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Archiv für Juli, 2010

Euthanasie ist harte Arbeit

Geschrieben von Johannis am 30. Juli 2010 um 08:57 Uhr

Früher, als ich kaum Leser hatte, hab ich sie gern mal beschimpft oder verspottet. Einfach um die Zahl überschaubar und den Durchschnittsleserdurchschnitts-IQ hoch zu halten. Hat nicht funktioniert. Heute setze ich eine andere Taktik ein und schreibe meist so übel moralisierendes und total unlustiges Zeug, dass Verweildauer und Besucherzahlen verlässlich im Bereich untere Knöchelhöhe bleiben. Klappt eigentlich prima.

Wenn da nicht dieses blöde Twitterdingens wäre. Schuld ist mal wieder Lorenz Meyer, weltbekannter Esoterikdemagoge, der die gemeingefährliche Irrlehre des Sheng Fui erfand und sie nun auch noch mit einem menschenfängerischen Buch in die Welt trägt. Hat er nichts Besseres zu tun, gibt es da draußen etwa noch nicht genug Verwirrung? Soll er sich doch stattdessen um Frau und Kinder kümmern. Egal. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich letzten Herbst die Twitterei begann und nun an manchen Tagen dreißig neue Follower habe. Die ich natürlich alle ausgiebig auf persönliche Eignung, moralische Würdigkeit und generellen Geisteszustand überprüfen und dann zum Teil von Hand blocken oder wenigstens unfollowen muss. Annfollohn, was ist das für’n Lohn? Lohn der Angst, Lohn der Dusseligkeit, Iserlohn? Keine Ahnung, was ich hier schreibe, bin aber stocknüchtern.

Auf jeden Fall muss ich nun jeden Morgen wie der leibhaftige Dr. Mengele durch die Reihen meiner virtuellen Jüngerschaft schreiten und mit spitzem Mausfinger hierhin oder dorthin zeigen, um täglich möglichst viele der offenkundig unwürdigen Subjekte ins Eiswasserbad oder direkt in den Krematoriumsbereich zu schicken. Nur so kann ich den schrecklichen Tag noch etwas hinauszögern, an dem die Zahl im Twittercounter (rechts oben im Sidebar, du Dussel!) erstmals vierstellig sein wird. Seid also froh, wenn ihr noch zu meinen Followern gehört oder ich euch sogar selbst folge. Dann habt ihr Gnade gefunden vor den unerbittlichen Augen des Richters und seid es offenbar wert, meine Botschaften zu empfangen. Und ihr habt jene rigorose Auslese überstanden, die mich viel Kraft kostet. Gut, eine gewisse perverse Lust bereitet es mir schon, dümmlich-dreiste Direktvermarkter und Leute, denen die Hirnlosigkeit wie ein Dutzend entzündeter Eiterpickel aus dem Gesicht springt, mit einer winzigen Bewegung in den sozialen Tod, direkt in die virtuelle Gaskammer zu schicken. Aber diese Auslese ist mühsam, wirklich harte und entbehrungsreiche Arbeit, die mich von Wissenschaft und Lehre und vor allem von der Jagd nach paarungswilligen Frauen abhält. Bin zwar nicht blond und blauäugig, habe aber ganz ordentliche Gene. Das nur nebenbei.

Zum Glück gibt es immer ein paar kleine Lichtblicke und Momente, in denen ich die Freuden der Pflicht genießen kann. Ja, ganz besonders aufmerksame und gebildete Leser erinnern sich nun an den Roman Deutschstunde von Siegfried Lenz. Gibt es auch als Film, für die Nichtleser unter euch. Da musste Siggi Jepsen, Insasse einer Anstalt für schwer erziehbare Jugendliche, in der Deutschstunde einen Aufsatz zum Thema „Die Freuden der Pflicht“ schreiben, gab aber ein leeres Heft ab. Möchte ich auch manchmal, wenn ich hier sitze und mir wieder irgendwelches Zeug für euch abringen muss.

Was wollte ich eigentlich sagen? Ach ja, während Dr. Johannis Mengele über Tod oder Weiterleben manches nichtswürdigen Followers entscheidet, findet er gelegentlich ein paar Nichtigkeiten, die ihn trotz aller Entbehrungen und der schweren Bürde seiner Verantwortung sekundenlang zum Schmunzeln bringen. Nachstehend eine kleine Auswahl der gestrigen Ernte fremder Tweets, und damit ist Schluss für heute. Ich hab schließlich noch mehr zu tun, als euch hier vollzuschwurbeln. Tschüss.

