Zurueck
Start Mensch Buch Prosa Bilder Lyrik Blog Mehr
Vorwaerts
Deko Blog


Plakat




Tacky's Support

Archiv für Februar, 2011

Mutti & Gutti – Die rechte und die linke Hand des Teufels

Geschrieben von Johannis am 28. Februar 2011 um 09:33 Uhr

Wenn es doch alles bloß ein Film wäre, am besten sogar eine Western-Komödie, wo wir uns beim Abspann verkrümeltes Popcorn vom Schoß schütteln und dann gutgelaunt das Kino verlassen könnten, um draußen in lauer Abendluft eine Welt vorzufinden, die der von 1970 gleicht. Wir würden mit Freunden noch ein Bierchen trinken gehen, die schönsten Szenen Revue passieren lassen und über die besten Gags erneut lachen. Aber es ist kein Film, wir leben nicht mehr vergleichsweise unbeschwert in den Siebzigern des letzten Jahrhunderts, und die Hauptdarsteller sind nicht Terence Hill und Bud Spencer.

Gut, gewisse Ähnlichkeiten sind vorhanden. Angie wiegt fast so viel wie Bud Spencer und ist genauso mürrisch, trägt aber keinen Vollbart. Und unser adeliger Überflieger und Liebling der minderbemittelten Massen hat zwar nicht die blitzblauen Augen von Terence Hill, ist aber genauso zungenfertig und lügt mindestens ebenso oft. Was Mutti und Gutti aber total abgeht, ist Liebenswürdigkeit, im wahren Wortsinn. Genau wie Terence und Bud sind auch Gutti und Mutti ausgekochte Halunken, aber man mag sie nicht. Wer ein Herz in der Brust und nennenswert Hirn im Schädel hat, muss sie sogar verabscheuen, denn Politiker wie sie sind die deutsche Light-Version von Muammar al-Gaddafi.

Ja, ich weiß, ihr habt die Schnauze voll von der Plagiatsaffäre um den überreich mit Vornamen ausgestatteten Freiherrn. Ach, wenn er nur ähnlich reich mit Integrität ausgestattet wäre, altmodisch auch Rückgrat genannt. Etwas weniger Supermann und dafür mehr Kässmann im Genpool, das würde man ihm wünschen. Aber in moralischer Hinsicht entstammt er offenbar nicht einem ehrwürdigen Adelsgeschlecht, sondern dem Fähnlein Fieselschweif, obwohl ich damit der Entenhausener Pfadfindertruppe bitter Unrecht tue. Schon bei Guttis erster Erklärung, derzufolge er seinen Doktortitel vorübergehend, und er betonte vorübergehend, nicht führen werde, war jedem Lebewesen mit dem Intelligenzgrad einer geschlechtsreifen Nacktschnecke klar, dass der Mann lügt. Und in seinem typisch wetterwendischen Stil, ganz Kundus- und Gorch-Fock-Affäre, kam sogleich die nächste verwirrende Pirouette, legte er mit einer 180-Grad-Wende flink den Titel ab, bevor die Uni Bayreuth diesen stornieren konnte.

Der Mann hat die Dissertation nicht selbst geschrieben. Wann denn auch? Schon am 17. Februar twitterte ich einem empörten Gutti-Fan, dass die 2006 eingereichte Doktorarbeit höchstwahrscheinlich zumindest teilweise von Mitarbeitern des Edelmanns geschrieben wurde. Gutti ist schließlich seit 2002 Mitglied des Deutschen Bundestages, war von 2005 bis 2008 Obmann der CDU/CSU-Bundestagsfraktion im Auswärtigen Ausschuss und Sprecher der Unions-Fraktion für Abrüstung, Nichtverbreitung und Rüstungskontrolle. Zum zweiten Staatsexamen hat’s bei ihm nicht gereicht, aber er soll neben dem hektischen Politzirkus und seinem aufreibenden Privatleben noch Zeit für das Schreiben einer ordentlichen Doktorarbeit gefunden haben? Das glauben ihm nicht mal seine Fraktionskollegen, und der Nachfolger seines Doktorvaters an der Uni Bayreuth spricht von einem in Form und Umfang einzigartigen Täuschungsmanöver, von klarem Betrug. Wahrscheinlich war die Dissertation eine Co-Produktion von Bediensteten und Praktikanten, unter der laschen Oberaufsicht des umtriebigen Herrn von und zu. Und warum jenem Professor Dr. Dr. Häberle, der Guttis Schmierpapier prüfen und benoten durfte, bei über 120 geklauten Textabschnitten nichts, aber auch gar nichts Absonderliches aufgefallen ist, muss auch dringend geklärt werden, denn er vergab die Höchstnote summa cum laude. Vielleicht darf er jedes Jahr auf dem Anwesen des Barons einen kapitalen Hirsch schießen, zur Abwechslung aber mit Pulver und Blei.

