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Archiv für März, 2010

Diktatur light

Geschrieben von Johannis am 30. März 2010 um 09:10 Uhr

Maulkorb für kritische Journalisten, Hetzkampagnen gegen alles, was röter als eine Scheibe Mortadella ist – der italienische Westentaschenmussolini hat seine Feinde nicht enttäuscht. Aufrechte Demokraten hofften zwar, dass der Mann mit dem großen Maul und dem kleinen Pimmel bei den Regionalwahlen eine ähnliche Klatsche kassieren würde, wie sie Sarkozy neulich in Frankreich bezogen hat – aber Fehlanzeige. Negativrekord bei der Wahlbeteiligung – dolce far niente.

Obwohl Berlusconi wochenlang kritische Polit-Talkshows im italienischen Staatsfernsehen RAI verbieten ließ und auch sonst zeigte, was er von Presse- und Meinungsfreiheit hält, fielen die Wahlergebnisse für die Rechten erschreckend gut aus. Ist es die viele Pasta, lässt der Diktator irgendwas ins Trinkwasser mischen, oder woran liegt es, dass ein ganzes Volk vor den Augen der Weltöffentlichkeit verblödet? Nur die dümmsten Kälber wählen ihre Metzger selber. Italien hat wieder gewählt, Berlusconi triumphiert, wir schlackern mit den Ohren.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Engpässe bei Jungfrauen

Geschrieben von Johannis am 29. März 2010 um 09:39 Uhr

Massive Missstände im Paradies für muslimische Märtyrer, es gibt dort nämlich nicht genug Jungfrauen. Pro Tag sprengt sich weltweit durchschnittlich ein gutes Dutzend Selbstmordattentäter in Stücke, wobei die Hochburgen der Himmelfahrt weiterhin Irak, Pakistan und Afghanistan sind. 72 Jungfrauen stehen laut Koran jedem Märtyrer als Belohnung zu, wenn er im Paradies angekommen ist – das sind jeden Tag fast 1000 neue Jungfrauen. Obwohl sich Fanatiker und Dschihadisten deshalb immer häufiger in der Nähe von belebten Marktplätzen, bei Pilgergruppen mit Kindern oder vor den letzten afghanischen Mädchenschulen in die Luft jagen, kommt im Jenseits nicht genug Nachschub an. Selbst, wenn man bei Mindestalter und nachweislicher Jungfräulichkeit sehr großzügig ist.

Leider haben die Islamisten keinen Oberhirten wie unsereins den guten Benedikt, der mit einigen Irrtümern aufräumen und Märtyrern in spe in einem Hirtenbrief verklickern könnte, wie die Sache im Paradies tatsächlich läuft. Denn natürlich kann ein neunzehnjähriger Ziegenhirte, der sich mit 800 Gramm Plastiksprengstoff in Hundefutter verwandelt hat, im Paradies nicht das alte (und ihm vermutlich noch vollkommen neue) rein-raus-Spiel spielen. Wegen kein Körper. Das mit den paradiesischen Jungfrauen ist also wie Pornokucken ohne Hände, wie Wasserpfeife ohne Feuer, wie heiliger Krieg ohne Krieg. Bringt nix.

Man kann nur hoffen, dass dieser Blog genügend Leser und aufklärerische Durchschlagskraft hat, um weiteren Missverständnissen vorzubeugen und bittere Enttäuschungen zu verhindern. Gerade jetzt, wo im Irak die Demokratieverlierer das Wahlergebnis anzweifeln und es sicher wieder reichlich knallen wird. Liebe Leser, wenn Sie einen potentiellen Selbstmordattentäter kennen, sprechen Sie bitte mit dem jungen Mann oder schicken Sie ihm einen Link zu diesem Beitrag. Analog zum bitterbösen Witz über Contergan-Kinder, den man sich früher auf dem Schulhof erzählte (Keine Arme, keine Kekse), könnte man diesen Menschen sagen: Was willst du im Himmel ohne Pimmel?

PS: Es gibt doch mittlerweile auch weibliche Selbstmordattentäter. Weiß jemand, welche Art von Belohnung die versprengten Damen im Jenseits erwartet?

