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Archiv für November, 2009

Umstandsmoden

Geschrieben von Johannis am 30. November 2009 um 09:10 Uhr

Heute geht’s nicht um chice Hängerchen und Hosen mit elastischem Bund, sondern um technisch induzierte Zeitverschwendung. Alle Leser, die täglich mehr als fünf Minuten ihrer Restlebenserwartung damit verdaddeln, Blutsverwandten und Menschen, mit denen sie regelmäßig Körperflüssigkeiten austauschen, Kurzmitteilungen zu schicken, sollten jetzt flink woanders hinsurfen oder kurz mal was twittern. Damit euer Blutdruck weiterhin verträgliche Werte zeigt.

Leute, Leute, Leute – es wird gemailt, gesimst, gechattet, gepostet und getwittert, dass die Schwarte nur so kracht! Wo soll das hinführen? Wer kein ICQ, MSN, AIM oder Jabber nutzt, ist nur ein halber Mensch. Ein Freund skypet jeden Abend mit seinem Kumpel, der in der gleichen Stadt wohnt und auch eine Telefon-Flatrate hat. Gut, so haben sie unterm Kopfhörer wenigstens warme Ohren und die Hände frei. Aber das Gechatte und vor allem die alberne Simserei? Ist das nicht meistens Blödsinn? Selbst der schnellste Daumen kann die 160 Zeichen nicht so schnell eingeben, wie man die entsprechenden Worte ausgesprochen hat. Und preiswerter ist es auch nicht, weil man für die Kosten einer SMS mindestens eine Minute mit dem Handy telefonieren kann, und in sechzig Sekunden lässt sich eine Menge sagen. Wenn man will und jemand zuhört.

Ich bekomme ständig Mails von Leuten, die hier um die Ecke wohnen und genauso gut mal den Hörer in die Hand nehmen und ein paar freundliche Worte aus sich rauspressen könnten. Oder sogar zu Besuch kommen, früher tat man das gelegentlich. Gut, dann hätte ich sie am Wickel, und sie müssten womöglich ein paar der lästigen Fragen beantworten, vor denen sie seit Wochen kneifen. Hinter der digitalen Kommunikationstechnik kann man sich nämlich prima verstecken und ist längst nicht so greifbar. Eine Dreizeilenmail ist schnell ins Keyboard gehackt, und sogar halbbesoffen kriegt mancher noch eine SMS in die Tasten gedrückt, die als gesprochener Wortbeitrag wahrscheinlich lallig verunglücken und unbequeme Wahrheiten enthüllen würde.

Jeder hat wohl bereits feststellen müssen, dass getippte Worte oft zu dramatischen Missverständnissen führen können, insbesondere wenn sie aus Kürzeln und Stummelsätzen bestehen. Aber auch eine wohldurchdachte und ausführliche Email kann fürchterlich nach hinten losgehen, einfach weil beim Sprechen ein ganzes Feuerwerk von Botschaften durch Betonung und Stimmlage gesendet wird. Und dieser Subtext fehlt beim elektronischen Austausch von Nachrichten. Hinzu kommt, dass heutzutage kaum noch jemand die Geduld zum Verständnis einer halbseitenlangen Mail aufbringt, geschweige denn zwischen den Zeilen lesen kann. Und wir haben bekanntlich alle keine Zeit.

Ein Bekannter erwähnte neulich, dass er sich nach einem Jahr von seiner Freundin getrennt hat. Mit zwei SMS. Er betonte die zwei, wohl weil das für seine Verhältnisse besonders ausführlich getextet war. Ein paar Wochen später brauchte er abends dringend Starthilfe, und während ich die Überbrückungskabel anklemmte, wollte ich wissen, wohin er den unterwegs sei. Die Ex abholen. Ob sie wieder zusammen wären? Nöh, nur zum Poppen. Der Mensch als fleischgewordene Application, nach dem Motto: Du nervst zwar, aber ich fick dich trotzdem. Ob das was mit seelischer Verarmung zu tun hat, und ob die wiederum durch die ganze Hightech-Scheiße gefördert wird, möge bitte jeder selbst entscheiden.

