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Archiv für Dezember, 2009

Politik mit Augenmaß

Geschrieben von Johannis am 15. Dezember 2009 um 11:09 Uhr

Geschenke und milde Gaben können durchaus beleidigend sein, denn nicht nur der gute Wille zählt. Wer Obdachlosen oder Straßenmusikanten in der weihnachtlich geschmückten Fußgängerzone nach langem Kramen im Portemonnaie ein 5-Cent-Stück in den Pappbecher oder einen aufgeklappten Gitarrenkasten fallen lässt, wird in den Augen der Beschenkten kaum das erhoffte dankbare Strahlen, sondern eher ein wütendes Blitzen aufleuchten sehen. Schlimmstenfalls pult der Bettler die Minimünze aus dem Becher und wirft sie dem Spender mit passenden Worten hinterher. Musiker haben bei der Arbeit meist alle Hände voll zu tun, zeigen aber ihre Wertschätzung schon mal durch Bemerkungen, die wegen der allgemeinen Weltgewandtheit dieser Branche schon mal mit fuck beginnen und mit you enden.

So ähnlich ist es am vergangenen Freitag der EU-Kommission ergangen, als sie den vom Klimawandel bedrohten Entwicklungsländern 7,2 Milliarden Euro versprach. Für drei Kontinente, aufgeteilt auf die kommenden drei Jahre. Und leider nicht nur neues Geld, sondern großteils klammheimlich umgewidmete Mittel, die eigentlich für Projekte wie den Bau von Schulen oder Krankenhäusern bestimmt und längst bewilligt waren.

Ungeschickt? Ja. Undankbar? Nein, denn Afrikaner, Bangladeshis und Honduraner verhungern, ersaufen oder werden vom Hurrikan verweht, eben weil wir Europäer seit zwei Jahrhunderten die gemeinsame Atmosphäre aufheizen. Und sie fühlen sich zu Recht beleidigt, denn die versprochenen 7,2 Milliarden sind nur schäbige Almosen, wenn man die Dimensionen betrachtet. Gut, eine Milliarde, das war früher mal eine beeindruckende Summe. Heute ist Milliarde leider nur noch ein Wort für gebündeltes Kleingeld.

Betrachten wir zum Größenvergleich ein Beispiel. Die Deutsche Bank hat ihren Mitarbeitern in diesem ach so schrecklichen Weltwirtschaftskrisenjahr bereits Boni in Höhe von 8 Milliarden Euro ausbezahlt. Und das letzte Quartal steht noch aus. Rechnet man mal kurz nach, dann betragen die jährlichen Erfolgsprämien für ein paar tausend raffgierige Investmentbanker fast das Fünffache dessen, was die EU global den Opfern des Klimawandels pro Jahr anbietet, damit sie marode Deiche erhöhen und ihre Infrastruktur ökofreundlich umbauen können. Toll.

Noch ein Beispiel. Die 30.000 zusätzlichen Soldaten, die Barack Obama nun irrwitzigerweise nach Afghanistan schickt, kosten im Jahr rund 20 Milliarden Euro. Kann man es den Unterhändlern aus der Dritten Welt verdenken, wenn sie auf das Kopenhagener Angebot reagieren, als hätte man ihnen in die ausgestreckte Hand gespuckt? Wohl kaum. Vor allem dann nicht, wenn man bedenkt, was Leute wie Oberst Klein in Afghanistan mit Steuergeldern anrichten.

