Einbildungspaket
Geschrieben von Johannis am 28. April 2011 um 09:48 Uhr
Im schwarzgelben Kabinett der Verblendeten und Verstrahlten gehört sie zwar nicht zu den Hassenswertesten, aber ich mag Ursula von der Leyen trotzdem nicht. Schon ihren Vater fand ich widerlich – ein schleimiger Dauerlächler und optimales Rollenvorbild für unseren pickelnarbigen Bundesaußenkasper, bevor er an Demenz erkrankte. Nein, nicht Guido ist an Demenz erkrankt, obwohl der auch schon erschreckende Symptome zeigt.
Ernst Albrecht, damals Ministerpräsident von Niedersachsen, setzte in allerschönster Gutsherrenmanier den Salzstock in Gorleben auf die Liste jener Standorte, die angeblich für ein atomares Endlager geeignet und deshalb entsprechend erforscht werden sollten. Namhafte Wissenschaftler hatten zwar auf gravierende geologische Mängel des Gorlebener Salzstocks hingewiesen, aber das irritierte den Ministerpräsidenten nicht. Als phänotypisch arroganter Besserwisser erklärte Albrecht den Salzstock in Gorleben am 22. Februar 1977 zum vorläufigen Standort für die nationale Atommülldeponie. Ihm ging es dabei vor allem um die Nähe zur DDR-Grenze, denn im dünn besiedelten Zonenrandgebiet war jede Investition willkommen und die bäuerlich-konservative Bevölkerung ließ wenig Widerstand gegen das von der CDU gewollte Endlager erwarten.
Skrupel oder ein höher entwickeltes Demokratieverständnis waren dem Vater unserer jetzigen Arbeitsministerin etwa so fremd wie die Kiemenatmung, ließ er doch eigens zu seiner Bequemlichkeit eine Autobahn bauen, um schneller von seinem Landsitz in Burgdorf-Beinhorn zum Landtag in Hannover rauschen zu können. Und damit Albrechts Limousine auf dem Weg zur Autobahn nicht minutenlang an der oft verstopften B 188 warten musste, bekam er zusätzlich seine eigene funkgesteuerte Ampelanlage, die dem schwarzen Regenten eine immergrüne Welle garantierte. Der Gutsbesitzer amtierte 14 lange Jahre als Ministerpräsident in Hannover, und weil ich selbst einen Teil dieser Zeit in Niedersachsen lebte, wurzelt meine Abneigung gegen die Familie Albrecht in leidvoll erlebter Menschheitsgeschichte.
Albrechts Tochter Ursula, Spitzname Röschen und genau 9 Tage nach mir geboren, wuchs in großbürgerlich-machtbewusster Tradition auf und fühlte sich alsbald zum Herrschen berufen. Gut, erst studierte sie ein bisschen Volkswirtschaft, sattelte dann auf Medizin um, heiratete standesgerecht und blondinenkompatibel einen Medizin-Professor, schenkte ihm sieben Kinder, promovierte nebenher (hat schon jemand ihre Dissertation überprüft?) und beendete 1992 ihre Facharztausbildung ohne Abschluss. Kurz vorher trat Uschi der CDU bei und begann ihre politische Karriere, die sie vom Landesfachausschuss Sozialpolitik der CDU Niedersachsen über den Rat der Stadt Sehnde und den Hannoverschen Landtag bis ins Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend führte. Als dann das schwarzgelbe Ministeriumskarussell auf Touren kam und Franz Josef Jung am 30. November 2009 wegen erwiesener Unfähigkeit zurücktrat, wurde die Vorzeigetochter Ministerin für Arbeit und Soziales.
Was haben wir Ursula von der Leyen eigentlich zu verdanken, worin liegt ihre politische Leistung? Da fällt zuerst der Spitzname Zensursula, den man ihr für das rührige und weitgehend erfolglose Bemühen um effiziente Internetsperren verlieh. Ein rotes Stopp-Schild sollte unbelehrbar-dauergeile Freunde der Kinderpornografie von Schmuddelseiten weg und zurück auf den Pfad der Tugend bringen. Nach endlosen Debatten und viel Aufregung wurde das Zugangserschwerungsgesetz im Juni 2009 beschlossen, dann wegen handwerklicher Fehler ausgesetzt und musste mühsam nachgebessert werden. Es trat schließlich am 23. Februar 2010 in Kraft und ward gut ein Jahr später am 5. April 2011 wieder aufgehoben. Viel Geschrei um nichts, ein populistischer Sturm im Wasserglas.
