Danke, Guido!
Geschrieben von Johannis am 20. Februar 2010 um 09:39 Uhr
Wenn Hühner fleißig Eier legen oder ein Bär in den Wald scheißt, taugt das nicht als Nachricht. Insofern ist auch ein Psychopath, der mit Schaum vorm Maul durch die Irrenanstalt tobt, sich das Hemd in Fetzen reißt und brüllt, er sei Napoleon, Adolf Hitler oder der wiedergeborene Messias, eigentlich nicht der Erwähnung wert. Dass es heute trotzdem und schon wieder um unseren Bundesaußenminister und größten FDP-Parteivorsitzenden aller Zeiten gehen soll, hat vor allem zwei Gründe: Fassungslosigkeit und Dankbarkeit.
Ich bin fassungslos über das Ausmaß von Idiotie und Scheinheiligkeit, das die hetzerischen Bemerkungen von Westerwelle und Konsorten kennzeichnet. Tag für Tag wird gefordert, dass Hartz-IV-Empfänger finanziell nicht besser gestellt sein dürfen als Leute, die brav zur Arbeit gehen (vulgo Deppen). Gleichzeitig ist die FDP kategorisch gegen Mindestlöhne und sorgt somit dafür, dass Arbeitnehmer im boomenden Niedriglohnsektor mit Beträgen abgespeist werden, die beschämend klein sind und eher an Taschengeld erinnern. Steuergeschenke für Hoteliers, Verlängerung der Laufzeiten für Atomkraftwerke, das penetrante Beharren auf einer Steuerreform zum Nutzen der eigenen Klientel, zugleich eine knüppelschwingende Gutsherrenattitüde im Umgang mit Arbeitslosen und als Sahnehäubchen auf der Torte der Widersprüchlichkeiten die ewige Forderung nach mehr Privatinitiative und weniger staatlicher Einmischung – geht es noch paradoxer?
Haben die eigentlich gar nichts kapiert? Es ist doch gerade der Liberalismus mit seinem weniger-Staat-Mantra, dem wir deregulierte Finanzmärkte und als Folge die Weltwirtschaftskrise verdanken. Von Margaret Thatcher bis zu Guido Westerwelle führt eine blutige Schleimspur, die es Konzernen erleichtert, Löhne zu drücken, Kosten zu senken und Profite zu steigern, auf der aber gerade die Werktätigen (vulgo Deppen) langsam aber sicher ins Verderben rutschen. Steuern runter, weniger Staat, wir haben die Lösung für alle Probleme – aus der FDP kommen immer die gleichen großkotzigen Sprüche, hört man stets dasselbe Rezept. Aber die Zeiten ändern sich rapide, die Welt ist komplizierter geworden. Heute brauchen wir beim Klimaschutz, für die Finanzmärkte oder im Internet eher mehr Regeln als weniger, und vor allem einen starken Staat, der neue Gesetze gegen Klimasünder, Spekulanten und Cyberkriminelle auch energisch durchsetzt. Das haben die neunmalklugen Liberalen aber offenbar noch nicht begriffen. Oder sie wissen, dass sie Schwachsinn reden und auf verlorenem Posten stehen, und verteidigen trotzdem ihren veralteten Liberalismus mit religiösem Wahn und exakt jener überheblichen Verlogenheit, für die man sie zu Recht hasst. Egal.
Dankbar bin ich, und zwar aus tiefstem Herzen, weil Kamikaze-Guido seine Partei schneller und entschlossener in den Ruin steuert, als ich mir das in meinen kühnsten Träumen hätte ausmalen können. Tiefstwerte bei den Umfragen für ihn selbst und die Partei – kann man sich mehr wünschen? Gut, er könnte den Haider machen oder mit dem Fallschirm abstürzen, aber man muss ja bescheiden sein. Hochmut kommt vor dem Fall, sagte meine Mutter früher – also gibt der chronisch-pathologische Größenwahn des Herrn Westerwelle reichlich Anlass zu Hoffnung. Im Mai wird in NRW garantiert eine schwarzgrüne Regierung gewählt, und wenn wir weiterhin soviel Glück haben, bricht die Berliner Fehlstartkoalition schon deutlich vor der nächsten Bundestagswahl auseinander. Prima.
An Angies Stelle würde ich jeden Abend vor meinem Bett knien und darum beten, dass der durchgeknallte Vize-Kanzler noch mehr Blödsinn verzapft und sich bald den politischen Hals bricht. Ich drück ihr und ihm ganz fest die Daumen. Übrigens, kleiner Tipp, Guido. Geh’ doch mal auf den Flur und kuck, was auf dem Schild neben deiner Bürotür steht. Außenminister. Siehste, wusste ich’s doch. Außenpolitik ist das Gegenteil von Innenpolitik, deshalb gehen dich die meisten Themen, zu denen du so energisch das Maul aufreißt, eigentlich nix an. Kannste ja mal drüber nachdenken, während du in irgendein fernes Land fliegst, um dort den grinsenden Wichtigmann zu geben.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
Veröffentlicht in Perlenschwein | Kommentar schreiben »


