Zurueck
Start Mensch Buch Prosa Bilder Lyrik Blog Mehr
Vorwaerts
Deko Blog


Plakat




Tacky's Support

Archiv für April, 2011

Einbildungspaket

Geschrieben von Johannis am 28. April 2011 um 09:48 Uhr

Im schwarzgelben Kabinett der Verblendeten und Verstrahlten gehört sie zwar nicht zu den Hassenswertesten, aber ich mag Ursula von der Leyen trotzdem nicht. Schon ihren Vater fand ich widerlich – ein schleimiger Dauerlächler und optimales Rollenvorbild für unseren pickelnarbigen Bundesaußenkasper, bevor er an Demenz erkrankte. Nein, nicht Guido ist an Demenz erkrankt, obwohl der auch schon erschreckende Symptome zeigt.

Ernst Albrecht, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, setzte in allerschönster Gutsherrenmanier den Salzstock in Gorleben auf die Liste jener Standorte, die angeblich für ein atomares Endlager geeignet und deshalb entsprechend erforscht werden sollten. Namhafte Wissenschaftler hatten zwar auf gravierende geologische Mängel des Gorlebener Salzstocks hingewiesen, aber das irritierte den Ministerpräsidenten nicht. Als phänotypisch arroganter Besserwisser erklärte Albrecht den Salzstock in Gorleben am 22. Februar 1977 zum vorläufigen Standort für die nationale Atommülldeponie. Ihm ging es dabei vor allem um die Nähe zur DDR-Grenze, denn im dünn besiedelten Zonenrandgebiet war jede Investition willkommen und die bäuerlich-konservative Bevölkerung ließ wenig Widerstand gegen das von der CDU gewollte Endlager erwarten.

Skrupel oder ein höher entwickeltes Demokratieverständnis waren dem Vater unserer jetzigen Arbeitsministerin etwa so fremd wie die Kiemenatmung, ließ er doch eigens zu seiner Bequemlichkeit eine Autobahn bauen, um schneller von seinem Landsitz in Burgdorf-Beinhorn zum Landtag in Hannover rauschen zu können. Und damit Albrechts Limousine auf dem Weg zur Autobahn nicht minutenlang an der oft verstopften B 188 warten musste, bekam er zusätzlich seine eigene funkgesteuerte Ampelanlage, die dem schwarzen Regenten eine immergrüne Welle garantierte. Der Gutsbesitzer amtierte 14 lange Jahre als Ministerpräsident in Hannover, und weil ich selbst einen Teil dieser Zeit in Niedersachsen lebte, wurzelt meine Abneigung gegen die Familie Albrecht in leidvoll erlebter Menschheitsgeschichte.

Albrechts Tochter Ursula, Spitzname Röschen und genau 9 Tage nach mir geboren, wuchs in großbürgerlich-machtbewusster Tradition auf und fühlte sich alsbald zum Herrschen berufen. Gut, erst studierte sie ein bisschen Volkswirtschaft, sattelte dann auf Medizin um, heiratete standesgerecht und blondinenkompatibel einen Medizin-Professor, schenkte ihm sieben Kinder, promovierte nebenher (hat schon jemand ihre Dissertation überprüft?) und beendete 1992 ihre Facharztausbildung ohne Abschluss. Kurz vorher trat Uschi der CDU bei und begann ihre politische Karriere, die sie vom Landesfachausschuss Sozialpolitik der CDU Niedersachsen über den Rat der Stadt Sehnde und den Hannoverschen Landtag bis ins Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend führte. Als dann das schwarzgelbe Ministeriumskarussell auf Touren kam und Franz Josef Jung am 30. November 2009 wegen erwiesener Unfähigkeit zurücktrat, wurde die Vorzeigetochter Ministerin für Arbeit und Soziales.

Was haben wir Ursula von der Leyen eigentlich zu verdanken, worin liegt ihre politische Leistung? Da fällt zuerst der Spitzname Zensursula, den man ihr für das rührige und weitgehend erfolglose Bemühen um effiziente Internetsperren verlieh. Ein rotes Stopp-Schild sollte unbelehrbar-dauergeile Freunde der Kinderpornografie von Schmuddelseiten weg und zurück auf den Pfad der Tugend bringen. Nach endlosen Debatten und viel Aufregung wurde das Zugangserschwerungsgesetz im Juni 2009 beschlossen, dann wegen handwerklicher Fehler ausgesetzt und musste mühsam nachgebessert werden. Es trat schließlich am 23. Februar 2010 in Kraft und ward gut ein Jahr später am 5. April 2011 wieder aufgehoben. Viel Geschrei um nichts, ein populistischer Sturm im Wasserglas.

Ähnlich erfolgreich verläuft nun die Einführung des Bildungspakets, mit dem Uschi rund zweieinhalb Millionen Kinder aus armen Familien beglücken will. Es klappt nämlich wieder nicht und man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass die Vorzeigemutti aus dem konservativ-begüterten Großbürgertum verdammt wenig Ahnung hat, wie Hartz4er und Wohngeldempfänger ticken und wo in diesem ihr fremden Milieu der billige Schuh drückt. Zuerst sollte bundesweit die Bildungs-Chipkarte eingeführt werden, um Uschis Wohltaten unters bedürftige Volk zu bringen. Jeder popelige Sportverein in Kleinkleckersdorf hätte dann erst mal einen teuren Chipkartenleser anschaffen müssen, falls halbwüchsige Unterschichtler mit Plastikkarte zum Training auflaufen sollten. Wahrscheinlich ist jemand aus der Familie Albrecht im Chipkartenleserbusiness und freute sich schon händereibend auf den warmen Umsatzregen, aber der blieb aus, denn man konnte Uschi die dämliche Idee ausreden. Der Opposition sei’s gedankt.