Wirklich entlarvend fand ich die Szene am 23. Februar, als Gutti im Parlament von einem Abgeordneten gefragt wurde, ob er die Dissertation selbst verfasst hätte. Jedem mit gesunder Menschenkenntnis und rudimentärem Wissen über Körpersprache ausgestattetem Erdenbürger muss das kurze Zögern und nervöse Zwinkern aufgefallen sein, bevor Gutti theatralisch seine rechte Hand aufs Herz legte und wieder einen seiner und-ich-betone-nochmals-Sätze von sich gab. JA hat er nicht gesagt, obwohl ein einfaches JA sicherlich überzeugender gewesen wäre. Aber bis zum Meistertitel im Europapokal des Lügens ist es ein langer Weg, da gilt es manches Auswärtsspiel zu gewinnen und viele Blutgrätschen wegzustecken. Üben, Herr Verteidigungsminister, üben!

Und Mutti, unsere matronenhafte Kanzlerin, die ihrem Mäzen Dr. Helmut Kohl in Habitus und taktiererischer Verschlagenheit von Monat zu Monat ähnlicher wird – was macht Mutti? Sie bestellte Gutti mehrfach abends zu sich ins Kanzleramt. Doch nicht um ihm ins Gewissen zu reden, sondern um rauszufinden, ob die an der Plagiatsaffäre beteiligten Mitarbeitern und Praktikanten auch garantiert dichthalten werden. Offenbar besteht derzeit wenig Gefahr für ein verheerendes Gutti-Gate, hat man alle Mitwisser fest in der Hand, vorauseilend belohnt oder befördert, vielleicht sogar ins Jenseits. Wenn demnächst ehemalige Mitarbeiter des edlen Freiherrn ertrunken in der Badewanne aufgefunden werden oder mit 2,7 Promille aus der Kurve und gegen einen Brückenpfosten fliegen, wundert mich daran nichts.

So, nun das Ganze nochmals bündig zusammengefasst: Ein stinkreicher (geschätztes Familienvermögen 500 Millionen €) und blaublütiger CSU-Politiker (Christlich Soziale Union,) studiert Jura (Rechtswissenschaften) und reicht neben seiner Abgeordnetentätigkeit (vom Volk gewählt, vom Volk bezahlt) eine von vorn bis hinten gefälschte Doktorarbeit ein (für die er ohne Genehmigung sechs Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes des Bundestages benutzt). Als man ihm auf die Schliche kommt, streitet er zuerst alles ab (abstruse Vorwürfe!), gesteht dann in typischer Salamitaktik handwerkliche Fehler ein, und gibt dann plötzlich den Titel zurück, kurz bevor der ihm aberkannt wird. Und lügt als aufrechter Christ weiter wie gedruckt (8. Gebot: Du sollst kein falsches Zeugnis geben). So gesteht er zähneknirschend die Nutzung von vier Gutachten des Wissenschaftlichen Dienstes, nicht aber jener sechs, die man ihm nachweisen kann. Und er behauptet weiterhin frech, er selbst hätte die Doktorarbeit geschrieben. Dieser Mann ist unser Verteidigungsminister, ein Jurist, der dreist betrügt und ebenso dreist lügt, und darf dennoch seinen Posten behalten. Warum? Weil wir doch alle mal schummeln, weil er sich doch entschuldigt hat, weil er doch so beliebt ist. Weil Mutti ihn nicht als Wissenschaftler ins Kabinett geholt hat, sondern als Verteidigungsminister (wobei seine eigene Verteidigung zwischen peinlich und idiotisch changiert). Diese Affäre ist der bisherige Gipfel des Schwachsinns und ein ekelerregender Auswuchs jener Berlusconisierung unserer Politik, für deren Duldung und Förderung maßgeblich Angela Merkel verantwortlich ist. Um es mit den Worten des Antifaschisten Max Liebermann zu sagen: Ich kann gar nicht soviel fressen, wie ich kotzen möchte.

Der vollkommen durchgeknallte Gaddafi behauptete am letzten Donnerstag, Al-Qaida würde die Aufständischen in Libyen unterstützen. Al-Qaida hätte den Leuten Drogen gegeben, um sie gegen ihren treusorgenden Herrscher aufzuhetzen. Lieber Osama Bin Laden, falls Sie von diesen Drogen noch größere Mengen zur Verfügung haben, möchte ich Sie um einen Gefallen bitten. Könnten Sie diese Substanz bitte ins deutsche Trinkwasser mischen lassen und den Italienern ebenfalls eine großzügige Dosis zukommen lassen. Damit sich auch Deutsche und Italiener endlich gegen ihre Despoten erheben und dieses Pack samt der fadenscheinigen demokratischen Deckmäntelchen in die Wüste schicken. Vielen Dank im Voraus!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 7 Kommentare »

War Jesus ein 400-Euro-Jobber?

Geschrieben von Johannis am 24. Februar 2011 um 09:45 Uhr

Seine Mutter wurde beim Petting schwanger, der Kindsvater arbeitete auf dem Bau, er selbst versuchte schon vor 2000 Jahren das Bankgewerbe zu regulieren, natürlich ohne Erfolg, es zog ihn zu Prostituierten hin und im besten Mannesalter endete er als lebende Vogelscheuche – viel mehr wissen wir über Gottes eingeborenen Sohn nicht. Schade eigentlich, denn wahrscheinlich war Jesus ein durchaus interessanter Typ, nur eben ganz anders, als man uns weismachen will.

