Na, heute schon Chinesisch gebüffelt? Nein? Dann wird’s aber Zeit, denn Englisch kann man bald vergessen, das wird höchstens noch gebraucht, um die Songs von Snow Patrol und Coldplay zu verstehen. Ja, die Bandnamen passen prima zum Wetter der letzten Monate, zumindest, wenn man den Winter nicht auf Sizilien oder Madeira verbracht hat. Konnte leider auf die Schnelle keine Musiker finden, die unter den Namen Avalanche of Mud, Snow on the Beach oder Torrential Rain auftreten. Was wollte ich? Ach ja, die neue Superpower.
Es ist schon ziemlich tragisch, dass ausgerechnet der sympathische und kräftig pigmentierte Präsident Obama den Niedergang der USA als Weltmacht orchestrieren muss. Solch beschämende Erfahrung hätte man George W. Bush von ganzem Herzen gegönnt, aber doch nicht Mister Yes-we-can. Life is a real bitch, auch wenn es mit der Gesundheitsreform wohl geklappt hat. Wie auch immer, während Europa und die USA nur Drama können und von einer Krise in die nächste schliddern, kommen aus dem Reich der Mitte ständig neue Rekordmeldungen.
Fast 11 Prozent Wirtschaftswachstum im letzten Quartal 2009, um 45% gestiegene Ausfuhren im Februar, Exportweltmeister, Spitze in den Disziplinen „Rätselhafter Dissidentenschwund“ und „Reiseverbot für Systemkritiker“, dazu Weltmeister bei Verhängung und Vollstreckung der Todesstrafe – das soll den Chinesen erstmal jemand nachmachen! Vorlaute Menschenrechtler leben gemütlich und zufrieden in pädagogisch-betreuenden Einrichtungen; Tibeter und Uiguren sind froh, dass die Armee sie rund um die Uhr vor plötzlichem Volkszorn beschützt und von weiteren Dummheiten abhält; und das abtrünnige Taiwan wird sicher schon sehr bald unter die Fittiche der mütterlichen Kommunisten kriechen. Reumütig. Alles ist gut in der Volksrepublik. Fast alles.
150 Millionen Wanderarbeiter ziehen weitgehend entrechtet durchs Land und machen jeden Drecksjob. Ein gigantisches Bauernheer schaut zu, wie die Industrie ihnen Boden und Wasser verseucht, derweil ihre einst ertragreichen Äcker verdorren. Wöchentlich werden zwei neue Kohlekraftdreckschleudern eingeweiht, und bei Automobilverkaufszahlen und Passagieraufkommen im Luftverkehr wird China die USA sehr bald überholen. Schöne Aussichten, klimatechnisch. Währenddessen kaufen chinesische Staatsorgane in Afrika und anderswo Millionen Hektar fruchtbares Ackerland, Kohle-, Kupfer- und Kobaltminen und jedes Erdölvorkommen, das sie in die Finger kriegen können. Weil Iran 10% der Weltölreserven und 15% aller Erdgasvorkommen besitzt, verhindert China zuverlässig Sanktionen gegen den Irren von Teheran und verschafft Mahmud Ahmadinedschad ausreichend Zeit, um seine Atombomben zu bauen. Auch die Junta von Birma steht unter dem Schutz des mächtigen Nachbarn, bei der UN reicht ja eine Stimme für ein Veto.
Zum Glück können afrikanische Diktatoren problemlos den Boden unter den Füßen ihrer hungernden Untertanen verscherbeln, denn beim Shopping haben die Chinesen keine Skrupel, aber mächtig Angst vor Engpässen an der heimischen Reistafel. Auch Geld spielt keine Rolle, China ist stinkreich. Wenn die Führung der KP übermorgen schlechte Laune bekommt und all die Billionen zurückfordert, die Amerika den Chinesen schuldet, oder die gigantischen Mengen gehorteter Devisen auf den Markt wirft, kann der kapitalistische Westen dichtmachen. Dann müssen wir nicht länger darauf warten, dass der griechische Pleitegeier uns in die Suppe spuckt, oder die Spanier, Iren und Portugiesen den Euro in Spielgeld verwandeln, denn dann ist Schluss mit lustig und die blaue Europaflagge trägt entweder mitten im Sternenkranz Hammer und Sichel, oder sie wird gleich rot eingefärbt und mit ein paar neuen Sternen dekoriert.