Nun werden bedürftige Bürger eben ohne Chipkarte mit dem Bildungspaket bedacht, aber nur erschreckend wenige danken es der großherzigen Uschi mit brav ausgefüllten Anträgen. Obwohl, so groß ist das Herz nicht, zumindest nicht ihr Herz für Arme. Schließlich hat sie kürzlich noch erbittert gegen eine Erhöhung der Hartz4-Regelsätze um mehr als jene beschämend-geizigen 5 Euro monatlich gekämpft, mit dem Erfolg, dass Sozialschmarotzer nach diversen Kungelrunden jetzt üppige 8 Euro mehr bekommen. Ganz die Adelige, von deren Tisch auch ein paar Brosamen fallen dürfen, um von Vögeln aufgepickt oder von Bettlern aufgelesen zu werden, gewährt Frau von der Leyen nun Zuschüsse zum Mittagessen in Kitas oder Ganztagsschulen. Letztere sind bekanntlich extrem rar. Außerdem zahlt sie maximal 10 Euro pro Monat für die Mitgliedschaft im Sportverein. Wie man allerdings aus einem Hartz4-Budget (251 Euro monatlich für Kinder bis 14 Jahre) Trikots, Hosen, Sportschuhe, Bälle, Schläger und all das andere sportliche Zeug bezahlen soll, verrät Uschi nicht. Wer keinen Sport mag, darf zum Musikunterricht, ebenfalls für 10 Euro monatlich. Toll, ich seh’ schon all die Unterschichtsblagen, wie sie sich die Finger auf der Geige wundfiedeln. Aber woher kommt die Geige, von einem Zehner im Monat? Wahrscheinlich verschenkt Frau von der Leyen die Instrumente ihrer sieben Vorzeigekinder. Auf weitere wundervolle Wohltaten kann und will ich hier nicht eingehen, lest es doch bitte selber nach auf der Webseite des Ministeriums für Arbeit und Soziales.

Jetzt ist jedenfalls klar, dass die sauteuren Plakate nicht wirken und nur eine winzige Minderheit überhaupt Anträge stellt, also wird wieder hektisch nachgebessert. Genau wie damals beim Zugangserschwerungsgesetz. Plötzlich kommt man auf den revolutionären Einfall, den Hartz4ern und Wohngeldempfängern einen erklärenden Brief zu schicken. Wow, Papier im Umschlag, mit der Post! Gut, nicht alle aus der Zielgruppe können lesen, aber die Idee ist nicht schlecht, vorausgesetzt der Schrieb wird nicht in typischem Beamtendeutsch verfasst. Briefeschreiben ist sicherlich sinnvoller als die teure Werbekampagne oder das Schalten einer kostenpflichtigen Hotline. Mit der beweist Uschi übrigens besonders nachdrücklich ihr hohes Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse der Unterschicht, denn die ministerielle Info-Nummer zum Bildungspaket (01805-676721 – ruft doch mal an und berichtet im Kommentar, wie lange ihr in der Warteschleife gehangen habt) kostet 14 Cent pro Minute aus dem Festnetz und 42 Cent mobil. Hartz4er schwimmen ja bekanntlich im Geld, daher ist eine kostenfreie 0800er Servicenummer offenbar überflüssig.

Warum nicht gleich Werbespots bei RTL2 und anderen Unterschichtensendern? Am besten im Nachmittagsprogramm, wenn die asozialen Rabeneltern endlich verkatert aus dem Bett gekrochen und noch nicht zu besoffen sind, um zu kapieren, was für ein wundervolles Bildungspaket die Uschi geschnürt hat. Fast so schön wie die herrlichen CARE-Pakete der Amis, oder all das Zeug, das wir in die Ostzone geschickt haben. Toll, Frau von der Leyen, ganz große Klasse!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 6 Kommentare »

Der Killer in mir

Geschrieben von Johannis am 25. April 2011 um 09:26 Uhr

Ich war mal Christ, dann gar nix, dann Buddhist und heute bin ich wieder gar nix. Die christliche Phase dauerte von meiner Taufe als Baby im Mai 1959 bis kurz nach meinem 18. Geburtstag. Kaum volljährig geworden trat ich 1976 aus der Kirche aus, ein Schritt, den ich nie bereut habe. Trotz meiner Abneigung gegen den vernagelten Christengott hab ich mich in den letzten drei Jahrzehnten ernsthaft mit verschiedenen Religionen, Konzepten und sogar mit der Esoterik befasst, bin aber zu dem Schluss gekommen, dass es keine höhere Macht gibt, an die es sich zu glauben lohnt. Kurz: Gott wär vielleicht schön, is aber nich. Beten ist Aberglaube, man programmiert damit höchstens das eigene Unterbewusstsein, keiner erhört dich. Gott ist nicht tot, er wurde nur gut erfunden. Selbst wenn du wolltest, kannst du also niemandem die Schuld für den allgegenwärtigen Wahnsinn in die Schuhe schieben. Van Morrison sang mal „It ain’t why, it just is.“ Im Zen-Buddhismus heißt es: „This is it“. Kein Zauber, kein Mysterium – es ist wie es ist. Einfach und gleichzeitig hochkompliziert.

Meine buddhistische Phase begann 1998, als ich erstmals in Nepal war. Vier Monate arbeitete ich dort als Freiwilliger in einer Leprastation, sechs Tage pro Woche, um mich dreihundert grotesk verstümmelte Menschen. Das klingt jetzt dramatisch, war es aber nicht, denn wir Volontäre wurden kaum gefordert, waren Teil der großen Augenwischerei. Ich war für einen umtriebigen deutschen Verein aus dem Ruhrgebiet nach Kathmandu gegangen und musste vor Ort feststellen, dass Lüge, Betrug und Korruption zum Kerngeschäft der germanischen Gutmenschen gehörten. Die heimische Staatsanwaltschaft ermittelte bereits wegen des Verdachts der Untreue, es ging um mindestens 150.000 Mark. Auch das nepalesische Management der Leprastation war durch und durch korrupt – Spenden von Touristen landeten in privaten Taschen, gearbeitet wurde nach Lust und Laune, und viele Mitarbeiter behandelten die ihnen anvertrauten Leprösen wie primitive Untermenschen.