Die schmutzige Affäre um die Bombardierung der geklauten Tanklaster geht nun ja bereits in den vierten Monat. Nicht zuletzt wegen der ausgefeilten Informationsstrategie bleibt die Sache spannend. Man serviert uns die Wahrheit wie Carpaccio, in hauchdünnen Scheiben (um mal von der leidigen Salamitaktik wegzukommen). Gutti, unser smarter Ritter der Aufrichtigkeit, bricht sich auf dem Hindernisritt um geheime Einsatzbefehle und einen regelwidrigen Bombenregen – der nach dem Wunsch von Oberst Klein eigentlich sogar viel heftiger ausfallen sollte – vielleicht noch den politischen Hals. Das wäre Angie, die uns im Wahlkampf eine lückenlose Aufklärung des Massakers versprach, ebenfalls zu wünschen, denn höchstwahrscheinlich weiß Frau Merkel mehr, als sie zugibt. Aber ich befürchte, dass die Königin der hängenden Mundwinkel zu schlau ist, um sich mit herabgelassenen Hosen erwischen zu lassen. Bildlich gesprochen – nicht dass dies ein Anblick wäre, den sich ein vernünftiger Mensch ernsthaft herbeiwünschen könnte.

Finis.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Maulschelle

Geschrieben von Johannis am 14. Dezember 2009 um 09:32 Uhr

Rechtzeitig zum Fest die gute Nachricht: Berlusconi hat was auf die Schnauze gekriegt. Ein angeblich psychisch gestörter Mann schleuderte dem italienischen Premier eine Plastiknachbildung des Mailänder Doms ins Gesicht, und brach Silvio damit die Nase sowie zwei Zähne heraus. Ein guter Anfang, finde ich. Der 42-jährige Attentäter ist übrigens nicht geistesgestört, sondern einfach nur ehrlich. Und mutig. Vielleicht hilft seine vorbildhafte Tat, und irgendein Richter, der irgendeines der laufenden Verfahren gegen Berlusconi leitet, schickt den nun leicht angeschlagenen alternden Schönling irgendwann dorthin, wo er seit Jahren hingehört – in den Knast.

Nach dem Schuhwerfer von Bagdad nun der Domwerfer von Mailand. Hoffentlich macht das Beispiel Schule – als pädagogische Maßnahme für all jene moralisch korrupten Politiker, die uns verarschen, dreist belügen und dabei lächeln wie bei einer Kindstaufe. Falls der tapfere Angreifer einen göttlichen Befehl ausführte und diesem bald neue Aufträge folgen, trete ich wieder in die Kirche ein.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Wir Geisterfahrer

Geschrieben von Johannis am 10. Dezember 2009 um 09:28 Uhr

Holocaustleugner sterben langsam aus, wenn man von der Pius-Bruderschaft und der iranischen Regierung mal absieht. Die Neuauflage der hanebüchenen Gestrigkeit sind die Klimawandelleugner. Rechtzeitig zum Kopenhagener Zankgipfel faselten sie von Klimagate, konstruierten wilde Verschwörungstheorien und behaupteten, dass die vermeintliche Menschheitsbedrohung erstunken und erlogen ist. Man sollte über diesen „Zufall“ aber nicht weiter verwundert sein, weil die amerikanische Ölindustrie dieselbe Werbeagentur benutzt, die schon vor Jahrzehnten den Menschen weismachen wollte, dass Rauchen gesund ist und schön/sexy/erfolgreich macht. Kann mir bitte mal jemand erklären, wer einen echten Vorteil davon hätte, den Klimawandel herbeizuphantasieren, um dann richtig Kasse zu machen? Die Hersteller von Schwimmflügeln und Schlauchbooten vielleicht?

Sich im Leben zurechtzufinden ist doch im Grunde recht einfach. Wenn der Killer nicht gerade mit gezückter Waffe hinter dem blickdichten Duschvorhang lauert, wird eigentlich fast jede unangenehme Situation von irgendwelchen Vorzeichen begleitet. Die Blutvergiftung im Fuß, nachdem man auf das Brett mit dem rostigen Nagel getreten ist, zeigt sich als roter Streifen, der entlang der Vene am Bein hochklettert und zum Arztbesuch rät. Drohende Ehescheidungen kündigen sich beispielsweise durch dauerhaft erhöhte Streitfrequenz oder allgemeine Sprachlosigkeit an, auch regelmäßige Kopfschmerzen nach Überstreifen des Nachthemds oder der ständige Zwang zu abendlicher Büroarbeit können ein Zeichen sein. Ist man entgegen der Fahrtrichtung auf der Autobahn unterwegs, kommt schon bei der vermeintlichen Auffahrt ein Warnschild (weißer Querbalken auf rotem Kreis) und dann der ungewöhnlich dichte Gegenverkehr. Eigentlich ganz simpel.