Wie sich mittlerweile wohl bundesweit herumgesprochen hat, weilte ich unlängst für zwei Monate in Neuseeland. Dort habe ich nicht etwa Urlaub gemacht, sondern wie immer im Dienste der Wissenschaft und meiner Leser das Angenehme mit dem verbunden, was Spaß macht. Und bei meinen umfangreichen, riskanten und oftmals beschwerlichen Recherchen bin ich auf sensationelle Hinweise gestoßen, die schlüssig belegen, dass Jesus zum Prekariat gehörte. Offenbar gab es schon damals Probleme mit Niedriglohngruppen und Langzeitarbeitslosigkeit, weshalb die bekannte Textstelle aus dem Lukas-Evangelium neu interpretiert werden muss. Dort heißt es: “Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde. Und diese Schätzung war die allererste und geschah zu der Zeit, da Cyrenius Landpfleger in Syrien war.”

Der Titel Landpfleger ist irreführend. Landpflege hat nichts mit Gartenarbeit zu tun, denn ein Landpfleger mäht keinen Rasen oder wässert Golfplätze, er ist nichts anderes als ein hoher Beamter, bestenfalls ein Ministerpräsident. Höchstwahrscheinlich verbirgt sich hinter dieser blumigen Bezeichnung jedoch der Arbeitsminister, Cyrenius war also eine historische Frau von der Leyen. Der Landpfleger Cyrenius hatte demnach die unangenehme Aufgabe, aktuelle Zahlen zur Arbeitslosenstatistik zu erheben, um dann geeignete Maßnahmen zum Wohle von Wirtschaft und Arbeitsmarkt auszubrüten. Gehörte Jesus womöglich zu den ersten Gründern einer Ich-AG? Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit hatte er nur einen Minijob, kam also nicht in den Genuss von Renten- oder Krankenversicherung, weshalb er bekanntlich die Kreuzigung nicht gut verkraftete. Fehlte das Geld für eine Tetanus-Impfung, starb er wegen rostiger römischer Nägel an einer profanen Blutvergiftung?

Diese Fragen sind hochinteressant, jedoch nicht Gegenstand meiner Forschung, deshalb mögen Andere darüber spekulieren. Ich hingegen kann belegen, dass Jesus entweder selbständiger Kleingewerbetreibender war – zum Beispiel Inhaber eines Kiosks oder einer Änderungsschneiderei – oder für einen solchen arbeitete. Jeder kennt es, denn bis heute hat sich an den unmenschlichen Arbeitsbedingungen in diesen Branchen kaum etwas geändert: Winzige, oft ungeheizte Ladenlokale, in denen beschämend schlecht bezahltes Personal darauf harrt, dass wir ihnen ein paar Flaschen Pils abkaufen oder eine Jeans vorbeibringen, die der neuen Bauchweite angepasst werden muss. Selbstverständlich finden sich im Kiosk oder beim Änderungsschneider keine Sanitär- und Sozialräume, und ebenso wenig gibt es Vertretungspersonal. Verspüren Schneider oder Kioskverkäufer dringende menschliche Bedürfnisse, laufen sie flink nach Hause oder in die nächstgelegene Kneipe und erleichtern sich dort.

Und genau dieses bekannte Problem fast aller Kleingewerbetreibenden wird nun zum Schlüssel für die sensationellen Enthüllungen über die prekäre berufliche Situation von Jesus Christus. Wir alle sind schon damit konfrontiert worden, haben frierend ohne Zigaretten geflucht oder mit warmherzigem Verständnis geduldig gewartet, denn wenn die Leute hinter der Nähmaschine oder dem Kiosktresen mal zum Klo müssen, hängen sie ein Schild raus. Nein, nicht „Besetzt“, sondern „Bin gleich wieder da“. Und exakt dieses Schild, natürlich in einer historischen Version aus den Zeiten vor der Verbreitung von Papier und Druckertinte, konnte ich in Neuseeland aufspüren. Meine sensationellen und bisher unveröffentlichten Fotografien belegen, dass die Probleme des heutigen Prekariats Jesus schmerzhaft vertraut waren. „Bin gleich wieder da“ schrieb er auf einen Stein, den er dann mit den ihm innewohnenden übermenschlichen Kräften – schließlich war er Gottes Sohn – vor den Eingang seines Kiosks oder des Schneiderladens wuchtete. Damit nix geklaut wurde, während er auf dem Pott war, nehme ich an.

Freuen Sie sich mit mir und der gesamten Weltöffentlichkeit, denn durch den Fotobeweis wurde nun auch die irrige Theorie ad absurdum geführt, derzufolge Neuseeland erst im 13. Jahrhundert von polynesischen Seefahrern entdeckt und nachfolgend besiedelt wurde. Entweder Gottes Sohn starb nicht am Kreuz, sondern wanderte nach Tonga aus, wurde dort mindestens zwölfhundert Jahre alt und nahm seinen Stein mit nach Neuseeland (was bei den Größe des Steins und den Dimensionen polynesischer Einbäume eher unwahrscheinlich klingt), oder das offenbar englischsprachige Galiläa lag auf der Südhalbkugel, rund 3000 Kilometer östlich von Australien. Vielleicht wurde Jesus allerdings auch in Neuseeland wiedergeboren, obwohl Reinkarnation im Christentum eigentlich nicht vorgesehen ist. Aber wer nach unbefleckter Empfängnis und Kreuzigung postwendend auch noch die Auferstehung hinkriegt, dem ist wohl fast alles zuzutrauen.

