Blind, blond oder blöd?
Geschrieben von Johannis am 30. Mai 2011 um 09:19 Uhr
Sitzen drei Blondinen in einer Eiche, vier Meter überm Boden auf einem oberschenkeldicken Ast. Zwei von ihnen hocken einander gegenüber und quälen sich mit der Säge ab, die dritte sitzt mit einer Pumpgun etwas abseits auf demselben Ast und hält Wache, falls tollwütige Eichhörnchen angreifen. Die schwere Bügelsäge verklemmt sich immer wieder, es wird reichlich gejammert und gestöhnt. Als die beiden mal kurz verschnaufen, kommt eine Brunette vorbeispaziert. Sie wirft einen Blick nach oben und sagt: „Mädels, wenn ihr so weitermacht, fallt ihr bald heftig auf den Hintern.“ Die Blondine mit der Pumpgun zickt von oben herunter: „Pah, woher willst du denn das wissen? Hau bloß ab, blöde Schnepfe!“ Die Brunette lächelt milde und geht ihres Weges, die Mädels sägen weiter an dem Ast, auf dem sie sitzen, und stürzen schließlich ins Brombeergebüsch. Nach einer Weile, die drei sitzen noch mit Schrammen und blauen Flecken im Gras, taucht die Brunette wieder auf. „Kuck mal“ zischt eins der gefallenen Mädchen, „da kommt wieder die Hellseherin!“
Weshalb ich euch heute einen Blondinenwitz serviere, ob mir nix Besseres einfällt? Was denn mit jenen Leserinnen sei, denen Genetik oder Kosmetik zu goldblondem Haar verholfen hat, die aber weder blöd noch naiv sind? Ob ich die beleidigen wolle, weil ich schlechte Laune, keine Frau im Bett und selbst eine Glatze habe? Nein, nichts von allem. Der dämliche Witz ist eine Metapher und es geht ums Hellsehen. Um Weitsicht, Zukunft und Vorhersehbares, um Ursache und Wirkung, und somit um mein leidiges Lieblingsthema. Rantasten möchte ich mich über vermeintlich wundervolle Nachrichten, denn die deutsche Wirtschaft boomt. 2,6 Prozent Wachstum waren uns für dieses Jahr vorausgesagt, nun werden es wohl vier Prozent oder noch mehr. Seit dem Wiedervereinigungsboom ging es uns noch nie so gut wie jetzt. Und das Schönste: Nicht nur der starke Export, für den wir ja berühmt und bei manchen Nachbarn recht unbeliebt sind, ist Motor des Aufschwungs, sondern auch Investitionen und Binnennachfrage legen kräftig zu. Deutsche Unternehmer kaufen Maschinen und schaffen neue Arbeitsplätze, mehr deutsche Arbeitnehmer haben Jobs, geben mehr Geld aus und kaufen sich mehr Dinge, die sie zwar nur in den seltensten Fällen brauchen, aber unbedingt haben wollen. Wirtschaftswachstum – wunderbar, was will man mehr?
Vielleicht einen unfehlbaren Hellseher in jedem Parlament und auch im Beraterstab aller Diktatoren, oder ein allwissendes Orakel, dessen Weissagungen jedermann und jedefrau zuverlässig befolgt. So wie Krake Paul – nur nicht für Fußballergebnisse zuständig, sondern für globale Themen und dazu am besten unsterblich. Paul hatte zwar immer recht, ging aber viel zu früh in die ewigen Fischgründe ein. Ich wünsche mir eine weltweit anerkannte Institution, ähnlich wie das Orakel von Delphi oder die ägyptische Sphinx, nur moderner. Sozusagen eine Mischung aus CNN, Amnesty International und WikiLeaks, und das Ganze dann eben für globale Zukunftsfragen. Zu kompliziert, ob ich nicht noch einen halbwegs lustigen Blondinenwitz weiß? Ja, der passt aber nicht zum Thema. Also gut, ihr zwingt mich dazu – dann eben die nackte Wahrheit, hässlich, haarig und ungeschminkt.
