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Archiv für Mai, 2011

Blind, blond oder blöd?

Geschrieben von Johannis am 30. Mai 2011 um 09:19 Uhr

Sitzen drei Blondinen in einer Eiche, vier Meter überm Boden auf einem oberschenkeldicken Ast. Zwei von ihnen hocken einander gegenüber und quälen sich mit der Säge ab, die dritte sitzt mit einer Pumpgun etwas abseits auf demselben Ast und hält Wache, falls tollwütige Eichhörnchen angreifen. Die schwere Bügelsäge verklemmt sich immer wieder, es wird reichlich gejammert und gestöhnt. Als die beiden mal kurz verschnaufen, kommt eine Brunette vorbeispaziert. Sie wirft einen Blick nach oben und sagt: „Mädels, wenn ihr so weitermacht, fallt ihr bald heftig auf den Hintern.“ Die Blondine mit der Pumpgun zickt von oben herunter: „Pah, woher willst du denn das wissen? Hau bloß ab, blöde Schnepfe!“ Die Brunette lächelt milde und geht ihres Weges, die Mädels sägen weiter an dem Ast, auf dem sie sitzen, und stürzen schließlich ins Brombeergebüsch. Nach einer Weile, die drei sitzen noch mit Schrammen und blauen Flecken im Gras, taucht die Brunette wieder auf. „Kuck mal“ zischt eins der gefallenen Mädchen, „da kommt wieder die Hellseherin!“

Weshalb ich euch heute einen Blondinenwitz serviere, ob mir nix Besseres einfällt? Was denn mit jenen Leserinnen sei, denen Genetik oder Kosmetik zu goldblondem Haar verholfen hat, die aber weder blöd noch naiv sind? Ob ich die beleidigen wolle, weil ich schlechte Laune, keine Frau im Bett und selbst eine Glatze habe? Nein, nichts von allem. Der dämliche Witz ist eine Metapher und es geht ums Hellsehen. Um Weitsicht, Zukunft und Vorhersehbares, um Ursache und Wirkung, und somit um mein leidiges Lieblingsthema. Rantasten möchte ich mich über vermeintlich wundervolle Nachrichten, denn die deutsche Wirtschaft boomt. 2,6 Prozent Wachstum waren uns für dieses Jahr vorausgesagt, nun werden es wohl vier Prozent oder noch mehr. Seit dem Wiedervereinigungsboom ging es uns noch nie so gut wie jetzt. Und das Schönste: Nicht nur der starke Export, für den wir ja berühmt und bei manchen Nachbarn recht unbeliebt sind, ist Motor des Aufschwungs, sondern auch Investitionen und Binnennachfrage legen kräftig zu. Deutsche Unternehmer kaufen Maschinen und schaffen neue Arbeitsplätze, mehr deutsche Arbeitnehmer haben Jobs, geben mehr Geld aus und kaufen sich mehr Dinge, die sie zwar nur in den seltensten Fällen brauchen, aber unbedingt haben wollen. Wirtschaftswachstum – wunderbar, was will man mehr?

Vielleicht einen unfehlbaren Hellseher in jedem Parlament und auch im Beraterstab aller Diktatoren, oder ein allwissendes Orakel, dessen Weissagungen jedermann und jedefrau zuverlässig befolgt. So wie Krake Paul – nur nicht für Fußballergebnisse zuständig, sondern für globale Themen und dazu am besten unsterblich. Paul hatte zwar immer recht, ging aber viel zu früh in die ewigen Fischgründe ein. Ich wünsche mir eine weltweit anerkannte Institution, ähnlich wie das Orakel von Delphi oder die ägyptische Sphinx, nur moderner. Sozusagen eine Mischung aus CNN, Amnesty International und WikiLeaks, und das Ganze dann eben für globale Zukunftsfragen. Zu kompliziert, ob ich nicht noch einen halbwegs lustigen Blondinenwitz weiß? Ja, der passt aber nicht zum Thema. Also gut, ihr zwingt mich dazu – dann eben die nackte Wahrheit, hässlich, haarig und ungeschminkt.

Wir brauchen weder Hellseher noch Kaffeesatzleser, denn unsere Zukunft steht in großen Lettern an jede Wand geschrieben. Nix mene mene tekel u-parsin, da steht einfach nur UNTERGANG. Ende, vergeigt, zu blöd gewesen, vor die Wand gefahren, abgekackt, out, over, finito, Schluss mit lustig. Woher ich das weiß? Weil Blondinen, die im Baum sitzend ihre Äste absägen, der universellen Schwerkraft unterliegen. Weil, um es anders auszudrücken, eine stetig wachsende Menschheit aus einem Planeten mit begrenzten Ressourcen kein immerwährendes Schlaraffenland machen kann, wenn überall ständig mehr produziert, konsumiert und verschwendet wird. Ein Drittweltdörfler kann wohl einmal im Vollrausch in jenen Teich pinkeln, aus dem alle ihr Wasser schöpfen, das darf aber nicht oft passieren. Unsere Industrien stellen milliardenfach Dinge her, welche schon bei ihrer Produktion Dreck, Abraum, Gift und schwere Umweltschäden verursachen. Die meisten dieser Dinge werfen wir aber nach erschreckend kurzer Zeit in den Müll. Und wir leben mitten in diesem Müll, er ist nur einigermaßen gut versteckt. Zum Beispiel in der Dritten Welt, als Exportgut deklariert. Giftmüll kann man in Somalia für Beträge entsorgen, die wir hier am Recyclinghof für Gartenabfälle zahlen müssen. Wir Erstweltbürger pissen also ständig in den Teich, aus dem alle ihr Trinkwasser schöpfen.