Fest steht jedenfalls der oben erwähnte und unten abgebildete Stein, und zwar auf einem Hügel am Highway No. 5 zwischen Rotorua und Hamilton. Weitere Enthüllungen aus dem Leben und Schaffen von Jesus Christus werde ich Ihnen sicherlich nach meiner nächsten Reise ins Land der langen weißen Wolke präsentieren können, denn ich bleibe an dem Fall dran. Machen Sie sich schon mal auf umwälzende Erkenntnisse gefasst, die unser abendländisches Weltbild komplett verändern werden. Wahrscheinlich muss sogar die Bibel neu geschrieben werden, aber das sehen wir dann ja.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 1 Kommentar »

Toll, heut is wieder Volksaufstand!

Geschrieben von Johannis am 21. Februar 2011 um 09:39 Uhr

Schon mal bei rot über eine Kreuzung oder schwarz mit dem Bus gefahren? Ungeschützten Sex mit Fremden gehabt oder im Supermarkt was geklaut? Aha, ich sehe, die meisten nicken, wenn auch zögerlich. Und – schon mal größere Risiken auf dich genommen, um dein verfassungsmäßiges Recht auf freie Meinungsäußerung und Versammlungsfreiheit auszuüben? Nein, mit größere Risiken meine ich nicht die Gefahr einer Blasenentzündung, weil du mitten im Winter zu einer Naziaufmarschgegendemo gegangen bist oder beim Castorblockieren auf ungeheizten Gleisen gesessen hast. Gleise werden sowieso nicht geheizt – nur Weichen, und auch die meistens nicht? Schön, dass mir das mal einer erklärt.

Aber Spaß beiseite. Seit der Vorweihnachtszeit ist im nahen Osten der Bär los. Erst Tunesien, dann Ägypten, jetzt kocht es in Algerien, Bahrain, Libyen, Jordanien und im Jemen, und in Teheran fordern die bärtigen Islamo-Faschisten bereits die Todesstrafe für alle iranischen Oppositionsführer. Täglich werden Menschen erschossen, weil sie für Freiheit und Selbstbestimmung demonstrieren, weil sie nicht länger erdulden wollen, dass ihre Länder von raffgierigen Diktatoren ausgeplündert, von religiösen Eiferern ins zivilisatorische Mittelalter verbannt oder von wahnwitzigen Generälen als privater Abenteuerspielplatz betrachtet werden. Hunderte werden verhaftet, Tausende zusammengeknüppelt, Zehntausende atmen Tränengas und den Rauch brennender Barrikaden. Tag für Tag, nur weil sie endlich frei sein wollen. Könnt ihr euch vorstellen, wie viel Mut dazu gehört, um in Algier, Manama oder Bengasi auf die Straße zu gehen und gegen das herrschende System zu protestieren? Das ist anders, als hier bei uns, wo 2000 Bereitschaftspolizisten die dumpfen Glatzen beschützen und dafür sorgen, dass blöde Neonazis nicht verdientermaßen was auf die Fresse bekommen. Dort lauern Scharfschützen auf den Dächern, um die Rädelsführer der Freiheitsbewegung per Kopfschuss auszuschalten, schickt das Regime abwechselnd Panzer und Polizisten, um den Widerstand des Volks zu brechen.

Weshalb ich euch das alles erzähle, das wüsstet ihr doch längst? Um Nähe zu schaffen, um euch die Identifikation mit den Menschen in Nordafrika und dem mittleren Osten zu erleichtern, und um meine Bewunderung auszudrücken. Weil ich intensiv mitfühle. Weil ich mal in einen Volksaufstand hautnah miterlebt habe, während der Ausgangsperren demonstriert habe und verhaftet wurde. Weil ich den Geruch von frisch vergossenem Blut kenne – und das nicht von einer Besichtigung eines deutschen Schlachthofs. Deshalb. Versteht mich bitte nicht falsch – es geht hier nicht um Selbstbeweihräucherung. Es geht um Menschen, die endlos lange belogen, betrogen, unterdrückt und wie Dreck behandelt wurden, sodass es ihnen schließlich egal war, ob sie zusammengeschlagen, verhaftet oder sogar getötet werden – Hauptsache, es ändert sich endlich etwas in ihrem Land. Das finde ich bewundernswert und es treibt mir Tränen in die Augen, wenn ich an solche Menschen, an ihre Wut und ihren Mut denke.

Im Mai des Jahres 2006 war ich beruflich in Nepal, um dort Entwicklungshilfeprojekte voranzutreiben. Daraus wurde nichts, denn es gab einen landesweiten Volksaufstand. Sechzehn Tage lang gingen die Nepalesen auf die Straßen, millionenfach, ließen sich weder von Ausgangsperren noch von brutalen Polizei- und Militäreinsätzen bremsen, sie forderten ihre Rechte, ihre Freiheit. Sie ließen sich zusammenknüppeln, würgten im weißen Rauch der Trängasgranaten, wurden verhaftet und manche starben. Selbst ihre Leichen waren brutaler und unmenschlicher Willkür ausgesetzt, wie ich miterleben musste, weil mich eine Zeitung zum Fotografieren in ein Krankenhaus schickte. Dort wurden gerade die Körper dreier junger Männer von der Polizei weggeschleppt, man fand ihre Leichname nie wieder.

