Die Wahrheit ist kostbar und kann befreien, egal ob man sie hört oder ausspricht. Den Verteidiger mit den schönsten Augenbrauen der Bundesliga hat sie nun von mindestens 50.000 Euro befreit, aber das ist wohl nur ein Wochenlohn. Würde es hier im Blog auch so gehandhabt, wäre ich schon verhungert, aber zum Glück leben Chefredakteur und nichtswürdiger Schreiberling in halbwegs harmonischer Personalunion.
Was wollte ich sagen? Ach ja. Fünf bittere Wochen liegen hinter uns dusseligen SPD-Wählern, in denen aus Schockstarre erst verstörtes Wundenlecken und schließlich der kollektive Erklärungsversuch wurde. Etliche Quadratkilometer allerbesten Zeitungspapiers wurden mit mehr oder weniger schlüssigen Analysen bedruckt, um zu erklären, warum gut die Hälfte jener 20,2 Millionen Menschen, die 1998 für Schröder und die Sozis stimmten, nun stattdessen das Doppelpack Angie & Guido wählten. Es bleibt komplett unerklärlich, aber wenigstens das allgemeine Grundgefühl hat sich geändert.
In der großen Koalition musst man sich für jeden Dreck mitschämen, jetzt stehe ich empört auf der richtigen Seite. Machtlos, selbstgerecht und mental in der Opposition. Händereibend warte ich darauf, dass die Guidonisten in Heulen und Zähneklappern ausbrechen, wenn sie endlich merken, woran sie mit der neuen Regierung sind und die flinken Finger der Steuerversenker schmerzhaft in ihren Taschen spüren. Zumindest das untere Gesellschaftsdrittel wird bluten und sich schon bald verzweifelt sie Haare raufen, aber viele wollten es offenbar nicht anders. Doch zurück zum fast vergessenen Wahlausgang.
Schuld sind die Prognosen, die ewige allwöchentliche Sonntagsfragerei. Wieso? Weil der Durchschnittswähler sich in puncto Verlässlichkeit und Rückgratschwäche chamäleongleich den Volksvertretern angepasst hat. Er ist charakterlich eine Mischung aus FC-Bayern-Fan und Insasse eines Big-Brother-Camps. Dieses Land leidet unter der Diktatur von Millionen drittklassigen Dieter-Bohlen-Klons und Typen, deren Intelligenz gerade zur Abstimmung in der Endrunde einer DSDS-Staffel ausreicht. Papier nehmen die doch nur in die Hand, wenn es dreilagig und perforiert ist oder vorne BILD draufsteht. Die wenigsten Leute wählen aus Überzeugung oder unter Einfluss einer nachweisbaren Dosis von Sachverstand, das Hauptmotiv für die lumpigen Bleistiftkreuze im Wahllokal ist nur ein Wunsch: Man will auf jeden Fall zu den Gewinnern zählen. Egal, wie beschissen jemand singt/tanzt/aussieht/Politik macht – I vote for the winner! Sogar wenn’s die FDP ist – man will unbedingt dazugehören.
Weil sie sich gern als Sieger fühlen wollen und der FC eben leider viel zu oft Meister wird, laufen in der ganzen Bundesrepublik Leute in überteuerten Fan-Trikots der Bayernkicker rum, ein Verein, für den anständige und intelligente Leute nur Verachtung empfinden können. Menschen mit schwachem Selbstwert wollen auf keinen Fall einer Minderheit angehören, schon gar nicht zu den Verlierern. Oder zu denen, die Verlierer gewählt haben. Amazon verkauft tonnenweise Zeug nur deshalb, weil sie immer die Empfehlung „Wird oft zusammen gekauft mit:“ einblenden. Börsencrash, Markenhype, Gruppensuizid und Wahlsieg sind Massenphänomene, getragen von Menschen, die keine Chance verpassen und unbedingt auf der richtigen Seite stehen wollen.
Wenn Wahlprognosen zukünftig verboten werden, garantiere ich, dass die Wahlbeteiligung unter 50 % sinkt. Weil die Leute schlicht überfordert sind. Weil sie plötzlich selbst entscheiden müssen und nicht mehr abschätzen können, wer denn wohl gewinnt. Weil ihnen niemand sagt, was sie kaufen sollen. Dafür sind die Ergebnisse dann ausgewogener, was der SPD aber kaum helfen wird. Trotzdem sollte man es mal ausprobieren, meinetwegen im Mai bei der Landtagswahl hier in NRW.
Ansonsten stehen die Chancen der Bayern auf einen Titelgewinn glücklicherweise ziemlich schlecht. Möge dem so bleiben. Nach dem im buddhistischen Königreich Bhutan herrschenden Prinzip des Bruttosozialglücks ist alles gut, solange die Bayern verlieren. Selbst als Bochumer wird man nach dem Abstieg in die 2. Liga noch etwas Trost finden, solange der FC oft genug verliert und auf die Meisterschale verzichten muss. Niedere Instinkte, allzu menschlich. So wie ich mich über jeden Patzer von Brüderle, Niebel und den anderen pseudoliberalen Knallchargen freue. Bin eben auch nur ein Mensch.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«