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Archiv für März, 2011

Ferien auf Lampedusa

Geschrieben von Johannis am 31. März 2011 um 09:26 Uhr

Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erleben. Die Qualität des Erlebens hängt allerdings oft stark vom Reisebudget ab, und in manchen Fällen ist nicht mal das Überleben gesichert. Das gilt besonders bei Schiffsreisen, weil Wasser bekanntlich keine Balken hat. Wohlhabende machen ein paar Wochen Karibik-Kreuzfahrt all-inclusive, verzehren dabei sieben Gourmet-Mahlzeiten täglich und jammern über das stetig anschwellende Hüftgold. Weniger begüterte Menschen schippern in einem morschen Fischkutter übers Mittelmeer und landen im Auffanglager von Lampedusa. Wenn sie Glück haben. Ansonsten ersaufen sie bei der Überfahrt, weil die überladene Arche sinkt, geldgierige Schlepper sie über Bord werfen oder ein Schnellboot der Küstenwache ihr Schiffchen rammt. Versehentlich natürlich. In seltenen Fällen kann man unterwegs auch erfrieren, verhungern oder verdursten, aber das eigentlich nur auf längeren Strecken, beispielsweise von der afrikanischen Westküste zu den Kanaren.

Das Leben ist bekanntlich weder Ponyhof noch Picknick, deshalb beklagen sich Flüchtlinge, die auf Lampedusa zwischengelagert werden, auch nicht über die luxuriöse Unterbringung und das exquisite Essen. Sie pennen irgendwo im Hafen, scheißen zwischen die wenigen Büsche und knabbern Kekse, wenn man ihnen welche gibt. Für 800 Menschen ist das Auffanglager ausgelegt, aber Mitte dieser Woche bevölkerten rund 6000 Bootsflüchtlinge die kleine Insel. Kein Wunder, dass die lampedusanischen Fischer kürzlich sogar die Hafeneinfahrt blockierten, denn sie haben durchweg die Schnauze voll von Besuchern aus Tunesien, Libyen, Äthiopien und sonstwo. Angesichts der fürsorglich-gastfreundlichen Verfahrensweise der italienischen Behörden ist es ein Wunder, dass es noch nicht zu Mord und Totschlag gekommen ist, schließlich lebt Lampedusa vom Tourismus. Touristen kommen aber kaum noch, nur Afrikaner, die erst von der Küstenwache aufgefischt, dann nach mürrischem Willkommensgruß am Hafen ausgesetzt werden und schließlich hungrig über das Eiland streunen. Die miese Behandlung der Flüchtlinge geschieht natürlich mit Absicht, aber offenbar spricht sich in Afrika nur langsam herum, wie beschissen Lampedusa ist, im übertragenen wie im wahren Sinne des Wortes.

Vor einigen Wochen hatte ich eine technokratische Lösung für das Flüchtlingsproblem vorgeschlagen, die aber bisher wenig Anklang fand. Im Grunde nicht völlig überraschend. Die Meerenge von Gibraltar mit einem Damm zu verschließen, dann das Wasser abzupumpen und schließlich am Grunde des ehemaligen Binnenmeers eine Mauer samt Todesstreifen nach DDR-Vorbild zu errichten – das wäre wohl nicht ohne Anrainerproteste abgegangen. Wo man doch heutzutage nicht einmal einen läppischen Bahnhof unterkellern darf, ohne die Wut des Volkes zu spüren zu bekommen. Nicht wahr, Herr Mappus?

Nun mal Scherz beiseite. Wenn wöchentlich mehrere tausend Menschen aus Tunesien, Libyen und anderen Ländern Nordafrikas nach Europa fliehen, ist das nicht lustig. Das ist einerseits ein Drama und andererseits ein boomendes Geschäft, bei dem jede Woche etliche Millionen Euro umgesetzt werden. Viele der Flüchtlinge werden später abgeschoben, kaum einer findet, wonach sie oder er sucht. Menschenwürdige Arbeit, bescheidener Wohlstand, Sicherheit, Zukunftschancen – das bleibt für die meisten unerreichbar. In Italien, Griechenland und Spanien verursacht die Flüchtlingsflut hohe Kosten für Unterbringung und Abschiebung, bindet Polizeikräfte und schürt den Fremdenhass. Es profitieren vor allem Bauern und Arbeitgeber, die billige Malocher suchen, und natürlich die Schlepper im Ursprungsland.

Drei Dinge sind mir im Gedächtnis geblieben, alle im Zusammenhang mit Flucht nach Lampedusa. Da war erstens eine Düsseldorferin, die mit ihrer neunjährigen Tochter aus Tunesien floh. Fast wie im Reisebüro zahlte die Frau jeweils 1000 Euro und durfte dann samt Tochter eines der Flüchtlingsboote besteigen. Warum das Ganze? Ihr gewalttätiger tunesischer Exmann hatte gute Drähte zu hochrangigen Beamten und vereitelte aus Rachsucht mehrfach die Ausreise der geschiedenen Ex und seiner Tochter.

Zweitens die Sache mit den beiden RTL-Journalisten, die auf einem Flüchtlingsschiff mitfuhren, was eine ziemliche Schnapsidee war. Sie hatten wohl gehofft, auf dem 35 Meter langen Fischtrawler sicher zu sein, aber nicht mit dem Sturm gerechnet, der unterwegs aufzog. Konsequenterweise kotzten sie sich zwei Tage und zwei Nächte die Seele aus dem Hals und haben ihr Husarenstück währenddessen garantiert heftig bereut. Auch sie konnten kinderleicht ein Ticket nach Lampedusa kaufen und auf dem Trawler mitfahren wie bei einer Hamburger Hafenrundfahrt.