Unser Weltwirtschaftssystem, gebrechlich wie eine demenzkranke Hundertjährige, funktioniert nur, solange es Wachstum gibt. Mehr Produktion, mehr Konsum, mehr Müll und Gift. Und jeder, der etwas gesunden Menschenverstand hat, weiß, dass so etwas auf Dauer nicht gut gehen kann. Das böse Ende wird kommen, nicht vielleicht, sondern garantiert. Warum? Weil wir wahnsinnig sind. Eine gängige Definition für Wahnsinn ist, stets dasselbe zu tun, aber andere Ergebnisse zu erwarten. Eine Aufgabe von Psychotherapie ist, den Kranken mit der unbequemen Wahrheit zu konfrontieren, dass nur verändertes Verhalten auch zu anderen Ergebnissen führen kann. Die Menschheit gehört auf die Couch, denn mehr Wirtschaftswachstum ist nicht die Lösung ihrer Probleme, sondern Teil der Ursache. Das von mir herbeigesehnte Orakel müsste uns Tag für Tag dasselbe weissagen: Haltet ein! Kauft nicht mehr all diesen Mist. Arbeitet weniger, produziert weniger Waren, weniger Dienstleistungen und weniger Müll. Sucht nach neuen Wegen, wie ihr euer Leben sinnvoll und selbstbestimmt in Würde und Zufriedenheit leben könnt, denn all dies geht euch verloren. Lasst euch nicht zu Konsumsklaven oder Versuchskaninchen machen. Rettet, was noch zu retten ist. Wappnet euch für schwere Zeiten, haltet zusammen und seid dankbar, auf diesem wundervollen Planeten leben zu dürfen. Versucht es zur Abwechslung mal mit Bescheidenheit, denn eure Gier und das ewige Mehrwollen werden euch sonst umbringen. Garantiert.

Brauchen wir eine allwissende Orakelkrake? Nein. Wir brauchen Politiker, die uns die Wahrheit zumuten, sie laut aussprechen. Führer im besten Sinne des Wortes. „4 Prozent Wirtschaftswachstum? Mist, dagegen müssen wir dringend etwas tun!“ So ungefähr müsste es aus dem Fernseher klingen und in der BILD-Zeitung stehen. (Zumindest, solange dieses Wachstum nicht nachhaltig, umweltverträglich und ressourcenschonend erwirtschaftet wird – ein Zustand, von dem wir noch Lichtjahre entfernt sind.) Auch wir Bürger müssten einander die Wahrheit sagen und uns gegenseitig eingestehen, dass es nicht weitergehen kann wie bisher. Dass nur ein radikaler Wandel unserer Lebensweise diesen Planeten retten und den Erdball auch für zukünftige Generationen bewohnbar erhalten kann. Radikal im Sinne des lateinischen Wortes radix, also an der Wurzel ansetzend.

In einer Comedy-Show hörte ich neulich den Satz „Ich leide unter Alzheimer-Bulimie, ich fresse den ganzen Tag und abends vergesse ich, zu kotzen.“ Passende, wenn auch unappetitliche Metapher. So sind wir. Wir verdrängen ständig die Konsequenzen unseres Tuns, machen immer weiter wie gewohnt. Wir sägen den Ast ab, auf dem wir sitzen, mit Fleiß und der naiven Überzeugung, dass die universell wirksame Schwerkraft ausgerechnet uns verschonen wird. Auf diesem Planeten leben schon fast 7 Milliarden Blondinen. Jeden Tag werden es 228.155 mehr.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

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Alles Lüge

Geschrieben von Johannis am 23. Mai 2011 um 09:43 Uhr

Jeder von uns lügt täglich 200 Mal. Wissen wir. Ist aber gelogen, ein moderner Mythos unserer informationshungrigen Zeit, nicht totzukriegen, schwerer auszurotten als Giersch im Gartenbeet. Als Quelle für die erstaunliche Zahl von Lügen, mit der wir angeblich Tag für Tag unsere lieben Mitmenschen täuschen und betrügen, wird gern Professor Jochen Mecke von der Uni Regensburg genannt. Er streitet jedoch jede Urheberschaft genervt ab und verweist auf seinen Kollegen, den Psychologen Helmut Lukesch. Der leitete zwar mal ein Graduiertenkolleg zum Thema „Kulturen der Lüge“, war’s aber auch nicht. Der nächste Verweis führt zu John Frazier, nicht verwandt oder verschwägert mit dem Boxer Joe Frazier. Auch gelogen, denn John Frazier ist zuständig für Spezialeffekte bei Hollywood-Filmen, er arbeitet für die Firma Breezemaker Fans Inc. und deren Spezialität sind künstliche Tornados.

Tatsächlich in die Welt gesetzt hat die Geschichte mit den 200 Lügen wohl ein amerikanischer Psychologe namens John Frazer, der in den 70er Jahren Alltagsgespräche analysierte und die hochfrequente Lügenthese aufgestellte. Man sieht also, dass der Wahrheit auch in der Lügenforschung schwer auf die Schliche zu kommen ist. John Frazer unterschied zwischen prosozialen und antisozialen Gründen fürs Lügen. Prosozial ist, wenn dich deine Frau im Laden fragt: „Sag mal, Schatz, findest du, dass ich in dem Kleid dick aussehe?“ und du das heftig in Abrede stellst, weil sie bei 163 cm Körpergröße nur 54 Kilo wiegt, sich bereits zum Kauf des Kleides entschieden hat und du harmoniebedürftig bist. Antisozial ist, wenn Monsanto behauptet, man könne gentechnisch veränderte Pflanzen bedenkenlos verzehren, obwohl Langzeitstudien an Ratten belegen, dass eine Diät mit Genkartoffeln schwere Gesundheitsschäden hervorruft. Alles klar? Schön.

