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Archiv für September, 2010

Zwangscoaching

Geschrieben von Johannis am 29. September 2010 um 08:56 Uhr

Ratschläge sind auch Schläge – diesen Satz hat wohl jeder schon gehört. Sicher, es ist was dran, aber sind Schläge denn immer schlecht? Nein, ich beziehe mich jetzt nicht auf jene Minderheit, die aus Schlägen und Verwandtem sexuellen Lustgewinn bezieht. Es geht heute um ganz normale Leute. Und um erträgliche, sinnvolle oder sogar lebensrettende Schläge. Ja, die gibt es. Sogar mehr als ihr denkt.

Nehmen wir erstmal den typisch männlichen Schulterklopfer im Sport, welcher bei Siegtoren in der Champions-League, stark erhöhtem Testosteronspiegel oder verdrängten homoerotischen Tendenzen schon mal recht heftig ausfallen kann. Er wird zwar mittlerweile zunehmend durch das Bespringen des Torschützen (gern im Rudel und mit Anlauf) oder in weniger dramatischen Fällen durch das amerikanische High 5 (nicht verwandt mit dem deutschen Hohes C) ersetzt, aber auch beim High Five schlägt man immerhin die Hände gegeneinander.

Dann möchte ich an jene schallenden Ohrfeigen erinnern, die man hyperventilierenden oder komplett hysterischen Personen versetzt, um sie durch einen intensiven Außenreiz wieder in die Realität zurückzuholen. Außerdem die wuchtigen Schläge auf den Rücken, die notwendig sind, damit ein Erstickender jenen hastig verschlungenen Fleischbrocken abhustet, der plötzlich seine Luftröhre blockiert. Ihr seht also, Schläge können durchaus ihr Gutes haben. Und ihr seid jetzt entweder enttäuscht oder erleichtert, weil ich meine Meinung über den Einsatz von Schlägen in der Kindererziehung offenbar für mich behalten will. Außerdem fragt ihr euch vielleicht mal wieder, was dieser Text eigentlich mit seiner seltsamen Überschrift zu tun hat.

Gute Frage. Leute, die mich kennen oder meine selbstverfasste Biografie gelesen haben, wissen, dass ich keine angeschlossene Berufsausbildung habe. Dafür aber mehrere abgebrochene. Darunter je eine Lehre in der Landwirtschaft und im Reisebüro, ein Studium der Sozialwissenschaften, eine Ausbildung am Theater und eine als Coach. Die Coachingausbildung war a) der teuerste Reinfall, weil mit vielen Tausendern bezahlt, und b) das einzige Mal, dass man mich rausgeschmissen hat. Normalerweise schmeiße ich nämlich die Brocken eigenhändig hin. Meist, weil es mir zu langweilig wird. Anders bei der CoachingAcademie Bielefeld, dort wurde ich kurz vorm Ende des einjährigen und sündhaft teuren Lehrgangs rausgekantet, weil ich zu viele Fragen gestellt hatte. Offenbar die falschen Fragen, obwohl ich nach wie vor glaube, dass es die richtigen waren.

Im Contextuellen Coaching®, der Bielefelder Spielart aus meiner Ausbildung, geht es im Grunde um die Überzeugung, dass sich jeder die Lebensumstände selbst schafft, in denen sie oder er sich wiederfindet. Man sucht sie sich auf rätselhafte Weise aus, ist also sozusagen seines Glückes Schmied und hämmert von früh bis spät am Kontext seines Lebens herum. Das an sich ist eigentlich keine revolutionäre Sichtweise. Allerdings erschafft man eben auch all sein Leid. Man zieht es sozusagen unterbewusst an, kann sich dies jedoch durch Coaching bewusst machen und sich somit vom Leid befreien. Und Millionär werden. Jeder. Kurz bevor ich aus dem Lehrgang flog, wollte ich beispielsweise wissen, wieso sich denn rund 1 Milliarde Menschen ausgesucht haben, dass sie Tag für Tag nicht satt werden und oftmals sogar ihren Kindern beim Verhungern zukucken müssen. Und weshalb manche Leute es sich aussuchen, sexuell missbraucht zu werden, oder wieso Kevin aus Bremen als extrem untergewichtige Leiche im Kühlschrank enden wollte. Solche Fragen halt. Auch die Geschichte, dass jeder Millionär werden kann, hat mich nicht überzeugt. Jeder? Weltweit? Keine schöne Vorstellung, weil viel Geld oftmals nicht unbedingt gut für den Charakter ist. Egal, Schnee von gestern.

