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Archiv für September, 2009

Demokratie? Nein danke!

Geschrieben von Johannis am 6. September 2009 um 14:15 Uhr

Manchmal geht einfach alles schief. Erst hatte das Bundesverfassungsgericht eine bereits verbotene Demonstration der völkischen Neo-Nazis in letzter Minute doch noch erlaubt, weshalb Polizeihubschrauber bereits Freitagnacht die Dortmunder Luft durchknatterten und brave Bürger um den Schlaf brachten. Verkehrte Welt – die obersten Richter entscheiden im Sinne der erklärten Verfassungsfeinde. Es fehlt nicht viel, dann darf der „Freundeskreis Al-Quaida e.V.“ vorm Brandenburger Tor demonstrieren.

Wie auch immer, gestern zeigte sich die gesamte Stadt im grünweißen Dekor, denn mehr als 3000 PolizistInnen waren aus halb Deutschland angereist, um die hirnlosen Faschisten vor dem gerechten Zorn der Andersdenkenden zu beschützen. Dabei wäre es durchaus recht und vor allem billiger, die braune Pest mal anständig von der zornigen Antifa aufmischen zu lassen, aber das ist nicht erlaubt. Euthanasie wegen erwiesenen Schwachsinns leider auch nicht. In Sachsen hat neulich jeder vierte männliche Wähler im Alter unter 25 die NPD gewählt – soll das nun auch im Westen zur Regel werden? Wenn Demokratie zur Herrschaft der geistig Armen verkümmert, möchte ich lieber in einer Diktatur leben.

Zurück nach Dortmund. Die Kundgebung der Nazis war auf einen weiträumig abgesperrten Parkplatz am Hafen verlegt worden und dorthin gelangte man nur mit Presseausweis, Tricks oder dunkelbrauner Gesinnung. Da mein Presseausweis von 2007 stammt und zuhause lag, musste ich eine gehörige Portion Beharrlichkeit aufbringen, bis endlich alle Barrieren überwunden waren. Mein aufrichtiger Dank gilt einer strohblonden Polizistin aus Berlin mit blitzendem Brilli im Zahn, sie drückte schließlich ein hübsches Auge zu und ließ mich durch. Da war der Nachmittag fast rum, ich hatte mich dutzendfach abwimmeln oder in die Irre schicken lassen und mir unterwegs die seltsamsten Begründungen angehört, warum ich meine Bürgerechte auf freie Meinungsbildung und Teilnahme an einer öffentlichen Veranstaltung nicht ausüben dürfte. Eine Beamtin wechselte lustigerweise ständig hin und her zwischen den Argumenten, dass man mich vor den Nazis oder eben doch die Nazis vor mir schützen müsse. Obwohl ich weder auf gefährlich machte noch vor Angst bibberte. Egal.

Als ich endlich die letzte Kontrollstelle erreichte, musste ich dort tatsächlich meinen Personalausweis zeigen und wurde von zwei Polizisten über meine politische Gesinnung befragt. Ob ich denn wirklich teilnehmen wollte und so weiter? Das waren seltsame Fragen und es ging sie natürlich absolut nichts an, worauf ich auch freundlich hinwies. Schließlich ließen sie mich mit väterlichen Hinweisen passieren und jetzt werde ich beim Verfassungsschutz wahrscheinlich als Neonazi geführt.

Der Rest des Nachmittags verlief unspektakulär. Auf dem Parkplatz standen maximal zweihundert verblendete Bräunlinge im Kreis um einen alten Feuerwehrwagen, von dem vaterländische Gehirnwaschbrühe herunterschwappte. Rundum Absperrungen, in Summe garantiert dreimal soviel Polizei wie Faschos. Es wirkte wie ein Straßenfußballturnier, bei dem nur bewaffnetes Publikum zugelassen ist, oder wie das IKEA-Bällchenbad in Übergröße und mit grün uniformierten Kindertanten. Langweilig, genau wie das idiotische Geschwafel der Nachwuchsfaschisten.

