, war es nicht. Hat mir aber Spaß gemacht. Und damit komme ich zurück zum Paradigmenwechsel.

Als ich im September 2007 begann, Blogtexte zu schreiben und hier zu veröffentlichen, war ich naiv. Ich dachte mir: „Mensch Johannis, du toller Hecht, kaum jemand im bekannten Universum ist witziger, wortgewandter und wundervoller als du – schreib doch mal was! Blogs sind angesagt. Ein wenig beachtetes Büchlein, erschienen bei einem völlig unbedeutenden Verlag, ist dir bereits gelungen – das kann doch nur der Anfang vom Weltruhm sein. Klatsch einfach ab und zu einen Text zusammen, stell ihn ins Internet, und ruckzuck werden dich alle lieben. Die Groupies liegen dir zu Füßen oder nackig auf deinem Futon, es gibt schon zum Frühstück Koks oder wenigstens Champagner, jeder lädt dich zu Lesungen oder wenigstens zum Abendessen ein, und alle wollen Autogramme von dir. Literaturagenten betteln darum, dass du ihnen erlaubst, ein paar Bröckchen deines Werkes zu unverschämten Preisen an renommierte Verlage zu verhökern, und bevor du es kapiert hast, bist du reich und berühmt.“ Das war die Theorie, und los ging’s.

In der Praxis wurde ich nicht beachtet und sogar von einem Mann, den ich heute als guten Freund bezeichne, als Zero-Blogger geschmäht. Zero für einen PageRank von Null, Zero Klicks, Null Leser. Jemand, an dem die Welt nicht das geringste Interesse hat. Unrecht hatte er damit leider nicht. Damals. Gut, heute hat sich das Bild etwas gewandelt. Ich zeige zwar immer noch Zero Tolerance gegenüber bestimmten Randgruppen (FDP-Wähler, Mitglieder der schwarzgelben Katastrophenkoalition, konsumgeile Klimawandelleugner etc.), bin weder berühmt noch reich, trinke morgens Grüntee und mein Frühstück besteht weiterhin meistens aus Müsli. Nix Koks und Champagner. Zum Thema Groupies möchte ich aus Rücksicht auf noch lebende Personen keinen Kommentar abgeben, aber mein PageRank ist über die Jahre auf vier gestiegen. Zehn ist das Maximum, die Deutsche Bank hat sieben. Ich habe eine kleine Fangemeinde, die mein Zeug brav und regelmäßig liest, manchmal kommentiert, und mich anderen Lesern empfiehlt, z.B. via Twitter. Dafür bin ich dankbar. Mäßig dankbar, denn verglichen mit meinen naiven Anfängerträumen hab ich total abgelost (sprich geluhst, das sagt man heute so). Und deshalb nun der Paradigmenwechsel.

Vergangenes Jahr habe ich pro Woche im Schnitt drei neue Beiträge veröffentlicht. Nachdem ich im Januar aus Neuseeland zurück war, wo ich ausgiebig das süße Nichtstun und die Medienabstinenz genossen hatte, stellte ich den Rhythmus um. Seitdem gab es hier nur montags und donnerstags Neues zu lesen. Und nun kommt es ganz dicke, ihr müsst sehr tapfer sein: Ich schreibe ab sofort nur noch, wenn ich Lust dazu habe. Über die Erscheinungstermine und -frequenz von neuen Texten sind absolut keine Prognosen möglich.

Ob ich mich rar machen will? Nein. Was der Quatsch dann soll? Ich muss Geld verdienen und möchte das am liebsten mit dem Schreiben. Da ich keine Werbebanner mag, bringt dieser Blog nix ein. Kostet aber eine Menge Zeit, weil ich mir Mühe gebe und überwiegend Qualitätserzeugnisse liefere. Diese Zeit will ich in Artikel, Texte, Buchprojekte investieren, für die ich dann hoffentlich bezahlt werde. Ich tue das, um mich am Kacken zu halten, wie man hier im Ruhrgebiet so schön sagt. Und um vielleicht doch noch reich und berühmt zu werden, wenigstens ein bisschen. Scheiß auf Groupies, Koks und Champagner – aber wenn ihr die Briefe von meiner Rentenversicherung (Höhe Ihrer künftigen Regelaltersrente) lesen müsstet, würdet ihr auch Angst vor Altersarmut bekommen.

Also seid mir bitte nicht böse, dass ich euch ausgerechnet zum Jubiläum so enttäuschende Nachrichten überbringe, aber es muss sein. Wie kürzlich erwähnt, habe ich in diesen Blog und seine 500 Texte insgesamt ein volles Jahr Arbeit gesteckt, bei 40-Stundenwoche und 30 Tagen Jahresurlaub. Es war und ist immer wieder schön, für euch zu schreiben. Ich habe viel gelernt und meine Schreibe ist spürbar besser geworden, aber dennoch war es ein ganzes Jahr unbezahlter Arbeit. Das kann so nicht weitergehen. Versteht ihr doch, oder?

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Willkommen im Grouponismus!

