Neuseeland nervt
Geschrieben von Johannis am 30. Dezember 2010 um 10:05 Uhr
Die Mondlandung von Apollo 11 fand nie statt. Sämtliche Schwarzweißbilder, die damals über unsere Bildschirme flimmerten, wurden entweder am Stadtrand von Los Angeles in speziellen Trickfilmstudios bei Universal Pictures oder in den Wüstenlandschaften der weiträumig abgesperrten kalifornischen Mojave Desert gedreht. Jeder vernünftige Mensch weiß das und längst regt sich keiner mehr darüber auf. Ich bin jetzt allerdings einem Täuschungsmanöver von weit größerer Dimension auf die Spur gekommen, das bisher offenbar unentdeckt geblieben ist und Schockwellen der Empörung durch die Welt senden wird.
Neuseeland, dieses angeblich so ursprüngliche und wildromatische, mit schrulligen Charakteren besiedelte und von antarktischen Winden gepeitschte Inselreich, in dem das Wetter gelegentlich alle vier Jahreszeiten an einem Tag abspult, ist eine peinliche Fälschung. Mitnichten entstand es vor etwa 40 Millionen Jahren durch instabile Plattentektonik und übereifrige Vulkane und hat sich mirnichtsdirnichts aus dem Südpazifik und der angrenzenden Tasmanischen See erhoben, sondern es ist eine Art gigantisches Fantasialand, ein aus Resten zusammengestoppelter Freizeitpark, de facto nicht mehr als das effekthascherische Gesellenstück eines übereifrigen und unreifen Landschaftsarchitekten. Und es ist brandneu, maximal 5000 Jahre alt. Wie jeder vernünftige Mensch weiß, entstanden damals bei uns innerhalb von sieben Tagen Himmel und Erde und der ganze Rest. Kaum bekannt sein dürften hingegen die schockierenden Verstöße, die zur Entstehung von Aotearoa geführt hat, dem Land der langen weißen Wolke, wie clevere Tourismus- und Marketingexperten Neuseeland mittlerweile getauft haben. Adventureoceanmountainanddjunglecamp, wie es ursprünglich heißen sollte, schied als Name schließlich aus, weil es als relativ langes Wort in Werbebroschüren und Faltblättern oft zu unattraktivem Zeilenumbruch führte.
Damals, um auf den übereifrigen Landschaftsarchitekten und die Zeit vor rund 5000 Jahren zurückzukommen, ging aus der unehelichen Verbindung zwischen einer wahrscheinlich klingonischen Handarbeitslehrerin und einem gemischtrassigen Sozialpädagogen ein Knabe hervor, der auf einem erdähnlichen Himmelskörper im westlichen Teil unserer Galaxie geboren und bald danach auf den ziemlich sperrigen Namen Gernot Otmar Trotzki-Tadellos getauft wurde. Im beruflichen Wirken signierte er seine Arbeiten gern effekthascherisch mit den Initialen G.O.T.T., was unter leichtgläubigen Bewohnern des Planeten Erde einige Jahrtausende später zu schwerwiegenden Missverständnissen und der Entstehung eines religiösen Kultes führte. Aber darum soll es hier und heute nicht gehen.
Gernot war Teil eines Teams von planetarischen Oberflächengestaltern und wurde, weil er jung und unerfahren war, mit der Einrichtung eines unbedeutenden Planeten namens Erde betraut. Man gab ihm alle notwendigen Materialien und eine Woche Zeit, kümmerte sich dann aber nicht weiter um den Burschen, der bis dato insgesamt recht ordentliche Arbeit geleistet hatte. Das tat er auch in den ersten sechs Tagen, die der Job andauerte, strengte sich redlich an und war am Samstagabend mit sämtlichen Kontinenten, Ozeanen und dem ganzen Krempel fertig, der dort kreuchte und fleuchte. Sonntagvormittag kontrollierte er das Geschaffene, maß Berggipfel und Meerestiefen nochmals nach, und war alles in allem sehr zufrieden mit sich. Nach dem Mittagessen setzte dann aber die große Langeweile ein und Gernot, der nur schlecht entspannen konnte, begann zu experimentieren.
Wohl wissend, dass die intergalaktische Raumplanerfähre ihn erst am Montagmorgen abholen und zu seinem nächsten Einsatzort bringen würde, und gegen die bekannte Vorschrift verstoßend, derzufolge sämtliche Arbeit sonntags ruhen muss, manschte er die Überbleibsel seines Materials zusammen wie ein besoffener Alchemist, statt sie zu vernichten. Jeder kennt das ja – wenn man Kontinente zuschneidet und Länder gestaltet, bleiben immer ein paar Schnipsel übrig, die man eigentlich entsorgen müsste. Genau das tat unser junger Oberflächengestalter aber nicht, sondern er rührte sämtliche Reste zusammen, die von anderen Erdteilen übrig geblieben war. Hier ein Streifen skandinavische Fjordlandschaft, dort etwas subtropischer Regenwald, ein Fitzelchen Wüste und endlos viel Strand, dann ein paar übrig gebliebene Gletscher und Alpenreste, dazu überzählige isländische Geysire nebst kochenden Schlammtümpeln und einer ganzen Handvoll feuerspuckender Vulkane, für die er in Italien keinen Platz gefunden hatte – all das und noch eine Menge anderer Landschaftsreste panschte der ziemlich infantile G.O.T.T. zusammen, fand das spaßig und sehr originell.