Der bereits erwähnte Regensburger Psychologe Helmut Lukesch hat die Studenten seines Graduiertenkollegs zählen lassen, wie oft Menschen tatsächlich lügen. Lässt man Auslassungen, Höflichkeiten und Übertreibungen [„Wie geht’s?“ „Danke, gut!“ (Muss der Kollege ja nicht wissen, dass meine Frau die Scheidung einreichen will.)] weg, kommt man auf durchschnittlich 1,8 Lügen am Tag. Mit John Frazers These ist es also wie mit dem Eisengehalt von Spinat – um den Faktor 100 übertrieben. Der Mythos vom gesunden Spinat gelangte durch den Schweizer Wissenschaftler Gustav von Bunge in die Welt, der nämlich im Jahr 1890 die erste Laboranalyse von Spinat durchführte und den sensationellen Eisengehalt von 350 Milligramm pro Kilo ermittelte. Aber erstens unterlief ihm ein peinlicher Messfehler und zweitens benutzte er getrockneten, pulverisierten Spinat. Der Wassergehalt von Frischspinat liegt bei 92 Prozent, daher waren die Ergebnisse etwa so aussagefähig, als würde man den Koffeingehalt von löslichem Kaffee messen und dann behaupten, schon ein Viertelliter Kaffee könnte einen ausgewachsenen Elefanten derart aufputschen, dass der arme Rüsselträger bis zu seinem Lebensende an Schlaflosigkeit leiden wird.

Fazit: Wir lügen ganz selten. Und wenn, dann meinen wir es meistens gut. Trotzdem sind wir von Lügen umgeben, sie sind ebenso allgegenwärtig und unausrottbar wie Hausstaubmilben. Das leckere, aber sauteure Kirschmüsli enthält nur zwei Prozent getrocknete Kirschen. Zum Ausgleich sind erhebliche Mengen billiger gedörrter Cranberries drin, die mit Kirschsaftkonzentrat und Aromen als Steinobst verkleidet wurden. Kein Auto verbraucht bei halbwegs normaler Fahrweise auch nur annähernd so wenig Sprit, wie die Hersteller in ihren Prospekten behaupten. Milch stammt nicht von glücklichen Kühen, auch Bioeier können Dioxin enthalten, und TEPCO wusste mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit schon am 13. März 2011, dass die Brennstäbe von Fukushima Eins komplett geschmolzen waren und dabei ein Loch in den Reaktorbehälter gebrannt hatten.

Arnold Schwarzenegger, bis vor kurzem noch Vorzeigevater und konservativer Gouverneur von Kalifornien, hat ein zehnjähriges Kind mit einer Hausangestellten, die seit 1990 für die Schwarzeneggers arbeitete. Arnies Gattin fand das nicht lustig, feuerte die Frau im Januar und zog die eheliche Reißleine. Horst Seehofer, Franz Beckenbauer, Boris Becker, Dominique Strauss-Kahn, Guttenberg, Koch-Mehrin – muss ich das noch kommentieren? Lügen, Halb- und Unwahrheiten umgeben uns wie Stickstoff, Sauerstoff und Kohlendioxid, und ich mag mir nicht ausmalen, welchen Einfluss die alltägliche Lügenflut auf Charakter und Persönlichkeit des Durchschnittsindividuums hat. Bessere Menschen werden wir wohl kaum durch all die schlechten Vorbilder.

Ob ich heute schon gelogen habe? Ja, beim Spinat. Gustav von Bunge machte keinen Messfehler, aber das mit dem Trockenspinat stimmt. Er hat sich also nur etwa um den Faktor zehn verhauen, ein Kilo frischer Spinat enthält 35 Milligramm Eisen. Trotzdem wurden Generationen unschuldiger Kinder zum Verzehr einer angeblich gesunden grünen Pampe gezwungen, die von ihrer Konsistenz erschreckend an frische Kuhscheiße erinnert. Ob auch geschmackliche Ähnlichkeiten bestehen, möchte ich nicht überprüfen müssen, aber der Verdacht besteht. Warum ich euch belogen habe? Weil ich den Faktor 100 brauchte, um die Parallele zwischen Lügen und Spinat, zwischen John Frazer und Gustav von Bunge anschaulich zu machen. Ist doch wohl verzeihlich, so eine kleine Lüge, oder? Und die zweite heb ich mir für später auf, es findet sich im Laufe des Tages bestimmt noch eine gute Gelegenheit.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Anschiss von oben

Geschrieben von Johannis am 19. Mai 2011 um 09:33 Uhr

Anders als der Kindermund (tut bekanntlich Wahrheit kund) redet der Volksmund einen Haufen Scheiße zusammen. Man braucht nur ein paar Sprichwörter zu überprüfen, und schon ist klar, was vom Volksmund zu halten ist. Nehmen wir mal „Aller Anfang ist schwer“. Jeder Zahlvater, der monatlich und jahrelang Alimente für ein Kind überweist, das er angetrunken bei einem One-Night-Stand gezeugt hat, erinnert sich wohl widerwillig an den Samenerguss zurück, dem die Vaterschaft folgte. Er wird aber zustimmen, dass hier der Anfang nicht schwer war. Schnell gemacht, lang gezahlt.