Eva Herman bringt sich mit Nazis und Gott in die Tagespresse und wir müssen unsere Verschwörungskacke auf 140 Zeichen unterbringen.

Speckbarbie ist Kandidat für das Jugendwort des Jahres. Es bedeutet aufgetakeltes Mädchen in viel zu enger Kleidung.

Kommt Theo Albrecht eigentlich in den Himmel Nord oder in den Himmel Süd?

A project manager is a person who thinks nine women can deliver a baby in one month.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Ausgefeiert

Geschrieben von Johannis am 28. Juli 2010 um 09:05 Uhr

Möchtet ihr noch ein Wort über die Loveparade hören oder lesen? Nein? Ich auch nicht. Warum ich dann darüber schreibe? Um mich abzureagieren und zur Desensibilisierung, wie bei einer Allergie. Funkhaus Europa, der reklamefreie Multikultispartensender des WDR, machte am Montag (wie fast alle Sender in NRW) die Duisburger Technotragödie zum Themenschwerpunkt, und ich war kurz davor, der Redaktion ein geharnischtes Beschwerdeschreiben zu faxen. Von früh bis spät einunddieselbe Leier, wie schrecklich das alles ist, und die verantwortungslosen Verantwortlichen, und die armen Eltern der Opfer, und sogar Spanierinnen, ein Chinese, Holländer, Australier undwasnochalles dabei, und überhaupt, wie empööörend. Pressespiegel Ausland, O-Töne Inland, x-mal wiedergekäute Faktenlangweiligkeit – im Grunde klangen die bescheuerten Radiofuzzies richtig neidisch, weil sie keine Fotos von zerquetschten Ravern in den Äther schicken konnten. Schlecht kaschierter Akustikboulevard, finanziert mit meiner und deiner GEZ-Kohle. Zum Kotzen.

Dieser betroffenheitsheuchlerische Leichenfleddererjournalismus weckt den verbalen Amokläufer in mir, und ihr müsst das jetzt ausbaden. Oder eben wegklicken. Ja, 21 Tote und rund 500 Verletzte sind tragisch. Ja, man hätte wissen müssen, dass in Duisburg nicht genug Platz für die Loveparade ist. Ja, die Nummer mit dem Tunnel war blödsinnig, genauso gut könnte man in Pamplona die wildgewordenen Stiere durch ein U-Bahn-Drehkreuz jagen oder sie über eine handtuchschmale Hängebrücke laufen lassen. Aber wie lange will man sich denn an dieser Sache aufgeilen? Hilft das irgendeinem der Opfer, egal ob schon im Sarg oder noch im Krankenhaus? Wohl nicht. Sorgt der sommerlochfüllende Medienhype dafür, dass die nächste Loveparade sicher und geordnet verlaufen wird? Nein, denn die Loveparade ist genauso tot wie die einundzwanzig Raver, die am Tunnel zerquetscht wurden. Und das ist gut so. Nein, nicht dass in Duisburg Leute starben.

Ich will jetzt nicht Eva Hermann kopieren, die auf der Webseite ihres Verlags weitgehend hirnbefreit von der Loveparade als einer Sex- und Drogenorgie, als dem Sodom und Gomorrha in Duisburg faselte. Diese frühpensionierte TV-Blondine, die bisher offenbar nur knapp ihre eigene Kreuzigung verpasst hat, sah auch schon in vergangenen Jahren beim Anblick der tanzenden Loveparadisten die Vorzeichen der Apokalypse und orakelte, dass nun wohl göttliche Mächte eingegriffen hätten, um dem schamlosen Treiben endlich ein Ende zu setzen. Jawoll, Evchen, so isses. Die kleinen Sünden bestraft der liebe Gott sofort, und Frauen haben zierliche Füße, damit sie schön dicht am Herd stehen können. Leser Nömix würde wohl wieder seinen Lieblingskommentar absetzen: »Die religiöse Manie gilt als die vorherrschende Form von Geisteskrankheit.« (Henry Coswell, 1839)