Geschrieben von Johannis am 20. Juni 2011 um 09:41 Uhr

Neulich war ich im Neandertal. Zufällig. Es liegt auf halber Strecke zwischen Dortmund und Erkelenz und bot sich daher als neutraler Treffpunkt für die Erstbegegnung mit einer Dame an. Wir gingen im pfingsttrubeligen Naturschutzgebiet spazieren und sahen drei Wisente, die europäische Version des amerikanischen Büffels. Tatonka – ihr erinnert euch, Der mit dem Wolf tanzt? Egal, mehr wird über das Blind-Date nicht verraten.

Waren die Steinzeitmenschen wohl auch schon Schnäppchenjäger? Säbelten sie Mammutsteaks lieber aus der Keule eines altersschwachen, blinden Tieres, das versehentlich in eine Schlucht und den Tod gestürzt war, und wegen Überschreitung des Mindesthaltbarkeitsdatums schon etwas streng roch, anstatt sich Speere werfend mit quicklebendig-frischfleischigen aber auch extrem wehrhaften Zotteltieren im besten Mammutalter anzulegen? Gab es bei den Neandertalern schon Gammelfleisch, und wenn ja, wer informierte über den Skandal? Zeitung, Radio und Fernsehen waren damals bekanntlich noch nicht erfunden, und auch jemand wie unsere von mir kürzlich fies geschmähte Verbraucherschutzministerin gab es noch nicht.

Übrigens, wenn ich so drüber nachdenke – Ilse Aigner im Bärenfellkostüm und nix drunter, da könnte ich meine Aversion gegen diese Frau vielleicht doch überwinden. Ihr eins mit der Keule überbraten, sie dann an den Haaren in die Höhle schleifen und der üppigen Ilse dortselbst nach Neandertalerart beiwohnen, das wäre eigentlich keine schlechte Idee, oder? (Huch. Überall im Land höre ich wutentbrannte Schreie emanzipierter Frauen: „Neulich wollte der Holocaustverniedlicher sie ins Bio-Gas schicken, jetzt faselt er von sexueller Gewalt, dieser primitive Wüstling! Entmannt ihn endlich!“). Aber nein, die Hochkultur im Neandertal blühte lange vor der Erfindung des Duschgels, und zusätzlich zu dem penetrant bayerischen Akzent auch noch penetrante Gerüche – das könnte ich auch mit einem kritisch erhöhten Testosteronspiegel nicht durchstehen. (Diesen komplett überflüssigen Absatz widme ich übrigens wieder meinem Leser Wolf, der kürzlich völlig zurecht das dramatische Sinken des Niveaus hier im Blog beklagte. Geht’s noch tiefer, wird er sich jetzt wohl fragen.)

Nun zum Thema. Ihr habt sicher schon von Groupon gehört, oder? Slogan: „Das Leben ist ein Abenteuer.“ („Geiz ist geil“ war als Spruch schon weg. Eingemottet. Die Schwachköpfe von Saturn werben jetzt mit „Geil ist geil“ um Idioten, die ihre inflations- und finanzkrisengefährdeten Euros schnellstmöglich loswerden wollen. Wann kommt endlich „Blau ist blau“ als Werbebotschaft?) Worin das grouponische Abenteuer besteht? In der Schnäppchenjagd. Man meldet sich kostenlos an und bekommt dann täglich eine Mail mit Rabattangeboten für Städte, die einen shoppingtechnisch brennend interessieren. Das aktuelle Angebot ist immer nur einen Tag gültig, der Gutschein muss gleich vorab bei Groupon bezahlt werden. (Cashflowmäßig sehr clever, so kommt reichlich Geld aufs Konto. Die Händler werden erst bezahlt, wenn Gutscheine eingelöst wurden.) Dergestalt beglückte Kunden können sich dann später künstlich überteuerte Schuhe (Made in China) statt für 50 € zum Preis von nur 15 Euro kaufen. Falls deine Größe verfügbar ist und dir irgendwas aus dem preisreduzierten Sortiment des Schuhgeschäfts gefällt. Alternativ kaufst du Gutscheine für eine Ganzkörpermassage (nur fast der ganze Körper, hoffe ich doch – bitte nicht schon wieder dieses Abgleiten ins Schlüpfrige!), die leckersten belegten Baguettes der Stadt oder ein Frühstück für nur 5 €, verbilligte Haarverlängerungen oder eine Stunde Bowling für zwei Personen mit Pizza nach Wahl (gültig bis 31.8.2010, nur montags ab 17 Uhr, nicht vor und an Feiertagen). Gefunden hab ich Letzteres unter Verpasste Deals Dortmund, verkauft wurde das Bowling-Angebot 127 Mal.