Besonders wichtig war jedoch ein kleiner Artikel auf Seite 15 der ZEIT vom 17. März. Dort werden in der Rubrik Widerspruch seit einigen Jahren Lesermeinungen veröffentlicht, aber nicht in die Online-Version aufgenommen, daher fehlt hier leider der entsprechende Link zum Text. Mongi Goundi, 56-jähriger Geschäftsführer einer Getränkefirma und gebürtiger Tunesier, kommentierte einen Artikel zum Thema „Flucht aus Tunesien“ und erklärte sehr glaubwürdig, dass etwa 90% der 5000 Flüchtlinge, die kürzlich mit der ersten Welle nach Lampedusa kamen, Milizionäre der Präsidentengarde oder vom RCD, der ehemaligen Einheitspartei seien. Darauf deuteten die generalstabsmäßig organisierten Flüchtlingstransporte, außerdem würden häufig Waffen sowie Dienstausweise an tunesischen Stränden gefunden. Zudem sind die üblichen 1000 Euro pro Kopf mehr als ein Drittel des durchschnittlichen Jahreseinkommens und somit eine Summe, die nicht viele Tunesier aufbringen könnten. Nach der Meinung von Mongi Goundi sind es vor allem Volksverräter und Schmarotzer des alten Systems, die nun nach der Jasminrevolution das Land verlassen. Sie hätten geraubt, vergewaltigt und gemordet, niemand in Tunesien weine ihnen eine Träne nach.

Er fordert, dass die europäischen Behörden die Identität aller tunesischen Flüchtlinge feststellen und nach Tunis melden, damit die dortige Justiz geflohene Büttel und Günstlinge der gescheiterten Diktatur rechtlich verfolgen kann. Ich halte das für eine legitime Forderung, bezweifele aber, dass ausgerechnet von den erschreckend unfähigen Italienern solche Amtshilfe zu erwarten ist. Die Abschreckungsstrategie durch Gleichgültigkeit, überfüllte Lager und menschenunwürdige Behandlung – sicherlich mit Billigung vieler europäischer Regierungen, unsere hat sich ja auch geweigert, als es um die Aufnahme von Flüchtlingen ging – wirkt nicht. Eine schnelle Besserung der Lebensumstände in jenen Ländern, die ihre Revolution gerade glücklich überstanden haben oder noch mitten drin stecken, ist nicht zu erwarten. Wie soll es also weitergehen, rund um das südliche Mittelmeer?

Ich befürchte, dass beim Flüchtlingsproblem ähnlich verfahren wird, wie bei der Euro-Rettung, der Flugverbotszone über Libyen oder anderen Gemeinschaftsthemen. Man taktiert, zögert und blockiert sich gegenseitig, bis es fast zu spät ist. Dann wird hektisch gehandelt und meist mehr Porzellan zerdeppert, als nötig gewesen wäre. Hoffentlich warten die europäischen Staatschefs auch diesmal nur, bis es fast zu spät ist. Ansonsten werden wir bald blutige Ausschreitungen gegen Menschen aus Tunesien, Ägypten, Libyen und anderswo sehen. Vergangenes Jahr wurden illegale Immigranten in Italien mit Luftgewehren beschossen, heute fehlt nicht mehr viel, bis auf italienischen Straßen die ersten Afrikaner gelyncht werden.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Ich hatte eine glückliche Kindheit

Geschrieben von Johannis am 28. März 2011 um 09:24 Uhr

Solch eine fette Lüge schon in der Überschrift, das gab’s noch nie. Aber zur Steigerung des Leserinteresses ist mir jedes Mittel recht. Und seid mal bitte ganz ehrlich – hättet ihr bis hierher gelesen, wenn ich gleich zu Anfang von einer Schlägerei zwischen Berliner Jugendlichen berichtet hätte? Wohl kaum. Höchstens, falls es mir gelungen wäre, folgende Tatsachen in einer knackigen Überschrift zu verbraten: Zwanzig gegen einen. Viele der Schläger haben Migrationshintergrund oder sind der Polizei als Intensivtäter bekannt. Das Opfer – ein Siebzehnjähriger, ebenfalls mit Migrationshintergrund – wurde geschlagen und getreten, bis der Jugendliche bewusstlos war. Und er war Streitschlichter, sollte eigentlich mäßigend auf exakt jene Sorte minderbemittelter Mitmenschen einwirken, die ihn dann umzingelt und fast ins Koma geprügelt haben. Nochmals: Zwanzig gegen einen.

Es ist zwar schon eine Woche her und damit nachrichtentechnisch längst reif fürs Altpapier, aber ich will die Sache dennoch aufgreifen. Hintergrund ist einerseits die von einem Letten betriebene, in Schweden gehostete und auf amerikanischen Servern gespeicherte Mobbing-Webseite iShareGossip, gegen die jetzt sogar unsere extrem unsympathische Familienministerin wetternd zu Felde zieht, und andererseits die zunehmende Verrohung und Skrupellosigkeit unter Jugendlichen. Von iShareGossip hatte ich bis letzte Woche nicht gehört, habe das Portal dann am Mittwoch besucht und neben einigen kritischen Einträgen von Gymnasiasten, die sich auf den erwähnten brutalen Angriff bezogen, gleich auf der ersten Seite folgende Postings gefunden (sic!), jeweils flankiert vom Namen der Schule.

