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Archiv für Dezember, 2010

Neuseeland nervt

Geschrieben von Johannis am 30. Dezember 2010 um 10:05 Uhr

Die Mondlandung von Apollo 11 fand nie statt. Sämtliche Schwarzweißbilder, die damals über unsere Bildschirme flimmerten, wurden entweder am Stadtrand von Los Angeles in speziellen Trickfilmstudios bei Universal Pictures oder in den Wüstenlandschaften der weiträumig abgesperrten kalifornischen Mojave Desert gedreht. Jeder vernünftige Mensch weiß das und längst regt sich keiner mehr darüber auf. Ich bin jetzt allerdings einem Täuschungsmanöver von weit größerer Dimension auf die Spur gekommen, das bisher offenbar unentdeckt geblieben ist und Schockwellen der Empörung durch die Welt senden wird.

Neuseeland, dieses angeblich so ursprüngliche und wildromatische, mit schrulligen Charakteren besiedelte und von antarktischen Winden gepeitschte Inselreich, in dem das Wetter gelegentlich alle vier Jahreszeiten an einem Tag abspult, ist eine peinliche Fälschung. Mitnichten entstand es vor etwa 40 Millionen Jahren durch instabile Plattentektonik und übereifrige Vulkane und hat sich mirnichtsdirnichts aus dem Südpazifik und der angrenzenden Tasmanischen See erhoben, sondern es ist eine Art gigantisches Fantasialand, ein aus Resten zusammengestoppelter Freizeitpark, de facto nicht mehr als das effekthascherische Gesellenstück eines übereifrigen und unreifen Landschaftsarchitekten. Und es ist brandneu, maximal 5000 Jahre alt. Wie jeder vernünftige Mensch weiß, entstanden damals bei uns innerhalb von sieben Tagen Himmel und Erde und der ganze Rest. Kaum bekannt sein dürften hingegen die schockierenden Verstöße, die zur Entstehung von Aotearoa geführt hat, dem Land der langen weißen Wolke, wie clevere Tourismus- und Marketingexperten Neuseeland mittlerweile getauft haben. Adventureoceanmountainanddjunglecamp, wie es ursprünglich heißen sollte, schied als Name schließlich aus, weil es als relativ langes Wort in Werbebroschüren und Faltblättern oft zu unattraktivem Zeilenumbruch führte.

Damals, um auf den übereifrigen Landschaftsarchitekten und die Zeit vor rund 5000 Jahren zurückzukommen, ging aus der unehelichen Verbindung zwischen einer wahrscheinlich klingonischen Handarbeitslehrerin und einem gemischtrassigen Sozialpädagogen ein Knabe hervor, der auf einem erdähnlichen Himmelskörper im westlichen Teil unserer Galaxie geboren und bald danach auf den ziemlich sperrigen Namen Gernot Otmar Trotzki-Tadellos getauft wurde. Im beruflichen Wirken signierte er seine Arbeiten gern effekthascherisch mit den Initialen G.O.T.T., was unter leichtgläubigen Bewohnern des Planeten Erde einige Jahrtausende später zu schwerwiegenden Missverständnissen und der Entstehung eines religiösen Kultes führte. Aber darum soll es hier und heute nicht gehen.

Gernot war Teil eines Teams von planetarischen Oberflächengestaltern und wurde, weil er jung und unerfahren war, mit der Einrichtung eines unbedeutenden Planeten namens Erde betraut. Man gab ihm alle notwendigen Materialien und eine Woche Zeit, kümmerte sich dann aber nicht weiter um den Burschen, der bis dato insgesamt recht ordentliche Arbeit geleistet hatte. Das tat er auch in den ersten sechs Tagen, die der Job andauerte, strengte sich redlich an und war am Samstagabend mit sämtlichen Kontinenten, Ozeanen und dem ganzen Krempel fertig, der dort kreuchte und fleuchte. Sonntagvormittag kontrollierte er das Geschaffene, maß Berggipfel und Meerestiefen nochmals nach, und war alles in allem sehr zufrieden mit sich. Nach dem Mittagessen setzte dann aber die große Langeweile ein und Gernot, der nur schlecht entspannen konnte, begann zu experimentieren.

Wohl wissend, dass die intergalaktische Raumplanerfähre ihn erst am Montagmorgen abholen und zu seinem nächsten Einsatzort bringen würde, und gegen die bekannte Vorschrift verstoßend, derzufolge sämtliche Arbeit sonntags ruhen muss, manschte er die Überbleibsel seines Materials zusammen wie ein besoffener Alchemist, statt sie zu vernichten. Jeder kennt das ja – wenn man Kontinente zuschneidet und Länder gestaltet, bleiben immer ein paar Schnipsel übrig, die man eigentlich entsorgen müsste. Genau das tat unser junger Oberflächengestalter aber nicht, sondern er rührte sämtliche Reste zusammen, die von anderen Erdteilen übrig geblieben war. Hier ein Streifen skandinavische Fjordlandschaft, dort etwas subtropischer Regenwald, ein Fitzelchen Wüste und endlos viel Strand, dann ein paar übrig gebliebene Gletscher und Alpenreste, dazu überzählige isländische Geysire nebst kochenden Schlammtümpeln und einer ganzen Handvoll feuerspuckender Vulkane, für die er in Italien keinen Platz gefunden hatte – all das und noch eine Menge anderer Landschaftsreste panschte der ziemlich infantile G.O.T.T. zusammen, fand das spaßig und sehr originell.

Allerdings verflog die Euphorie sehr schnell. Gernot dämmerte, dass ihm mächtig Ärger drohte, wenn seine Vorgesetzten von der Sache Wind bekommen würden, und er versuchte seine Kreation durch den orbitalen Gulli, eine Art Wurmloch für Raumplaner, zu spülen. Tja, dumm gelaufen, denn die zusammengemanschte Landschaftspampe härtete bereits aus und ließ sich nicht mehr beseitigen. Also blieb Gernot nichts anderes übrig, als die außerplanmäßige Schöpfung irgendwo unterzubringen, und zwar möglichst unauffällig. So kam es dazu, dass weitab vom Schuss und sonstigem Kontinentalgetümmel ein kleines Inselreich zwischen zwei kalte Ozeane geklemmt wurde, wo es in der muffeligen Montagsmorgenstimmung unentdeckt blieb, als tags drauf das intergalaktische Raumplanershuttle den nervösen Übeltäter abholte und zur nächsten Baustelle brachte. Soweit der historisch korrekte Ablauf eines illegalen Experiments, dessen Resultat heute unter dem Namen Neuseeland vermarktet wird, obwohl es sich im Grunde nur um einen großen und heftig überteuerten Freizeitpark handelt. Bedauerlicherweise scheint dies die zahlreich anreisenden Touristen aber nicht zu stören.