1965 wurde die US-Regierung unter Lyndon B. Johnson erstmals von Forschern vor den Folgen der Erderwärmung gewarnt. Damals ging ich in die zweite Klasse. Bis zum Abitur 1977 hörte ich eher selten von dem Thema, aber im gleichen Jahr gab der damalige US-Präsident Jimmy Carter eine Studie über die Zukunftsaussichten der Menschheit in Auftrag, an der hunderte von Experten arbeiteten. Ihre Prognose: Zunehmende Überbevölkerung der Erde, knapper werdende Nahrungsmittel, stärkere Umweltbelastung. Auch den Klimawandel durch CO2-Emission sahen die Autoren voraus, die Polkappen könnten schmelzen, der Meeresspiegel steigen. Am 23. Juli 1980 legten sie Präsident Carter ihren Bericht “Global 2000″ vor, der allerdings gerade andere Probleme hatte, denn in Teheran wurden 52 Amerikaner als Geiseln festgehalten und ihre gewaltsame Befreiung misslang. Der Rest ist Geschichte: Am 4. November 1980 besiegte Ronald Reagan den glücklosen Erdnussfarmer, danach ließ der optimistische Republikaner und B-Movie-Star “Global 2000″ in der Schublade verschwinden.

Das ist jetzt fast 30 Jahre her und ich gestehe, dass ich meine Ausgabe von “Global 2000″ zwar noch besitze, aber nie ganz durchgelesen habe. 1988 war dann das bis dahin wärmste Jahr seit Beginn der Aufzeichnungen und die UNO rief den Weltklimarat ins Leben. Knapp zehn Jahre später kam das weitgehend folgenlose Kyoto-Protokoll, mit dem sich die meisten Industrieländer immerhin zu einer Reduzierung ihrer Treibhausgasemissionen verpflichteten. Nochmals zehn Jahre später war im September 2007 die Nordwest-Passage vom Atlantik zum Pazifik erstmals eisfrei. Neueste Forschungen ergeben, dass in der Arktis womöglich schon ab 2020 im Sommer kein Meereis sein wird.

Und, wie reagieren wir auf diese Vorzeichen? Extrem gelassen umschreibt es wohl nur ungenügend. Eher wie total abgebrühte Stuntcar-Fahrer nach Einnahme einer Überdosis Beruhigungsmittel. Unbeirrt halten wir Spur und lassen uns nicht irritieren, auch wenn rechts, links und hinter uns der seltsam dichte Gegenverkehr in die Leitplanken kracht und sich ringsum Autos überschlagen. Alles halb so schlimm, wird schon gut gehen. Menschen, bei denen überraschend eine unheilbare Krankheit diagnostiziert wurde, reagieren oft nach folgendem Schema: Verleugnung, Verdrängung, Wut, Resignation, Trauer, Annahme. Spätestens im letzten Stadium sterben sie, manchmal aber auch deutlich früher.

Ich frage mich, in welcher Phase die Menschheit sich gerade befindet. Irgendwo zwischen Verleugnung und Verdrängung, oder? Das Stadium der Wut, die ja Kraft freisetzen und durchaus etwas bewegen kann, hat bisher offenbar kaum jemand erreicht. Ich persönlich schwanke an manchen Tagen zwischen Resignation, Trauer und Annahme. Damit bin ich meiner Zeit anscheinend voraus, was weder angenehm noch hilfreich ist. Macht ihr euch eigentlich auch Gedanken, wie ihr in ein oder zwei Jahrzehnten leben werdet? Soll man bald eine letzte Weltreise machen, solange man es noch bezahlen kann und nicht riskieren muss, vor dem Frankfurter Flughafen von einem wütenden Mob gelyncht zu werden? Eine Kleingartenparzelle mit Kartoffelbeet und Karnickelstall pachten, um sich, wenn’s ganz hart kommt, von der eigenen Scholle ernähren zu können? Den Waffenschein machen, Munition und Notfallrationen einlagern?

