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Archiv für August, 2010

Klimawandel is good for you!

Geschrieben von Johannis am 30. August 2010 um 08:52 Uhr

Immer das undankbare Genörgel, ich kann’s nicht mehr hören. Ja, es hat ein bisschen geregnet letzte Woche, in Osnabrück sogar ein bisschen mehr – aber ist das schlimm? Nein, im Gegenteil, es ist gut für unser Land. Wieso und warum, wollt ihr wissen? Es stärkt unsere Wirtschaft, kurbelt die Binnennachfrage an und steigert das Bruttoinlandsprodukt.

Denkt doch mal nach – all die gefluteten Kellerräume samt durchweichtem Inventar, die unterspülten Bahntrassen und ausgehöhlten Uferböschungen, dazu die vielen abgesoffenen Autos. Was passiert jetzt? Keller werden leer gepumpt und das durchweichte Zeug wird ersetzt. Deiche, Straßen und Schienenstränge repariert man und versiffte Autos werden gegen neue Modelle ausgetauscht. Umsatz für die Bauwirtschaft und Automobilindustrie, Umsatz im Einzelhandel, Umsatz überall. Meckert also nicht über 170 Millimeter Regen, die meisten Leute sind doch versichert. Und überhaupt – 17 Zentimeter, was ist das schon? Maximal so viel, wie der deutsche Durchschnittsmann in der Hose hat, natürlich nur bei gehobener Stimmung. Deswegen mussten die Osnabrücker doch nicht gleich Katastrophenalarm ausrufen, das setzt völlig falsche Signale.

Und Tornados sind ebenfalls gut für uns. Seid bitte nicht so missgünstig, Dachdecker sind schließlich auch Menschen. Was mit Schlammlawinen ist? Schon mal an Baggerfahrer gedacht? Wo wir doch jetzt alle länger arbeiten sollen, Stichwort Rente mit 67. Siehste! Man muss also gar nicht darauf warten, dass am Ostseestrand Dattelpalmen wachsen und Chardonnay aus Flensburg bei Parkers als bester Wein des Jahres prämiert wird – der Klimawandel ist schon heute eine prima Sache.

Und wer jetzt noch Zweifel hat, ob das neumodische Katastrophenwetter denn für ein zweites Wirtschaftswunder reichen wird, kann sich entspannt zurücklehnen. Es wird. Denn kluge Menschen wie Sarah Palin und ihre aufgeklärten Freunde von der Tea Party Bewegung werden die schleppende Erderwärmung schon in Schwung bringen. So ganz nebenbei, denn vor allem müssen sie ja die Ehre Amerikas wiederherstellen und das Land aus Zeiten der Finsternis herausführen. Ob das wohl eine Anspielung auf Barrack Obama und seine Hautfarbe war? Kann ich mir nicht vorstellen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Westerwelle begeht Selbstmord

Geschrieben von Johannis am 27. August 2010 um 08:59 Uhr

Endlich die Schlagzeile, nach der manch aufrechter Mitbürger sich sehnt. Tja, und auf die man wohl noch etwas länger warten muss, aber die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Erstens sind spektakuläre finale Abgänge bei den Liberalen durchaus nichts Besonderes, man denke an den letzten Absprung von Jürgen Möllemann, und zweitens lässt sich der Geisteszustand unseres Außenministers und FDP-GröFaZ nur mit jenem Wort beschreiben, das in den letzten Wochen als Bezeichnung für die Lage am Golf von Mexiko, in Pakistan und Russland in aller Munde war – katastrophal.

Warum ich, bekanntermaßen FDP-Verächter von bestem Schrot und Korn, eigentlich in den letzten Monaten so wenig über Guido und Konsorten geschrieben habe, fragte sich mancher Leser eventuell. Ganz einfach. Wenn dein Nachbar ein brutzelbraunes Brathähnchen aus dem glutheißen Ofen zerrt und es unter wüsten Verwünschungen aus dem Fenster schmeißt, weil das Geflügel mit der Stimme des Teufels zu ihm gesprochen hat, und er danach nackt im Mondschein über den Hinterhof tanzt, das nahende Ende der Welt verkündet und seinem treuen Schäferhund die Kehle durchbeißt, ist das ein Ereignis. Darüber redet man in der Nachbarschaft, vielleicht sogar noch einige Wochen später. Zieht der Typ aber jeden dritten Tag so eine Wahnsinnsshow ab, dann nervt das nur, ist kaum der Rede wert und allenfalls ein guter Grund, ihn in die geschlossene Psychiatrie einweisen zu lassen. So ungefähr ist das mit Guido. Am besten ignorieren.

