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Archiv für November, 2010

Angekommen

Geschrieben von Johannis am 25. November 2010 um 22:29 Uhr

Für einige Wochen wird mein Blog tatsächlich ein Webtagebuch sein und nicht länger als Sammlung politisch unkorrekter Schnoddrigkeiten und gelegentlicher Schmunzelschmonzetten um Leser buhlen. Das Schreiben der aktuellen Beiträge findet dabei in größtmöglicher geographischer Distanz zur Heimat statt, wie aufmerksame Leser mit gutem Gedächtnis bereits wissen, denn ich halte mich bis Mitte Januar in Neuseeland auf. Während diese Zeilen in die Tasten gehackt werden, sitze ich am frühen Dienstagabend auf dem Beifahrersitz meines Toyota Camry, das ist ein nicht mehr ganz taufrischer, aber gigantisch großer, grüner Monsterkombi mit V6-Zylindermotor und allem erdenklichen Technikschickschnack, in dem ich neuerdings durchs Land reise und auch übernachte. Vor mir versinkt die Lagune des Kaipara Harbour in der Dämmerung, hinter mir ragt steil ein mit Dschungelgrünzeug und hohen Bäumen bewachsenes Kliff auf, wo mitteilsame und langbeinige Reiher nisten, und in mir verarbeiten nicht nur die Verdauungsorgane eine Portion Fish’n’Chips, sondern es müssen auch andere Dinge verdaut werden. Geistiges und viele Eindrücke.

Heute war ein guter Tag und ich habe offenbar eine mitteldicke Glückssträhne, seit ich im Land der langen weißen Wolke angekommen bin. Gut, ein paar kleine Abstriche muss man machen, zum Beispiel funktioniert die Stromversorgung für den Laptop, der sich gestern noch problemlos vom Zigarettenanzünder speisen ließ, jetzt plötzlich nicht mehr. Aber ich will eh zeitig schlafen, denn im Auto wird man früh wach, besonders in einem ohne Vorhänge. Ich stehe hier auf einem abgelegenen Parkplatz, der sogar eine Toilette samt spartanischer Waschgelegenheit vorweisen kann. Gut, eigentlich gehört das alles zu einem ultraspartanischen Campingplatz, dessen Duschen nicht funktionieren. Weil man Stellplätze im benachbarten Fish’n’Chips-Shop buchen muss und der Wirt meinte, ich könnte doch genauso gut auf dem Parkplatz bleiben und mir die Dollars sparen, hab ich seinen Vorschlag freudig aufgegriffen. Auf dem angrenzenden Campingplatz stehen übrigens insgesamt drei Wohnmobile und kein einziges Zelt, aber das ist mir gerade recht, denn ich hab zurzeit ein extrem hohes Ruhebedürfnis.

Die letzte Nacht habe ich sogar mitten in der Pampa verbracht, auf einer Hügelkette am Rande der privaten Schotterstraße, die quer durch eine 2000 Hektar große Schaffarm zum Meer führt. Von dort konnte ich nicht ein einziges Haus, aber kilometerweit bis hierher zu dieser Lagune sehen, die nachts im Licht des Vollmondes silbrig glänzte. Der kalte Südwestwind rüttelte am meinem Schlafwagen, hinterm Zaun betrachteten Schafe mit fragendem Blick den merkwürdigen Fremden, und ich war froh. Froh, dass ich endlich aus Auckland raus bin, froh über mein Auto, das ich nach seiner Vorbesitzern auf dem Namen Lucy getauft habe, froh über Einsamkeit und das volle Programm natürlicher Sinneseindrücke. Letzte Sonnenstrahlen und böiger Wind, Lerchenzwitschern, Schafblöken und der melodisch-melancholische Gesang der schwarzweißen neuseeländischen Elstern, der satte, süßliche Duft von Weiden und Wildblumen, kurze Regenschauer und dann die Kälte der Nacht, Gras unter meinen Füßen und ein voller Mond, der kurz nach Sonnenuntergang gelblichweiß über den Hügeln aufstieg und mir sein Licht spendete. Ich war froh über meine Matratze samt Kissen und Laken, alles gestern bei The Warehouse erstanden, froh über meinen alten deutschen Schlafsack, der mich trotz der empfindlich kühlen Nacht halbwegs warm hielt, und froh über die halbvolle Flasche nepalesischen Brandy. Richtig zufrieden also.

Die vier Tage in Auckland waren anstrengend. Erstens hatte ich mir am Abend vor meiner Abreise aus Nepal eine mittelschwere Lebensmittelvergiftung eingefangen (beim Abschiedsessen mit Kollegen in einem Restaurant der gehobenen Klasse – ich weiß genau, warum ich am liebsten in belebten Garküchen und einfachen Lokalen esse), die mir auf dem langen Flug via Bangkok und auch noch einige Tage danach ziemlich zu schaffen machte. Zweitens war ich in einem zwar sauberen, aber unangenehm lauten Hostel in Newtown gelandet, umgeben von einer Mischung aus Chinatown, Partymeile und Rotlicht-Viertel mit der wahrscheinlich höchsten Anzahl von Sushi-Restaurants pro Quadratkilometer, die man südlich des Äquators finden kann. Mein Zimmer im BK Hostel, einem Gebäude aus dem Jahr 1910, hatte zwar wie versprochen ein Fenster, war aber nur 9 Quadratmeter groß und mithilfe von hauchdünnen Rigipswänden von etlichen ebenso winzigen Schlafzellen abgetrennt, weshalb ich zumindest akustisch sehr intensiv am Leben meiner direkten Nachbarn teilhaben durfte. Das Fenster ging übrigens auf einen Hof mit mehreren Kneipen raus, wo nachts bis mindestens um 3 Uhr Livemusik dröhnte und außerdem ständig einige übergroße Ventilatoren brummten und mir Küchendunst entgegenschaufelten. Ich hatte zwar vorher per Mail angefragt und ein ruhiges Zimmer zugesagt bekommen, aber unter Ruhe versteht offenbar jeder etwas anderes. Kurz gesagt: Das preiswerte BK Hostel an der Karangahape Road ist für erholungsbedürftige Reisende der Altersgruppe Ü-40 nur bedingt empfehlenswert.

Während meiner Tage dort in Newtown waren mir nicht nur die erstaunlich fetten Maori-Nutten, reichlich bettelnde AlkoholikerInnen im Rentenalter, die allgegenwärtige Schwulenbars und immens viele asiatische Gesichter fremd, auch die Preise machten mich ganz schwindelig. Ich kann niemandem empfehlen, von Nepal aus nach Neuseeland zu reisen, sofern er oder sie nicht eine dicke Erbschaft oder einen Lottogewinn gemacht hat, der Schock ist zu groß! Besonders jetzt, wo der Euro mal wieder schwächelt. Im Vergleich zu Nepal kostet fast alles mindestens das Zehnfache und auch deutlich mehr als in Deutschland (Beispiele: Ein Paket schwammweicher Körnertoast für zwei Euro, einen Euro für 300 Gramm Salz oder 2,50 Euro für 500 g Würfelzucker im Supermarkt), und ausgerechnet Butter und Milch kosten im Land der fetten Weiden und des weltweit saftigsten Grases mehr als doppelt so viel wie bei uns zuhause. Für einen Döner hätte ich 10 Dollar berappen sollen, das sind etwa sechs Euro, wäre aber wegen der Nachwirkungen meiner Lebensmittelvergiftung sowieso keine gute Idee gewesen.