Ich bin nicht sicher, ob meine recht gut ausgebildete Phantasie genügt, um mir ein Leben im Jahr 2025 vorzustellen, wenn es klimamäßig weiter so rasant gen Chaos geht wie bisher. 2025 hätte ich theoretisch einen Rentenanspruch, und viele der aktuell dramatisch klingenden Voraussagen wären wohl längst bitterer Alltag. Wenn ich Interviews sehen, in denen junge Paare am Flughafen befragt werden, ob sie beim Buchen ihres Wochenendshoppingtrips nach Sonstwo ans Klima gedacht haben, sehe ich nur Ahnungslosigkeit in den Gesichtern. „Nöh, wir gönnen uns das eben“ heißt es dann fast immer. So geht es offenbar nicht nur jenen, deren multiple Piercings, nougatbrauner Sonnenstudioteint und sorgfältig ausrasierten Pornofilmstarbärte verraten, dass sie gern RTL schauen und sich schon sehr auf Palmen an der deutschen Nordseeküste freuen.

Weniger als ein Prozent der Wissenschaftler bezweifeln, dass die Menschheit das Klima dramatisch verändert, aber rund 60 Prozent der Laien. Wie mit dem Durchschnittsbürgermaterial des Jahres 2009 die längst überfällige klimapolitische Wende gelingen soll, bleibt mir im Moment noch schleierhaft. Ehe diese Ahnungslosen ihre Gewohnheiten ändern, gewöhnt man doch wohl leichter einem Pottwal das Flossenschlagen ab. Oder bringt hartnäckige Geisterfahrer mitten auf der A1 zum Wenden. Letzteres passiert aber manchmal. Warten wir ab, was Kopenhagen bringt. Außer heißer Luft und all dem CO², das die 150.000 angereisten Teilnehmer, Journalisten und Protestler schon auf dem Hinweg produziert haben.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Wahnsinnswachstum

Geschrieben von Johannis am 7. Dezember 2009 um 09:36 Uhr

Jubelschreie branden durchs Land, überall wird befreit aufgeatmet, denn durch die Weisheit und Tatkraft der allmächtigen Tigerente ist die Weltwirtschaftskrise bald nur noch der Schatten eines bösen Traums. Zumindest für uns Deutschen, denn das weise Wachstumsbeschleunigungsgesetz löst sämtliche Probleme. Steuern runter, mehr Netto vom Brutto, alles wird gut. Demnächst weiden wir auf grüner Aue, die bekanntlich direkt am frischen Wasser liegt. Ich freue mich schon wahnsinnig drauf.

Begeisterung dort, wo Kinder durchs Haus toben, denn die Kopfprämie für Krabbelknuddels, kleine Kacker und größere Kids wird erhöht. Das ist bares Geld in oftmals volle Taschen. Sie zahlen nennenswert Einkommenssteuer? Noch besser, denn zusätzlich wird der Kinderfreibetrag angehoben. Papa will Ihnen die Firma vererben? Jetzt wird es langsam Zeit für einen Gang in den Weinkeller, denn Jahrgangschampagner sollte möglichst nicht zu alt werden. Sie haben in Ihrer Firma immer wieder Probleme bei der Abschreibung geringwertiger Wirtschaftsgüter, beispielsweise beim neuen Laptop für die siebenjährige Tochter, oder mit der Grunderwerbssteuer? Das ist alles Vergangenheit und zur vollsten Zufriedenheit gelöst, weshalb Sie Ihre Zugehörigkeit zur Klientel der FDP nun unbedingt mit der Gattin bei einem gemeinsamen Wellnesswochenende feiern sollten. Meinetwegen auch mit der Geliebten. Es lohnt sich in jedem Fall, denn im Hotel zahlen Sie nur noch 7 % Mehrbettsteuer. Das mit dem preisermäßigten Frühstück hat noch nicht geklappt, steht aber ganz oben auf der Agenda des Wirtschaftsministers.