Obwohl, man wundert sich ja regelrecht, was mit ihm los ist, wenn er mal für eine Woche seine Schnauze hält. Wie nach der vergeigten Landtagswahl hier in NRW. Aber es dauert nicht lange und sein gequältes Ich gewinnt die Oberhand im Dschungel dieser gespalteten Persönlichkeit, er kann sein Sendungsbewusstsein nicht mehr kontrollieren und der Wahnsinn bricht aus ihm heraus wie Eiter aus einem überreifen Karbunkel. Dann schwappt die Westerwelle durch unser Land und der Indus wirkt dagegen wie ein müdes Bächlein. Unerwartet positive Konjunkturentwicklung in Teutonien – also müssen sofort die Steuern runter. Natürlich. Deshalb schmeißt der Nachbar ja auch das teuflische Hähnchen aus dem Fenster. Weil er im Irrsinn gefangen ist, einfach nicht anders kann. Außerdem muss Guido, der ja das tollste Alphatier im ganze Politzoo ist, den anderen Wahnsinnigen bei jeder unpassenden Gelegenheit übertrumpfen. Wen ich jetzt meine, da gäbe es doch reichlich Auswahl innerhalb der schwarzgelben Koalition? Verzeiht mir bitte die mangelnde Deutlichkeit, ich beziehe mich auf Herrn Seehofer, den christlich-sozialen Chefehebrecher und bajuwarischen Trittminenleger.

Wer diese beiden Kerle als Freunde hat, braucht wahrhaftig keine Feinde mehr. Meine Sympathien für Mutti Merkel halten sich bekanntlich sehr in Grenzen, aber wenn ich an Horst und Guido denke, tut sie mir leid. Manchmal. Anders als bei Guido muss man sich um Horst keine Sorgen machen, der neigt nicht zu Empfindlichkeiten und ist kein Kandidat für den unbedachten Suizid. Er hat offenbar einige Gene vom alten Franz Josef Strauß, was aber bei der früher sehr verbreiteten Inzucht in abgelegenen bayerischen Bergdörfern nicht weiter verwunderlich ist. Seehofer verhält sich zwar ähnlich verhaltensauffällig wie die Westerwelle, erinnert dabei aber mit seinem Grinsen und dem irrlichternden Blick eher an jenen feigen Kampfstier, der sich neulich in Tafalla vor den Toreros drückte, aus der Arena hüpfte und dann wahllos auf das arglose Publikum eintrampelte. Gute Aktion übrigens, die in Spanien hoffentlich für ein landesweites Stierkampfverbot sorgt – die Katalanen haben ja bereits dafür gestimmt. Aber das ist heute nicht mein Thema.

Anders als in dem abgebrühten Machtpolitiker und dauerlächelnden CSU-Haudegen Horst, der garantiert schon kurz nach seinem Ausscheiden aus der aktiven Politik einen gut bezahlten Posten in der Industrie bekleiden wird, steckt in Guido eine extrem verwundbare Kinderseele. Sein endpeinliches Betteln um Aufmerksamkeit, Liebe und Anerkennung, egal ob bei uns Wählern oder den ihn verachtenden Medienfuzzies, kann daher nur tragisch enden. Keiner mag ihn und das wird selbst jemand mit derart minimalem Realitätsbezug wie Guido nicht endlos verdrängen können. Spätestens, wenn die chaotische Tigerentenkoalition zerbricht und man Birgit Homburger (Spitzname Pitbull-Biggi) zur FDP-Parteivorsitzenden wählt, ist es mit Scarface Westerwave vorbei. Eine Zeitlang wird er seiner bärbeißigen Nachfolgerin dabei zuschauen, wie sie die Liberalen soweit auf Kurs trimmt, dass die 5-Prozent-Hürde mit viel Anlauf wieder überwindbar wird, und dann kommt Guidos Zusammenbruch.

