Generalamnesie
Geschrieben von Johannis am 28. Januar 2011 um 11:41 Uhr
Hier kann ich jeden Blödsinn reinschreiben. Erstens geht’s keinen was an, weil is ja mein Blog, und zweitens merkt’s eh keiner. Also fast nie. Meine Texte werden ja nicht beim Leseverständnisvergleichstest im Rahmen der Pisastudie eingesetzt. Praktisch. Und für besonders schlimme Schnitzer habe ich zwei Freundinnen, die mir gelegentlich Mails schicken, so nach dem Muster 5. Absatz, dritte Zeile. Oder ganz besonders aufmerksame Leser wie Locutus01 weisen mich dezent drauf hin, dass ich die schöne neue Welt George Orwell untergeschoben habe, ohne im Gegenzug Aldous Huxley mit der Urheberschaft am Roman 1984 zu belohnen.
Manuela, Anna und sämtliche LeserInnen vom Kaliber des Locutus01 können sich jetzt zurücklehnen, denn ich weiß, dass es eigentlich Generalamnestie heißt. Generalamnestie is, wenn Berlusconi alle italienischen Kinderschänder aussem Knast lässt und sich selbst einen Persilschein ausstellt, demzufolge das Rumfingern an Minderjährigen für notgeile Spitzenpolitiker medizinisch notwendig und zur persönlichen Jungerhaltung unverzichtbar ist. Vielleicht steht Silvio deshalb auf kleine Mädchen, weil er nachweislich einen kleinen Schniedel hat und Jungfern sich mangels Vergleichsmöglichkeiten leichter von dem alten Sack und seinem kümmerlichen Präsidentengürkchen beeindrucken lassen. Aber angeblich ist Frauen die Größe ja nicht wichtig. Wie auch immer, Berlusconi leidet schlicht an Titanenwahn im fortgeschrittenen Endstadium – er weiß alles, darf alles und kann alles. Gut, mit dem übers-Wasser-laufen klappt’s manchmal nicht, aber das liegt dann an der Tagesform. Des Wassers natürlich.
Generalamnesie is, wenn militärisches Spitzenpersonal sich plötzlich an nix mehr erinnern kann, oder wenn alle alles vergessen. Generalamnesie kann ganz nett sein, solange man den Kühlschrank noch aufbekommt und nicht vergisst, dass Korkenzieher und Rotweinflasche ähnlich zusammenpassen wie Schniedel und Möse. Ja, ich hätte ebenso gut Penis und Vagina schreiben oder ganz auf schlüpfrige Vergleiche verzichten können. Bloß warum? Is doch lustig, und zu viel Niveau schadet nur, das zieht so runter. Ja, auch die Werte meiner Leserstatistik. Wie schön eine partielle Generalamnesie sein kann, habe ich während meiner Neuseelandreise erlebt. Zwei Monate lang war ich wie entkoppelt und bekam nix von bundesdeutscher Politdramatik, Winterchaos oder dem Dahinsiechen der FDP mit. Zum Glück ging’s mir bei den Kiwis dermaßen saugut, dass ich auf Lustgewinne durch Meldungen über den kometenhaft abgestürzten G-Punkt Westerwelle locker verzichten konnte. Gibt es die pickelnarbige Krawallschwuchtel eigentlich noch, oder ist der klammheimlich ins Exil verschwunden? Schöne Idee, doch welches Land würde unserem verhaltensauffälligen Guido Asyl gewähren?
Egal. Erinnert sich eigentlich noch jemand an Copenhagen, später in Flopenhagen umgetauft? Und an Cancun, die Nachfolgemegamonsterweltklimakonferenz? In Neuseeland war Cancun eher nicht so das Thema, hier bei euch etwa? Klimawandel ist irgendwie out, finde ich. Man gewöhnt sich an allem, auch am Dativ. Eben. Nervt doch auch irgendwie, wenn man ständig die Unfähigkeit und grenzenlose Dickfälligkeit der globalen Politikerelite mit derselben Eindringlichkeit vor Augen geführt bekommt, mit der sich Hühneraugen, eingewachsene Fußnägel und die olfaktorischen Hinterlassenschaften von Personen, die auf öffentlichen Toiletten erfolgreich Stuhlgang hatten, ins menschliche Bewusstsein drängen. Da kommt uns eine leichte Generalamnesie doch sehr gelegen und erspart die lästige Verdrängungsarbeit. Drogen sind ja leider auch out, mittlerweile muss man sich für jede heimlich gepaffte Kippe schämen.
Ob ich eigentlich weiß, worauf ich mit diesem Text hinaus will? Na ja, so irgendwie schon. Mal abgesehen davon, dass ich keine zündende Idee für einen wirklich lesenswerten Beitrag hatte, aber was schreiben musste. Es geht um die Freuden der Unwissenden, um den randvoll mit süffigem Trunk gefüllten Kelch des Vergessens. Dumm fickt bekanntlich nicht nur gut, dumm macht sich auch weniger Sorgen und genießt das Leben mehr. Daran möchte ich mir ein Beispiel nehmen, denn ich weiß, dass Informationsfülle nicht glücklich macht. Auch hier gilt das abgedroschene „weniger ist mehr“, wie ich aus Selbstversuchen weiß. 1996 verkaufte ich beispielsweise meinen brandneuen Fernseher, um eine wildwuchernde Depression in Schach zu halten und mein zartes Gemüt vorm alltäglichen Irrsinn zu schützen. Es ging mir gut, ohne Glotze. Ehrlich. Erst vor rund zwei Jahren hatte ich mich ausreichend gegen das globale Grauen desensibilisiert, um einen DVBT-Stick erwerben und einsetzen zu können. Fortan empfing ich am PC die Nachrichten und manch überflüssige, aber auch unterhaltsame Sendungen. (Der GEZ gegenüber bestreite ich dies jedoch vehement, die wollten nämlich auch gestern wieder wissen, ob ich einen Fernseher habe. Happich nich.) Ob es mir nun mit optimierter Nachrichtenversorgung besser geht, wage ich jedoch zu bestreiten.