Meist bekommt der Kunde 50 % Rabatt auf den Normalpreis, manchmal sogar mehr. Dafür kauft sie oder er fast ausschließlich Dinge, die man/frau schon immer haben wollte und garantiert nicht benötigt. („Wir kaufen Zeug, das wir nicht brauchen, mit Geld, das wir nicht haben, um Leute zu beeindrucken, die wir nicht mögen.“ Las ich mal im Büro eines Freundes. Er ist Schuldnerberater.) Besonders angesagt sind All-you-can-eat-Deals und verbilligte Frühstücksgutscheine. Groupon, ursprünglich eine amerikanische Erfindung (na, wer ist jetzt nicht völlig platt vor Überraschung?), wurde durch das segensreiche Wirken der Gebrüder Samwer auch in Deutschland immens populär. Oliver, Marc und Alexander Samwer sind Bayern, was an sich schon ein triftiger Grund für gesteigertes Misstrauen ist. Aber besonders weil sie dafür sorgten, dass Groupon täglich nicht nur 40 Millionen Amis, sondern mittlerweile auch 4 Millionen Deutsche zu sinnlosen Impulskäufen verführt, wünsche ich den Samwers einen besonders unbequemen und glutheißen Platz in der Hölle. Dies auch aus Neid und Missgunst, denn da sie die digitale Schnäppchenjagd mit 3000 Mitarbeitern flugs in 40 Ländern etablierten, werden die Bayernbuben beim bevorstehenden Börsengang von Groupon zu Dollarmilliardären. Shop until you drop – Einkaufen bis zum Herzstillstand. Genau darauf hat dieser geschundene Planet gewartet. Gebt Gas, Leute! Noch ist Geld da, aber das Weltfinanzkrisenmonster lauert schon auf euch.

Neuerdings denke ich drüber nach, ob ich nicht mal ein Buch von Karl Marx lesen sollte. Das mit dem Kapitalismus hat doch irgendwie keine Zukunft. Ich, im Grunde meines Herzens dämlich und gutgläubig (im Sinne von an-das-Gute-im-Menschen-glaubend), hatte übrigens bis vor ein paar Tagen noch nie von Groupon gehört. (Konsumfeind, Wachstumsbremse, Schmarotzer, Staatsfeind – solcherlei höre ich jetzt die Leser murren, während sich geliftete Hautpartien unter Frisuren mit preiswert erworbenen Echthaarverlängerungen zu Fratzen unaussprechlichen Ekels verzerren. Nein – war ein Scherz, solche LeserInnen habe ich gar nicht.) Ich besitze keine Payback-Karte, bin ein erklärter Gegner der Schnäppchenjagd und störe das nationale Wirtschaftswachstum durch mein stures Binnennachfragesteigerungsverweigerungsverhalten. Ich bin zum Glück nur einer von wenigen Umsatzbremsern und hoffe, dass 4 Millionen Grouponkunden mein bedauerliches Fehlverhalten durch zusätzliche Freiwilligeneinsätze an der Shoppingfront wettmachen werden. Meine Kenntnisse über die Gebrüder Samwer und ihre cleveren Deals (sie haben sich nämlich schon früh auf das Kopieren erfolgreicher Geschäftsmodelle verlegt, sind sozusagen bayerische Chinesen) entstammen einem ausgesprochen lesenswerten Artikel aus dem Wirtschaftsteil der ZEIT. Er ist hier verlinkt, trägt die Überschrift Alles für die Hälfte, und hat meinem eh schon schwer angeschlagenen Weltbild einen weiteren Knacks verpasst.

Was euch aber nicht kümmern muss, weil ihr vielleicht gerade mit einem Gutschein auf dem Weg zum All-you-can-eat-Buffet seid. Groupon leistet einen wichtigen Beitrag zur längst überfälligen Ausrottung der Menschheit. Schließlich löst Fettleibigkeit laut WHO gerade die Unterernährung als weltweite Todesursache Nummer eins ab. Dicke sterben früher und ziehen vorher dicke Kinder groß, dicke Kinder kriegen Diabetes und sterben noch früher als ihre Eltern – wenn wir weiter so fressen, sinken die globalen Bevölkerungszahlen bald und wir werden uns nie gemeinsam mit neun oder zehn Milliarden unsympathischen Mitmenschen auf diesem Planeten drängeln müssen. Danke, Groupon!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

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Bruttoregistertonnen

Geschrieben von Johannis am 16. Juni 2011 um 09:18 Uhr

Ich bin mir fremd geworden. Im Bad klebt jetzt ein altes Foto auf dem Spiegel, in Postergröße, damit ich mich morgens nicht so erschrecke. Ja, beim Rasieren stört es, aber man kann eben nicht alles haben. Zum Glück rasiere ich mich elektrisch, sonst hätte ich mir wohl schon versehentlich die Halsschlagadern durchgesäbelt. Was sich denn so dramatisch geändert hat, wollt ihr wissen? Eigentlich nicht viel, zumindest auf den ersten Blick nix. Gewicht und Größe wie gehabt, wenig Haare mit starker Tendenz ins Graue, ein paar neue Altersflecken, die aber nach Auskunft des Hautarztes ungefährlich sind. Die Veränderung spielt sich innerlich ab, unter der Oberfläche gärt und brodelt es, irgendwas will heraus. Ich müsste eigentlich wie Mr. Hyde aus meiner altvertrauten Hülle platzen und als Monster über die Straßen, Plätze und Dächer dieser langweiligen Ruhrgebietsstadt toben. Dr. Jekyll hatte ja diesen Zaubertrank, so etwas fehlt mir. Zeitweise habe ich es mit Rioja Reserva oder einem guten Chardonnay versucht. Die Verwandlung in ein muskelstrotzendes Monstrum klappte aber nicht, nur am Bauch wurden die Hemden etwas enger.

