Zwangscoaching
Geschrieben von Johannis am 29. September 2010 um 08:56 Uhr
Ratschläge sind auch Schläge – diesen Satz hat wohl jeder schon gehört. Sicher, es ist was dran, aber sind Schläge denn immer schlecht? Nein, ich beziehe mich jetzt nicht auf jene Minderheit, die aus Schlägen und Verwandtem sexuellen Lustgewinn bezieht. Es geht heute um ganz normale Leute. Und um erträgliche, sinnvolle oder sogar lebensrettende Schläge. Ja, die gibt es. Sogar mehr als ihr denkt.
Nehmen wir erstmal den typisch männlichen Schulterklopfer im Sport, welcher bei Siegtoren in der Champions-League, stark erhöhtem Testosteronspiegel oder verdrängten homoerotischen Tendenzen schon mal recht heftig ausfallen kann. Er wird zwar mittlerweile zunehmend durch das Bespringen des Torschützen (gern im Rudel und mit Anlauf) oder in weniger dramatischen Fällen durch das amerikanische High 5 (nicht verwandt mit dem deutschen Hohes C) ersetzt, aber auch beim High Five schlägt man immerhin die Hände gegeneinander.
Dann möchte ich an jene schallenden Ohrfeigen erinnern, die man hyperventilierenden oder komplett hysterischen Personen versetzt, um sie durch einen intensiven Außenreiz wieder in die Realität zurückzuholen. Außerdem die wuchtigen Schläge auf den Rücken, die notwendig sind, damit ein Erstickender jenen hastig verschlungenen Fleischbrocken abhustet, der plötzlich seine Luftröhre blockiert. Ihr seht also, Schläge können durchaus ihr Gutes haben. Und ihr seid jetzt entweder enttäuscht oder erleichtert, weil ich meine Meinung über den Einsatz von Schlägen in der Kindererziehung offenbar für mich behalten will. Außerdem fragt ihr euch vielleicht mal wieder, was dieser Text eigentlich mit seiner seltsamen Überschrift zu tun hat.
Gute Frage. Leute, die mich kennen oder meine selbstverfasste Biografie gelesen haben, wissen, dass ich keine angeschlossene Berufsausbildung habe. Dafür aber mehrere abgebrochene. Darunter je eine Lehre in der Landwirtschaft und im Reisebüro, ein Studium der Sozialwissenschaften, eine Ausbildung am Theater und eine als Coach. Die Coachingausbildung war a) der teuerste Reinfall, weil mit vielen Tausendern bezahlt, und b) das einzige Mal, dass man mich rausgeschmissen hat. Normalerweise schmeiße ich nämlich die Brocken eigenhändig hin. Meist, weil es mir zu langweilig wird. Anders bei der CoachingAcademie Bielefeld, dort wurde ich kurz vorm Ende des einjährigen und sündhaft teuren Lehrgangs rausgekantet, weil ich zu viele Fragen gestellt hatte. Offenbar die falschen Fragen, obwohl ich nach wie vor glaube, dass es die richtigen waren.
Im Contextuellen Coaching®, der Bielefelder Spielart aus meiner Ausbildung, geht es im Grunde um die Überzeugung, dass sich jeder die Lebensumstände selbst schafft, in denen sie oder er sich wiederfindet. Man sucht sie sich auf rätselhafte Weise aus, ist also sozusagen seines Glückes Schmied und hämmert von früh bis spät am Kontext seines Lebens herum. Das an sich ist eigentlich keine revolutionäre Sichtweise. Allerdings erschafft man eben auch all sein Leid. Man zieht es sozusagen unterbewusst an, kann sich dies jedoch durch Coaching bewusst machen und sich somit vom Leid befreien. Und Millionär werden. Jeder. Kurz bevor ich aus dem Lehrgang flog, wollte ich beispielsweise wissen, wieso sich denn rund 1 Milliarde Menschen ausgesucht haben, dass sie Tag für Tag nicht satt werden und oftmals sogar ihren Kindern beim Verhungern zukucken müssen. Und weshalb manche Leute es sich aussuchen, sexuell missbraucht zu werden, oder wieso Kevin aus Bremen als extrem untergewichtige Leiche im Kühlschrank enden wollte. Solche Fragen halt. Auch die Geschichte, dass jeder Millionär werden kann, hat mich nicht überzeugt. Jeder? Weltweit? Keine schöne Vorstellung, weil viel Geld oftmals nicht unbedingt gut für den Charakter ist. Egal, Schnee von gestern.