PPS: (Montag, 16:00 h) Nein, selbstverständlich wusste ich gestern, als ich diesen Beitrag schrieb und zur automatischen Veröffentlichung für heute 9:39 h abspeicherte, nicht, dass nahezu zeitgleich zwei Terroristinnen in der Moskauer U-Bahn ihre Bomben zünden würden. Herzlichen Dank an alle Leser, die mir genügend Hellsichtigkeit oder Taktlosigkeit zutrauen, um den blutigen Anschlag derart zeitnah im Blog zu verbraten, aber es war nur Zufall. Hoffentlich – nicht dass ich so eine Art ahnungsloses Orakel bin, die Sphinx aus Dortmund.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Tigerentenwahnsinn

Geschrieben von Johannis am 28. März 2010 um 13:13 Uhr

Versteht jemand, wieso Wehr- und Zivildienst jetzt unbedingt mit der Brechstange verkürzt werden müssen? Steckt dahinter mehr als nur die Profilneurose jenes Gruselkabinetts, das in puncto Unbeliebtheit, Planlosigkeit und innerer Verzicktheit ständig neue Rekorde setzt? Handeln die vielleicht nach dem Motto „Egal was – Hauptsache Veränderung?“

Steuersenkungen bei gleichzeitiger Rekordverschuldung, Verlängerung der Betriebserlaubnis für alte Kernkraftwerke, ein Außenminister als verbaler Daueramokläufer – sind das schon alle Symptome des Tigerentenwahnsinns? Was kommt als nächstes, wird auf Deutschlands Straßen der Linksverkehr eingeführt? Und warum ändert man Wehr- und Zivildienst, wenn denn schon unbedingt etwas anders werden muss, nicht konsequent? Was ist schlecht an einer Berufsarmee? Wieso nicht ein verpflichtendes soziales Jahr für alle jungen Leute, Männlein wie Weiblein? Von mir aus wahlweise abzuleisten in Uniform beim Bund oder als Zivildienst. Gleiches Recht für alle, wäre das nicht deutlich fairer?

Nach Rinderwahn, Schweinepest und Vogelgrippe wird der Tigerentenwahnsinn sicher bald an jeder veterinärmedizinischen Hochschule zum Standardlehrstoff gehören. Hoffentlich wird bereits nach einem Gegenmittel geforscht. Oder es gibt wenigstens bald einen Impfstoff, bevor in Berlin alle komplett durchdrehen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Einzugsgründe

Geschrieben von Johannis am 26. März 2010 um 13:01 Uhr

Heute auf den Tag genau vor 14 Jahren betrat ich zum ersten Mal die Wohnung, in der ich seither hause. Nach einem halbnetten Gastspiel im oberbayerischen Voralpenland gen Norden geflüchtet und frisch in Dortmund angekommen, hatte ich zuerst eine wenig erfreuliche Mitwohngelegenheit in der nahe gelegenen Calvinstraße und hab mich dann bald nach etwas Eigenem umgetan. Damals waren bezahlbare & bewohnbare Buden in dieser Stadt noch ziemlich rar, drum war ich recht froh, als die mürrische Mitarbeiterin der gemeinnützigen Wohnbaugesellschaft mir die Schlüssel über den Tisch schob und ich zur Besichtigung aufbrechen konnte.

Die Hütte war und ist nichts Besonderes. Zweieinhalb Zimmer im ersten Stock einer ruhigen Wohnstraße, zu Fuß sind’s zehn Minuten bis in die Innenstadt, bis zum nächsten Bäcker zwei. Die ganze linke Straßenseite wurde in den Zwanzigern einheitlich bebaut, um den kaufmännischen Angestellten eines jener Hüttenwerke, die damals zusammen mit den Kohlengruben für Arbeit und bescheidenen Wohlstand an der Ruhr sorgten, als Domizil zu dienen. Das war lange vor dem Strukturwandel. Die Hinterhöfe durchzieht eine durchgehende Grünfläche mit mehreren Kinderspielplätzen und alten Bäumen, vorn ist etwas Rasen und direkt an der Straße reichlich Platz für Hundekacke. Der Mietzins ist moderat, warum also nicht?

Im Krieg wurde ein Nachbarhaus zum Trümmerkrater zerbombt und später wieder zusammengemörtelt, aber ich wohne immer noch in der Originalsubstanz aus den Zwanzigern. Was spätestens dann offenkundig wird, wenn man an einem stillen Abend den um mich herum wohnenden Stehpinklern beim Pullern zuhören kann. Ja natürlich, auch im Haus nebenan. Altbau eben, dafür aber hohe Decken. Bei meiner Besichtigung hat die Wohnung übrigens schlimmer als das Dritte Reich direkt nach der Kapitulation der Nazis ausgesehen, total verwüstet. Die alte Dame, deren Name immer noch an meinem Stromzähler steht, war nämlich nach dem Tod ihres Mannes langsam in die komplette Demenz geschliddert und schließlich zur Zwischenlagerung in einen Altenknast abgeschoben worden, bevor sie auf dem Friedhof hoffentlich die ewige Ruhe fand.