Allerdings verflog die Euphorie sehr schnell. Gernot dämmerte, dass ihm mächtig Ärger drohte, wenn seine Vorgesetzten von der Sache Wind bekommen würden, und er versuchte seine Kreation durch den orbitalen Gulli, eine Art Wurmloch für Raumplaner, zu spülen. Tja, dumm gelaufen, denn die zusammengemanschte Landschaftspampe härtete bereits aus und ließ sich nicht mehr beseitigen. Also blieb Gernot nichts anderes übrig, als die außerplanmäßige Schöpfung irgendwo unterzubringen, und zwar möglichst unauffällig. So kam es dazu, dass weitab vom Schuss und sonstigem Kontinentalgetümmel ein kleines Inselreich zwischen zwei kalte Ozeane geklemmt wurde, wo es in der muffeligen Montagsmorgenstimmung unentdeckt blieb, als tags drauf das intergalaktische Raumplanershuttle den nervösen Übeltäter abholte und zur nächsten Baustelle brachte. Soweit der historisch korrekte Ablauf eines illegalen Experiments, dessen Resultat heute unter dem Namen Neuseeland vermarktet wird, obwohl es sich im Grunde nur um einen großen und heftig überteuerten Freizeitpark handelt. Bedauerlicherweise scheint dies die zahlreich anreisenden Touristen aber nicht zu stören.
Ich hingegen bin empört und werde radikale Konsequenzen ziehen. Mich ärgert besonders, dass sogar ein ausgebuffter Fuchs wie ich auf diese billig zusammengestoppelte Landschaftsarie reinfallen konnte und ich sogar doppelt der Täuschung erlegen bin, erstmalig vor 24 Jahren. Außerdem ist mir recht peinlich, wie ich hier im Blog seit Wochen von einem angeblich unverwechselbaren Land schwärme, das im Grunde nicht mehr als ein überdimensioniertes Disneyland für naive Outdoorfreaks ist. Es darf meine Leser daher nicht wundern, wenn nun ein drastischer Paradigmenwechsel stattfindet. Schluss mit der romantischen Schwärmerei, jetzt werden andere Saiten aufgezogen! Fallt nicht auf die Tricks der Tourismusindustrie rein, setzt euch bloß nicht für mindestens 24 Stunden in ein miefiges Flugzeug und der krebsfördernden Weltraumstrahlung aus – bleibt zuhause, fahrt meinetwegen in den Schwarzwald oder nach Hiddensee, aber nicht in ein Land, das möglicherweise gezielt als Monumentalkulisse für die dreiteilige Verfilmung des Herrn der Ringe erschaffen wurde! Noch kann ich eine direkte Verstrickung von G.O.T.T. in das von der Kritik massiv überbewertete und gähnend langweilige Filmprojekt nicht nachweisen, schließe aber diesbezüglich nichts aus und werde weiter recherchieren.
Jeder Liebende kennt es: Wenn der köstliche Rausch der Hormone verflogen ist oder gar die Zahl der gemeinsam verbrachten Jahre ins Zweistellige umzukippen droht, beginnt man den Lebensabschnittspartner mit neuen Augen zu sehen. Plötzlich gehen Glatze und Bierbauch, Schwangerschaftsstreifen und Krampfadern zusammen mit den vertrauten charakterlichen Schrullen nicht länger als kleine Schmunzelfehler durch, sondern es sind triftige Gründe zur Reklamation und Rückgabe des einstmals begehrenswerten Artikels. Am leichtesten fällt bekanntlich eine Trennung im Zoff. Wenn der jeweilige Gegenpart harmoniesüchtig ist, muss man eben einen anständigen Streit vom Zaun brechen, damit man Türen knallend von dannen stampfen und sich bei Trinkgelagen mit Kumpels oder in sektsäuseligen Frauenrunden kopfschüttelnd fragen kann, wie man bloß auf sie oder ihn reinfallen konnte. Wie ich auf dieses nervige Neuseeland, von dem ich mich nun ohne jede Skrupel trennen werde.
Was an Neuseeland eigentlich so nervt, abgesehen davon, dass es schöpferisch eine Mogelpackung ist, wollt ihr wissen? Alles. Sonne zu hell, Regen zu nass, Sterne zu grell, Wind zu kalt. Oder eben zu warm, je nach dem. Entweder es gibt zu viele Leute auf einem Haufen, wie in Auckland, Wellington, Christchurch und Dunedin, oder die nächste Tankstelle ist 120 Kilometer weg und man muss fast ebenso weit fahren, um ein Paket überteuertes und extrem labberiges Toastbrot zu erwerben. Das ganze Land ist viel zu grün und saftig, dazu ständig diese sanft geschwungenen Hügel und malerisch-einsamen Strände – das hält man ja im Kopf nicht aus. Und überall obernerviges Viechzeug. Vögel schreien einem schon morgens derart in die Ohren, dass man lange vorm Weckerklingeln wach wird, abends quaken die Frösche lauter als AC-DC beim Liveauftritt im Fußballstadion, dazu blutrünstige Geschwader von Sandfliegen und Mücken, und dann ständig die stinkigen Kadaver der totgefahrenen Opossümse. Nix für mich.
Ich freue mich auf jeden Fall schon auf die Heimreise und das Schneeschippen in Dortmund. Blöderweise kann ich meinen Rückflug nicht umbuchen und muss noch bis Mitte Januar hier bleiben. Kacke! Aber das halte ich auch noch aus. Ist doch nicht viel anders, wie wenn man nach dem finalen Streit bis zum Monatsende warten muss, weil die dusselige Kuh/der blöde Hund, mit der/dem man irrwitzigerweise monate- oder gar jahrelang Tisch und Bett geteilt hat, dann endlich auszieht und man wieder seine Ruhe hat. Solange geht man sich eben aus dem Weg. Das machen dieses gefakte Neuseeland und ich die nächsten Wochen auch. Ist doch ein Klacks. Pah!
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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