Beschämend aber nachvollziehbar, denn im Kastenwesen der Hindus genießt jemand, den die Götter mit einer entstellenden Krankheit strafen und dem die Ratten dann später – weil er oder sie als Bettler im Dreck lebt, auf dem nackten Boden schläft und keinen Schmerz empfindet (Lepra zerstört Gewebe und Nervenbahnen) – Zehen, Finger, Ohr oder Nasenspitze abfressen, verständlicherweise nur minimales Ansehen. Lepröse sind an ihrer Misere selbst schuld, sie haben schlechtes Karma, und die gerechte Strafe der Götter für Sünden aus der Vergangenheit ist eben die Lepra. (Ist sie natürlich nicht, sondern genau wie Tuberkulose eine gut heilbare Infektionskrankheit, die man sich speziell bei Mangelernährung und fehlender Hygiene einfängt. Also bei Armut oder wenn man in einem Ghetto aufwächst, zusammengesperrt mit anderen Leprakranken.)

Doch zurück zum Buddha. An meinen freien Tagen – sonntags ruhte die Arbeit in der Leprastation und es wurden auch keine mitleidigen Touristen ausgenommen – pilgerte ich gern in jenen Stadtteil Kathmandus, der überwiegend von Tibetern bevölkert wird. In Boudhanath finden sich rund um den Stupa – ein bedeutendes buddhistische Heiligtum in Form eines gigantischen mehrstufigen Hügels, den die Gläubigen betend umrunden – gut zwei Dutzend tibetische Klöster, gegründet von geflohenen Mönchen nach der gewaltsamen Besetzung Tibets durch China. Um meinen 1998 noch vorhandenen spirituellen Hunger zu stillen und der verlogenen Atmosphäre des Lepraprojekts zu entfliehen, drehte ich sonntags im Strom der betenden Tibeter meine Runden um den Stupa, und gegen Ende meines Nepalaufenthalts suchte ich mir ein Kloster. Dort ließ ich mich, nach einigen Vorgesprächen und Recherchen über die Qualifikation des noch recht jungen Abtes, im April 1998 bei Shechen Rabjam Rinpoche zum Buddhisten taufen. Duch Zufall geriet ich dabei an einer der vier angesehensten tibetisch-buddhistischen Lehrer, in der Hierarchie steht Rabjam Rinpoche direkt unter dem Dalai Lama.

Als Belohnung für vier unerquickliche Monate als freiwilliger Helfer in einem Lepraprojekt voller Betrüger und Ausbeuter reiste ich dann nach Dharamsala in Indien. Dort unterrichtete ich tibetische Flüchtlinge in Englisch, lebte ein paar Wochen im Kloster, meditierte fleißig und studierte ein bisschen buddhistische Philosophie. Außerdem begegnete ich zum ersten Mal dem Dalai Lama, für den ich in den folgenden Jahren mehrmals arbeiten durfte, wenn er in Europa war. Das klingt jetzt bestimmt ziemlich nach Selbstbeweihräucherung und gar nicht nach buddhistischer Bescheidenheit. Außerdem höre ich schon eure Fragen: Wieso buddhistische Philosophie, das ist doch eine Religion? Und was hat das alles mit dem Killer zu tun, der angeblich in dir steckt?

Gute Fragen. Religion bedeutet Rückverbindung mit dem göttlichen Ursprung, aber im ursprünglichen Buddhismus gibt es keinen Gott. Der historische Buddha war durch und durch menschlich, er gab seinen Schülern eine Vielzahl von Hinweisen und Anregungen, wie sie ihre Selbsterkenntnis vorantreiben, ein sinnvolles Leben führen, niemandem schaden und möglichst vielen Lebewesen nutzen können. Das fand und finde ich am Buddhismus gut, er ist sowieso das einzige spirituelle Konzept, das ich einigermaßen glaubwürdig und nachahmenswert finde. In der buddhistischen Lehre geht es immer um die drei Ursachen von Leid – Gier, Hass und Verblendung. Um Leid zu vermeiden oder zu mindern wird man aufgefordert, liebgewonnene Glaubenssätze in Frage zu stellen und permanent den eigenen Standpunkt zu überprüfen. Im Buddhismus gibt es keine einfachen Wahrheiten, aber ein paar einfache Regeln, um ein halbwegs anständiger Mensch zu sein. Dazu gehört, dass man niemandem unnötiges Leid zufügt und achtsam mit Menschen, Tieren und Pflanzen umgeht. Man trampelt nicht zum Spaß auf Ameisen herum und prügelt weder Hund noch Frau oder Kind. Dies und andere sinnvolle Regeln haben offenbar dazu geführt, dass die meisten Buddhisten ungewöhnlich freundliche und friedfertige Zeitgenossen sind.

So, und nun kommt der Killer in mir. Obwohl ich mich vor einigen Jahren von allen religiös-weltanschaulichen Konzepten verabschiedet habe und schließlich auch die buddhistische Meditationspraxis an den Nagel hängte, befolge ich einige Regeln des Buddha. Spinnen werden in meiner Wohnung mit einem leeren Wasserglas eingefangen, unter das ich dann eine Postkarte schiebe und so das achtbeinige Insekt mit freundlichen Worten ins Freie setze. Nur ganz selten erlege ich solch ein Krabbelvieh mit dem Staubsauger, und immer wünsche ich der Spinne dann einen schnellen und gnädigen Tod. Neulich kroch ein Käferchen aus dem Salatkopf, ich war in Eile und hing unbuddhistischen Gedanken nach, und schwupps war das kleine Viech durch den Abfluss gespült. Mit kaltem Wasser und einer Restüberlebenschance, aber dennoch muss es eine verdammt lange und extrem unangenehme Reise sein, bis so ein Tierchen vom Küchenwaschbecken im ersten Stock durch vielfach gewundene, schleimig-schwarze Rohre in der Kanalisation draußen unterm Asphalt landet, und dort mit viel Glück einen dünnen Lichtstrahl erblickt, an klebrigen Rohrwandungen emporkrabbelt und schließlich entkräftet aus einem Gullyrost klettern kann. Vielleicht dauert seine Odyssee durch die feuchte Finsternis sogar tagelang, hockt der verängstigte Käfer im Abwasser auf einem Brocken Unaussprechlichem und treibt auf diesem Rettungsfloß entkräftet bis in die ferne Kläranlage, wo dann hoffentlich die wärmende Sonne auf ihn scheint.