Auch der Satz „Die dümmsten Bauern haben die dicksten Kartoffeln“ ist Blödsinn, denn die dümmsten Bauern sind wahrscheinlich zu doof zum Treckerfahren, und haben daher nur Disteln auf dem Acker. Schlaue Landwirte bauen Raps für Biodiesel an, linsen hübschen Polinnen in prall gefüllte Blusen, während die sich beim Spargelstechen tief bücken müssen, sie haben Windkraftanlagen auf dem Acker stehen oder verwandeln Gülle in Biogas, Strom und Wärme. Kartoffeln? Vergiss es! „Besser ein Spatz in der Hand als eine Taube auf dem Dach“, stimmt das denn wenigstens? Nein, denn was will man mit einem Spatzen? Der hat (getötet, gerupft, gefüllt und gebraten) etwa so viel Nährwert wie ein halbes ChickenMcNugget und kackt einem garantiert angsterfüllt in die Hand. „Eine Taube im Bett und ’ne Stumme am Herd, beide recht willig, sind Goldes wert!“ – das wäre mal ein Sprichwort mit Wahrheitsgehalt, aber solche Sprüche muss sich unsereins leider selber zusammenreimen.

Alles Gute kommt von oben? Bullshit! And Pidgeonshit, um langsam mal die thematische Kurve zu kriegen. Bekanntlich lebe ich in einer vergleichsweise ruhigen und noch halbwegs gutbürgerlichen Wohnstraße. Zone Dreißig, dekorative Laubhölzer samt atmungsaktiver Baumscheiben. Apotheke, Bäcker und Edeka in Steinwurfentfernung, zu Fuß maximal zehn Minuten bis in die Dortmunder Stadtmitte. Spatzen gibt es keine mehr, aber Tauben. Nein, nicht das Rennpferd des kleinen Mannes, die Brieftaube, oder ihre verwilderten Abkömmlinge, die Ratten der Lüfte, sondern fette Ringeltauben. Sie haben eigentlich in der Stadt nichts zu suchen und sollten irgendwo auf dem Land die Bauern ärgern, in dem sie frisch gekeimtes Saatgetreide fressen oder sich mit Mais voll stopfen, aber im Zeitalter der allgegenwärtigen Chemiekeule futtern die Vögel des Grauens, äh die grauen Vögel, weggeworfene Schulbrote und die Früchte innerstädtischer Wildgehölze und Obstbäume.

Eine ländliche Ringeltaube kann, deutlich vor ihrer Midlife-Crisis vom Leben zum Tode befördert und sachgerecht zubereitet, durchaus eine Delikatesse sein. Da der Vogel erheblich größer als eine ordinäre Stadttaube ist, wird man – geeignete Beilagen vorausgesetzt – von einer Ringeltaube sogar satt. (Man rechne pro Person eine Taube.) Entsprechend ihrer Größe kacken Ringeltauben allerdings leider auch erheblich mehr als Stadt- oder Brieftauben. Und sie kacken, weil die Ringeltaube ein faules, dämliches Gewohnheitstier ist und gern auf den Lieblingsästen ihrer Lieblingsbäume rumsitzt, leider immer auf dieselben Stellen. In unserer begrünten Straße sind das Autos, die notgedrungen unter den Bäumen parken. Um der geschätzten Leserschaft ein anschauliches Bild der Sachlage zu bieten, habe ich eine der typischen Einschlagstellen fotografiert (siehe unten). Dort länger als 15 Minuten zu parken, bedeutet, dass das Fahrzeug eine Wertminderung von etwa 12 Prozent nach Schwacke-Liste erfährt. Länger als drei Stunden angetrocknet, lässt sich Ringeltaubenkot nur noch mit Hammer und Meißel entfernen, in solchen Fällen ist eine Neulackierung unumgänglich. Die Ringeltaube als Ratte der Lüfte zu bezeichnen, stimmt nicht – es sind fliegende inkontinente Warzenschweine, die dem Hörenden außerdem mit ihrem ewigen Ruckediekuh den letzten Nerv rauben, weil sie sich hormonstörungsbedingt von Februar bis Ende November paaren wollen.

Apropos Geräuschbelästigung, nachdem ich es den Ringeltauben jetzt so richtig besorgt habe, ist nun die Polizei dran. Bekanntlich ist der Ballspielverein Borussia 09 e. V. Dortmund deutscher Fußballmeister, und am letzten Wochenende wurde deswegen gesoffen, gefeiert und gegrölt, was das Zeug hielt. Eigentlich kein Problem für öde Spaßbremsen wie mich, man hält sich eben fernab des feiernden Volkes und wartet, bis wieder Normalität einkehrt. Wenn nur die Hubschrauber nicht wären. Samstag war letztes Bundesligaheimspiel und der BVB bescherte seinen Fans einen finalen Sieg und der Eintracht Frankfurt den Abstieg in die zweite Liga. Mir egal – Fußball ist Opium für’s Volk, und das Volk ist bereits überreichlich betäubt und verblödet. Aber die Hubschrauber nervten. Boah eyh, wat ein Gedröhne am Himmel! City, Hauptbahnhof und Stadion dichtebei, und den ganzen Tag die knatternden Flattermänner in der Luft.

Auch am Meisterfeiersonntag begleitete mich das Dröhnen der Hubschrauber (maximale Flughöhe 300 Meter) vom sonntäglichen Frühstück (Nebengeräusch war das Konzert für Fagott und Orchester von Johann Nepomuk Hummel in F-Dur) bis weit nach der abendlichen Tagesschau. Der BVB wurde 1909 gegründet, daher sollte der Triumphatorenkorso von 9:09 bis 19:09 Uhr durch die Stadt unterwegs sein, stetig überflogen von den Hubschraubern der Dortmunder Polizei und des WDR, der lebenswichtige Live-Bilder auf die Bildschirme aller Länder übertrug. Sonntägliche Akustikfolter vom Allerfeinsten, die mich auf die Idee zu diesem Text brachte. Und Peter Schulz, zuständig für Pressemitteilungen der Dortmunder Polizei, von Sonntag bis Dienstag mehrere nervige Anrufe eintrug.

