Manchmal bin ich kurz davor, doch noch an einen allwissenden, gütigen und strafenden Gott zu glauben. Aber dann reiße ich mich zusammen und mache mir klar, dass die Welt leider erheblich schlechter ist, als ich es mir in meinen finster-nihilistischen Phasen ausmale, und dazu voller sinnloser Zufälle. Hinter denen man bisweilen einen göttlichen Plan vermuten könnte.
Was war geschehen? Am Tag vor Sylvester kam ich mit einem ziemlich verdreckten Auto von meiner Weihnachtsreise zurück, beehrte flugs den Supermarkt meines Vertrauens und beschloss dann, dass es gut und richtig sei, die verdreckte Karre zum Jahresende durch die Waschanlage zu fahren. Ein Mr. Wash lag am Heimweg und beherzt brauste ich dort auf den Hof.
Bekanntlich bin ich kein anständiger Deutscher und gehöre daher nicht zu den Leuten, die ihr Automobil wöchentlich waschen, fönen und legen lassen. Mein alter Passat steht wochentags auf der Straße unter Bäumen, dort trifft ihn separatistisches Laub und manch achtloser Vogelschiss. Der Wagen ist ursprünglich weiß und ich kam von der winterlich versalzenen Autobahn, drum fragte ich den mürrischen Kassierer der Waschanlage, ob mein Vehikel denn wohl sauber würde. Bestimmt, war die Antwort. Und wenn nicht, sollte ich vorn an der Tankstelle Bescheid sagen, dann dürfte ich noch mal unter den schaumig rotierenden Stofffetzen durchfahren.
Ich zahlte 5 Euro und fuhr in die – offenbar jahreszeitlich bedingt – sehr spärlich bemannte Waschhalle. Nur linksseitig kam der Mann mit dem Dampfstrahler, die manuelle Schaumauftragsbürste wurde auch nur huschdiewusch eingesetzt, ab ging’s in die Spurschiene und gefühlte drei Sekunden später stand mein Wagen frisch geföhnt vor der Halle. Und war immer noch dreckig. Ich also nach vorn zur Tankstelle, ein gewinnendes Lächeln aufgesetzt, der jungen Dame mein Leid geklagt und um erneute Durchfahrtserlaubnis gebeten. „Das kann ich nicht entscheiden. Warten Sie bitte, ich rufe einen Kollegen.“
Grummelnd schlich ich zurück zum Auto, stand dort eine knappe Viertelstunde im eisigen Nieselregen, bis schließlich ein vierschrötiger Typ mit einem Putzlappen erschien. Nein, er könne mich nicht gratis durch die Anlage lassen, das sei alter Dreck von Bäumen, der müsse auspoliert werden und das würde 180 Euro kosten. „Und dieses lose Zeug hier“, zeigte ich auf körnigen Schmadder, der an verschiedenen Ecken hing? „Ausgeblasen beim Trocknen“ wurde mir beschieden. „Können sie mich nicht einfach noch mal durchfahren lassen, dann ist das doch weg?“ „Hat keinen Sinn, Ihr Wagen wird mit einer Textilwäsche nicht sauber.“ Offenbar bezog er sich auf jene Wettbewerber, die Autos mit laut aufs Blech trommelnden Monsterbürsten waschen, statt mit sanft kreisenden Stoffstreifen. Energisch scheuerte er mit seinem Lappen über meinen Lack, als wollte er den krümeligen Dreck möglichst tief einmassieren, und wartet auf meinen Auftrag.
Nun hatte ich keine Lust, rund ein Zehntel des Zeitwertes meiner Limousine diesem geldgeilen Polierfuzzy in den Hals zu werfen. Ich wies ihn daher nachdrücklich an, seine Finger von meiner Karre zu nehmen, machte ihm halblaut das Angebot, er könne mit seiner Zunge gern mal meine Analregion erforschen, und fuhr mit einem schmutzigen Auto heimwärts.
Früher, als ich noch jung und kühn war, hätte ich mir eine Spraydose geschnappt und nach Mitternacht meine Bewertung der gebotenen Dienstleistung in großen Lettern an eine gut sichtbare Außenwand der Waschanlage geschrieben. Heute bin ich zwar noch genauso zornig wie damals, kenne aber den Tatbestand der vorsätzlichen Sachbeschädigung und fürchte die Konsequenzen. Daher freute es mich am Dienstag sehr, als im Fernsehen ein Bericht über die schändliche Personalpolitik der Waschfritzen kam.
Die sind nämlich noch schlimmer als Schlecker mit der Du-willst-deinen-Job-doch-sicher-lieber-als-Zeitarbeiter-behalten-Masche. Statt ihren Leuten für die nervtötende Arbeit in der dauerfeuchten und irre lauten Waschhalle den versprochenen Stundenlohn von mickerigen 7 Euro zu zahlen, gibt es bei Mr. Dreck nämlich eine Stückprämie. Ganze 20 Cent pro Wagen wird Studenten, Ausländern und anderen Ausbeutungsbereiten gezahlt, das sind 4 Prozent der Waschgebühr. Kommen – wie am Tag vor Sylvester – wenig Kunden, dann steht am Monatsende eben nur ein mageres Ergebnis auf dem Zettel. 169 Euro waren es bei jenem afrikanischen Mitarbeiter, der sich anonym im Fernsehen äußerte.
Gott ist groß, er sieht alles und seine gerechte Strafe trifft jeden. Oder so. Ich hoffe, dass der Dauerfrost und die negative Berichterstattung über Mr. Wash noch mindestens bis Ende Juni anhalten und die ihren Drecksladen dichtmachen können. Falls zwischendurch mal kurz Tauwetter ist, werde ich meine Karre von Hand waschen. Nein, nicht draußen auf dem Gehweg, sondern ökologisch unbedenklich an so einem Do-it-yourself-Münzen-Schaumbürsten-Dampfstrahl-Platz.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«