Ein bisschen fühle ich mich wie kurz vor meinem fünfzigsten Geburtstag, aber das ist bald drei Jahre her. So ein unheimliches Gefühl, eine Bedrohung, die unaufhaltsam näher rückt. Tickende Zeitbombe. Könnte es tatsächlich nur der 500ste Beitrag sein, den ich schon bald an dieser Stelle einer überschaubaren Leserschaft zum Besten geben werde? Wie oft im Leben kommt die Midlife-Crisis? Was kommt danach? Gibt es ein Schreiben nach dem 500sten Blog-Text? Und wenn ja, worüber soll ich mich verbreiten? Ist nicht längst alles gesagt, lohnen sich weitere Wiederholungen wirklich? Doch wohl kaum.

Es heißt ja, dass jeder Künstler nur ein Thema hat, das er ständig variiert. Man malt immer das gleiche Bild, singt dasselbe Lied, schreibt eine Abwandlung jener Geschichte, die man schon sein ganzes Leben lang erzählt. Gut, das mag eine etwas vergröberte Darstellung des Künstlerdaseins sein, aber es ist schon etwas dran. Ich schreibe fast immer über Bruttoregistertonnen. Viele werden diesen Begriff nicht mehr kennen oder unsicher sein, worum es dabei geht. Eine Bruttoregistertonne ist ein veraltetes Raummaß für Handelsschiffe und beträgt 2,8316846592 Kubikmeter oder gut 2831 Liter. Hohlraum wohlgemerkt. Es geht, und jetzt wird endlich die Verbindung zu meinem Lieblingsthema deutlich, um Verdrängung. Ein Schiff ist meist aus Stahl (Sonderfälle aus Holz, Beton, Aluminium und Kunststoff ignoriere ich ausnahmsweise) und innen überwiegend hohl. Schwimmend verdrängt es Wasser, so entsteht Auftrieb, den man dann zur Beförderung von Lasten nutzen kann. Aber darum geht es nicht, sondern um den modernen Menschen.

Der ist innen auch hohl, zumindest im übertragenen Sinne. Wie viele Bruttoregistertonnen ein Mensch hat, hängt entscheidend von seiner Intelligenz und Sensibilität ab. Je besser jemand verdrängen kann, desto mehr Bruttoregistertonnen hat er oder sie. Mit zunehmender Informationsfülle und dem erleichterten Zugang zu elektronischen Medien ist auch die Verdrängung gestiegen. Der Durchschnittsmensch hat also heute mehr Bruttoregistertonnen als vor fünfzig Jahren. (Nein, nicht wegen des weltweiten Trends zur Fettleibigkeit.) Muss er auch, sonst würde er entweder wahnsinnig oder Revolutionär. Ersatzweise Amokläufer oder Bungeejumper, nur ohne Seil. Wer sich nicht lobotomisieren lässt, keine Drogen nimmt oder säuft wie ein Loch, und sich den Gang der Welt dennoch in heiterer Gelassenheit anschauen kann, ist in meinen Augen ein medizinisches Wunder. Gut, Shopping hilft, Computerspiele helfen, regelmäßiger Sex hilft, viel Zeit vor der Glotze kann helfen, wenn man seriöse Nachrichtensendungen und neuere Dokumentationen strikt meidet und sich auf Seifenopern oder Telenovelas konzentriert. Manche Leute lesen ja auch noch, Bücher meine ich. Liebesromane und Krimis sind gut, sie lenken ab, steigern das individuelle Raummaß und somit die Verdrängungsfähigkeit. Aber das wollt ihr alles gar nicht wissen, sondern endlich erfahren, ob heute noch irgendetwas Unterhaltsames kommt. Eher nicht. Sorry.

Höchstens die Geschichte mit Anthony Weiner. Der sitzt als Abgeordneter der Demokraten im US-Repräsentantenhauses und ist von seinem Pimmel ziemlich beeindruckt. Deshalb hat er Fotos seiner ausgebeulten Unterhose an eine Internetbekanntschaft getwittert, ihr angeblich sogar ein Bild seines besten Stücks in unverhüllter Hochform geschickt. Und ähnlich wie Thessa aus Hamburg-Bramfeld, die neulich die halbe Welt via Facebook zu ihrem Geburtstag einlud, machte auch Weiner einen Fehlklick und somit die kompromittierenden Bilder einer erweiterten Öffentlichkeit sichtbar. Um genau zu sein, er schickte es seiner gesamten Twitter-Gemeinde. Gut 80.000 Follower. Shit happens.