Wenn Westerwelle merkt, dass man ihn nicht einmal mehr hasst und er schlicht vergessen wird, beginnt die Zeit der Tragik. Sein Lebensgefährte Michael Mronz wird ihn verlassen – kein Mann hält es ewig mit einem neurotisch-größenwahnsinnigen Sensibelchen aus – und Guido wird Hand an sich legen. Nein, nicht da. Er springt von einer Brücke (Erfahrung mit Fallschirmen hat er hoffentlich nicht, oder?) oder lässt sich haideresk bei überhöhter Geschwindigkeit aus der finalen Kurve tragen. Und dann wird die BILD, Deutschlands Sudelblatt Nummer eins, in nur oberflächlich mit Pietät verbrämter Häme titeln: Westerwelle begeht Selbstmord. Wartet es ab und erinnert euch an meine Worte. Kann ja nicht mehr lange dauern.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Meine kostenlose Haartransplantation

Geschrieben von Johannis am 25. August 2010 um 09:06 Uhr

So langsam kömmt es sich mit dem Ruhm, mein Bekanntheitsgrad steigt und damit auch der Werbewert dieses Blogs. Es kann sich nur noch um Tage, allerhöchstens Wochen handeln, bis einer der Major Players anklopft und mir einen Haufen Geld bietet, nur um hier ein klitzekleines Werbebanner schalten zu dürfen. Wahrscheinlich BP, die Bildzeitung oder Heckler & Koch. Aber nachdem ich neulich der ominösen Johanna von paperblog.de einen herzlosen Korb geben musste, weil ich ihrem Portal keinen kostenfreien Content liefern mag, bin ich auf der Hut.

Anders jedoch vor zwei Wochen, als der freundliche Herr S. mir folgende Zeilen schrieb:

—– Original Message —–
From: Bjoern.SXXXXXXX@Bertelsmann.de
To: info@kassandrus.de
Sent: Wednesday, August 11, 2010 5:43 PM
Subject: Gastartikel auf Ihrer Webseite

Sehr geehrter Herr Johannis R. Jappen,
wir, die Nayoki Interactive Advertising, betreuen die PR- und Online Marketing- Maßnahmen der Mang Medical One AG, einer führenden Klinikgruppe für plastisch-ästhetische Medizin in Europa.

Im Zuge unserer Tätigkeit sind wir auf Ihre Webseite http://www.kassandrus.de aufmerksam geworden. Unter der URL http://www.kassandrus.de/blog/beschneidung haben wir gesehen, dass Sie sich mit dem Thema Schönheits-OPs beschäftigen. Auch für Mang Medical One ist dieses Thema sehr relevant und wichtig. Deshalb würden wir gern im Auftrag unseres Kunden einen Gastartikel zu diesem Thema auf Ihrer Website veröffentlichen. In welcher Form ist dies bei Ihnen möglich?

Um einen ersten Überblick über Mang Medical One zu erhalten, finden Sie im Anschluss ein Kurzportrait sowie weiterführende Informationen über das Unternehmen unter www.medical-one.de.

In Vorfreude auf eine positive Antwort verbleibe ich mit herzlichen Grüßen,

i.A. Björn SXXXXXXX
Nayoki Interactive Advertising

Nayoki Interactive Advertising GmbH
Part of arvato services, Bertelsmann
Neumarkter Str. 22
81673 München
Rechnungsanschrift:
Nayoki Interactive Advertising GmbH
Postfach 19 41 08
33319 Gütersloh
Tel:      0049-89 / 4136 – 72XX
Fax:     0049-89 / 4136 – 72XX
E-Mail: bjoern.sXXXXXXX@bertelsmann.de

Besuchen Sie uns auf der dmexco in Köln vom 15.-16.September in Halle 8.1, Stand E 75 www.dmexco.de

Es folgte noch eine ausführliche Beschreibung seines Kunden und der unendlichen Wohltaten, die selbiger Kunde bisher über die Menschheit brachte, unermüdlich bringt und auch in Zukunft bringen wird, aber wer das lesen will, muss entweder den Link zur Mang Medical One AG oder das von mir eingescannte Schreiben anklicken. Ich witterte natürlich allerfrischeste Morgenluft und antwortete Herrn S. (Name ist der Redaktion bekannt, aber unsere Kriegskasse enthält nicht genug Patte für etwaige Abmahnungen und Klagen gieriger Anwälte) in meiner bekannt volksnahen Art:

—– Original Message —–
From: Johannis R. Jappen
To: Bjoern.SXXXXXXX@Bertelsmann.de
Sent: Wednesday, August 11, 2010 6:13 PM
Subject: Re: Gastartikel auf Ihrer Webseite

Sehr geehrter Herr SXXXXXXX,
ich freue mich über Ihr Interesse und kann mir grundsätzlich gut vorstellen, dass Ihr Unternehmen einen Gastbeitrag zum Thema plastisch-ästhetische Medizin auf meiner Webseite veröffentlichen könnte. Schicken Sie mir doch bitte einen Entwurf des geplanten Beitrags zu. Ich lasse Sie dann wissen, ob und wann der Beitrag in die redaktionelle Planung passt.

Welche Art von Vergütung hatten Sie für die gewünschte Veröffentlichung angedacht? Wäre beispielsweise eine Gratisoperation bei einem der von Mang Medical One betreuten Schönheitschirurgen denkbar? Meine abstehenden Ohren stören mich schon seit der Kindheit. Auch eine Haartransplantation wäre für mich interessant, denn heutzutage stehen nur wenige Frauen auf Männer mit Glatze. Ließe sich da etwas machen, zur Not auch ein Preisnachlass?

Gern höre ich wieder von Ihnen und verbleibe bis dahin mit freundlichen Grüßen
Ihr Johannis R. Jappen

Tja, was soll ich sagen. Ich verbleibe bis heute mit besagten Grüße, aber der nette Herr S. hat sich auch auf eine neuerliche und wirklich höfliche Nachfrage nicht wieder gemeldet. Was habe ich falsch gemacht? War ich zu gierig? Hätte ich nur nach einer Lidkorrektur fragen sollen, die ja deutlich billiger ist, als wenn man mir das wild wuchernde Brust- und Schulterhaar auf die glänzende Glatze tackert? Vielleicht erstmal nur ein Auge operieren lassen? Ich bin ratlos, aber vielleicht gebt ihr mir welchen. Rat natürlich.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Gott macht Urlaub

Geschrieben von Johannis am 23. August 2010 um 08:51 Uhr

Früher, als unser Herrgott noch mit Mutter Natur verheiratet war und die beiden unter einem Dach zusammenlebten, war die Welt in Ordnung. Naja, halbwegs. Kräftig gesoffen hat er schon damals, sich im Haushalt um nix gekümmert, und auch sonst war der Kerl zu wenig nütze. Typisch Gott eben, ständig große Sprüche, aber wenn man ihn braucht, lässt er sich nicht blicken. Seit ein paar Monaten läuft die Scheidung und die häusliche Lage hat sich unerfreulich zugespitzt. Bei denen geht es jetzt zu – schlimmer als damals bei Cramer gegen Cramer, sozusagen eine neuzeitlich dokusoapmäßig aufgemotzte RTL2-Version! Richtig fies eben, mit Haken und Ösen. Zum Glück habe die beiden keine Kinder, den Sorgerechtsstreit würde der Planet wohl kaum überstehen.

Egal. August ist bekanntlich der Monat fürs Faulenzen. Eingeführt und getauft vom römischen Kaiser Augustus, der neidisch auf Julius Caesar und das nach ihm benannte Kalenderzwölftel Juli war. Also packte der Kaiser seinen August mitten in den Sommer und machte sogar den 15. Tag des Monats zum Feiertag, an dem alle braven Römer und selbst die Sklaven frei hatten. Im August fährt man ans Meer oder grillt zumindest jeden Abend auf Balkons und Terrassen, man stellt hübschen jungen Mädchen nach oder träumt jedenfalls davon. Dieser Monat ist exklusiv dem Faulsein und der Entspannung gewidmet. So war’s zumindest mal.

Denn seit der göttlich-natürliche Haussegen unwiederbringlich aus dem Lot ist, lässt Mutter Natur es im August gern krachen. Überschwemmungen, Waldbrände, zur Auflockerung mal ein Erdbeben, Schlammlawinen oder ein paar Hurrikane – sie zieht alle katastrophalen Register. Dabei ist es ihr schnurz, wie viele Menschen ersaufen oder ob Cäsium 137 die aufsteigenden Rauchwolken würzt. Hauptsache Gott kommt im Urlaub nicht zur Ruhe. Nix mit Faulenzen, Grillen, Biersaufen und Weiberhinterherglotzen – die ganze Zeit rauschen Gebete rein wie unerwünschte Emails, wenn der Spamfilter ausgeschaltet ist. Obernervig. Dabei will Gott nur seinen himmlischen Frieden haben und nicht ständig von jammernden Katastrophenopfern angebetet werden. Tja, man kennt es ja aus dem Fernsehen, so eine zerrüttete Ehe kann die Hölle auf Erden sein. Besonders, wenn die Frau rechtschaffen verbittert ist und Phantasie hat. Ist sie, hat sie.