Ich hingegen bin empört und werde radikale Konsequenzen ziehen. Mich ärgert besonders, dass sogar ein ausgebuffter Fuchs wie ich auf diese billig zusammengestoppelte Landschaftsarie reinfallen konnte und ich sogar doppelt der Täuschung erlegen bin, erstmalig vor 24 Jahren. Außerdem ist mir recht peinlich, wie ich hier im Blog seit Wochen von einem angeblich unverwechselbaren Land schwärme, das im Grunde nicht mehr als ein überdimensioniertes Disneyland für naive Outdoorfreaks ist. Es darf meine Leser daher nicht wundern, wenn nun ein drastischer Paradigmenwechsel stattfindet. Schluss mit der romantischen Schwärmerei, jetzt werden andere Saiten aufgezogen! Fallt nicht auf die Tricks der Tourismusindustrie rein, setzt euch bloß nicht für mindestens 24 Stunden in ein miefiges Flugzeug und der krebsfördernden Weltraumstrahlung aus – bleibt zuhause, fahrt meinetwegen in den Schwarzwald oder nach Hiddensee, aber nicht in ein Land, das möglicherweise gezielt als Monumentalkulisse für die dreiteilige Verfilmung des Herrn der Ringe erschaffen wurde! Noch kann ich eine direkte Verstrickung von G.O.T.T. in das von der Kritik massiv überbewertete und gähnend langweilige Filmprojekt nicht nachweisen, schließe aber diesbezüglich nichts aus und werde weiter recherchieren.

Jeder Liebende kennt es: Wenn der köstliche Rausch der Hormone verflogen ist oder gar die Zahl der gemeinsam verbrachten Jahre ins Zweistellige umzukippen droht, beginnt man den Lebensabschnittspartner mit neuen Augen zu sehen. Plötzlich gehen Glatze und Bierbauch, Schwangerschaftsstreifen und Krampfadern zusammen mit den vertrauten charakterlichen Schrullen nicht länger als kleine Schmunzelfehler durch, sondern es sind triftige Gründe zur Reklamation und Rückgabe des einstmals begehrenswerten Artikels. Am leichtesten fällt bekanntlich eine Trennung im Zoff. Wenn der jeweilige Gegenpart harmoniesüchtig ist, muss man eben einen anständigen Streit vom Zaun brechen, damit man Türen knallend von dannen stampfen und sich bei Trinkgelagen mit Kumpels oder in sektsäuseligen Frauenrunden kopfschüttelnd fragen kann, wie man bloß auf sie oder ihn reinfallen konnte. Wie ich auf dieses nervige Neuseeland, von dem ich mich nun ohne jede Skrupel trennen werde.

Was an Neuseeland eigentlich so nervt, abgesehen davon, dass es schöpferisch eine Mogelpackung ist, wollt ihr wissen? Alles. Sonne zu hell, Regen zu nass, Sterne zu grell, Wind zu kalt. Oder eben zu warm, je nach dem. Entweder es gibt zu viele Leute auf einem Haufen, wie in Auckland, Wellington, Christchurch und Dunedin, oder die nächste Tankstelle ist 120 Kilometer weg und man muss fast ebenso weit fahren, um ein Paket überteuertes und extrem labberiges Toastbrot zu erwerben. Das ganze Land ist viel zu grün und saftig, dazu ständig diese sanft geschwungenen Hügel und malerisch-einsamen Strände – das hält man ja im Kopf nicht aus. Und überall obernerviges Viechzeug. Vögel schreien einem schon morgens derart in die Ohren, dass man lange vorm Weckerklingeln wach wird, abends quaken die Frösche lauter als AC-DC beim Liveauftritt im Fußballstadion, dazu blutrünstige Geschwader von Sandfliegen und Mücken, und dann ständig die stinkigen Kadaver der totgefahrenen Opossümse. Nix für mich.

Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die Heimreise und das Schneeschippen in Dortmund. Blöderweise kann ich meinen Rückflug nicht umbuchen und muss noch bis Mitte Januar hier bleiben. Kacke! Aber das halte ich auch noch aus. Ist doch nicht viel anders, wie wenn man nach dem finalen Streit bis zum Monatsende warten muss, weil die dusselige Kuh/der blöde Hund, mit der/dem man irrwitzigerweise monate- oder gar jahrelang Tisch und Bett geteilt hat, dann endlich auszieht und man wieder seine Ruhe hat. Solange geht man sich eben aus dem Weg. Das machen dieses gefakte Neuseeland und ich die nächsten Wochen auch. Ist doch ein Klacks. Pah!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Mieses Karma

Geschrieben von Johannis am 24. Dezember 2010 um 09:13 Uhr

Wäre Buddha in Neuseeland zur Welt gekommen, wüssten nun rund 500 Millionen Menschen nicht, wem sie Blumen, Früchte und Räucherstäbchen darbringen sollen, denn den Buddhismus gäbe es nicht. Mal ganz abgesehen davon, dass besagter Thronfolger eines unbedeutenden Fürstentums im heutigen Grenzbereich von Nepal und Indien – er trug bis zu seiner Erleuchtung den bürgerlichen Namen Siddharta Gautama Shakya – vor 2500 Jahren in ein vollkommen menschenleeres Land hineingeboren worden wäre, was für potentielle Religionsstifter eine echte Herausforderung darstellt, fallen mir spontan weitere Hinderungsgründe ein, die das Entstehen der kostbaren buddhistischen Lehre vereitelt hätten.

Einige davon, beispielsweise die unangenehm weite Anreise, das besonders in Zeiten eines schwächelnden Euros erschreckend hohe Preisniveau und die erklärte Zielsetzung der hiesigen Fremdenverkehrsindustrie, arglose Touristen derart auszunehmen, dass sie nach der Heimkehr in die Privatinsolvenz schliddern, sollen in diesem Text keine Rolle spielen. Auch die Tatsache, dass Neuseeland vor etwa 1500 Jahren von polynesischen Seefahrern besiedelt wurde, deren Nachfahren noch vor wenigen Generationen großen Wert auf das Verspeisen von gut gewürztem Menschenfleisch legten, will ich unter den Tisch fallen lassen. Es hätte überhaupt wenig Sinn, um bei meiner gedanklichen Spielerei zu bleiben, die Geburt des kleinen Siddhartha um 1000 Jahre vor und seine Kinderstube vom Fürstentum am Fuße des Himalaya in einen kriegerischen Maoristamm auf die grünsten Inseln der Welt zu verlegen, denn vermutlich wäre der süße kleine Siddharta, kaum dass er etwas Fleisch angesetzt hatte, im Kochtopf der Polynesier gelandet, die sich untereinander ständig bekriegten. Besser gesagt im Erdofen, denn die Maoris packen Fleisch, Süßkartoffeln und anderes Gemüse zuerst in frische Blätter und dann auf heiße Steine in ein Erdloch, das danach zugeschaufelt wird. Das tatsächliche Kochen überlassen sie den Steinen und befassen sich derweil mit Gesang und Tanz. Oder dem Biertrinken. Hangi nennt man das hier und knöpft Touristen gern mal 100 Dollar ab, damit sie reichlich fettes Schweinefleisch – das Kannibalentum fand vor rund 150 Jahren bedauerlicherweise einen durch die Briten erzwungenen Niedergang – und gegarte Kumara zu sich nehmen.

Auf gar keinen Fall ignorieren darf und unbedingt als Hinderungsgrund für das Entstehen der kostbaren buddhistischen Lehre nennen muss ich hingegen die Sandfliege. Nachdem er Freuden und Bequemlichkeiten des Lebens eines Fürstensohnes abgeschworen und sich in existenzialistischer Nachdenklichkeit auf jahrelange Pilgerschaft begeben hatte, musste der zukünftige Buddha eine Menge Unerquickliches aushalten. Fasten bis zur Klapperdürrigkeit, tagelang meditierend im dornigen Gebüsch sitzen, ewig diese Barfusslauferei mit zum Teil echt nervigen Mitpilgern und ultraverschrobenen Erleuchtungslehrern, welche meistens den menschlichen Körper als Haupthindernis auf dem Weg zur ultimativen Erkenntnis ansahen und ihre Schülern brutale Selbstgeißelungen auferlegten – das war nur die Spitze des Eisbergs, den der Erleuchtungssuchende zu erklimmen hatte. Im übertragenen Sinne, meine ich. Bis zur ultimativen Erkenntnis, aus der dann die kostbare buddhistische Lehre entstand, hatte Siddharta also extrem viel auszuhalten. Aber keine Sandfliegen, weshalb der aufkeimende Buddhismus hier in Neuseeland etwa die Chance eines Schneeballs in der Hölle gehabt hätte, wenn er ganz dicht am Feuer liegt.