Ja, solche Gedanken kamen mir, als ich neulich den kleinen Käfer achtlos wegspülte. Und ich musste an die Menschen in Japan denken, an den Tsunami, an bewohnte Häuser, die von gigantischen Wellen davongerissen werden. Wenn man es sich recht überlegt, sind auch wir nur kleine Käfer und treiben schutzlos durch eine unfassbar komplizierte Welt voller Gefahren. Wir verstehen wenig und brauchen eine Menge Glück, um heil durchzukommen. Glück, weil Gottvertrauen nicht hilft.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 5 Kommentare »

Kompetenzwindbeutel

Geschrieben von Johannis am 21. April 2011 um 09:36 Uhr

Hast du dich heute schon geschämt, und wenn ja, für wen? War es Fremdschämen oder ging es um deine Zellulitis, das Übergewicht beziehungsweise den zu kleinen Penis? Schämt sich eigentlich noch jemand bewusst, oder fühlt man sich einfach nur Scheiße? Das Wort Scham wird doch im Grunde vorwiegend als Bestandteil von Begriffen wie Schamlippenverkürzung (beliebt bei Pornodarstellerinnen und denen, die als künstlerischer Nachwuchs in dieses edle Filmfach streben) und Schamhaar (muss unbedingt weg, am besten wird der ganze Körper unterhalb der Augenlider komplett enthaart, das gilt mittlerweile für beide Geschlechter) gebraucht. Abseits vom Schamhügel hat der moderne Mensch eigentlich keine Verwendung für jenen Begriff, der im achten Jahrhundert aus dem althochdeutschen scama entstand. Im Englischen verrät die Doppelbedeutung von shame allerdings noch heute, dass Scham und Schande eng verwandt sind. Schande über uns, weil wir so gut verdrängen können, und Schande über alle, die uns tagtäglich gute Gründe geben, vor Scham bis zum Mittelpunkt der Erde zu versinken.

An wen ich da denke? Oh my god – würde ich sie alle nennen, hätte dieser Beitrag ruckzuck Rekordlänge. Es kann also nur eine winzige Auswahl geben, ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Repräsentativität. Doch wo anfangen? Etwa bei Silvio Berlusconi und dem Gejammer über 22.000 tunesische Flüchtlinge, die sein armes Italien nicht verkraftet, weshalb er den Tunesiern jetzt Touristenvisa ausstellt und sie von Lampedusa nach Frankreich schickt? Dort kommt jedoch kaum jemand an, stattdessen enden viele Flüchtlinge mittellos am Grenzübergang in Ventimiglia, weil die Franzosen sie nicht ins Land lassen. Aber wir wollen schließlich auch keine Tunesier, das betont unser dämlicher Innenfriedrich bei jeder unpassenden Gelegenheit, wir sind also kein Deut besser.

Weshalb dann schämen? Etwa, weil das kleine Tunesien mit seinen gut zehn Millionen Einwohnern trotz der schwierigen politischen und wirtschaftlichen Lage nach der Jasminrevolution bereits 600.000 Flüchtlinge aus Libyen aufgenommen hat, während 60 Millionen Italiener unter der unerträglichen Last von 22.000 Flüchtlingen in theatralisches Wehklagen ausbrechen? Oder doch wieder über Silvio Berlusconi, der vor zwei Jahren im tunesischen Privatsender Nessma folgende Sätze sprach: “Viele Italiener sind in der Vergangenheit emigriert und das verpflichtet uns, allen Menschen das Herz zu öffnen, die zu uns nach Italien kommen möchten. Und ihnen Arbeit und eine Wohnung zu geben, Schulen für die Kinder, Wohlstand, Behandlung in all unseren Krankenhäusern. Das ist die Politik meiner Regierung.” (Quelle: Deutschlandfunk) Dumm gelaufen, liebe Tunesier! In Europa liegt die Halbwertzeit von Politikeraussagen mittlerweile bei knapp sechs Wochen, Tendenz stetig sinkend. Nur der Vollständigkeit halber erwähne ich den anderen kleinwüchsigen Populisten, der aus dem Flüchtlingsdrama Kapital schlägt. Sarkozy (warum muss ich bloß immer an Kotze denken, wenn ich diesen Namen schreibe?) fürchtet zu Recht um seine Wiederwahl und bedient deshalb fleißig die französischen Ausländerfeinde und Nationalisten, bevor die rechtsextrem-arische Blondine Marine le Pen ihm deren Wählerstimmen wegschnappt.

Ein anderes Thema, über dass man sich jetzt kurz vor Ostern wunderbar schämen kann, ist Libyen (wird in deutschen Medien immer noch gern Lühbien genannt). Dort kämpfen seit rund zwei Monaten schlecht ausgerüstete Zivilisten gegen Armee und Söldnertruppen des bekanntermaßen wahnsinnigen Diktators. Sie kämpfen nicht aus Mordlust oder Langeweile, sondern für Freiheit, Gerechtigkeit und Selbstbestimmung – durchaus legitime Ziele. Nachdem die Weltöffentlichkeit wochenlang zuschaute, wie die Rebellen von Gaddafis Truppen massakriert wurden, rang sich die UN am 18. März eine Resolution ab, die den Schutz der Zivilbevölkerung sichern sollte. Bald darauf begannen Briten, Franzosen und Amerikaner mit Angriffen auf Einrichtungen des libyschen Militärs, bombardierten Waffenlager, schossen Panzer ab und unterstützten die Offensive der Rebellen sehr energisch. Eine Zeitlang schien es tatsächlich, als würde auch der irre Gaddafi bald auf dem Müllhaufen der Geschichte landen und Libyen somit als drittes nordafrikanisches Land den Weg in die Freiheit finden, kurz durfte man hoffen, dass unnötiges Blutvergießen vermieden würde.