Der dräuende Regen fiel leider erst nach dem Ende der überflüssigen Kundgebung, das war schade, lästig und von Sankt Petrus extrem schlecht getimed. Am Bahnhof warteten die unvermeidlichen Autonomen darauf, sich mit den Nazis oder wenigsten mit der Polizei kloppen zu dürfen, aber daraus wurde erstmal nix. Übrigens, um bei den krawallgeilen Kapuzenpulloverkids eine Führungsposition zu bekommen, muss man rote Haare haben, totenbleich sein und sich mindestens fünf sauhässliche Blechringe in die Fresse tackern. Auf Befragen sagte ein regenfeuchter Beamter, dass die Autonomen die deutlich nervigere Kundschaft seien, die Nazis würden sich meist halbwegs benehmen. Kann ich bedauerlicherweise sogar bestätigen.

Am Ende waren, bis auf die braven Demoradler, die schon mittags mit ihren Luftballons die Stadt umweltschonend durchquerten, fast alle enttäuscht. Die Nazis hatten als geschlossene Veranstaltung vor einem Beamtenpublikum gegen Israelis und andere Volksfeinde hetzen müssen, die Linksgerechten mussten auf den üblichen Zoff mit den Bullen verzichten und durften den Faschisten nicht mal ein bisschen auf Schnauze oder Glatze hauen, so manches Polizistenkind musste am Wochenende auf Mama oder Papa verzichten, alle wurden ziemlich nass und der ganze Mist kostete garantiert mehr als eine halbe Million Euro.

Was aber im Vergleich zu dem Haushaltloch, dass sich in Dortmund praktischer- und überraschenderweise genau einen Tag nach der Kommunalwahl auftat, nur kleine Nüsse sind. Hundert Millionen fehlen im Stadtsäckel und angeblich hat es vor der Wahl keiner gewusst. Aber das ist ein neues Thema, über das ich mich vielleicht ein anderes Mal aufrege.

Hier ein Teil der Bildausbeute als Galerie, draufklicken zum Vergrößern.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Schule hat begonnen

Geschrieben von Johannis am 4. September 2009 um 13:51 Uhr

Wer eine Allergie gegen moralisierende Alltagsbetrachtungen hat, sollte jetzt schnell irgendeine Seite anklicken, die essentielle Informationen zum plötzlichen Abdanken des Thüringer Pistenrowdys (langweilig), der siebenundvierzigsten Folge des Opel-Dramas (deprimierend) oder zur Beerdigung von Michael Jackson (stinklangweilig, auch nach 10 Wochen im Kühlregal ist Jacko nicht auferstanden, Jesus brauchte keine zwei Tage für sein Revival) anbietet.

Hier geht es heute um adipöse Kinder und ihre Stullenpakete, um Biafra und den Elternführerschein. Erinnert ihr euch noch an eure Pausenbrote, oft schon am Vorabend von müder Mutterhand geschmiert, dann in Wachspapier gewickelt und nach der zweiten Schulstunde aus dem Tornister geklaubt? Graubrot mit Margarine und grober Leberwurst, manchmal auch Schwarzbrot mit Griebenschmalz oder einem sterbenslangweiligen Vierkantkäse, der nur von seiner Farbe an den blutjungen Gouda von Frau Antje erinnerte, die in den Fußgängerzonen der Siebziger Jahre gern mit Klompen an den Füßen die leckeren Käsereiprodukte unserer holländischen Nachbarn anpries. Wenn man Glück hatte, gelang auf dem Schulhof ein Tausch – Stinketilsiter gegen Fleischwurst mit Senf oder zwei Scheiben Graubrot, klebrig von Grafschafter Rübensirup, gegen eine Stulle mit zähem Schinkenspeck.