In den Jahren vor ihrem Auszug hatte sie langsam die Kontrolle über alles verloren. Das bezeugten die eingetrockneten Urinpfützen auf dem Linoleum im leergeräumten Schlafzimmer genauso wie Millionen klebrig-schmieriger Spuren auf allen erreichbaren Oberflächen. Spätestens, als ich beim Tapezieren eine blassgelb steifgetrocknete Feinripp-Unterhose hinter der Heizung hervorzog, war mir klar, was Inkontinenz bedeutet. Ich bilde mir heute noch manchmal ein, dass der Heizkörper im Schlafzimmer, trotz dutzendfacher Waschungen und großzügigen Einsatzes von Lavendelöl, beim Warmwerden etwas stechend riecht. Nein, zum Neulackieren war ich dann später zu faul, ich hab’s im Schlafzimmer eh gern kühl.

Weshalb ich die versiffte Bude eigentlich genommen habe? Weil sie hell und sonnig ist, weil mir die Lage gefiel, und wegen der Kornelkirsche im Garten (siehe unten, Foto von gestern). Cornus mas, ein Großstrauch oder Baum, auch Gelber Hartriegel oder Dirndlstrauch genannt, blüht früh im Jahr, oft noch vor der Forsythie. Ein großes, gut gewachsenes Exemplar steht hinterm Haus und leuchtet mir jeden Frühling direkt ins Küchenfenster, weshalb ich die Küche vor ein paar Jahren ebenfalls in passendem Gelbton streichen musste. Apropos Streichen – vor meinem Einzug damals habe ich vier Wochen renoviert wie ein Irrer, hab Tapeten bis zum Putz runtergekratzt, sämtliche Oberflächen lackiert oder erneuert, und mir – wo das nicht ging – die Finger blutig geschrubbt. Also die Türen, Fenster, Wandfliesen, das Bad et cetera. Nie zuvor war mir bewusst gewesen, wie viel Syph ein einzelner Mensch verursachen kann. Sogar eine schrumplige, kleine, verschusselte Oma. Gruselig.

Warum ich hier eigentlich noch wohne, frage ich mich manchmal. Es gibt zwar gute Gründe, aber keine zwingenden. Nach wie vor scheint die Sonne – wenn sie scheint – durch große Fenster vormittags in Küche und Bad und nachmittags in meine Wohn- und Schlafgemächer. Die Hausgemeinschaft ist, bis auf ein paar schräge Vögel, recht passabel. Und die Kornelkirsche steht noch im Hinterhof, sie blüht grad wieder. Abgesehen davon hat sich nicht viel getan, ich habe weiterhin weder einen Balkon noch einen wirklich inspirierenden Plan für die verbleibende Restlebenszeit. Gut, andererseits bin ich bisher weder als Attentäter oder Amokläufer in Erscheinung getreten, nicht im Knast oder der geschlossenen Psychiatrie gelandet, und habe auch noch keinen Eingang in die Dortmunder Sterblichkeitsstatistik gefunden. Sicherlich keine großen Ruhmestaten, aber unter den gegebenen Umständen und im Hinblick auf meine geistige Gesamtverfassung doch zumindest ein Achtungserfolg.

Gestern berichtete mir ein Freund, dass seine Beziehung zu jener Frau, mit der er seit vier Jahren zusammenlebt, ein überraschendes Ende gefunden hat. Okay, das hat vielleicht ihn überrascht, sie und mich nicht wirklich. Nein, ich hatte nichts mit ihr. Schade zwar, aber es menetekelte zwischen den beiden schon seit einiger Zeit, und aus den Distanz kann man bekanntlich prima schlaumeiern. Ich hab ihm vorgeschlagen, wir könnten ja in eine Halbalten-WG ziehen, so Leute zwischen vierzig und Mitte fuffzig. Gemischte Besetzung, alle noch ohne Rollator und mit festsitzenden Zähnen, Leute mit Grips und Humor, jeder hat seinen eigenen Bereich, aber man macht auch was zusammen. Außer Kochen und Putzen zum Beispiel Feten, wo man mal gemeinsam ein Fass aufmacht oder einen durchziehen kann.