An all das muss ich bei den Berichten aus Kairo, Bengasi oder Sanaa denken. Die Bilder ähneln sich, die Geschichten auch. Ich hoffe nur, dass den Tunesiern, den Ägyptern und all den anderen Mutigen eine andere Zukunft bevorsteht als den Nepalesen. Fast fünf Jahre, nachdem sie ihren despotischen König in die Knie gezwungen und die Demokratie ertrotzt haben, werden die Nepalesen weiterhin von unfähigen und korrupten Männern erbärmlich schlecht regiert, hat die junge Republik noch immer keine neue Verfassung und sich im Land eigentlich nicht viel geändert. Möge das in den arabischen Ländern anders sein, mögen all jene, die mit Schmerz, Tränen und Blut für ihre Freiheit bezahlen, sich nicht vergebens opfern.

Und wir? Was ist mit uns, den Bürgern eines Landes, das sich kategorisch weigert ein paar hundert oder gar tausend tunesische Flüchtlinge aufzunehmen? Wie viel Mut zeigen wir, welche Opfer sind wir zu bringen bereit, für eine bessere Zukunft, für Gerechtigkeit und ein menschwürdiges Leben überall auf diesem geschundenen Planeten? Ich mag die Antwort nicht vorausnehmen und hoffe auf ein Wunder. Immer noch.

Unten habe ich eine Auswahl von Fotos aus jenem Mai des Jahres 2006 zusammengestellt, als die Nepalesen sich gegen ihren König erhoben. Sie sind teilweise nichts für schwache Nerven, die Bilder von der Touristendemo hat Min Bajracharya fotografiert. Wer die dazugehörigen Geschichten lesen will, findet „Fahrradtour in Kathmandu“ unter Prosa und die beiden anderen in meinem Buch. Falls jemand mehr Bilder aus der Zeit des nepalesischen Volksaufstandes sehen möchte, müsst ihr euch durch die Galerien klicken. Ich finde, wir sollten uns an den Ägyptern, Tunesiern und anderen Freiheitshungrigen ein Beispiel nehmen. Ab und zu mal was riskieren, den Mund aufmachen, nicht aufgeben.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 1 Kommentar »

Würstchen im Schlafrock

Geschrieben von Johannis am 17. Februar 2011 um 09:18 Uhr

Politiker sind wie Pistazien, nur andersrum. Bei Pistazien sind die meisten gut. Nur manchmal ist eine in der Tüte, die hohl ist, partout nicht aufgehen will oder beim Zerkauen so eklig schmeckt, dass man sich fragt, ob dieser undefinierbare Knubbel nur eine ranzige Pistazie oder leider doch ein Klumpen eingetrocknete Pistazienbohrwurmkacke war. Viele Politiker sind wie Reiswaffeln. Kennt ihr doch, diese sterbenslangweiligen Puffreispresslinge, mit denen Ökos und pädagogisch korrekte Eltern ihren nörgelnden Nachwuchs ruhigstellen? Nahezu Null Nährwert und ein kulinarischer Erlebnisfaktor, als würde man lauwarmes Wasser von winzigen Silberlöffeln schlürfen. Destilliertes Wasser, das vergaß ich zu erwähnen. Manche Politiker sind wie Sonnenblumenkerne. Habt ihr sicher schon gesehen, wenn türkische Frührentner irgendwo auf einer Parkbank sitzen und wie übergroße schnauzbärtige Goldhamster diese winzigen Kerne knabbern. Tausende davon, bis der Bürgersteig aussieht wie das Innere eines Vogelhäuschens, nachdem Amsel, Drossel, Fink und Star eine dreitägige Fressorgie gefeiert haben. Sonnenblumenkerne – viel Spelzen, wenig Geschmack.

Politiker sind wie Fast-Food: Fast nur hohle Kalorien, zu viel Fett und irgendetwas, wovon einem garantiert schlecht wird, kaum dass man den Mist geschluckt hat. Außerdem wird man sie sauschwer wieder los. Genau wie den fettigen Geruch, der noch tagelang in Kleidern und Haaren hängt, wenn man sich länger als drei Nanosekunden in einer Frittenbude aufgehalten hat. Wohin das jetzt führen soll? Ob ich euch mit kalorienreichen Metaphern zuscheißen will, bis euch der letzte Appetit vergangen ist und ihr euch aus lauter Politikverdrossenheit bei der nächsten Landtagswahl vorm Wahllokal mit Benzin übergießen und anzünden werdet? Grillfleisch nach tunesischer Art, oder wie? Verzeiht, liebe Leserinnen und Leser, aber manchmal geht meine Fantasie einfach mit mir durch. Das sind Spätfolgen der freien Assoziationsübungen, die ich im Jahr 2005 bei meinen ersten Besuchen in der Schreibwerkstatt der Dortmunder Volkshochschule erdulden musste, unkontrollierbare Synapsenzuckungen sozusagen. Aber wie unser oberbayerisches Milkamädchen, die Maria Riesch, komme ich jetzt riesenslalommäßig auf den Punkt.

