Der männliche Hang zur Wehleidigkeit wird nur von der Faszination für die weibliche Brust übertroffen. Selbst zahnlose Mümmelgreise, die bereits vor acht Jahrzehnten abgestillt wurden, schielen auf jede halbwegs nennenswerte Rundung und gekommen Herzklopfen beim Anblick einer unverhüllten Brust. Leider bin auch ich mammafixiert, habe aber zum Glück die gute Ausrede, dass ich erwiesenermaßen nicht gestillt wurde und daher einen tief verwurzelten Nachholbedarf habe.
Tatsächlich hat die Mammafixierung nix mit Dummgeilheit, Distanzlosigkeit oder schlechten Manieren zu tun, sondern ist in uns angelegt. Die weibliche Brust, lateinisch Mamma, erinnert uns Männer in ihrer unbehaart runden Form an jene Zeiten, als der Mensch sich noch auf allen Vieren bewegte und dem Partner bei der Paarung niemals in die Augen schaute. Nach Einführung des aufrechten Gangs und der Missionarsstellung ersetzte der Anblick eines nackten Busens jenen Schlüsselreiz, der über Jahrmillionen vom spärlich behaarten Hinterteil eines Weibchens ausging. Eine Einladung. Sehen wir armen, wehrlosen Männer Brüste, Titten, Möpse, mehr oder weniger stramme Dinger, dann kommt aus unserem limbischen System, auch Repitilienhirn genannt, folgender Befehl: Ran! Beziehungsweise Rauf!
Wir sind Opfer unserer Gene, gezwungen sie zu verbreiten, und erst seit einigen Jahrtausenden durch einen abstrusen Kodex unverständlicher Sitten und Gebräuche gezwungen, unsere Triebe zu zügeln oder gar zu sublimieren. Statt jedes erreichbare Weibchen wortlos bei den Haaren in unsere Höhle zu zerren, sie dort ohne viel Federlesens und langes Palaver nach Altväterart zu begatten und somit unseren Genpool zu vergrößern, scheitern wir an einfachsten Kommunikationshürden, verheddern uns im Beziehungsdickicht und ziehen dabei fast immer die Arschkarte.
Kein Wunder also, dass Männer viel Zeit am Computer verbringen und dabei versehentlich auch auf Webseiten gelangen, die Abbildungen von unverhüllten weiblichen Brüsten zeigen. Manchmal sogar noch erheblich mehr, aber das würde den eh schon bedrohlichen knirschenden Rahmen dieses Textes sprengen. Es geht mir eigentlich um ein ganz anderes Thema, ich krieg bloß mal wieder nicht die Kurve. Aber immerhin bis zum Computer hab ich’s schon geschafft. Deshalb werden ich jetzt mein Repitilienhirn entschlossen zurechtweisen und diszipliniert nach dem verlorenen Faden suchen.
Wie sich mancher wohl vorstellen kann, sitze ich ziemlich viel vorm Computer, insbesondere seit man für die meisten Schreibmaschinen kaum noch Farbbänder findet. Das Sitzen geht morgens los und endet oft spät abends. Ich schreibe, rechne, maile, twittere, prokrastiniere zwischendurch nach Herzenslust, recherchiere ein bisschen, fummele an den drei Webseiten rum, zu denen ich die Zugangsdaten und nötigen Rechte habe, kuck Nachrichten und schwupps ist wieder ein Tag meines Lebens vergangen. Meist bin ich damit halbwegs zufrieden, manchmal, wenn ich einen recht ordentlichen Text verfasst oder sonst eine intellektuelle Großtat vollbracht habe, sogar annähernd glücklich. Was man halt so Glück nennt.
Und dann gibt es die anderen Tage. Neulich war wieder so einer. Ich hackte recht fröhlich einen Text in die Tasten meines Desktops und hatte nebenbei den Laptop angeschmissen, weil dort neue Software installiert und mal eben ein paar Kleinigkeiten geregelt werden mussten. Betonung auf nebenbei und mal eben. Ich sollte vielleicht noch erwähnen, dass ich den Laptop in wenigen Tagen für eine längere Reise ins Ausland schleppen will, und dann von ihm abhängig sein werde wie ein Säugling von der Mutterbrust. (Aha, es deutet sich eine Verbindung zum Anfangsthema an. Tja, Leute, schreiben ist wie Improvisieren in einer Jazzcombo – man hat zwar eine vage Idee und einigt sich auf eine Tonart, aber wie das Stück sich letztlich entwickelt, weiß vorher niemand.) Alles schien nach Plan zu verlaufen, bis plötzlich irritierende Fehlermeldungen auftauchten.
