Zurueck
Start Mensch Buch Prosa Bilder Lyrik Blog Mehr
Vorwaerts
Deko Blog

Archiv für September, 2009

Wir brauchen mehr politische Auftragskiller

Geschrieben von Johannis am 28. September 2009 um 11:35 Uhr

Es hatte etwas Rührendes, als Barack Obama vergangene Woche seine erste Sitzung beim UN-Sicherheitsrat leitete und dortselbst einstimmig beschlossen wurde, dass wir uns auf eine Zukunft ganz ohne Atomwaffen freuen können. Wären da nicht Leute wie der Irre aus Teheran, der fast zeitgleich vor den versammelten Kameras der Weltpresse und nahezu leeren Bänken eine seine berühmten Hassreden hielt. Eine halbe Stunde lang lobpreiste er den allmächtigen Allah, betonte dann seine Freude und Zufriedenheit über die völlig demokratisch verlaufenen Wahlen im Iran und wendete sich schließlich seiner Lieblingsbeschäftigung zu, dem Holocaustleugnen.

Was ist eigentlich aus der schönen Tradition des politischen Auftragsmords geworden? Früher musste doch nur irgendein verblendeter Präsident eines unbedeutenden lateinamerikanischen Staates andeuten, dass er den Großgrundbesitzern ein paar Hektar Land wegnehmen und es den Armen zum Beackern geben möchte, da schickte die CIA ihre Killer los und ein paar Tage später war die gottgewollte Ordnung wiederhergestellt. Die Reichen schwelgten wie zuvor im Luxus und Millionen landloser Campesinos fraßen eben weiter Dreck. Wo immer ein Kommunistenfreund sein hässlich-bärtiges Haupt erhob, wurde dasselbe flugs von einer Kugel getroffen, und Ruhe war. Notfalls gab es eben einen gesponserten Militärputsch, obwohl Panzer und Bomben auf Präsidenten natürlich nicht schön fürs amerikanische Image sind.

Das Risiko von Bürgerrechtlern, Sozialdemokraten und anderen humanitären Weltverbesserern, die politische Karriere plötzlich mit ein paar zusätzlichen Körperöffnungen und in einer Blutlache zu beenden, war immer groß. Linke sterben schneller, konservative und reaktionäre Machtmenschen leben vergleichsweise sicher, was den Schluss aufdrängt, dass deren Nähe zu Großkapital und multinationalen Konzernen sie vor Attentätern schützen wie Panzerstahl und Kugelweste. Rückwirkend betrachtet hat es eigentlich fast immer die falschen Leute erwischt, und das geht nicht erst seit Mahatma Gandhi und Martin Luther King so.

Doch nun ist weitgehend Flaute im Killerbusiness. Liegt es an der neuen Verzagtheit oder am knappen Budget? Hat der letzte US-Präsident (erinnert sich eigentlich noch jemand an den unterbelichteten und erschreckend instinktlosen George Walker Bush?) mit seiner erfolglosen Hatz auf Osama Bin Laden die falschen Schwerpunkte gesetzt oder gibt es bei den Geheimdiensten heutzutage keine Kerle, die Eier in der Hose haben? Political Correctness unter Agenten, oder was? Hat die vereinigte Front konservativer Geldsäcke zuviel Kohle beim Bankencrash eingebüßt und muss erstmal die Nummernkonten wieder auffüllen?

Atomwaffenfreie Zukunft, dass ich nicht lache. In vier Jahren soll all das bombenbastelfähige Material gesichert sein und dann geht’s brav ans kollektive Vernichten. Falls al-Qaida bis dahin nicht bereits die erste amerikanische Großstadt in einen strahlenden Schutthaufen verwandelt hat. Warum schicken sie Mahmud Achmadineshad nicht einfach eine Drohne ins Haus? Die Dinger können doch heute, außer Kaffeekochen und Bügeln, einfach alles und sind recht preiswert. Hallo Agenten – nehmt euch doch mal ein Beispiel an den Israelis, die bomben verdächtige Terroristen doch auch direkt in den palästinensischen Märtyrerhimmel. Warum klappt das nicht bei Leuten, die es wirklich verdient haben?

