Ferien auf Lampedusa
Geschrieben von Johannis am 31. März 2011 um 09:26 Uhr
Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Die Qualität des Erlebens hängt allerdings oft stark vom Reisebudget ab, und in manchen Fällen ist nicht mal das Überleben gesichert. Das gilt besonders bei Schiffsreisen, weil Wasser bekanntlich keine Balken hat. Wohlhabende machen ein paar Wochen Karibik-Kreuzfahrt all-inclusive, verzehren dabei sieben Gourmet-Mahlzeiten täglich und jammern über das stetig anschwellende Hüftgold. Weniger begüterte Menschen schippern in einem morschen Fischkutter übers Mittelmeer und landen im Auffanglager von Lampedusa. Wenn sie Glück haben. Ansonsten ersaufen sie bei der Überfahrt, weil die überladene Arche sinkt, geldgierige Schlepper sie über Bord werfen oder ein Schnellboot der Küstenwache ihr Schiffchen rammt. Versehentlich natürlich. In seltenen Fällen kann man unterwegs auch erfrieren, verhungern oder verdursten, aber das eigentlich nur auf längeren Strecken, beispielsweise von der afrikanischen Westküste zu den Kanaren.
Das Leben ist bekanntlich weder Ponyhof noch Picknick, deshalb beklagen sich Flüchtlinge, die auf Lampedusa zwischengelagert werden, auch nicht über die luxuriöse Unterbringung und das exquisite Essen. Sie pennen irgendwo im Hafen, scheißen zwischen die wenigen Büsche und knabbern Kekse, wenn man ihnen welche gibt. Für 800 Menschen ist das Auffanglager ausgelegt, aber Mitte dieser Woche bevölkerten rund 6000 Bootsflüchtlinge die kleine Insel. Kein Wunder, dass die lampedusanischen Fischer kürzlich sogar die Hafeneinfahrt blockierten, denn sie haben durchweg die Schnauze voll von Besuchern aus Tunesien, Libyen, Äthiopien und sonstwo. Angesichts der fürsorglich-gastfreundlichen Verfahrensweise der italienischen Behörden ist es ein Wunder, dass es noch nicht zu Mord und Totschlag gekommen ist, schließlich lebt Lampedusa vom Tourismus. Touristen kommen aber kaum noch, nur Afrikaner, die erst von der Küstenwache aufgefischt, dann nach mürrischem Willkommensgruß am Hafen ausgesetzt werden und schließlich hungrig über das Eiland streunen. Die miese Behandlung der Flüchtlinge geschieht natürlich mit Absicht, aber offenbar spricht sich in Afrika nur langsam herum, wie beschissen Lampedusa ist, im übertragenen wie im wahren Sinne des Wortes.
Vor einigen Wochen hatte ich eine technokratische Lösung für das Flüchtlingsproblem vorgeschlagen, die aber bisher wenig Anklang fand. Im Grunde nicht völlig überraschend. Die Meerenge von Gibraltar mit einem Damm zu verschließen, dann das Wasser abzupumpen und schließlich am Grunde des ehemaligen Binnenmeers eine Mauer samt Todesstreifen nach DDR-Vorbild zu errichten – das wäre wohl nicht ohne Anrainerproteste abgegangen. Wo man doch heutzutage nicht einmal einen läppischen Bahnhof unterkellern darf, ohne die Wut des Volkes zu spüren zu bekommen. Nicht wahr, Herr Mappus?
Nun mal Scherz beiseite. Wenn wöchentlich mehrere tausend Menschen aus Tunesien, Libyen und anderen Ländern Nordafrikas nach Europa fliehen, ist das nicht lustig. Das ist einerseits ein Drama und andererseits ein boomendes Geschäft, bei dem jede Woche etliche Millionen Euro umgesetzt werden. Viele der Flüchtlinge werden später abgeschoben, kaum einer findet, wonach sie oder er sucht. Menschenwürdige Arbeit, bescheidener Wohlstand, Sicherheit, Zukunftschancen – das bleibt für die meisten unerreichbar. In Italien, Griechenland und Spanien verursacht die Flüchtlingsflut hohe Kosten für Unterbringung und Abschiebung, bindet Polizeikräfte und schürt den Fremdenhass. Es profitieren vor allem Bauern und Arbeitgeber, die billige Malocher suchen, und natürlich die Schlepper im Ursprungsland.