Meine Redaktion hätte mich beauftragt, doch auch mal über die Kosten solcher Polizeieinsätze zu schreiben, begann ich ihn mit Fragen zu löchern. Da ich mein eigener Chef bin, war das nicht mal gelogen. Zuerst bekam ich wenig aus ihm raus, was nicht bereits in den Pressemitteilungen der Dortmunder Polizei stand. Am Samstag waren 1500 Beamte im Einsatz, um Fans vom Randalieren abzuhalten. Wie viele Flugstunden die Polizeihubschrauber unterwegs waren, konnte oder wollte er mir nicht sagen. Nein, auch die Personalstärke für den Meisterfeiersonntag dürfe er nicht enthüllen, die Polizei wolle sich einsatztechnisch nicht in die Karten schauen lassen. Als ich immer wieder nach den geschätzten Kosten solcher Polizeiaktionen fragte und wissen wollte, ob die Verursacher eigentlich zur Kasse gebeten würden, wurde das Gesprächsklima deutlich frostiger. Wie kann man nur so defätistisch sein? Schließlich ist die Meisterschaft des BVB der einzige schwarzgelbe Erfolg, seit Guido Vizekanzler wurde. Peter Schulz betonte, dass vergleichbare Polizeieinsätze immer zum Wohle der Bürger durchgeführt würden, und verwies mich wegen der Kostenfrage mit spröden Worten an das Landesamt für Zentrale Polizeiliche Dienste. Dort erfuhr ich montags von Hans-Jörg Sommerfeld, dass man den Preis einer Helikopterflugstunde mit etwa 2000 Euro ansetzen könnte.

Peter Schulz wollte mir, weil ich mich nicht abwimmeln ließ und immer schön freundlich blieb, eigentlich einige Anhaltswerte für die Personalkosten zumailen, aber daraus wurde nix, denn der Mann hat sehr viel Arbeit. Er gab mir aber vorgestern bei unserem letzten recht entspannten Telefonat ein paar Zahlen und den Tipp, es mit dem Besoldungsrechner für den öffentlichen Dienst NRW zu versuchen. Nun kann ich euch diese Rechnung für den Samstagseinsatz mit 1500 Polizeikräften präsentieren:

Löhne und Gehälter für durchschnittlich 10 Arbeitstunden pro Person: 337.500 €
Verpflegung für Polizeikräfte, Einrichtung der Gefangenensammelstelle: 135.000 €
Fahrtkosten, Zuschläge für Nacht- und Feiertagsdienste: 45.000 €
Betriebskosten für Fahrzeuge und einen Hubschrauber (8 Std.): 30.000 €

Macht summa summarum 547.500 € für einen Fußballsamstag, und das ist vorsichtig geschätzt. 18 Erstliga-Vereine, 34 Spieltage pro Saison und schwupps ist man bei 335 Millionen Euro, die der Polizeischutz von und vor Fußballfans kostet. Nur erste Bundesliga. Gut, nicht immer ist so viel Polizei vonnöten, manche Begegnung verläuft friedlich, weil Fans sich gut vertragen, zum Beispiel die vom BVB 09 und Werder Bremen. Trotzdem, auch wenn es pro Jahr nur 200 Millionen kostet, ist das eine Menge Geld. Ja, ich weiß, meine Tage sind gezählt, diese Art von Nestbeschmutzertum wird mir nicht verziehen. Blogger, wir wissen wo dein Auto steht, grölt die Meute – ich bin so gut wie tot. Mist.

Im Grunde kann ich froh sein, weil der BVB 09 im Durchschnitt nur alle 14,57 Jahre Deutscher Meister wird und dem Herrgott danken, dass Hubschrauber nicht kacken können. Im Größenverhältnis zur Ringeltaube würde dann nämlich fast eine halbe Tonne Flüssigkot vom Himmel klatschen. Wenn mich so eine Ladung trifft, bei einer Fallhöhe von 300 Metern, da hilft kein Notarzt mehr. Verdient hätte ich’s wohl.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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FDP reloaded?

Geschrieben von Johannis am 16. Mai 2011 um 09:52 Uhr

Es gibt eine neue Jugendbewegung, das Amok-Kicking. Vorzugshalber in U-Bahnhöfen, auf jeden Fall aber vor laufenden Überwachungskameras greift man nichtsahnende Mitbürger an, schlägt sie brutal zusammen und lässt sich dabei filmen. Wichtig, fast schon unverzichtbar und daher stilbildend und namensgebend, sind Tritte auf den Kopf des wehrlos am Boden liegenden Opfers. Die Vorteile gegenüber dem klassischen Amoklauf liegen auf der und eben nicht in der Hand, weil auch Täter, denen Besitz und Handhabung einer Faustfeuerwaffe aus intellektuellen, feinmotorischen oder wirtschaftlichen Gründen nicht zumutbar sind, beim Amok-Kicking mitmachen können. Wie stand es doch früher auf den bestickten Wandbehängen in manch gutbürgerlicher Wohnung: Tritt ein, bring Glück herein!