Mitleid. Ich habe Mitleid, sorge mich ernstlich. Um wen? Na, um unser Würstchen im Schlafrock natürlich, den Hotdog unter Deutschlands Spitzenpolitikern, um Guido. Was macht es wohl mit ihm – typische Therapeutenfrage – dass ihn alle hassen? Gut, nicht alle. Die ihn nicht hassen, verspotten den Typen oder ignorieren ihn einfach. Was nicht einfach ist, so penetrant publicitygeil wie Guido ist. Aber selbst Politiker haben eine Psyche, auch wenn die meist verkümmert ist, sie sind verletzbar und theoretisch sogar einsichtsfähig. Was ist denn, wenn Guido längst kapiert hat, dass ihn keiner für voll nimmt? Vielleicht will sein Mann Michael Mronz sich längst von ihm scheiden lassen, kann das ewige Mobbing nicht mehr ertragen, beim Frisör, im Sonnenstudio oder an der Fleisch- und Käsetheke im Supermarkt. Wer möchte schon mit Guido Westerwelle verheiratet sein? Das ist doch genauso schlimm wie mit Silvio Berlusconi. Oder seiner seltsamen Tochter Marina, aber auf die komme ich noch.

Ein Hotdog ist nur eine warme Wurst, eingebettet in ein labberiges Brötchen und mit Senf bespritzt. Wenn man Glück hat, kommt auch noch Ketchup drauf plus Röstzwiebeln und Sauerkraut. Wer hat sich diese perverse Zusammenstellung bloß einfallen lassen? Die Amis wieder? Egal. Guido ist wirklich eine arme Wurst. Spätestens am kommenden Sonntag wird das jeder begreifen, denn dann holt die FDP in Hamburg hoffentlich weniger als 5 Prozent und landet wo sie hingehört, auf dem Müllhaufen der Geschichte. Und das ist ja nur der Anfang von Ende, dieses Jahr wird noch reichlich gewählt. Nur nicht die FDP. Spätestens Weihnachten ist Guido so fertig mit den Nerven, dass er den Parteivorsitz aufgibt und ins Exil geht. Zu Mubarak nach Sharm El-Scheich, oder nach Italien. Nur weg, Hauptsache irgendwohin, wo’s warm ist. (Neulich fragte ein Fernseh-Komiker nach vier schwulen Flüssen: Inn, Main, Po, Rhein. Höhöh. Schwulenwitze sind auch out, seit Guido, die Verkörperung der zehn biblischen Landplagen, über uns gekommen ist.)

Aber mal ganz im Ernst, oder wenigstens fast – könnt ihr euch vorstellen, dass das Bewusstsein von Guido Westerwelle wirklich so wasserdicht, teflonbeschichtet und schockresistent ist? Dass er nicht merkt, wie ihn alle auslachen? Dass er nicht leidet wie ein Hund, manchmal völlig verzweifelt ist und sich wünscht, er hätte einen anständigen Beruf ergriffen? Neulich, am Tag vor Mubaraks Abgang, fragte Tom Buhrow ihn in den Tagesthemen, ob er oder Mutti Merkel eigentlich mal den Rücktritt des Diktators gefordert hätten, so ganz direkt beim Telefonieren mit dem Militärrat? Was kam? Laberrhabarber – wichtig sind Frieden und Demokratie, bitte keine Gewalt, das Militär soll dies und jenes, Pipapo und Pillermann – bloß keine Antwort. Und der Fernsehfritze hat nicht mal gezuckt, geschweige denn gekontert. „Herr Außenminister, das war keine Antwort auf unsere Frage. Hat sich die deutsche Regierung denn nun nachdrücklich für den Rückzug des ägyptischen Diktators eingesetzt, ja oder nein?“ Das hätte kommen müssen, aber Tom Buhrow lächelte nur. Er lächelte, wie man ein behindertes Kind anlächelt, wenn es sich bei Tisch von oben bis unten mit Spinat eingesaut hat. Weil es ja nicht ohne Hilfe essen, den Löffel nicht richtig halten kann. Guido wird behandelt wie ein Spasti. (Ach, Spastikerwitze sind auch out? Sorry, kommt nicht wieder vor.)

Darf man denn noch Frauenfeindliches von sich geben? Zum Beispiel über Maria Elvira Berlusconi, genannt Marina. Sie will ja bald den Papa beerben, was Macht und Einfluss angeht. Zumindest in puncto Gier und Instinktlosigkeit scheint sie ihm ebenbürtig, so nuttig wie sie auftritt. Ganz nach dem Geschmack des Papas, nur beuteschemamäßig zu alt. Der steht ja besonders auf Minderjährige. Marina wird wohl Silvios Medienimperium übernehmen und am liebsten auch die politische Rolle, aber leider ist das Amt des Ministerpräsidenten noch nicht vererbbar. Kann aber noch kommen. Mich interessiert im Zusammenhang mit Marina Berlusconi, geboren am 10. August 1966, nur eines: Wo hat sie sich die Titten machen lassen und was hat das gekostet?

So, das muss für heute reichen. Daumen drücken am Sonntag, für die Wahl in Hamburg. Ciao, Guido, bello ragazzo!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 2 Kommentare »

Lieber Harald Martenstein,

Geschrieben von Johannis am 14. Februar 2011 um 09:37 Uhr

ich find’ Sie scheiße. Nein, stimmt nicht. Sie sind wahrscheinlich ganz okay für einen überbezahlten, alternden Schreiberling und ZEIT-Kolumnist mit Fusselbart und Alt-68er-Frisur. Oh, Mist! Sie sind gerade mal sechs Jahre und 20 Tage älter als ich, wie Wikipedia mir soeben verrät. Ich bin also nur neidisch, weil erfolglos, wenngleich ebenfalls Kolumnist. Nur unbezahlt und weitgehend unbeachtet. Noch, aber das muss nicht so bleiben. Was ich eigentlich von Ihnen will? Ein bisschen rumnörgeln und Ihnen dann, sozusagen von hinten durch die Brust ins Auge gepiekt, zustimmen. Tja, so bin ich.