Bis die NATO das Kommando über die Einsätze in Libyen übernahm. Von einem Tag zum anderen gewannen Gaddafis Truppen wieder an Boden, kam der Vormarsch der Rebellen ins Stocken, mehrten sich schaurige Berichte und Bilder von Gräueltaten, die Gaddafis Soldaten an der Zivilbevölkerung begangen. Viele Köche verderben den Brei, und im NATO-Stab sitzen offensichtlich so viele löffelschwingende Kompetenzwindbeutel, dass eine effektive Unterstützung der Rebellen höchst effektiv verhindert wird. Das von mir kürzlich kreierte Wort Kompetenzwindbeutel klingt irreführend, denn Windbeutel (auch Ofenküchlein oder Brandteigkrapfen) sind schließlich delikates Feingebäck und, obwohl hohl, mitnichten ohne Inhalt. Schlagsahne, Vanillecreme, fruchtiges Allerlei – das füllt den appetitlichen Windbeutel und erfreut die Zunge. Im Kompetenzwindbeutel hingegen ist nur Leere, allerhöchstens finden sich dort Unfähigkeit, feiges Taktieren, peinliches Zaudern und Missgunst. Um im kulinarischen Duktus zu bleiben: Die NATO-Köche kriegen nichts gebacken, kleckern statt zu klotzen, und versauen dabei die ganze Küche. Shame on them!

Unser aller Lieblingsaußenminister (wir erinnern uns, dass Deutschland seinetwegen im UN-Sicherheitsrat gegen Hilfe für die Libyer votierte bzw. sich beschämenderweise der Stimme enthielt) sonnte sich am Dienstag im Licht der ägyptischen Revolution auf dem Tahrir-Platz in Kairo. Dauergrinsend und schulterklopfend salbaderte er von Solidarität und Freiheit, während tausend Kilometer westlich Streubomben fielen und Gaddafis Truppen die Stadt Misrata zurückeroberten. Die Stadt ist so groß wie Dortmund, hat eine halbe Million Einwohner. Zwei Journalisten der ZEIT begleiteten neulich ein Schiff mit Waffen und Nachschub von Bengasi nach Misrata, der Transport wurde unterwegs zweimal gestoppt, von italienischen und griechischen Marinesoldaten, weil der NATO-Stab niemanden informiert hatte. Die Rebellen beklagen sich offenbar zu Recht über mangelnde Unterstützung, seit die NATO das Kommando hat. Gaddafi kann ungestraft libysche Städte mit schwerer Artillerie beschießen und festigt seine bröckelnde Macht. Mittlerweile gibt es Beweise für Massenvergewaltigungen, werden Frauen und Kinder auf offener Straße von Scharfschützen getötet und auch der Abwurf der international geächtete Streubomben ist belegt. Gaddafi leugnet natürlich alles, aber er ist eben ein aktenkundig Wahninniger, das weiß man seit Jahrzehnten. Wir schauen weiter zu, verfolgen das Drama beschämt oder gleichgültig.

Übrigens, während das Krisenmanagement des Kraftwerksbetreibers TEPCO weltweit zu Dauerschamesröte führt (die Firma schafft es nicht mal, ihre Katastrophenhelfer anständig zu verpflegen), beteiligen sich in Japan 20.000 amerikanische Soldaten an den Aufräumarbeiten. Ein wichtiger Einsatz, wichtig auch für das angeschlagene Ansehen der US-Amerikaner und ihrer wackeligen Regierung. Trotzdem wünsche ich mir, ein Teil der Truppen würden von Japan nach Libyen verlegt, um dort das mörderische Gaddafi-Regime zu bekämpfen. Aber wahrscheinlich darf die NATO auch weiterhin dilettantisch in Libyen herumexperimentieren, obwohl dort tagtäglich viele Menschen unschuldig sterben. Während der dänische Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen (ein widerwärtig windiger Typ, dem ich auch im äußersten Notfall keinen Gebrauchtwagen abkaufen würde) die zunehmend gelangweilte Weltöffentlichkeit mit täglichen Laberattacken einlullt, bereitet der türkische Premier Erdogan hinter den Kulissen seinen großen Auftritt vor, denn er will kaninchengleich eine diplomatische Libyen-Lösung aus dem Hut zaubern. Sozusagen ein Deal unter islamischen Freunden, als Faustpfand für den EU-Beitritt der Türkei. Falls auch dieser Trick misslingt und der Aufstand der Libyer im Blut von Rebellen und Zivilisten ertränkt wird, freut sich wenigstens Guido Westerwelle, denn er hat ja von Anfang an vor jeder Einmischung in den libyschen Konflikt gewarnt.

So, ihr Lieben, das muss für heute reichen. Schämt euch nicht zu sehr und genießt das sonnige Osterwochenende.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 3 Kommentare »

Egotripper

Geschrieben von Johannis am 18. April 2011 um 09:54 Uhr

Toleranz ist ein Begriff, der heutzutage eigentlich nur noch in Wissenschaft und Technik gebraucht wird. Fehlertoleranz, Abweichung vom Soll-Wert, Belastbarkeit durch Gifte oder Radioaktivität – solche Dinge eben. Aber Toleranz im Alltag, so ganz real zwischen lebenden Menschen? Muss doch nicht sein, oder? Von Altruismus oder Nächstenliebe ganz zu schweigen, ich will mich ja nicht lächerlich machen.

Jeder Mensch hat ein Ego. Es wird gepäppelt und gehätschelt, gepflegt und aufgebläht, und seit einigen Jahrzehnten ist das Ego – zumindest in den reichen Industrieländern, die unterentwickelten Drittweltwilden tun sich noch etwas schwer damit – wichtiger als Frau, Haus, Auto, Hund und alles andere. Na gut, bei uns Deutschen vielleicht nicht wichtiger als das Auto, aber zumindest gleichbedeutend. Die Egomanie treibt ständig neue kunterbunte Blüten und der Egomane pflegt seinen Egoismus mit Hingabe. Sein Motto: Erst komme ich, dann kommt gaaanz lange gar nichts, und schließlich die nervigen Mitmenschen. Eigentlich ließe sich sogar auf Mitmenschen sehr gut verzichten, aber schließlich braucht man als Selbstdarsteller ein Publikum und gelegentlich einen willigen menschlichen Leib für die individuelle Lustbefriedigung und zum Austausch von Körperflüssigkeiten. Aber sonst? Sollen mich alle am Arsch lecken, das scheint die Lebensmaxime des modernen Durchschnittsbürgers im Jahr 2011 nach Christi Geburt zu sein.