Sie und Ihre Kinder gehören laut Sozialgesetzbuch (SGB II) zu einer Bedarfsgemeinschaft? Sie sind dummerweise kinder- oder arbeitslos? Sie müssen sich zum Glück nicht für Ihr unanständig hohes Managergehalt oder für fette Boni schämen, weil Sie durch maßvolle Tarifabschlüsse und den unerschrockenen Kampf der FDP gegen verderbliche Mindestlöhne vor zu hoher Steuerlast bewahrt wurden? Prima, Sie bekommen durch das Wachstumsbeschleunigungsgesetz zwar nichts dazu, müssen aber vorerst auch nichts hergeben. Fair, oder? Sie haben sechs Kinder, sprechen nur gebrochen Deutsch und leben von Sozialtransfers? Schade, das erhöhte Kindergeld wird leider auf Ihren Leistungsbezug angerechnet, aber vielleicht klappt es ja bald mit der größeren Wohnung für kinderreiche Hartz-Vierer.

Als nächsten Schritt zur vollkommenen Steuergerechtigkeit verweigert sich die standhafte FDP der geplanten Börsenumsatzsteuer, mit deren Hilfe Klimaschutzmaßnahmen in Entwicklungsländern finanziert werden sollen. Humbug sagt Dirk Niebel – erstens stand das nicht im Koalitionsvertrag und zweitens brauchen wir keine höheren Preise an den Börsen. Verständlich, denn 0,05 Prozent Börsenumsatzsteuer kosten einen Mittelstandsbürger, der sich Aktien für 10.000 Euro kauft, den Gegenwert einer Schachtel Zigaretten. Das frisst am Jahresende wahrscheinlich die ganze Dividende auf. Wer hingegen 100.000 Euro hat und sich zusätzlich zehn Millionen leiht, um auf einen fallenden Dollarkurs oder steigende Weizenpreise zu spekulieren, und am Ende des vor vier Flachbildschirmen verbrachten und höchst anstrengenden Tages seine Futures verkauft, dabei aber nur läppische 0,1 Prozent Kursgewinn gemacht hat, wäre echt angeschissen. Der würde nämlich die Hälfte des durch ehrliche Arbeit sauer verdienten Tageslohns als Börsenumsatzsteuer abführen müssen. 5000 Euro. Damit sich die Neger davon Swimmingpools mit Solarheizung bauen? Das geht doch wohl gar nicht!

Unser Entwicklungshilfeminister, auch unter dem Namen Evil Niebel bekannt, hat übrigens sehr gute Chancen, bald den Spitzenplatz in der Liste jener Kabinettsmitglieder einzunehmen, denen ich schnellstmöglich einen kleinen Unfall wünsche. Von derselben Art, wie ihn weiland Jörg Haider erleben durfte, als er endgültig aus dem Verkehr gezogen wurde. Ich gestehe, dass mich auch kurzzeitiges Betrachten von Niebels Antlitz – nur extrem bösartige Menschen würden es als aufgedunsene Hackfresse bezeichnen – jedes Mal in die Nähe eines anyphylaktischen Schocks bringt, wie ihn die offenbar sehr unpopuläre Schweinegrippenimpfung bisweilen auslöst. Fernsehnachrichten zeichne ich neuerdings auf und lasse sie von einem Vorkucker auf Unbedenklichkeit prüfen, der toxische Passagen schlimmstenfalls löscht. Und mein kurdischer Kioskinhaber blättert gekaufte Zeitungen für mich durch, er hat zur Not eine Schere bei der Hand.

Hätte ich weniger Selbstbeherrschung, würde ich Herrn Niebel als absoluten Megakotzbrocken bezeichnen, kann mich aber gerade noch bremsen. Nur aus Rücksicht auf empfindliche Leser. Zu unser aller Unglück wird Evil Niebel in seinem neoliberalen Schaffensdrang weder von Selbstzweifeln noch von nennenswertem Sachverstand gebremst. Aber das gilt leider für viele Regierungsmitglieder, und davon will jetzt ich nicht wieder anfangen. Wächst in diesem Land eigentlich außer Wahnsinn noch etwas?