Lustig sind vor allem die Wortspiele, die sich bei diesem Fall geradezu aufdrängen. (Und an dieser Stelle entschuldige ich mich bei Leser Wolf. Er beklagte sich letzte Woche, ich ließe mich gehen und diesen Blog in die unterleibsbetonte Schmuddelecke treiben. Ja, so bin ich eben. Ausgebrannt. Und trotzdem scharf auf steigende Leserzahlen. Sex sells.) Der Nachname von Mr. Weiner wird Wiener ausgesprochen, und ein wiener ist in den USA nicht nur ein Würstchen, sondern auch das amerikanische Wort für Pimmel. Ein weiner hingegen ist ein Schlappschwanz, ein Waschlappen. Und wegen des Bilds von seinem boner (von bone für Knochen, umgangssprachlich würde man bei uns wohl Latte dazu sagen) in der schicken grauen Doppelrippunterhose, musste Anthony Weiner ganz dolle weinen. Bei seiner öffentlichen TV-Entschuldigung. Er verdrückte reichlich Tränen und hofft jetzt, dass man ihm verzeiht. Seine Frau ist übrigens schwanger, sie fand sie Sache wohl nicht sehr witzig. Schließlich schickte der mausgesichtige Volksvertreter, Alter 46 Jahre, sein Bonerbild an eine 21-jährige Studentin. Tja, so sind wir Männer. Denken immer nur an das eine, hecheln den jungen Dingern hinterher, haben uns nicht im Griff, und moderne Technik überfordert uns. Das ist die nackte Wahrheit, es gibt bloß keiner zu.

Die gute alte Zeit der Bruttoregistertonne kommt nicht wieder. Ich ging in die fünfte Klasse, als sie 1969 ausgemustert wurde, und damals war die Welt noch weitgehend in Ordnung. Wir schliddern gerade in die zweite Weltfinanzkrise seit 2008, am Polarkreis waren es letzte Woche 30 Grad und China weiht jede Woche zwei neue Kohlekraftwerke ein. Aber ich will nicht wieder von meinem Lieblingsthema anfangen, das verdränge ich jetzt mal.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Ein weiser und gerechter König

Geschrieben von Johannis am 13. Juni 2011 um 09:55 Uhr

Warum wurde Barack Obama bis heute nicht erschossen? Weil er nicht radikal genug ist und kaum eins seiner Wahlkampfversprechen tatsächlich umgesetzt hat. Immer noch 40.000 US-Soldaten im Irak, in Afghanistan kein Ende abzusehen, Guantanamo ist weiterhin offen und wird es bleiben. Wenn die Navy Seals den unbewaffneten Osama bin Laden neulich nicht erschossen und seinen durchlöcherten Kadaver von einem Flugzeugträger ins Meer geschmissen hätten, wäre der eitle Obertaliban heute wohl der prominenteste Bewohner in Guantanamo, dem kubanischen Feriencamp für falsche und echte Terroristen. Der jetzige Präsident der USA ist zwar Demokrat und ein bisschen schwarz, aber offenbar nicht gefährlich genug, damit ihm die Republikaner Attentäter auf den Hals hetzen, wie damals den Kennedys. Und das ist gut so, denn täglich wird weltweit überreichlich Blut vergossen. Trotzdem bin ich, wie viele Weltbürger auch, enttäuscht von der Politik des einstigen Hoffnungsträgers. Obama ist zwar kein amerikanischer Guttenberg, aber Ähnlichkeiten mit dem Messias sind nicht zu erkennen. Ich weiß nicht mal, ob man sich seine Wiederwahl am 06. November 2012 wünschen soll. Gut, Sarah Palin als Amtsnachfolgerin wäre ein Grund sich zu vergiften und dann von einem Hochhaus zu springen. Aber vielleicht sind die USA nächstes Jahr längst bankrott und Barack Obama gehört, wie die Staatsoberhäupter von Griechenland, Irland und anderen Pleitestaaten, zu jenen politischen Schmuddelkindern, mit denen keiner mehr spielen will. Doch ich schweife wieder einmal ab.

Vor zwanzig Jahren bin ich quer durch die USA gereist, war dabei fast vier Monate unterwegs und habe auch die Ebenezer Baptist Church in Atlanta besucht. Das ist die Kirche, in der Martin Luther King jr. als Pastor dem Vorbild seines Vaters folgte, welcher dort 44 lange Jahre als Prediger der Gemeinde diente. Martin Luther King jr. war, verglichen mit Barack Obama, erheblich radikaler in seinen berechtigten Forderungen, und wurde daher folgerichtig erschossen, wie es Menschenrechtlern in vielen Teilen dieser Welt leider auch heute noch oftmals widerfährt. King gehört neben Mahatma Gandhi, Nelson Mandela und dem Dalai Lama zu meinen Vorbildern, er ist unbestritten eine Ikone der Neuzeit. Der Gottesdienst in der Ebenezer Baptist Church an einem kalten Sonntag im April des Jahres 1991 zählt zu den mitreißendsten Erlebnissen meiner USA-Reise, und ich bin bekanntlich ein Gottloser der allerschlimmsten Sorte. Eine große Kirche, bis zum letzten Platz gefüllt mit Baptisten, alle herausgeputzt im feinen Sonntagsstaat, weit über tausend Menschen, die singen und klatschen, weinen und lachen, ihren Glauben feiern und dabei freudig den Herrgott preisen – das war eine wahrhaft bewegende Erfahrung, die ich nicht missen möchte.