Ähnlich erfolgreich verläuft nun die Einführung des Bildungspakets, mit dem Uschi rund zweieinhalb Millionen Kinder aus armen Familien beglücken will. Es klappt nämlich wieder nicht und man kann sich des Verdachts nicht erwehren, dass die Vorzeigemutti aus dem konservativ-begüterten Großbürgertum verdammt wenig Ahnung hat, wie Hartz4er und Wohngeldempfänger ticken und wo in diesem ihr fremden Milieu der billige Schuh drückt. Zuerst sollte bundesweit die Bildungs-Chipkarte eingeführt werden, um Uschis Wohltaten unters bedürftige Volk zu bringen. Jeder popelige Sportverein in Kleinkleckersdorf hätte dann erst mal einen teuren Chipkartenleser anschaffen müssen, falls halbwüchsige Unterschichtler mit Plastikkarte zum Training auflaufen sollten. Wahrscheinlich ist jemand aus der Familie Albrecht im Chipkartenleserbusiness und freute sich schon händereibend auf den warmen Umsatzregen, aber der blieb aus, denn man konnte Uschi die dämliche Idee ausreden. Der Opposition sei’s gedankt.
Nun werden bedürftige Bürger eben ohne Chipkarte mit dem Bildungspaket bedacht, aber nur erschreckend wenige danken es der großherzigen Uschi mit brav ausgefüllten Anträgen. Obwohl, so groß ist das Herz nicht, zumindest nicht ihr Herz für Arme. Schließlich hat sie kürzlich noch erbittert gegen eine Erhöhung der Hartz4-Regelsätze um mehr als jene beschämend-geizigen 5 Euro monatlich gekämpft, mit dem Erfolg, dass Sozialschmarotzer nach diversen Kungelrunden jetzt üppige 8 Euro mehr bekommen. Ganz die Adelige, von deren Tisch auch ein paar Brosamen fallen dürfen, um von Vögeln aufgepickt oder von Bettlern aufgelesen zu werden, gewährt Frau von der Leyen nun Zuschüsse zum Mittagessen in Kitas oder Ganztagsschulen. Letztere sind bekanntlich extrem rar. Außerdem zahlt sie maximal 10 Euro pro Monat für die Mitgliedschaft im Sportverein. Wie man allerdings aus einem Hartz4-Budget (251 Euro monatlich für Kinder bis 14 Jahre) Trikots, Hosen, Sportschuhe, Bälle, Schläger und all das andere sportliche Zeug bezahlen soll, verrät Uschi nicht. Wer keinen Sport mag, darf zum Musikunterricht, ebenfalls für 10 Euro monatlich. Toll, ich seh’ schon all die Unterschichtsblagen, wie sie sich die Finger auf der Geige wundfiedeln. Aber woher kommt die Geige, von einem Zehner im Monat? Wahrscheinlich verschenkt Frau von der Leyen die Instrumente ihrer sieben Vorzeigekinder. Auf weitere wundervolle Wohltaten kann und will ich hier nicht eingehen, lest es doch bitte selber nach auf der Webseite des Ministeriums für Arbeit und Soziales.
Jetzt ist jedenfalls klar, dass die sauteuren Plakate nicht wirken und nur eine winzige Minderheit überhaupt Anträge stellt, also wird wieder hektisch nachgebessert. Genau wie damals beim Zugangserschwerungsgesetz. Plötzlich kommt man auf den revolutionären Einfall, den Hartz4ern und Wohngeldempfängern einen erklärenden Brief zu schicken. Wow, Papier im Umschlag, mit der Post! Gut, nicht alle aus der Zielgruppe können lesen, aber die Idee ist nicht schlecht, vorausgesetzt der Schrieb wird nicht in typischem Beamtendeutsch verfasst. Briefeschreiben ist sicherlich sinnvoller als die teure Werbekampagne oder das Schalten einer kostenpflichtigen Hotline. Mit der beweist Uschi übrigens besonders nachdrücklich ihr hohes Einfühlungsvermögen für die Bedürfnisse der Unterschicht, denn die ministerielle Info-Nummer zum Bildungspaket (01805-676721 – ruft doch mal an und berichtet im Kommentar, wie lange ihr in der Warteschleife gehangen habt) kostet 14 Cent pro Minute aus dem Festnetz und 42 Cent mobil. Hartz4er schwimmen ja bekanntlich im Geld, daher ist eine kostenfreie 0800er Servicenummer offenbar überflüssig.
Warum nicht gleich Werbespots bei RTL2 und anderen Unterschichtensendern? Am besten im Nachmittagsprogramm, wenn die asozialen Rabeneltern endlich verkatert aus dem Bett gekrochen und noch nicht zu besoffen sind, um zu kapieren, was für ein wundervolles Bildungspaket die Uschi geschnürt hat. Fast so schön wie die herrlichen CARE-Pakete der Amis, oder all das Zeug, das wir in die Ostzone geschickt haben. Toll, Frau von der Leyen, ganz große Klasse!
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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