Die Max-Beckmann Oberschule in Berlin-Reinickendorf teilt diese wichtige Info mit: „Michaela Hornberger 10.411, stolzespreitzhosenträgerin und einer der größten Bitches der Schule!!!“

Aus dem Barnim-Gymnasium in Bernau verlautet: „Hauptsache mercedes hat mit paul bergmann gefickt. wie peinlich“

Von der Falkenseer Immanuel-Kant-Gesamtschule im Landkreis Havelland erfährt man: „Max E ist doch wohl die größte schwuchtel der welt“

Dann zur Abwechslung mal etwas Positives, zumindest wenn man bezüglich Satzbau und Rechtschreibung keine hohen Erwartungen hat, denn jemand von der  Wolfgang-Borchert-Oberschule in Berlin-Spandau teilt mit: „arman ist der hübschest junge im ganze schulle ( style )“. Dieselbe Schule vermeldet im Stil von Toilettenwandkritzeleien „wer das liest ist kurde hahaha“ und „e wer lutscht alles von wbo ya“. Den letzten Satz verstehe ich nicht und bitte daher alle LeserInnen mit Kenntnissen in Chatkürzeln und Lingua Juvenilis um aktive Mithilfe. Lutschen ist klar, aber was bedeutet wbo? Lasst mich bloß nicht dumm sterben, ja?

Die Vorgeschichte der brutalen Schlägerei ist schnell erzählt. Das Opfer, wie erwähnt Streitschlichter an seiner Schule, hatte einige Mädchen angesprochen, weil er vermutete, dass sie eine Mitschülerin ausdauernd gemobbt und auf iShareGossip als Schlampe beschimpft hatten. Doch das Schlichtungsgespräch scheiterte, er wurde von Mitschülern bedroht, die ihm später auf dem Heimweg auflauerten. Dort umzingelten sie den Jugendlichen, zwanzig gegen einen. Dann schlugen und traten sie auf ihn ein, bis er bewusstlos war. Krankenhaus, Schädelhirntrauma, Blutergüsse am Kopf. Zum Glück ist die Attacke für ihn glimpflich abgegangen, er konnte das Krankenhaus verlassen und wird wohl wieder gesund, zumindest physisch. Sechs der Täter, männlich und weiblich im Alter von 14 bis 18 Jahren, wurden vorübergehend festgenommen. Business as usual.

Mich schockiert an dem Vorfall die stetig steigende Verrohung unter Jugendlichen und jene primitive Dummheit, die aus solch brutalen Taten und den hirnlosen Einträgen auf iShareGossip spricht. Dort werden sogar Amokläufe angekündigt. Leere Drohungen zum Glück, aber trotzdem wurde das Zehlendorfer Schadow-Gymnasium neulich zwei Tage lang geschlossen. Das Blutbad von Winnenden jährte sich am 11. März zum zweiten Mal. Nein, jetzt kommt nicht die öde Litanei über das Internet als rechtsfreien Raum, aber eine Frage. Was bewegt die Jufax Intertainment Ltd. aus Riga dazu, solch eine vollkommen überflüssige Plattform zu betreiben? Die Antwort kam, als ich meinen Ad-Blocker abschaltete und plötzlich eine Menge Werbung über den Bildschirm flackerte. Pornos, Fantasy-Spiele und mehr Zeug, auf das die Welt sicher sehnsüchtig gewartet hat. Durchweg Dreck. Besonders gefallen hat mir das Pop-Up, wo eine Vielzahl extrem junger und mindestens halbnackter Damen abgebildet war, praktischerweise gleich mit Ortsangabe versehen. Alle hier in meiner Umgebung, schließlich lässt sich meine IP-Adresse blitzschnell geografisch zuordnen. Nachwuchsschlampen, tropfnass im Schritt. Sorry, aber ich hatte trotzdem kein Interesse.

Als ich zur Schule ging – zugegebenermaßen verbrachte ich die Schuljahre 5 bis 13 auf einem Gymnasium – wurde auch gemotzt und gepöbelt. Es gab die Streber, mit denen keiner was zu tun wollte, und die langhaarigen Freaks, die cool waren und den Raucherhof bevölkerten. Ich war weder Streber noch cool, aber das ist eine andere Geschichte. Auch an unserer Penne gab es Prügeleien und ich bekam mindestens einmal zuhause ein paar hinter die Löffel, weil ich von Rüpeln verkloppt worden war und meine Klamotten danach Blessuren aufwiesen. Zum Beispiel hatte die saublöde hellblaue Cord-Hose, die ich peinlicherweise statt einer anständigen Jeans tragen musste, plötzlich ein Loch am Knie. Aber ich hab nie erlebt, dass zwanzig auf einen losgingen – eher noch standen zwanzig johlende Kids im Kreis um zwei Kampfhähne herum und feuerten sie an. Aber wer am Boden lag, bekam keine Schläge oder Tritte, sondern höchsten Spott zu hören.

Ja, das war die gute alte Zeit, die ist vorbei und kommt nie wieder. Wir hatten kein Internet, keine Handys und deshalb auch keine Pornos auf dem Handy, es wurde nicht gechattet, gesimst und auch nicht gemobbt. Man schrieb sich noch Zettelchen – ja, auf Papier, mit dem Füller und der Hand, wie öde und vorsintflutlich – und wusste, dass das Wort Schule nur mit einem l geschrieben wurde und weiblich war. Ich fand meine Schulzeit langweilig und hoffte, dass mein Leben nach dem Abitur endlich losgehen würde, und das stimmte sogar halbwegs. Ich bin kinderlos, werde kinderlos bleiben und bedauere sowohl die Kids von heute als auch ihre Eltern dafür, dass Schule offenbar immer mehr zu einer Mischung aus praktisch gelebtem Vorabendtalkshowunterschichtenidiotenfernsehen und Kampfspiel verkommt. World of Warkraft meets RTL2-Schlampenpöbelshow. Was würde man dazu auf Seiten wie iShareGossip schreiben? Voll abkotz.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Suche Überrollbügel und Bremsfallschirm