Aufgewachsen in einem hanseatischen Akademikerhaushalt, verbindet mich viel mit der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT, sie spielte eine wichtige Rolle bei meiner Mensch- und Bewusstwerdung. Mittlerweile vier Jahrzehnte währt dieser positive Einfluss nun schon, und zur ZEIT gehört eben auch das ZEIT-Magazin, in dem Sie Ihre Kolumne schreiben. Oftmals triviale Texte, verzapft mit mäßig Wortwitz und Tiefgang, dafür aber oft im leicht überheblichen Tonfall des ihr-wisst-ja-wer-ich-bin-und-dass-ich’s-draufhabe. Manchmal wirken sie regelrecht hingeschludert, doch das ist wohl der lustlosen Leichtigkeit eines altgedienten Profis geschuldet.

Im Gegensatz dazu bin ich ein ordentlicher Mensch, der sein Handwerk ernst nimmt und in vielen Lebenslagen methodisch vorgeht. Also kaufe ich mir Donnerstags oder Freitags bei Karim, meinem kurdisch-irakischen Kioskinhaber, DIE ZEIT für mittlerweile ziemlich unverschämte Dreiachtzich und lese sie innerhalb der Folgewoche von vorn bis hinten durch. Politik, Dossier und Wirtschaft sind ein Muss, bei Wissen, Feuilleton und Reisen lass ich schon mal was aus (Theater und Lyrik interessieren mich nicht mehr doll), und das ZEIT-Magazin landet meist auf einem Stapel in der Küche oder wandert ins Badezimmer. Obwohl immer wieder gute Artikel drin sind. Und Sie eben, Martenstein, mit Ihrer läppischen Kolumne. Insgesamt ist mir im ZEIT-Magazin zuviel Lifestyle, finde ich das Heftchen zu seicht, luxusgeil und werbelastig.

Aber ich lese die Magazine alle, wenn auch manchmal erst mit monatelanger Verspätung und oft nur diagonal. Sie, Herr Martenstein, stehen ja immer ganz vorne drin, auf Seite sechs. Jeweils rund 3500 Buchstaben und Leerzeichen, über den Daumen gepeilt 500 Worte, und das jede Woche, die Gott angeblich werden lässt. Die obere Seitenhälfte wird von einer Illustration gefüllt und unten sind Sie dran. Für einen Menschen mit gesunder und regelmäßiger Verdauung füllt das Lesen Ihrer Ergüsse ungefähr die Zeitspanne, die der tägliche Feststoffwechsel dauert, aber dann ist es auch schon Zeit, anderes Papier in die Hand zu nehmen. Spätestens beim Händewaschen habe ich vergessen, woran Sie eine Woche gesessen haben – voller Pein, hochinspiriert oder mit medikamentöser Hilfe Ihre Schreibblockade niederringend.

Übrigens, einer meiner Freunde ist glühender Verehrer Ihrer Schreibkunst, er zitiert gelegentlich aus Ihrer Kolumne und ich muss mich dann immer ein wenig anstrengen. Einerseits, um nicht allzu gelangweilt aus der Wäsche zu kucken, und andererseits, um ihn nicht mit hammerharten Worten ungespitzt in den Boden zu kloppen. Denn der gute und ebenfalls schreibende Freund liest meinen Blog nicht, mit der wenig schlüssigen Begründung, er sei eben kein Blogleser. Wäre er ein besserer Freund oder wenigstens ein stinknormaler Blogleser, hätte er längst gemerkt, dass ich Ihnen in puncto Wortwitz und blendendheller Geistesblitzigkeit mindestens ebenbürtig bin. Und dazu auch noch erheblich fleißiger als Sie, denn in guten Zeiten publiziere ich dreimal wöchentlich Texte, die sich an Länge, Gemeinheit und thematischer Vielfalt durchaus mit Ihren Schmonzetten messen können. Das kapiert mein Freund jedoch nicht, denn er ist eben kein Blogleser. Vielleicht passt ihm auch mein schnodderiger Stil nicht oder er ist neidisch, weil ich mit meinem Mist pro Tag etwa soviel Leser erreiche wie er mit seiner gebundenen Qualitätslyrik während eines ganzen Jahres. Egal, Freund bleibt Freund.