Also habe ich mich zeitweilig von Toast und Bananen ernährt (dem Innenleben zuliebe) und meine Pläne über den Haufen geworfen. Obwohl – eigentlich hatte ich gar keine Pläne, wollte mich einfach treiben lassen, aber eben kein Auto kaufen, sondern trampen, mit dem Bus fahren und so fort. Gecancelt, auch der Übernachtungspreise wegen. Kaum hatte ich mir also für teures Geld mobilen Internetzugang erkauft, suchte ich auch schon auf Trade-Me, dem Ebay für Kiwis, nach halbwegs erschwinglichen Kombis und verschickte Mails mit Anfragen und meiner neuen Telefonnummer. Samstagfrüh kam der erste Rückruf und drei Stunden später saß ich in einem Ford Falcon Stationwagon. Der war aber übelst versifft und runtergekommen, weshalb ich heilfroh war, als noch während der Probefahrt Lucy Meek anrief, von der ich dann nachmittags meinen jetzigen Schlafwagen kaufte. Steve, der Besitzer des Ford Falcon (mehrfach gebrochene Nase, Knasttätowierungen, Kettenraucher, er kam mit Hund und seiner Gattin vom Typ alternde Rockerbraut), war zwar offenkundig enttäuscht, aber ich kann nicht alle Neuseeländer zugleich glücklich machen. Und ich hab ihm 10 $ Spritgeld gegeben, weil er zum BK Hostel kam.

Die nächsten beiden Tage vergingen mit ein paar kleineren Reparaturen, diversen Einkäufen (Campingkocher, Töpfe, Pfanne, Geschirr, Vorräte, Matratze, Bettzeug, Spannungswandler für den Laptop, etc. – zum Glück haben die großen Läden hier auch sonntags auf und außerdem fand ich Teile meiner Ausrüstung auf dem Flohmarkt in Avondale), einer großen Auto-Putzaktion, um das Innere meines Schlafwagens auch für gehobene Ansprüche bewohnbar zu machen, und mit viel Hektik. In Neuseeland kann man aber Autos zum Glück auf jedem Postamt ummelden, und nachdem dies montags erledigt war, verschwand ich aus Auckland, ohne dem BK Hostel eine einzige Träne nachzuweinen. (Ja, es ist sauber dort und jeder Backpacker findet alles Notwendige, aber es gibt nur wenige Dinge, die ich mehr hasse als Lärm!) Unterwegs musste ich zwar noch bei Toyota und dann auf einem Schrottplatz stoppen, aber davon berichte ich euch vielleicht ein anderes Mal. Ich fuhr einfach der Sonne entgegen nach Norden (ja, kein Scherz oder Irrtum, nach Norden), wollte bloß raus aus der City und endlich grünes Land und hoffentlich bald das Meer sehen. Und das ist mir gelungen. Halleluja!

Jetzt heißt es schauen, ob ich hier südlich von Helensville drahtlos ins Internet komme, und dann möchte ich den Beitrag mit ein paar allerersten Fotos online stellen, bevor bei euch der Donnerstagmorgen anbricht. Ich campiere übrigens seit Mittwoch wild und direkt an der Westküste zwischen Pinien und hohen Dünen an einem kilometerlangen, absolut einsamen Strand, wo ich nun nach etwas Kabeltrickserei diesen Text mit Saft aus der Autobatterie beenden kann. Der Strand ist für Fahrzeuge mit Allradantrieb freigegeben, die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt 60 km/h. Auch sonst gibt es viel zu berichten und reichlich Stoff für Geschichten, aber das Leben in der Pampa mit den eingeschränkten Möglichkeiten, die Lucy bietet, verläuft doch sehr anders als daheim, wo der Computer oft im Mittelpunkt steht. Gekocht wird im Kofferraum, geduscht habe ich zuletzt am Montagmorgen, meine Wasservorräte betragen maximal 10 Liter, und wegen der beengten Verhältnisse muss ständig etwas hin und hergeschleppt und umgepackt werden. Aber ich schlafe wie ein Baby in meinem Kombi, liebe den Duft der Pinienwälder und das stete Rauschen der Brandung (direkt am Strand ist es eigentlich eher ein donnerndes Tosen, das der Wind weit ins Landesinnere trägt), und bin zufrieden. Sehr zufrieden! So weit, so gut – bisher verläuft mein zweiter Aufenthalt in Neuseeland viel angenehmer als erwartet. Bis demnächst, ich halte euch auf dem Laufenden.

PS: Nein, kein Mobilfunknetz hier am Ende der Rimmer Road. Es wird also Freitag. Bis ihr dies lesen könnt.

PPS: Etwa zwei Stunden nach den letzten Zeilen tauchte ein Wagen der Forstverwaltung auf, und man bat mich höflich und sehr nachdrücklich, den Wald sofort zu verlassen. Er würde jetzt abgeschlossen. Nein, kein Witz, es gibt zehn Kilometer von hier einen Schlagbaum, denn der Wald ist Privatbesitz. Am Strand, zu dem jeder Zugang hat, patrouilliert sogar ein Rescue Service (die Kiwis haben es sehr mit der Sicherheit, weshalb sie jetzt beim Minenunglück auf der Südinsel auch solange mit dem Aussenden der Rettungstrupps gewartet haben, bis vorgestern eine zweite Explosion die Schächte vollends zerstört hat. 29 Tote.), aber hier auf dem Parkplatz darf ich auch nach einigem Gebettel nicht bleiben. Blöd, denn ich hatte mir grad ein paar Sandwiches gemacht und ein Glas Rotwein eingeschenkt. Also hieß es Packen und Verschwinden. Zum Glück fand ich aber nicht weit entfernt die Cherry Blossom Road (No Exit), wo ich meine Lucy zwischen blühenden Bäumen und ein paar Kühen parken, mein verspätetes Nachtmahl einnehmen und ungestört eine ruhige Nacht verbringen konnte.

 

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Alles wie immer

Geschrieben von Johannis am 18. November 2010 um 09:03 Uhr

Während dieser Beitrag hier erscheint, sitze ich hundemüde in einem Flugzeug der Thai Aiways und elftausend Meter unter mir erstreckt sich die endlose Weite des Pazifiks bis zum Horizont. In wenigen Stunden werde ich in Auckland neuseeländische Frühlingsluft atmen und auf vom Jetlag wackeligen Beinen durch den frühen Abend stolpern, unterdessen geht in Deutschland eine wahrscheinlich kalte Novembernacht zu Ende und die Händler im Touristenviertel von Kathmandu addieren bereits die Einnahmen des Vormittags zusammen. Dort in Thamel wird alles so sein wie immer, ein ganz normaler Tag gegen Ende der Hauptsaison, einer guten Saison sogar, wenn man den Zahlen der nepalesischen Tourismusbehörde Glauben schenkt.

Gegen sechs Uhr wird sich die Sonne durch rauchigen Dunst geschoben und langsam über die Bergketten am Rande des Talkessels gehoben haben, in dessen Mitte die Hauptstadt Nepals liegt. Es wird erneut ein kühler Morgen sein, denn mittlerweile sinkt nachts die Winterkälte von den schneebedeckten Bergen des Himalayas in die sonnenverwöhnten Täler und bis ins Tiefland herab. Überall in Kathmandu wenden nun fröstelnde Menschen, in Schals oder dünne Decken gehüllt, die müden Gesichter wie Sonnenblumen dem leuchtenden Himmelsfeuer zu und zittern sich warm. Straßenkinder schlafen auf löchrigen Pappkartons den Rausch der letzten Nacht aus oder inhalieren bereits gierig und mit glasigem Blick die beißenden Dämpfe des gelbbraunen Klebstoffs, den sie aus zerknautschten Tuben in aufgeblähte Plastiktüten pressen. Hier und da erklingt von einem der unzähligen Tempel dieser Stadt das helle Klingeln der Gebetsglöckchen, süßer Sandelholzrauch steigt neben flackernden Öllämpchen auf, während die Götter mit Blumen, Reis und Früchten gnädig gestimmt werden.