Wir brauchen weder Hellseher noch Kaffeesatzleser, denn unsere Zukunft steht in großen Lettern an jede Wand geschrieben. Nix mene mene tekel u-parsin, da steht einfach nur UNTERGANG. Ende, vergeigt, zu blöd gewesen, vor die Wand gefahren, abgekackt, out, over, finito, Schluss mit lustig. Woher ich das weiß? Weil Blondinen, die im Baum sitzend ihre Äste absägen, der universellen Schwerkraft unterliegen. Weil, um es anders auszudrücken, eine stetig wachsende Menschheit aus einem Planeten mit begrenzten Ressourcen kein immerwährendes Schlaraffenland machen kann, wenn überall ständig mehr produziert, konsumiert und verschwendet wird. Ein Drittweltdörfler kann wohl einmal im Vollrausch in jenen Teich pinkeln, aus dem alle ihr Wasser schöpfen, das darf aber nicht oft passieren. Unsere Industrien stellen milliardenfach Dinge her, welche schon bei ihrer Produktion Dreck, Abraum, Gift und schwere Umweltschäden verursachen. Die meisten dieser Dinge werfen wir aber nach erschreckend kurzer Zeit in den Müll. Und wir leben mitten in diesem Müll, er ist nur einigermaßen gut versteckt. Zum Beispiel in der Dritten Welt, als Exportgut deklariert. Giftmüll kann man in Somalia für Beträge entsorgen, die wir hier am Recyclinghof für Gartenabfälle zahlen müssen. Wir Erstweltbürger pissen also ständig in den Teich, aus dem alle ihr Trinkwasser schöpfen.
Unser Weltwirtschaftssystem, gebrechlich wie eine demenzkranke Hundertjährige, funktioniert nur, solange es Wachstum gibt. Mehr Produktion, mehr Konsum, mehr Müll und Gift. Und jeder, der etwas gesunden Menschenverstand hat, weiß, dass so etwas auf Dauer nicht gut gehen kann. Das böse Ende wird kommen, nicht vielleicht, sondern garantiert. Warum? Weil wir wahnsinnig sind. Eine gängige Definition für Wahnsinn ist, stets dasselbe zu tun, aber andere Ergebnisse zu erwarten. Eine Aufgabe von Psychotherapie ist, den Kranken mit der unbequemen Wahrheit zu konfrontieren, dass nur verändertes Verhalten auch zu anderen Ergebnissen führen kann. Die Menschheit gehört auf die Couch, denn mehr Wirtschaftswachstum ist nicht die Lösung ihrer Probleme, sondern Teil der Ursache. Das von mir herbeigesehnte Orakel müsste uns Tag für Tag dasselbe weissagen: Haltet ein! Kauft nicht mehr all diesen Mist. Arbeitet weniger, produziert weniger Waren, weniger Dienstleistungen und weniger Müll. Sucht nach neuen Wegen, wie ihr euer Leben sinnvoll und selbstbestimmt in Würde und Zufriedenheit leben könnt, denn all dies geht euch verloren. Lasst euch nicht zu Konsumsklaven oder Versuchskaninchen machen. Rettet, was noch zu retten ist. Wappnet euch für schwere Zeiten, haltet zusammen und seid dankbar, auf diesem wundervollen Planeten leben zu dürfen. Versucht es zur Abwechslung mal mit Bescheidenheit, denn eure Gier und das ewige Mehrwollen werden euch sonst umbringen. Garantiert.
Brauchen wir eine allwissende Orakelkrake? Nein. Wir brauchen Politiker, die uns die Wahrheit zumuten, sie laut aussprechen. Führer im besten Sinne des Wortes. „4 Prozent Wirtschaftswachstum? Mist, dagegen müssen wir dringend etwas tun!“ So ungefähr müsste es aus dem Fernseher klingen und in der BILD-Zeitung stehen. (Zumindest, solange dieses Wachstum nicht nachhaltig, umweltverträglich und ressourcenschonend erwirtschaftet wird – ein Zustand, von dem wir noch Lichtjahre entfernt sind.) Auch wir Bürger müssten einander die Wahrheit sagen und uns gegenseitig eingestehen, dass es nicht weitergehen kann wie bisher. Dass nur ein radikaler Wandel unserer Lebensweise diesen Planeten retten und den Erdball auch für zukünftige Generationen bewohnbar erhalten kann. Radikal im Sinne des lateinischen Wortes radix, also an der Wurzel ansetzend.
In einer Comedy-Show hörte ich neulich den Satz „Ich leide unter Alzheimer-Bulimie, ich fresse den ganzen Tag und abends vergesse ich, zu kotzen.“ Passende, wenn auch unappetitliche Metapher. So sind wir. Wir verdrängen ständig die Konsequenzen unseres Tuns, machen immer weiter wie gewohnt. Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen, mit Fleiß und der naiven Überzeugung, dass die universell wirksame Schwerkraft ausgerechnet uns verschonen wird. Auf diesem Planeten leben schon fast 7 Milliarden Blondinen. Jeden Tag werden es 228.155 mehr.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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