Was jetzt mit Zwangscoaching ist? Ach ja, danke. Ich hab an der CoachingAcademie Bielefeld auch einige nützliche Dinge gelernt, und die wende ich an. Oder ich zwinge sie meinen Mitmenschen auf, als ungebetene Ratschläge, kombiniert mit persönlichen Einsichten und Kenntnissen, die ich zum Glück nicht der CoachingAcademie verdanke. Ähnlich wie ein Geigerzähler für Radioaktivität bin ich nämlich hochempfindlich für negatives Denken, Mangelverliebtheit und beschränkende Glaubenssätze. Wenn ich damit in Kontakt komme, fängt es in meinem Kopf an zu knattern, klickt und piept. Na, was Geigerzähler eben so für Geräusche machen. Und dann hole ich die verbale Coachingkeule raus und haue solange auf meinen Freunden und Mitmenschen rum, bis sie ganz weichgeklopft sind und reuig ihrem jeweiligen Irrglauben abschwören. Zumindest zum Schein, damit ich sie in Ruhe lasse.

Also kommt mir bloß nicht mit irgendwelchen Sprüchen. Von wegen, es hätte ja eh keinen Sinn sich zu bewerben oder zum Vorstellungsgespräch zu gehen. Oder dass Frauen von Mitte vierzig echt keine Chance auf dem Partnerschaftsmarkt hätten, euer Manuskript nie einen Verlag finden wird oder Männer mit Glatze out sind. Glaubt den ganzen Mist nicht. Eure angeblich so tolle und umfassende Erfahrung zeigt nur einen winzigkleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Entscheidungen für die Zukunft mit persönlichen Erfahrungen aus der Vergangenheit zu begründen, ist in manchen Fällen etwa so sinnvoll, als würden vorbeifliegende Außerirdische sich mit ihrem Weltraumuntertassenperiskop drei winzige Teilansichten der Erde in maximaler Vergrößerung anschauen und dann beschließen, dass man auf diesem Planeten nicht landen kann, weil er leider komplett mit Wasser bedeckt ist. Rauszoomen hilft in solchen und vielen anderen Fällen. Die eigene Perspektive verändern.

Natürlich sollte niemand jeden Tag von Neuem auf die heiße Herdplatte langen, nur um zu sehen, ob die Realität sich geändert hat. Trotzdem – neue Erfahrungen machen und dabei das alte Denken behalten zu wollen, ist schwer. Klappt meistens nicht. Das gilt übrigens nicht nur individuell, sondern auch global, aber mit dem Weltverbesserungskram will ich euch heute ausnahmsweise verschonen. Stattdessen lieber noch eine Metapher aus dem Buddhismus, zum Thema altes Denken und neue Erfahrungen: Um frischen Grüntee wirklich genießen zu können, sollte man vorher den Rest des alten, lauwarmen Tees ausschütten und den Becher spülen. Einfach frischen Tee auf den kalten zu gießen, verspricht wenig Genuss.

So, genug schlaues Zeug für heute. Ruft mich einfach nicht an, behaltet eure negativen Gedanken für euch oder geht mir aus dem Weg, wenn ihr Zwangscoachingsratschläge vermeiden wollte. Oder hört mit dem engen und beschränkten Denken auf. Ihr habt immer die Wahl. Eben.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Ey fick disch, Alder!

Geschrieben von Johannis am 27. September 2010 um 09:19 Uhr

Die wieder aufgeflammte Debatte um Integration und Bildung macht mir in diesen Wochen viel Freude. Unseren irren Genetikspezialisten haben sie ja mit einem Extrapensionstausender aus seinem Bankjob rausgekauft und der dicke Gabriel, nicht verwandt oder verschwägert mit dem gleichnamige Erzengel, bekommt nun auch seinen Willen und das Parteiausschlussverfahren. Thilo Sarrazin ist der Adolf Sauerland von Berlin, eine Art schnauzbärtiger Kachelmann, nur ohne Boxenluder. Sein Buch ist langweilig, verkauft sich leider extrem gut, wird zum Glück aber kaum gelesen. Also im Grunde genau das Gegenteil von meinem Oeuvre, bei dem zumindest die erste Auflage langsam zur Neige geht.