Vielleicht irgendwo aufs Land, aber citynah. Unbedingt mit Garten. Da hätte man immer ein paar Leute zur Gesellschaft, statt frustig vor sich hinzusinglen, und könnte sich trotzdem schon mal langsam auf das Finale in einem staatlichen Seniorengulag einstimmen. Wenn’s dann endlich soweit ist, dass wir uns selbst einpissen und nicht mehr erinnern können, wie der nette junge Mann im weißen Kittel heißt, der uns jeden Tag besuchen kommt. Herr Alzheimer? Nein, das war doch dieser Sozialphilosoph, oder?

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Am Wesen der Chinesen wird die Welt genesen

Geschrieben von Johannis am 24. März 2010 um 08:55 Uhr

Na, heute schon Chinesisch gebüffelt? Nein? Dann wird’s aber Zeit, denn Englisch kann man bald vergessen, das wird höchstens noch gebraucht, um die Songs von Snow Patrol und Coldplay zu verstehen. Ja, die Bandnamen passen prima zum Wetter der letzten Monate, zumindest, wenn man den Winter nicht auf Sizilien oder Madeira verbracht hat. Konnte leider auf die Schnelle keine Musiker finden, die unter den Namen Avalanche of Mud, Snow on the Beach oder Torrential Rain auftreten. Was wollte ich? Ach ja, die neue Superpower.

Es ist schon ziemlich tragisch, dass ausgerechnet der sympathische und kräftig pigmentierte Präsident Obama den Niedergang der USA als Weltmacht orchestrieren muss. Solch beschämende Erfahrung hätte man George W. Bush von ganzem Herzen gegönnt, aber doch nicht Mister Yes-we-can. Life is a real bitch, auch wenn es mit der Gesundheitsreform wohl geklappt hat. Wie auch immer, während Europa und die USA nur Drama können und von einer Krise in die nächste schliddern, kommen aus dem Reich der Mitte ständig neue Rekordmeldungen.

Fast 11 Prozent Wirtschaftswachstum im letzten Quartal 2009, um 45% gestiegene Ausfuhren im Februar, Exportweltmeister, Spitze in den Disziplinen „Rätselhafter Dissidentenschwund“ und „Reiseverbot für Systemkritiker“, dazu Weltmeister bei Verhängung und Vollstreckung der Todesstrafe – das soll den Chinesen erstmal jemand nachmachen! Vorlaute Menschenrechtler leben gemütlich und zufrieden in pädagogisch-betreuenden Einrichtungen; Tibeter und Uiguren sind froh, dass die Armee sie rund um die Uhr vor plötzlichem Volkszorn beschützt und von weiteren Dummheiten abhält; und das abtrünnige Taiwan wird sicher schon sehr bald unter die Fittiche der mütterlichen Kommunisten kriechen. Reumütig. Alles ist gut in der Volksrepublik. Fast alles.

150 Millionen Wanderarbeiter ziehen weitgehend entrechtet durchs Land und machen jeden Drecksjob. Ein gigantisches Bauernheer schaut zu, wie die Industrie ihnen Boden und Wasser verseucht, derweil ihre einst ertragreichen Äcker verdorren. Wöchentlich werden zwei neue Kohlekraftdreckschleudern eingeweiht, und bei Automobilverkaufszahlen und Passagieraufkommen im Luftverkehr wird China die USA sehr bald überholen. Schöne Aussichten, klimatechnisch. Währenddessen kaufen chinesische Staatsorgane in Afrika und anderswo Millionen Hektar fruchtbares Ackerland, Kohle-, Kupfer- und Kobaltminen und jedes Erdölvorkommen, das sie in die Finger kriegen können. Weil Iran 10% der Weltölreserven und 15% aller Erdgasvorkommen besitzt, verhindert China zuverlässig Sanktionen gegen den Irren von Teheran und verschafft Mahmud Ahmadinedschad ausreichend Zeit, um seine Atombomben zu bauen. Auch die Junta von Birma steht unter dem Schutz des mächtigen Nachbarn, bei der UN reicht ja eine Stimme für ein Veto.

