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Archiv für Januar, 2011

Generalamnesie

Geschrieben von Johannis am 28. Januar 2011 um 11:41 Uhr

Hier kann ich jeden Blödsinn reinschreiben. Erstens geht’s keinen was an, weil is ja mein Blog, und zweitens merkt’s eh keiner. Also fast nie. Meine Texte werden ja nicht beim Leseverständnisvergleichstest im Rahmen der Pisastudie eingesetzt. Praktisch. Und für besonders schlimme Schnitzer habe ich zwei Freundinnen, die mir gelegentlich Mails schicken, so nach dem Muster 5. Absatz, dritte Zeile. Oder ganz besonders aufmerksame Leser wie Locutus01 weisen mich dezent drauf hin, dass ich die schöne neue Welt George Orwell untergeschoben habe, ohne im Gegenzug Aldous Huxley mit der Urheberschaft am Roman 1984 zu belohnen.

Manuela, Anna und sämtliche LeserInnen vom Kaliber des Locutus01 können sich jetzt zurücklehnen, denn ich weiß, dass es eigentlich Generalamnestie heißt. Generalamnestie is, wenn Berlusconi alle italienischen Kinderschänder aussem Knast lässt und sich selbst einen Persilschein ausstellt, demzufolge das Rumfingern an Minderjährigen für notgeile Spitzenpolitiker medizinisch notwendig und zur persönlichen Jungerhaltung unverzichtbar ist. Vielleicht steht Silvio deshalb auf kleine Mädchen, weil er nachweislich einen kleinen Schniedel hat und Jungfern sich mangels Vergleichsmöglichkeiten leichter von dem alten Sack und seinem kümmerlichen Präsidentengürkchen beeindrucken lassen. Aber angeblich ist Frauen die Größe ja nicht wichtig. Wie auch immer, Berlusconi leidet schlicht an Titanenwahn im fortgeschrittenen Endstadium – er weiß alles, darf alles und kann alles. Gut, mit dem übers-Wasser-laufen klappt’s manchmal nicht, aber das liegt dann an der Tagesform. Des Wassers natürlich.

Generalamnesie is, wenn militärisches Spitzenpersonal sich plötzlich an nix mehr erinnern kann, oder wenn alle alles vergessen. Generalamnesie kann ganz nett sein, solange man den Kühlschrank noch aufbekommt und nicht vergisst, dass Korkenzieher und Rotweinflasche ähnlich zusammenpassen wie Schniedel und Möse. Ja, ich hätte ebenso gut Penis und Vagina schreiben oder ganz auf schlüpfrige Vergleiche verzichten können. Bloß warum? Is doch lustig, und zu viel Niveau schadet nur, das zieht so runter. Ja, auch die Werte meiner Leserstatistik. Wie schön eine partielle Generalamnesie sein kann, habe ich während meiner Neuseelandreise erlebt. Zwei Monate lang war ich wie entkoppelt und bekam nix von bundesdeutscher Politdramatik, Winterchaos oder dem Dahinsiechen der FDP mit. Zum Glück ging’s mir bei den Kiwis dermaßen saugut, dass ich auf Lustgewinne durch Meldungen über den kometenhaft abgestürzten G-Punkt Westerwelle locker verzichten konnte. Gibt es die pickelnarbige Krawallschwuchtel eigentlich noch, oder ist der klammheimlich ins Exil verschwunden? Schöne Idee, doch welches Land würde unserem verhaltensauffälligen Guido Asyl gewähren?

Egal. Erinnert sich eigentlich noch jemand an Copenhagen, später in Flopenhagen umgetauft? Und an Cancun, die Nachfolgemegamonsterweltklimakonferenz? In Neuseeland war Cancun eher nicht so das Thema, hier bei euch etwa? Klimawandel ist irgendwie out, finde ich. Man gewöhnt sich an allem, auch am Dativ. Eben. Nervt doch auch irgendwie, wenn man ständig die Unfähigkeit und grenzenlose Dickfälligkeit der globalen Politikerelite mit derselben Eindringlichkeit vor Augen geführt bekommt, mit der sich Hühneraugen, eingewachsene Fußnägel und die olfaktorischen Hinterlassenschaften von Personen, die auf öffentlichen Toiletten erfolgreich Stuhlgang hatten, ins menschliche Bewusstsein drängen. Da kommt uns eine leichte Generalamnesie doch sehr gelegen und erspart die lästige Verdrängungsarbeit. Drogen sind ja leider auch out, mittlerweile muss man sich für jede heimlich gepaffte Kippe schämen.

Ob ich eigentlich weiß, worauf ich mit diesem Text hinaus will? Na ja, so irgendwie schon. Mal abgesehen davon, dass ich keine zündende Idee für einen wirklich lesenswerten Beitrag hatte, aber was schreiben musste. Es geht um die Freuden der Unwissenden, um den randvoll mit süffigem Trunk gefüllten Kelch des Vergessens. Dumm fickt bekanntlich nicht nur gut, dumm macht sich auch weniger Sorgen und genießt das Leben mehr. Daran möchte ich mir ein Beispiel nehmen, denn ich weiß, dass Informationsfülle nicht glücklich macht. Auch hier gilt das abgedroschene „weniger ist mehr“, wie ich aus Selbstversuchen weiß. 1996 verkaufte ich beispielsweise meinen brandneuen Fernseher, um eine wildwuchernde Depression in Schach zu halten und mein zartes Gemüt vorm alltäglichen Irrsinn zu schützen. Es ging mir gut, ohne Glotze. Ehrlich. Erst vor rund zwei Jahren hatte ich mich ausreichend gegen das globale Grauen desensibilisiert, um einen DVBT-Stick erwerben und einsetzen zu können. Fortan empfing ich am PC die Nachrichten und manch überflüssige, aber auch unterhaltsame Sendungen. (Der GEZ gegenüber bestreite ich dies jedoch vehement, die wollten nämlich auch gestern wieder wissen, ob ich einen Fernseher habe. Happich nich.) Ob es mir nun mit optimierter Nachrichtenversorgung besser geht, wage ich jedoch zu bestreiten.