Zartbesaitete Leser mögen nun einwenden, dass durch Fußtritte herbeigeführte Schädelhirnverletzungen kein besonders unterhaltsames Montagsthema sind und auch ein Zusammenhang mit der Freien Demokratischen Partei Deutschlands nicht zu erkennen sei. Will ich nicht abstreiten, bitte aber noch um ein wenig Geduld. Nein, ich werde nicht wieder über die allgemeine Verrohung jammern, oder lauthals beklagen, dass der Täter vom Karfreitag zwar verhaftet, dann aber wieder auf freien Fuß gesetzt wurde, trotz Anklage wegen versuchten Totschlags. Zwar hätte der Gymnasiast Torben P. sein Opfer, dem er aus Streitlust erst eine Bierflasche ins Gesicht schlug und dann, als der 29-Jährige bereits am Boden lag, viermal auf den Kopf trat, durchaus töten können – aber angeblich besteht keine Fluchtgefahr. Schön zu wissen, dass nicht nur dumpfe Unterschichtenprolls am Amok-Kicking gefallen finden, sondern auch Gymnasiasten aus so genannten besseren Familien und den bürgerliche Wohnvierteln.

Interessant an dem neuen Phänomen halböffentlicher Gewalt ist die Tatsache, dass die Präsenz von Videokameras den Tätern vermutlich unterschwellig bewusst ist, sie vielleicht sogar gefilmt werden wollen. Das macht wahrscheinlich den ultimativen Kick aus, wenn ich mir dieses grenzwertige Wortspiel erlauben darf. In unserer schönen neuen Medienwelt, wo jeder alles immerzu mit dem Handy filmen kann und Videoclips im Internet einer unbegrenzten Zahl von Zuschauern zugänglich sind, zählt offenbar nur noch die Einschaltquote. Amok-Kicking findet nicht heimlich statt, man sucht keine dunklen Gassen für brutale Attacken, sondern das Rampenlicht. Auch hier zeigt sich das DSDS-Syndom der grassierenden Mediengeilheit, denn erst der Umstand, dass Amok-Kicker öffentlich auf- und zutreten und anschließend meist schnell geschnappt werden, macht sie zu Stars. Gewalt ist Unterhaltung, genau wie Sex. Man konsumiert beides, und wenn das passive Zuschauen nicht mehr genug kickt, wird man eben selbst aktiv. Gang-Bang oder Amok-Kick – Hauptsache man fühlt noch was. Ich binde das Video der Überwachungskamera vom Berliner U-Bahnstation Friedrichstraße ein, und wende mich dem eigentlichen Thema zu, der FDP.

Die Liberalen ringen um ihr Überleben. Die schlechtesten Umfragewerte seit Erfindung der Rades, ein Außenminister, den das ganze Volk verachtet oder wenigstens extrem peinlich findet, Spitzenpersonal vom Kaliber Birgit Homburger, Rainer Brüderle und Silvana Koch-Mehrin – man könnte fast Mitleid bekommen. Doch halt, soweit will ich nicht gehen! Neid und Verachtung bekommt man nicht geschenkt, sie wollen verdient werden, und diesbezüglich hat die Partei der Heuchler, Hotelbesitzer und Hirnlosen bei mir ein dickes Guthaben. Während ich diese Zeilen schreibe, an einem Freitag den Dreizehnten, findet in Rostock der FDP-Parteitag statt, und so wenig ich zum Aberglauben neige, so sehr wünsche ich den Pseudoliberalen alles Unglück der Erde. Keiner braucht sie, was nun offenbar auch der dümmste Deutsche begriffen hat (4% Zustimmung bundesweit, solche Werte schafft sogar die faschistische NPD), aber die FDP will sich zum Wohle des Volkes unbedingt neu erfinden. Und entlarvt sich dabei mit ihren Slogans täglich von Neuem.

Mitfühlender Liberalismus – das kann doch nur bedeuten, dass die alte FDP kaltherzig und rücksichtslos war. FDP reloaded – nachladen muss man nur, wenn man sein Pulver verschossen hat. Leere Versprechen, peinliche Rohrkrepierer, Günstlingswirtschaft, populistischer Opportunismus – dafür steht die FDP. Fucking Dumb Pricks könnte man das Akronym auf Englisch neu besetzen, aber ich will mich mal mäßigen und demokratisch gewählte Volksvertreter nicht als verfickt blöde Arschlöcher bezeichnen. Wo doch jetzt der heilende Doktor Rösler kommt, unser mandeläugiges Flüchtlingskind, der Spruchbeutel liberaler Inkontinenz und Lieblingsschwiegersohn aller Multikulturisten, die Charmeoffensive vom Kontinent des Lächelns. Nun ist der samtpfötige Grinsekater Fraktionsvorsitzender, hat Guidos Thron erklommen und ich bin gespannt, wie lange er dort durchhält. Zu beneiden ist er nicht, aber Mitleid wäre auch hier verfehlt. Außerdem hat er ja versprochen, dass er nur bis zum 45ten Geburtstag Politik machen will, das sind noch sechs Jahre, 282 Tage und der Rest von heute. Für uns als Leidenszeit überschaubar, wenn er denn Wort hält.