Was mich jetzt zu dieser intoleranten Hasstirade bringt? Die Wirklichkeit. Na ja, bestimmte Aspekte. Ich mach es mal an zwei Beispielen fest: Neulich besuchte ich einen örtlichen Lidl-Markt, das langweilige Warum und Wieso erspare ich euch. Gleich im ersten Gang meditierte eine Frau – Mitte vierzig, durchschnittliches Äußeres, leicht zickige Gesichtstapete – vor übervollen Regalen und hatte ihren leeren Einkaufswagen so geparkt, das es kein Vorbeikommen gab. Mit einem freundlichen „Ich darf den mal zur Seite schieben, ja?“ rangierte ich das Gitterdrahtgefährt beiseite, um passieren und meines Wege gehen zu können. Ihr „Aber sicher“ klang blasiert und biestig, ganz so, als hätte ich gefragt, ob Fliegen fliegen können oder ob der Bär in den Wald scheißt. Aber egal, sie passte eh nicht in mein Beuteschema.

Zehn Minuten später stellte ich mich mit vollem Einkaufswagen an der einzigen offenen Kasse an, es war drei Uhr nachmittags und die Schlange etwas länger, maximal acht Kunden. Ankunft besagter Dame, obwohl sie definitiv keine ist. „Könn’se mal noch ’ne andere Kasse aufmachen!“ krähte sie sofort los, erzielte aber keine Reaktion. Sekunden später kam vom Ende der Schlange derselbe Text, mit dünn-quietschiger Stimme, der Tonfall schon ziemlich beleidigt. Null Resonanz, denn die Kassiererin – Mitte vierzig, durchschnittliches Äußeres, angestrengt-müder Blick – saß fünfzehn Meter weit weg, arbeitete konzentriert und musste dabei noch einem älteren Kunden zuhören. Also ging ich zur Kasse vor – nicht zuletzt weil ich eine Allergie gegen quietschige Frauenstimmen habe – äußerte eine höfliche Bitte, in der auch das Wort mit Doppel-T vorkam (Nein, nicht flott), und machte bei meiner Rückkehr eine begütigend-erklärende Bemerkung. Sinngemäß: Hab Bescheid gesagt, es kommt gleich jemand. Darauf die Trägerin der zickigen Gesichtstapete: „Das war doch Absicht von der!“ (Übersetzung für Nichtegomanen: Die Kassiererin ignoriert mich willentlich!) Inhalt ihres Einkaufswagens: Ein Sechserpack Mineralwasser, 0,5-Literflaschen. Ihre Gesamtverweildauer im Markt: Mindestens zehn Minuten. Diagnose: Egoistische Kuh, Wichtigtuerin, professionelle Nervensäge.

Kurz darauf kam ich vorn an und habe mich bei der Kassiererin entschuldigt. Für das Verhalten der blöden Zicke, die an der mittlerweile geöffneten Nachbarkasse zahlte. Als ich dann noch in mitfühlendem Ton erwähnte, dass die unerfreulichen Arbeitsbedingungen bei Lidl wohl allgemein bekannt wären, schenkte die Kassiererin mir ein herzerwärmend dankbares Lächeln, das mich im Geiste durch den Rest des Tages begleitete.

Zweites Beispiel: Bei uns im Haus ist kürzlich ein Mann mit einer Beinprothese eingezogen, Anfang vierzig, sportlicher Typ. Er trägt sein gelenkiges Aluminiumbein stets offen unter der abgeschnittenen Hose, wohl als Werbung, denn sein Geld verdient er als Mobilitätstrainer für Menschen mit Prothesen. Bekanntlich bin ich hier der ehrenamtliche Hausmeister, was für die Mitbewohner eigentlich nur Vorteile hat. Weil ich im Homeoffice arbeite, nehme ich tagsüber Paketsendungen an und kümmere mich um Handwerker, Schornsteinfeger und Verwandtes. Außerdem verleihe ich nach Feierabend meine Bohrmaschine und anderes Werkzeug, so auch an den neuen Mitbewohner. Im Februar kamen dann drei Mann vom Tiefbauamt, um vorm Haus den Behindertenparkplatz zu markieren. Weil der neue Nachbar einen japanischen Winzwagen (Nissan Micra, Länge 372 Zentimeter) fährt und Parkplätze in unserer Gegend knapp sind, hatte er mir schon Wochen zuvor gesagt, er wolle die sieben Meter, auf die er angeblich ein Anrecht habe, nicht beanspruchen. Sehr rücksichtsvoll. Als die Tiefbaufritzen mit Schild und weißen Markierungsstreifen vor der Tür standen, lag der überwiegend nachtaktive Nachbar noch samt Freundin im Bett. Dumm gelaufen. Also flitzte ich in den frostigen Morgen und regelte vorm Haus die Sache, auch im Interesse der automobilen Anlieger. Der Nachbar, er tauchte irgendwann verpooft am Fenster auf und ich nenne ihn mal Herrn X., bekam also fünf Meter markiert, ein Schild wurde aufgestellt und alles war gut. Erstmal.

Erstmal, denn bald stellte sich heraus, dass Herr X. trotz Automatik und Servolenkung nicht einparken kann. Oder nicht will. Entweder stand er schräg in seiner Lücke oder der Kleinstwagen ragte achtern einen halben Meter über die weiße Begrenzung raus. Dabei mauerte Herr X. gern andere Autos ein, was bei Anwohnern wiederholt zu Verärgerung, Kopfschütteln und Spott führte. Außerdem brachte es mich neulich dazu, meinen ausgewachsenen Kombi so abzustellen, dass Herr X. mehr oder weniger gezwungen war, seine kleine Fischkiste innerhalb der ihm zustehenden fünf Meter zu parken. Nennt es pädagogische Maßnahme, Dummheit, korinthenkackerische Kleinkariertheit – ganz wie ihr wollt. Als Resultat durfte ich einen KFZ-Sachverständigen aufsuchen, denn Herr X. hat meine Karre gerammt, und zwar so heftig, dass sie trotz angezogener Handbremse um ein gutes Stück nach hinten versetzt wurde. Angeblich bemerkte er die Kollision nicht, obwohl er nach dem derben Rempler an einem mittelschweren Schleudertrauma leiden müsste.

