Angekommen
Geschrieben von Johannis am 25. November 2010 um 22:29 Uhr
Für einige Wochen wird mein Blog tatsächlich ein Webtagebuch sein und nicht länger als Sammlung politisch unkorrekter Schnoddrigkeiten und gelegentlicher Schmunzelschmonzetten um Leser buhlen. Das Schreiben der aktuellen Beiträge findet dabei in größtmöglicher geographischer Distanz zur Heimat statt, wie aufmerksame Leser mit gutem Gedächtnis bereits wissen, denn ich halte mich bis Mitte Januar in Neuseeland auf. Während diese Zeilen in die Tasten gehackt werden, sitze ich am frühen Dienstagabend auf dem Beifahrersitz meines Toyota Camry, das ist ein nicht mehr ganz taufrischer, aber gigantisch großer, grüner Monsterkombi mit V6-Zylindermotor und allem erdenklichen Technikschickschnack, in dem ich neuerdings durchs Land reise und auch übernachte. Vor mir versinkt die Lagune des Kaipara Harbour in der Dämmerung, hinter mir ragt steil ein mit Dschungelgrünzeug und hohen Bäumen bewachsenes Kliff auf, wo mitteilsame und langbeinige Reiher nisten, und in mir verarbeiten nicht nur die Verdauungsorgane eine Portion Fish’n’Chips, sondern es müssen auch andere Dinge verdaut werden. Geistiges und viele Eindrücke.
Heute war ein guter Tag und ich habe offenbar eine mitteldicke Glückssträhne, seit ich im Land der langen weißen Wolke angekommen bin. Gut, ein paar kleine Abstriche muss man machen, zum Beispiel funktioniert die Stromversorgung für den Laptop, der sich gestern noch problemlos vom Zigarettenanzünder speisen ließ, jetzt plötzlich nicht mehr. Aber ich will eh zeitig schlafen, denn im Auto wird man früh wach, besonders in einem ohne Vorhänge. Ich stehe hier auf einem abgelegenen Parkplatz, der sogar eine Toilette samt spartanischer Waschgelegenheit vorweisen kann. Gut, eigentlich gehört das alles zu einem ultraspartanischen Campingplatz, dessen Duschen nicht funktionieren. Weil man Stellplätze im benachbarten Fish’n’Chips-Shop buchen muss und der Wirt meinte, ich könnte doch genauso gut auf dem Parkplatz bleiben und mir die Dollars sparen, hab ich seinen Vorschlag freudig aufgegriffen. Auf dem angrenzenden Campingplatz stehen übrigens insgesamt drei Wohnmobile und kein einziges Zelt, aber das ist mir gerade recht, denn ich hab zurzeit ein extrem hohes Ruhebedürfnis.
Die letzte Nacht habe ich sogar mitten in der Pampa verbracht, auf einer Hügelkette am Rande der privaten Schotterstraße, die quer durch eine 2000 Hektar große Schaffarm zum Meer führt. Von dort konnte ich nicht ein einziges Haus, aber kilometerweit bis hierher zu dieser Lagune sehen, die nachts im Licht des Vollmondes silbrig glänzte. Der kalte Südwestwind rüttelte am meinem Schlafwagen, hinterm Zaun betrachteten Schafe mit fragendem Blick den merkwürdigen Fremden, und ich war froh. Froh, dass ich endlich aus Auckland raus bin, froh über mein Auto, das ich nach seiner Vorbesitzern auf dem Namen Lucy getauft habe, froh über Einsamkeit und das volle Programm natürlicher Sinneseindrücke. Letzte Sonnenstrahlen und böiger Wind, Lerchenzwitschern, Schafblöken und der melodisch-melancholische Gesang der schwarzweißen neuseeländischen Elstern, der satte, süßliche Duft von Weiden und Wildblumen, kurze Regenschauer und dann die Kälte der Nacht, Gras unter meinen Füßen und ein voller Mond, der kurz nach Sonnenuntergang gelblichweiß über den Hügeln aufstieg und mir sein Licht spendete. Ich war froh über meine Matratze samt Kissen und Laken, alles gestern bei The Warehouse erstanden, froh über meinen alten deutschen Schlafsack, der mich trotz der empfindlich kühlen Nacht halbwegs warm hielt, und froh über die halbvolle Flasche nepalesischen Brandy. Richtig zufrieden also.