Kern der buddhistischen Lehre ist die Friedfertigkeit, man fügt als Buddhist anderen Wesen kein Leid zu und tötet sie schon gar nicht. Und genau da liegt der Hase im Pfeffer, hat die Sache ihren finalen Haken. Hätte der sympathische Siddharta seine Lehre hier in Neuseeland ausgebrütet, wäre alles ganz anders gelaufen und man würde heute den Buddhismus als blutrünstigste Religion aller Zeiten kennen, eine Art Hardcorevoodoocandomblé. Es ist nämlich schier undenkbar, dass der Erleuchtungssuchende wochenlang im neuseeländischen Busch gehockt und in der Lotosstellung meditiert hätte, ohne dabei im Sekundentakt Sandfliegen totzuschlagen. Oder, wenn er tatsächlich die übermenschliche Gleichmut besessen und die kleinen Mistviecher ignoriert hätte, wäre nicht viel von ihm übrig geblieben, denn sie hätten ihn ausgesaugt bis auf die Knochen. Gegen den Blutdurst der Sandfliegen erscheint die Skrupellosigkeit neuseeländischer Hoteliers, Autoverleiher und sonstiger Tourismusexperten wie pure Barmherzigkeit. Sandfliegen sind die Pest der Lüfte und der einzige triftige Grund, dieses schöne Land nicht zu bereisen. Nie und nimmer.

Mit Sicherheit habe ich oft genug erwähnt, dass ich seit einigen Wochen durch Neuseeland tingele und mittlerweile auf der Südinsel angekommen bin. Vor einiger Zeit habe ich mich sogar despektierlich über die im Norden zum Glück vergleichsweise selten vorkommende Sandfliege ausgelassen, sie mit der deutschen Fruchtfliege verglichen und ihre Flugkünste ins Lächerliche gezogen. Das bereue ich jetzt, obwohl ich fast sicher bin, dass die hiesige Sandfliegenpopulation nicht im Netz surft und schon gar nicht meine deutschen Blogbeiträge liest. Wie auch immer, hier im Süden sind die fucking sandflies – korrekterweise muss man von Sandmücken sprechen, lateinisch Phlebotominae, zur Ordnung der Zweiflügler gehörig – mindestens doppelt so groß wie auf der Nordinsel, sechsmal so wendig und mit einem Blutdurst behaftet, der Graf Dracula als anorektischen Kostverächter erscheinen lässt. Anders als Moskitos, die ihren Saugrüssel ordentlich durch die Haut stechen und dann die Adern direkt anzapfen, beißen Sandmücken einfach rohe Löcher in unsere Pelle und schlürfen dann das dort zusammenlaufenden Blut und Plasma. Deshalb tut der Sandmückenbiss auch sofort weh, wohingegen man einen Mückenstich meist erst am nächsten Morgen spürt.

Doch zurück zum Buddha und warum er hier als Religionsstifter gescheitert wäre. Nebenbei bemerkt ist auch hier bei hochsommerlichem Wetter und bis zu 30 Grad Wärme Weihnachten, da passt so ein religiöses Thema doch wunderbar. Buddhisten glauben an Reinkarnation, wobei man in jeder denkbaren Gestalt wiedergeboren werden kann, also auch als Tier. Wegen des fast endlosen Kreislaufes der Wiedergeburten tötet der Buddhist keine Tiere, denn es könnte sich ja um nahe Verwandte in neuer Form handeln. Ich möchte mich daher an dieser Stelle förmlich bei all meinen Vorfahren entschuldigen: „Liebe Mama, liebe Omi, lieber Großvater, lieber Uropa. Falls ich euch kürzlich durch meine Unbeherrschtheit zu einer verfrühten Wiedergeburt verholfen habe, tut mir das sehr leid. Ehrlich! Hoffentlich werdet ihr euch jetzt als Mensch oder im Körper eines Vogels, Goldhamsters oder Elchs inkarnieren und nicht wieder als fiese Sandfliege, denn dann habt ihr von mir zukünftig nichts zu befürchten. Opossum wäre allerdings schlecht, obwohl ich um die einen großen Bogen fahre. Beste Grüße, euer Johannis.“ Bin gespannt, ob’s was hilft.

Wenig helfen die verschiedenen Hausmittel, die man hier zur Abschreckung der Sandfliegen und Behandlung der juckenden Bissstellen empfohlen bekommt. Der absolute Reinfall war eine Mixtur aus Babyöl und Dettol, einem populären Hautdesinfektionsmittel. Damit eingerieben stank ich wie eine Mixtur aus Krankenhausflur und der Schmiergrube einer Autowerkstatt, wo gerade ein Ölwechsel stattfindet. Die Sandfliegen waren nur mäßig beeindruckt. Sie bissen mich zwar nicht mehr so gern, landeten aber dafür ständig an neuen Stellen, in der Hoffnung, dort würde es appetitlich nach ungewaschenem Menschen riechen. Überhaupt nervt ihre distanzlose Art fast so sehr wie Schmerz und Juckreiz, dieses „Ich flieg dir in die Augen, Baby“ und „Lass mich mal durch deine Sonnebrille kucken“ ist wirklich widerlich. Waren es im Norden nur gelegentliche Attacken geflügelter Einzelkämpfer, so formieren sich die Drecksfliegen hier auf der Südinsel zu Schwärmen, die ruckzuck den Himmel verdunkeln und einen von allen Seiten angreifen. Mit Essig einreiben soll helfen, aber dann stinkt man wie eine gigantische Gewürzgurke. Essig lindert aber zumindest zeitweise den überraschend hartnäckigen Juckreiz. Echt, ich hab’s ausprobiert.

Jetzt bin ich bei Citronella-Öl gelandet, das mögen die ekligen Blutsauger wirklich nicht. Ein paar Tropfen in die Bude geträufelt (ich hatte mir für drei Regentage eine kleine Cabin gemietet) riechen erträglich und schrecken die Minivampire ab. Mit Bodylotion gemischt kann man sich damit sogar einreiben, duftet dann allerdings wie ein tragisch fehlgeschlagenes Experiment aus der Aromatherapie. Stürmisches Regenwetter überfordert die kleinen Flattermänner offenbar fliegerisch, aber schnell klart der Himmel auf und es sind wieder Shorts und Flipflops angesagt. Dann geht abermals die Klatscherei los und das nervöse Auf-die-Füße-und Waden-glotzen, die bevorzugten Landplätze der Blutsauger. Ich leide schon an Phantomschmerzen und schlage von Zeit zu Zeit hektisch auf meine zahllosen Leberflecken ein, weil es wieder irgendwo zwickt und piekst. Mistiges Kroppzeug.