Zum Glück hörte ein anderer Hausbewohner den lauten Knall, schaute aus dem Fenster und alarmierte mich postwendend. Die Versicherung von Herrn X. wird nun blechen müssen, auf eine gütliche und für ihn billigere Einigung unter Nachbarn legte er nämlich keinen Wert. Stattdessen rief er am nächsten Tag beim Tiefbauamt an, und die haben nun seinen Parkplatz vergrößert. Auf zehn Meter, eine Fläche, die vorher für zwei ausgewachsene Fahrzeuge reichte. Ist Herr X. ein Egomane? Vielleicht. Darf man ihn und die Lidl-Kundin mit der zickigen Gesichtstapete deswegen als rücksichtslose Arschlöcher beschimpfen? Wohl nicht.

Vor allem, weil das Arschloch bei Wirbeltieren an der rückwärtigen Körperseite angebracht ist, zumindest wenn keine Missbildung oder chirurgische Umleitung vorliegt. Rücksicht wäre demzufolge Innenschau, Selbstreflektion. Wenn ein Arschloch also nicht geradeaus kucken kann, ist es ein blindes Arschloch. Herr X. kann sich darauf verlassen, dass ich in Zukunft alle Pakete von DHL, Hermes, UPS und sonstigen Kurierdiensten abweisen und ihm auch meine Bohrmaschine nicht mehr leihen werde. Da bin ich dann rücksichtslos.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 7 Kommentare »

Klimaschutz? Nein, danke!

Geschrieben von Johannis am 14. April 2011 um 09:37 Uhr

Während halb Thailand unter Wasser stand und Europa Rekordwerte bei der Frühlingserwärmung erreichte, trafen sich neulich in Bangkok die Delegationen aus 163 Staaten, um über globalen Klimaschutz zu verhandeln. Österreich erlebte den heißesten Aprilbeginn seit fünfzig Jahren (in Pörtschach, Kärnten, wurden am 07. April 29,5 Grad gemessen) aber die Atmosphäre in Bangkok war eher frostig. Fünf Tage lang zankten sich die Delegierten und brachten außer einem in letzter Minute hastig zusammengestrickten Fahrplan für die nächste Verhandlungsrunde nichts zustande. Die findet im Juni hier bei uns in Bonn statt, und dann folgt im November der nächste große UN-Klimagipfel in Südafrika. Toll, oder?

Erwartet eigentlich noch jemand, dass bei all diesen extrem teuren Konferenzen und Verhandlungsmarathons irgendetwas herauskommt? Außer heißer Luft und Bonusmeilen, meine ich? Doch wohl kaum. Seit dem Maximalflop von Kopenhagen, im Dezember 2009 war das, hat sich die Weltöffentlichkeit offenbar damit abgefunden, dass Klimaschutz nicht stattfindet. Lippenbekenntnisse allenthalben, aber keine glaubwürdigen Beschlüsse, die uns dem Ziel näher bringen würden. Welches Ziel? Eine Begrenzung der durchschnittlichen Erwärmung auf höchstens 2 Grad oberhalb jener Temperatur, die vor Beginn des Industriezeitalters auf diesem Planeten herrschte. Derzeit liegen wir etwa 0,7 Grad darüber und bekommen bereits empfindlich zu spüren, was dieser eher geringe Temperaturanstieg bedeutet. Die bislang international vereinbarten und beschämend halbherzigen Klimaschutzmaßnahmen werden aber zu einer Erwärmung von 3,9 Grad führen, fast das Doppelte des schlimmstenfalls Vertretbaren. Als Konsequenz drohen der Menschheit und Umwelt sowie Flora und Fauna katastrophale Folgen von unvorstellbarem Ausmaß.

Na und? Natürlich sagt kaum jemand kackdreist na und, denn unsere Verdrängungsmechanismen funktionieren viel subtiler. Ist doch noch weit weg, diese angebliche Klimakatastrophe. Wer weiß, ob’s überhaupt so schlimm kommt, wie die Wissenschaftler behaupten. Panikmache. Abzocke. Hysterie. Das hatte man nach Tschernobyl auch gesagt und deshalb sind weltweit über 400 Atomreaktoren am Netz. Gut, im Moment gibt es ein bisschen Aufruhr und beim letzten schweren Nachbeben in Japan ist schon wieder ein Kraftwerk leckgeschlagen, aber wenn die Reaktoren in Fukushima nicht völlig außer Kontrolle geraten, wird schon bald Gras über die Sache wachsen. Schließlich dürfen sogar Milch und Gemüse aus der verstrahlten Provinz wieder in den Handel gebracht werden, vor laufenden Kameras biss der japanische Premierminister Naoto Kan vorgestern symbolisch in eine Tomate aus Fukushima. Ist doch bestimmt alles bloß halb so schlimm.

Als Durchschnittsbürger ist man schlicht überfordert, wenn es um eine verlässliche Einordnung all jener Daten und Informationen geht, die Tag für Tag auf uns einprasseln. Wirtschaft, Terror, Völkermord, Eurokrise, Lampedusa, Atomkraft und das Klima – wer kann die Übersicht behalten und halbwegs rational reagieren? Entweder verdrängen, leugnen und verniedlichen, oder in hysterische Panik verfallen – zwischen diesen Extremen scheint sich wenig abzuspielen. Radioaktive Strahlung kann man nicht sehen, hören, fühlen, riechen oder schmecken – doch der Klimawandel macht sich deutlich bemerkbar. Geigerzähler und Jodtabletten waren schon vor Wochen ausverkauft, in Deutschland wohlgemerkt, aber der Klimawandel ist kein Thema. Warum nicht? Dabei erlebte Mitteleuropa gerade den dritten ungewöhnlich kalten Winter in Folge, was auf eine deutliche Abschwächung des wärmenden Golfstroms hinweist. Französische Wissenschaftler ließen schon im Jahr 2006 ein eisgängiges Segelschiff im Packeis vor Sibirien einfrieren, um die historische Reise der Fram experimentell nachzuvollziehen. Der Norweger Fridtjof Nansen hatte im Sommer 1893 sein Schiff ins Packeis gesegelt und dort einfrieren lassen, um mithilfe der Packeisdrift den Nordpol zu erreichen. Dieser Erfolg blieb ihm versagt, aber er konnte beweisen, dass Wind und Meeresströmungen die gigantischen Eismassen in westlicher Richtung von Sibirien nach Spitzbergen versetzen.