Was Thilos Thesen angeht, liest und hört man allerorten, dass so was natürlich nicht stimmt und man das auch nicht sagen dürfte. Fernab von Scheinwerferlicht und Druckerschwärze lautet die Mehrheitsmeinung allerdings, dass man die Wahrheit doch wohl aussprechen darf. Sogar aus Innenministermund vernimmt man, dass es bei uns etwa fünfzehn Prozent Migranten gäbe, denen ihre Integration in die deutsche Gesellschaft ungefähr so wichtig ist wie das Auswendiglernen des Stammbaums der Habsburger. Aber sie sollen trotzdem nicht zwangskastriert werden, Thilo. Stattdessen kommen jetzt gaaanz viele tolle neue Angebote zum Deutschlernen und Deutschwerden, und schwuppdiwupp sind alle integriert. Garantiert. Dann trennen auch die zottelbärtigsten Islamisten pingelig ihren Müll, schlachten keine Schafe mehr im Hinterhof und wischen an jedem Freitagnachmittag brav das Treppenhaus.

Außerdem kommt jetzt die Bildungsoffensive. Mehr Lehrer, mehr Sozialarbeiter, mehr Förderung, mehr Verständnis. Dadurch verschwinden die Parallelgesellschaften wie der Zigarettenrauch aus den bayerischen Bierzelten, es gibt keinen Fachkräftemangel mehr und Schulabbrecher sind so selten wie ein Krokodil mit Zahnprothese. Ich liebe es nicht, weil es so abgedroschen ist, aber jetzt muss sogar ich ausnahmsweise einmal betont-gedehnt Hallooo? sagen. Hallooo, geht’s denn noch? Mal ein paar Zahlen: Die deutsche Sprache hat annähernd eine halbe Million Worte. Davon reichen 5000, um halbwegs durch den Alltag zu kommen. Ganze 200 deutsche Worte müssen junge Türkinnen oder Araberinnen können, wenn sie zur Heirat nach Deutschland einreisen wollen. Dieser Beitrag hatte bisher schon über 300 Worte und die Boston Consulting Group, eine der führenden Unternehmensberatungen, hat ausgerechnet, dass all die geplanten Deutschkurse nicht etwa 700 Millionen Euro, sondern rund das Zehnfache kosten werden. Wer kommt da nicht ins Grübeln?

Aber in den migrantischen Problemen mit meiner wundervoll-rätselhaften Muttersprache liegt nur ein Teil des Hundes begraben. Selbst wenn alle Migranten mit großer Freude Texte verschlingen, die mindestens so schwerverständlich sind wie dieser, und man die dringend notwendige Bildungsgerechtigkeit an deutschen Schulen tatsächlich herstellen könnte, blieben dennoch Millionen treudeutscher Kids. Wieso Problem, was is Problem, ey hassu Problem odda was? Diese Blagen rezitieren auch nicht unbedingt Schiller beim Schuheputzen und schmuggeln Erstausgaben von Shakespeare in den Englischunterricht, damit sie unter der Bank endlich mal was Anspruchsvolles lesen können. Konsumiert werden reichlich leichtverdaulich aufbereitete Angebote, die am besten als Video oder im MP3-Format kommen sollten. Weil, ey Lesen is voll öde, Alder! Solange die Volksverblödungsindustrie ungebremst weitermachen darf, hinterlässt auch die kommende und sicher gut gemeinte Bildungsoffensive in den Krusten des Systems etwa so viel Spuren wie ein Unterwasserfurz in der Badewanne.

Hört doch mal genau auf die Songtexte im Radio, wenn euer Englisch dazu ausreicht. Worum geht es? Oft ums Ficken. Mal romantisiert, mal deutlicher. Shaggy, ein Jamaikaner der eigentlich Orville Richard Burrell heißt, bringt bei Google 10.600.000 Einträge. To shag heißt poppen, ficken, vögeln, knallen – der populäre Künstler hört also eigentlich auf den Namen Ficky. Musik, Glotze, Filme, Computerspiele, Videos – das meiste Zeug ist doch deshalb so flach, weil es seine zunehmend verblödende Zielgruppe nicht überfordern darf. Neulich ging ich zufällig hinter ein paar Kids her, dreizehn oder vierzehn Jahre alt, die sich gegenseitig in lautstarkem Prollslang vorrechneten, was ihr Outfit gekostet hat. Natürlich trugen alle nur Markenklamotten, auch wenn sie feixten, dass reichlich Fakes darunter waren. Mental sind viele der Kids von heute auch Fakes.