Geschrieben von Johannis am 24. März 2011 um 09:37 Uhr

Geht es nur mir so, weil ich vergreise, oder findet ihr auch, dass 2011 im Vergleich zu anderen Jahren eine ungewöhnliche Ereignisdichte und erstaunlich hohe Prozessgeschwindigkeit aufweist? Das erste Quartal ist kaum rum, aber die gesamtplanetarische Geschichtsschreibung muss bereits heftig überarbeitet werden und in diversen Ländern fliegen die Schulbücher wohl komplett ins Altpapier. Nicht dass ich jemals Amphetamine konsumiert hätte oder das noch nachholen wollte, aber dieses Jahr scheint ständig auf Speed unterwegs zu sein. Oder Koks. Wenn ich wüsste, wo der entsprechende Hebel ist, würde ich den Evolutionsmotor gern um mindestens eine Geschwindigkeitsstufe runterschalten. Bevor der überhitzt und es einen Kolbenfresser gibt.

Mich machen diese hektischen Veränderungen besonders kirre, weil ich ja erst vor zwei Monaten aus dem beschaulichen Neuseeland zurückkehrte. Dort hatte ich gemütlich Sommerschlaf gehalten, meine Tage durchweg in Nationalparks und fernab von Zivilisation, Tagespresse oder gar Fernsehbildschirmen verbracht. Daher war der verträumte Heimkehrer bass erstaunt, als er am 18. Januar erstmals die Nachrichten einschaltete und von der Jasmin-Revolution erfuhr. Die ist, ähnlich wie der erfolgreiche Volksaufstand der Ägypter, natürlich längst Schnee von vorvorgestern – heute geht es um Libyen, Syrien, Bahrain, Jemen und immer noch um Japan. Und morgen? Keine Ahnung, aber wir sollten uns schon mal fest anschnallen und die Helme aufsetzen.

Nachdem die Weltgemeinschaft wochenlang bewiesen hat, dass man selbst angesichts eines irren Diktators, zu dessen Lieblingsbeschäftigungen das Völkermorden gehört, eine internationale Meisterschaft in würdelosem Rumeiern und Weggucken abhalten kann, wird Libyen nun seit letzten Samstag hektisch bombardiert. Raketen fliegen beinahe im Minutentakt und wenn Gaddafi sich nicht hinter lebenden Schutzschilden verkriechen könnte, würde er die Weltgeschichte wohl bereits als rotbrauner Matschfleck auf einer Zeltplane bereichern. Schließlich wohnt er traditionell in einem Beduinenzelt und die werden üblicherweise nicht aus meterdickem Stahlbeton gefertigt. Aber was nicht ist kann ja noch werden, also der rotbraune Matschfleck. Hoffentlich erwischt die Koalition der Willigen auch möglichst viele seiner unsympathischen Söhne, falls der Gaddafi-Clan nicht bald in Richtung jener Länder flieht, wo die ergaunerten Milliarden auf Nummernkonten schlummern. Allerdings zeigt die Koalition der Willigen eine erschreckende Tendenz zu kleinlichem Hickhack, wankelmütigem Vetoeinlegen und peinlichem Kompetenzgestreite. Und das sogar ganz ohne den Einsatz unseres Lieblingsguidos, der zweitgrößten Nervensäge im bekannten Universum. Wahrscheinlich ist solch ein Chaos aber unvermeidlich, wenn die Amis nicht mit Springerstiefeln vorangehen und dem Rest der Welt die Richtung weisen. Ja, meistens die falsche.

Bin ich froh, dass ich nicht zu den gewohnheitsmäßigen Konsumenten von Vorabendserien zähle, denn sonst hätte ich mir vor Wut wohl schon die letzten Haare ausgerauft. Ständig diese überflüssigen Spezialsendungen anstelle von Forsthaus Falkenau und den Rosenheim Cops – wer soll sich dabei entspannen können? Schon wieder ein Massaker im Jemen, das empört manch einheimischen Minister derart, dass die Rücktrittbremse eingesetzt wird. Gut so! Auch in Bahrain und Syrien werden täglich Demonstranten umgebracht, ständig kommen neue Horrormeldungen aus Japan, doch unsere verstrahlte Bundesregierung versucht den internationalen Wahnsinn durch panisch überstürzte Erlasse und peinliche Enthaltungen noch zu toppen. Endlich sitzen wir im UN-Sicherheitsrat Seite an Seite mit aufrechten Streitern für die Wahrung der Menschrechte, nämlich Russland und China. Wann wird die Städtepartnerschaft zwischen Berlin und dem nordkoreanischen Pjöngjang bekannt gegeben, wie lange wollen wir die längst überfällige Einladung zum Staatsbesuch an die Militärjunta von Birma, Burma oder Myanmar – diese Namensvielfalt bringt mich immer ganz durcheinander – noch vertagen? Sollen wir tatsächlich warten, bis Aung San Suu Kyi wieder Hausarrest hat? Despoten aller Länder, vereinigt euch auf dem Rasen des Kanzleramtes. Vielleicht zum zwanglosen Grillfest, wo doch endlich Frühling ist?