Vielerorts mischt sich das Fauchen der Kerosinöfen mit dem Klimpern kleiner Gläser, aus denen süßer, starker Milchtee geschlürft wird, während Busfahrer wie Muezzine ihre Passagiere rufen, uniformierte und frisch gekämmte Schulkinder mit nass glänzendem Haar durch die morgendlichen Straßen schlendern, und streunende Hunde sich um die besten sonnigen Schlafplätze balgen. Bald künden zischende Dampfdrucktöpfe von der Arbeit hunderttausender Frauen, die überall in der Stadt Reis, Gemüsecurries und würzige Linsensoßen zubereiten, damit hunderttausende Familien ihr morgendliches Daal-Bhat essen können, die Speisen wie immer aus flachen Blechtellern eilig mit der rechten Hand zum Mund führend und dabei gelegentlich zischend die Luft zwischen den Zähnen einsaugend, um die Schärfe des Chilis zu mildern.

Kurz darauf schieben kräftige Hände in Thamel tausendfach rostig-verstaubte Rolltore hoch, verstauen faustgroße Vorhängeschlösser, die erst am Abend wieder gebraucht werden, und die morgendliche Routine der Händler beginnt. Es gilt sämtliche Waren auszustellen, an Haken und Gestellen aufzuhängen, sie mit energischen Schlägen vom Staub des Vortags zu befreien und schließlich die Fußmatten umgedreht auf den Asphalt zu werfen, wo sie von den Rädern vorbeifahrenden Autos ausgeklopft werden. Füße und alles, was sie berühren haben, gelten im Hinduismus als unrein, daher schüttelt niemand gern den Dreck aus einer sandigen Matte, auch wenn er von den Schuhen zahlungskräftigen Ausländern hereingetragen wurde. Danach beginnen die Händler ihren nie endenden Kampf gegen den Staub, jeder fegt mit gebündelten Pampasgrasstängeln den Bereich vor seinem Laden und sprenkelt ihn dann mit reichlich Wasser, das aber im Licht der höher steigenden Sonne bald verdunsten wird. Laufburschen tragen Tabletts mit Teegläsern, zum Schutz vor Staub und Fliegen mit Zeitungspapier abgedeckt, zu den Läden, Händler hocken in Grüppchen zusammen und schlürfen das süße Getränk und bald schallt ein Ruf durch die Gassen: Kantipur ayo! Die Tageszeitung ist da, ein Mann mit kräftiger Stimme und sehnigen Armen trägt den schweren Stapel druckfrischer Blätter und verkauft Nachrichten von gestern für drei Rupien.

Das wäre jetzt normalerweise die Zeit, wo ich das Touristenviertel nach Norden durchschreite, frisch rasiert und hungrig, um im Delima Garden mein tägliches Frühstück einzunehmen. In Schlangenlinien weiche ich hupenden Taxis und wartenden Rikschafahrern aus, vermeide von fegenden Händlern aufgewirbelte Staubwolken ebenso wie die Wasserspitzer, mit denen sie den Asphalt duschen, lehne unterwegs bestimmt dreimal höflich das diensteifrige Angebot der zahllosen Schuhputzerjungen ab, atme den süßsauren Mix aus Räucherstäbchenduft und Kloakengestank ein, überhole im Gehen ein paar Touristen, die sich mit Staubmasken oder über Mund und Nase gezogene Tücher gegen eine eingebildete Gefahr schützen wollen, und erreiche schließlich den Glory Bookshop. Wenn ich Glück habe, ist um neun Uhr früh bereits eine der beiden englischsprachigen Zeitungen eingetroffen, dann tausche ich ein paar Freundlichkeiten mit der Besitzerin und bezahle mit einem Fünf-Rupien-Schein, der eigentlich rot sein müsste, aber meist knitterig-braun ist von all den Händen, die ihn während unzähliger Fahrten in Bussen und Sammeltaxis hin und hergereicht haben.

Wenn ich noch mehr Glück habe, ist mein Lieblingstisch im Delima Garden frei, auf dem Dach eines kleinen Anbaus, neben hohen Bananenstauden, von denen zentnerschwere Bündel grasgrüner Früchte herabhängen. Dort sitze ich in der wärmenden Morgensonne, weit weg von den Lautsprechern, aus denen zur Unterhaltung der Touristen die immergleichen Folkloreschnulzen quellen, und lese Zeitung. Bald kommt einer der jungen Kellner mit meinem Morgenmahl, das ebenso immergleich aus gesüßtem, heißem Zitronentee, einem Gemüseomelett mit Zwiebeln, Chili, Knoblauch und frischem Koriander, einer Schmortomate, gebratenen Kartoffeln sowie zwei Scheiben Toast mit Butter und Orangenmarmelade besteht. Die Butter schmeckt immer leicht käsig, ist hart und salzig, und an manchen Tagen ist der Koch etwas sehr großzügig mit den grünen Chilischoten im Omelett, vergisst dafür an anderen das Salz, aber auch dies gehört zu meinem Alltag in Nepal.

Spatzen fliegen herbei und setzen sich auf Stuhllehnen, sie beobachten mich aus blitzblanken Knopfaugen und hoffen darauf, dass ich beim Aufstehen den Deckel der Zuckerdose offen lasse, denn dann picken sie hinter meinem Rücken hurtig die bräunlichen groben Kristalle heraus. Wenn ich ihnen jedoch freundlich ein paar Bröckchen von meinem Toast zuwerfe, braucht es lange, bis sie ihr Misstrauen überwinden, offenbar sind ihnen derartige Gesten nicht recht geheuer. Vom Garten klingt das Lachen einer Urlaubergruppe aus Deutschland oder der Schweiz herauf und für mich wird es Zeit zum Gang ins Büro. Ich zahle meine Rechnung, der alte Mann, der den Eingang zum Gartenlokal bewacht, salutiert zackig für mich und ich wünsche auch ihm Namasté und einen guten Tag. Aus jedem dritten Musikladen in Thamel tönt das süßlich-verkitschte Om Mani Padme Hum, eine Ohrwurmversion des wichtigsten buddhistischen Mantras. So geht es seit acht Jahren, die CD verkauft sich offenbar prima und die Händler hören das Gedudel kaum noch, blenden es aus wie Fabrikarbeiter das laute Rattern der Maschinen, die sie bedienen müssen.

Die Stadt ist jetzt lauter geworden, überall hupen Autos und Motorräder, denn es geht auf zehn Uhr zu und die Büros müssen öffnen. Ich kaufe unterwegs zwei Flaschen Mineralwasser, verneine erneut die Fragen, ob meine Schuhe geputzt werden sollen, reagiere nicht auf die im Vorbeigehen halblaut gezischelten dubiosen Angebote für Haschisch und Marihuana, und lächle manchmal über den nimmer enden wollenden Kampf der Nepalesen mit der englischen Sprache, wo aus dem Waldorff-Café ein Waldruff-Cafe wird, man Fresh juices. Hear! oder Hai Wai Toast anbietet, und an fast jeder Tür Well-Come steht. Neulich las ich auf der Werkzeugkiste am Heck eines Tanklasters die Aufschrift Liver Box. Natürlich fährt der Mann dort keine Leber spazieren, sondern seinen leaver, den Wagenheber. Ich beobachte eine Mutter, die ihr fein herausgeputztes Töchterchen an der Hand führt, mache einen Bogen um den verdreckten Kuli, der müde vom Lastenschleppen und zuviel billigem Hirseschnaps seinen Rausch am Straßenrand ausschläft, und höre dem Geschnatter der Teenager zu, die auf dem Weg zur Highschool miteinander scherzen.

