Selbstmord ist, wie Schwulenehe und Botoxspritzen, ein alltäglicher Aspekt des modernen Lifestyles und wird in der Gesellschaft längst voll akzeptiert. Doch obwohl eine Übersiedlung in die ewigen Jagdgründe trotz der restriktiven deutschen Waffengesetzgebung recht einfach erscheint, gibt es viele Fußangeln. Leider wurde bis heute nirgendwo mein Konzept des Servicepoints für Selbstmörder umgesetzt, was sicher eine Folge der Steuermindereinnahmen ist, die Städte und Gemeinden unter der schwarzgelben Regierung hinnehmen müssen. Aber es gibt zum Glück viele Wege, um dem eigenen Leben ein Ende zu setzen.
Wichtig ist in jedem Fall, sich so nachhaltig und sozialverträglich umzubringen wie irgend möglich. Aus etlichen Leseranfragen weiß ich, dass dabei oftmals große Unsicherheit besteht und immer wieder dumme Fehler gemacht werden. Das gilt nicht nur für das wie, wo und wann, sondern auch für die Kommunikationsstrategie in Bezug auf Nachbarn, Freunde und Familie. Natürlich können und sollen meine dürren Texte kein vollständiges Handbuch für den erfolgreichen Suizid ersetzen, ich möchte aber dennoch an drei exemplarischen Fällen zeigen, was zu tun ist und welche Patzer Sie als SelbstmörderIn zukünftig unbedingt vermeiden sollten.
Vorab nochmals die eindringliche Bitte um Rücksichtnahme. Vollkommen inakzeptabel ist es, wenn Lebensmüde sich auf das öffentliche Schienennetz legen, denn damit sorgen sie für reichlich Verdruss und zwingen Reisenden sowie dem Bahnpersonal manch unangenehmen Anblick, unbezahlte Mehrarbeit und lästige Verspätungen auf. Noch schlimmer ist die asoziale Angewohnheit mancher Menschen, als Geisterfahrer – oftmals sogar alkoholisiert – entgegenkommende Fahrzeuge oder Teile unserer von Steuergeldern finanzierten Infrastruktur (Brückenpfeiler etc.) zu rammen. Dann doch bitte lieber von einer Talbrücke springen, auch wenn dabei gelegentlich Wanderer in Mitleidenschaft gezogen werden.
Vergessen Sie auch den Suizid mithilfe frei verkäuflicher Schlaftabletten – die bringen Sie sogar dann nicht um, wenn man sie mit einer halben Flasche Cognac runterspült. Ebenso bitte nicht die Pulsadern aufschneiden – meist schließen sich diese Wunden, wenn der Blutdruck weit genug abgesunken ist, und man wacht im Krankenhaus auf, reicher um einzigartige Erfahrungen und den Grundstoff für ein paar hässliche Narben. Und oft mit einigen unbeweglichen Fingern, weil man beim stümperhaften Schnitt mit dem Teppichmesser die eigenen Handsehnen durchgesäbelt hat. Nachfolgend möchte ich drei Szenarien vorstellen, die sich relativ leicht und vor allem rücksichtsvoll umsetzen lassen: Schießen, springen oder der Strick.
Wer mit einem Knall abtreten will und weder Waffenbesitzer noch Mitglied in einem Schützenverein ist, hat erstmal ein Problem: Keine Waffe. In Großstädten kann Ihnen vielleicht ein erfahrener Taxifahrer sagen, wo im Rocker-, Rotlicht- oder Bahnhofsmilieu Sie illegal eine Pistole kaufen können, aber rechnen Sie mit Enttäuschungen und überhöhten Preisen. Vorsicht: Geben Sie dem zwielichtigen Fremden kein Bargeld als Vorauszahlung, Sie sehen ihn und die Kohle nie wieder. In Ländern mit Ostblocktradition wie Polen, Tschechien oder der Ukraine kann man oftmals preiswerte und voll funktionstüchtige Handfeuerwaffen aus Armeebeständen erwerben, man sollte aber nur auf dem Landweg reisen und die Zollkontrollen nicht unterschätzen. In jedem Fall, egal ob daheim oder im Ausland, müssen Sie beim Waffenkauf auf passende Munition in ausreichender Menge achten.
Für den finalen Selbstschuss empfehle ich Hotels der gehobene Mittelklasse. Dort gibt es am Wochenende oft Discount-Angebote, das schont den Geldbeutel und freut die Erben. Wichtig: Das Bitte-nicht-stören-Schild an die Tür hängen und abschließen. Ganz falsch: Sich mitten im Zimmer oder auf dem Bett erschießen. Warum das Mobiliar unnötig in Mitleidenschaft ziehen oder die Tapeten versauen? Rücksichtsvolle Selbstmörder geben sich die Kugel in der Badewanne, am besten in Rückenlage und mit einem untergelegten Kissen. Dadurch werden Beschädigungen an der Emaille vermieden (wenn Sie keinen historischen Vorderlader benutzen, durchschlägt das Projektil locker Ihren Schädel oder Brustkorb!), und vor allem bleiben die Putzarbeiten der Zimmermädchen in überschaubarem Rahmen.
Bei Kopfschüssen bitte vorher im Spiegel den richtigen Winkel einüben und das Kissen in der Wanne entsprechend positionieren. Wer sich ins Herz schießen will, sollte sich darüber klar sein, dass dies zwar eine recht sichere Methode ist, man aber nach dem Abdrücken noch ein paar unangenehme Momente bei Bewusstsein ist und womöglich bohrende Zweifel aushalten muss. Vorsicht: Bei manchen Menschen liegt das Herz rechts (biologische Links-Rechts-Asymmetrie)! Ein Lungendurchschuss ist nicht unbedingt tödlich, aber in jedem Fall sehr störend.