Ja, natürlich hat ein Satz wie der letzte nicht mehr Wahrheitsgehalt als die Kernthesen von Sarrazin, aber auch nicht viel weniger. Eine Bildungsoffensive, die nur bei der Schule ansetzt, wird enden wie die Schlacht um Verdun. Da bewegte sich acht Monate lang fast nichts, aber es starben mehr als 300.000 Soldaten. Solange eine Unterhaltungsindustrie immer neue Varianten von Gewaltdarstellungen und ständig nur Sex, Rohheit und Primitivität in Millionen Kinderköpfe pflanzt, darf sich niemand über Bildungsnotstand, Werteverlust und fehlende Sekundärtugenden beschweren. Und das gilt ganz ausdrücklich für Menschen mit und ohne Migrationshintergrund. Schalt die Glotze aus und das Hirn an, beweg dich nicht nur vor dem Computer (egal ob mit Nintendo Wii oder ausschließlich die Mausfinger), lies Bücher und lass dabei Bilder in deiner eigenen Fantasie entstehen – das wären nur ein paar Kernsätze für eine Bildungsoffensive der Vernunft. Kostet nicht viel, bringt aber bestimmt was. Ja, auch ein paar Umsatzeinbußen in der Unterhaltungsindustrie, aber angeblich sind junge Menschen doch das wertvollste Kapital jeder Gesellschaft.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Schöne neue Welt

Geschrieben von Johannis am 24. September 2010 um 09:11 Uhr

Freitags haben die Leute gute Laune, da kann ich euch mit etwas ernsteren Themen kommen. Bekanntlich bin ich eher der kommunikative Typ, vielleicht sogar ein Schwätzer. Gut, regelmäßige Besucher wird das nicht überraschen, denn sie hätten nix zu lesen, wenn ich vollkommen in mich gekehrt mein freudloses Dasein fristen würde. Was ich eigentlich sagen will? Folgendes: Ich quatsche auf der Straße wildfremde Leute an. Nein, nicht zwanghaft oder mit irgendeiner bekloppten Masche, ich bin ja kein Schnorrer oder aus der geschlossenen Anstalt abgehauen. Mich interessieren die Menschen und was in ihnen vorgeht. Also manchmal, denn in vielen Leuten spielt sich ja außer Verdauung nicht viel ab.

Ende der Einleitung, auf zum Thema. Neulich sah ich einen Mann, etwa Mitte dreißig, gepflegtes Aussehen, brandneues Alu-Markenfahrrad mit Einkaufskorb, trendiger Treckingrucksack. In planvollem und routiniertem Zickzack sauste er durch die Dortmunder Innenstadt und kontrollierte sämtliche Abfallkörbe auf Pfandflaschen. Außerdem checkte er alle Telefonsäulen und Münztoiletten nach vergessenem Wechselgeld. Als ich ihn eingeholt hatte und wir an einer Ampel nebeneinander auf Grün warten mussten, fragte ich freundlich: „Sagense mal, lohnt sich das eigentlich?“ Klingt bescheuert, ich weiß – warum sonst würde er sich wohl die Mühe machen, und wieso sieht er aus wie ein Facharbeiter am Feierabend und nicht wie’n Brückenpenner? Aber mit solchen Fragen kommt man gut ins Gespräch. Interesse an der Lebenswirklichkeit des Gegenübers zeigen, Anfängerkurs Psychologie.

„Ja, geht so. Kommt auf den Tag an. Was fragen Sie mich, fragen Sie doch die anderen.“ Klang irgendwie unwirsch, als wäre ich von der Steuerfahndung oder ein potentieller Nachahmer. Bevor ich ihn zwecks weiterführender Recherche nach der Adresse vom Betriebshof der Dortmunder Pfandflaschen- und Wechselgeldsammelbrigade aushorchen konnte, radelte er weiter, mit Volldampf durch die belebte Fußgängerzone und immer noch im Zickzack. Irgendwie erinnerte er mich an eine Honigbiene, die von Blüte zu Blüte fliegt und Nektar saugt. Wahrscheinlich macht er aber, wieder heimgekehrt, keinen Schwänzeltanz. Sondern steuert den nächsten Supermarkt an und stopft die erbeuteten Flaschen in einen nach Bier müffelnden Plastikpfandpullenzerquetschautomaten. Und rechnet hinterher seinen Stundenlohn aus. Ob der wohl höher ausfällt, als beim todtraurig-mit-einem-Mischlingshund-in-der-Fußgängerzone-rumsitzen-und-betteln? So viele Fragen, so wenige Antworten.

