Eine Rundfunktante spottete letzte Woche über nörgelnde Radfahrer und ihr Gejammer wegen der verschneiten Radwege. Im hach-ist-das-alles-lustig-Tonfall fragte sie: „Wieso muss man denn eigentlich im Winter überhaupt Radfahren?“ Die Antwort lautet: „Weil der BMW X5 zur Inspektion ist, meine Frau den Mini fährt, und unser Sohn den Golf für sich und seine Kumpels braucht.“ Man könnte natürlich auch erwidern: „Weil ich in der Stadt fast immer das Rad nehme, denn es geht schneller, ist umweltfreundlich und ich hab keinen Stress mit geldgierigen Politessen.“ Oder: „Weil manche Leute eben kein anderes Fahrzeug haben und auch bei Schnee irgendwie vorankommen müssen.“
Neulich, kurz nachdem das Monstertief Daisy endlich abgezogen war, kam ich aus dem Supermarkt, als es schepperte und eine junge Frau samt Rad vor meinen Füßen landete. Der vereiste Radweg vor dem REWE war mit Rollcontainern zugestellt und der Auslieferungsfahrer hatte ihr eine weitere Gitterbox schwungvoll in den Weg geschoben. Worauf sie beim Ausweichmanöver ins Schlingern kam und sich ebenso schwungvoll auf die Schnauze legte. Genauer gesagt aufs rechte Knie. Spontan setzte mein krankhafter Samariter-Reflex ein, drum half ich ihr auf und beim an-die-Seite-Humpeln, stellte ihr leicht lädiertes Rad neben meins an die Hauswand und befragte sie nach ihrem Befinden. Der Lieferfritze schob weiter eifrig sein Zeug durch die Gegend, bewahrte damit unser Volk vor dem unmittelbar bevorstehenden Hungertod, sagte aber keinen Ton. Als geklärt war, dass weder Krankenwagen noch Polizei alarmiert werden mussten, wendete ich mich an den Auslieferungsfahrer. Es entspann sich folgender, leicht gekürzter Dialog:
„Sagen Sie mal, haben sie eigentlich mitbekommen, dass Sie eben die Frau mit Ihrer Gitterbox vom Rad geholt haben?“
„Ich hab ja hinten keine Augen.“
„Genau deshalb sind die Halswirbel beweglich, damit Sie den Kopp drehen können.“
Er zuckt die Schultern und schiebt leere Rollcontainer auf die Ladebordwand. Die Hydraulik heult, der Typ verschwindet im Inneren seines Lastwagens und ich frage die Havaristin, ob er sich eigentlich schon entschuldigt hat. Sie schüttelt den Kopf und reibt sich das geprellte Knie, Tränen in den Augen.
Als der Kerl wieder auftaucht, versuche ich’s auf die pädagogische Tour: „Wie wär’s denn, wenn Sie sich wenigstens entschuldigen würden?“
Der Auslieferungsfahrer schiebt mit mürrischer Miene Gitterboxen durch den Schnee und sächselt: „Genauso gut hätte es auch mich treffen können.“
Mein Blutdruck steigt leicht an und ich kontere: „Es hat Sie aber nicht getroffen, und genau um das zu vermeiden, ist die junge Dame ausgewichen und im Dreck gelandet.“
Im Vorbeigehen nuschelt er „Tschuldigung“ und ich kann mich nur mit Mühe zurückhalten, ihm den Kiefer zu brechen. Aber erstmal ist er älter als ich, zweitens hält das tagtägliche Rumschieben von etlichen Tonnen Volksversorgungsgütern wahrscheinlich fitter als meine Tipperei, und drittens schlage ich nie Menschen, die älter, kräftiger oder mir geistig unterlegen sind. Anzeigen wegen Körperverletzung vermeide ich durch diesen Grundsatz seit vielen Jahren zuverlässig.
Mittlerweile ist eine Kassiererin aus dem REWE gekommen, tröstet die Gestürzte und fragt: „Hat er sich wenigstens bei Ihnen entschuldigt?“ Sie nickt.
„Halbherzig und erst nach erbitterter Gegenwehr“ setze ich der Wahrheit halber hinzu, und verabschiede mich, um durch Eis und Schnee nachhause zu radeln.
Braucht dieser Text noch eine Abschlussbemerkung? Muss ich erwähnen, dass ich im Sommer an exakt derselben Stelle auch schon um Haaresbreite der Kollision mit einem dieser rollenden Käfige für Fresspakete entgangen bin? Aufzählen, wie oft mich Autofahrer beim Einparken fast umgenagelt haben, weil auch sie hinten keine Augen haben und mit der neumodischen Erfindung des Rückspiegels nur ungenügend vertraut sind?
Soll ich zumindest im Winter das Rad im Keller lassen und mit dem Auto in der Stadt rumgondeln? Oder mich einfach still und leise in mein Schicksal fügen, wohlwissend, dass Millionen zweirädriger Untermenschen genau wie ich leiden? Wir haben ja Glück, dass man uns rollende Verkehrshindernisse nicht für vogelfrei erklärt, tausendfach umnietet oder gleich mit dem rostigen Schneeschieber erschlägt. Gerecht wär’s ja, schließlich zahlen wir radelnden Schmarotzer nicht mal für die Benutzung jener kostbaren Straßen, die mit KFZ- und Mineralölsteuer finanziert wurden. Früher hieß es bei unverbesserlichen Nörglern: „Geh doch nach drüben!“ Vielleicht sollte ich nach Holland auswandern, da stehen Radfahrer unter Naturschutz.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«