Ich könnte ohne Probleme noch stundenlang so weiterschreiben, und all die kleinen und großen Absonderlichkeiten meines nepalesischen Alltags aufzählen. Ich könnte vom Gedränge in den schattigen Gassen des Basars berichten, von den fliegenden Händlern, die überall auf den Gehwegen billige Waren aus China und frisches nepalesisches Obst anbieten, könnte die Bettler erwähnen und das Dasein der Straßenkinder beschreiben. Ich müsste unbedingt den infernalischen Lärm erwähnen, der zu manchen Stunden sehr an meinen Nerven nagt, dürfte aber mitten in der Stadt krähende Hähne ebenso wenig vergessen wie das stete Gurren von Millionen Tauben und die heiser-melodischen Rufe der Krähen. Ich müsste vom Müll berichten, der sich gelegentlich tage- oder gar wochenlang in den Straßen stapelt und von unangenehm dicken Tropfen, die aus Fenstern und von Dächern in die Gassen herabklatschen. Meist ist es nur Wasser oder Taubenkot, manchmal aber auch der Beweis dafür, dass Nepalesen immer und überall ausspucken. Dabei machen sie oftmals ein unappetitliches Geräusch, das unsereiner nur dann hervorbringen könnte, wenn ihm beim Plausch auf einer sommerlichen Radtour eine Mistfliege tief in den Rachen geflogen ist. Sogar die Krankenschwester in einer der von uns gebauten Gesundheitsstationen spuckte neulich beim Inspektionsbesuch gedankenverloren auf den Boden, während wir mit ihr sprachen.

Aber erstens bin ich bald in Neuseeland und zweitens möchte ich nicht den Eindruck erwecken, dass ich Nepal und seine Menschen nicht mag. Es sind durchweg liebenswerte, angenehme und ungeheuer gastfreundliche Zeitgenossen, sie haben viel Humor und eine wunderbare Art mit Kindern umzugehen, und sie überraschen mich immer wieder durch ihre heitere Duldsamkeit. Ich bin gern in Nepal, auch wenn ich die unkontrolliert wuchernde Hauptstadt manchmal hasse, aber ich verlasse Nepal auch gern wieder. Nun bin ich sehr gespannt, wie Neuseeland sich nach 24 Jahren anfühlen wird, denn so lange ist es her, seit ich Aotearoa, das Land der langen weißen Wolke, zuletzt betreten habe.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Profiperverslinge

Geschrieben von Johannis am 15. November 2010 um 09:45 Uhr

Trotz des Urlaubsfeelings, das sich hier in Nepal bei täglich 11 Stunden Sonnenschein ungeachtet meiner mit Terminen vollgepackten Tage gelegentlich einstellt, ist es mal wieder Zeit für ein paar apokalyptische Betrachtungen der Weltlage. Dabei soll es um Politik und um Dinge gehen, die aus ihrem ursprünglichen Rahmen gerissen und gegen jede Vernunft zu industriellem Maßstab aufgebläht werden.

Das lateinische Wort industria mit seiner Bedeutung Fleiß, Betriebsamkeit hat kaum noch Bezug zu dem, was heute alles industriell betrieben wird. Aus einem Handwerk wird ein Gewerbe, dann nennt man es Business und schließlich wird eine Industrie daraus, die schlimmstenfalls weltumspannend agiert. Profite müssen steigen, Netzwerke mit oftmals kriminellen Methoden entstehen, Verdrängungswettbewerbe sorgen für das Aussterben kleinerer Betriebe und am Ende teilen sich meist ein paar Quasimonopolisten die Beute. Was daran neu ist? Nichts. Was das mit Politik zu tun hat? Viel, aber darauf komme ich hoffentlich später.

Anfang der Achtziger Jahre habe ich kurz etwas flüchtigen Ruhm als Sänger, Percussionist und Texter der Bremer Independent-Band Rescueparty genießen dürfen, die sich leider bald auflöste, weil ihre sechs Mitglieder sich uneins waren. Ja, es ging ums Geld und um die Frage, ob man als Musiker Moral und Weltanschauliches in den Vordergrund stellen darf, oder ob man überall und für jede Firma auftreten sollte, Hauptsache die Kasse stimmt. Wir bekamen damals sogar von Roughtrade Deutschland einen Plattenvertrag angeboten, waren aber schon zu zerstritten, um noch ins Studio zu gehen. Darum geht es aber nicht. Ich will auf die Musikindustrie hinaus. Wenn man sich anschaut, wie innerhalb von weniger als hundert Jahren aus den edisonschen Anfängen über Schelllackplatten und Liveaufnahmen in kleinen verqualmten Hinterhofstudios jener gigantische Moloch entstand, der heute weltweit bestimmt, welche Musik wir hören sollen und welche nicht produziert wird, kann es einen grausen. Es ist überall dasselbe, egal ob Landwirtschaft, Pharma- oder Textilindustrie, ob Automobilbau oder Energiewirtschaft – Größe wird zum Grundwert an sich, laufend steigende Profite zur Pflicht, der Kontakt zu den Wurzeln reißt ab, übrig bleibt ein entfesselter Gigant, dem jede Humanität fehlt und dessen einzige Aufgabe der Selbsterhalt, sein ständiges Wachstum ist.

Immer größere Traktoren und Landmaschinen erleichtern den Bauern angeblich ihre Arbeit, treiben sie aber in Wirklichkeit als Schuldner in die Abhängigkeit der Banken und verdichten den Ackerboden durch ihr tonnenschweres Eigengewicht bis in Tiefen, die keine Pflugschar erreichen kann. Fruchtbares Land wird so zur industriell bewirtschafteten Kulturödnis, Wasser kann nicht versickern, aber der Bauer fährt im klimatisierten Schlepper übers Feld und hinterlässt GPS-gesteuert schnurgerade Furchen. Hybridsaatgut, das nicht zur Wiederaussaat taugt, Tiere, die millionenfach in KZs am Fließband gemästet und dann am Fließband getötet werden, damit dumme apathische Menschen sich fett und krank fressen können, ungebremstes Artensterben und die Ausrottung traditioneller Pflanzen, Monokulturen, die ganze Landstriche durch Abholzung, Wassermangel und Giftrückstände verwüsten – all das ist bekannt und gehört zum ganz normalen Alltagswahnsinn. Worauf ich denn nun hinaus will?

Auf die Gigantomanie und Maßlosigkeit, die zum Markenzeichen unserer Zeit geworden ist, auf die Verleugnung und Verdrängung, die überall in den Köpfen stattfindet, auf den allgegenwärtigen Betrug und die endlosen Täuschungen, die zum festen Bestandteil unseres Lebens geworden sind. Denn auch die Politik ist längst zur Industrie im negativen Sinne geworden, pervertiert durch unstillbare Machtgelüste, Korruption und die wahre Gottheit unserer Zivilisation, das Geld. Obwohl ich hier in Nepal nur wenig Zugang zu internationalen Nachrichten und noch weniger Zeit zur Beschäftigung mit der allgemeinen Weltlage habe, erregten in den vergangenen Wochen einige Dinge meine Aufmerksamkeit und Abscheu. Zuerst der US-Wahlkampf für die Kongress- und Senatswahlen, und zwar nicht nur wegen des für jeden halbwegs aufgeklärten Menschen schockierenden Ergebnisses, sondern vor allem wegen der gigantischen Summen, die dieser Wahlkampf gekostet hat, und wegen der Herkunft dieses Geldes.