Ich hätte da eine Wunschliste, auf der neben dem kotzhässlichen iranischen Holocaustleugner auch Leute wie Muhammad Gaddafi und Robert Mugabe stehen. Dann der toupierte Nordkoreaner und die gesamte Generalsclique in Birma, Burma oder wie das Land jetzt heißt. Und natürlich noch… Stopp, das kostet zuviel?! Gut, dann muss man eben in Afghanistan sparen. General Stanley McChrystal fordert gerade 30.000 zusätzliche Soldaten für die ISAF, zu den hunderttausend, die er schon hat. Der Krieg dort, der ja bekanntlich keiner sein soll, ist sowieso schon längst verloren. Aber das ist ein anderes Thema, mit dem ich euch heute nicht auch noch ärgern will.

Warum nicht? Weil – falls ihr nicht zu jenem Drittel der rund 61 Millionen Wahlberechtigten gehört, das gestern mit einer Minderheit von 48,4 Prozent aller abgegebenen Stimmen die neue schwarzgelbe Regierung ins Amt gehievt hat – ihr heute betrübt oder sogar schockiert sein werdet und man euch deshalb nicht zusätzlich ärgern sollte. Das werden Guido und seine Tigerenten die nächsten vier Jahre nämlich garantiert reichlich tun. Hoffentlich nur vier Jahre lang.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 5 Kommentare »

Symbolfoto

Geschrieben von Johannis am 27. September 2009 um 13:09 Uhr

Wir sind ständig umgeben von Zeichen und Omen, doch nicht immer verstehen wir deren Botschaften. Als ich vorhin zur Wahl ging, fand ich in der Nachbarschaft ein Mobilklo, das besoffene Kerle letzte Nacht umgeworfen haben. Tolle Aktion, echt mutig! Die Bauarbeiter werden sich am Montag freuen.

Was soll uns ein umgekipptes Mobilklo sagen, das den Weg zum Wahllokal versperrt? Wählen ist Scheiße? Wir brauchen dringend einen Umsturz? In diesem Staat ist die Kacke am Dampfen? Jetzt beginnen ganz beschissene Zeiten?

Heute Abend wissen wir mehr. Mir schwant nichts Gutes, aber ich habe meine zwei Kreuze gemacht. Ihr hoffentlich auch.

scheisshaus

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Kurz & Knapp | 4 Kommentare »

Motorsensenmassaker

Geschrieben von Johannis am 25. September 2009 um 18:23 Uhr

Vor einigen Jahren investierte die Stadt reichlich Geld für neues Gehwegpflaster und gigantische Baumscheiben in meiner Straße. Überaus anmutige und garantiert sauteure Kreationen aus verzinktem Stahlrohr, wuchtigen Kantsteinen und bröseligem Dreck, um den Baumwurzeln leichten Zugang zu Luft und Wasser zu verschaffen. Löblich. Ach ja, und um den anwohnenden Kötern das Kacken zu erleichtern sowie die Anzahl der Parkplätze drastisch zu reduzieren, denn die neuen Ökobrachflächen sind so groß bemessen, dass seither zwei Autos nur mit fahrerseitiger Rücksicht und etwas gutem Willen hintereinander passen.

Unwichtig, denn bald kommt die Klimakatastrophe und dann ist sowieso Schluss mit Autofahren. Grün ist schön, grün heilt und auch in mir steckt ein Guerillagärtner. Also pflanzte ich bald nach der teuren Bürgersteigerneuerung einen Schmetterlingsflieder auf die Baumscheibe vor meinem Haus. Da diese Pflanzen nicht anspruchsvoll sind, Dauerregen, Dürre sowie regelmäßige Bombardements mit Hundekot und Streusalz vertragen, dazu schnell wachsen und üppig blühen, musste ich meinen Einsatz nicht bereuen. Bis Montag.

Da schickte das städtische Grünflächenamt einen Trupp vermummter Männer durch die Straßen, die sämtliche Baumscheiben mit der Motorsense säuberten. Das heißt, sie häckselten und sägten rücksichtslos alles weg, bis auf die Baumschutzbügel und unsere dazwischen stehenden hölzernen Freunde. Auch meinen Schmetterlingsflieder. Ich war leider nicht anwesend und konnte deshalb das Massaker nicht verhindern, erst gegen Abend sah ich den traurigen Strunk aus dem Boden ragen. Zu spät.

