Politik mit Augenmaß
Geschrieben von Johannis am 15. Dezember 2009 um 11:09 Uhr
Geschenke und milde Gaben können durchaus beleidigend sein, denn nicht nur der gute Wille zählt. Wer Obdachlosen oder Straßenmusikanten in der weihnachtlich geschmückten Fußgängerzone nach langem Kramen im Portemonnaie ein 5-Cent-Stück in den Pappbecher oder einen aufgeklappten Gitarrenkasten fallen lässt, wird in den Augen der Beschenkten kaum das erhoffte dankbare Strahlen, sondern eher ein wütendes Blitzen aufleuchten sehen. Schlimmstenfalls pult der Bettler die Minimünze aus dem Becher und wirft sie dem Spender mit passenden Worten hinterher. Musiker haben bei der Arbeit meist alle Hände voll zu tun, zeigen aber ihre Wertschätzung schon mal durch Bemerkungen, die wegen der allgemeinen Weltgewandtheit dieser Branche schon mal mit fuck beginnen und mit you enden.
So ähnlich ist es am vergangenen Freitag der EU-Kommission ergangen, als sie den vom Klimawandel bedrohten Entwicklungsländern 7,2 Milliarden Euro versprach. Für drei Kontinente, aufgeteilt auf die kommenden drei Jahre. Und leider nicht nur neues Geld, sondern großteils klammheimlich umgewidmete Mittel, die eigentlich für Projekte wie den Bau von Schulen oder Krankenhäusern bestimmt und längst bewilligt waren.
Ungeschickt? Ja. Undankbar? Nein, denn Afrikaner, Bangladeshis und Honduraner verhungern, ersaufen oder werden vom Hurrikan verweht, eben weil wir Europäer seit zwei Jahrhunderten die gemeinsame Atmosphäre aufheizen. Und sie fühlen sich zu Recht beleidigt, denn die versprochenen 7,2 Milliarden sind nur schäbige Almosen, wenn man die Dimensionen betrachtet. Gut, eine Milliarde, das war früher mal eine beeindruckende Summe. Heute ist Milliarde leider nur noch ein Wort für gebündeltes Kleingeld.
Betrachten wir zum Größenvergleich ein Beispiel. Die Deutsche Bank hat ihren Mitarbeitern in diesem ach so schrecklichen Weltwirtschaftskrisenjahr bereits Boni in Höhe von 8 Milliarden Euro ausbezahlt. Und das letzte Quartal steht noch aus. Rechnet man mal kurz nach, dann betragen die jährlichen Erfolgsprämien für ein paar tausend raffgierige Investmentbanker fast das Fünffache dessen, was die EU global den Opfern des Klimawandels pro Jahr anbietet, damit sie marode Deiche erhöhen und ihre Infrastruktur ökofreundlich umbauen können. Toll.
Noch ein Beispiel. Die 30.000 zusätzlichen Soldaten, die Barack Obama nun irrwitzigerweise nach Afghanistan schickt, kosten im Jahr rund 20 Milliarden Euro. Kann man es den Unterhändlern aus der Dritten Welt verdenken, wenn sie auf das Kopenhagener Angebot reagieren, als hätte man ihnen in die ausgestreckte Hand gespuckt? Wohl kaum. Vor allem dann nicht, wenn man bedenkt, was Leute wie Oberst Klein in Afghanistan mit Steuergeldern anrichten.
Die schmutzige Affäre um die Bombardierung der geklauten Tanklaster geht nun ja bereits in den vierten Monat. Nicht zuletzt wegen der ausgefeilten Informationsstrategie bleibt die Sache spannend. Man serviert uns die Wahrheit wie Carpaccio, in hauchdünnen Scheiben (um mal von der leidigen Salamitaktik wegzukommen). Gutti, unser smarter Ritter der Aufrichtigkeit, bricht sich auf dem Hindernisritt um geheime Einsatzbefehle und einen regelwidrigen Bombenregen – der nach dem Wunsch von Oberst Klein eigentlich sogar viel heftiger ausfallen sollte – vielleicht noch den politischen Hals. Das wäre Angie, die uns im Wahlkampf eine lückenlose Aufklärung des Massakers versprach, ebenfalls zu wünschen, denn höchstwahrscheinlich weiß Frau Merkel mehr, als sie zugibt. Aber ich befürchte, dass die Königin der hängenden Mundwinkel zu schlau ist, um sich mit herabgelassenen Hosen erwischen zu lassen. Bildlich gesprochen – nicht dass dies ein Anblick wäre, den sich ein vernünftiger Mensch ernsthaft herbeiwünschen könnte.
Finis.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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