Mindestens 4 Milliarden Dollar wurden vorwiegend von den meist reaktionär denkenden Republikanern verpulvert, um dem Volk weiszumachen, dass Barack Obama der fleischgewordene Antichrist und eine gesetzliche Krankenversicherung auch für weniger vermögende Amerikaner der Anfang vom Ende der USA ist, dass Steuern gesenkt werden müssen und der Staat überhaupt weniger Macht haben sollte. Der Markt wird es schon richten, so lautet die uralte Ideologie des Irrsinns. Auch deutsche Unternehmen wie E.on, Bayer und BASF haben fleißig gespendet, damit republikanische Abgeordnete im Fernsehen behaupten konnten, dass der angebliche Klimawandel ein Riesenschwindel ist, nur erfunden, um braven Amis das sauer verdiente Geld aus den Taschen zu ziehen. Und viele Amis haben den Blödsinn offensichtlich geglaubt, sind unter wochenlangem Dauerbeschuss mit Fehlinformationen aus den Kanälen der erzkonservativen Medien umgeschwenkt und haben den Republikanern ihre Stimme gegeben. Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Schlachter selber.

Ich las kürzlich einen indischen Roman, bei dem es um die Arbeit in einem Callcenter ging. In der Story beraten junge Akademiker von Delhi aus amerikanische Konsumenten, die Schwierigkeiten bei der Bedienung von Herd, Waschmaschine und Kühlschrank oder beim Abtauen der Tiefkühltruhe haben. Zentraler Punkt in den Schulungen für neue Mitarbeiter des Callcenters ist die Formel 35=10. Die Durchschnittsintelligenz eines 35-jährigen Amerikaners entspricht der eines zehnjährigen indischen Kindes, wird den Mitarbeitern eingeschärft, daher müssen Kunden am Telefon wie große Kinder behandelt werden. Wenn ich die erstaunlich aufgeweckten Kinder hier in Nepal als Beispiel nehme und mir anschaue, was der Durchschnittsamerikaner glaubt und wählt, wofür und wogegen er protestiert, dann scheint diese Formel erschreckend realistisch.

Sind die Amis dümmer als wir? Wahrscheinlich nicht oder wohl nur unwesentlich. Sind sie schlechter informiert? Ja, mit ziemlicher Sicherheit. Aber wirklich ausschlaggebend ist die Tatsache, dass sie stärker manipuliert werden, dass Politik in den USA längst zum Big Business mutiert ist, zur milliardenschweren Show und Manipulation, genau wie Sport, Musik und der abscheuliche Medienzirkus. Politik ist eine Industrie geworden. Das ist zutiefst pervers und sollte jeden aufgeklärten Menschen alarmieren. Echte Demokratie kann nicht käuflich sein, echte Teilhabe und demokratische Mitbestimmung setzen voraus, dass Menschen verlässlichen Zugang zu Fakten und korrekten Informationen haben, anstatt dass man sie für gesponserte Milliarden im Sinne der Profitinteressen von Industrie und Großkonzernen einer fast schon totalitären Gehirnwäsche unterzieht.

Zurzeit lese ich den Roman The Lizard Cage von Karen Connelly, der im Burma der Neunziger Jahre spielt. Hauptfigur ist ein politischer Häftling, der wegen seiner Beteiligung an den Protesten der Demokratiebewegung zu 20 Jahren Einzelhaft verurteilt wurde. Er hat keine Bomben gelegt oder Steine auf Polizisten geworfen, sein Vergehen war das Singen. Er hat Lieder gegen die korrupte Militärjunta geschrieben und gesungen, und diese Lieder haben den Burmesen Mut gemacht, sich aufzulehnen und ihr Menschenrecht einzufordern. Passenderweise machten letzte Woche Gerüchte die Runde, dass Aung San Suu Kyi nach zwei Jahrzehnten, die sie überwiegend im Hausarrest verbrachte, und nach einer komplett manipulierten Wahl, mit der die Generäle sich notdürftig legitimiert haben, bald frei sein sollte. Und Samstag war die ungebrochen jugendliche 65-Jährige auf allen Kanälen zu sehen, wie sie am Tor ihrer bröckelnden Villa Blumen und Glückwünsche entgegennahm. Bewundernswert ist der Mut all jener Burmesen, die der Friedensnobelpreisträgerin unter den Augen eines brutalen Regimes zujubelten, das immer noch mehr als 2000 politische Häftlinge gefangen hält. Ich möchte das Buch von Karen Connelly jedem empfehlen, der gern Englisch liest. Es ist exzellent geschrieben und lässt seine Leser sowohl die bedrückende Realität von Hunger, Folter und Verzweiflung in den Gefängnissen von Rangun als auch die unerschütterliche Hoffnung auf Besserung der individuellen und politischen Lage hautnah miterleben.

Ein letztes Beispiel: Nach einer erdrückenden Anzahl von Hinweisen hat der nepalesische Premierminister vor Monaten äußerst widerwillig eine Untersuchung in Auftrag gegeben, deren Ergebnisse jetzt in Kathmandu veröffentlicht wurden. Insbesondere in seinem eigenen Heimatdistrikt Rautahat blüht die Korruption. Egal ob Baugewerbe, Landwirtschaft, Gesundheit, Bildung oder Forstwirtschaft, alle Ministerien und Behörden sind so tief in Betrug und Schmiergeldskandale verwickelt, dass es selbst für nepalesische Maßstäbe schockierend ist. Und glaubt mir, die Menschen hier sind einiges gewohnt, denn sonst könnten sie unmöglich ein Leben mit unfähigen Beamten, ungenießbarem Trinkwasser, dem ständigen Verkehrschaos oder mit Stromsperren von bis zu 16 Stunden täglich aushalten.

Wo denn nun der konstruktive Ansatz bleibt? Ich habe keinen. Ob ich daran glaube, dass integre Menschen, dass Aufklärung, Mitbestimmung und demokratische Teilhabe ein wirksames Mittel gegen eine Politik industrieller Machart sein können, die vor allem auf Machtgewinn und Machterhalt ausgerichtet ist? Vielleicht, aber ich habe wenig Hoffnung. Wie in anderen Bereichen des modernen Lebens wird es auch in der Politik kaum möglich sein, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Bauern werden das Korn nicht wieder mit der Sense mähen und von Hand dreschen, Schweine werden nicht mehr durch Eichenwälder streifen und sich fröhlich im Schlamm suhlen, Tomaten kommen eben aus Almeria und werden unter Plastik auf mit Flüssigdünger getränkter Steinwolle produziert. Es wird wahrscheinlich alles so weitergehen, egal ob in den USA, in Burma oder Nepal.