Trotz allem liegt auch im Geschwafel der ehemaligen Miss Tageschau ein Körnchen Wahrheit, denn wir erleben seit Jahren eine Aushöhlung der Gesellschaft, die mit galoppierendem Werteverlust und steter Entsolidarisierung einhergeht. Außerdem erlaube ich mir, darauf hinzuweisen, dass im bekannten Universum noch zwei bis drei Tragödien stattfinden, die es an Dramatik eventuell mit den Geschehnissen von Duisburg aufnehmen könnten. So sind auch am letzten Samstag – wie übrigens an jedem Tag davor und danach in diesem Jahr – weltweit mindestens 25.000 Menschen an Unterernährung krepiert, ohne dass es einen der selbsternannten Loveparadebetroffenheitsspezialisten gejuckt hätte. Die meisten dieser gesichtslosen Hungertoten waren Kinder, die nie auf die Idee gekommen wären, dass sich irgendwo auf der Welt eine Million junger Hedonisten treffen könnten, um einen Tag lang zu ohrenbetäubendem Lärm (vulgo Technomusik) halbnackt rumzuzappeln, dabei Extasy und reichlich anderes Zeug zu schlucken, und den lieben Gott einen echt geilen Typen sein zu lassen.

Das Ganze begann vor zwanzig Jahren als netter Sponti-Event, bei dem 150 Leute hinter einem VW-Bus durch Berlin tanzten, und hat sich seitdem zur bekanntesten Megaparty der Welt entwickelt, wurde zum alljährlich reproduzierten Hyperkommerz. Ist es schade, dass die Loveparade nie wieder stattfinden wird? Finde ich nicht. Hat das tragische Ende irgendeine Bedeutung, sollen wir daraus etwas lernen? Abgesehen davon, dass man riesige Menschenmengen nicht durch enge Tunnels pumpen sollte? Ja. Der 24. Juli 2010 markiert das Ende einer Ära. Es ist Schluss mit lustig, Schluss mit Feiern-bis-der-Arzt-kommt, Schluss mit ich-will-Spaß-ich-geb-Gas. Ende Gelände, aus-die-Maus. Ich bezweifele zwar heftigst, dass nun ein neues Zeitalter des Erwachens, der weltweiten Solidarität und des gemeinsamen Engagements für die Rettung unseres arg misshandelten Planeten beginnt, aber unsere globale Zukunft wird kaum noch Anlass für eine derart unbeschwerte, selbstverliebte und vergnügungssüchtige Feierlaune bieten, wie wir sie in den letzten beiden Jahrzehnten auf der Loveparade erlebt haben. Und das ist in Ordnung, weil wahr. Welcome to the real world, partypeople!

Nebenbei bemerkt – die nervtötend monotone UffTschackUffTschackUffTschack-Mucke fand ich schon immer total abturnend. Irgendwie seelenlos. Ja, über diese Bemerkung wird Eva Herman sich freuen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Homo graecus

Geschrieben von Johannis am 26. Juli 2010 um 09:21 Uhr

Tief im Herzen sind wir Griechen. Oder kleine Kinder, störrisch, uneinsichtig und vor allem eben kindisch. Erinnert ihr euch noch an die Phase, als ihr eure Hände vor die Augen gehalten und dann „sucht mich!“ gerufen habt? Da wart ihr etwa zwei Jahre alt und fest davon überzeugt, dass niemand euch sehen kann, den ihr selbst nicht seht. Diese populäre Sichtweise ist auch als Vogel-Strauß-Taktik bekannt, obwohl das langbeinige und schmackhafte Monstergeflügel tatsächlich seinen Kopf weder bei Gefahr noch aus Langeweile in den heißen afrikanischen Sand steckt.