Gesprächiger war kurz darauf eine ausnehmend hübsche Kassiererin im Drogeriemarkt. In meiner geschwätzigen Art hatte ich die Wattestäbchen im preiswerten und ökologisch korrekten Nachfüllbeutel gelobt, und ihr dann, als sie nach der Payback-Karte fragte, meine diesbezügliche Lieblingsantwort entgegengeflötet:

„Hab ich nicht und in diesem Leben bekomme ich auch keine mehr.“ Punktesammeln ist für Schattenparker. Außerdem will ich kein gläserner Konsument sein.

„Als was wollen sie denn wiedergeboren werden?“ konterte sie schlagfertig.

„Wenn ich ehrlich bin, reicht mir diese Existenz vollauf. So wie sich die Weltlage entwickelt, möchte ich nicht unbedingt wiedergeboren werden“ antwortete ich wahrheitsgemäß.

Plötzlich wurde sie ernst. „Ich auch nicht. Deshalb werde ich auch keine Kinder in die Welt setzen.“ Mit einem traurigen Lächeln gab sie mir mein Wechselgeld, wandte sich dem nächsten Kunden zu, und ich stopfte meinen Krempel in den Rucksack. Nachdenklich.

Was sagt man dazu? So ein Schnuckelhase, keine dreißig Jahre alt und mit einer Pfirsichhaut, durch die ich endgültig zum Vegetarier werden könnte. Die Sehorgane mancher Leute erinnern an in den Schnee gepisste Löcher, aber ihre Augen waren wie zwei blitzblau-kristallklare Bergseen. Kurz gesagt, diese Kassiererin war ein kluges, sensibles und liebreizendes Geschöpf, mit dem ich jederzeit Kinder zeugen würde – und sie hatte kein Zutrauen in die Zukunft dieser Welt! Tragisch. Gut, das mit dem Kinderzeugen nehme ich zurück, aber Üben herzlich gern. Isses nicht schade? Nein, nicht das mit dem Kinderzeugen. Dass viele der jungen Leute von heute offenbar die Zukunft schon endgültig abgehakt haben. Obwohl die neue Shell-Studie das Gegenteil behauptet, man sich aber wundert, wen die wohl befragt haben.

Tja. Als ich so alt war wie die Kassiererin vom DM-Markt waren wir aufsässige Möchtegernpunks oder Zuspäthippies, und das Motto ‚No future’ galt irgendwie für beide Gattungen. Zu jener Zeit gab es noch den kalten Krieg, man musste sich vor den Russen fürchten und deshalb standen in Deutschland amerikanische Atomraketen. Heute muss man sich vor dem Irrsinn der eigenen Regierung fürchten und Atommüll wird bald von Firmen wie Trienekens entsorgt. Eigentlich hat sich also nicht viel geändert. Höchstens, dass es heute bessere Gründe zur Fortpflanzungsverweigerung gibt, zum Beispiel den Klimawandel. Und es gibt professionelle Pfandflaschensammler. Ansonsten ist die Welt fast wie früher.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Neue Form von BSE befällt nur Prominente

Geschrieben von Johannis am 22. September 2010 um 09:15 Uhr

Politik interessiert mich kaum, höchstens als Grundstoff für Satire. Auch die Gesellschaft ist mir schnurz, besteht sie doch überwiegend aus ängstlichen Langeweilern, raffgierigen Egoisten und strunzdummen Arschkrampen. Ach ja, und aus Kindern, Omas und Opas, aber für die interessiere ich mich natürlich auch nicht. Aber selbst wenn die Gesellschaft nur aus tollen Typen wie mir bestünde, wäre sie mir wohl trotzdem gleichgültig. Piepenhagen. Oder schlimmer. Leute wie ich sind mir höchst suspekt, von mir würde ich garantiert keinen Gebrauchtwagen kaufen. Wer es mal getan hat, wird mir recht geben. Eigentlich schreibe ich nur über Politiker und gesellschaftliche Phänomene, weil meine Besucherstatistik steil in den Keller ginge, würde ich hier ständig selbstmitleidig-morbid rumjammern, dass die von mir gegründete Selbsthilfegruppe „Massensuizid leicht gemacht – Das Jonestown Revival“ noch nicht einmal Mitgliederschwund verzeichnen kann, weil ihr keiner beitritt, und absolut niemand mir die Rolle des wahnsinnigen Sektenführers zutraut. Klang das jetzt wirr oder war satzbautechnisch zu anspruchsvoll? Hoffentlich beides nicht.