Diktatoren finden Wege, um Völker zu unterdrücken, und Völker finden sich damit ab. Sponsoren finden Wege, um Politiker zu kaufen, und Politiker werden uns auch in Zukunft belügen. Der Unterschied zwischen den Maoisten hier in Kathmandu, der burmesischen Militärjunta, unserer schwarzgelben Regierung in Berlin und den amerikanischen Republikanern ist kleiner als man denkt. Fast immer geht es um egoistische Interessen, um Geld und krude Ideologien. Es geht um Macht um der Macht willen, und nicht, um diese vom Volk verliehene Macht zum Wohle der Menschen zu nutzen. Daran wird sich wohl wenig ändern. Ehe dieses kranke System nicht vollends zusammenbricht, wird kaum eine neue Ordnung entstehen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Ungeschriebene Geschichten

Geschrieben von Johannis am 12. November 2010 um 09:51 Uhr

Zu den interessantesten Erfahrungen, die Ausländer in Nepal machen können, gehören alle Formen der motorisierten Fortbewegung. Ich erinnere mich noch gut an das Jahr 1998 und meine erste Fahrt in einem der winzigen Dreiradtaxis, die auf den irreführenden Namen Tempo hören und heute zum Glück aus der Hauptstadt verschwunden sind. Man stelle sich die Vorderhälfte eines Mopeds vor und hinten drangeschweißt eine dürftig gepolsterte überdachte Gartenbank auf Schubkarrenrädern. Im Grunde eine knatternde und irrwitzig schwankende Miniaturhollywoodschaukel auf drei Rädern und mit Zweitaktmotor, deren Winzräder so tief in jedes Schlagloch eintauchen, als wollten sie direkt bis zum Mittelpunkt der Erdkugel vordringen. Europäer, die nicht gerade kleinwüchsig sind, brechen sich im Dreiradtaxi fast automatisch das Steißbein oder sogar die Lendenwirbelsäule und sollten diese Knatterkisten daher meiden wie ein Nichtschwimmer die Mitte des Ärmelkanals bei Orkan.

Ich bin eigentlich nicht als Weichei oder Zimperliese bekannt, bilde mir sogar etwas auf meine Nervenstärke und Abgebrühtheit ein, aber jede längere Fahrt durch dieses schöne Land am Fuße des Himalayamassivs erweist sich erneut als Herausforderung. Das gilt für Reisen in Bussen des öffentlichen Verkehrsnetzes ebenso wie für Fahrten mit Mietwagen aller Art. Weil ich den dummerhaftigen Ehrgeiz habe, die knappen Spendengelder des Vereins HOPE e.V. möglichst effektiv einzusetzen, war ich in den vergangenen 12 Jahren viel mit Überlandbussen durch Nepal unterwegs. Abgesehen von unzähligen Beinahekollisionen, etlichen Reifenpannen, vereinzelten Motorproblemen und einigen Zwangstopps wegen leerer Dieseltanks, haben sich vor allem die unappetitlichen Geschichten in mein Gedächtnis gegraben.

Zum Beispiel die elend lange Rückreise von Pokhara an Holi, einem hinduistischen Festival, bei dem Einheimische sich gegenseitig mit Wasserbomben, Farbpulver und dergleichen beschmeißen. Um Touristen ein authentisches Kulturerlebnis zu ermöglichen, werden sie an Holi voll miteinbezogen und gelten als legitimes Ziel für die lustigen Wurfattacken. Mein Sitznachbar im Bus war neben dem halboffenen Fenster eingeschlafen und wurde, als wir mal wieder durch ein kleines Kaff fuhren, von einem Wurfgeschoss der besonderen Art erwischt. Frische Kuhkacke, etwa ein Pfund davon, geworfen von der johlenden Dorfjugend. Dem Hindu ist die Kuh und alles was von ihr kommt heilig. Der betroffene Nachbar war jedoch Tibeter, somit Buddhist und durfte sich einige Stunden in buddhistischer Gelassenheit üben. Ja, ich auch, denn er stank ziemlich penetrant.

Busse fahren meist frühmorgens ab und halten unterwegs nur für kurze Pinkelpausen, daher essen viele Nepalesen vorher und auf der Fahrt soviel der Magen fassen kann. Diese Gewohnheit wird durch fliegende Händler, die bei jedem Zwischenstopp Obst, Kekse und allerlei pikante Snacks am offenen Fenster darbieten, noch gefördert. Leider bekommt den Reisenden das Geschaukel und Geschlingere auf den steilen Serpentinen nicht immer, und außerdem wird manchem Hindu trotz des ausgeprägten Vertrauens in seine vielen Götter vor Angst speiübel. Als Variation des alten Mottos „what goes up must come down“ findet daher unterwegs manch unerwartete Begegnungen mit dem Mageninhalt der Mitreisenden statt.

Waakwaak heißt auf Nepali kotzen, phonetisch ein äußerst passendes Wort, und eigentlich zeigt jeder Überlandbus schon nach wenigen Fahrtstunden die typischen Waakwaak-Spuren in Form von bröckelig angetrockneten Rinnsale, die sich unterhalb der Fenster übers Blech ziehen. Wohl dem, der bei akuter Reisekrankheit einen Fensterplatz hat. Wirklich unangenehm wird es allerdings, wenn ein Bus so voll ist, dass die Leute ölsardinenartig im Gang stehen müssen. So erlebte ich vor einigen Jahren, wie eine junge Nepalesin, nachdem sie lange tapfer mit der aufsteigenden Übelkeit gekämpft hatte, in ihrer Not nach oben an die Decke kotzte. Verständlich, schließlich konnte sie schlecht in eine der Sitzreihen neben ihr oder den Leuten im Gang vor ihr in den Nacken speien. Nepalesische Busse sind übrigens oft liebevoll dekoriert und in mühevoller Handarbeit ausgebaut. Der Besitzer des fraglichen Busses hatte einen flauschigen violetten Teppichboden unter die Decke seines Gefährts geklebt, und ich war heilfroh, dass ich drei Reihen hinter jener junge Damen saß, die nun zu ihrer Übelkeit noch brennende Schamgefühle ertragen musste, während es um sie herum kalorienreich von der Decke tropfte.

Aber das sind alte Geschichten. Neulich waren wir mit einem gemieteten Wagen unterwegs ins Tiefland und davon will ich berichten. Mietwagen sind Lotterielose, denn der Wagen kann genauso wie sein Chauffeur eine Vielzahl unangenehmer Überraschungen bereithalten. Durchgesessene Sitze, total blanke Reifen, defekte Scheinwerfer und fehlenden Scheibenwischer sind Alltäglichkeiten, was die Fahrzeuge angeht. Bei den Fahrern kann man auch Pech haben und erwischt entweder jemanden, der wie eine Neunundsiebzigjährige kurz vor der vollständigen Erblindung fährt, oder einen Fahrer mit erhöhtem Testosteronspiegel, der seine Karre wie ein Halbstarker seinen Autoscooter auf dem Rummelplatz durchs Land kutschiert. Beides nervt. Letzte Woche hatten wir daher den Wagen vorab inspiziert und mit Sukhu einen wirklich erstklassigen Fahrer erwischt. Erstklassig heißt, er geht alle nötigen Risiken ein, um uns möglichst schnell von A nach B zu bringen, und vermeidet alle Risiken, die uns direkt in den Himmel oder alternative posthume Aufenthaltsorte bringen könnten.

Sukhus Reflexe waren fast so gut wie meine (seit 23 Jahren unfallfrei), er fuhr zügig, hupte nicht mehr als nötig, ließ sich nicht abdrängen, und wir kamen gut voran. Bis auf den Moment, als er beim Überholen sein klingelndes Handy von der Mittelkonsole angelte und dabei fast einen entgegenkommenden Motorradfahrer ins Paradies beförderte, gab es keinen Grund zu Kritik. Leider verstarb sein krebskranker Vater während wir im Tiefland nahe der indischen Genzen unterwegs waren, deshalb muss er für dreizehn rituelle Trauertage daheim bleiben und steht uns für weitere Trips nicht zur Verfügung. Als Konsequenz nahm ich am Mittwoch mit einem Herrn vorlieb, der besonders im Dunkeln mit den fünf Gängen seines Toyota Corolla, den drei Pedalen und dem Hinundherschalten zwischen Fern- und Abblendlicht spürbar überfordert war. Auch deshalb verbrachten wir zwei der Abendstunden mit knurrenden Mägen vor Kathmandu in einem monströsen Stau und bei einer Luftqualität, die deutsche Behörden zur sofortigen Evakuierung der gesamten Stadt veranlasst hätte.