Jene Spezies, die fälschlicherweise als Homo sapiens bezeichnet wird, müsste eigentlich in Homo dummbatzis technophilis umbenannt werden. Wenn dann in einigen Jahren – oder, falls wir Glück haben und es lange dauert, in ein paar Jahrzehnten – die Zivilisation zusammenbricht, aus der Steckdose kein Strom mehr kommt und man sein Handy wegen Spritmangels auch im Auto nicht mehr aufladen kann, sitzen viele Leute in der Klemme. Wie in der Dritten Welt gibt es dann aber bestimmt bald Lohnschreiber, die sich mit uralten mechanischen Schreibmaschinen und echtem Papier auf öffentlichen Plätzen ihren Lebensunterhalt damit verdienen, dass sie Briefe tippen. Denn die Generation der heutigen Kids dürfte mit Lowtech wie dem profanen Kugelschreiber deutlich überfordert sein.

Wenn es soweit ist, werde ich mein umfangreiches Insiderwissen aus Nepal nutzen und Seminare anbieten. Themen: „Kommunizieren ohne Strom“ und „Besuche bei Nachbarn und Freunden“.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Bird from Hell

Geschrieben von Johannis am 28. November 2009 um 15:43 Uhr

Weil ich einerseits am Wochenende mit dem Studium erkenntnisphilosophischer Schriften, dem ermüdenden Badezimmer- und Treppenhausputz sowie mit exzessivem Faulsein beschäftigt bin, euch andererseits nicht hängen lassen will und dritterseits meine crossmediale Kompetenz beweisen möchte, kommt heute mal wieder ein Video. Wer’s schon kennt, möge bitte weder traurig noch böse sein. Kann man auch mehrmals kucken. Pidgeon: Impossible zeigt in wundervoll animierter und absolut vollbildtauglicher HD-Qualität den Kampf eines Spezialagenten mit einer ebenso speziellen Taube und einem fliegenden Wunderwaffenkoffer. Enjoy and have fun!

 

 

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Unehrlich, unfähig, unerträglich

Geschrieben von Johannis am 27. November 2009 um 13:12 Uhr

Wer nach der gestrigen Rede von Franz Josef Jung noch Restvertrauen zu diesem Mann verspürt, sollte dringend den eigenen Geisteszustand überprüfen oder sich gleich einweisen lassen. Man muss weder Psychologie noch Körpersprache studiert haben, um bei dem jämmerlich-bockigen Gewinsel zu erkennen: Der Kerl lügt! Ab und zu überschlug sich sogar seine kieksende Nörgelstimme und nach acht Minuten flüchtete Jung auf die Regierungsbank, wo ihm Norbert Röttgen aufmunternd die Schultern klopfte.

Die Sachlage sollte Leuten mit etwas gesundem Menschenverstand längst klar sein: Das Bombardement der Tanklaster war falsch. Die übereilte Fehlentscheidung eines übereifrigen Offiziers, der angeblich seinen Stützpunkt in Gefahr wähnte, obwohl sich die Taliban mit ihrer Beute in die Gegenrichtung bewegten, hat mindestens 142 Menschenleben gefordert, darunter naturgemäß auch Zivilisten. Das war schnell klar, wurde aber wortreich bestritten, verschleiert, klein geredet. Wie sich die Sache damals abgespielt haben könnte, beschrieb ich bereits an anderer Stelle. Eine reale Bedrohung, die den Einsatz der Kampfbomber rechtfertigen würde, gab es nicht. Den offenkundigen Fehler nicht zuzugeben, hat alles nur verschlimmert und wird für Jung nun hoffentlich zum Boomerang.