Schluss.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Schuhgröße 137

Geschrieben von Johannis am 4. Dezember 2009 um 15:11 Uhr

Neulich habe ich meinen Energieversorger gewechselt und werde deshalb bald besseres billiges Gas und frischen Ökostrom von alpinen Wasserkraftwerken aus dem schönen Österreich beziehen. Bald heißt in diesem Fall ab April 2010, denn die Kündigungsfrist bei der Dortmunder DEW21 beträgt kundenfreundliche drei Monate zum Quartal. Egal, Hauptsache ich erlebe den Wechsel noch.

Im Hochgefühl meiner längst überfälligen und extrem vernünftigen Entscheidung hab ich dann den Klima-Rechner von Greenpeace gestartet, um die Größe meines CO²-Fußabdrucks zu ermitteln und mir dort ein dickes Lob abzuholen. Weil ich kaum noch Auto und viel mit dem Rad fahre, wenig Fleisch esse, Shoppen einfach hasse und ein semifanatischer Energiesparer bin. Ich war sicher, dass ich deutlich unter dem deutschen Durchschnittsausstoß liege, und höchstens soviel Treibhausgase verursache wie ein netter Chinese, also fünf Tonnen. Pustekuche. Greenpeace behauptet, dass ich die Atmosphäre mit 13,21 Tonnen CO² verpeste und damit fast zweieinhalb Tonnen über dem heimischen Durchschnitt liege. Mist.

Wie machen die Durchschnittsdeutschen das bloß? Haben sie das Ausatmen ein- und ihre Ernährung auf Sonnenlicht umgestellt? Ich kann ja von Glück reden, dass ich in diesem Jahr beruflich nur einmal nach Nepal fliegen musste (und Greenpeace verschwiegen habe, dass der Flieger einen Riesenumweg über Bangkok machte), denn sonst müsste ich mich zusammen mit verfetteten Amis und hautkrebsigen Australiern an den Pranger stellen lassen. Also mit den richtig rücksichtslosen Klimarüpeln aus der 20-Tonnen-Klasse.

Den Flug nach Kathmandu kalkuliert Greenpeace in meiner Klimaschädlingsbilanz mit rätselhaften 4,39 Tonnen CO². Ich hab das mal umgerechnet und rausgefunden, dass ich dafür die 6774 Kilometer auch über Land mit meinem alten Passat-Kombi fahren kann. Hin und zurück. Sogar fast anderthalbmal, was aber keinen Sinn macht, weil ich dann nicht wieder nach Hause komme. Egal. Wenn ich in Zukunft auf der Strecke Dortmund-Kathmandu-Dortmund drei Mitfahrgelegenheiten anbiete und die Leute nicht so viel Gepäck haben, ließe sich der von mir verursachte Klimaschaden auf rund 800 Kilo CO² reduzieren. Jetzt überlege ich, ob ich das machen oder meinen Job doch lieber gleich kündigen soll.

800 Kilo CO², das entspricht übrigens dem Gewicht von zwei ausgewachsenen Eisbären, aber darauf komme ich noch. Erst noch ein Rat an Greenpeace und Konsorten: So wird das nix, euer Konzept ist pädagogisch nicht ausgereift. Genau wie bei 350.org, die den Kohlendioxidgehalt der Atmosphäre unter 350 ppm halten wollen, obwohl er demnächst 400 ppm überschreiten wird. Das ist ungefähr so, als würde man in der Disco nach dem dritten Bier beschließen, dass man heute mal wieder komplett nüchtern bleibt. Ist doch albern.

Wenn Pädagogik, dann lieber wie in dem bitterbösen Video von planestupid.com, wo Eisbären vom Himmel fallen. Da einige meiner Leser sich besonders über Boshaftigkeiten freuen, hoffe ich, dass dies auch gilt, wenn sie sich nicht gegen Queen Angie und ihren hirnlosen Hofstaat richten. Viel Spaß und schönes Wochenende.

 

 

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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