Meine Ankündigung, ich werde noch in diesem Jahr nach Neuseeland zurückkehren, brachte mir im Freundeskreis Kritik ein. Sporadische. „Du hast es gut, du kannst einfach abhauen und alles ist super, toll. Schreib das doch auch bei GlobalUturn, so als Option, dass jeder, der es in seinem Land zum Kotzen findet, einfach nach NZ auswandern soll. Oder wohin auch immer… und schon ist alles paletti und niemand muss sich mehr ‘nen Kopp machen von wegen Weltverbessern und so.“ schrieb eine Freundin. Tja, was soll ich ihr antworten? Dass ich nicht mehr an ein globalpolitisches Happyend glaube, speziell nicht beim Klimawandel? Dass ich mir mit Anfang Fuffzich, auch wenn ich mich deutlich jünger fühle und noch nicht völlig vergreist aussehe, langsam mal überlegen sollte, was mir gut tut und mich sogar ansatzweise glücklich macht? Dass die gemeinsam mit Freunden investierte Zeit für Aufbau und Betrieb der interaktiven Plattform www.global-u-turn.org verschwendete Zeit war, wenn man mal vom Erkenntnisgewinn absieht? (Haupterkenntnis: Klimawandel und globale Themen nerven. Keiner will was drüber hören, weil das die Verdrängung erschwert.)

Statistisch habe ich noch rund 25 Jahre Restlaufzeit, von denen ich mit etwas Glück die Hälfte bei mittelprächtiger Gesundheit, erlahmender Potenz und mit halbwegs funktionierendem Hirnstamm verleben darf. Weshalb soll ich mich parallel zum bevorstehenden geistig-körperlichen Verfall mit einer Weltlage befassen, die wenig Anlass zu Hoffnung oder gar Freude bietet. Ist es da nicht völlig legitim, mich nach Neuseeland zu verpissen, den internationalen Datenstrom vertröpfeln zu lassen und mich an sattgrünen Landschaften, freundlichen Zeitgenossen und segeltauglichen Winden zu erfreuen?

Seit meiner Rückkehr habe ich zehnmal die Abendnachrichten gesehen und zweimal DIE ZEIT gekauft. Ich höre wie gewohnt täglich Radio und erfahre auch dort Dinge, die ich weder wissen muss noch will. Die Leiche des „mittlerweile elfjährigen“ (so schreibt DER WESTEN – altert man als Leiche?) Mirco aus Grefrath wurde nach vier Monaten endlich gefunden und ein Familienvater als dringend tatverdächtig verhaftet. Muss ich das wissen? Nope. Bringt es irgendwem etwas (zum Beispiel den verzweifelten Eltern des Jungen), wenn ich das weiß? Nullinger. Daher werde ich mir erlauben, meine Grundhaltung gegenüber der Welt als Ganzes und in Bezug auf verschiedene ihrer Aspekte im Besonderen zu überdenken. Weniger grübeln, Frust schieben, hadern. Mehr freuen, segeln, Grünzeug futtern, lachen, im Meer schwimmen, Scheißdrauf sagen. Weil es, falls der globale Zug tatsächlich schon in Richtung Desaster abgefahren ist, eindeutig klüger wäre, seine Tage ganz egoistisch zu genießen, anstatt sich mit der moralisierenden Attitüde des Weltverbesserers im kollektivem Sorgenpfuhl zu wälzen. Ich denke also drüber nach und prüfe, was gut für mich ist. Bekömmlich, nährend und nicht zehrend.

Aber vielleicht hält das bald beginnende Jahr des Hasen außer Glück in der Liebe ja noch andere erfreuliche Überraschungen bereit. Die aufmüpfigen Tunesier scheinen für viele Araber eine leuchtende Vorbildfunktion zu haben, denn auch in Ägypten und im Jemen verlangen empörte Massen nach Demokratie und wollen ihre despotischen Herrscher aus den profitablen Ämtern vertreiben. Möge es ihnen gelingen – den pflichteifrigen Militärs in Kairo und Sanaa ist eine tiefgreifende Generalamnesie zu wünschen – und möge dies der Anfang einer weltumspannenden Revolution des gesunden Menschenverstands sein. Mögen wir auf den allerletzten Drücker noch zu Vernunft kommen und die sinnlose Zerstörung unseres gemeinsamen Lebensraumes beenden. Mögen wir erkennen, wie wundervoll der Planet Erde ist und wie angenehm ein Leben auch in bescheidenstem Wohlstand auf diesem Himmelskörper sein kann. All dies bitte, bevor es zu spät ist.

Falls keines der genannten Wunder geschieht, werdet ihr euch sicher schnell damit abfinden, wenn ich zukünftig weniger Anteil am globalen Wahnsinn nehmen und mehr Zeit in Shorts und Flipflops verbringen sollte. Generalamnesiert, selbstvergessen oder gar unangenehme Wahrheiten aktiv verdrängend. Mal seh’n wohin die Reise geht, bildlich gesprochen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Vielfliegerbonus

Geschrieben von Johannis am 24. Januar 2011 um 10:05 Uhr

Zu den bestgehassten Unternehmen dieser Welt gehört neben Microsoft und BP auch die Deutsche Bahn. Im Gegensatz zu den Erstgenannten ist die Bahn jedoch darum bemüht, ihr verdientermaßen beschissenes Image noch zu verschlechtern. Mit erstaunlichem Erfolg, wie ich letzten Montag erleben durfte und nun berichten werde. Erlaubt mir aber vorher bitte noch einen erzählerischen Umweg.

Nachdem ich am Sonntagmittag mein Zeug von der wirklich empfehlenswerten Oaklands Lodge zum Airport verfrachtet hatte, teilte ich kurz darauf in der Boeing 777 die 66te Dreierreihe mit Lisa, einer lustigen Bodybuilderin und Fitnesstrainerin aus Auckland. Der Mittelplatz zwischen uns blieb angenehmerweise frei (Raum für überzählige Kopfkissen, wärmende Decken, ausgefahrene Ellenbogen etc.) und wir frotzelten uns fröhlich durch die zwölf Stunden bis Bangkok. Dort wendete sich mein Blatt allerdings, denn im nächsten Flieger herrschte ein Gedränge wie weiland im Winterschlussverkauf bei Karstadt. Neben mir saß fortan eine Thailänderin, die bis zur Ankunft kein Wort sagte, aber mit asiatischer Unbekümmertheit ihre Extremitäten, alle greifbaren Polstermaterialien und gelegentlich auch ihr müdes Haupt über die Demarkationslinie der Armlehne in den 55 Zentimeter breiten Raum schob, dessen vorübergehendes Nutzungsrecht ich mit dem Kauf meines Tickets erworben hatte. Das könnte man auch einfacher ausdrücken? Okay, zum Schlafen benutzte sie mich als Kuschelkissen und ansonsten rempelte sie mir das Essen von der Gabel und die Rippen blau. Gut so?