In diesem Jahr vermieste Mutter Natur unserem urlaubsreifen Herrgott den August schon bevor er richtig angefangen hat. Russland brannte, Pakistan soff ab, selbst in Sachsen ertranken die Rentner im Keller. Und überall dieselbe Reaktion – Mitleid erheischende Hände werden gen Himmel gereckt oder zu Fäusten geballt an schmerzerfüllte Brustkästen geschlagen, und danach wird feste gebetet. Die Pakistanis sind zu Recht sauer auf ihre Regierung und einen Präsidenten, der seinen Shoppingtrip quer durch Europa sogar noch verlängerte, statt nachhause zu eilen und wie weiland Gerd Schröder in die Gummistiefel zu schlüpfen. Also beten die Pakistanis wie wild. Den Russen brennen die Datschen überm Kopf weg, während Putin den allgegenwärtigen Volksrettungsspezialisten und fliegenden Feuerwehrmann gibt, und das Volk betet ganz bescheiden um Regen. Gleichzeitig betet Ratzischatzi, unser katholischer Vorbeter in Rom, dass die Opfer ihr Schicksal in Gelassenheit annehmen mögen. Wie blöd von ihm – wenn der Papst schon den direkten Draht nach oben hat, warum betet er den Leuten nicht gleich neue Häuser samt Hausrat herbei? Dazu Autos und wiederauferstandene Verwandte. Und vor allem Regen!

Weil der Papst Insiderkenntnisse hat. Natürlich weiß er genau, dass Gott sich im August einen Scheißdreck um irgendwelche Gebete schert. Welche göttliche Filiale oder Niederlassung man auch aufsucht, egal ob jüdisch, hinduistisch, christlich oder muslimisch – überall ist zu. Ordentlich ausgedruckt und laminiert steht „Wir machen Betriebsferien vom 24. Juli bis zum 11. September“ am Schaufenster, oder in der Tür hängt das vergilbte Blatt „Vorübergehend geschlossen“ vom Vorjahr. Ersatzweise einfach nur ein hastig hingekritzeltes „bin gleisch wider da“, wie am Kiosk, wenn man dringend Zigaretten oder kaltes Weizenbier braucht. Jeder halbwegs lebenserfahrene Kunde weiß, dass der Kioskheini dann so schnell nicht zurückkehrt. Wahrscheinlich Verdauungsprobleme. Wenn solch ein Schild draußen hängt, steht man nicht stundenlang rum und hofft und betet, sondern geht in die nächste Kneipe. Oder zur Tankstelle, die hat immer auf.

Liebe Russen, Chinesen, Pakistaner und sonstige Katastrophengebeutelte. Vergesst das Beten, es bringt nix. Schnappt euch Schaufeln, einen Eimer, ’ne Feuerpatsche oder meinetwegen auch einen großmäuligen Präsidenten. Und dann legt selber Hand an wo immer es Not tut, aber bitte nicht die betenden Hände in den Schoß. Denn Gott macht Urlaub, noch mindestens eine Woche. Falls er überhaupt jemals wiederkommt.

PS: Ich dürft gern rechts oben im Sidebar abstimmen, denn es interessiert mich tatsächlich, was ihr über Themen wie Klimawandel, Hunger und Terror denkt. Auch wegen meiner Auswanderungspläne. Danke.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Lass dein Ding in der Hose

Geschrieben von Johannis am 20. August 2010 um 08:54 Uhr

Unsere wunderbare Medienwelt ist mittlerweile derart vielfältig und bunt, dass jedermann einen eigenen Berater braucht, um sich darin noch zurechtzufinden und grobe Schnitzer zu vermeiden. So sollte man zum Beispiel sein Handyvideo von echt aufregenden Ereignissen wie der Massenpanik auf der Duisburger Loveparade nicht bei YouTube hochladen, wenn das Filmchen belegt, dass man sich nur am Horror aufgegeilt und ansonsten keinen Finger gerührt hat, statt den Menschen zu helfen, die vor der erbsengroßen Kameralinse zerquetscht wurden.