Ab sofort will Rösler liefern, keine leeren Versprechungen mehr! Weniger Staat, mehr Freiheit. Kein Toilettenzwang für kleine Kaffeestuben, endlich Steuersenkungen, und wahrscheinlich sollen auch die Überwachungskameras in U-Bahnhöfen abgeschaltet werden. Big Brother is trusting you. Wenn mich jemand fragen würde, wie man die FDP aus dem Treibsand des Verderbens retten könnte, hätte ich praxisnahe Tipps. Erstmal stillhalten. Im Treibsand und Schlamm hilft kein panisches Strampeln, man muss Ruhe bewahren, nachdenken und auf Hilfe hoffen. Die kam vor ein paar Tagen in Person des mir bis dato unbekannten Martin Lindner. So wie ein Cowboy dem ersaufenden Greenhorn vom Rande des Schlammlochs zurufen würde, doch den verdammten Amboss loszulassen, schlug der stellvertretende Fraktionsvorsitzende Martin Lindner den Liberalen vor, die Delegierten sollten abstimmen, ob Guido Westerwelle weiterhin Außenminister bleiben soll. Gut, das Bild mit dem Amboss ist etwas schief, schließlich schleppt kaum jemand das Inventar einer Schmiedewerkstatt durch die Wildnis. Außerdem ist ein Amboss durchaus nützlich, falls man mit dem Hammer umgehen kann. Krebsgeschwür, Fußfessel, Klotz am Bein – das trifft es besser und beschreibt die Wirkung von Guido Westerwelle für seine Partei. Er ist der neoliberale Rohrkrepierer, und eine Waffe, deren Ladung sich nicht nach vorn entladen hat, sondern nach hinten losging, kann man nicht reparieren – sie ist Schrott.

Gab es eine Revolte in Rostock? Wurde Guido aus dem Amt des Außenministers geputscht? Schickten die Delegierten die nervtötende Krawallschnepfe Birgit Homburger aufs Altenteil? Nein, natürlich nicht, sie wurde mit beschämenden 66% Ja-Stimmen als Röslers Vizetussi gewählt. Und genau deshalb wird die FDP sich eben nicht erneuern und auch nicht so schnell vergessen machen können, dass nur charakterschwache Karrieristen mit fehlendem Rückgrat dieser Partei beitreten. Die angeblich Liberalen haben keinen Mumm, es gibt dort keine Amok-Kicker, die einem angeschlagenen Opfer den entscheidenden Tritt verpassen würden. Ohne Guido hätte die FDP vielleicht eine Chance, aber solange keiner dem blinden Leitwolf an die Kehle geht, wird der das Rudel weiter in die Irre führen, zieht der Amboss das strampelnde Greenhorn tiefer in den Sand des Verderbens. Und das ist, um einen anderen homosexuellen Spitzenpolitiker zu zitieren, gut so. Ich wünsche den Liberalen viel Erfolg für kommenden Sonntag, denn da wird in Bremen gewählt. Vier Prozent sollten eigentlich drin sein.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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William heiratet Lena

Geschrieben von Johannis am 12. Mai 2011 um 09:24 Uhr

Das Leben ist schön, fast schon zu schön. Woche für Woche dürfen wir teilhaben am Dasein der Berühmten, Reichen und Begabten, oder wenigsten an den oft peinlichen Auftritten derer, die sich zu den Vorgenannten zugehörig wähnen. Letzte Woche verfolgten geschätzt zwei Milliarden Weltbürger tränenüberströmt die Hochzeit des Jahrhunderts in der Westminster Abbey, und das nächste Jahrhundertereignis steht uns direkt bevor. Nein, nicht die Überflutung weiter Teile Amerikas durch den Mississippi, sondern der Eurovision Song Contest. Der Name dieser Veranstaltung ist etwas unglücklich gewählt, enthält er doch das Reizwort Euro, und wer möchte schon beim Anblick all der mäßig talentierten trällernden Hupfdohlen an unsere verhasste Weichwährung erinnert werden, während wütende Griechen den Staatsbankrott herbeistreiken oder in Athen Hatz auf Ausländer machen. Aber bis zum kommenden Jahr wird den Verantwortlichen sicher ein neuer Name einfallen. Nein, nicht für die Gemeinschaftswährung, für das Tralalatreff. Den Euro wird man bald nur noch in Numismatikerkreisen und im gut sortierten Altmetallhandel finden, aber das ist eine andere Geschichte.

Zum Glück wird der europäische Wettbewerb um schlechte Lieder, peinliche Kostüme und ungerechte Bewertungen nicht ganz so gnadenlos gehypt wie die Hochzeit der durchaus sympathischen Kate Middleton mit dem künftigen König von England – falls seine Oma den Thron nicht noch weitere sechzig Jahre besetzt hält. Meine Voraussage bezüglich Lena Meyer-Landrut steht ja seit Monaten fest: Sie wird sang und klanglos untergehen, man verzeihe mir das Wortspiel. Die Welt braucht ständig neue Verlierer, ein wiederholter Triumph der jungen Hannoveranerin ist daher ausgeschlossen. Sie ist weder begnadete Sängerin oder Tänzerin, die ewigschwarzen Outfits sind langweilig, und an ihren Sprüchen hat das Volk sich ebenso sattgehört wie an dem seltsamen Akzent, den sie sich wohl während ihres Schüleraustauschjahres beim Ale in britischen Dorfkneipen abgelauscht hat. Anyway, what goes up must come down, heißt es im Englischen, und bei der BILD-Zeitung sagt man: Wer mit uns im Fahrstuhl rauffährt, fährt auch mit uns wieder runter. Falls man nicht gleich in den offenen Fahrstuhlschacht gestoßen wird, bildlich gesprochen. Trust me, Lena is toast, nach ihr kräht bald kein Hahn mehr.

Jetzt müssen wir also nur noch ein paar Tage durchhalten und gelegentlich den Radiosender wechseln, weil grad der türkische, lettische, israelische, slowenische oder aserbaidschanische Eurovisionsbeitrag per Dudelfunk durchs Haus schallt. Wenn ich nicht so ein ausgeprägtes ökologisches Gewissen hätte, müsste ich für das kommende Wochenende eigentlich im Billigflieger nach Irgendwo jetten, denn schließlich steht hier in Dortmund auch noch die Meisterfeier an. Hunderttausende werden jubeln, grölen und in die Rabatten pissen, massenweise Bierbuddeln zerkloppen und sich gegen Morgen an allen Ecken der Stadt nicht mehr ganz so freudentrunken erbrechen – all das, weil sie Meister geworden sind. Gut, streng genommen hatten sie keinen direkten Einfluss auf Siege oder Niederlagen ihrer Mannschaft, aber solch intellektuelle Kleinkariertheit ist für Fußballfans ohne Bedeutung. Logische Unterliga. Dennoch gönne ich dem BVB den Titel.