Den Bericht jener Feldjäger, die kurz nach dem Bombenabwurf am Schauplatz waren, ungelesen an die Nato weiterzureichen, zeugt von Dummheit, Ignoranz oder Faulheit. Jede Eigenschaft allein ist ein ausreichender Grund zum Rücktritt, erschwerend kommt hinzu, dass Jung auch als Lügner unfähig ist. Da sitzt der Verteidigungsminister morgens im Büro, bekommt den Bericht auf den Tisch und sagt sich: „Och nöh, nicht schon wieder. Immer diese blöden Taliban, klauen uns den Sprit und dann müssen wir sie mit sauteuren Bomben in den Märtyrerhimmel schicken.“ Schmeißt den Wisch in den Korb mit der Aufschrift NATO, beißt in sein Schokocroissant und blättert durch die BUNTE oder einen Hochglanzprospekt von Krauss-Maffai. Das sollen wir glauben?

Vielleicht hat Angie ja langsam mal die Schnauze voll von diesem windig-wachsweichen Typen und schmeißt ihn raus. Aber wahrscheinlich deckt sie ihn weiter, weil er ja soooooo loyal ist und schon weiland bei der Affäre um angebliche jüdische Vermächtnisse den Kopf für Roland Koch hingehalten hat. Dieser gut-gemacht-Schulterkopfer von Röttgen gestern war erschreckend vielsagend. Wir halten zusammen, die können uns gar nichts, Augen zu und aussitzen, das wird schon. Fragt sich eigentlich einer dieser angeblichen Volksvertreter mal, ob er sich uns gegenüber loyal verhält? Wir, die wir ihn gewählt und ermächtigt haben, damit er in unserem Sinne und für unsere Interessen handelt. Denken diese Heinis gelegentlich an uns, ihre Arbeitgeber, oder doch nur an die Medien, die Partei, ihre Wiederwahl?

Zu sehen, wie plump wir von offenkundig unfähigen Leuten verscheißert werden, kotzt mich erheblich mehr an, als ich es in dürren Worten ausdrücken kann. Wenn ich schon verarscht werde, dann bitte mit etwas mehr Ehrgeiz und Stil. Das Wort Aufrichtigkeit kann in Berlin anscheinend niemand buchstabieren, von Fremdworten wie Integrität ganz zu schweigen. Wetten, dass Merkel – falls sie unserem runderneuerten Arbeitsminister tatsächlich die rote Karte zeigen muss – für Franz Josef schon hektisch nach einem netten Ersatzjob suchen lässt? So in der Art wie für Öttinger, diesen impotenten abgehalfterten Landesfürsten, der jetzt Energiekommissar in Brüssel wird. Ahnung hat er zwar keine, aber die braucht man in der Politik auch nicht. Fehlendes Rückgrat reicht vollkommen. Muss Schluss machen, mir wird schon wieder schlecht.

PS: Da äußert man sich zeitnah zu tagesaktuellen Themen, und das ist nun der Dank! Eben wird im Radio angekündigt, dass Jung noch heute zurücktritt. Sie haben also schon ein gemütliches Abstellgleis für ihn gefunden. Ich schreibe den Beitrag jetzt aber nicht um, das hat der Mann nicht verdient. Sollte mich in Zukunft aber wohl doch eher den wichtigen und unvergänglichen Dingen wie Ikebana, Origami und primitivem Sexualdimorphismus widmen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Sittenwidrigkeiten

Geschrieben von Johannis am 25. November 2009 um 12:05 Uhr

Einheitliche Mindestlöhne sind bekanntlich die schlimmste Geißel der Menschheit seit Einführung von Splitterbomben und Alcopops. In ihrer grenzenlosen Weisheit und Güte bewahrt uns die neue Regierung vor derartigem Übel, das bereits viele Länder der Welt befallen und moralisch unterhöhlt hat. Mit einem neuen Gesetz gegen sittenwidrige Löhne nehmen Union und FDP ihre Fürsorgepflicht wahr, und verbieten, dass weniger als zwei Drittel des untersten Tariflohns gezahlt werden. Das sind pro Stunde beispielsweise 2,04 € für Friseure in Sachsen oder 3,66 € im Berliner Bewachungsgewerbe. Drunter ist verboten, knapp drüber geht aber.