Neulich durfte die Weltöffentlichkeit an einer anderen Feierlichkeit teilhaben, der Hochzeit von Prinz William und seiner Catherine. Die beiden machen zusammen wirklich einen sympathischen Eindruck, und die hübsche Kate würde ich keinesfalls von der Bettkante geschubst haben, falls sie denn partout eine Verbindung mit einem deutlich älteren Bürgerlichen von der falschen Seite des Kanals gewollt hätte. Doch das Thema ist nun durch, und ich beneide die beiden nicht um ihr Leben als Royals. Viele Deutsche beneiden hingegen die Briten offenbar um ihr Königshaus, sie wünschen sich mehr Glanz und Gloria, ein Staatsoberhaupt, zu dem sie aufschauen können, ein vertrauenswürdiges Idol. Verständlich, spätestens seit Karl-Theodor von und zu Guttenberg, diese Lichtgestalt der Wertkonservativen, Anständigen und geistig Armen, sich als übelste Mogelpackung entpuppt hat. Die Leute wünschen sich einen weisen und gerechten König, und man kann es ihnen nicht verübeln.

Auf einem Dating-Forum, das ich gelegentlich besuche (ja, dieser Mann ist tatsächlich noch zu haben, und du musst nicht unbedingt so hübsch und knackig sein wie Kate Middleton, neuerdings Catherine Mountbatten-Windsor, Duchess of Cambridge, um ihn zu ergattern), kann man sein Profil mit drei Fragen ergänzen, die potentielle KandidatInnen beantworten sollen. Eine Dame schrieb dort: „Wenn eine Fee dir nur einen einzigen Wunsch erfüllen würde, wüsstest du, worum du bitten willst?“ Klar, hab ich gedacht, das ist kinderleicht. Ich würde von der Fee verlangen, dass ab sofort all meine Wünsche in Erfüllung gehen. Nein, ich habe mit der betreffenden Dame keinen Kontakt aufgenommen, ihr brennender Kinderwunsch ist nur eins von vielen Hindernissen für eine glückliche Verbindung mit einem zeugungsunwilligen, schrulligen alten Sack wie mir. Aber die Nummer mit der Fee wäre nett, obwohl auch großzügige Feen vielleicht sauer reagieren, wenn man zu unverschämt ist. Hat von euch jemand diesbezüglich einschlägige Erfahrungen?

Manchmal stelle ich mir vor, ich wäre durch eine schicksalhafte Verkettung unglücklicher Umstände dieser weise und gerechte König, nach dem das Volk sich heimlich sehnt. Und, anders als Betty vom Buckingham Palace, ich hätte auch was zu sagen. Meine Macht wäre unbegrenzt, was ich anordne passiert auch, und zwar pronto. Ja, dann stünden Mutti Merkel, Guido Grinsebacke und dem Hetzer Horst schwere Zeiten bevor. Aber für mich wäre es auch kein Zuckerschlecken, denn nachdem ich die Demokratie abgeschafft und alle unfähigen Politiker bei radikal gekürzten Pensionsbezügen aufs Altenteil geschickt hätte, müsste ich fast allein regieren. So eine Art deutscher Erdoğan, nur ohne Alibiparlament. Nichts gegen das Volk an sich – aber einfach stelle ich mir es mit euch nicht vor. Dabei rekrutiert sich meine persönliche Leserschaft ja bereits aus der Intelligenzija und jener hauchdünnen Gesellschaftsschicht, die Kritikfähigkeit und Aufklärung bereits mit der Muttermilch eingesogen hat. Trotzdem werdet ihr ziemlich schnell die Schnauze voll haben, wenn ich erstmal die Privatsender abgeschaltet habe, Billigflieger verbiete, den Spritpreis auf 3 Euro (Diesel kostet 3,50 € pro Liter) anhebe und ihr im Supermarkt drei Viertel eurer schädlichen oder komplett überflüssigen Lieblingsprodukte nicht mehr im Regal findet. Das nur als klitzekleine Auswahl der dringlichsten Sofortmaßnahmen. Erwähnte ich das bundesweite Tempolimit auf Autobahnen? Wird euch auch nicht gefallen. Und dann diese nervigen Radioansprachen jeden Abend – wie bei Fidel Castro, als er noch konnte.