Erneute Rückblende, Boarding in Bangkok. Kaum hatten urlaubsmüde Horden den alterschwachen Jumbojet mit Geplapper, Handgepäck und Körpergeruch erfüllt, als in der Sitzreihe hinter mir das Geplärre losging. Dort saß ein erstaunlich knollennasiger Perser in Begleitung zweier ebenso angejahrter wie goldbehängter Damen und verlangte nach einer Steckdose. Der Gute – er sah wirklich wie ein fleischgewordenes Loriot-Männchen aus – fuchtelte mit einem Netzgerät in der Luft herum und faselte von Sauerstoff, den er unbedingt bräuchte. Nun sind in der Economy-Class leider keine Steckdosen vorhanden, der notwendige Sauerstoff wird hingegen – angereichert mit sämtlichen Ausdünstungen und Gasen, die einem lebendigen Menschen entströmen können – allen Reisenden kostenfrei zur Verfügung gestellt. Wenn auch in Minimalkonzentration und üblicherweise so temperiert, dass sich nur Eskimos und Wüstenbewohner wohl fühlen können. Von Bangkok nach Frankfurt war die Klimaanlage auf 26 Grad gestellt und Schwitzen angesagt, nur durch wiederholte Charmeoffensiven konnte ich die Chefstewardess dazu bewegen, die Temperatur schrittweise auf 24 Grad zu senken. Kälter fand sie unmenschlich.

Doch zurück zum Loriot-Männchen. Es sprach schlechtes Deutsch und kein Englisch, weshalb ich mich alsbald und ungewollt in der Dolmetscherrolle wiederfand. Mühsam konnten zwei Stewardessen und ich dem störrischen Alten verklickern, dass man nicht einfach irgendein Netzgerät im Flieger einstöpseln kann, auch wenn dies angeblich beim Hinflug möglich war. Da hatte er allerdings schon beim Einchecken Bescheid gegeben und man hatte ihm einen entsprechenden Platz plus Spezialadapter besorgt. Dies war nun, die Maschine proppenvoll und abflugbereit, nicht mehr möglich. Es entspann sich ein hitziger Dialog, im Verlaufe dessen verschiedene uniformierte Besatzungsmitglieder und euer Chronist zu klären versuchten, ob des Persers seltsames Sauerstoffdingens denn nun tatsächlich überlebensnotwendig oder doch nur ein Hilfsmittel gegen spontane Schnarcherschnappatmung sei. Man drohte ihm mit Zwangsausladung seiner Person, der beiden keifenden Weiber und ihrer Koffer. Darauf ging er aber zum Glück nicht ein, denn bei tonnenweise gebunkertem Gepäck hätte die Sucherei ewig gedauert. Irgendwann starteten vierhundert genervte Touristen, drei schmollende Perser und eine gestresste Crew mit gut einer Stunde Verspätung in den thailändischen Nachthimmel.

Die nächsten zwölf Stunden überspringe ich mit Rücksicht auf die knappe Zeit meiner Leser und nehme den Faden in Frankfurt wieder auf. Dort gibt es am Flughafen zwei Bahnhöfe mit den üblichen Service-Points. Aaaah, sagt ihr, denn jetzt wisst ihr, wohin der Hase läuft. Wenn er nach gut dreißig Stunden Reisezeit mit deutlicher Verspätung in Deutschland aufschlägt und noch einige hundert Kilometer im Zug zurücklegen muss, fragt der Durchschnittsmensch schon mal nach einer Zugverbindung. Am All-Trains-Bahnhof (heißt laut Beschilderung so) wurde der Service-Point jedoch gerade von Handwerkern abgebaut, und eine vollkommen überforderte junge Eisenbahnerin stand mit Fahrplan bewaffnet neben dem verwaisten Tresen und versuchte, die informationshungrigen Massen in Schach zuhalten und den entsprechenden Gleisen zuzuweisen. Ich schob meinen Trolley an ihr vorbei gen Fernbahnhof und steuerte dort den zum Glück noch existenten Service-Point an. Vor mir ein einsamer Kunde, hinter dem Tresen zwei uniformierte Bahnbedienstete, einer stehend am Monitor, einer sitzend. Ich ging also zum Sitzenden und entbot ihm ein freundliches „Guten Morgen“. Darauf richtete er den wässerigen Blick auf mich und reckte kurz sein Kinn vor, hob es kaum sichtbar in einer ruckartigen Geste, die sowohl „Was willst du denn hier?“ als auch „Sach schon!“ oder „Hau ab, ich hab keine Zeit!“ bedeuten konnte.

Verwöhnt von neuseeländischer Freundlichkeit war ich momentelang baff und wiederholte dann meinen Morgengruß. Das entlockte dem Mann – untersetzt, Ende fünfzig, grauer Schnauzbart, Brille – ein mürrisches „Ja und?“, worauf ich trocken schlucken musste, doch die Beherrschung meiner Muttersprache bald wiederfand. „Ich war mir nicht klar, ob Sie mit ihrer Kopfbewegung schon Kommunikationsbereitschaft signalisierten, daher der erneute Gruß.“ „Mein Kollege bedient Sie“, knurrte der Alte und senkte den Blick wieder in einen Aktenordner. Willkommen daheim in der Servicewüste Deutschland, dachte ich, und stellte mich hinter dem einzigen Kunden an, bekam dort nach einigen Minuten meine Verbindungen ausgedruckt, und kehrte dann zum Meister der Kundenabwimmelung zurück. Auf meine höfliche Frage nach seinem Namen, öffnete er nur seinen Anorak und ließ mich einen kurzen Blick auf das Namensschild an seinem Sakko werfen. W. Eberhard stand dort auf silbrigem Aluminium. „Weh steht für Wolfgang?“ fragte ich. „Werner“ kläffte der Alte zurück, und ich verließ den ungastlichen Ort mit der freundlichen Bemerkung, dass ich diese Begegnung der dritten Art mit seiner übergeordnete Dienststelle besprechen würde. „Machen Sie das“ verabschiedete mich Herr Werner Eberhard im Tonfall, den SS-Männer früher für renitente Juden am Eingang der Gaskammern reserviert hatten.