Ob ich schon bereit bin, auf den Punkt zu kommen, willst du, liebe(r) ungeduldige(r) Leser(in), wissen? Fast, ich mäandere mit Hochdruck darauf hin. Erlaube mir aber bitte noch einen winzigen Exkurs in die schmerzhafte Wirklichkeit der Heimat von Retsina, Souvlaki und Rembetiko. Die Griechen sind bekanntlich am Arsch. Ihr Land ist so pleite, dass es nur mit massiven Geldspritzen am Leben gehalten werden konnte, die griechische Wirtschaft liegt auf der Intensivstation und das elektronische Dingens, auf dem die Vitalfunktionen angezeigt werden, piept und zuckt sehr unregelmäßig. Überall im Land muss gespart werden, damit die Überlebenschancen des todkranken Patienten steigen, das wissen auch die Griechen. Trotzdem weigern sich viele, wollen keine Veränderung, verdrängen störrisch die bittere Wahrheit, schlagen ihre Hände vor die Augen und rufen „sucht mich!“

Etwa ein Zehntel der griechischen Bevölkerung ist im Staatsdienst und dort mehr oder weniger untätig. Erstmalig seit 1832 wurde nun eine Zählung der Beamten vorgenommen, denn die genaue Zahl war bisher nicht bekannt. Wer sich bis zum 23. Juli nicht registrieren lassen hat, bekommt ab August kein Gehalt. Ein guter Schritt in die richtige Richtung, denn bald werden überzählige Beamtenköpfe rollen, bildlich gesprochen. Der aufgeblähte Staatsapparat muss abspecken, damit er nicht an den Folgen jahrzehntelanger Fettsucht und Vetternwirtschaft krepiert. Jeder vernünftige Grieche weiß das. Trotzdem wird gestreikt und protestiert, wollten zum Beispiel die Fluglotsen gestern den Luftverkehr für 24 Stunden lahm legen. Das wurde ihnen gerichtlich verboten, also drohten sie mit „Dienst nach Vorschrift“. Witzig – wenn Beamte in Griechenland Dienst nach Vorschrift machen, müsste das eigentlich die Arbeitsabläufe spürbar beschleunigen!

Freunde verbrachten kürzlich ihren Urlaub auf einer Insel in der Ägäis, knapp drei Wochen mit zwei kleinen Kindern. Sowohl auf dem Hinweg als auch bei der Heimreise litten sie massiv unter den Folgen der unstillbaren griechischen Streiklust. Ob sie im kommenden Jahr wieder dort Urlaub machen wollen, bleibt ebenso offen wie die Frage, ob dann in Griechenland noch mit Euros bezahlt wird. Sommerzeit und drohende Staatspleite – egal, die Griechen streiken trotzdem, auch wenn sonnenhungrige und vor allem zahlungskräftige Touristen naturgemäß wenig Verständnis für solche Aktionen haben. Dieses Verhalten erinnert mich an meinen Patenonkel, der nach mehreren Herzattacken und Bypässen kaum noch drei atemlose Sätze nacheinander sprechen konnte und sich nachts Sauerstoffschläuche unter die Nase klemmen musste. Trotzdem versteckte er überall im Haus Zigaretten, um seine Frau zu überlisten und seiner Sucht frönen zu können. An der er dann folgerichtig krepiert ist.

So, und nun wird die auf-den-Punkt-komm-Phase eingeleitet. Wir wissen längst, dass wir das Klima und damit unsere Lebensgrundlagen manipulieren. Vergangene Woche kamen Forscher des Alfred-Wegener-Instituts für Polar- und Meeresforschung nach Bremerhaven zurück. Sie hatten die Wechselwirkung zwischen CO2 und Meerwasser untersucht. Die Weltmeere nehmen etwa ein Drittel jener elf Kilogramm Kohlendioxid auf, die jeder Durchschnittsmensch auf unserem Planeten täglich produziert. Das mildert den Treibhauseffekt. Jubel, Entwarnung, alles nur halb so schlimm? Nein, denn dummerweise reagiert Kohlendioxid mit dem Meerwasser zu Säure, welche die Kalkskelette vieler Meeresbewohner auflöst. Die  Forscher bewiesen, dass die rasant zunehmende Versauerung der Meere in den Polargebieten bereits in einigen Jahrzehnten zum Verschwinden wichtiger Meeresorganismen führen könnte, viel früher als bisher angenommen. Dadurch verschwinden die Nahrungsquellen vieler Tiere, von Krebsen über Lachse bis zu den Walen. Schwerwiegende Auswirkungen auf das gesamte polare Ökosystem, von dem auch wir uns ernähren, sind fast garantiert. Und?