Vielleicht lasse ich sogar für eine gewisse Zeit nur noch einen Fernseh-Sender ausstrahlen, das KING-TV. Und dort gibt es dann Dokumentationen über Umweltzerstörung, Klimawandel, Massentierhaltung und Artensterben im steten Wechsel mit meinen Predigten. Was denn, was denn – ich höre jetzt schon empörtes Murren? Hugo Chávez spricht jeden Sonntag sechs Stunden live zu seinem Volk, auf Canal Ocho. Aló, Presidente heißt die Sendung, von der schon 380 Folgen ausgestrahlt wurden. Seid also froh, wenn ich es etwas langsamer angehen lasse als der Präsident von Venezuela, und euch nicht das halbe Wochenende volltexte. Selbstverständlich bei Grillverbot und Anwesenheitspflicht im Wohnzimmer. Mitarbeiter des BND und Verfassungsschützer würden stichpunktartig kontrollieren, ob ihr wirklich KING-TV eingeschaltet habt und nicht etwa ein Nickerchen auf dem Sofa macht. Ja, ich weiß, Vernunft kann man den Leuten nicht in den Schädel hämmern, aber einen Versuch wäre es trotzdem wert.

Ab und zu würde ich auch gute Spielfilme senden lassen, zur Unterhaltung und Inspiration. Aber die meiste Zeit ginge es um die Umerziehung der Lemminge, sozusagen ein Training zur Förderung der Höhenangst kombiniert mit mentalem Schwimmunterricht. Wird nichts bringen, meint ihr – die Menschheit wird sich dennoch bald selbst ausrotten? Wahrscheinlich liegt ihr damit richtig. Und damit das klappt, auch im Sinne der freien Marktwirtschaft und zum Segen der Globalisierung, wird dem weisen und gerechten König ruckzuck ein Killerkommando auf den Hals gehetzt. Gemeinsam finanziert von Ryan Air, e.on und RWE, der deutschen Autoindustrie, Coca Cola und McDonalds – um nur die wichtigsten Sponsoren für das Attentat zu nennen. Vielleicht setzen sie auch ein Kopfgeld auf mich aus, mindestens 50 Millionen €. Mir wär’s recht. Lieber für eine gerechte Sache sterben, als ewig im Chor der Verlogenen mitzusingen. Sein Ekel vor der Verlogenheit der deutschen Politik war übrigens der Hauptgrund für den überraschenden Rücktritt unseres letzten Bundespräsidenten, wie Horst Köhler neulich Journalisten der ZEIT verriet. Aber das ist eine andere Geschichte.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Schickt Ilse Aigner ins Bio-Gas!

Geschrieben von Johannis am 9. Juni 2011 um 09:25 Uhr

Ich hab’s getan. Tomaten und Salat gegessen, roh. Immer wieder, seit Wochen schon. Mein Todestrieb wird nur von der Spottlust übertroffen, weshalb ich nun auch noch meinen letzten guten Vorsatz breche und über EHEC schreibe. Ja, auch ich bin ein Hype-Anheizer. Grässlich, wie dieser Killerkeim unsere Republik in seinen mordlustigen Krallen hat und die Menschen sterben lässt wie weiland die Beulenpest. Schon 26 Tote, in nur vier Wochen. Unvorstellbar grauenhaft! Und die Deutschen, in ihrer Hilflosigkeit, haben die Ernährung komplett auf Schokolade, Erdnussflips, Bratwurst, Pommes und Chicken McNuggets umgestellt. The German Angst geht um, jeder könnte als nächster in die Grube fahren. Sargtischler arbeiten Tag und Nacht, Eichenfurnier wird bereits knapp, Messingbeschläge sind kaum noch bezahlbar.

Gut, man könnte nun anmerken, dass im Schnitt seit Ausbruch der Epidemie pro Tag nur ein Mensch an EHEC gestorben ist, aber täglich 165 Deutsche an den Folgen ihrer Fettleibigkeit krepieren. Außerdem sterben drei MitbürgerInnen an Magersucht, aber diese Statistik ist nun wohl hinfällig, seit das Volk seine Ernährungsgewohnheiten so radikal ändern musste. Wenn Ilse Aigner und Daniel Bahr diese neue Geißel der Menschheit nicht bald in Griff bekommen und die Opferzahlen weiter stetig steigen, werden am Jahresende fast so viele Deutsche an EHEC gestorben sein wie an AIDS. Okay, AIDS ist kaum noch Thema, aber EHEC klingt auch viel gemeiner. Richtig heimtückisch, etwas, das nur der Satan ausgeheckt haben kann. In AIDS steckt immerhin das englische Wort für Hilfe, aid. Halb so wild also. Aber EHEC bringt uns alle um, bei ungebremstem Krankheitsverlauf wird schon im April des Jahres 232.348 nach Christus der letzte Deutsche ins bakterienverseuchte Gras gebissen haben. Sarrazin lag also völlig richtig, nur anders als er dachte. Nicht die integrationsresistenten Muslime, sondern ein Keim vom Stamme Escherichia coli rottet die Germanen aus. Tragisch!