Ob ich denn nun meinen Rückflug umbuchen und hurtig in die verschneite und sandmückenfreie Heimat flüchten werde? Nein, im Gegenteil. Rechtzeitig zu Heiligabend habe ich mich ausgerechnet hier an der Westküste, sozusagen im Sandfliegenmekka, für zwei Wochen in einem schnuckeligen Cottage eingemietet und werde dort den Kampf gegen die Pestilenz der Lüfte aufnehmen. Mein persönliches Karma ist mir dabei schnurz, denn ich glaube nicht an Wiedergeburt. Falls ich damit schief liege, kann man nur hoffen, dass ich nicht als Sandfliege zurückkomme. Obwohl – dann hätte ich das irdische Jammertal schnell durchschritten, denn die Drecksfliegen leben nur maximal 40 Tage. Ich wäre heilfroh, wenn ich noch soviel Zeit in Neuseeland vor mir hätte. Aber das war einmal.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Glücksfälle 1 bis 12

Geschrieben von Johannis am 20. Dezember 2010 um 09:44 Uhr

Kennt ihr das mulmige Gefühl, wenn man einen Ort zum zweiten Mal besucht, an dem man vor vielen Jahren eine wundervolle Zeit hatte? Das kleine Fischerdorf an der Ostsee oder der französischen Atlantikküste, wo ihr mit eurer ersten großen Liebe gezeltet habt? Jenes wildromantische Tal am Fuße des Matterhorns, in dem ihr das Skilaufen lerntet und wo ihr abends am Kaminfeuer heißen Jagertee getrunken und mit glühenden Wangen über die derben Witze der Einheimischen gelacht habt? Oder sogar ein ganzes Land, das ihr vor Jahren mit dem Rucksack bereist habt und wo ihr lange überlegt habt, ob ihr wirklich nach Hause zurückkehren sollt, statt für immer dort zu bleiben? Man sehnt sich nach dem Erleben aus der Vergangenheit, nach der Ursprünglichkeit und ahnt doch, dass eine Wiederholung der schönen Erfahrungen von damals kaum gelingen kann. Meist riskiert man die Neuauflage der ersten Reise nicht und labt sich an angenehmen Erinnerungen. Oder fährt erneut dorthin und wird oftmals enttäuscht heimkehren.

So ähnlich erging es auch mir, was ich an anderer Stelle bereits ausführlich breitgetreten habe. Darum habe ich diese Reise nach Neuseeland lange vor mir her geschoben und nun nach 24 Jahren doch gewagt. Ich bin ohne große Erwartungen hier angekommen, hatte mich sogar auf Enttäuschungen eingestellt. Aber bisher wurde ich auf das Angenehmste enttäuscht, denn Neuseeland verwöhnt mich geradezu mit Nettigkeiten und angenehmen Überraschungen. Wenn ich nicht derart gottlos und jeglicher Mystik abhold wäre, würde ich glatt an Vorbestimmung und ähnlichen esoterischen Zinnober glauben. Doch statt Numerologie, Sterne oder höhere Mächte zu bemühen, lasst mich lieber ein paar jener Glücksfälle aufzählen, mit denen ich hier bislang erfreut wurde. Ich tue dies in der Hoffnung, dass dadurch der Zauber nicht gebrochen wird und ich mir mit diesem Text nicht etwa eine fette Pechsträhne einfange.

Glücksfall Nr. 1:

Während ich samstagmittags mit Steve, einem mit Knasttätowierungen und mehrfach gebrochener Nase dekorierten Altrocker, die Probefahrt in seinem ziemlich versifften und klapperigen Ford Falcon mache (beide rauchen Kette, hinten sitzt Judy, seine alternde Rockerbraut, und ein kleiner kläffender Mistköter hüpft die ganze Zeit hyperaktiv durchs Auto, um dort möglichst viele zusätzliche Hundehaare zu verteilen, im Fußraum liegt außerdem eine leere Vodkaflasche), ruft Lucy Meek an, die Vorbesitzerin meines Toyota Camry. Drei Stunden später habe ich ihren Wagen gekauft. Andere bezahlbare Angebote konnte ich während der kurzen Zeit im Internet sowieso nicht finden, und der Ford Falcon war übrigens nach drei Wochen immer noch unverkauft.

Glücksfall Nr. 2:

Am verregneten Sonntag, dem dritten Tag meines Aufenthalts, finde ich auf dem Flohmarkt zwei preiswerte Kochtöpfe und kaufe bei einem alten Chinesen für kleines Geld einen angeblich neuen Umspannregler, um meinen Laptop am Zigarettenanzünder aufladen zu können. (Das Ding funktionierte sogar drei Wochen lang und half dabei, Lucy’s Batterie so leerzusaugen, dass Überbrückungskabel zum Einsatz kommen mussten. Mehrfach. Jetzt habe ich einen neuen Regler, der aus 12 Volt Wechselstrom macht, damit ich auch Kameraakkus, Handy und Rasierapparat laden kann.) Außerdem lerne ich jenen sympathischen Pakistani kennen, der mir gegen Abend einen superbilligen, nagelneuen Campingkocher samt Gaskartuschen zum Hotel bringt und mir so die stundenlange Fahrerei durch Auckland erspart.

Glücksfall Nr. 3:

Am Montagmorgen treffe ich mich mit Lucy Meek, um auf dem Postamt die Ummeldung meines Autos vorzunehmen (in Neuseeland hält man allgemein nicht viel von bürokratischem Schnickschnack). Sie kauft mir zum Abschied eine Straßenkarte der Nordinsel, ohne die ich kaum aus Auckland raus und hoch an die Westküste gefunden hätte.

Glücksfall Nr. 4:

Die Zentralverriegelung meines gerade gekauften Autos funktioniert nicht. Auch das Schloss auf der Fahrerseite hängt locker in seiner Fassung, deshalb kann man den Wagen mit jeder Nagelfeile öffnen. Auf dem Weg nach Norden, aus der City raus und endlich ans Meer, besuche ich erst eine Toyotawerkstatt und dann einen Schrottplatz, denn ein passendes Schloss müsste Toyota erst bestellen und per Express schicken lassen. Dann doch lieber gebraucht. Am Telefon verlangt der Schrotter 25 Dollar für ein Schloss, und ich betone, dass ich auch passende Schlüssel brauche. Nach viel Kurverei (einen Stadtplan habe ich nämlich auch nicht) treffe ich bei ToyotaZ Galore ein und erfahre, dass man mir dort zwar ein Schloss verkaufen, aber kein Werkzeug leihen wird. Das Schloss müsste ich deshalb bei einem Schlüsseldienst neu codieren lassen. Irgendwie errege ich aber das Mitleid des Bosses, und sein asiatischer Mitarbeiter Terry soll das Schloss für mich codieren. Dieser Job wächst sich jedoch zu einem Monsterauftrag aus, für den Terry anderthalb Stunden braucht und mir schließlich sogar zähneknirschend das Schloss einbaut. Werkzeug wollte er ja nicht verleihen, und irgendwie muss er mich wieder loswerden. Mir graut vor der Rechnung, aber der Boss von ToyotaZ Galore besteht darauf, dass ich nur die vorab genannten 25 Dollar plus Steuer bezahle. Überglücklich und mit einem Auto, das sich tatsächlich abschließen lässt, fahre ich aus Auckland raus und der Abendsonne entgegen.