Meine Ankündigung, ich werde noch in diesem Jahr nach Neuseeland zurückkehren, brachte mir im Freundeskreis Kritik ein. Sporadische. „Du hast es gut, du kannst einfach abhauen und alles ist super, toll. Schreib das doch auch bei GlobalUturn, so als Option, dass jeder, der es in seinem Land zum Kotzen findet, einfach nach NZ auswandern soll. Oder wohin auch immer… und schon ist alles paletti und niemand muss sich mehr ‘nen Kopp machen von wegen Weltverbessern und so.“ schrieb eine Freundin. Tja, was soll ich ihr antworten? Dass ich nicht mehr an ein globalpolitisches Happyend glaube, speziell nicht beim Klimawandel? Dass ich mir mit Anfang Fuffzich, auch wenn ich mich deutlich jünger fühle und noch nicht völlig vergreist aussehe, langsam mal überlegen sollte, was mir gut tut und mich sogar ansatzweise glücklich macht? Dass die gemeinsam mit Freunden investierte Zeit für Aufbau und Betrieb der interaktiven Plattform www.global-u-turn.org verschwendete Zeit war, wenn man mal vom Erkenntnisgewinn absieht? (Haupterkenntnis: Klimawandel und globale Themen nerven. Keiner will was drüber hören, weil das die Verdrängung erschwert.)
Statistisch habe ich noch rund 25 Jahre Restlaufzeit, von denen ich mit etwas Glück die Hälfte bei mittelprächtiger Gesundheit, erlahmender Potenz und mit halbwegs funktionierendem Hirnstamm verleben darf. Weshalb soll ich mich parallel zum bevorstehenden geistig-körperlichen Verfall mit einer Weltlage befassen, die wenig Anlass zu Hoffnung oder gar Freude bietet. Ist es da nicht völlig legitim, mich nach Neuseeland zu verpissen, den internationalen Datenstrom vertröpfeln zu lassen und mich an sattgrünen Landschaften, freundlichen Zeitgenossen und segeltauglichen Winden zu erfreuen?
Seit meiner Rückkehr habe ich zehnmal die Abendnachrichten gesehen und zweimal DIE ZEIT gekauft. Ich höre wie gewohnt täglich Radio und erfahre auch dort Dinge, die ich weder wissen muss noch will. Die Leiche des „mittlerweile elfjährigen“ (so schreibt DER WESTEN – altert man als Leiche?) Mirco aus Grefrath wurde nach vier Monaten endlich gefunden und ein Familienvater als dringend tatverdächtig verhaftet. Muss ich das wissen? Nope. Bringt es irgendwem etwas (zum Beispiel den verzweifelten Eltern des Jungen), wenn ich das weiß? Nullinger. Daher werde ich mir erlauben, meine Grundhaltung gegenüber der Welt als Ganzes und in Bezug auf verschiedene ihrer Aspekte im Besonderen zu überdenken. Weniger grübeln, Frust schieben, hadern. Mehr freuen, segeln, Grünzeug futtern, lachen, im Meer schwimmen, Scheißdrauf sagen. Weil es, falls der globale Zug tatsächlich schon in Richtung Desaster abgefahren ist, eindeutig klüger wäre, seine Tage ganz egoistisch zu genießen, anstatt sich mit der moralisierenden Attitüde des Weltverbesserers im kollektivem Sorgenpfuhl zu wälzen. Ich denke also drüber nach und prüfe, was gut für mich ist. Bekömmlich, nährend und nicht zehrend.
Aber vielleicht hält das bald beginnende Jahr des Hasen außer Glück in der Liebe ja noch andere erfreuliche Überraschungen bereit. Die aufmüpfigen Tunesier scheinen für viele Araber eine leuchtende Vorbildfunktion zu haben, denn auch in Ägypten und im Jemen verlangen empörte Massen nach Demokratie und wollen ihre despotischen Herrscher aus den profitablen Ämtern vertreiben. Möge es ihnen gelingen – den pflichteifrigen Militärs in Kairo und Sanaa ist eine tiefgreifende Generalamnesie zu wünschen – und möge dies der Anfang einer weltumspannenden Revolution des gesunden Menschenverstands sein. Mögen wir auf den allerletzten Drücker noch zu Vernunft kommen und die sinnlose Zerstörung unseres gemeinsamen Lebensraumes beenden. Mögen wir erkennen, wie wundervoll der Planet Erde ist und wie angenehm ein Leben auch in bescheidenstem Wohlstand auf diesem Himmelskörper sein kann. All dies bitte, bevor es zu spät ist.
Falls keines der genannten Wunder geschieht, werdet ihr euch sicher schnell damit abfinden, wenn ich zukünftig weniger Anteil am globalen Wahnsinn nehmen und mehr Zeit in Shorts und Flipflops verbringen sollte. Generalamnesiert, selbstvergessen oder gar unangenehme Wahrheiten aktiv verdrängend. Mal seh’n wohin die Reise geht, bildlich gesprochen.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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