Ich unterbrach, wenn auch ungern, das Schreiben und kümmerte mich um mein tragbares Schätzchen. Jedoch die lästigen Symptome blieben und deuteten auf eine schwere interne Datenunverträglichkeit hin. Nachdem sich das Problem mit der Systemwiederherstellung nicht bereinigen ließ, holte ich den Hammer raus. (Nein, keine Anspielung auf das Anfangsthema.) Ich spielte mit einer geeigneten und mir durchaus vertrauten Software ein Backup ein, mit dem ich zwei Wochen zuvor mein System gesichert hatte. Und dann kam der Zeitpunkt, wo die Scheiße in den Ventilator flog. (When the shit hits the fan, sagt der Engländer so anschaulich. Neulich sah ich Harald Schmidt, der sich im Bezug auf den Literaturnobelpreisträger mit Regenschirm vor ein gigantisches Industriegebläse stellte und sich von Olli Kahn mit Schokopudding beschmaddern ließ. Aus 10 Meter Entfernung. Weil Mario Vargas Llosa mal gesagt hat, das Leben sei ein Sturm aus Scheiße und die Kunst der einzige Regenschirm, den wir haben. Da ist was dran. Die Puddingaktion fand ich trotzdem Kacke und hatte Mitleid mit den Leuten, die hinterher das total versaute Studio putzen mussten.)
Um es kürzer zu machen und in die Nähe des viel zitierten Punktes zu kommen: Der Tag war im Arsch. Das nagelneue Backup war nämlich irreparabel defekt, deshalb ein Teil der Festplatte bereits gelöscht, und ich musste irgendwann zähneknirschend ein Uraltbackup aufspielen, das meinen Laptop auf den Stand von März 2009 zurücksetzte. Die gute Nachricht: Ich musste nur einen Teil meiner Programme nachinstallieren. Die schlechte: Meine Mails seit März 2009 waren weg und tausend andere Einstellungen, Updates und anderes Pipapo ebenso. Netto hat es zwei Tage gekostet, bis der kleine Kasten wieder fit war. Und damit setze ich nach ausschweifendem Geschwurbel zur Punktlandung an, denn Computerprobleme machen mich krank. (Ja, es geht viel ums Kranksein diese Woche. Manche Jazzcombo improvisiert auch eine halbe Stunde lang über dasselbe Thema.)
Diese endlosen Stunden, verbracht vor einem Bildschirm, über den Fortschrittsbalken kriechen und wo ständig Aufforderungen zum Neustart erscheinen, sind schlimmer als eine fette Grippe. Grippe kommt langsam, kündigt sich wenigstens an, Computerkacke kommt immer von jetzt auf gleich. Fast wie eine Nierenkolik. Bei Grippe legt man sich ins Bett, lässt sich bedauern oder jammert allein vor sich hin, wird aber irgendwann von selbst gesund. Computerkacke muss man in unzähligen Fruststunden wegmachen, die verschwindet nicht einfach. Kranksein ist doof, aber ein kranker Computer macht mich stinkwütend. Besonders, wenn ich auf das Mistding angewiesen bin. Hilflose Ohnmacht, gelbglühende Wut und natürlich ein gerüttelt Maß an Selbstmitleid – das sind die vorherrschenden Empfindungen. Ich erinnerte mich sogar an jenen Tag im Jahre 1989, als ich mit einer Freundin und ihrer Tochter sonntags beim Notarzt war. Die Lütte, noch im Krabbelalter, hatte Mittelohrentzündung und derart fiese Schmerzen, dass mir und ihrer Mutter während der Untersuchung Tränen in den Augen standen. Vor Hilflosigkeit und Mitleid.
Als die Computerkacke ins Gebläse flog, stand mir eher Schaum vorm Maul. Viel Hilflosigkeit und Wut, kein Mitgefühl – mit wem auch. Gleichzeitig wurde mit schmerzhaft bewusst, wie sehr ich schon mit dem Computer verwachsen bin, wie heftig ich leide, wenn er krank ist. Aus Eigennutz natürlich. Ich bin von diesen Kisten abhängig wie ein Säugling von der Mutterbrust. Die Frage, wo ich in Neuseeland einen mobilen Internetzugang herkriege, hat mich mehr beschäftigt als die Zimmersuche für die ersten Tage nach meiner Ankunft in Auckland. Ist aber alles geritzt, wohnen werde ich im BK Hostel in der Mercury Lane und das SIM-Lock von meinem O2-Surfstick hab ich auch geknackt. Eine bezahlbare SIM-Karte finde ich an jeder dritten Ecke, leichter als ein Farbband für meine alte Reiseschreibmaschine. Denkt ihr auch manchmal darüber nach, was wir machen, wie wir eigentlich überleben können, wenn es einen tragischen Tages kein Internet mehr geben sollte? Gruselige Vorstellung.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«