Um Arbeitgebern die leidige Rechnerei zu ersparen und auch für die Werktätigen mehr Transparenz zu bewirken, schlage ich folgende Regelung vor: Arbeiter und Angestellte überhaupt nicht zu bezahlen, ist erlaubt – das kennen viele Praktikanten bereits. Sittenwidrig ist hingegen, wenn Arbeitgeber im Gegenzug für die freundlicherweise gewährte Beschäftigung von den Mitarbeitern Bargeld, Geschenke oder sexuelle Gefälligkeiten verlangen. Viele Leute sind mit ihren lausigen Drecksjobs sowieso schon ausreichend gefickt.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Merkels grüner Daumen

Geschrieben von Johannis am 24. November 2009 um 15:35 Uhr

Nachdem Helmut Kohl in Windeseile blühende Landschaften aus den preiswert zugekauften Ostgebieten machte, setzt seine gärtnerisch begabte Musterschülerin das bewährte und hocheffiziente Gießkannenprinzip weiterhin mit verblüffender Virtuosität ein. Dabei zeigt sie großes Vertrauen in uns Untertanen und beweist erneut, wie fortschrittlich und liberal ihr Menschenbild ist. Vorschriften und Kontrollen lehnt Angela Merkel ab, denn mündige Bürger haben so etwas weder nötig noch verdient. Recht so!

Deshalb wird das Betreuungsgeld in Höhe von 150 Euro monatlich auch nicht an kleinliche Bedingungen gebunden, sondern bar ausgezahlt. Mindestens ein Kind muss man allerdings haben. Neuköllns Bezirksbürgermeister Buschkowsky hatte ebenso dreist wie unbeweisbar behauptet: „In der deutschen Unterschicht wird das Betreuungsgeld versoffen und in der migrantischen Unterschicht kommt die Oma aus der Heimat zum Erziehen, wenn überhaupt”. Dies konnte aber schnell als typischer Sarrazynismus entlarvt werden, für den Heinz Buschkowsky sich schämen sollte. Wirklich.

Um das erfolgreiche Konzept der Barprämie weiterzuentwickeln und den Aufschwung zu stärken, wird es zusätzlich zum Betreuungsgeld ab Januar 2010 neue Bürgeranreize geben. Wenn der Haushaltsvorstand seine Frau und die Kinder nicht öfter als zwingend notwendig schlägt und mindestens einmal pro Woche den Müll rausbringt, bekommt er dafür am Jahresende 600 Euro. Auszahlung pro Haushalt, nicht je Frau und Kind. Bürger, die abends das Licht ausknipsen, werden für ihren engagierten Beitrag im Kampfe gegen den Klimawandel mit 40 Euro monatlich belohnt. Und wer sich nach dem Kacken gründlich den Hintern abputzt, erhält pro Tag eine Prämie von 2 Euro. Das klingt vielleicht nach Kleingeld, läppert sich aber.

So soll erreicht werden, dass jeder Arsch gut in Form ist, damit die Volkvertreter besser reinkriechen oder reintreten können. Wahlweise, je nach Einkommensklasse des Bürgers. Über Steuergutschriften für regelmäßiges Zähneputzen (morgens und abends) und Fußnägelschneiden (mindesten sechsmal jährlich) wird im Kabinett gegenwärtig diskutiert, ebenso über Prämien für Popel-nicht-unter-Tischkanten-kleben sowie leises Rülpsen und Furzverzicht in der Öffentlichkeit. Aber Finanzminister Schäuble hat Bedenken, ob die Konjunktur schnell genug anspringt, um diese wichtigen sozialpolitischen Anreize gegenfinanzieren zu können.

Warten wir’s ab, der schwarzgelben Regierung sind noch reichlich kluge Ideen zuzutrauen, die sich für das gemeine Volk garantiert als echte Wohltaten erweisen werden.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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