Mittwoch habe ich dann den versprochenen Anruf getätigt. Vorher musste ich allerdings volle zehn Minuten recherchieren, bis ich endlich einen Festnetzanschluss der Deutschen Bahn AG fand, weil ich nämlich absolut keine Lust habe, diesem Unternehmen bei der Erfüllung seiner Aufgaben behilflich zu sein und dafür 14 Cent pro Minute zu berappen. Allein das ist schon eine echte Frechheit – man findet selbst für die Konzernleitung am Potsdamer Platz 2 in 10785 Berlin nur Hotline-Nummern, neben denen immer (14 ct/Min. aus dem Festnetz, Tarif bei Mobilfunk max. 42 ct/Min.) steht. Wie auch immer, so leicht gebe ich nicht auf und fand schließlich dieses pdf mit Nummern der Ansprechpartner für Medienvertreter. Bin ich ja irgendwie auch, oder? Ich rief also in Frankfurt bei DB Mobility Logistics AG an, Abteilung Kommunikation, zuständig für Hessen, Rheinland-Pfalz und das Saarland, und sprach mit einer freundlichen Dame. Sie hörte sich meine Geschichte an und versprach nach meinem Hinweis, dass ich über die Begegnung mit Weh Eberhard schreiben würde, einen Rückruf.

Dieser erfolgte am nächsten Tag. Sinngemäß teilte sie mir dabei mit, dass ich offenbar an Alzheimer in fortgeschrittenem Stadium leide, denn der Vorfall habe sich vollkommen anders als von mir erinnert zugetragen. Im Übrigen hätte das Kundenleitsystem mir doch wohl klar signalisiert, dass Weh Eberhard mit wichtigen bahninternen Aufgaben beschäftigt war und mich daher unmöglich bedienen konnte. Kundenleitsystem, das sind diese verchromten Aufstellsäulen, in die schwarze Nylongurte eingehängt werden, um das wie Vieh heranströmende Volk in Reihen oder sogar ins Zickzack zu zwingen. Am Service-Point des Fernbahnhofs Frankfurt-Flughafen standen aber morgens um halb acht inklusive meiner Person nur zwei Mann, und es waren keine Kundenleitgurte gespannt. Egal. Ich teilte der Dame in professioneller Freundlichkeit mit, dass Weh Eberhard der Prototyp eines muffelig-menschenfeindlichen Quadratarschlochs ist, und die Bahn auch wegen solcher Leute ein grottenschlechtes Image hätte. Vor der Unfähigkeit, Leute auch bei Schnee oder Sommerhitze halbwegs zuverlässig und lebendig von A nach B zu bringen, und einer Preispolitik, die an legalisierten Straßenraub erinnert, hab ich höflich geschwiegen.

Am Ende des Telefonats erkundigte ich mich nach dem Vornamen meiner Gesprächspartnerin und erzeugte damit heftige Irritationen. Es sei Unternehmenspolitik, dass Medienvertreter die Namen ihrer Ansprechpartner nicht nennen, sondern immer die Formel „nach Auskunft der Deutschen Bahn“ verwenden würden. Auch die großen Agenturen wie DPA und AFP würden sich daran halten. Weshalb ich dies denn tun solle, schließlich hätten wir Presse- und Meinungsfreiheit in diesem Land, fragte ich. Und außerdem sei es ja Unternehmenspolitik und somit keinesfalls verbindlich für unabhängige Schreiberlinge. Darauf hatte sie keine Antworten, bedankte sich aber dialektisch klug schon im Voraus bei mir, weil sie doch stark hoffte, dass ich ihren Wunsch respektieren würde.

Nein, tue ich nicht. Ich habe unter der Rufnummer 069-265-24912 mit einer Frau Wagner ohne Vornamen gesprochen. Wagner gehört zu den wenigen deutschen Komponisten, die ich auf den Tod nicht ausstehen kann – seine Musik lässt mir die Milch im Kühlschrank sauer werden. Frau Wagner kann nichts für die Unfähigkeit von Menschen wie Werner Eberhard und auch nichts für die völlig verfehlte Investitionspolitik der Deutschen Bahn AG. Frau Wagner war nett und höflich. Aber ich frage mich, was ein aus Staatsgeldern und unseren sauer verdienten Ticketeuros finanziertes Unternehmen zu verbergen hat, wenn es eine derartig konspirative Informationspolitik verfolgt. Man soll dort nicht anrufen, sonst gäbe es ja kostenlose Service-Nummern. Wenn man es dennoch tut und sogar eine Auskunft bekommen hat, soll man nicht sagen, mit wem man gesprochen hat. Wo leben diese Bahnfritzen denn bitte – im Land der grauen Männer von Michael Ende oder in Huxleys schöner neuer Welt? Unglaublich!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Welcome home, asshole!

Geschrieben von Johannis am 20. Januar 2011 um 09:53 Uhr

Kaum etwas ist dem Seelenfrieden und allgemeinen Wohlbefinden derart zuträglich wie eine längere Abstinenz vom Wahnwitz deutscher Bundes- und Landespolitik. Selbst auf die tägliche Reiz- und Informationsüberflutung durch Fernsehen und Internet kann ein gesunder Erwachsener monatelang verzichten, ohne dadurch ernsthaften Schaden zu nehmen. Im Gegenteil, das Offline-Dasein wirkt Wunder, vorausgesetzt man verbringt seine Zeit an erbaulichen Orten und mit angenehmen Menschen. Zum Beispiel – ja, ihr habt es bereits erraten – in Neuseeland, idealerweise sogar im Südhemisphärensommer.

Keinesfalls sollte man jedoch den Fehler machen und mitten im Januar eines sogenannten Superwahljahres nach Deutschland zurückkehren. Kälte, Dunkelheit, Germanenmuffeligkeit und der ganz normale Wahnsinn setzen dem sonnenverwöhnten Gemüt derart zu, dass man sich fühlt wie ein Außerirdischer, der sich aufgrund verkehrter Zielkoordinaten irrtümlich in die falsche Galaxie verflogen hat. Oder wie ein allzu experimentierfreudiger Zeitreisender, dessen defekte Zeitmaschine ihn irgendwo ausspuckt, wo er zwar schon mal war, aber nie wieder hinwollte. WILLKOMMEN DAHEIM, ARSCHLOCH! blinkt es vom Armaturenbrett, und die flackernde LED-Anzeige zeigt wechselnde Termine aus längst vergangenen Jahren an. Man schiebt also die gläserne Kabinenkuppel auf, streckt behutsam den Kopf in jene seltsam-fremdvertraute Welt hinaus und atmet vorsichtig ein. Und kann den Würgereiz nur mühsam unterdrücken.