Nun gut. Nachdem mir die vergangene Woche zwei Besucherrekorde bescherte, weil meine Beiträge über Cyberangie und die verschnarchten PR-Fritzen von Nayoki ungewöhnlich gut aufgenommen wurden (an dieser Stelle zähneknirschenden Dank an Lorenz Meyer von Sheng Fui, der durch getwitterte Leseempfehlungen an seine gigantische Follower-Gemeinde jeweils rund hundert naive Gutmenschen dazu brachte, einige Minuten in meinem Blog herumzuirren, bevor sie merkten, dass hier – anders als in Meyers leider sehr gelungenem und aufwendig bebildertem Buch – keine pseudoesoterische Heilsleere verbreitet wird), hab ich mir das Hirn zermartert, worüber ich schreiben soll. Mein Gott, noch so ein Bandwurmsatz. Bauchnabelflusen hatten wir schon, Selbstmord findet keiner witzig, meine Aufrufe an paarungswillige Frauen werden systematisch ignoriert – was bleibt? Politik und Gesellschaft. Mist.

Also dann. Auffällig ist, dass in der letzten Zeit vorwiegend Leute durchdrehen, die viel im Rampenlicht stehen oder standen. Erst dachte ich, dass die Hitze der Scheinwerfer und das permanente Kamerablitzen die Leute weich im Kopp werden lässt. Nun sind mir jedoch Insiderinformationen zugetragen worden, demzufolge es sich um eine neue Form von BSE handelt, die vorläufig den Namen VIPSE trägt. BSE, ihr erinnert euch noch? Bovine spongiforme Enzephalopathie, kurz Rinderwahnsinn? Na siehste, klappt doch mit dem Langzeitgedächtnis. Und nun eben VIPSE, BSE für VIPs. Zum Glück können wir unbedeutenden Nichtpromis uns beruhigt zurücklehnen, denn die Ansteckungsgefahr ist minimal. Solange niemand von Erika Steinbach gebissen wird oder beim Türken einen halbgaren Köhlerdöner futtert. Aber erstens lebt der Mann noch, und zweitens gibt’s hoffentlich auch beim Gammelfleisch gewisse Grenzen.

Der Bundeshorst war einer der ersten Fälle, wo VIPSE zweifelfrei nachgewiesen werden konnte. Insofern hat er mit seinem weinerlich-bockigen Spontanabgang der Wissenschaft einen wertvollen Dienst erwiesen, auch wenn wir ihm nun diesen niedersächsischen Cheflangweiler als Nachfolger zu verdanken haben, ein Mann wie eine Teflonpfanne aus dem 1-Euro-Shop, dessen interessantester Charakterzug die tätowierte Blondine als Ehefrau ist. Danach kam Thilo und das Juden-Gen, aber darauf kann ich hier wegen extremer das-ist-ja-sooo-laaangweilig-da-klick-ich-sofort-weg-Gefahr nicht weiter eingehen. Dann doch lieber Erika Steinbach, die katastrophal krawallige Kampfhenne der Vertriebenen, mental Verstrahlten und vergeltungssüchtigen Versöhnungsverweigerer. Sie behauptete von Wladyslaw Bartoszewski – einem Mann, der glaubwürdig versichert, er sei ihr nie begegnet – der habe einen schlechten Charakter. Macht etwa so viel Sinn wie die Behauptung, dass 99,742 Prozent aller Deutschen wirklich verabscheuungswürdige Subjekte seien, weil sie das Perlenschwein und meine Texte nicht kennen. Obwohl, wenn ich drüber nachdenke – da ist schon was dran.