Trip war mein Stichwort. Ich habe nur selten LSD genommen und das ist Jahrzehnte her. Einmal hatte ich einen Horrortrip, und ich behaupte, dass die meisten Europäer eine Tagesreise quer durch Nepal als ähnlich unerfreulich empfinden würden. Letzte Woche waren wir übrigens kurz vor den Feiertagen zu Tihar, dem Festival des Lichts, unterwegs, was man an den völlig überladenen Bussen erkennen konnte. Überall saßen Leute auf dem Dächern (natürlich verbotenerweise, aber die Polizei drückt gegen etwas Bargeld gern sämtliche Augen zu), wo außerdem bergeweise Gepäck und sogar manche Ziege festgezurrt war. Auch ich bin früher bisweilen auf dem Dach mitgefahren, verzichte darauf heute aber gern. Man hat dort oben frische Luft und mehr Platz als drinnen, muss dafür jedoch ständig auf tief hängende Äste und über der Straße hängende Stromkabel achten und bekommt fast automatisch einen Sonnenbrand. Vor Tihar waren außerdem reichlich Kleinfamilien auf Kleinmotorrädern unterwegs, ein durchaus vertrauter Anblick. Mutter, Vater und zwei Kinder auf zwei Rädern und mit 125 Kubikzentimeter Hubraum on the road sind in Nepal nämlich keine Seltenheit. Die Sitzordnung muss man sich vorstellen wie einen rollenden Cheeseburger, wobei Mutti und Vati die Brötchenhälften und die Kinder Fleisch und Käse sind. Manchmal sitzt ein auch Kind vorn auf dem Tank vorm Vater, aber das sieht man eigentlich nur in der Stadt, nicht auf dem Highway. Im Oktober kollidierten auf dem Prithivi-Highway zwei Erwachsene und drei Kinder frontal mit einem Lastwagen. Sie saßen alle auf einem Motorrad und mit einem Schlag war eine ganze Familie ausgelöscht.

Meistens habe ich unterwegs viel Zeit zum Nachdenken. Wenn wir so eine Zweiradsippe überholen, male ich mir deshalb fast zwangsläufig aus, welche Ängste und Qualen eine Mutter hinten auf dem Soziussitz ausstehen muss, während sie zwei Kinder festhält und ihr Mann das Motorrad auf Schlangenlinien zwischen Bussen, Lastwagen, Traktoren und Autos hindurchlenkt. Habe ich eigentlich schon erwähnt, dass die meisten Nepalesen wie die Wahnsinnigen fahren? Es gibt zwar Verkehrsregeln, aber niemand befolgt sie, stattdessen verhält man sich allgemein so, als stünde auf den Gebrauch des gesunden Menschenverstands die sofortige Todesstrafe. Ich bin immer wieder fasziniert, wie wenig dabei tatsächlich schief geht und wie viele der absolut halsbrecherischen Manöver wider Erwarten glimpflich verlaufen. Allerdings reicht der Platz zum Bremsen und Ausweichen nicht immer, wie einige Bilder zeigen, die ich auf der Rückfahrt machen konnte, während wir auf dem Highway im Stau standen. Dies war übrigens ein relativ harmloser Unfall. Oftmals krachen Busse und Lastwagen mit Vollgas frontal aufeinander oder stürzen vollbesetzt in Schluchten und Flüsse. Davon liest man dann am nächsten Tag in der Kathmandu Post.

Auch wir hatten Glück, denn der Stau löste sich recht schnell auf und die wilde Jagd über den löchrigen Asphalt ging weiter. Noch zweimal sahen wir das Motorrad mit den beiden Kleinkindern, aber zum Fotografieren war es schon zu dunkel. Vor Kathmandu passierten wir eine Menschenmenge am Straßenrand, dabei beleuchteten unsere Scheinwerfer kurz das Heck eines umgestürzten Motorrads. Ich erwischte mich bei dem Gedanken, es möge hoffentlich nicht die rollende Kleinfamilie erwischt haben. Doch wie es diesen unbekannten Nepalesen ergangen ist, weiß ich ebenso wenig zu berichten, wie ich Auskunft über das Schicksal des verletzten Busfahrers und seiner Passagiere geben kann. Nur bei der schwarzen Ziege bin ich mir fast sicher, dass sie die Feiertage nicht überlebt hat, sondern am Tempel der Dakschin Kali rituell verblutet und anschließend im Curry gelandet ist. So ergeht es in Nepal nämlich vielen schwarzen Ziegen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Nix bleibt wie es is

Geschrieben von Johannis am 8. November 2010 um 09:52 Uhr

Ich bin ein konservativer Mensch. Nein, ehrlich, auch wenn ich ständig auf Menschen wie Guido, Angie und Horst rumhacke, weil sie nachweislich nicht zur Führung unseres Staatswesens geeignet sind, bin ich konservativ. Ich mag keine Veränderungen – am liebsten soll alles so bleiben, wie es war. Also fast alles. Besonders die guten Dinge, aber meinetwegen auch die schlechten, sofern ich mich bereits an sie gewöhnt habe.

Nun bin ich seit ein paar Tagen wieder in Nepal und was soll ich euch sagen – nichts ist wie es war. Also fast nichts. Beginnen möchte ich die Nörgellitanei bei meinem gewohnten Zimmer 316 im Potala Guesthouse. Seit einer gefühlten Ewigkeit wohne ich in Kathmandu stets in diesem einfachen Mittelklassehotel unter tibetischer Führung, immer im Zimmer 316, kenne alle fünf Rezeptionisten, den Fahrer, manche Houseboys und sogar den Manager beim Vornamen. Ich habe mich an die Zimmerfrauen (es sind wirklich keine Mädchen mehr) und ihr morgendliches Dienstabstimmungsgebrüll (quer durchs Treppenhaus und über alle vier Stockwerke hinweg) gewöhnt, und mich auch mit der mintgrünen Wandfarbe meines Teilzeitdomizils und dem schmerzhaften Kontrast zum Altrosa der Fliesen im Bad abgefunden. Auch der seit Jahren tropfende Spülkasten über dem Klo kann mich nicht mehr aus der Ruhe bringen, man gewöhnt sich an allem, auch am Dativ.