Was ist sonst noch erwähnenswert in dieser schönen Maienzeit? Nach dem zweitwärmsten April seit Beginn der meteorologischen Aufzeichnungen im Jahr 1881, der wärmste war übrigens 2009, ächzt Deutschland unter einer Dürre. Die Umsätze bei Grillkohle und mariniertem Schweinenacken übertreffen bereits Werte, die sonst nur im August erreicht werden. Der Rhein hat den niedrigsten Wasserstand seit 90 Jahren und auch in diesem Fall sind Güter und Wohltaten auf unserem Planeten ungerecht verteilt, denn in Memphis schwappt der Mississippi über die Deiche und in Nijmegen liegen holländische Hausboote schief auf trockenem Grund. Nicht schön. Auch nicht schön ist die Kernschmelze. Nein, nicht die in Fukushima, das Thema kann ja keiner mehr ertragen. Ich meine die FDP, unsere glorreiche Regierungspartei und deren dynamische Runderneuerung. Erinnert mich doch sehr an den Eurovision Song Contest, das peinliche Hauen und Stechen an der Parteispitze. Pitbull-Biggi, die Frau mit der kräftigsten Kiefermuskulatur südlich des Polarkreises, kämpfte gegen den Pfälzer Nuschelmeister um den Fraktionsvorsitz, und das silberhaarig-trinkfeste Brüderle gewann. Zappelgrinsephilipp, unser vietnamesisches Waisenkind mit dem unerschütterlich mongoloiden Fröhlichkeitsfaktor, wird zukünftig die Wirtschaft gesundbeten, und bald ist die Partei der Liberalen wieder auf Kurs. Mit Volldampf gegen den größtmöglichen Eisberg, hoffe ich, wie weiland die Titanic.

Übrigens, gehen euch die Tepco-Manager auch so auf den Zeiger? Ist das nicht peinlich, wie sie sich ständig verbeugen und auf die Knie fallen, und zwischendurch von einem Kommunikationsdesaster ins nächste stolpern? Gibt es überhaupt noch eine japanische Notunterkunft, in der die alten Säcke nicht gekniet haben? Als wenn die Kniefallerei irgendjemand helfen würde. Mich erinnern die Tepco-Leute an unsere Regierungsfuzzies, egal ob schwarz oder gelb. Mental verstrahlt und realitätsfremd kämpfen sie auf abgehalfterten alten Kleppern gegen Windmühlen, werfen ständig neue Rettungspakete in bodenlose Finanzlöcher, und schwören uns, sie hätten alles im Griff. Nein, Griechenland ist nicht pleite und der Euro ist sicher. Haha, wie damals Norbert Blüm: Die Rente ist sicher. Ähnlich hilflos wie Tepco das nukleare Feuer zu löschen versucht, fuchteln Angie, Jean-Claude Juncker und die anderen Kriseneskalationsspezialisten mit ihren läppischen Feuerpatschen, während um sie herum die europäische Finanzwelt in Flammen aufgeht. Nebenbei bemerkt, die Investmentbanker in London und an der Wallstreet feiern mittlerweile wieder, sie machen dickes Geld wie vor dem Crash vom September 2008. Es ist zum Kotzen!

Das einzige, was mich im Moment noch versöhnen könnte, wäre ein öffentlicher Kniefall von Guido Westerwelle. Nein, nicht in der Kathedrale von Westminster Abbey, denn er ist ja schon verheiratet. Im Bundestag sollte er sich entschuldigen, mit Live-Übertragung auf Phoenix. Weil er der schlechteste Außenminister aller Zeiten ist, weil die Partei der geistig Unfreien ihren Namen nicht verträgt, weil sie ein Auffangbecken für karrieregeile Kompetenzwindbeutel vom Kaliber einer Dr. (noch) Silvana Koch-Mehrin ist (die ja gestern endlich einknickte und der Welt zukünftig am heimischen Herd dienen wird). Weil Guido und seine verlogenen Speichellecker urliberale Werte verraten, wieder und wieder. Zuletzt beim Widerstand gegen die Frauenquote im Management deutscher Unternehmen. Von wegen Liberalität und Chancengleichheit, einen Dreck interessiert sich die FDP für Frauen in Führungspositionen. Jeder britische Liberale bekommt das 1859 von John Stuart Mill und seiner Frau Taylor veröffentliche Buch „On Liberty“ in die Hand gedrückt. In dem Gemeinschaftswerk der liberalen Eheleute wurden die wichtigsten Forderungen für ein gleichberechtigtes Miteinander der Geschlechter benannt. Vor gut 150 Jahren! Guido Westerwelle, Christian Lindner, Philipp Rösler, Rainer Brüderle und all die anderen pseudoliberalen Machowölfe im Frauenversteherpelz sollen knien, bis das Blut aus ihren gebügelten Hosenbeinen strömt. Dieses Pack als schamlose Lügner und billige Demagogen zu bezeichnen, ist ähnlich angemessen, wie ein neun Meter langes australisches Salzwasserkrokodil als terrarientaugliche Taschenechse anzupreisen.

So, das müsste für heute reichen, oder?

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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