Der nächste nachgewiesene VIPSE-Fall war Nicolas Sarkozy, die Billigkopie von Napoleon Bonaparte, mit der sich unsere Nachbarn rumschlagen müssen. Er lässt neuerdings, um die französischen Rechten zu erfreuen und von diversen Skandalen abzulenken, die meist seine Person betreffen, im großen Stil Roma deportieren, und platzte medienwirksam aus dem gestärkten Oberhemd, als man in Brüssel mit erhobenem Zeigefinger etwas lauter Du-Du-Du! zu ihm sagte. Und ihn zart daran erinnerte, dass es sich bei den Deportierten erstens um EU-Bürger handelt, die sich legal in Frankreich aufhalten, und zweitens Zigeuner, wie man früher sagte, unter Adolf erst ins KZ und dann ins Gas geschickt wurden. Ja, das waren wieder ziemlich lange und schwierige Sätze. Sorry. Weiß auch nicht, was mit mir los ist. Kommt bestimmt vom vielen Twittern. Zwanghafte Gegenreaktion, will endlich mal mehr als 140 Zeichen schreiben dürfen. Was die Geschichte um den aufgeregten Froschfresser besonders pikant macht, ist Sarkozys familiärer Hintergrund, denn der französische Präsident ist selbst ein Roma. Zumindest ein halber. Seine Mutter ist eine aus Thessaloniki stammende Jüdin und sein Vater ein ungarischer Roma. Sarkozy ist unter Zigeunern, verzeiht das unzeitgemäße Wort, ein gängiger Name und schreibt sich auf Ungarisch Sárközy. Französisch wird Sarkozy draus. Klarer Fall von VIPSE – der Mann versucht seine eigenen Wurzeln auszureißen und will gleichzeitig den Ast absägen, auf dem er sitzt.

Da VIPSE sich relativ schnell ausbreitet, darf sich niemand wundern, wenn Angela Merkel demnächst den Ostdeutschen vorwirft, sie seien ewig nörgelnde und stinkfaule Trittbrettfahrer, die zum Lachen in den Keller gehen. Unser frisch verheirateter Lieblingsguido wird gegen Schwule hetzen, besonders gegen solche, die schlimme Pickelnarben haben und sich immer ins Rampenlicht drängeln. Kurz darauf wirft dann Horst Seehofer den Bayern vor, sie seien ein opportunistisches Pack von verlogenen Dauergrinsern, die, falls sie grad mal keinen Bierkrug in der Hand haben, alles vögeln würden, was nicht bei Drei auf den nächsten Baum flüchtet. Wenn schließlich Dieter Bohlen behauptet, unterbelichtete schmierige Schlagerfuzzies mit einem Prollfaktor höher als der Schärfegrad von japanischem Wasabi-Meerrettich hätten die Volksverdummung stärker vorangebracht als Gottlieb Daimler das KFZ-Gewerbe, wisst ihr Bescheid. Dann hat er VIPSE.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Letzte Worte

Geschrieben von Johannis am 20. September 2010 um 09:09 Uhr

Jörg Kachelmann gehört zusammen mit dem unbefleckten Empfang des Jesuskindes und der Frage, was schneller wächst, das Universum oder die menschliche Dummheit, zu den großen Mysterien unserer Zeit. Gut, beim gegenwärtig noch endlosen Universum vermutet man zumindest, dass es sich eines fernen Tages wieder zusammenziehen und auf den nächsten Urknall vorbereiten wird, aber dann schaut unsereins sich schon längst die Radieschen von unten an. Falls es noch Radieschen gibt. Falls nicht, wird das wohl eine der Folgen der grenzenlosen menschlichen Dummheit sein. Doch halt, in dieser unfrohen Tonart möchte ich den schönen Montag nicht beginnen. Reden wir lieber übers Wetter.

Keineswegs will ich euren wachen Verstand und kultivierten Intellekt beleidigen, wenn ich den flauen Witz wiederkäue, dass seit Kachelmanns Verhaftung kein Verlass aufs Wetter ist. Schließlich zuckte dieser blendendhelle Geistesblitz erst 645.819 Mal durch die Blog- und Twittersphäre. Andererseits hat die Hosenanzug tragende ZDF-Diplom-Meteorologin uns am Freitagabend ein Wochenende mit allerfeinstem Altweibersommer versprochen, tatsächlich war es aber saukalt und meist bedeckt. Zumindest hier in Dortmund. Ich musste gestern Abend die Heizung anschmeißen! Wenn das der Altweibersommer ist, dann möchte ich den Winter bitte gar nicht erst kennenlernen. So, thematisch habe ich damit hoffentlich eine halbwegs tragfähige Brücke zur Causa Kachelmann und dem Vorwurf, er habe seine Ex-Freundin (Alte, Weib) vergewaltigt, geschlagen. Ja, geschlagen und gewürgt hat er sie angeblich auch, und ihr ein albern kleines Messerchen an den Hals gesetzt. Aber das wisst ihr alles längst.