Die Merkelsche und ihr schwarzgelbes Team von Speichelleckern, Fähnchennachdemwindedrehern und Volksverarschern beschäftigt bekanntlich eine Menge hochkarätiger Berater, die im Englischen als Spindoctors bezeichnet werden. Spin von Drehung – nicht von Spinnen oder nicht ganz richtig ticken. Spindoctors erzählen ahnungslosen Politikern, was diese sagen und tun oder nicht sagen und keinesfalls tun sollen, damit das dämliche Volk denkt, es würde von integren Persönlichkeiten kompetent regiert. Ja, das Volk ist oft erschreckend naiv. Aber dennoch ist es manchmal für positive Überraschungen gut. So gingen in Sachsen-Anhalt erstmals wieder mehr Leute zur Wahl (51,2 % nach 44,4 % bei der letzten Landtagswahl) und sie schickten FDP und NPD dorthin, wo diese Parteien hingehören: Nicht ins Parlament, sondern in den Müll. Bin gespannt, wie das Volk am kommenden Sonntag in Baden-Württemberg entscheiden wird.

Mutti Merkels Meinungsmacher und Spindoktoren wirkten jedenfalls in der letzten Woche auf mich, als würden sie schon zum Frühstück einen Cocktail aus LSD, Koks und Extasy schlucken. Gegen die Panik und so. Kein Wunder eigentlich, dass man in dem Job Drogen nimmt, um sich die deprimierende Wirklichkeit chemisch aufzuhübschen. Leute beraten zu müssen, bei deren öffentlichem Auftritten sich jeder normale Mensch fragt, ob der leckere Rinderbraten neulich in der Parlamentskantine wohl sehr schlimm mit BSE verseucht war, ist trotz dicker Gehälter kein Zuckerschlecken. Doch zum Glück kann es nur besser werden mit der deutschen Politik, denn beschissener regiert wurden wir schon seit Ewigkeiten nicht mehr. Könnte ich abgebrühter Hund mich nicht über das zaghafte Grünen und Blühen in Parks und Gärten sowie über einige private Veränderungen freuen – ich bekäme wohl chronische Panikattacken oder müsste dreimal täglich vor Wut platzen.

Aber man platzt selbstredend nicht, sondern hockt auf diesem Planeten wie hinter dem Steuerknüppel einer verbeulten Raumkapsel, saust durch Zeit und Raum, bis einem speiübel ist, und kann nur zugucken. Machtlos. Kein Bremsfallschirm hilft, kein Airbag mildert den Aufprall, und auch ein hektisch angeschraubter Überrollbügel wird wenig helfen. Höchstens der allmächtige Gott in seiner unendlichen Weisheit könnte uns retten, aber seit ER die neue X-Box 360 hat, ist der Mann mit dem Rauschebart sehr beschäftigt. Ich würde gern wissen, mit welchen Spielen ER sich die Zeit vertreibt. Crisis 2, Homefront oder doch ganz banal FIFA 2011. Uns hat ER jedenfalls längst abgeschrieben. Das nur als amtlicher Hinweis an jene, die immer noch hartnäckig am Glauben festhalten.

Übrigens, zum Thema BSE noch zwei Fakten: 1. Guido Westerwelle, stets bemüht ganz vorn in der Oberliga der Peinlichen mitzuspielen, leitete die irritierende deutsche Enthaltung bei der UN-Abstimmung zum Einsatz in Libyen mit der Begründung ein, dass nicht der Eindruck entstehen dürfe ” man sei auf einem christlichen Kreuzzug gegen Menschen muslimischen Glaubens”. Das war ein neuer Spitzenwert auf der nach oben offenen Idiotie-Skala! Ich hoffe nur, er versteht das Scheitern der FDP in Sachsen-Anhalt und hoffentlich bald in weiteren Bundesländern nicht falsch. Die Wähler dort sind nicht auf einem antiliberalen Kreuzzug gegen Menschen mit fehlendem Rückgrat, sie haben einfach die Schnauze voll von Kreaturen wie unserem Außenminister und dem hirnverbrannten Schwachsinn, der seit Jahren aus seinem Munde quillt. 2. Obwohl man in deutschen Rindviechern seit Jahren keine BSE-Erreger nachgewiesen hat, werden jährlich etwa 10 Millionen Kühe, Bullen und Ochsen auf Rinderwahnsinn getestet. Jeder BSE-Test kostet etwa 10 Euro. Stichwort Ochsen – sollte man das viele Geld nicht besser verwenden und zum Beispiel die Geistesverfassung sämtlicher Spitzenpolitiker untersuchen lassen?

Stresstests nicht nur für europäische Kernkraftwerke, Herr Oettinger, auch für Sie und ihre Kollegen. Das würde sicherlich zu mancher Schnellabschaltung und vielen endgültigen Stilllegungen führen. Mutti Merkel, Horst Seehofer, unser Guido und all die anderen nervtötenden Hackfressen kämen ins Sanatorium oder eine Einrichtung für betreutes Wohnen. Damit sie nicht noch mehr Schaden anrichten können. Schöner Gedanke, finde ich.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Helden in Strahlenschutzanzügen

Geschrieben von Johannis am 21. März 2011 um 09:36 Uhr

Zehn Tage ist es her, seit wir erstmalig mit Bildern konfrontiert wurden, die in ihrer apokalyptischen Eindringlichkeit an 9/11 erinnern. Über unsere Bildschirme flimmerten schockierende Videos von gigantischen Wellen, die eine eigentümlich-unwirkliche Schönheit hatten und Fischtrawler wie Nussschalen kentern ließen. Schwarzgraue Lawinen aus Schutt, Autowracks und Schlamm, auf denen wie zur höhnischen Krönung brennende Ruinen japanischer Eigenheime trieben, wälzten sich über die Küste und begruben an Land alles unter sich. Wasserberge schoben sich vom Ozean heran, zertrümmerten ganze Städte, als wenn dort nur Kartenhäuserblocks gestanden hätten, spülten Schiffe an Land und rissen Menschen mit sich ins Meer. All dies und mehr bekamen wir zu sehen, oftmals in Echtzeit und HD-Qualität.