Filmen und gefilmt werden wird ja immer populärer. Leider hält bei den meisten Hobbyfilmern weder die geistige Entwicklung noch ihre Eignung für das Regiefach mit den rasanten Fortschritten der elektronischen Technik Schritt. Ja, wenn dir dieser Satz zu kompliziert war, obwohl er nicht ein einziges Komma enthielt, solltest du ernsthaft überlegen, ob weniger Amateurvideos nicht besser für dich und deine Mitmenschen wären. Mein Tipp: Handy einfach mal in der Hosentasche lassen!

Wer nicht aktiv filmt, keine Chance zum Mitmachen bei Casting-Shows hat und trotzdem nach Starruhm lechzt, sitzt schon mal zuhause vor der Webcam und hält das mehr oder minder sendefähige Gesicht in die Linse. Populär dafür ist Chatroulette. Die Idee hatte Andrei Ternowski, ein junger Russe. Auf seiner Website kann man sich seit November 2009 per Zufallsgenerator mit irgendwem auf Gottes schönem Erdenrund verbinden lassen und dann einen lustigen Videochat abhalten. Wenn man Glück hat, befindet sich am anderen Ende der Leitung ein sympathischer Mensch, der sogar eine Sprache spricht, die man versteht. Bei ganz viel Glück entspinnen sich wirklich interessante Konversationen und man trifft womöglich Frau oder Mann fürs Leben. Das passiert aber wohl extrem selten.

Viel häufiger darf man jemandem dabei zusehen, wie er – denn es ist fast immer ein Mann, Frauen wichsen offenbar nicht so gern vor der Kamera – seinen mehr oder minder sehenswerten Schniedel aus der Hose holt und hektisch daran rumrubbelt. Der individuelle Lustgewinn einer solchen Aktion ist für jemanden wie mich, der keine exhibitionistische Tendenzen hat (wenn man mal von meinen sprachlichen Aus- und Auffälligkeiten absieht), schwer nachvollziehbar. Meistens wird die mit nackten Tatsachen konfrontierte Gegenseite doch wohl hurtig abschalten oder sich zum nächsten Chatrouletter weiterklicken, in der Hoffnung dort ein menschliches Gesicht und keinen geschwollenen Dickhead zu erblicken.

Besonders die prüden Amis stören sich inzwischen heftig an den dämlichen Onlinemasturbatoren und drohen deshalb damit, die Seite abzuschalten. Klar, wenn gottgläubige Teenies, die unbefleckt in die Ehe gehen wollen und nur mal harmlos durchs Netz surfen, mit ansehen müssen, wie irgendein Blödmann sich bekleckert – das traumatisiert. Abgesehen davon dürfen sie ja nicht selbst die nackten Brüste herhalten und unterwürfig-dankbar lächeln, während der Typ über ihnen abspritzt, wie ihnen das in fast jedem Porno vorbildhaft gezeigt wird. Solche Widersprüche verwirren junge Menschen nur unnötig, während sie noch nach der eigenen sexuellen Identität suchen und nebenbei ihr Taschengeld für Brustvergrößerung und Schamlippenstraffung sparen.

Aus Rücksicht auf amerikanische Befindlichkeiten fotografiert Chatroulette schon seit Wochen Schwänze und archiviert die Screenshots zusammen mit den IP-Adressen der Übeltäter. Außerdem haben die Betreiber einen speziellen Softwarefilter installiert, der ungeeignete Inhalte aufspürt und filtert. Wer sich also gern privat filmen lässt, sollte von nun an dreimal überlegen, ob er im Worldwideweb seinen nackten Pimmel zeigt, denn die Reaktion auf so viel Freizügigkeit könnte sehr undankbar ausfallen.

Wahrscheinlich wird die Piratenpartei nun Zeter und Mordio schreien. IP-Adressen und Schniedelfotos speichern – das ist ja wohl ein massiver Eingriff in die Rechte der Surfer, verletzt eklatant den Datenschutz. Tja. Zum Thema Eingriff fällt mir nur ein, dass niemand Probleme kriegt, der beim Videochat die Unterhose anbehält.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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