Nach meiner Ankunft erzählte mir der Hotelchauffeur Madav bereits während wir im ersten Monsterstau saßen (Neu: Schon auf dem Flughafengelände kollabierte der Verkehr, die ersten vierhundert Meter bis zur Ringroad kosteten uns eine Viertelstunde) von Renovierungsarbeiten und zahllosen Verbesserungen im Hotel, erwähnte gigantische Summen, die das Besitzerpaar investiert hat, und aufrichtiger Stolz leuchtete in seinen Augen. Für mich hieß das übersetzt: Mein Sonderpreis ist hinfällig und unangenehme Veränderungen erwarten mich. So war es. Die Farbgebung des Zimmers ist geblieben, der Wasserkasten tropft zuverlässig, auch das Sperrholz unter meiner Matratze verrutscht und klappert immer noch, aber das Mobiliar hat sich gewandelt. Dem kleinen Tischchen, sonst Mittelpunkt meines Minibüros, wurden vom Schreiner die Beine gekürzt und es bekam unter der Tischplatte eine Schublade eingefügt, mit dem Erfolg, dass nun zwischen Schemeloberkante und Schubladenunterkante gerade noch Platz für zwei Daumen ist. Das reicht aber selbst für meine, bedingt durch konsequenten Sportverzicht und schlechte Erbanlagen spindeldürren Beine nicht. Nach großer Ratlosigkeit und endlosem Palaver mit den Hausdienern gelang es schließlich, der Pächterin des Hotelrestaurants einen Tisch abzuschwatzen, leihweise für zwei Wochen. Der Tisch ist allerdings so hoch, dass ich nun kaum an die Tasten meines Laptops komme und mir deshalb sämtliche Sesselkissen unter den Hintern klemmen muss.

Die Glotze, zuvor auf einem windschiefen Wandhalter in Schulterhöhe montiert, wanderte renovierungsbedingt auf eine neu zugezogene Winzlingskommode, deren Tür hartnäckig klemmt. Etwa wie mein Nacken, wenn ich von Bett aus die Nachrichten von BBC World sehen will und dabei angestrengt auf die tiefstehende Bildröhre schielen muss. Deshalb weiß ich bis heute nicht, wie die Wahlen zu Kongress und Senat in den USA ausgegangen sind. (Über sachdienliche Hinweise in Kommentarform freue ich mich. Bitte keine Links!) Noch während ich mein Zeug auspackte, rief Rinzin von der Rezeption an und vermeldete mit hörbar stolzgeschwellter Brust, dass es im Potala Guesthouse nun WLAN gibt, kostenlos und jeden Tag 24 Stunden lang. Das stimmt im Prinzip, solange man nicht im vierten Stock oder einem Zimmer auf der Straßenseite des Gebäudes wohnt. Zimmer 316 geht zum Garten raus, aber das wundervolle WLAN spielt trotzdem nur mit, wenn ich den Laptop direkt vors Fenster halte. Und auch dann ist der Datendurchsatz oftmals deutlich langsamer als zu jenen Zeiten, als unsereins noch mit dem Modem über eine ordinäre Telefonleitung surfte. Um diesen Text online stellen zu können, habe ich mich schließlich entnervt in den Garten gesetzt. Dort durfte ich dem kleinen boshaften Nachbarsköter zuhören, der seit Jahren zuverlässig auf seinem Balkon Wache schiebt, stundenlang die Gegend vollkläfft und leider noch nicht an Alterschwäche eingegangen ist.

Ja, der Übernachtungspreis ist wieder gestiegen, diesmal um knapp 50 Prozent, aber das ist völlig im Rahmen der sonstigen Preissteigerungen hier in Nepal. Eine Flasche Bier der Marke Everest kostet nun im Supermarkt fast zwei Euro – ich kann mich noch gut an die Zeiten erinnern, als für den Gerstensaft rund eine Mark fällig war. Trotzdem ist Nepal ein billiges Reiseland und weiterhin sehr beliebt bei Touristen, allein im Oktober kamen 62.000 Fremde hierher. Für kommendes Jahr plant die Regierung eine Marketingkampagne, die eine Million Urlauber herlocken soll. Bis dahin bleibt also noch etwas Zeit, um im Tribhuvan International Airport ein paar Kleinigkeiten in Ordnung zu bringen. Zum Beispiel gibt es auf den Toiletten selten Wasser oder Klopapier, Koffertrolleys stehen zu hunderten draußen auf dem Parkplatz herum, aber fast nie im Terminal, und auch der Metalldetektor für Passagiere und Handgepäck (steht sinnigerweise im Ankunftsbereich) ist seit Jahren defekt. In Frankfurt und Bangkok musste ich Gürtel, Uhr und den üblichen Krempel ablegen, sogar meine Schuhe wurden separat geröntgt, aber hier in Kathmandu könnte ich schwerbewaffnet eintrudeln und niemand würde es bemerken. Wie gewohnt stapfte ich also nach den Einreiseformalitäten (Ja, auch die Visagebühren sind wieder kräftig gestiegen) samt Handgepäck und Laptop durch den eingestaubten Detektorrahmen, der selbstverständlich keinen Pieps von sich gab. Warum dennoch zwei Angestellte des Flughafens daneben sitzen, eine ebenfalls eingestaubte Gepäckdurchleuchtungsmaschine bewachen und gelangweilt aus der Wäsche kucken? Weil sie sonst kein Gehalt bekommen, ist doch klar.

Prinzipiell hat sich in Nepal nicht viel geändert. Die von Maoisten dominierte Regierung glänzt durch Untätig- und Unfähigkeit, Korruption hat landesweit erheblich zugenommen und eine demokratische Verfassung gibt es auch viereinhalb Jahre nach dem Ende der Monarchie nicht. Das finde ich besonders betrüblich, denn schließlich hab ich im Mai 2006 selbst für die Demokratie demonstriert (Bilder findet ihr hier) und mich hier deswegen zum zweiten Mal in meinem Leben verhaften lassen. (Wann das erste Mal war? 1977 auf Ibiza, in Handschellen gelegt durch die Guardia Civil, weil ich bezecht mit Freunden im feuchten Sand pennen wollte und wir uns dafür bei einem Strandcafé ein paar Sitzkissen ausgeliehen hatten.) Bezeichnend für die politische Lage in Nepal ist die Tatsache, dass kürzlich der fünfzehnte Versuch scheiterte, einen neuen Ministerpräsidenten zu wählen. Der alte ist vor Monaten zurückgetreten und für den neuen Kandidaten findet sich keine Mehrheit. Also wird so oft abgestimmt bis ein Wunder geschieht. Ke garne?

Ke garne heißt auf Nepali soviel wie „was tun?“ Es ist ein immens wichtiger Satz und umfasst eine ganze Attitüde, fast eine Lebensphilosophie. Was soll man denn tun, wenn täglich der Strom abgeschaltet wird, wenn kein Wasser aus der Leitung kommt und man Moped oder Auto nicht volltanken kann, weil es an Sprit mangelt? Was tun, wenn die Regierung untätig und korrupt ist, wenn sich nichts ändert und manches ständig schlimmer wird? Man zuckt die Achseln, sagt ke garne und macht weiter wie bisher. Und somit kriege ich vielleicht gerade noch die Kurve zum Positiven. Denn obwohl sich vieles in den zwölf Jahren, seit ich 1998 erstmals nach Nepal kam, verschlechtert hat, ist eines unverändert geblieben: Die freundliche Heiterkeit der Nepalesen, ihr unbekümmerter Humor und die Herzlichkeit.

Ich kann längst unterscheiden zwischen den geschäftstüchtigen Liebenswürdigkeitsattacken der Straßenverkäufer und Ladenbesitzer, mit der sie Touristen das locker sitzende Geld abluchsen, und der echten Warmherzigkeit vieler Menschen in diesem Land. Nepalesen sind meist offen und zugänglich, fast immer hilfsbereit und von einer unverstellten Freundlichkeit, die mich auch bei der sechzehnten Reise durch dieses geschundene und oftmals erschreckend arme Land verblüfft. Sie regen sich kaum auf, lachen viel und gern und haben eine Engelsgeduld. Manchmal wünschte ich ihnen etwas mehr typisch deutschen Ordnungssinn und Tatkraft, aber das Leben in Deutschland wäre garantiert angenehmer, wenn auch wir manchmal ke garne sagen und öfter lächeln würden.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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