Ich hatte selten Glück, schon gar nicht beim Ergattern von Nutellabroten. Besonders Schnitten mit Blutwurst musste ich immer selbst runterwürgen und ich gestehe, dass ich mindestens einmal so eine fiese Stulle unauffällig in den Mülleimer fallen ließ. Danach hatte ich stundenlang ein schlechtes Gewissen, denn schließlich hungerten in Biafra diese Kinder mit ihren grotesk aufgeblähten Bäuchen und dem rötlich-blassen Kraushaar. Manchmal war es sowieso besser, das olle Pausenbrot wegzumümmeln, weil man sich dann am häuslichen Mittagstisch zurückhalten konnte, wenn mal wieder ein wunderbar-urdeutsches Gericht wie Birnen, Bohnen und Speck, Labskaus, lederzäh gebratene Schweineleber mit Zwiebeln, Apfelmus und Kartoffelbrei oder verlorene Eier in Senfsauce serviert wurde. Ja, ist lange her.

Die Neuzeit-Kids von der nahe gelegenen Ricarda-Huch-Schule schmeißen ihr Futter nicht etwa in unseren Vorgarten, weil ihnen daheim ähnliche kulinarische Grausamkeiten drohen. Sie haben ihr überreichlich bemessenes Taschengeld für Pizza, Döner oder Currywurst ausgegeben und wollen zuhause keinen Anschiss riskieren, wenn das leckere Stullenpaket unberührt heimkehrt. Daher fliegt das Pausenfutter über die Mauer, auf der sie nach der Schule gesessen und sich auf ihren Handys gegenseitig Videoclips vorgespielt haben. Ja, auch Porno, meist aber nur Musikvideos oder irgendein Youtube-Schrott.

Vorgestern waren es vier Scheiben Vollkornbrot und ein Apfel, zweimal Nutella und zwei mit Leerdammer, vom Schreibtisch aus habe ich hier alles im Blick. Den Apfel holen sich hoffentlich die Amseln, der Rest flog nach Inspektion und Fotosession in den Müll. Natürlich brav getrennt, die Plastiktüten gingen in die gelbe Tonne.

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Aufgewachsen in der Obhut von Menschen, die noch echten Hunger erlebt haben und aus den östlichen Trümmern des deutschen Reichs gen Westen geflüchtet waren, aber auch sensibilisiert durch elf Jahre Entwicklungsarbeit in Nepal, wo regelmäßig Menschen verhungern, finde ich es skandalös, dass in Deutschland mehr als ein Drittel aller Lebensmittel im Müll landen. Man muss es ja nicht unbedingt meiner Tante nachmachen, die blassgrün gewordene Wurstscheiben mit reichlich scharfem Senf verzehrte, weil sie nichts wegwerfen konnte und sich deshalb regelmäßig eine Lebensmittelvergiftung einfing – aber etwas mehr Respekt wäre schön. Wertschätzung eben.

Darf man eigentlich im Zusammenhang mit all dem Guten, was dieser Planet hervorbringt, noch von respektieren sprechen oder ist das megaout? Respekt gleich high five, nur was für pubertierende Gangstas? Egal, ich tu’s. Manche der verwöhnten Rotzblagen, die gern draußen auf der Mauer hocken und die große Schnauze aufreißen, müssten einfach mal zu ein paar Tagen Spezialdiät verknackt werden. Wasser und Brot, meinetwegen auch ohne Brot. Fasten als Erziehungsmaßnahme. Aber viele Eltern lassen sich leider von ihren Zuckerkindern jeden Dreck bieten, sie sind zu schwach oder gleichgültig, um Grenzen zu setzen. Kinder brauchen Grenzen, denn Grenzen geben Sicherheit – den Satz habe ich von einer Pädagogin, die seit einem Vierteljahrhundert in der Nachwuchsbetreuung arbeitet. Und an ihrer Klientel zunehmend verzweifelt.

So, das reicht für heute. Den Elternführerschein spare ich mir für eine anderes Mal auf, denn dieser Text hat die Durchschnittsleseraufmerksamkeitszeitfensterobergrenze längst überschritten. Macht aber nix.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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