Vor etwa zehn Jahren arbeitete ich einige Male als Reiseleiter in China. Die üblichen 14-Tage-Touren, erst Shanghai und dann nach Wuhan, mit dem Schiff den Jangtse rauf bis Chongqing, danach die Terrakotta-Armee in Xian, Flug nach Peking und dort das volle Programm von Königspalast bis chinesische Mauer. Dazwischen erlebten meine Touristen, wie Flussperlen gezüchtet, Jadebrocken geschliffen, Seidefäden gesponnen und Souvenirs verhökert werden – alles mit Eifer und chinesischer Effizienz. Zur jener Zeit wurden die fast leeren Autobahnen noch von Hand gefegt. Wirklich, mitten in der endlosen Landschaft tauchte ab und zu auf der rechten Spur ein einsamer Mann mit einer verblichenen Warnweste, einem Bambusbesen und ‘ner Schubkarre auf! Schon damals erschienen mir die Chinesen wenig sympathisch: laut, unfreundlich, extrem geschäftstüchtig (um es höflich auszudrücken) und von einem fanatischen Ehrgeiz durchdrungen. Letzteren habe ich mir damit versucht zu erklären, dass Religion im kommunistischen China verpönt war, Opium fürs Volk eben. Wo Buddha herrscht, wird auch gelächelt. Oder so. Jetzt sind die Zeiten liberaler und der neue Gott der Chinesen knistert, wie es nur Banknoten oder Kontoauszüge tun. Zum Lächeln bleibt da leider wenig Zeit, aber dem goldenen Kalb ist es Wurscht, ob man es Renmimbi oder Dollar nennt, Hauptsache es wird umtanzt.
Der Kampf der Titanen findet bekanntlich auch im Netz statt, da gibt es Cyberattacken am laufenden Band. Wahrscheinlich kaufen wir die nächste CD mit geklauten Bankdaten von FDP-Mitgliedern Steuerbetrügern nicht in Zürich oder Bern, sondern von Hackern aus Hainan. Übrigens, Produktpiraterie lernen die kleinen Chinesen schon im Vorschulkindergarten – wer nicht kopiert, hat’s nicht kapiert. Deutsche Mittelständler flüchten mittlerweile wie Google aus China, weil ihnen dort das Know-how schneller geklaut wird, als sie ihre Fabriken hochziehen können. Macht euch drauf gefasst – zukünftig kommt alles Gute nicht etwa von oben, sondern immer aus dem Osten.
Habe ich Mitleid mit den Amerikanern und dem drohenden Ende ihrer Karriere als bedeutendste Weltmacht? Kaum. Fürchte ich mich vor den Chinesen. Ja, ein bisschen. Übertriebener Ehrgeiz und unterdrückte Minderwertigkeitsgefühle sind ein guter Nährboden für Größenwahn und Irrsinn, das kann man in Nordkorea, im Iran und auch bei Guido Westerwelle gut erkennen. Wehe, wenn sie losgelassen!
Apropos von der Leine lassen: Laut Gesetzesvorlage soll der Verzehr von Hunden und Katzen in China bald verboten sein. Die wachsende Mittelschicht kopiert westliche Sitten, deshalb dürfen Haustiere immer öfter im Wohnzimmer auf dem Teppich statt neben dem Herd in einer Marinade aus Reiswein, Ingwer und Sojasauce liegen. Aber der Widerstand gegen das Gesetz ist groß, speziell in der südchinesischen Stadt Guangzhou. Scharfer Stubentiger süßsauer und Katerköstlichkeiten mit Bambussprossen und Tungupilzen sind in den dortigen Restaurants dermaßen gefragt, dass die Köche im großen Stil Katzen aus den umliegenden Provinzen importieren müssen.
Genug genörgelt. Mahlzeit!
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«