Welch ein Irrsinn. Was hat das Grünflächenamt eigentlich gegen Wildgräser und Disteln? Müssen die weg, weil sie sonst kackende Köter am Arsch kitzeln? Und warum erkennen die Möchtegerngärtner einen übermannshohen Zierstrauch nicht als solchen und sägen ihn weg? Was – außer Lackschäden, denn rasende Motorsensen katapultieren Kiesel und steinhart getrocknete Hundeköttel mit annähernd Lichtgeschwindigkeit gegen umstehende Fahrzeuge – bringt so eine Blödsinnsaktion überhaupt, außer Beschäftigung? Muss denn in Deutschland alles aufgeräumt sein, jeder Wildwuchs eingedämmt werden? Wenn ja, warum stört es die tobsüchtigen Killergärtner dann nicht, dass fünfzig Meter weiter schon wochenlang Klamotten aus der Altkleidersammlung rumliegen? Nicht zuständig? Faule Säcke!

Kopfschüttelnd vergoss ich also ein paar bitterheiße Tränen und trauerte meinem Schmetterlingsflieder hinterher. Und rief am Dienstag das Grünflächenamt an. Ein freundlicher Herr Sziedat entschuldigte sich wortreich und erklärte mir, dass in meiner Straße leider auch 1-Euro-Kräfte zum Einsatz kamen, die nicht immer den vollen gärtnerischen Durchblick hätten. Nein, blinde 1-Euro-Jobber würde die Stadt nicht beschäftigen, und nochmals Nein, Ersatz für den hingemeuchelten Strauch könne es leider nicht geben, allein schon wegen der Hauhaltssperre, die am Tag nach dem SPD-Kommunalwahlsieg verhängt wurde. Sie dürften neuerdings ja nicht mal mehr Rasenmähen, raunte Herr Sziedat. Aber ich könnte Baumpate werden, dann würde meine Baumscheibe zukünftig von Verwüstungen verschont bleiben.

Seit gestern ist es amtlich: Der Rot-Ahorn vorm Haus steht unter meinen persönlichen Schutz, denn ich bin sein Pate. Anonym, ohne Messingschild am Stamm. Wollte keins und zahlt die Stadt eh nicht. Heute rief mich allerdings eine Kollegin von Herrn Sziedat an, wegen der Baumpatenschaft. Als ich etwas schnippisch fragte, ob denn wohl ein größerer Verwaltungsakt nötig sei, um die Verbindung zwischen dem Ahorn und mir zu besiegeln, schnappte sie kurz nach Luft. Nein, aber es gäbe noch Abstimmungsbedarf. Nachdem wir den mörderischen Einsatz der minderbegabten Montagsgärtner erneut mit all seinen Aspekten debattiert hatten, machte sie mir wenig Hoffnung für das zukünftige Gedeihen meines Schmetterlingsflieders oder etwaiger Nachfolger. Die resoluten 1-Euro-Spezialisten eben, da gäbe es leider keine Garantie.

Gut. Trotzdem bleibe ich Pate. Falls der Flieder trotz brutalster Misshandlung wieder austreibt, muss ich mir nächstes Jahr wohl auch so ein Schild besorgen, wie es Nachbarn auf der anderen Straßenseite haben. Obwohl’s spießig ist. Der Kampf geht weiter. Venceremos!

Vorschaubildergalerie, ruhig mal draufklicken.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | 3 Kommentare »

Kulturschock

Geschrieben von Johannis am 20. September 2009 um 15:49 Uhr

Am Samstagabend war ich auf einer Ausstellungseröffnung im Dortmunder Depot. Früher wurden da Straßenbahnen gewartet und repariert, aber unsere Tram ist ausgestorben. Deshalb fuhr ich mit dem Rad, auch wegen Klima und Altersfitness. Unterwegs traf ich einen Freund, der an Wochenenden Taxi fährt und dabei mit aller Kraft an seinem ersten Herzinfarkt arbeitet. Er parkte ganz vorne am Taxenplatz und steigerte sich gemütlich in seinen nächsten Tobsuchtsanfall hinein, weil die Fahrgäste und der neue Digitalfunk nicht tun, was er von ihnen will. Nie.