Vorletzte Woche habe ich wieder einmal Ihre Kolumne gelesen, den Text über Skandale und den Untergang der Welt. Ich fand ihn nicht besonders originell, aber er brachte eine Saite zum Klingen. Eine Saite in klagendem Moll, die in mir Töne des Bedauerns, Seufzer des Verstehens und eine nahezu unerträgliche Sehnsucht nach sanft geschwungenen Hügeln, saftigem Grün und frischem Seewind aufsteigen ließen. Wie Sie nicht wissen können, weil Sie natürlich auch kein Blogleser sind, habe ich kürzlich zwei wundervolle Monate in Neuseeland verbracht. Dort war ich fast vollkommen abgeschnitten vom medialen Datenstrom, musste oder durfte besser gesagt auf die tägliche Dosis Horror, Skandalgeschrei, Korruptionsenthüllung und vor allem auf das unerträgliche Gefasel unseres Außenministers und seiner widerwärtigen Spießgesellen verzichten. Ganz entspannt im Hier und Jetzt, vollkommen in meiner Mitte, stetig in Bewegung und dabei in mir ruhend, total zenmäßig – Reisen in seiner höchsten Vollendung. Keine Empörung, sondern friedlich-fröhliches nur-da-sein. Mann, Martenstein, ging es mir gut!

So, und nun schrieben Sie Anfang Februar – ich war grad widerwillig nach Deutschland zurückgekehrt – Sie könnten sich nicht mehr aufregen. “Mir ist alles egal! Esst Eier! Seid korrupt!” polterten Sie schon in der Überschrift, und ich konnte Sie sehr gut verstehen. Das bisherige Highlight meiner Twitter-Karriere war ein 100-Sterne-Tweet, der so oft retweetet wurde, dass er es zum Tweet des Tages brachte. „Neues Syndrom Entrüstungsstress: Man kann sich nicht mehr so schnell empören, wie aus Berlin neuer Irrsinn bekannt wird“ schrieb ich aus einer Laune heraus. Und gleichzeitig aus tiefster Überzeugung. Sogar auf der ersten Seite der WELT KOMPAKT bin ich damit gelandet. Und was hat es mir genützt? Nix. Sie schreiben weiterhin Ihre lauwarme und garantiert hochdotierte Kolumne, und Giovanni di Lorenzo hat immer noch nicht bei mir angerufen. Nach dem Motto: „Also Herr Jappen, bei Harald Martenstein ist ja längst der Lack ab. Ihre freche Schreibe gefällt uns sehr, wollen Sie nicht seinen Job übernehmen?“ Mist.

Richtig schlecht sind Sie ja nicht und haben offenbar Ihre Stammleser. Und sogar Fans, wie meinen Freund, diesen Nichtblogleser. Den Nichtaufregenkönnertext fand ich jedenfalls ganz okay, wohl weil es mir im Moment ähnlich geht. Ich leide nicht etwa an Entrüstungsstress, sondern ich habe ein Empörungsburnout. Der ganze entrüstungswürdige Dreck ist mir egal geworden. Einzig über den dünkelhaften Arroganzkotzbrocken Wolfram Siebeck und seine kropfüberflüssige Edelfresskolumne, ganz hinten im ZEIT-Magazin, kann ich mich noch echauffieren. Mit großer Mühe. Der Mann muss ja beim Kacken eine Schweißerbrille aufsetzen, damit er nicht im grellen Licht erblindet, das fixsternmäßig aus seinem Anus strahlt, sobald er die Hose runterlässt. Ich hab vor ein paar Jahren sogar mal an eure Redaktionsleitung geschrieben und demütigst erbeten, dass man den senilen Fresssack endlich auf den Komposthaufen schmeißt oder ins Endlager für abgebrannte Schreiberlinge schickt, allen Ernstes. Es kam keine Antwort.

Die vielen Besserverdiener unter den ZEIT-Lesern scheinen seine großkotzigen Restaurantkritiken und praxisuntauglichen Küchentipps nach wie vor lesen zu wollen. Oder sie hoffen still und heimlich, dass er endlich Löffel und Griffel abgibt, mit seinen achtzig Jahren wird’s allerhöchste Zeit. Wahrscheinlich schreibt er den Dreck nicht mal selbst, sondern diktiert ihn, überteuerten Wein aus einem mundgeblasenen Kristallkelch schlürfend, einer verschüchterten Redaktionspraktikantin in den Stenoblock. Also, mir sagt man nicht völlig zu Unrecht eine gewisse Arroganz nach, aber der Siebeck ist ja wohl die Ausgeburt der Überheblichkeit. Wenn ich spontan auswählen müsste, wer vor meinen Augen in einer frisch aufgebrochenen neuseeländischen Lavaspalte versinken soll, Siebeck oder Westerwelle, ich könnte mich nur unter Qualen für einen der beiden entscheiden. Sie hingegen, Herr Martenstein, würde ich verschonen. Vorerst.

Anscheinend klingt mein Empörungsburnout langsam ab. Die Vorstellung, blasierte Medienklugscheißer und inkompetente Möchtegernvolksvertreter unter Fauchen, Fettgestank und frivolem Brutzeln einem qualvollen Tod im rotglühenden Magmastrudel zu überantworten, hat etwas Heilsames. Siebeck, der selbstgefällige Küchengroßkotz, auf dem heißen Stein gut durchgebraten, extremely well done sozusagen, und Westerwelle, das größte Schand- und Lügenmaul der bundesrepublikanischen Jetztzeit, zwar nicht vor Scham, aber dennoch und auf Nimmerwiedersehen im Boden versinkend – das sind wahrhaft erhebende Visionen! So, mein guter Martenstein, das muss für heute reichen. Ist eh schon mehr als das Doppelte dessen, was Sie normalerweise in einer Woche zusammenschreiben.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 4 Kommentare »