Zum Glück können afrikanische Diktatoren problemlos den Boden unter den Füßen ihrer hungernden Untertanen verscherbeln, denn beim Shopping haben die Chinesen keine Skrupel, aber mächtig Angst vor Engpässen an der heimischen Reistafel. Auch Geld spielt keine Rolle, China ist stinkreich. Wenn die Führung der KP übermorgen schlechte Laune bekommt und all die Billionen zurückfordert, die Amerika den Chinesen schuldet, oder die gigantischen Mengen gehorteter Devisen auf den Markt wirft, kann der kapitalistische Westen dichtmachen. Dann müssen wir nicht länger darauf warten, dass der griechische Pleitegeier uns in die Suppe spuckt, oder die Spanier, Iren und Portugiesen den Euro in Spielgeld verwandeln, denn dann ist Schluss mit lustig und die blaue Europaflagge trägt entweder mitten im Sternenkranz Hammer und Sichel, oder sie wird gleich rot eingefärbt und mit ein paar neuen Sternen dekoriert.

Vor etwa zehn Jahren arbeitete ich einige Male als Reiseleiter in China. Die üblichen 14-Tage-Touren, erst Shanghai und dann nach Wuhan, mit dem Schiff den Jangtse rauf bis Chongqing, danach die Terrakotta-Armee in Xian, Flug nach Peking und dort das volle Programm von Königspalast bis chinesische Mauer. Dazwischen erlebten meine Touristen, wie Flussperlen gezüchtet, Jadebrocken geschliffen, Seidefäden gesponnen und Souvenirs verhökert werden – alles mit Eifer und chinesischer Effizienz. Zur jener Zeit wurden die fast leeren Autobahnen noch von Hand gefegt. Wirklich, mitten in der endlosen Landschaft tauchte ab und zu auf der rechten Spur ein einsamer Mann mit einer verblichenen Warnweste, einem Bambusbesen und ‘ner Schubkarre auf! Schon damals erschienen mir die Chinesen wenig sympathisch: laut, unfreundlich, extrem geschäftstüchtig (um es höflich auszudrücken) und von einem fanatischen Ehrgeiz durchdrungen. Letzteren habe ich mir damit versucht zu erklären, dass Religion im kommunistischen China verpönt war, Opium fürs Volk eben. Wo Buddha herrscht, wird auch gelächelt. Oder so. Jetzt sind die Zeiten liberaler und der neue Gott der Chinesen knistert, wie es nur Banknoten oder Kontoauszüge tun. Zum Lächeln bleibt da leider wenig Zeit, aber dem goldenen Kalb ist es Wurscht, ob man es Renmimbi oder Dollar nennt, Hauptsache es wird umtanzt.

Der Kampf der Titanen findet bekanntlich auch im Netz statt, da gibt es Cyberattacken am laufenden Band. Wahrscheinlich kaufen wir die nächste CD mit geklauten Bankdaten von FDP-Mitgliedern Steuerbetrügern nicht in Zürich oder Bern, sondern von Hackern aus Hainan. Übrigens, Produktpiraterie lernen die kleinen Chinesen schon im Vorschulkindergarten – wer nicht kopiert, hat’s nicht kapiert. Deutsche Mittelständler flüchten mittlerweile wie Google aus China, weil ihnen dort das Know-how schneller geklaut wird, als sie ihre Fabriken hochziehen können. Macht euch drauf gefasst – zukünftig kommt alles Gute nicht etwa von oben, sondern immer aus dem Osten.

Habe ich Mitleid mit den Amerikanern und dem drohenden Ende ihrer Karriere als bedeutendste Weltmacht? Kaum. Fürchte ich mich vor den Chinesen. Ja, ein bisschen. Übertriebener Ehrgeiz und unterdrückte Minderwertigkeitsgefühle sind ein guter Nährboden für Größenwahn und Irrsinn, das kann man in Nordkorea, im Iran und auch bei Guido Westerwelle gut erkennen. Wehe, wenn sie losgelassen!

Apropos von der Leine lassen: Laut Gesetzesvorlage soll der Verzehr von Hunden und Katzen in China bald verboten sein. Die wachsende Mittelschicht kopiert westliche Sitten, deshalb dürfen Haustiere immer öfter im Wohnzimmer auf dem Teppich statt neben dem Herd in einer Marinade aus Reiswein, Ingwer und Sojasauce liegen. Aber der Widerstand gegen das Gesetz ist groß, speziell in der südchinesischen Stadt Guangzhou. Scharfer Stubentiger süßsauer und Katerköstlichkeiten mit Bambussprossen und Tungupilzen sind in den dortigen Restaurants dermaßen gefragt, dass die Köche im großen Stil Katzen aus den umliegenden Provinzen importieren müssen.

Genug genörgelt. Mahlzeit!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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