Manche Dinge schockieren mich derart, das ich etwas Zeit vergehen lassen muss, bevor ich sie hier zur Sprache bringen kann. So zum Beispiel die Sache mit dem sozialen Zwang zur Intimrasur und der sprunghaft zunehmenden Neigung von Mann und Frau, sich auch zwischen den Beinen chirurgisch verschönern zu lassen.
Diese hochinteressante Studie der Uni Leipzig gibt Auskunft über Trends bei Tatoos, Piercings und Körperenthaarung. Obwohl mir altem Sack (Schädelhaar schwindend, Skrotum naturbelassen) kaum jemand Kontakt mit der holden Weiblichkeit zutraut (aktuell leider nicht ganz unberechtigt, das kann aber wieder werden), habe ich nichts gegen enthaarte Achseln und seidenweich epilierte Beine. Auch muss ich meine zarten Lippen auf der Suche nach einer feucht glänzenden Klitoris (wenn es dazu kommt) auch nicht unbedingt in etwas vergraben, was der fusseligen Bärenfellmütze britischer Palastwachen ähnelt. Ich bin also halbwegs fortschrittlich eingestellt, bilde ich mir jedenfalls ein.
Heftiges Unverständnis überkommt mich hingegen, wenn ich lese, dass bereits Dreizehnjährige sich zwischen den Beinen rasieren und der Intimbereich immer mehr zum Gegenstand modischer Gestaltungswut wird. Über zwei Drittel aller Männer und Frauen im Alter zwischen 18 und 25 bekämpfen den Wildwuchs um Pimmel und Möse regelmäßig mit der Klinge. Begriffe wie »Brazilian Hollywood Cut« (Komplettentfernung der Schambehaarung) oder »Brazilian Landing Strip« (Intimfrisur, bei der nur ein schmaler Streifen auf dem Schambein stehen bleibt) sind längst Teil der Alltagskultur, doch mittlerweile wird nicht nur überall gewachst und rasiert, sondern auch tüchtig geschnippelt.
Der Durchschnittsmann macht sich unendlich viele Gedanken über Größe, Form und Krümmungsgrad seines Pimmels, das ist seit Ewigkeiten bekannt. Eine zeitlich oder in Zentimetern messbar verlängerte Erektion zählt oftmals mehr als die Steigerung der intellektuellen Leistungsfähigkeit. Nun hat dieser zweifelhafte Trend auch das weibliche Geschlecht erreicht. Das Fachmagazin Contraception veröffentlichte im Jahr 2005 eine Studie, für die 9441 Frauen im Alter zwischen 18 und 44 Jahren aus insgesamt 13 Ländern interviewt wurden. 61 Prozent äußerten Bedenken bezüglich des Aussehens und 47 Prozent wegen der Größe der eigenen Vagina (obwohl sie eigentlich ihre Vulva meinten, aber das nur als Randbemerkung).
Im selben Jahr verzeichnete unser schönes Land rund tausend Schamlippenstraffungen, die jährliche Wachstumsrate für diese wichtige Dienstleistung liegt bei etwa 30%. Hier ein Auszug aus dem Repertoire der plastischen Chirurgie für Verschönerungen unterhalb des Bauchnabels: Schamlippenverkleinerung oder -vergrößerung, Absaugen des Fetts am Schamhügel, Reduzierung der Klitorisvorhaut, Kollagenspritzen unter den G-Punkt (wenn der Operateur ihn denn findet) oder gleich eine Scheidenverengung. Männern werden bisher leider nur operative Penisverlängerungen angeboten, da hat die Branche also noch ’ne Menge Spielraum.
Breits im März 2008 ließ ich mich im Beitrag Cremeschnitte und Saftspritze über den Begriff ‚buttercunt’ aus, ohne dabei ernsthaft anzunehmen, dass die Mösenoptik wirklich so große Bedeutung im Leben des modernen Menschen haben könnte. Ungleich mehr irritiert mich nun die Tatsache, dass die Leute immer mehr verblöden und sich offenbar kaum jemand über Größe oder Potenz seines Gehirns zu sorgen scheint. It’s all about sex. Dabei befindet sich die wichtigste erogene Zone jenes Tieres, das bisher noch unter dem Namen Homo sapiens firmiert, zwischen den Ohren. Nein, nicht die Nase.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«