Dabei hat sich gar nicht viel verändert. Gerade deswegen möchte ich ja auch kotzen, bis sich meine Speiseröhre anfühlt wie die eines Schwertschluckers, der zu viele Glasscherben geknabbert hat. Man muss nur eine Tagesschau lang in die Medienwelt hineinschnuppern, schon kommt einem die grüne Galle hoch. Das Volk futtert fleißig Fleisch und Eier, die mit Dioxin gewürzt sind, aber die hirnlose Ilse bittet ausgerechnet die Futtermittelhersteller um Vorschläge, wie man den nächsten Gammelfleischdrecksgiftverbraucherverarschungsskandal verhindern könnte. Tolle Strategie. Wahrscheinlich trifft sich unser Verteidigungsminister schon heimlich mit somalischen Piraten und lässt sich von ihnen erklären, wie man Schiffsentführungen wirksam bekämpft. Und Wolfgang „Euroretter“ Schäuble holt sich in Reykjavik und Athen Tipps für kreative Buchführung und die Staatsentschuldung auf Kosten anderer.

Norbert „Grübchenteddy“ Röttgen, der es hier in NRW während meiner Abwesenheit offenbar zum CDU-Vorsitzenden gebracht hat, fiel mir durch alte Sprüche und eine neue Brille auf. Nicht länger blitzt es dezent-oval und metallgefasst von seiner Nase, nein, er trägt nun pechschwarzes Plastik und wirkt damit wie Harry Potter im Vorruhestand. Ansonsten hat es die flinke Duisburger Staatsanwaltschaft doch tatsächlich schon nach einem halben Jahr geschafft, Ermittlungen gegen die Schuldigen am Love-Parade-Massaker aufzunehmen. Kurios: Die Lieblingssündenböcke des pöbelnden Pöbels, Adolf Sauerland und Rainer Schaller, sind nicht im Visier der Ermittler.

Ansonsten ist fast alles wie gehabt. Einziger Lichtblick sind die unverändert heftigen Selbstzerstörungstendenzen bei den kropfüberflüssigen Liberalen, die aber bisher leider noch nicht zur von mir scherzhaft vorausgesagten Selbstentleibung des FDP-GröVoaZ und schleimigsten Außenministers geführt haben. Schade, aber was nicht ist, kann ja noch kommen. Auch von der hochdramatischen Euro-Krise habe ich unterwegs nicht viel mitbekommen, wenn man mal vom stetig fallenden Wechselkurs absieht, der dazu führte, dass für meine sauer verdienten Euronen immer weniger Neuseeland-Dollar aus den Bargeldautomaten raschelten. Ich kann nur hoffen, dass die billionenschweren Rettungspakete bald Wirkung zeigen oder die verhasste Gemeinschaftswährung endlich zu Grabe getragen wird, bevor ich erneut meinen Rucksack packe und mich wieder in einen Flieger nach Auckland setze.

Bin nämlich wild entschlossen noch im diesem Jahr ins Land der langen weißen Wolke zurückzukehren. Vielleicht für immer, wer weiß. Und sicher gewöhne ich mich dort schnell wieder an das spärliche Informationsangebot kleinstädtischer Provinzblättchen und an Downloadgeschwindigkeiten, wie ich sie zuhause zuletzt 2004 mit meinem ISDN-Modem erreichte. Egal, lieber bei den Kiwis Reallife und Fröschequaken in Echtzeit als daheim der andauernde Germanenfrust und ein Zugang zur virtuellen Welt mit 16.000 kBit/sec.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Wiederauferstehung

Geschrieben von Johannis am 17. Januar 2011 um 09:57 Uhr

Sterben ist einfach. Klappt wie von selbst, solange einem niemand dazwischenpfuscht. Darauf kann man sich aber heutzutage kaum noch verlassen, wie ich kürzlich miterleben durfte. Nein, nicht ich war auf direktem Weg in die ewigen Jagd- und Fischgründe, sondern ein älterer Herr in Rotorua. Diese Kleinstadt im Westen Neuseelands, berühmt für ihren See, die allgegenwärtigen Thermalquellen und den Geruch von faulen Eiern, war bekanntlich die vorletzte Station meiner Reise, und beim Schreiben dieser Zeilen saß ich schon in Auckland, um dortselbst meine treue Lucy zu verkaufen und dann endgültig die Siebensachen zu packen.

Am letzten Tag meines Aufenthalts in Rotorua wollte ich zur Abwechslung mal etwas Touristisches unternehmen und ließ mich von den freundlichen Damen des Visitor-Centres beraten. Blubbernde Teiche, kochende Schlammtümpel und Löcher im Boden, aus denen schwefliger Dampf aufsteigt, würde ich reichlich im Kuirau Park und in den Government Gardens vorfinden (und vor allem ohne Gebühr besichtigen dürfen, was im fremdenverkehrstechnisch voll erschlossenen Rotorua fast schon eine Rarität ist), erklärten sie mir. Und los ging’s. Nachdem ich eine Weile den würzigen Schwefelgestank eingeatmet, Löcher besichtigt und erklärende Hinweisschilder gelesen hatte, machte ich es mir im Schatten eines Baumes gemütlich und betrachtete die weiß gewandeten Senioren des Rotorua Lawn Bowling Clubs bei ihrem entspannten Spiel.

Unter Lawn Bowling muss man sich eine Art Boccia vorstellen, nur dass alle Kugeln schwarz und beidseitig ein bisschen abgeflacht sind. Man rollt im Grunde so etwas wie ein extrem pummeliges bitterschokoladenfarbenes Käserad über den stoppelkurz geschorenen und brettharten Rasen, und versucht damit dem Jack oder Kitty genannten Schweinchen, einer kleinen weißen Holzkugel, möglichst nahe zu kommen. Ersatzweise oder außerdem kegelt man die schwarzen Hartkäsekugeln der Konkurrenten möglichst weit vom Ziel weg. Rasenbowling ist meiner Kenntnis nach eine Sportart mit erfreulich niedriger Verletzungs- und Mortalitätsrate, weshalb er vielfach von gesetzten Herrschaften beiderlei Geschlechts ausgeübt wird. Sollte ich vielleicht auch bald aufnehmen, diesen Sport.

Nun denn, ich lümmelte also unter einer Magnolie auf superflauschig-sattgrünem Kiwirasen und schaute den Damen und Herren zu, als es geschah. Zwei Gentlemen waren mit einem Maßband zugange, um den tatsächlichen Gewinner ihrer Runde Bowls zu ermitteln, als einer von beiden aus der Hocke wie ein Maikäfer auf den Rücken plumpste und nicht wieder aufstand. Zuerst sah sein halber Purzelbaum rückwärts recht lustig aus, aber sehr schnell wurde klar, dass es sich hier um tödlichen Ernst handelte. Seine beiden Mitspieler knieten neben dem Gestürzten, Alarmrufe gellten über den Rasen, Krankenwagen wurden herbeitelefoniert und nach einigen schreckstarren Augenblicken begannen die Spielkumpane des gefallenen Herrn mit Herzmassage und Mund-zu-Mund-Beatmung. Ich schaute aufmerksam zu und zwischendurch auf mein Handy, um den zeitlichen Ablauf im Auge zu behalten.