Würde er nicht dummerweise aus Fleisch und Blut bestehen, könnte man einfach das Betriebssystem wechseln, ein BIOS-Update machen und neue Firmware flashen. Oder einen besseren Lüfter und stärkere Sicherungen einbauen. Damit er nicht immer heißläuft und ausrastet, meine ich. Wohlwissend, dass Ratschläge immer auch Schläge sind, zitierte ich den Dalai Lama. Der würde in solchen Situationen sagen: „Was für eine wundervolle Gelegenheit, um Geduld und Gelassenheit zu üben.“ Mein Freund war wenig begeistert, hatte dann aber Glück, denn eine ältere Dame stieg bei ihm ein und ich fuhr weiter.

In der fast hundert Meter langen Halle des Depots traf ich auf ein Dutzend Kunstwerke von ebenso vielen Künstlern und noch mal fünf Dutzend Besucher. Maximal. Sehr schade, denn zu sehen waren durchweg interessante Arbeiten von Leuten, die Kunst können. Nach der Begrüßungsrede und ausgiebigem Dank plus langstieliger Rose für jeden Kunstschaffenden, kam ein extrem fetter Mann auf die Bühne und spielte Minimal Art auf dem Akkordeon. Pro Minute nicht mehr als drei Töne, dafür das Ganze eine gefühlte Stunde lang. Schwungvollere Musik mit mehr Tasteneinsatz hätte sich bestimmt positiv auf sein Übergewicht ausgewirkt und wäre unterhaltsamer gewesen. Geht mich aber nix an.

Dann eine schöne Rede eines Kunsthistorikers, der jede einzelne Arbeit erklärte und intensiv auf den Hintergrund der Maler und Bildhauer einging. Gefühlte Dauer: 90 Minuten. Danach gab es mesopotamische Linsensuppe mit Fladenbrot und der Gelegenheit, für ein Wasserprojekt im zwangsdemokratisierten Irak zu spenden. Gutes Timing, denn so musste man die anschließende Performance nicht mit leerem Magen ertragen.

Zuerst wurde eine kleine, grundierte Leinwand herumgereicht. Nachdem wir alle unsere Namen in Spiralform hintereinander geschrieben hatten, stellte sich die dazugehörige Künstlerin auf eine Stufe, entblößte die rechte Hälfte ihres Oberkörpers und liebkoste wortlos und minutenlang eine nicht mehr vorhandene Brust. Die Amputationsnarben waren blass und dezent, ihr Krebs offenbar schon lange besiegt. Nach einer Weile kniete sie nieder und begann damit, weiße Kartonstreifen mit dem Wort lebenleben zu beschriften.

Es wurde viel fotografiert, manch Zuschauer legte schmerzlich-befremdet die Stirn in Falten und ich war bestimmt nicht der einzige, der sich fragte, ob ihr die zweite Brust geblieben ist. Wenn ja, ließe sich der Schockeffekt sogar noch steigern. Vielleicht ist sowas aber zu obszön, und man zeigt in ihren Künstlerkreisen nur Brüste, die es nicht mehr gibt.

Ich bin dann bald heimwärts geradelt. Halt! Fast vergessen hätte ich das Gespräch mit einem durchaus klugen Mann, der mich wortreich davon zu überzeugen versuchte, dass es die Viren für AIDS und Schweinegrippe gar nicht gibt. Alles wissenschaftlicher Schwindel. Okay.

Es war keinesfalls ein verschwendeter Abend, sondern eine wundervolle Gelegenheit, um Geduld und Gelassenheit zu üben. Und Toleranz. Hätte der Dalai Lama gesagt.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | Kommentar schreiben »

Abwrackprämie für Milchkühe

Geschrieben von Johannis am 18. September 2009 um 11:11 Uhr

Der Glaube an die Vernunft des Marktes, welcher im freien Spiel von Angebot und Nachfrage zum Wohle der Menschheit schaltet und waltet, ist nicht erst seit dem Beginn der globalen Finanzkrise dahin. Wer die letzten Jahre nicht im Wachkoma oder auf einem kleinen Planeten im Sternbild Beteigeuze verbracht hat, sollte mittlerweile kapiert haben, dass die freie und soziale Marktwirtschaft weder frei noch sozial ist. Und schon gar nicht vernunftgetrieben.

Leider werden auch die Verfechter eines starken, lenkenden Staates um ihren Schlaf und eine geregelte Verdauung gebracht, weil die zuständigen staatlichen Organe etwa so hirnhaltig sind wie chirurgisch entfernte Rachenmandeln oder eitrige Blinddärme. Europäische Minister und Ministerinnen handeln – wenn überhaupt – kopflos oder eindeutig ferngesteuert von mächtigen Interessengruppen und Konzernlobbyisten. Alternativ müssen sie ihren potentiellen Wählern in den Arsch kriechen, wie es Ilse Aigner gerade mal wieder mit artistischem Geschick und reichlich verbaler Gleitcreme tut.