Was jetzt mit Zwangscoaching ist? Ach ja, danke. Ich hab an der CoachingAcademie Bielefeld auch einige nützliche Dinge gelernt, und die wende ich an. Oder ich zwinge sie meinen Mitmenschen auf, als ungebetene Ratschläge, kombiniert mit persönlichen Einsichten und Kenntnissen, die ich zum Glück nicht der CoachingAcademie verdanke. Ähnlich wie ein Geigerzähler für Radioaktivität bin ich nämlich hochempfindlich für negatives Denken, Mangelverliebtheit und beschränkende Glaubenssätze. Wenn ich damit in Kontakt komme, fängt es in meinem Kopf an zu knattern, klickt und piept. Na, was Geigerzähler eben so für Geräusche machen. Und dann hole ich die verbale Coachingkeule raus und haue solange auf meinen Freunden und Mitmenschen rum, bis sie ganz weichgeklopft sind und reuig ihrem jeweiligen Irrglauben abschwören. Zumindest zum Schein, damit ich sie in Ruhe lasse.
Also kommt mir bloß nicht mit irgendwelchen Sprüchen. Von wegen, es hätte ja eh keinen Sinn sich zu bewerben oder zum Vorstellungsgespräch zu gehen. Oder dass Frauen von Mitte vierzig echt keine Chance auf dem Partnerschaftsmarkt hätten, euer Manuskript nie einen Verlag finden wird oder Männer mit Glatze out sind. Glaubt den ganzen Mist nicht. Eure angeblich so tolle und umfassende Erfahrung zeigt nur einen winzigkleinen Ausschnitt der Wirklichkeit. Entscheidungen für die Zukunft mit persönlichen Erfahrungen aus der Vergangenheit zu begründen, ist in manchen Fällen etwa so sinnvoll, als würden vorbeifliegende Außerirdische sich mit ihrem Weltraumuntertassenperiskop drei winzige Teilansichten der Erde in maximaler Vergrößerung anschauen und dann beschließen, dass man auf diesem Planeten nicht landen kann, weil er leider komplett mit Wasser bedeckt ist. Rauszoomen hilft in solchen und vielen anderen Fällen. Die eigene Perspektive verändern.
Natürlich sollte niemand jeden Tag von Neuem auf die heiße Herdplatte langen, nur um zu sehen, ob die Realität sich geändert hat. Trotzdem – neue Erfahrungen machen und dabei das alte Denken behalten zu wollen, ist schwer. Klappt meistens nicht. Das gilt übrigens nicht nur individuell, sondern auch global, aber mit dem Weltverbesserungskram will ich euch heute ausnahmsweise verschonen. Stattdessen lieber noch eine Metapher aus dem Buddhismus, zum Thema altes Denken und neue Erfahrungen: Um frischen Grüntee wirklich genießen zu können, sollte man vorher den Rest des alten, lauwarmen Tees ausschütten und den Becher spülen. Einfach frischen Tee auf den kalten zu gießen, verspricht wenig Genuss.
So, genug schlaues Zeug für heute. Ruft mich einfach nicht an, behaltet eure negativen Gedanken für euch oder geht mir aus dem Weg, wenn ihr Zwangscoachingsratschläge vermeiden wollte. Oder hört mit dem engen und beschränkten Denken auf. Ihr habt immer die Wahl. Eben.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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