Die vier Tage in Auckland waren anstrengend. Erstens hatte ich mir am Abend vor meiner Abreise aus Nepal eine mittelschwere Lebensmittelvergiftung eingefangen (beim Abschiedsessen mit Kollegen in einem Restaurant der gehobenen Klasse – ich weiß genau, warum ich am liebsten in belebten Garküchen und einfachen Lokalen esse), die mir auf dem langen Flug via Bangkok und auch noch einige Tage danach ziemlich zu schaffen machte. Zweitens war ich in einem zwar sauberen, aber unangenehm lauten Hostel in Newtown gelandet, umgeben von einer Mischung aus Chinatown, Partymeile und Rotlicht-Viertel mit der wahrscheinlich höchsten Anzahl von Sushi-Restaurants pro Quadratkilometer, die man südlich des Äquators finden kann. Mein Zimmer im BK Hostel, einem Gebäude aus dem Jahr 1910, hatte zwar wie versprochen ein Fenster, war aber nur 9 Quadratmeter groß und mithilfe von hauchdünnen Rigipswänden von etlichen ebenso winzigen Schlafzellen abgetrennt, weshalb ich zumindest akustisch sehr intensiv am Leben meiner direkten Nachbarn teilhaben durfte. Das Fenster ging übrigens auf einen Hof mit mehreren Kneipen raus, wo nachts bis mindestens um 3 Uhr Livemusik dröhnte und außerdem ständig einige übergroße Ventilatoren brummten und mir Küchendunst entgegenschaufelten. Ich hatte zwar vorher per Mail angefragt und ein ruhiges Zimmer zugesagt bekommen, aber unter Ruhe versteht offenbar jeder etwas anderes. Kurz gesagt: Das preiswerte BK Hostel an der Karangahape Road ist für erholungsbedürftige Reisende der Altersgruppe Ü-40 nur bedingt empfehlenswert.
Während meiner Tage dort in Newtown waren mir nicht nur die erstaunlich fetten Maori-Nutten, reichlich bettelnde AlkoholikerInnen im Rentenalter, die allgegenwärtige Schwulenbars und immens viele asiatische Gesichter fremd, auch die Preise machten mich ganz schwindelig. Ich kann niemandem empfehlen, von Nepal aus nach Neuseeland zu reisen, sofern er oder sie nicht eine dicke Erbschaft oder einen Lottogewinn gemacht hat, der Schock ist zu groß! Besonders jetzt, wo der Euro mal wieder schwächelt. Im Vergleich zu Nepal kostet fast alles mindestens das Zehnfache und auch deutlich mehr als in Deutschland (Beispiele: Ein Paket schwammweicher Körnertoast für zwei Euro, einen Euro für 300 Gramm Salz oder 2,50 Euro für 500 g Würfelzucker im Supermarkt), und ausgerechnet Butter und Milch kosten im Land der fetten Weiden und des weltweit saftigsten Grases mehr als doppelt so viel wie bei uns zuhause. Für einen Döner hätte ich 10 Dollar berappen sollen, das sind etwa sechs Euro, wäre aber wegen der Nachwirkungen meiner Lebensmittelvergiftung sowieso keine gute Idee gewesen.
Also habe ich mich zeitweilig von Toast und Bananen ernährt (dem Innenleben zuliebe) und meine Pläne über den Haufen geworfen. Obwohl – eigentlich hatte ich gar keine Pläne, wollte mich einfach treiben lassen, aber eben kein Auto kaufen, sondern trampen, mit dem Bus fahren und so fort. Gecancelt, auch der Übernachtungspreise wegen. Kaum hatte ich mir also für teures Geld mobilen Internetzugang erkauft, suchte ich auch schon auf Trade-Me, dem Ebay für Kiwis, nach halbwegs erschwinglichen Kombis und verschickte Mails mit Anfragen und meiner neuen Telefonnummer. Samstagfrüh kam der erste Rückruf und drei Stunden später saß ich in einem Ford Falcon Stationwagon. Der war aber übelst versifft und runtergekommen, weshalb ich heilfroh war, als noch während der Probefahrt Lucy Meek anrief, von der ich dann nachmittags meinen jetzigen Schlafwagen kaufte. Steve, der Besitzer des Ford Falcon (mehrfach gebrochene Nase, Knasttätowierungen, Kettenraucher, er kam mit Hund und seiner Gattin vom Typ alternde Rockerbraut), war zwar offenkundig enttäuscht, aber ich kann nicht alle Neuseeländer zugleich glücklich machen. Und ich hab ihm 10 $ Spritgeld gegeben, weil er zum BK Hostel kam.