Glücksfall Nr. 5:

Ich finde kurz vor Einbruch der Dunkelheit einen ruhigen Platz auf einer Schaffarm, schlafe dort die erst Nacht bei atemberaubendem Vollmond in meinem Kombi und niemand behelligt mich, obwohl ich auf Privatgrund campiere. Am nächsten Morgen lerne ich die Farmarbeiter Conny und Witai kennen, die mir freundlich Tipps für Shelly Beach und die Dünen an der Rimmer Road geben. Aus einem dickem Drahtende, das in der Reserveradmulde lag, bastele ich mir eine Vorrichtung, um schlabberweiches Weißbrot überm Gaskocher zu toasten, die mir heute noch gute Dienste leistet. Außerdem repariere ich mit dem verbleibenden Drahtstück einen wackelnden Blinker und ersetze die abgebrochene Halterung für die Laderraumabdeckung. Was daran so toll ist? Erstens mag ich solche Bastelaktionen nach Art afrikanischer Buschmechaniker, und zweitens behaupten echte Neuseeländer, dass sie mit etwas No. 8 wire fast alles reparieren können. Ich habe offenbar Kiwi-Gene.

Glücksfall Nr. 6:

Als ich mittags in Shelly Beach eintreffe, lerne ich zwei Schwaben kennen, die sich darauf vorbereiten, abends ihr schickes Wohnmobil beim Verleih abzugeben, um dann wehmütig die Heimreise nach Stuttgart anzutreten. Sie schenken mir Straßenkarten und ihren Campingführer, dazu Olivenöl, Brie, Baguette, Aioli, Sambal und Gewürze, die sie nicht mehr benötigen. Außerdem bekomme ich von ihnen eine Zitrone, die ich für meine bevorstehenden Avocadoorgien gut gebrauchen kann.

Glücksfall Nr. 7:

Ich erkunde die Halbinsel, die den Kaipara Harbour bildet, und halte unterwegs, um frische, reife Avocados zu kaufen. Es entwickelt sich ein interessantes Gespräch mit dem alten Inhaber der rein organisch bewirtschafteten Plantage, und ich erzähle ihm von meiner ersten Reise durch sein schönes Land. Damals zahlte man an Selbstbedienungsständen entlang der Highways einen Dollar für drei Avocados, und das Geld kam in die Honesty Box, die Ehrlichkeitskiste. Seine Avocados sollen nun 4 Dollar für drei Stück kosten. Er sucht mir fünf schöne Früchte in verschiedenen Reifegraden aus und schenkt sie mir als neuseeländischen Willkommensgruß.

Glücksfall Nr. 8:

Nach einer unangenehm kühlen Nacht breche ich zur Westküste auf und finde in Helensville einen Laden, der Gebrauchtes verkauft, um mit den Erlösen ein Hospiz zu betreiben. Ich frage nach einer Wolldecke, die ich über meinen dünnen Sommerschlafsack legen will, aber es findet sich in der ganzen Halle keine. Als ich bereits gehen will, kommt Jane, die Chefin, vom Mittagessen zurück. Sie wühlt sich durchs Lager und taucht nach einer Weile mit einer wunderbar warmen Wolldecke auf, die mich 8 Dollar kostet. (Sie stammt aus der Kaiapoi Wollweberei, wurde in Christchurch auf der Südinsel produziert, ist cremefarben und altrosa abgesetzt. Von einer früheren USA-Reise besitze ich bereits eine moosgrüne Decke, die ich in New Mexico im Laden der Heilsarmee gekauft habe. Vielleicht sollte ich eine internationale Wolldeckensammlung aufbauen.)

Glücksfall Nr. 9:

Bevor ich mich in Auckland von Lucy Meek verabschiedete, bat ich sie um Tipps für schöne Orte im Norden. Sie nannte mir Mangawhai Heads an der Ostküste und tatsächlich ist es wundervoll dort. Ich bleibe vier Tage in Mangawhai und fühle mich pudelwohl, selbst das Meer ist schon im November zum Schwimmen warm genug.

Glücksfall Nr. 10:

Während ich im Forst hinter den Dünen an der Rimmer Road campiere, werde ich erstmals von Sandfliegen gebissen. Da ich diese blutrünstigen Mistviecher nur von der Südinsel kenne, befrage ich Leute, die ich zufällig treffe. Ein Mann empfiehlt mir ein Mittel namens Shoo, das angeblich gut gegen bloody sandflies hilft. Im Dorfladen von Mangawhai Heads erkundige ich mich einige Tage später nach Shoo, und lerne so Jenny kennen, die nach Burnout und Karriereknick die Hauptstadt verlassen hat, und nun in der Provinz als Verkäuferin, Gärtnerin und Putzfrau arbeitet. Sie hat als Aupairmädchen zweieinhalb Jahre in Düsseldorf gelebt, vermisst Deutschland sehr und wir verbringen zwei unterhaltsame Abende miteinander.

Glücksfall Nr. 11:

Auf der Suche nach Menschen, die mich im Jahr 1986 für zwei Wochen bei sich wohnen ließen und denen ich damals mein Auto abkaufte, fahre ich auf gut Glück nach Otama Beach. (Mein altes Adressbuch wurde mir 1993 gestohlen, während ich zeitweise in Spanien lebte, Anrufe sind daher nicht drin.) Ich finde das ehemalige Haus meiner Freunde, und Gäste des jetzigen Besitzers, eines reichen Rechtsanwalts, laden mich zu Wein und einer Hausbesichtigung ein. Sie sind selbst erst eine Stunde zuvor aus Auckland eingetroffen, um das Wochenende in Otama Beach zu verbringen. Meine Freunde kennen sie zwar nicht, verweisen mich aber an einen Bauern, dessen Farm nicht weit entfernt ist. Roy kann sich sogar noch an mich erinnern, stellt den Kontakt zu meinen Freunden her und lässt mich und Lucy auf seinem Grundstück übernachten. Am nächsten Morgen fahre ich ins Innere der Halbinsel und treffe dort im Regenwald Ian und Narlyn, die mittlerweile 79 und 74 Jahre alt sind.

Glücksfall Nr. 12:

Einige Tage später will ich in Coromandel meine Mittagspause im Schatten unter den hohen Bäumen des Friedhofs an der Kennedy Road verbringen. Beim rückwärts Rangieren übersehe ich einen Graben (Blöder Linksverkehr – irgendwie drehe ich immer noch gern den Kopf über die rechte Schulter nach hinten und blinke gelegentlich mit dem Scheibenwischerhebel, der links vom Lenkrad auf der deutschen Blinkerhebelseite sitzt. Außerdem ist Lucy wirklich sehr lang und ziemlich unübersichtlich gebaut.) und es knallt böse, als das linke Hinterrad in der tiefen Rinne verschwindet. Zum Glück hat Lucy eine Anhängerkupplung, an der ich mir schon mehrfach das Schienbein gestoßen habe. Diesmal rettet sie mich jedoch davor, dass mein Wagen im Graben verschwindet, und ich kann mich mit durchdrehenden Vorderrädern aus der peinlichen Lage befreien. Mit hohem Adrenalinspiegel suche ich nach Schäden, aber der massive Stahlbügel hat Karosserie und Tank vor Schäden bewahrt.

(Wird voraussichtlich fortgesetzt.)

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Zeitverschiebung

Geschrieben von Johannis am 13. Dezember 2010 um 09:43 Uhr

Nein, heute geht es nicht um die geographisch nahe Datumsgrenze, um mitteleuropäische Winterzeit oder ähnlich faszinierende Themen. Ich bin euch hier in Neuseeland zwar um zwölf Stunden und zwei Jahreszeiten voraus, aber das ergibt kaum genug Stoff für einen halbwegs anständigen Artikel. Und ich möchte meine Leser nicht langweilen oder gar riskieren, dass sie zukünftig woanders klicken und schmökern. Dennoch dreht sich der Text mal wieder um meinen (ja, auf die Gefahr hin, dass ihr gähnt und grummelt) motorisiertes Nomadendasein im Land der langen weißen Wolke.