Wahrscheinlich dachte am 11. März 2011 nicht nur ich an den 11. September 2001, an explodierende Passagierflugzeuge, einstürzende Bürotürme, Menschen in Schockstarre, Tod, Tränen und Fassungslosigkeit. Doch bald nach dem verheerenden Erdbeben und einem Tsunami von bösartigster Heftigkeit wurden wir nochmals um 15 Jahre zurückversetzt, erinnerte plötzlich vieles an den April 1986 und das atomare Desaster von Tschernobyl. Reaktorgebäude explodierten, Rauchwolken stiegen auf und eine weitere Katastrophe entwickelte sich direkt vor den Objektiven der Kameras und den Augen der Welt. Wie viele Brennpunkte und Sondersendungen haben wir seitdem gesehen, wie viele Expertenmeinungen gehört und uns jeden Tag mit neuen Hiobsbotschaften abfinden müssen? Wer kann die Gefahr für Menschen in Japan und dem Rest der Welt einschätzen, wer kann das Leid der unmittelbar Betroffenen ermessen? Niemand.

Spöttisches gab es bei Twitter zu lesen. Ein Kernkraftwerk sie eben nur eine Atombombe mit Wasserkühlung. Früher wurden Wasserwerfer nur gegen Kernkraftgegner eingesetzt, heute geht man damit auf Kernkraftwerke los. Solcherart Kommentare. Aber es erhoben sich auch ernste Stimmen, zum Beispiel über die “Helden von Fukushima”. The Fukushima Fifty wurden die letzten fünfzig Mitarbeiter von TEPCO – der Betreiberfirma des havarierten Kraftwerks – wieselflink in medienwirksam plakativer Manier getauft. Egal, ob todgeweihte Bauernopfer der Atom-Mafia oder Helden der Neuzeit – sie und viele andere sind es wert, dass man über sie schreibt, sich mit ihrem Schicksal auseinandersetzt, sie bedauert und bewundert. Bewunderung verdienen all jene, die sich seit Tagen zwischen strahlenden Ruinen um Schadensbegrenzung bemühen, für ihren erstaunlichen Mut, für eine beispielhafte Disziplin und Opferbereitschaft. Bedauern und Mitgefühl gebührt ihnen für das schwere Schicksal, dass sie offenbar stolz und klaglos auf sich nehmen, denn vielen droht Siechtum und Tod durch die entsetzliche Strahlenkrankheit.

Etwa 16.000 unfreiwillige Katastrophenhelfer starben 1986 bei und nach ihren Einsätzen in Tschernobyl, oftmals junge Soldaten, die schlecht informiert und mangelhaft geschützt zu Einsätzen am brennenden Reaktor und damit fast immer in den sicheren Tod geschickt wurden. Das war damals, passierte rund um einen schrottreifen Atommeiler in der UdSSR, einem totalitären und teils doch recht rückständigen Staat. Die brennenden Reaktoren von Fukushima liegen aber in Japan, einer hochtechnisierten modernen Demokratie und der weltweit drittgrößten Wirtschaftsnation. Was bringt die Mitarbeiter von TEPCO – noch am vergangenen Mittwoch arbeiteten 800 Menschen auf dem Kraftwerksgelände – dazu, morgens zum Dienst zu erscheinen oder ihren Arbeitsplatz sogar überhaupt nicht zu verlassen? Zwingt man sie, oder kommen sie aus freiem Willen? Warum fliehen sie nicht, lassen sich nicht krankschreiben oder kündigen einfach fristlos? Wer oder was bewegt Menschen dazu, Gesundheit und Leben aufs Spiel zu setzen, und zwischen brennenden Ruinen und schmelzenden Reaktorkernen zu arbeiten, um größeres Unheil zu verhindern?

Wenn wir von 1986 nochmals gut vierzig Jahre zurückgehen, erreichen wir die letzte Phase des Zweiten Weltkriegs. Hiroshima, Nagasaki, Kamikaze-Flieger. Zwei Städte, die durch den Abwurf der ersten in einem Krieg eingesetzten Atombomben nahezu ausgelöscht, und jene jungen Männer, die sich für Kaiser, Reich und Ehre mit fliegenden Bomben auf amerikanische Kriegsschiffe und damit in den sicheren Tod stürzten, haben vielleicht auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun. Wir erinnern: Über zweihunderttausend Zivilisten starben 1945 in Hiroshima und Nagasaki, entweder binnen weniger Minuten im nuklearen Feuer oder qualvoll in den Stunden, Tagen, Wochen und Monaten danach. Kein Land der Welt hat die vernichtende Kraft des Atoms eindrücklicher erdulden müssen – heute kämpft Japan erneut gegen eine nukleare Katastrophe. Und mehr als 3000 oftmals blutjunge Männer gaben bis Kriegsende 1945 über dem Pazifik ihr Leben als Kamikaze-Flieger hin, kämpften für eine Sache, die bereits als verloren galt. Taten sie es aus Stolz und Vaterlandsliebe oder wurden sie gezwungen? Was verbindet sie mit den Mitarbeitern von TEPCO, mit Polizisten, Soldaten, Feuerwehrmännern und anderen Helfern, die jetzt in Fukushima die Folgen der Katastrophe eindämmen wollen?