Dass die gelernte Radio- und Fernsehtechnikerin alles andere als weitsichtig agiert und – abgesehen vom CSU-Parteibuch – nur eine äußerst zweifelhafte Qualifikation zur Landwirtschafts- und Verbraucherschutzministerin hat, wurde hier bereits früher erwähnt. Jetzt im Wahlkampf zeigt sie erneut, was in ihr steckt, und das ist vorwiegend braun und riecht nach Mastdarm.

Die Milchpreise sind abermals im freien Fall und erboste Belgier kippen die weiße Brühe millionenliterweise auf ihre Wiesen. Aldi, Lidl und Co. verlangen für einen Liter frischen, vollfetten Eutersaft weniger als einen halben Euro und der Mann an Mistgabel und Melkgeschirr bekommt davon beschämende 20 Cent als Erzeugerpreis. Also schreit die bayerische Ilse nach Subventionen und Exporterleichterungen für Milch, Butter und Käse. Brüssel will aber nicht so recht mit zusätzlichen Milliarden rausrücken, sondern kommt mit dem fadenscheinigen Argument, dass sich angeblich die Nachfrage verringert hätte.

Kann das womöglich stimmen? Hast du heute schon Milch getrunken? Und wenn nein, warum nicht? Gibt es eventuell weniger Kinder als früher und trinken die vielleicht lieber Cola? Sollten wir daher schleunigst zum Supermarkt sprinten und uns den guten Kuhsaft holen, voller Eiweiß, Kalzium und Lebenskraft? Müssen wir nicht sofort unsere kürzlich unter Schmerzen gewählten Europa-Abgeordneten anrufen und einfordern, dass die EU schnellstens erheblich mehr Milchprodukte nach Afrika exportiert, damit dort noch ein paar Bauern in den Ruin getrieben werden und mehr Säuglinge sterben, weil sie mit in dreckigem Wasser angerührter Trockenmilch ernährt wurden, anstatt an Mamas brauner Brust zu nuckeln? Bürger Europas, seid solidarisch mit euren Bauern, auch wenn es ein paar Negerleben kostet!

Nur vollkommen verblendete Typen wie ich kämen auf die Idee, dass es zu viele Kühe gibt und diese Viecher einfach zu dicke Euter haben, weil man Milchvieh seit Jahrzehnten konsequent auf mehr Leistung züchtet. Absolut radikal und gefährlich umstürzlerisch ist daher auch mein Vorschlag einer Abwrackprämie für Kühe. Nach dem finalen Bolzenschuss fein geschreddert als Mittelteil eines Big Mac würde die Kuh zwar endlich der Umwelt nutzen, anstatt sie mit Methan vollzufurzen und durch ihre permanenten Rülpser den Klimawandel zu beschleunigen, aber so etwas darf man wahrscheinlich nicht mal denken.

Obwohl – Europas Landwirte hätten mehr Geld im Sack, der Milchpreis würde steigen, afrikanische Bauern könnten weiter ihre mageren Kühe melken und Drittweltbabys würden eben wie vor Millionen Jahren an den Mutterbusen gelegt. Schlimm? Nicht wirklich, oder? Aber garantiert viel zu vernünftig für die freie und soziale Marktwirtschaft. Dabei hätten Abwrackzahlungen für Milchvieh sogar den Namen Umweltprämie verdient, anders als bei der heuchlerischen Autoindustriesubvention. Die Idee wird sich aber nicht durchsetzen. Wetten?

Übrigens, während ich dies schreibe plärrt mir Radiowerbung ins Ohr. Real, die deutsche Version der Walmart-Pest, verkauft den 10-Kilo-Sack Kartoffeln für 99 Cent. Ein Zentner Erdäpfel für 4,95 Euro – ich bin fassungslos und werde hier wohl bald noch andere Vorschläge für eine Revolution des Marktes vorstellen müssen. Beziehungsweise berichten können, dass suizidale Bauern sich überall im Land kopfüber in ihre Rübenhäcksler stürzen oder in Milchseen ertränken.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

Veröffentlicht in Perlenschwein | Kommentar schreiben »