Okay, wenn ich jetzt mit akutem Nierenversagen auf einer Intensivstation liegen würde, blieb mir der Spott sicher im Hals stecken, weil dort ja schon der Plastiktubus für die künstliche Beatmung säße. Aber die Frage, ob wir es mit der EHEC-Panik vielleicht ein winziges bisschen übertreiben, muss dennoch erlaubt sein. Ein Freund wurde gestern an der Supermarktkasse vom Kunden hinter ihm mit dem Worten „Na, Sie sind aber mutig!“ angesprochen. Nein, in seinem Einkaufswagen ringelte sich keine quicklebendige Königskobra neben einem Sechserpack angerosteter Eierhandgranaten aus Beständen der Roten Armee (Mindesthaltbarkeitsdatum 03/1989) und einem angetauten japanischen Kugelfisch, ergänzt von einem schlampig übersetzten Handbuch „Kugefish-Suschi fül Anfängel“ – dort lagen neben Käse, Wurst und Brot eine Salatgurke, drei Paprika, einige Tomaten und ein Kopfsalat. Ich kann nur hoffen, dass er mich in seinem Testament entsprechend all der Wohltaten, die ich ihm in den vergangenen Jahren widerfahren ließ, recht großzügig bedacht hat.

Ja, die Überschrift ist mal wieder ziemlich grenzwertig. Als Deutscher sollte man tunlichst nicht über ins-Gas-schicken schreiben. Oder damit noch ein paar Jahrhunderte warten, bis der leidige Holocaust in Vergessenheit geraten ist. Aber unsere Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin, gelernte Radio- und Fernsehtechnikerin, beeindruckte mich bisher nur durch ihre Vollbusigkeit, nie durch Sachkenntnis oder kompetentes Krisenmanagement. Gemeinsam mit Daniel Bahr, einer der drei Hoffnungsträger aus der FDP-Boygroup und neuerdings Gesundheitsminister, (lieber würde ich Karim, meinem kurdischen Kioskinhaber, die Leitung der europäischen Zentralbank anvertrauen als diesem Bahr-Bubi das Gesundheitsministerium) hat Ilse Aigner es geschafft, dass uns nun die ganze Welt hasst. Die Spanier, weil wir das von illegalen Immigranten unter Plastik angebaute und pestizidverseuchte Gemüse nicht mehr wollen, während in Almeria die Müllkippen überquellen. Die Skandinavier kaufen unseren leckeren Ruccola nicht mehr, weshalb das Grünzeug von stinksauren Bauern jetzt auf dem heimischen Acker untergepflügt wird. Sogar die Russen haben Einfuhrverbote für alle deutschen Gemüse erlassen. Pfui! Und die anderen hassen uns, weil wir reich und großkotzig sind, Socken zu Sandalen tragen, weil wir unsere teuren Bomben horten, statt sie in Libyen abzuwerfen, oder weil man Deutsche eben noch nie mochte. Verständlich.

Apropos Einfuhrverbot. Wie geht eigentlich die Pornobranche mit den EHEC-verseuchten Gurken um? Das Einführen von Salatgurken in dafür nicht vorgesehene Körperöffnungen gehört seit etlichen Jahren zum Standardrepertoire und wurde vielfach verfilmt. Zartbesaitete Leser klicken jetzt bitte nicht auf den folgenden Link, obwohl ich sie beruhigen kann. Die junge Dame in dem Porno-Video hat der Gurke ein Präservativ übergestreift, sie ist also vor Ansteckung sicher und die Gurke kann nach Abschluss der Dreharbeiten problemlos noch eine Nebenrolle im Catering spielen. Scheibchenweise.

Noch einmal zurück zur Überschrift, sie ist nämlich ein gut gemeinter Tipp. Die Sendung Report Mainz wies am Montag darauf hin, dass der neue Erreger aus einer Biogas-Anlage stammen könnte. Dort wird Hühnerkacke, Schweinegülle und Kuhmist mit Wasser verquirlt und darf dann bei etwa 35 Grad solange Methangas produzieren, bis die Suppe nach ein paar Tagen aufhört zu blubbern. Der verbleibende Schlamm wird danach als Dünger ausgebracht, auch und gerade auf die Felder von Biobauern, weil er ja organisch ist. Obwohl Ilse, Daniel und das Robert-Koch-Institut bei der Suche nach der Herkunft des EHEC-Keims fast soviel Talent zeigen wie Panzernashörner beim Gleitflug, wurde immerhin klar, dass der neue Erreger sein Erbgut aus verschiedenen Coli-Keimen zusammengepuzzelt hat. Vielleicht im Gülle-Mix einer Biogas-Anlage, bei kuschelig warmen Temperaturen und unter stetem Rühren? Wäre doch nicht vollkommen undenkbar. Übrigens darf man in Deutschland immer noch Klärschlamm als Dünger auf Äcker ausbringen, obwohl die Feststoffe aus unseren städtischen Abwasseraufbereitungsanlagen Schwermetalle, Hormone, Antibiotika und all die anderen Leckereien enthalten, die wir so durchs Klo runterspülen. Mahlzeit!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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