Ich versuche mir in diesen Tagen auszumalen, wie ein ähnlicher Störfall in Bulgarien oder hier bei uns in Deutschland ablaufen würde. Ist es vorstellbar, dass bei einem GAU von vergleichbarem Ausmaß auch in Kosloduj, Belene oder Nordenham wochenlang etliche Hundertschaften antreten würden, um einen verzweifelten und fast aussichtlosen Kampf gegen Kernschmelze und atomare Verseuchung zu kämpfen? Freiwillig? Wo schon jetzt bundesweit die Geigerzähler ausverkauft sind und Jodtabletten in den Apotheken knapp werden? Ich kann es mir nicht vorstellen, rechne in einem solchen Fall mit Chaos, Panik, Massenflucht.

Es gibt Gerüchte, denen zufolge die Betreiberfirma TEPCO bereits am 14. März sämtliche Mitarbeiter abziehen wollte, dies aber auf massiven Druck der japanischen Regierung nicht getan hat. Robert Hetkämper, Korrespondent der ARD in Japan, behauptet sogar in diesem Beitrag des WDR, dass TEPCO rücksichtslos Menschen verheizen und für gefährliche Arbeiten sogar Obdachlose, Gastarbeiter, Arbeitslose und Minderjährige ausbeuten würde. Nachprüfen kann ich das nicht, halte aber für wenig wahrscheinlich, dass die Stammbelegschaft in Fukushima aus diesen Gruppen rekrutiert wurde.

Und diese Stammbelegschaft kämpft weiterhin vor Ort gegen das Desaster, versucht den Super-GAU zu verhindern, und wird dabei durch Feuerwehrmänner, Soldaten und Polizisten unterstützt, die zum Teil von weit her anrücken. Wenn die Kommandeure diese Männer vor ihren Einsätzen mit Handschlag verabschieden, sehe ich in den Gesichtern eine grimmige Entschlossenheit, die mich an die Kamikaze-Flieger erinnert. Mit einem für uns unverständlichen Stolz und Ehrgefühl, mit heroischer Opferbereitschaft tranken sie damals das rituelle letzte Glas Sake, stürzten den Reiswein hinunter und sich kurz danach mit der Bombenlast ihrer Flugzeuge auf Kriegschiffe und somit in den sicheren Tod. Das Wort Ehre, heutzutage durch krudes Macho-Denken und Perversionen wie Ehrenmord-Exzessen mit einem höchst unangenehmen Beiklang belegt und aus der Mode gekommen, erhält eine neue Bedeutung angesichts des selbstlosen Einsatzes vieler hundert Männer in Fukushima. Ich hoffe, dass keiner von ihnen dazu gezwungen wird, Leib und Leben zu opfern, und bin ihnen von ganzem Herzen für ihren Dienst an der Gemeinschaft dankbar. Für mich ist jeder, der zwischen brennenden Atomreaktoren und überhitzten Brennstäben kämpft, ein Held.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Ungebetene Helfer

Geschrieben von Johannis am 17. März 2011 um 09:17 Uhr

Es heißt, in jedem Nachteil sei der größere Vorteil bereits verborgen. Meiner Erfahrung nach stimmt das sogar, allerdings muss man oftmals eine Weile suchen, bis sich das Gute im Schlechten zeigt. Was an der verheerenden Katastrophenkombipackung, unter der die Japaner nicht etwa ächzen und verzweifeln, sondern die sie weiterhin mit erstaunlicher Disziplin und Fassung erdulden, gut sein soll, ist auf den ersten Blick schwer zu erkennen. Erdbeben in ungekannter Heftigkeit, danach der Monster-Tsunami, dann ein explodierender Atomreaktor nach dem anderen, ständige Nachbeben, Kälte, Hunger, Wassermangel, Stromsperren, nuklearer Fallout – das erinnert doch sehr an ein modernes Remake der zehn biblischen Landplagen. Wo soll denn bitte der größere Vorteil dieses Dramas liegen?

Sorry, liebe LeserInnen – das klingt jetzt sicher brutal und herzlos, ist aber nicht so gemeint. Manchmal muss erst ein Kind ertrinken, damit das Schwimmbecken eingezäunt oder ein Bademeister eingestellt wird. Leider wird das ertrunkene Kind nicht wieder lebendig, werden Schmerz und Gram von Eltern und Geschwistern nicht gelindert, wenn sie Monate später am Zaun entlang gehen oder den Bademeister auf seinem Treppchen sitzen sehen. Offenbar braucht jede Generation ihr Hiroshima oder Tschernobyl, denn all die Beinahekatastrophen werden viel zu schnell vergessen. Oder gleich verheimlicht. Wer wusste vergangenen Mittwoch noch, was am 28. März 1979 auf Three Mile Island bei Harrisburg passiert ist? Partielle Kernschmelze in Block Zwei, nur mit viel Glück kam es dort nicht zum Super-GAU. Und wie ging es mit dem Atomkraftwerk weiter? Eigentlich sollte der noch intakte Block Eins im Jahr 2014 vom Netz gehen, also nach 40 Jahren,  aber die US-Atomaufsichtsbehörde verlängerte die Betriebserlaubnis im Oktober 2009 um weitere 20 Jahre bis 2034.