Ich beginne diesen Text am Mittwochnachmittag, auf einem abgelegenen DOC-Camp irgendwo zwischen Rotorua und Taupo. Meine Lucy parkt seit gestern nicht weit von Ufer des Sees mit dem schönen Namen Lake Rerewhakaaitu, und soeben fallen die letzten Tropfen eines heftigen Regenschauers auf ihr Blechdach. Eigentlich wollte ich schon weiterfahren, immer gen Süden, der Hauptstadt Wellington und ihrem Hafen mit den Fähren nach Picton entgegen, aber weil es hier wundervoll einsam ist und die Frösche so nett quaken, bin ich geblieben und reise wohl erst morgen weiter. Betonung auf wohl. Auch der Regen kann mich nicht schrecken oder in den Schutz von Mauern und Wellblech treiben, ich hab meinen Krempel rechtzeitig hereingeholt und bin sowieso vom Wetter bisher geradezu unverschämt verwöhnt worden. Von wegen four seasons in one day – das sprichwörtlich unbeständige Klima der Inseln zwischen dem Südpazifik und der Tasmansee hat sich mir bislang vorwiegend von seiner sommerlichen Seite gezeigt. Und das macht mein unstetes Dasein, welches sich entweder unter freiem Himmel oder im Inneren eines japanischen Kombis abspielt, erheblich leichter. Allerdings verdanke ich das schöne Wetter vor allem dem Klimawandel – der November 2010 war der bisher wärmste in Neuseelands meteorologischer Geschichte, und nördlich von Auckland bahnt sich bereits eine Dürre ähnlich jener an, unter der Land und Leute 2008 zu leiden hatten.

Wie bereits erwähnt gab es kaum Pläne für diese Reise – ich wollte mich treiben lassen und ein paar Spuren aus der Vergangenheit wiederaufnehmen, mir zur Stressvermeidung (speziell in den Tagen vorm Heimflug, wenn für das Vehikel unbedingt ein neuer Besitzer gefunden werden muss) kein Auto kaufen, sondern trampen und mit dem Bus fahren. Als ich, seit der Kindheit an einer chronischen Abneigung gegen Guide-Books á la Lonely Planet leidend, mich dann in Auckland mit den Preisen für Unterkünfte und Bustickets vertraut gemacht und von einem mittelschweren anaphylaktischen Schock erholt hatte, gingen alle gute Vorsätze über Bord und es wurde mal wieder ein Station Wagon gekauft. Erfahrungen mit dem Leben in einem Kombi sind reichlich vorhanden, denn ich habe in Australien und den USA insgesamt vier solcher Fahrzeuge besessen und zumindest zeitweise in ihnen gewohnt.

Der Station Wagon hat Vor- und Nachteile. Er ist billiger und auf schmalen, kurvigen Straßen leichter zu fahren als ein Wohnmobil (und von beidem gibt es hier reichlich), man fällt nicht so schnell als Tourist auf und wird deshalb hoffentlich weniger häufig beklaut (leider hat sich auch die grundehrliche Art der Kiwis seit meinem Erstbesuch im Jahre 1986 leicht gewandelt, denn mittlerweile werden Touristen schon mal vergewaltigt und umgebracht. Das passiert zwar selten, aber ihre Autos werden offenbar regelmäßig aufgebrochen), und man kann Kombis zum Ende der Reise leichter wieder verkaufen, weil auch Einheimische als Käufer in Frage kommen, denn hier fährt jeder Dritte einen Station Wagon. Nachteilig ist der Platzmangel, denn auf der Matratze hinten im Kombi findet meist nur eine Person Platz, wenn man von frisch verliebten Paaren (Löffelstellung) und siamesischen Zwillingen absieht. Außerdem muss abends das gesamte Gepäck nach vorn geschleppt und auf Vordersitzen sowie im Fußraum verstaut werden, damit man endlich die Rückbank umklappen und sein Nachtlager aufschlagen kann. Es gibt selbstverständlich keine fest eingebaute Kochgelegenheit oder irgendeine der sonstigen Annehmlichkeiten, die ein Wohnmobil vorweist. Im Station Wagon übt man sich in Bescheidenheit, lebt spartanisch, kocht sein frugales Mahl unter freiem Himmel oder der offenen Heckklappe, und statt mit Vorhängen schütze ich mich mit einer schwarzseidenen Schlafbrille gegen unerwünschte Blicke und frühmorgendliche Helligkeit.

Was das denn bitte mit Zeitverschiebung zu tun hat, mögt ihr fragen. Wenig. Es müsste wohl eher Entschleunigung heißen, denn ich mache viele Dinge erheblich langsamer als daheim, und die meisten Alltagsverrichtungen dauern schlicht länger. Abends geht allein für’s Kramen und Bettenbauen sicherlich eine Viertelstunde drauf, und morgens dauert es noch länger, bis alles gelüftet, eingerollt und wieder ordentlich verstaut ist. Nix is mit eben zur Rasur ins Badezimmer sausen und vorher noch die Kaffeemaschine anschmeißen – hier muss das Teewasser auf einem kleinen Campingkocher zum Kochen gebracht werden, dessen Flamme danach auch den Toaster ersetzt, denn ungetoastet ist neuseeländisches Brot eigentlich ungenießbar. Es hat die Konsistenz eines feuchten Schwammtuches und scheint vor allem für die Ernährung zahnloser Mümmelgreise vorgesehen zu sein. Bei Wind, und hier weht fast immer Wind, steht der Gaskocher im Heck des Autos, dort müssen auf einem Bananenkarton in drangvoller Enge auch die Frühstücksbrote geschmiert werden. Kurz gesagt, es ist alles etwas umständlich und dauert seine Zeit.

Was daran ist denn so schlimm? Nichts, im Gegenteil – es ist gut so. Überraschend schnell habe ich die Langsamkeit wiederentdeckt. Ich gehe langsam über ungefestigte Plätze und Wege, denn zwischen büscheligem Gras lauern Steine, Disteln und andere Dinge auf meine zarten Zehen, die das Nacktsein in Flipflops nicht gewohnt sind. Langsam balanciere ich über schlüpfrige Steine am Flussufer, um dort meine Teller, Töpfe, Tassen und nicht zuletzt mich selbst zu waschen. Besonders abends in der Dunkelheit muss ich achtsam sein, sonst schlage ich mir Schienbein oder Schädel blutig, denn so ein Kombi ist kein geräumiges Wohnmobil. Aber all diese Langsamkeit tut gut, sie hilft beim Atmen, fördert klare Gedanken und schafft Raum für das bedächtige Trinken eines Bechers Tees (mit Milchpulver angerührt, denn ohne Kühlkiste keine Kuhmilch), für aufmerksames Zuhören, egal ob es Vögel- oder Froschkonzerte sind, für entspanntes Ganz-da-sein, in der wärmenden Morgensonne nach einer kühlen Nacht oder unter einem Sternenhimmel, der blitzt und funkelt.

