Viele Leute klicken mittlerweile automatisch weg, wenn sie irgendwo Hartz-IV lesen. Verständlich. Die einen leben wie Maden im Speck von Sozialtransfers und interessieren sich einen Scheißdreck für den Staat, die anderen finanzieren das feiste Wohlleben der Sozialschmarotzer mit empörend hohen Steuern aufs ebenso magere wie sauer verdiente Einkommen und ärgern sich deshalb schon mehr als genug. Schön ist das alles nicht.
Und jetzt noch dieser Wahnsinn mit den Sonderleistungen für Härtefälle. Ab sofort bekommen Hartz-Vierer auch noch Geld für Nachhilfeunterricht. Dabei weiß doch jeder, dass die meisten Arbeitslosen erst mittags aus dem Bett kriechen und dann überrascht feststellen, dass die Blagen im Kinderzimmer Ballerspiele zocken, statt brav im Klassenzimmer zu lernen. Der Unterschichtnachwuchs weiß genau, wie’s bei World Of Warcraft zum schwierigsten Level geht, aber den Weg zur Schule finden die Kiddies ohne Eskorte oder Navigationsgerät leider nicht. Vor lauter Frust muss der Hartz-Vierer dann bereits zum Frühstück Billigpils trinken, macht sich aber immerhin eine Notiz, beim nächsten ARGE-Besuch Sonderkohle für Nachhilfestunden zu beantragen. Und zu fragen, ob Vater Staat wohl auch ein GPS-Handy mit Navi zahlt, für den Schulweg der orientierungsschwachen Kids.
Neulich war ich beim Discounter und mir fielen zwei Typen auf, die ihren Einkaufswagen mit ungewöhnlich guter Laune durch die Gänge schoben. Sie waren so Anfang zwanzig, trendige Frisuren, multiple Augenbrauenpiercings und auch sonst reichlich Blech im Gesicht. Mit Elan luden sie Waren aller Art in den Einkaufswagen, rissen lautstark mittelblöde Witze, und schoben irgendwann zur Kasse. Der Zufall wollte, dass ich mich dort hinter ihnen einreihte. Die Kassiererin zog das bunte Allerlei über den Scanner und gab mit freundlicher Stimme die Endsumme von 76,84 Euro bekannt. „Darf ich ma’ ehm“, drängelte sich einer der Gepiercten an mir vorbei und warf kurz darauf fünf Überraschungseier aufs Band. „Die nehmwa auch noch“ informierte er die Kassiererin, die kurz darauf den Endstand von achtundsiebzignochwas ansagte. Mit den Worten „Rest is’ Trinkgeld“ reichte der junge Shopper ihr einen amtlichen Wisch und stopfte gemeinsam mit seinem Kollegen den Einkauf in etliche neongelbe Plastikbeutel.
Neugierig, wie es sich für einen Menschen mit Schreibwut und journalistischen Ambitionen gehört, befragte ich kurz darauf die Dame an der Kasse – natürlich mit der gebotenen Diskretion – über die rätselhaften Vorgänge. Sie verriet mir, das sei alles ganz normal. Die Arbeitsämter würden eben Einkaufsgutscheine ausstellen, in diesem Fall für 80 Euro. Bis auf Alkohol und Zigaretten gibt’s dafür alles, auch Überraschungseier. Offenbar kann man bestimmten Leuten kein Bargeld anvertrauen und auch Überweisungen machen wenig Sinn. Typische Hartz-IVer eben.
So, spätestens jetzt müsste die Leserschaft in zwei Lager gespalten sein. Den einen ist vom ständigen Kopfnicken schon ganz schwindelig, die anderen stehen wegen der üblen Polemik kurz vorm Herzinfarkt. Um beide Gruppen vor ernsthaften Gesundheitsschäden zu bewahren und auf die These in der Überschrift zurückzukommen, möchte ich folgendes anmerken: Ja, es gibt faules, arbeitsscheues Pack, das den Sozialstaat dreist ausnutzt, aber sie sind klar in der Minderheit. Noch. Und ja, es gibt Leute, die rund um die Uhr mit Unterschichtenfernsehen, Rauchen und Bierholen ausgelastet sind und sich deshalb nicht um Jobsuche oder den Schulabschluss ihrer Kinder kümmern können. Auch sie dürften unter den Hartz-IV-Empfängern deutlich in der Minderheit sein.
Und ja, Migranten leben doppelt so oft von Sozialtransfers wie Leute ohne Migrationshintergrund. Zum Teil, weil Ausländer vom deutschen Bildungssystem benachteiligt werden, teils aber sicherlich auch, weil Qualifikationen und Jobs ohne ordentliche Deutschkenntnisse schwer zu kriegen sind. Und nicht jeder Fremde hat Lust, die hiesige Landessprache zu erlernen. Es ist sogar nicht vollkommen auszuschließen, dass manch Einwanderer sich sagt: „Deutschland? Eyh, voll gut, Alter. Krissu immer Kohle, auch wenn nix Arbeit. Nur Deutsche sind nix gut, voll Scheiße.“
Trotzdem glaube ich, dass die Mehrheit aller Hartz-IV-Empfänger lieber einen Job hätte und sich auch um Arbeit bemüht. Auf der andere Seite ist es natürlich doof, wenn man Arbeit hat, beispielsweise 4700 brutto verdient, und davon geht eine Menge für Steuern drauf. Verstehe ich. Liebe noch-in-Lohn-und-Brot-Stehende, betrachtet es aber bitte mal folgendermaßen: Wenn pro Jahr rund 50 Milliarden nur für die Grundsicherung ausgegeben werden, ist das klug investiertes Geld. Sogar wenn es komplett in die schmierigen Finger stinkfauler Sozialschmarotzer gelangen würde, ist die Kohle gut angelegt. Warum? Weil es für genau den satten, dumpfen Frieden sorgt, an den wir uns in diesem Land gewöhnt haben. Man stelle sich nur einmal vor, all die arbeitslosen, frustrierten und ins Abseits gedrängten Verlierer unserer heißgeliebten Ellenbogengesellschaft bekämen nicht genug Geld, um unauffällig vor sich hin zu vegetieren – Aufruhr, Mord und Totschlag, Vergewaltigung und fröhliches Brandschatzen wären unausweichlich die Folge.
Darum mein Rat an alle Steuerzahler, Gut- und Besserverdiener und vor allem an die Reichen: Seid froh, dass der soziale Friede so billig zu kaufen ist, und zahlt freudig Schutzgeld, damit eure Autos und Häuser nicht brennen und man eure wohlerzogenen Kinder nicht entführt, um euch das Bare abzupressen. Denn noch ist alles ruhig im Land. Zahlt weiter brav eure Steuern und es bleibt friedlich in Germanien.
Jedes Chinarestaurant hat ein Aquarium, meist am Eingang. Viele bunte Fische hinter Glas garantieren, dass regelmäßig Schutzgeld an die chinesische Mafia gezahlt wurde, und der schlitzäugige Mob nicht mit Brandbomben und Maschinenpistolen hereinstürmen wird, während die Gäste Frühlingsrollen knabbern. Lange Warteschlangen im örtlichen Arbeitsamt sind deshalb ebenso beruhigend wie reichlich Zierfische im Aquarium beim Chinesen. Stimmt’s oder hab ich Recht?
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«