Frühestens acht Minuten nachdem der Mann umgefallen war, trafen mit Sirenengeheul zwei Krankenwagen ein und vier Sanitäter liefen über den Rasen. Bis zu diesem Moment hatten die Helfer unentwegt rhythmisch auf den Brustkorb ihres Mitspielers gedrückt und ihn von Mund zu Mund beatmet. The kiss of life heißt das im Englischen sehr schön. Bis die Sanitäter alles Notwendige ausgepackt hatten und ein erster bei Herzstillstand sehr hilfreicher Elektroschock den dahingestreckten Alten grotesk zusammenzucken ließ, war es 14:52 Uhr und damit 12 Minuten nach dem Kollaps. Ich begann unruhig zu werden und wusste nicht mehr recht, wofür ich die Daumen drücken sollte, für Exitus oder Auferstehung. Eigentlich doch ein schöner Tod, beim relaxten Grünflächenbowling mit alten Freunden einfach so umzukippen und sich kurz darauf im weißen Flatterhemd und mit Engelsflügeln auf einer Himmelswolke wiederzufinden, oder? Besser als mit einem irreparablem Hirnschaden erst auf der Intensivstation und dann verblödet im Pflegeheim zu enden, weil der Atemstillstand zu lange dauerte und das blöde Hirn neben Kohlehydraten eben auch ständig nach Sauerstoff verlangt.

Als zum dritten Mal jenes laute „Clear!“ ertönte, das jeweils den Elektroschocks des Defibrillators vorausging, begann ich allen Ernstes zu hoffen, dass der Alte nicht durchkommen möge, denn nun war bereits eine volle Viertelstunde seit seiner unfreiwilligen Slapstickeinlage vergangen. Um 14:58 legten die Rettungssanitäter den alten Herrn auf eine Trage und ich war einerseits verblüfft zu sehen, dass er seine Beine bewegte und sogar versuchte, sich den Intubationsschlauch aus dem Rachen zu zerren, der ihn mit Atemluft versorgte. Andererseits machte ich mir, kopflastiger Mensch der ich nun mal bin, große Sorgen um den Zustand seiner grauen Masse. Derart lange ohne selbständige Atmung, mit einem stillstehenden oder mehrfach durch Elektroschock angeregten Herzen (Jump-Start heißt es auf Englisch, wenn man ein Auto mit leerer Batterie überbrücken muss. Der Begriff scheint mir wegen der dabei auftretenden Zuckungen für Einsätze des Defibrillator äußerst passend.) und durch diverse Kunstgriffe reanimiert – das sah für mich gar nicht nach einem Szenario für ein Happyend aus.

Wie auch immer, ich verließ den Ort des tragischen Geschehens um kurz nach drei und war relativ sicher, dass direkt vor meinen Augen ein Mann gestorben und dann in ein Dasein von sehr zweifelhafter Lebensqualität zurückgeholt worden war. Nun sterben glücklicherweise nur selten Menschen in meinem unmittelbaren Umfeld, daher beschäftigte mich der Vorfall verständlicherweise. Unter Buddhisten wird man angeregt, täglich über den eigenen Tod zu meditieren und sich die Vergänglichkeit aller Dinge und Zustände vor Augen zu halten. Als ich mir vor einigen Wochen ein Paar neue Flipflops kaufen musste, passten mir ausgerechnet jene am besten, deren Oberfläche mit abschreckenden Totenköpfen und Knochen dekoriert war. Ich hab sie dann dennoch genommen, auch des Preises wegen, und nutze nun das seltsam-morbide Design als Meditationsvorlage, meditiere sozusagen im Gehen.

Übrigens, vor meiner Abreise aus Rotorua habe ich am Mittwochmorgen noch schnell im Krankenhaus angerufen, um mich nach dem Zustand von Eric zu erkundigen. Seinen Vornamen hatte ich mehrmals gehört, dazu war ich nah genug am Geschehen, aber ohne Nachnamen konnte man mir keine Auskunft geben. Die Frau am anderen Ende der Leitung riet mir, ich solle doch den Bowling Club anrufen und dort seinen Nachnamen erfragen. Der Anruf war schnell erledigt und ich brauchte danach nicht nochmals mit dem Krankenhaus zu telefonieren. Nein, nicht was ihr denkt. Eric war nicht nur bei vollem Bewusstsein, sondern konnte sogar schon wieder aus dem Bett aufstehen. The paramedics lost him three times, erfuhr ich, dreimal war er also auf dem Rasen den Sanitätern ins Leblose entglitten und dreimal dem Teufel von der Schippe gesprungen. Its a fucking miracle, würde Kevin sagen, der sprachlich und auch sonst ziemlich robuste Kollege meiner Freundin Joss von der Post. Wunder oder nicht, ich hab mich auf jeden Fall für den alten Bowler gefreut. Sind schon zähe Knochen, diese Kiwis. Tough as nails, heißt es hier, wenn jemand sich absolut nicht unterkriegen lässt.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Charakterstudien

Geschrieben von Johannis am 12. Januar 2011 um 09:27 Uhr

Menschen können bekanntlich sehr lästig sein, weshalb mancher es vorzieht, allein zu bleiben. Auch ich zähle gelegentlich zu dieser Randgruppe, aber auf Reisen fällt es ziemlich schwer, seinen Mitmenschen aus dem Weg zu gehen. Irgendwie passt es auch nicht recht ins Konzept – weshalb fliegt jemand 18.000 Kilometer weit durch die mit Kohlendioxid angereicherte Atmosphäre, nur um am Zielort ein verzicktes Solistendasein zu führen? Mein Vorgehen ist darum recht simpel, ich meide größere Menschenansammlungen, lasse mich aber gern auf Begegnungen mit einzelnen Individuen ein.