Deshalb wundert es mich auch nicht, wenn ich einfach hier am Lake Rerewhakaaitu bleibe, statt mich weiter gen Süden voranzubewegen, dass ich den Fröschen lausche und geduldig auf das Ende eines Regenschauers warte. Heute früh kam ein älteres Pärchen vorbei, eindeutig Kiwis. Sie beglückwünschten mich zu meinem Platz am sumpfigen Südende des Camps, weit weg vom kiesigen Strand, wo man Boote ins Wasser lassen kann, fernab von jeglichem Trubel und den Picknicktischen unter hohen Fichten. Ja, bedankte ich mich artig, ich sei auch sehr froh, denn ich hätte es gern ruhig. Aber die Frösche, kam es zurück, die würden doch einen Heidenlärm machen. Mich stören sie nicht, im Gegenteil. Ihr Sägen, Kollern und Knurren, der Chor aus wechselnden Stimmen mit endlosen Strophen und immergleichen Refrains, erinnert mich an tibetische Mönche. Auch sie rezitieren Mantras und heilige Texte im Chor, mit kehligen Stimmen voller Obertöne, sich im Lotossitz hin und herwiegend, ganz versunken. In Indien und Nepal durfte ich ihnen oft zuhören, in den Klosterschulen und Tempeln, oder wenn sie im Gefolge des Dalai Lama nach Europa kamen. Ähnlich wie der meditative Gesang der Mönche klingt hier am See das vielstimmige Froschkonzert. Die Frösche stören überhaupt nicht, sie bereichern mich und mein Leben.

***

Mittlerweile ist Donnerstag und bin ich immer noch am Seeufer. Es hat die halbe Nacht geregnet und mein Abendessen war mit einige akrobatischen Kletterübungen verbunden, um halbfertige Sandwiches, die obligatorische Avocado, den Rotwein und andere Dinge von hinten nach vorn zu holen, weil ich beim Broteschmieren vom Regenguss überrascht und ins Trockene vertrieben wurde. Zum Glück hörte es später für eine Weile auf zu schütten, sodass ich mein Gepäck herumschleppen und die Matratze ausrollen konnte, ohne richtig nass zu werden. Und es war eine kalte Nacht, wohl die kälteste bisher. Aber heute früh blies ein frischer Nordwind die Wolken fort, die Sonne zeigte sich und nun sitze ich im Schatten alter Bäume und schreibe. Erst morgen werde ich weiterfahren, einen Stopp bei den Thermalquellen von Butcher’s Pool machen (sie liegen mitten auf einer Schaffarm und der Besuch ist kostenlos), und mich gegen Abend wohl im Tongariro National Park einfinden, wo ich von tätigen Vulkanen umgeben sein werde. Die beiden Kiwis von gestern habe ich vorhin kennengelernt, es sind Rentner aus Rotorua, die von ihrer Autobatterie im Stich gelassen wurden. Kaum war ihr Wohnmobil überbrückt und der Motor lief wieder, hatte ich auch schon eine Visitenkarte in der Hand, damit ich bei Sue und David auf dem Rückweg nach Auckland Bett, Dusche und eine warme Mahlzeit bekommen kann.

Wann ich auf der Südinsel eintreffe, ist unklar – vielleicht Sonntag, vielleicht später. Ich brauche etwas Glück, um dann dort unten eine feste und vor allem ruhige Bleibe zu finden, wo ich über die Feiertage wohnen, mir leckere Mahlzeiten kochen und ausgiebig schreiben kann. So richtig am Tisch, mit Steckdose und allem. Allerdings bricht demnächst die Hauptsaison an, wo alle Kiwis ans Meer drängen, und für ein klitzekleines Häuschen irgendwo fernab der Straßen werde ich vermutlich ein kleines Vermögen bezahlen müssen. Doch bisher ist alles glatt gegangen, da werde ich mich weiter vertrauensvoll treiben lassen. Ohne Eile, schön langsam. Wie heißt es doch so in einem chinesischem Sprichwort: Wenn du in Eile bist, mache einen Umweg.

PS: Als ich diesen Text abgeschlossen und alle Fotos der letzten Tage sortiert hatte, war Lucys Batterie leer, ausgesaugt vom Laptop. Ein Überbrückungskabel hab ich ja schon nach meinem letzten Malheur vor zwei Wochen gekauft, aber diesmal stellte ich bei einem Rundgang fest, dass ich ganz allein auf dem Campground war. Ich überlegt schon, wie lang wohl der Fußweg zum nächsten Farmhaus sein würde, als ein älteres Ehepaar mit Faltboot und Wohnwagen aufkreuzte. Sie wohnen nicht weit entfernt und hatten spontan beschlossen, den sonnigen Tag am See zu verbringen. Zehn Minuten nach ihrem Auftauchen lief meine Lucy wieder. Don’t worry, be happy.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Wildlife

Geschrieben von Johannis am 8. Dezember 2010 um 09:20 Uhr

Wer fernab der Zivilisation sein karges Dasein fristet, muss auf alles gefasst sein. Krokodile, Giftschlangen, Raubtiere aller Art und sonstige mehrbeinige Lebensgefahren gibt es hier in Neuseeland zum Glück nicht, wenn man vom eingeschleppten australischen und ziemlich giftigen Redback Spider mal absieht. Aber trotzdem hat es ein Outdoorman, der am liebsten hart am Rande der Wildnis kampiert und in einem japanischen Kombi schläft, mit reichlich Viechzeug zu tun. Doch nicht immer singt die Fauna melodische Lieder oder ist ein optischer Genuss – viele Tiere sind weder schmackhaft noch unterhaltsam, sondern einfach nur lästig.

Fangen wir bei den Insekten an, und zwar mit unauffällig-kleinen, den Ameisen. Wenn man wie ich seine Kücheneinrichtung samt Vorräten in drei zusammengeschnorrten Pappkartons durch die Lande kutschiert und diese mehrfach täglich irgendwo auf Mutter Naturs breitem Rücken abstellt, um sich Sandwiches zu schmieren, einen Becher Tee zu kochen oder gar warme Mahlzeiten zuzubereiten, muss man höllisch auf der Hut sein. Ruckzuck tauchen unerwünschte Mitreisende auf, die sich nur schwer abschütteln lassen. Ich habe mir bisher glücklicherweise nur wenige Ameisen von einer winzigen Sorte eingefangen, und sie begnügen sich offenbar mit den Krümeln, die ich beim Abendessen rund um den Beifahrersitz verstreue. Ab und an verläuft sich mal eine aufs Armaturenbrett, was ihre sofortige Eliminierung zur Folge hat, aber ansonsten verhalten sie sich unauffällig.

Der Status quo ist nicht zu vergleichen mit einer Reise, die mich 1987 quer durch Australien führte und bei der ich Louis und Ingrid aus Schwäbisch-Gmünd kennenlernte. Eine Weile reisten wir gemeinsam durch das wilde Herz Australiens und schliefen unterwegs in unseren Kombis. In der Nähe des Ayer’s Rock passierte dann das Undenkbare – es regnete mitten in der Wüste derart heftig, dass alle Straßen tagelang gesperrt waren und wir in einem trostlosen Kaff ausharren mussten, bis die Fluten versickerten und das weite, öde Land zum Ergrünen brachten. Auf dem einzigen Campingplatz weit und breit waren ebenfalls große Flächen überflutet, was dazu führte, dass die dort ansässigen Ameisenvölker in panischer Wasserscheu an allen erreichbaren Autoreifen emporkletterten und sich unterm Blech ins Trockene flüchteten. Ich hatte in meinem Ford nur mittelschweren Befall und musste einige Vorräte entsorgen, aber der Holden von Louis und Ingrid wurde zum neuen Domizil eines ganzen Ameisenstaats mitsamt Brut und Eiern. Die lästigen Krabbelviecher hatten sich in der Reserveradmulde eingenistet, erkundeten bald jeden Winkel des Fahrzeugs inklusive der Schlafsäcke und konnten nur durch brutalstmöglichen Einsatz eines handelsüblichen Giftsprays in die Knie gezwungen werden. Jeweils sechs Knie pro Ameise, versteht sich.