Und damit komme ich zum erwähnten größeren Vorteil. Die Menschheit erlebt gerade in Echtzeit mit, wie sechs Reaktorblöcke bei Fukushima heißlaufen, explodieren, schmelzen. Bildlich gesprochen fallen also in Japan ständig Kleinkinder in den Pool, ertrinken vor laufenden Kameras, und ich kann nur hoffen, dass die Menschheit die richtigen Konsequenzen aus diesem Fiasko ziehen wird. Zumindest in den demokratischen Ländern können und werden die Bürger Einfluss nehmen. Und am durchsichtigen Moratoriumsmanöver unserer Laufzeitverlängerungskoalition kann man sehr schön erkennen, wie groß die schwarzgelbe Angst vor einer Wählerklatsche ist. Stefan Mappus, ebenso hässlicher wie verlogener CDU-Ministerpräsident von Baden-Württemberg, hatte nach der Geißler-Schlichtung und dem Abklingen der Stuttgarter Bahnhofsproteste schon Morgenluft gewittert, und konnte auf seine Wiederwahl hoffen. Er wird jetzt vielleicht das erste deutsche Fukushima-Opfer sein, aber hoffentlich nicht das letzte. Mappus sollte sich schon mal nach einem gut bezahlten Berater- oder Aufsichtsratsposten umschauen, denn bis zum Wahltag am 27. März wird auch der Dümmste die Bilder aus Japan nicht verdrängt haben. Aber vielleicht reicht das Aus für Neckarwestheim ja als wahltaktisches Bauernopfer, um das Stimmvieh zu besänftigen.

Ich glaube nicht, dass Merkels Abschaltungsschnellschuss – am Parlament vorbei und rechtlich alles andere als wasserdicht – die Wogen glätten wird. Mit Glück werden auch in anderen Bundesländern, am besten sogar überall auf der Welt, jene Regierungen und Parteien abgestraft, die selbst 25 Jahre nach Tschernobyl leugnen oder verdrängen, wie unbeherrschbar und tödlich Kernenergie sein kann. In China, Russland und anderen totalitären Staaten haben der kleine Mann und die kleine Frau nichts zu sagen, können nur hoffen und beten, dass ihnen alte, neue und zukünftige Reaktoren nicht um die Ohren fliegen. À propos Gebete: Ratzi, unsere päpstliche Peinlichkeit, hat den Menschen in Japan neulich flink Gottes Segen versprochen, und er betet auch fleißig für die Armen. Ob die Japaner, mehrheitlich Zen-Buddhisten und Shintoisten, viel Wert auf den Segen unseres vernagelten Christengottes und die Gebete eines Pädophilenfreundes legen, wage ich jedoch zu bezweifeln.

Mindestens ebenso überflüssig wirkte manch betroffenheitsduseliges Rettungsteam, das ungebeten in Tokio eintraf. Aus Deutschland kamen 45 Leute vom THW, die allerdings noch zwei Tage nach dem Beben auf dem Flughafen festsaßen. Am Montagabend waren sie zwar endlich an ihrem Einsatzort Tome eingetroffen, rund 100 Kilometer nördlich von Sendai, konnten dort aber vier Tage nach Beben und Tsunami kaum etwas bewirken. Jetzt, auf ihrem Rückflug, werden sie viele Sitze blockieren, die besser zur Evakuierung anderer Menschen genutzt werden sollten. Außerdem kostete der überflüssige THW-Einsatz ein Heidengeld, Steuergeld wohlgemerkt. Und es ging offensichtlich weniger um die Japaner oder humanitäre Hilfe, sondern in erster Linie um Guido Westerwelle, denn der Herr Außenminister möchte Tatkraft und Profil zeigen, damit er nicht immer nur als neoliberaler Schwafelmeister wahrgenommen wird.

Übrigens, nach dem Eintreffen des THW-Teams hatte keiner der japanischen Koordinatoren genug Zeit und Nerven, um sich mit den deutschen Profigutmenschen zu befassen. Sie mussten ja lagetechnisch eingewiesen und betreut werden, außerdem brauchte man Dolmetscher, Fahrzeuge und Unterkünfte für die ungebetenen Gäste. Im Endeffekt standen die THWler vor allem im Weg, aber man konnte sie schlecht wegschicken. Stellt euch vor, ihr müsstet am Samstag umziehen, hättet eine große Wohnung im vierten Stock und ein paar Freunde gebeten, euch beim Packen und Schleppen zu helfen. Und dann taucht plötzlich aus der Nachbarschaft ein netter sehbehinderter Taubstummer auf und will unbedingt mit anpacken. Niemand kann Gebärdensprache und er kann kaum lesen. Toll! Wahrscheinlich steht er nur im Weg, futtert Buletten und trinkt den anderen das Bier weg. So ähnlich sehe ich den THW-Einsatz in Japan. Sinnlos, überflüssig und schlimmstenfalls schädlich, denn die japanischen Katastrophenschützer hatten wirklich genug Stress, auch ohne die ungebetenen Helfer.

Dass viele nichtstaatliche Hilfsorganisationen, die ihr mehr oder weniger sinnvolles Geschäft mit Privatspenden betreiben, bei jeder Katastrophe wie Aasgeier und Schmeißfliegen angeschwärmt kommen, ist bekannt und ärgerlich. Aber eine dem Bundesinnenministerium unterstellte Behörde sollte ihre Mitarbeiter nicht ungebeten und für teures Geld durch die Welt schicken, damit sie den einheimischen Rettern im Weg stehen. Und eine Bundesregierung, die im Oktober 2010 den Ausstieg aus dem Ausstieg beschließt – damals am Bundesrat vorbei – und nun in einer kaum nachvollziehbaren Hau-Ruck-Aktion die ältesten Meiler vom Netz nehmen will, hat in meinen Augen das allerletzte bisschen Glaubwürdigkeit verspielt. Es ist erschreckend, wie süchtig Macht machen kann, und was Politiker zu tun bereit sind, um an der Macht zu bleiben. Warten wir ab, wie die Wähler am 27. März entscheiden.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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