Die nächsten beiden Tage vergingen mit ein paar kleineren Reparaturen, diversen Einkäufen (Campingkocher, Töpfe, Pfanne, Geschirr, Vorräte, Matratze, Bettzeug, Spannungswandler für den Laptop, etc. – zum Glück haben die großen Läden hier auch sonntags auf und außerdem fand ich Teile meiner Ausrüstung auf dem Flohmarkt in Avondale), einer großen Auto-Putzaktion, um das Innere meines Schlafwagens auch für gehobene Ansprüche bewohnbar zu machen, und mit viel Hektik. In Neuseeland kann man aber Autos zum Glück auf jedem Postamt ummelden, und nachdem dies montags erledigt war, verschwand ich aus Auckland, ohne dem BK Hostel eine einzige Träne nachzuweinen. (Ja, es ist sauber dort und jeder Backpacker findet alles Notwendige, aber es gibt nur wenige Dinge, die ich mehr hasse als Lärm!) Unterwegs musste ich zwar noch bei Toyota und dann auf einem Schrottplatz stoppen, aber davon berichte ich euch vielleicht ein anderes Mal. Ich fuhr einfach der Sonne entgegen nach Norden (ja, kein Scherz oder Irrtum, nach Norden), wollte bloß raus aus der City und endlich grünes Land und hoffentlich bald das Meer sehen. Und das ist mir gelungen. Halleluja!
Jetzt heißt es schauen, ob ich hier südlich von Helensville drahtlos ins Internet komme, und dann möchte ich den Beitrag mit ein paar allerersten Fotos online stellen, bevor bei euch der Donnerstagmorgen anbricht. Ich campiere übrigens seit Mittwoch wild und direkt an der Westküste zwischen Pinien und hohen Dünen an einem kilometerlangen, absolut einsamen Strand, wo ich nun nach etwas Kabeltrickserei diesen Text mit Saft aus der Autobatterie beenden kann. Der Strand ist für Fahrzeuge mit Allradantrieb freigegeben, die zulässige Höchstgeschwindigkeit beträgt 60 km/h. Auch sonst gibt es viel zu berichten und reichlich Stoff für Geschichten, aber das Leben in der Pampa mit den eingeschränkten Möglichkeiten, die Lucy bietet, verläuft doch sehr anders als daheim, wo der Computer oft im Mittelpunkt steht. Gekocht wird im Kofferraum, geduscht habe ich zuletzt am Montagmorgen, meine Wasservorräte betragen maximal 10 Liter, und wegen der beengten Verhältnisse muss ständig etwas hin und hergeschleppt und umgepackt werden. Aber ich schlafe wie ein Baby in meinem Kombi, liebe den Duft der Pinienwälder und das stete Rauschen der Brandung (direkt am Strand ist es eigentlich eher ein donnerndes Tosen, das der Wind weit ins Landesinnere trägt), und bin zufrieden. Sehr zufrieden! So weit, so gut – bisher verläuft mein zweiter Aufenthalt in Neuseeland viel angenehmer als erwartet. Bis demnächst, ich halte euch auf dem Laufenden.
PS: Nein, kein Mobilfunknetz hier am Ende der Rimmer Road. Es wird also Freitag. Bis ihr dies lesen könnt.
PPS: Etwa zwei Stunden nach den letzten Zeilen tauchte ein Wagen der Forstverwaltung auf, und man bat mich höflich und sehr nachdrücklich, den Wald sofort zu verlassen. Er würde jetzt abgeschlossen. Nein, kein Witz, es gibt zehn Kilometer von hier einen Schlagbaum, denn der Wald ist Privatbesitz. Am Strand, zu dem jeder Zugang hat, patrouilliert sogar ein Rescue Service (die Kiwis haben es sehr mit der Sicherheit, weshalb sie jetzt beim Minenunglück auf der Südinsel auch solange mit dem Aussenden der Rettungstrupps gewartet haben, bis vorgestern eine zweite Explosion die Schächte vollends zerstört hat. 29 Tote.), aber hier auf dem Parkplatz darf ich auch nach einigem Gebettel nicht bleiben. Blöd, denn ich hatte mir grad ein paar Sandwiches gemacht und ein Glas Rotwein eingeschenkt. Also hieß es Packen und Verschwinden. Zum Glück fand ich aber nicht weit entfernt die Cherry Blossom Road (No Exit), wo ich meine Lucy zwischen blühenden Bäumen und ein paar Kühen parken, mein verspätetes Nachtmahl einnehmen und ungestört eine ruhige Nacht verbringen konnte.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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