Hier in Neuseeland – ich höre schon das kollektive Aufstöhnen jener verbliebenen Handvoll Leser, die noch nicht von einer akuten Aotearoa-Überdosis in die Knie gezwungen diesem Blog für immer den Rücken gekehrt haben – findet man leicht Zugang zu Fremden. Erstaunlich leicht. Ich bin sicher, dass dies nicht nur mir, einem zugegebenermaßen neugierigen und nicht unbedingt in sich gekehrten Menschen, so ergeht. Kiwis sind locker. Sie sind ziemlich genau das Gegenteil der oftmals erschreckend misstrauischen Amis, neigen nicht zu Paranoia, schließen ihre Haus- und Autotüren ungern ab, sind gastfreundlich. Extrem gastfreundlich sogar, aber darauf komme ich noch zurück. Und Kiwis mögen Kontakt, sie kommunizieren gern, wie ich neulich auf Sheng-Fui.de berichtete.

Zu den wirklich bemerkenswerten Begegnungen zählt jene mit Stewart. Ich durchquerte die Coromandel-Halbinsel von Ost nach West auf einer elend kurvigen Schotterpiste, als mir ein Anwesen auffiel, das in seinem Grad von Verwahrlosung selbst für neuseeländische Maßstäbe beispielhaft war. Auf der einen Straßenseite hielt sich das seit Ewigkeiten unbewohnte Farmhaus mit letzter Kraft aufrecht, während gegenüber ein gutes Dutzend Schrottautos vor sich hin rostete, zwischen umgestürzten Bäumen malerisch über eine Wiese verteilt. Das ganze wurde optisch aufgelockert durch Stapel pastellfarbener Bienenkörbe, einen möglicherweise bewohnten Caravan nebst Flatterplane, zwei vergammelte Lastwagen, eine ebensolche Baracke und große Mengen quietschfideler Schweine jeglicher Größe, denen ihre unmittelbare Verwandtschaft zur Wildsau aufs Fell und ins Gesicht geschrieben stand. Die Schweinebande stürmte bettelnd auf mich los, umzingelte Lucy und wurde durch Hühner beiderlei Geschlechts und einige Pfauen verstärkt. Ich füttere aber grundsätzlich keine wildfremden Viecher und konzentrierte mich daher auf Lichtverhältnisse und Motivsuche.

Nach einer nachdenklich verknipsten Viertelstunde, denn ganz offensichtlich lebten hier nicht nur Schweine und Federvieh, sondern auch Menschen, tauchte ein Mann auf. Der Einsiedler hatte blitzwache Augen und Lachfalten unter silbergrauen Locken, sein Oberkörper steckte in einem dreckigen und total verschlissenen Rugbytrikot, unten ragten nackte Hobbitfüße aus einer ebenso dreckigen Jeans hervor. Nach dem üblichen how’sitgoin’ drückte ich eine schwielige Hand, nannte meinen Namen und war alsbald in ein lebhaftes Gespräch mit Stewart vertieft. Aufgewachsen im Busch und überraschend taufrische 64 Jahre alt bewohnt er eine windschiefe Baracke, lebt allein und entlang der Schotterpiste präsentierten sich mir die Reste der ehemaligen Schaffarm seiner Familie.

Das wackelige Haus hatte ein Onkel in den Siebzigern gebaut, aber nicht mehr beziehen können, weil ihn der Krebs dahinraffte. (Rund 20% aller Kiwis erkranken im Laufe ihres Lebens an Krebs.) Und die vielen Schweine waren pets, Haustiere also, und genau wie die Pfauen nicht für Kochtopf oder Pfanne bestimmt. Bei fallenden Wollpreisen lohnte sich die Schafzucht im unwegsamen Gelände irgendwann nicht mehr, verschiedene Schicksalsschläge kamen hinzu, und nun werden 1000 acre Land wieder vom Busch überwuchert. 400 Hektar Wildnis und mittendrin Stewart, allein bis auf seine Schweine und das Federvieh. Finanziell käme er gerade so über die Runden, aber meine Frage, warum er denn nicht einen Teil des wertvollen Landes (Coromandel Town mit schönen Stränden und reichlich Touristen liegt nur 10 Kilometer entfernt) verkaufen würde, brachte ihn zum Kopfschütteln. Niemals, auf keinen Fall! Er hätte schließlich seit seiner Kindheit hier gelebt, da könne er doch nicht an jafas verkaufen. (JAFA ist ein populärer Begriff für Großstadtbewohner – Just Another Fucking Aucklander.) Wir plauschten noch etwas, ein Pfau beäugte ausgiebig sein Spiegelbild in Lucys glänzendem Lack, ich durfte auch Stewart fotografieren und reiste dann weiter.

Meine Begeisterung für verfallene Holzhäuser trug mir einige Wochen später die Begegnung mit Bryan ein, der gleichaltrig ist, aber deutlich mehr Haare und Muskeln hat als ich. Wieder knipste ich ein vermeintlich unbewohntes Haus von allen Seiten und wollte schon weiterfahren, als dieser neuseeländische Rübezahl mit einem Kaffeebecher auftaucht. Höflich fragte ich, ob er etwas dagegen hätte, dass ich sein Haus fotografiere, er verneinte und bot mir einen Kaffee an. Während der nächsten anderthalb Stunden wurde ich in die Grundlagen des Goldschürfens mittels Taucherausrüstung und Saugpumpen eingeführt, bekam eine Reihe von Fotos geschenkt und Nuggets gezeigt, und stolperte mit Bryan durch seine chaotische Hinterhofwerkstatt, wo er die meisten seiner Maschinen und Geräte eigenhändig zusammenschweißt und repariert. Caveman of the Upper Buller Gorge – der Höhlenmensch vom Oberlauf des Buller, so könnte man seinen Spitznamen übersetzen. Seit Jahrzehnten schürft Bryan nach Gold, hat mehrere Claims und zu seiner besten Zeit innerhalb von drei Monaten 345 Unzen aus dem Fluss geholt. Das entspräche nach jetzigem Goldpreis einer knappen halben Million US-Dollar, war damals aber nur gut ein Drittel wert.

Mehrfach bekam Bryan Ärger mit dem Finanzamt, kaufte ein schönes Grundstück für zwei Marmeladengläser voller Goldstaub, verlor es später an die Steuerfahnder, hatte gute und schlechte Jahre, leichte und schwere Unfälle, eine gebrochene Nase und etliche gebrochene Finger, und bewies trotz allem ansteckend gute Laune. Wenn kein Blut aus dem Handschuh läuft, sagte er mir grinsend, kann man weiterarbeiten. Den angebotenen Job musste ich leider ablehnen, habe Bryan aber nach ein paar Wochen erneut besucht und mit ihm vereinbart, dass ich im nächsten Jahr wiederkomme und eine Reportage über ihn mache. Goldschürfen in der Schlucht des Buller River – Raue Männer und moderne Technik. Das mit den rauen Männern bezieht sich nicht auf mich. Ansonsten meine ich es ernst und muss nur noch ein Magazin finden, das mir Flug und Reisespesen zahlt. Hat jemand Tipps?