Nix und. Der amerikanische Kongress hat gerade erneut gegen verbindliche Regeln zur Begrenzung des CO2-Ausstoßes gestimmt, weil die hirnlosen Republikaner auf breiter Front mauern. Klimaschutz gefährdet angeblich die Wirtschaft und darf deshalb nicht sein. Shop until you drop. Durch die Entscheidung der Amis ist ein Scheitern des nächsten Klimagipfels fast schon garantiert. Kopp in’ Sand, Hände vor die Augen, sucht mich! Und genau deshalb sind wir Griechen, weil wir uns gegen die Notwendigkeiten wehren, unbequeme Tatsachen nicht hören und sie schon gar nicht wahrhaben wollen. Weil eben alles so bleiben soll, wie es mal war. Auch wegen dieser allzu menschlichen Schwäche fand die Loveparade trotz aller Warnungen in Duisburg statt. Und fand ein tragisches Ende. Könnte uns global auch bevorstehen.

„Welcome to the real world“ schrieb mir ein amerikanischer Programmierer neulich, weil ich die Fehlerhaftigkeit seines Programms beklagt und ihn um Nachbesserung gebeten hatte. Vergiss es, sagte er mir damit, alles bleibt so wie es ist. Geht in Ordnung – ich kann damit leben, hab rechnerisch nur noch zweieinhalb Jahrzehnte auf der Uhr, solange kuck ich mir den Wahnsinn hier noch an und schreib darüber. Oder, falls es mir zu langweilig wird, kürz ich eben ab und verlasse das Weltenkino, in dem anscheinend immer wieder derselbe blödsinnige Film läuft. Hauptdarsteller: Ein Kind, das seine Hände vor die Augen schlägt und dann „sucht mich!“ ruft.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Stau auf der A 40

Geschrieben von Johannis am 23. Juli 2010 um 09:13 Uhr

Ja, der Titel ist ungefähr so elektrisierend wie eine Meldung über Brot im Bäckerladen, hat aber wie immer einen feinsinnigen Hintergrund. Letzten Sonntag fand hier im Ruhrgebiet eine kulturelle Großveranstaltung statt, bei der die Autobahn eine zentrale Rolle spielte. Im Rahmen von „Kulturhauptstadt 2010“ wurden auf dem Ruhrschnellweg zwischen Dortmund und Duisburg 20.000 Biertischgarnituren aufgestellt und die A 40 war für sechs Stunden Schauplatz des längsten Picknicks der Welt. Stillleben hieß die Aktion, aber es ging nicht gerade leise zu. Dafür lebhaft.

Mich erinnerte es an die autofreien Sonntage meiner Jugend, als Deutschland Sprit sparen musste, weil die Saudis uns den Ölhahn zudrehten. Gleichzeitig hatte es was von Loveparade, nur ohne UffTschackUffTschackUffTschack-Musik und halbnackte Girlies. Aber alle paarhundert Meter sang wieder ein Chor, wurde dutzendhändig getrommelt und die nächste Horde Möchtegernschotten dudelte auf ihren Säcken. Drumherum lecker Futtern, reichlich zu trinken und kaum Kommerzdreck. Eigentlich war alles ganz schön. Zumindest, wenn man Spaß am Gedrängel und Geschiebe hat, denn es war pickepackevoll. Eine Million Besucher hatten die Veranstalter erwartet, rund drei Millionen kamen. Das sind 50.000 Leute pro Kilometer Autobahn. Booaaah, ey!

Wer auch immer ein rostiges Rad im Keller stehen hatte, schwang sich in den Sattel und kurvte über die Aktionsfahrbahn, während sich auf der Gegenseite ein kulturelles Highlight ans nächste reihte. Es wurde geknipst und gefilmt, was auf Chip und Speicher passte, vereinzelte Skater kämpften sich durch den radelnden Strom, und richtig coole Jungs zeigten erschreckten Muttis durch gewagte Mountainbikemanöver, dass sie die vorherrschende Durchschnittsgeschwindigkeit von 7,9 km/h zum Kotzen fanden. Man kuckte und wurde bekuckt, verdrehte auch im Vorbeifahren so manchen Kopf, war dabei nett und friedlich, und alle hatten Spass inne Backen, wie die Ruhris so schön sagen.