Da ich tatsächlich wichtigere Themen kenne, hat mich der Fall kaum beschäftigt, aber sogar DIE ZEIT schreibt darüber. Müsste ich jetzt unter Androhung von sofortiger Enthauptung oder des langsamen Pfählens entscheiden, ob ich dem sexuell hyperaktiven Wettermann traue oder seiner abgelegten 37-jährigen Radiotante glaube, würde ich mich wohl auf seine Seite schlagen. Dies nicht aus typisch männlicher Solidarität, weil ich ein negatives Frauenbild habe oder unverbesserlicher Blondinenskeptiker bin, sondern aus einer diffusen Mischung von Logik und Bauchgefühl.

Warum soll er sie unbedingt noch mit aller Gewalt vögeln wollen, obwohl die beiden sich gerade getrennt haben, weil er ihr ständig untreu gewesen ist? Untreue bedeutet doch, er hat Alternativen. Weshalb riskiert er seinen Hals für eine schnelle und wahrscheinlich nicht besonders befriedigende letzte Nummer mit der Ex, wenn überall in der Welt Frauen mit feucht-erhitztem Schoß darauf warten, dass der lustige Wetterjörg ihnen beiwohnt? Außerdem waren verletzte Eitelkeit und verschmähte Liebe während der Jahrtausende einer durchweg unappetitlichen Menschheitsgeschichte schon Anlass für ganz andere Dramen und Lügengeschichten – dagegen sind Meineid und ein paar selbst beigebrachte blaue Flecken lauwarme Kinderkacke.

Nein, ich gehe jetzt nicht weiter auf die seltsame Rolle der Staatsanwaltschaft, eine erstaunlich lange Untersuchungshaft und die diversen Gutachten ein, mit denen die Glaubwürdigkeit des angeblichen Vergewaltigungsopfers entweder belegt oder erschüttert werden. Juckt mich nicht. Geduld, das wird euch in den nächsten Wochen in aller epischen Länge und Breite serviert, im Boulevard und anderswo. Fest steht jedoch nach bisherigem Kenntnisstand, dass dieser Mann, der sich beruflich vor allem mit Tief- und Hochdruckgebieten befasste, auch in der Hose einen erheblichen Druck verspürt haben muss. Ähnlich wie die Tiefdruckgebiete von Achim bis Zephyrinus wanderte Jörg übers Land und entlud sich, wo immer er Gelegenheit fand.

Man darf sich allerdings wundern, wieso unzählige Frauen es kaum erwarten können, sich für diesen Typen nackig zu machen, während ein kostbares Juwel germanischer Männlichkeit wie ich im Dauerzölibat dahindümpelt. Ich meine, nun mal ganz ehrlich – was ist denn an dem dran? Außer Promistatus doch nur ein Fusselbart und eine schlechte Frisur. Obwohl, seit er im Knast saß, sieht er besser aus und rasiert sich wieder. Gut, er ist nicht aufs Maul gefallen, aber da kann ich jederzeit mithalten. Jaja, ich bin nur neidisch. Oder war es, denn egal wie der Prozess ausgeht, Jörg Kachelmann ist Geschichte. So wie George W. Bush, nur nicht ganz so berühmt. Oder wie Adolf Sauerland, nur berühmter. Und weniger unsympathisch als beide zusammen. The rain in Spain goes mainly down the drain. Schwamm drüber.

Wer nun geduldig auf eine geniale inhaltliche Verknüpfung gewartet oder sich genervt gefragt hat, wann dieser merkwürdige Text sich endlich auf seine Überschrift bezieht, wird leider enttäuscht. Ich fand es irgendwie lustig, den ersten Beitrag der Woche mit „Letzte Worte“ zu beginnen, und bin nur unwesentlich irritiert, wenn ihr über solche Scherze nicht lachen könnt. Schließlich stehen letzte Worte üblicherweise am Schluss, so wie dieses hier: Tja.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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