Unterwegs im Land der Kiwis hab ich mir angewöhnt, auf meine innere Stimme zu hören und sofort zu bremsen, wenn sich am Wegesrand ein interessantes Motiv zeigt. Manchmal, wenn wenig Platz zum Halten oder Wenden war und ich deswegen die Stimme ignoriert habe, musste ich später kilometerweit zurückfahren oder mich ewig über die verpasste Chance grämen. Das passierte nicht bei Anthony Laycock und seinem Weihnachtsbriefkasten. Zuerst sah ich nur den Weihnachtsmann, festgetackert auf einem Zaunpfahl, und bremste. Doch schon eine Viertelstunde später stand ich im Wohnzimmer von Anthony und seinem Vater, wusste genau Bescheid und war im Gespräch mit einem der fettesten Menschen Neuseelands. Doch um Voyeurismus ging es ursprünglich nicht, das ergab sich en passant.

Bryan und Anthony Laycock hatten einen vom Marlborough Express ausgeschriebenen Wettbewerb für den schönsten weihnachtlichen Briefkasten gewonnen, weil sie am Hoftor den Nordpol-Bahnhof aufgebaut und festlich dekoriert hatten. Ich fotografierte zuerst nur Father Christmas, der bekanntlich am Nordpol wohnt. Dann erschien der sicherlich fünf Zentner schwere Anthony, bastelte vorm Haus an der neuen Klimaanlage herum und ich verwickelte ihn über den Gartenzaun hinweg ins Gespräch. Ruckzuck lud er mich zum Hausbesuch ein, zeigte mir stolz den abgebildeten Zeitungsartikel und war hinterher sogar so nett, den wegen stürmischer Winde entgleisten und zeitweise in die Scheune verbannten Eisenbahnzug zu holen und batteriebetriebenen über die Schienen rattern zu lassen. Während ich fleißig fotografierte und mir dabei ein bisschen wie ein Reporter von der BILD-Zeitung vorkam, weil Anthony Laycock wirklich ein Koloss ist und ich aus der Nähe sehen konnte, wie sich die Haut unter seiner Fettschürze wie bei einem fiesen Sonnenbrand in Fetzen ablöst. Ziemlich unappetitlicher Anblick, der Mann, aber sehr souverän. Kiwimäßig eben.

Die bei weitem angenehmste und folgenreichste Begegnung hatte ich vor fünf Wochen auf dem Highway zwischen Rotorua und Taupo. Unterwegs zu heißen Quellen, die irgendwo auf einer Schaffarm versteckt liegen, deren Besuch aber immerhin kostenlos ist, traf ich Joss. Sie fährt RD 2, hat also die Rural Delivery Route zwei, und bringt Farmern, Landeiern und Tante-Emma-Läden zwischen Rotorua und Taupo die Post. Briefe, Päckchen und Pakete, dazu Milch und Brot, Zeitungen und allerlei Werbung, Wein und Bier – wenn es in ihren Lieferwagen der Marke Hyundai passt, kann man es bei Joss bestellen. Für mich machte sie flink eine Zeichnung, damit ich den Weg zum Butcher’s Pool auch sicher finden würde, nur um mir danach eine andere und viel schönere Stelle zu empfehlen, wo ein heißer und ein kalter Bach unter Baumfarnen zusammenfließen und zum Badevergnügen der besonderen Art einladen. Natürlich bekam ich von ihr noch eine zweite Zeichnung.

Weil ich wegen der drohenden Hauptreisezeit schon damals begonnen hatte, mich nach einem passenden Weihnachtsquartier umzuschauen und Leuten deswegen Löcher in die Bäuche zu fragen, wurde auch Joss behelligt, was ungeahnte Folgen hatte. Sie lud mich nämlich ganz spontan in ihr Haus am See nach Rotorua ein, wie es zuvor schon vielen Touristen widerfahren ist. Platz gäbe es reichlich, man könnte sozusagen von der Terrasse in den See hüpfen, Kajak, Schlafzimmer mit eigenem Bad und Glastür zum Garten würden auf mich warten. Wow! Auch das ist ziemlich kiwimäßig, aber schon ein Extremfall. Ich befolgte also ihre Badeempfehlung und saß eine halbe Stunde nach unserer Erstbegegnung mitten im Wald in einem der schönsten Hot Pools Neuseelands, wo man die Temperatur individuell regelt, indem man sich etwas mehr zum heißen Bachlauf oder eben dichter ans kalte Flüsschen setzt. In den Wochen danach hielt ich Kontakt per Email und SMS, und tauchte schließlich am Neujahrstag bei Joss in Rotorua auf. Angeblich stinkt es ja in der ganzen Stadt nach faulen Eiern, wegen der vielen heißen Quellen und kochenden Schlammtümpel, aber davon habe ich wenig mitbekommen. Dafür genoss ich die stillen Tage am See, Ausflüge ans Meer und üppige Fischmahlzeiten, denn Joss und ihr Partner Kevin (er fährt die Rural Delivery Route Nr. 1) sind begeisterte Angler.

Wie fast immer ist mir auch dieser Text gehörig zu lang geraten, dennoch muss ich noch ein Fazit dranklatschen. Viele Neuseeländer, besonders auf dem Land und in kleineren Städten, sind beispiellos freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit. Trotz der oftmals erschreckend großen Touristenschwärme sind Kiwis durchweg offen und interessieren sich immer noch für Fremde. OE, die so genannte Overseas Experience, gehört für junge Kiwis zur Normalität – man reist nach Schule oder Studium mindestens ein halbes Jahr und lernt die Welt kennen. Ich habe Neuseeländer nur von ihren angenehmen Seiten kennengelernt und wünsche mir, dass sie bei ihren Besuchen in Europa auf ähnlich freundliche Menschen und großzügige Gastgeber treffen mögen. Über zweihundert Jahre nach der großen europäischen Besiedlungswelle spürt man immer noch überall den Pioniergeist und jene raue Herzlichkeit, die durch das Leben in der grünen Wildnis geprägt wurde. In keinem anderen Land habe ich so leicht Zugang zu wildfremden Menschen gefunden, wurde so oft eingeladen und hatte derart unmittelbaren Kontakt wie bei den Kiwis. Höchstens Australien ist ähnlich, dort war ich zuletzt 1993.

Neuseeland? Kann ich nur empfehlen!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

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