Die Reise der Fram durch das Eis dauerte 1893 gut drei Jahre, doch die Tara brauchte nur ein Drittel der für ihre Route vorausberechneten Zeit, weil das Eis erschreckend dünn ist und immer schneller schmilzt. Im Januar 2008 gab das Eis die Tara frei, nach 507 Tagen Drift im Packeis. Schon im Oktober 2007 setzte der Winter im Nordpolarmeer einen vollen Monat später ein als sonst, und aktuelle Messungen ergeben alarmierende Beweise für ein rasantes Schmelzen der Eismassen um den Nordpol, aber besonders auf Grönland. Gigantische Mengen von Süßwasser fließen dabei in den kalten salzigen Atlantik, sie verändern den Temperaturaustausch zwischen Wasserschichten in verschiedenen Tiefen und dazu die Verbreitung von Krill und anderen Meerestieren. Doch vor allem ändern sich die Meeresströmungen und damit auch das Klima bestimmter Erdteile. An der Atlantikküste von Kanada war es beispielsweise zur Winterolympiade im Februar 2010 ungewöhnlich warm, während Europa unter Schnee und Kälte ächzte. Die Anzeichen für massive Verlagerungen der Meeresströmungen mehren sich dramatisch, schon im Sommer des Jahres 2020 könnte der Nordpol erstmals eisfrei sein.

Mittlerweile wird klar, dass Klimawandel nicht unbedingt mehr Wärme für alle bedeutet. Gerade Mitteleuropa muss sich auf längere, kältere Winter und feuchte Sommer einrichten, Südeuropa hingegen wird nach feuchten Wintern im Sommer zunehmend unter Dürre und Gluthitze leiden. Machen wir uns doch nichts vor – unser Klima gerät nicht irgendwann in weiter Ferne aus dem Gleichgewicht, sondern dieser Prozess hat längst begonnen. Die zögerliche Haltung vieler Staaten, bedingt durch unverhohlenen Eigennutz von Ländern wie Russland, den USA oder China, aber auch durch radikale Forderungen mancher Drittweltstaaten, ist skandalös. Doch an Skandale sind wir leider viel zu gut gewöhnt, sie gehören zum Alltag wie Windeln, Brot und Bier. Daher steht zu befürchten, dass weder im Juni in Bonn noch im Dezember in Durban ein Nachfolgeabkommen für das Kyoto-Protokolls beschlossen wird. Das Kyoto-Protokoll – an sich schon ein zahnloser Tiger – läuft 2012 aus, also im kommenden Jahr. Und dann?

Die Katastrophe von Tschernobyl wurde lange verheimlicht, aber die Bilder der explodierenden Reaktorgebäude in Fukushima gingen fast in Echtzeit um die ganze Welt, sie haben sich tief ins kollektive Bewusstsein der Menschheit eingebrannt. Dort wirken sie und verändern das Bewusstsein von Milliarden Menschen, genau wie damals die Bilder vom Einsturz der Türme des World Trade Centers unser Denken und Fühlen veränderten. Man darf also hoffen, dass sich die Haltung zu Atomenergie und den unbeherrschbaren Risiken beim Betrieb von Kernkraftwerken wandeln wird, nachdem die diffuse Gefahr erneut ein reales Antlitz bekommen hat. Je länger Fukushima in den Medien bleibt, desto besser. Doch all die Überschwemmungen, Taifune, Schneestürme und Dürrekatastrophen, die uns ständig in den Abendnachrichten präsentiert werden, reichen offenbar nicht aus, um ein Umdenken in der Klimafrage zu bewirken.

Dabei ist die Gefahr, die uns bei einer globalen Erwärmung um vier oder mehr Grad droht, mindestens so real wie die eines Super-GAUs in einem der 443 aktiven Atomkraftwerke dieser Erde. Die Folgen der atomaren Desaster in Tschernobyl und Fukushima sind verheerend, aber nur alberner Kleinkram gegen die Auswirkungen einer globalen Erwärmung um ein Drei- bis Zehnfaches des bisherigen Anstiegs. Der Menschheit stehen Katastrophen bevor, die sich kaum jemand vorstellen kann. Meine derzeitige Restlebenserwartung beträgt laut Statistik noch 26 Jahre und ich bin nicht sicher, ob ich diesen Zeitraum voll ausschöpfen möchte. Kinder, die nach dem Jahr 2000 zur Welt kamen, werden sich wohl irgendwann wünschen, nie geboren zu sein. Und sie werden uns verfluchen für jene selbstgefällig-satte Tatenlosigkeit, mit der wir zuschauten, wie unser Heimatplanet weitgehend unbewohnbar wurde.

Werden wir im Juni in Bonn große Demonstrationen erleben, gehen dann Millionen Bürger für Klimaschutz auf die Straßen? Oder wird Bonn nur ein weitgehend unbeachtetes Vorbereitungstreffen sein, damit im Dezember in Durban der nächste folgenlose UN-Klimagipfel abgehalten werden kann? Wie lange wollen wir diese skandalöse Zögerlichkeit erdulden, warum die offenkundige Unfähigkeit unserer Politiker mit einem Achselzucken hinnehmen, obwohl es um die Zukunft aller Menschen, Tiere und Pflanzen auf diesem Planeten geht? Warten wir womöglich, bis es endgültig zu spät ist? Ich fürchte, so wird es kommen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 8 Kommentare »