Ayshe und der Balkensepp
Geschrieben von Johannis am 27. April 2010 um 09:02 Uhr
Vor einer Weile schlug ich vor, man solle die hässlichen Kruzifixe in Schulen doch mit den dort verbotenen Kopftüchern verhängen und so auf einen Streich zwei Fliegen klatschen, konnte mich damit aber leider nicht durchsetzen. Nun entfachte Aygül Özkan, designierte Sozialministerin für Niedersachsen, einen veritablen Sturm im Wasserglas, weil sie – durchaus zu Recht – sagte, dass christliche Symbole nicht an staatliche Schulen gehören. Schule sollte ein neutraler Ort sein, damit Kinder selbst entscheiden können, wie sie sich religiös orientieren. Deshalb hätten auch Kopftücher in Klassenzimmern nichts zu suchen. Wow – alles okay, kein Widerspruch.
Zumindest von mir nicht. Quer durch die Christ-Parteienlandschaft ging aber ein vielstimmiger Aufschrei der Empörung, und um ihre für heute geplante Vereidigung nicht zu verpatzen ruderte Frau Özkan energisch zurück. Schade. Fordert sie doch auch, dass Migranten ihre Chancen besser nutzen, sich stärker und vor allem aktiv integrieren, und die allzu bequeme Opferrolle ablegen. Mit anderen Worten, sie sollen den Arsch hochkriegen und endlich aufhören in gebrochenem Deutsch zu jammern. Die Tochter eines türkischen Schneiders, der nach fünf Jahren als Briefsortierer in Hamburg eine kleine Schneiderei eröffnete und im Umgang mit seinen Kunden zwangsläufig Deutsch lernen musste, ist erst 38 Jahre alt, CDU-Mitglied, Juristin und gestandene Managerin mit offenbar recht vernünftigen Ansichten.
Leider hat sie die für Berufspolitiker ausgesprochen hinderliche Angewohnheit, selbständig und logisch zu denken und außerdem laut auszusprechen, was sie denkt. Aber das wird ihr gerade im Eilverfahren ausgetrieben. Schließlich könnte man durchaus fragen, warum Schüler unter der deprimierenden Skulptur eines zu Tode gefolterten Mannes lernen sollen, und vor allem was. Soll es sie auf eine Karriere als Schulamokläufer vorbreiten, wofür es extrem hilfreich ist, wenn man Blut und Leichen ignorieren kann? Geht es vielleicht um eine allgemeine Desensibilisierung, damit Kinder es besser wegstecken, wenn sie später in christlichen Einrichtungen im Schatten des Kreuzes sexuell missbraucht werden?
Mich erinnert das ganze an ein Kindermärchen. Rotkäppchen (Ayshe) stapft unerschrocken in den Wald (die Welt der politischen Ränkeschmiede), um der kranken Großmutter (dem Volk, egal ob deutsch oder mit MigraHigru) Brot und Kuchen (ein bisschen Wahrheit) zu bringen. Als sie im Bett (die bittere Realität der faulen Kompromisse und grenzenlosen Verlogenheit) der Großmutter den struppigen Wolf (religiöse Frömmler und störrische Integrationsverweigerer) entdeckt, schnauzt sie ihn mit kräftiger Stimme an, er solle sich gefälligst raus in den Wald scheren (den Blödsinn lassen). Plötzlich taucht der Förster (die CDU) auf und packt das Rotkäppchen. Mit roher Gewalt stopft er dem Kind eine doppelte Portion Kreide in den Hals und zwingt es zum Schlucken. „Halt still und schluck, du Luder!“ herrscht er das verstörte Kind an. Kaum ist die Kreide durch den Hals, steigt auch der Wolf aus dem Bett und grinst das Rotkäppchen an: „Na, Schätzchen, ist es so nicht viel besser?“ Ayshe nickt und piepst mit seidenweicher Stimme ein schüchternes „Jawohl, Herr Wulff“. Vorhang und Ende.
Es ist schon etwas seltsam, dass ich lobende Worte für eine CDU-Politikerin finde. Aber ich bin eben gnadenlos ehrlich und befürchte außerdem, dass Aygül Özkan sehr bald lernen wird, ihr Profil zu glätten und den Kopf schön unten zu halten, solange ihr niemand Feuerschutz gibt. Wenn sie erst ein paar Mal zwangsweise Kreide gefressen hat, wird sie verstehen, warum die extrem biegsame und meist total verkümmerte Wirbelsäule von Berufspolitikern im Volksmund auch Rückrad genannt wird. Ein Rad ist schließlich rund, und was rund ist, eckt nicht an. Man kann es drehen, wie man will – ohne Kanten und echte Überzeugungen lebt es sich viel besser. Zumindest in der Politik.
PS: Balkensepp ist ein unter Atheisten gebräuchlicher und leicht despektierlicher Name für den Herrn Jesus am Kreuz.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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