Mir war es eher zu voll, ich hab’s nicht so mit Menschenauflauf, auch wenn er gut gewürzt ist. Stellenweise war richtigstehend Stau, kamen all die Radler, Kinderwagenschieber, Rollerblader und Konsorten nicht mehr voran, und fühlten sich dabei total zuhause. „Is wie imma“ sagte einer, „inne Woche stehße auffe Ahfierzich im Stau, un jetz am Sonntach ebent auch.“ Stimmt, so war’s. Ich hab fleißig fotografiert, ein bisschen beobachtet und mich dann aber zügig nachhause verpieselt. Weil wegen, mir war dat einfach zuviel Volks auffe Piste. Eine kleine Auswahl der Bilder findet ihr unten in der Galerie.

Niedlich fand ich den käsigen Nerd, der ziemlich chancenlos die hübsche Saxofonspielerin anbaggerte und dann, als sie kurz zu mir rüberkuckte, schnell überprüfte, ob er womöglich Mundgeruch hatte. Unsere durchweg sympathischen Polizeikräfte waren zahlreich im Einsatz und schienen den Rummel zu genießen. Erstaunt war ich nur über zwei junge Polizistinnen auf ihren Mountainbikes. Mir war aufgefallen, dass sie unter ihren dünnen Trikots irgendetwas Seltsames trugen. Als ich im Vorbeifahren fragte, ob die Damen etwa bei dem heißen Wetter mit kugelsicheren Kevlarwesten unterwegs seien, bejahten sie dies nach kurzem Zögern. Ihre Offenheit fand ich toll, würde deshalb als potentieller Attentäter mehr Kopfschüsse üben, und finde als Bürger den Gedanken betrüblich, dass radelnde Polizistinnen bei einem Kulturfest kugelsichere Westen tragen müssen. Aber so isses eben.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Burkazwang für alle Frauen!

Geschrieben von Johannis am 21. Juli 2010 um 10:47 Uhr

Du leidest an Schlaflosigkeit und bist überzeugt, dass die Integration von Migranten in diesem Land eigentlich ganz gut klappt? Dann solltest du heute zur Primetime um 00:15 Uhr im Ersten die WDR-Dokumentation „Kampf im Klassenzimmer“ nicht verpassen. Der Film wird Freitagfrüh sogar um 03:40 Uhr wiederholt. Kein Wunder, dass dieses Thema solch spitzenmäßige Sendeplätze bekommt, denn der Film von Güner Balci und Nicola Graef zeigt am Beispiel einer Essener Hauptschule, wie es Kids ohne MigraHigru ergeht, wenn die Mehrheit der Schüler muslimisch ist. „Red bloß nicht mit der deutschen Schlampe” heißt es dann, und während der Fastenzeit Ramadan wird Nichtmuslimen ins Essen gespuckt.

Ein libanesischer Arabisch-Lehrer schildert, dass die deutsche Lebensart von seinen Schülerinnen und Schülern ganz offen abgelehnt würde, diese Einstellung sei chic. “Es heißt zwar immer, dass Ausländer diskriminiert würden, aber hier läuft es andersrum” bestätigt er. Um dem permanenten Mobbing zu entgehen, konvertieren manche SchülerInnen zum Islam und verzichten auf Partys, Alkohol, Koteletts und Sex. Der Film zeigt Zustände, die inzwischen nicht nur hier im Ruhrgebiet typisch geworden sind. Wer heut Nacht pennen will, kann sich am 16.09.2010 um 22.30 Uhr im WDR Fernsehen eine Wiederholung ansehen. Oder warten, bis ich einen Link zur Mediathek einbinde, wenn die Sendung Donnerstag online abrufbar ist.

Der Glaube an einen liebenden/strafenden/allwissenden/wasauchimmer Gott ist erwiesenermaßen eine milde Form der Geistesverwirrung, die jedoch in vielen Fällen gutartig verläuft. Gepaart mit Fanatismus, Minderwertigkeitsgefühlen, Bildungsmangel oder einem mittelalterlichen Konzept von Ehre führt Religiosität allerdings fast immer zu Symptomen, die eine psychiatrische Behandlung sinnvoll, wenn nicht sogar zwingend notwendig machen. Leider hat diese Sicht im deutschen Gesundheitswesen noch nicht genügend Verbreitung gefunden, aber ich setze diesbezüglich große Hoffnung auf Philipp Rösler. Und bin heilfroh, dass meine Schulzeit schon Jahrzehnte zurückliegt.

PS: Hier, wie versprochen, der Link zum Film in der ARD-Mediathek.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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