Drei Dinge sind mir im Gedächtnis geblieben, alle im Zusammenhang mit Flucht nach Lampedusa. Da war erstens eine Düsseldorferin, die mit ihrer neunjährigen Tochter aus Tunesien floh. Fast wie im Reisebüro zahlte die Frau jeweils 1000 Euro und durfte dann samt Tochter eines der Flüchtlingsboote besteigen. Warum das Ganze? Ihr gewalttätiger tunesischer Exmann hatte gute Drähte zu hochrangigen Beamten und vereitelte aus Rachsucht mehrfach die Ausreise der geschiedenen Ex und seiner Tochter.
Zweitens die Sache mit den beiden RTL-Journalisten, die auf einem Flüchtlingsschiff mitfuhren, was eine ziemliche Schnapsidee war. Sie hatten wohl gehofft, auf dem 35 Meter langen Fischtrawler sicher zu sein, aber nicht mit dem Sturm gerechnet, der unterwegs aufzog. Konsequenterweise kotzten sie sich zwei Tage und zwei Nächte die Seele aus dem Hals und haben ihr Husarenstück währenddessen garantiert heftig bereut. Auch sie konnten kinderleicht ein Ticket nach Lampedusa kaufen und auf dem Trawler mitfahren wie bei einer Hamburger Hafenrundfahrt.
Besonders wichtig war jedoch ein kleiner Artikel auf Seite 15 der ZEIT vom 17. März. Dort werden in der Rubrik Widerspruch seit einigen Jahren Lesermeinungen veröffentlicht, aber nicht in die Online-Version aufgenommen, daher fehlt hier leider der entsprechende Link zum Text. Mongi Goundi, 56-jähriger Geschäftsführer einer Getränkefirma und gebürtiger Tunesier, kommentierte einen Artikel zum Thema „Flucht aus Tunesien“ und erklärte sehr glaubwürdig, dass etwa 90% der 5000 Flüchtlinge, die kürzlich mit der ersten Welle nach Lampedusa kamen, Milizionäre der Präsidentengarde oder vom RCD, der ehemaligen Einheitspartei seien. Darauf deuteten die generalstabsmäßig organisierten Flüchtlingstransporte, außerdem würden häufig Waffen sowie Dienstausweise an tunesischen Stränden gefunden. Zudem sind die üblichen 1000 Euro pro Kopf mehr als ein Drittel des durchschnittlichen Jahreseinkommens und somit eine Summe, die nicht viele Tunesier aufbringen könnten. Nach der Meinung von Mongi Goundi sind es vor allem Volksverräter und Schmarotzer des alten Systems, die nun nach der Jasminrevolution das Land verlassen. Sie hätten geraubt, vergewaltigt und gemordet, niemand in Tunesien weine ihnen eine Träne nach.
Er fordert, dass die europäischen Behörden die Identität aller tunesischen Flüchtlinge feststellen und nach Tunis melden, damit die dortige Justiz geflohene Büttel und Günstlinge der gescheiterten Diktatur rechtlich verfolgen kann. Ich halte das für eine legitime Forderung, bezweifele aber, dass ausgerechnet von den erschreckend unfähigen Italienern solche Amtshilfe zu erwarten ist. Die Abschreckungsstrategie durch Gleichgültigkeit, überfüllte Lager und menschenunwürdige Behandlung – sicherlich mit Billigung vieler europäischer Regierungen, unsere hat sich ja auch geweigert, als es um die Aufnahme von Flüchtlingen ging – wirkt nicht. Eine schnelle Besserung der Lebensumstände in jenen Ländern, die ihre Revolution gerade glücklich überstanden haben oder noch mitten drin stecken, ist nicht zu erwarten. Wie soll es also weitergehen, rund um das südliche Mittelmeer?
Ich befürchte, dass beim Flüchtlingsproblem ähnlich verfahren wird, wie bei der Euro-Rettung, der Flugverbotszone über Libyen oder anderen Gemeinschaftsthemen. Man taktiert, zögert und blockiert sich gegenseitig, bis es fast zu spät ist. Dann wird hektisch gehandelt und meist mehr Porzellan zerdeppert, als nötig gewesen wäre. Hoffentlich warten die europäischen Staatschefs auch diesmal nur, bis es fast zu spät ist. Ansonsten werden wir bald blutige Ausschreitungen gegen Menschen aus Tunesien, Ägypten, Libyen und anderswo sehen. Vergangenes Jahr wurden illegale Immigranten in Italien mit Luftgewehren beschossen, heute fehlt nicht mehr viel, bis auf italienischen Straßen die ersten Afrikaner gelyncht werden.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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