In den vergangenen zwei Jahren habe ich mir in gewissen Kreisen einen ebenso gewissen Ruf als nüchtern-sachlicher, unparteiischer Berichterstatter erworben, der auch vor heiklen Fragen nicht zurückschreckt. Zu den wichtigen Themen unserer Zeit gehört die Religion, obwohl ihr leider in der öffentlichen Wahrnehmung verglichen mit echten Problemen wie den ständig fallenden Milchpreisen, dem baldigen Auslaufen der Abwrackprämie oder der Frage, ob uns ab September eine neue Eiszeit (moralisch, intellektuell und vor allem klimatisch) bevorsteht, deutlich zu viel Bedeutung beigemessen wird.
Eine schier endlose Reihe von unabhängigen wissenschaftlichen Untersuchungen hat mittlerweile ergeben, dass der Glaube an einen oder mehrere Götter nicht nur absurd und irrig, sondern auch in hohem Maße pathologisch ist. Um es einfach zu sagen – Religion macht krank. Egal, ob es der Glaube an die jungfräuliche Empfängnis (auch Windbestäubung oder Tröpfcheninfektion genannt) oder an das göttliche Sechstageschöpfungsrennen ist, egal, ob kindisches mein-Gott-ist-aber-heiliger-als-deiner-Gezänk, Dschihadismus oder jahrtausendelanges Warten auf einen extrem rückkehrunwilligen Messias – all das kann bekanntlich krank machen.
Gut, in der Vergangenheit waren die Risiken kalkulierbar. Standen zwei kreuzbrave Damen im Hausflur, um dem arglosen Bewohner ein albernes Gespräch über das Jüngste Gericht (nein, keine Kochsendung mit Tim Mälzer) aufzudrängen, half eine Anspielung auf die regelmäßigen Satanistentreffen, die man auf dem nahe gelegenen Friedhof abhielt. Oder eben der schnöde Hinweis, dass man gegen Zeugen Jehovas schon immer allergisch war und jetzt dringend aus dem Haus müsste, um Nachbars Katze zu kreuzigen. Auch in die allerorts aufsprießenden Moscheen latscht man nicht einfach nichtsahnend rein, die sehen schließlich anders aus als der örtliche Lidl-Markt. Also meistens. Kirchen erkennt wohl fast jeder am spitzen Dachstuhl und Hare-Krishna-Mönche in Fußgängerzonen hab ich schon ewig nicht mehr gesehen. Kurz – wer sich vor den krankmachenden Aktivitäten der Glaubenseiferer schützen wollte, hatte damit bisher kaum ernsthafte Probleme.
Das war früher, denn heute gibt es das Internet. Seitdem die Welt verkabelt wurde, ist einer flächendeckenden Durchseuchung der Bevölkerung mit Irr- und Aberglauben Tür und Tor geöffnet, die Volksgesundheit ist massiv bedroht. Nehmen wir nur das Beispiel des Lesers Günter Komoll, der kürzlich den extrem seltsamen Kommentar Nr. 111 im Beitrag Plattonnische Libe hinterließ. Es ist unklar, ob Herr Komoll sich in erster Linie von der absichtlichen Falschschreibung im Titel meines Beitrags angezogen fühlte, oder ob er in mir einfach nur ein leichtgläubiges Opfer für unlautere Missionierungsbemühungen witterte. In jedem Fall hinterließ er dortselbst insgesamt 1462 wahrhaft wirre Worte.
Günter Komoll, der auch als Adam Amor Christus, Regent Amor, Höchster Vertreter Gottes auf Erden, Deutscher Heiland seit MM (für jene, die kein Latein hatten: das Jahr 2000) und vor allem als Träger des germanischen Hakenkreuzes Sonnenrad firmiert, geht mit Tatsachen ungefähr so locker um, wie mit Interpunktion und Rechtschreibung. Nur ein Satz aus seinem Kommentar als Beispiel: Das Herz von Eva dem Mäuschen klopft ganz besonders wenn der Rumtreiber der es mit jeder Treibt. Auf seinem Blog Jesus Christus schreibt er mit immenser Ausdauer Wirres und gibt ebenso abstruse Ratschläge. Auch die Kommentare (sie sind gern mal gut 5000 Worte lang) verfasst er dutzendweise selber und wundert sich trotzdem, dass die Berliner Redaktion des STERN ihn nicht einfach so ohne Termin herein lassen wollte. Okay, auch mit Termin hat er dort etwa so viel Chancen wie ein Schneeball in der Hölle.
Wirklich seelisch gefestigte Leser sollten dennoch das Risiko eingehen und der Seite des deutschen Heilands einen kurzen Besuch abstatten. Dabei empfehle ich jedoch dringend die Anwesenheit einer zweiten Person, die mit dem Rücken zum Bildschirm sitzt und den browsenden Partner schützen muss. Bei den geringsten Anzeichen von religiöser Verzückung, ja schon bei halblaut gemurmelten Lauten wie Amen oder Halleluja, muss unbedingt sofort der Netzstecker des Computers gezogen werden, dies auch unter Inkaufnahme von massiven Datenverlusten.
Ich werde mich demnächst an den Vatikan wenden und Kardinalstaatssekretär Tarcisio Bertone mit Nachdruck darum bitten, aus dem Turiner Grabtuch eine Gewebeprobe entnehmen zu lassen. Die darin enthaltene DNA sollte dann schnellstmöglich untersucht werden, um den Verdacht zu erhärten, dass Jesus von Nazareth an einer genetisch bedingten, multiplen schizoid-psychotischen Persönlichkeitsstörung litt, die nicht heilbar war. Ich vermute, dass diese krankmachenden Gene auch heute noch zirkulieren und beispielsweise im Erbgut des Herrn Komoll nachzuweisen sind. Wenn sich mein Verdacht bestätigt, werde ich mich unverzüglich wegen einer entsprechenden B-Probe an den deutschen Heiland (seit MM) wenden.
Wir sollten jedoch nicht nur die Gefahren betrachten, die auf der physisch-pathologischen Ebene lauern. Wenn bereits ein harmloses Spiel wie Counter-Strike brave junge Menschen nach wenigen Wochen in blutrünstige Amokläufer verwandelt, wie ist es dann mit den Lesern der Bibel? Auch dort wird gekämpft und getötet, verbannt und salinifiziert (denkt an Lots Frau), es werden Kinder geopfert und Brüder erschlagen. Und vor allem gibt es dieses zutiefst verstörende Buch schon seit Jahrtausenden, Counter-Strike erschien erst im Juni 1999. Man male sich nur einmal aus, welch krankmachende Folgen der seit Jahrtausenden überlieferte religiöse Wahn für die kollektive Psyche haben musste – es ist schockierend!
Selbstverständlich werde ich die Leserschaft über die Ergebnisse der geplanten DNA-Untersuchungen informieren und gegebenenfalls weitere Warnhinweise publizieren. Bis dahin gilt es achtsam zu sein, denn der gefährliche Irrglaube lauert überall. Merke: Wo Gott draufsteht, ist noch lange nicht Gott drin. Und selbst wenn Gott drin ist, sollte man lieber die Finger davon lassen.
Nur ein gut gemeinter Tipp.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«