Zum guten Ton beim kugeligen Ausstand im Hotel gehört immer ein entsprechendes Trinkgeld. Ich empfehle, je nach Ausmaß des Schadens an der Zimmereinrichtung und der Gesamtverschmutzung, einen Betrag von 300 Euro aufwärts. Am besten hinterlässt man gut sichtbar einen Umschlag mit ein paar Scheinen und einem vorformulierten höflichen Entschuldigungsschreiben, das an die Direktion und das Personal gerichtet ist. Man wird Sie deshalb zwar beim nächsten Besuch nicht als VIP behandeln, aber in freundlicher Erinnerung behalten. Nicht vergessen: Zimmerpreis möglichst im Voraus bezahlen und Abschiedsbriefe an die Angehörigen rechtzeitig in die Post geben.
Für Selbstmörder mit kleinem Geldbeutel bietet sich der Sprung in die Tiefe geradezu an. Bitte beachten: Egal, ob Hausdach, Brücke oder im Gebirge – mindestens zwanzig Meter freier Fall und eine unnachgiebige Landezone sind ein absolutes Muss. Unterschätzen Sie nicht die dämpfende Wirkung von Baumkronen oder Autodächern, speziell Cabrios haben schon so manchen Lebensmüden um den Verstand und direkt in den Rollstuhl gebracht. Ich empfehle den Sprung von Talbrücken ab 30 Meter lichte Höhe über Grund, dabei aber bitte immer auf versteckte Teiche und schlammige Tümpel (Wasser hat keine Balken), Wanderwege und frei laufendes Nutzvieh achten. Denken Sie dran – nur wenige Menschen finden gern eine zerschmetterte Leiche auf dem beschaulichen Sonntagsspaziergang, und Bauern zeigen verständlicherweise wenig Toleranz, wenn Milchkuh oder Zuchtstier von einem herabstürzenden Körper getroffen wurden. Obwohl Ihnen persönlich das dann wahrscheinlich schnurz ist.
Sollten Sie sich für eine Autobahnbrücke entscheiden – hier in NRW bietet sich die Sauerlandlinie an – bitte Warndreieck in vorschriftsmäßigem Abstand aufstellen, Fahrzeug nicht abschließen und Zündschlüssel auf den Fahrersitz legen. Zwingen Sie die Beamten von der Autobahnpolizei nicht dazu, Ihnen ins Tal nachzusteigen und dann die Jackentaschen Ihrer sterblichen Überreste zu durchwühlen, nur um Ihr blödes Auto vom Standstreifen fahren zu können. Abschiedsbriefe, sofern nicht vorab per Post aufgegeben, sollten gut sichtbar und frankiert im Wagen liegen. Zum guten Ton gehören auch hier ein paar freundliche Zeilen an die Polizisten und alle anderen, die sich mit Ihrer unappetitlichen Leiche abmühen müssen. Bitte kein Trinkgeld hinterlassen, das dürfen Beamte leider nicht annehmen.
Wer kein Auto hat oder ungern aus dem Haus geht, greift bevorzugt zum Strick. Bitte treffen Sie Vorsorge gegen ungewollte Begegnungen und denken Sie zuerst an Nachbarn oder Angehörige, denn aufgehängt sind Sie mit Sicherheit kein schöner Anblick. Dachböden und Trockenräume eignen sich gut zum finalen Absprung, vorausgesetzt Sie benutzen ein robustes Seil und haben eine stabile Aufhängung gefunden. Vorsicht in Altbauten, oft sind Dachlatten morsch und halten die Last eines fallenden Körpers, speziell bei Übergewicht, nicht aus. Hilfreich: Internetseiten für Segler und Bergsteiger. Dort finden Sie Abbildungen für fachmännische Knoten und leicht gleitende Seilschlaufen.
Bedenken Sie, dass Sie fast immer eine ausreichend hohe Trittleiter benötigen, um sich herunterzustürzen. Genau bemessene Fallhöhe und Seillänge schützen vor lästigen Fehlschlägen, schmerzhaften Prellungen und unschönen Abschürfungen im Halsbereich. Folgen Sie unbedingt meinem Rat: Dachbodentür abschließen, Schlüssel von innen stecken lassen. Vorher von außen eine gut lesbare Notiz anbringen, zum Beispiel mit folgendem Text: „Besetzt. Bitte warten Sie jetzt noch mindestens 15 Minuten, bevor Sie die Polizei rufen. Ein Krankenwagen ist hoffentlich nicht mehr nötig. Tut mir leid, dass Sie jetzt Ihre Wäsche nicht aufhängen können.“
Ganz egal, für welche Methode Sie sich bei Ihrem Selbstmord entscheiden – hinterlassen Sie Ihre Wohnung bitte sauber und aufgeräumt. Papiere, Sparbücher, Versicherungspolicen sollten vorsortiert auf einem Tisch liegen, dazu ein notariell beglaubigtes Testament, um Streitigkeiten unter den Hinterbliebenen zu vermeiden. Persönlich gehaltene Abschiedsbriefe können die Trauer lindern und helfen über den ersten Schmerz hinweg. Eine heiter-ironische Tonart kann Witwen und Waisen manchmal sogar ein Schmunzeln ins tränenfeuchte Gesicht zaubern, man sollte es damit aber nicht übertreiben. Bei Formulierungsschwierigkeiten können Sie sich im Moment noch an mich wenden, solange ich es hier auf Erden aushalte helfe ich Ihnen gern.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«