Ebenfalls klein, aber ziemlich lästig sind die neuseeländischen Sandflies. Man spricht sie Säntfleiß aus und hasst sie im ganzen Land. Mittlerweile, denn ich kann mich noch gut erinnern, dass die Mistviecher bei meinem letzten Besuch im schönen Neuseeland vor allem auf der Südinsel anzutreffen waren. Aber 24 Jahre später ist das offenbar passé, denn die Biester sind nun auch im Norden heimisch geworden. Nicht größer als unsere biedere deutsche Fruchtfliege (Drosophila melanogaster), ebenso schwarz und lahmarschig im Flug, hat die Sandfly hingegen Eigenschaften, die sie zum Hassobjekt prädestinieren. Sie beißt ohne viel Federlesen, es tut sofort weh und der Biss blutet, sobald man den Störenfried erschlägt. Was wegen des gut lokalisierbaren Instantschmerzes und der trägen Aeronautik dieser Flattermänner recht leicht fällt. Die Bisse verursachen dann hartnäckig juckende Quaddeln, die sich bei empfindlicheren Naturen sogar zu Eiterpusteln entwickeln, an denen man/frau durchaus zwei Wochen lang keine Freude haben kann. Besonders lästig: Man wird, zumindest wo Sandflies nicht in Schwärmen auftreten und sofort den ganzen Körper attackieren, mit Vorliebe in Füße und Fußknöchel gebissen, was in einem Land, wo Menschen fast das ganze Jahr in Flipflops rumlaufen, ziemlich nervt. Ich vermute, dass die Sandflies wegen ihrer lausigen Flugkünste nur in Regionen bis zu Kniehöhe navigieren können und sich deshalb auf nackte menschliche Füße spezialisiert haben.

Moskitos sind zwar auch eine echte Plage und können speziell bei im Auto verbrachten Nächten die Nerven gehörig strapazieren, sie sollen aber wegen ihres mangelnden Unterhaltungswertes heute keine Rolle spielen. Wenden wir uns also einem weiteren unerwünschten Einwanderer zu, dem Opossum. Wie die Rotrückenspinne kommt das Opossum, hier kurz und verächtlich Possum genannt, aus Australien. Es ist gut katzengroß, lebt auf Bäumen und gern in der Nähe von Campingplätzen. Dort wartet es darauf, dass müde Camper in ihre Schlafsäcke kriechen, ohne die gesamte bewegliche Habe kinder- oder possumsicher verstaut zu haben. Das schließt Müll und Essensreste mit ein. Ich war neulich so ein Camper, obwohl ich es von meinen Australienreisen eigentlich besser wissen müsste. Aber da ich den halben Tag hinterm Steuer gesessen hatte, um von Mangawhei Heads zur Coromandel Peninsula zu gelangen, war mir abends nicht mehr nach Abwasch am Flussufer, was im Dunkeln sowieso eine ziemliche Herausforderung ist.

Übrigens, wer sich wundert, warum ich den letzten Beitrag angeblich am Sonntag schrieb, er aber erst freitags erschien, während ich mich statt am Strand bereits dreihundert Kilometer weiter südlich irgendwo im Wald tummelte, möge Nachsicht haben. Wegen meiner starken Rummel- und Lärmvermeidungstendenzen halte ich mich gern in Gegenden auf, die viel Landschaft, wenige Leute und meist gar keinen Mobilfunkempfang aufweisen. Dort kann ich zwar Texte schreiben, solange ich mich mit mangelnder Ellenbogenfreiheit arrangiere und die Leistungsfähigkeit von Lucys Batterie im Auge behalte, diese Texte finden aber erst den Weg ins Internet, wenn ich wieder an den Rand der Zivilisation zurückkehre. Daher die Zeitverschiebung. Alles klar? Na prima.

Zurück zum Thema. Die Gegenwart von Opussums erkennt man entweder schon unterwegs auf den Straßen, weil sie gern totgefahren werden, oder am Boden unter den Bäumen auf dem Campingplatz. Dort liegt dann reichlich Possumkacke rum, die ähnlich aussieht wie Schafsköttel. Neulich musste ich mich aber nicht in Fäkalienbeschau üben, denn noch in der Dämmerung umschlich das erste Opossum mein Auto. Als ich ausstieg und es mit der Taschenlampe verfolgte, zeigte es kaum Fluchttendenzen, sondern verzog sich träge in einen nahen Strauch, von wo es mich anglotzte und darauf wartete, endlich meine ungespülten Teller ablecken und die Mülltüte aufreißen zu dürfen. Am nächsten Morgen habe ich meine Faulheit bereut, obwohl der Gesamtschaden gering blieb: etwas verstreuter Müll und zernagtes Plastik, ein von scharfen Zähnen gespaltener hölzerner Kochlöffel, der mit seinem Curryaroma offenbar unwiderstehlich war, und einige tiefe Riefen in der Spülmittelflasche. Ich war zwar froh, dass die preiswerte Literflasche den Possumzähnen standgehalten hat, hätte aber doch sehr gerne das dumme Gesicht des gierigen Räubers gesehen, wenn ihm statt leckeren Ketchups ein Schluck Spüli mit Zitronenduft ins Maul geflossen wäre. Die Biester wissen ganz genau, dass Plastikpullen meist Schmackhaftes enthalten, aber in diesem Fall hätte das Possum wohl vor Wut geschäumt. Ich wollte euch übrigens gern ein Foto der possierlichen Viecher präsentieren, aber leider ist mir seither kein Opossum vor die Linse geraten. Lebendig meine ich. Daher kann ich nur mit totgefahrenen Vertretern dieser Spezies aufwarten, die sich reichlich entlang der Highways finden.

Ebenfalls ziemlich lästig können übrigens Schafe sein, zumindest, wenn man zwischen ihnen campieren muss. Das tat ich kürzlich auf einem der Plätze des Department of Conservation, kurz Doc genannt. Diese sehr simplen Campingplätze liegen meist fernab der ausgetretenen Pfade an Fluss, Meer oder See in einem der unzähligen Naturschutzgebiete und sind genau das, was mir der Arzt verschrieben hat. Ruhe, Abgeschiedenheit, keine oder nur kalte Duschen, aber die volle Dosis Natur. Das Waikawau Doc-Camp findet sich hinter Dünen an der Nordspitze der Coromandel Peninsula, und dort teilten sich bei meinem Besuch ungefähr 400 Schafe den Platz mit einem Dutzend Touristen. Einer von ihnen fragte mich sogar, ob ich vielleicht eine Plane für ihn übrig hätte, und erklärte auf meine befremdliche Rückfrage, er und seine Freundin wollten gern am Boden sitzend picknicken, hätten aber nicht an die Schafe gedacht. Genauer an die Schafscheiße, die überall herumlag. Ja, das waren pingelige Deutsche – hier sprechen übrigens rund 50 % der Touristen Deutsch. Ich oute mich meistens nicht als Germane, und werde wegen meines seltsamen Akzents auch von den Einheimischen meist als Südafrikaner oder Brite eingestuft. Zum Glück.

Soviel für heute. Ach, und damit eure zarten Seelen beim Betrachten der toten Possums keinen Schaden nehmen, serviere ich zum Ausgleich noch Schafsbilder und ein paar Strandstilleben. Bis demnächst, ihr Lieben, holt euch bitte keine Blasen beim Schneeschippen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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