Die Hoffnung auf Freiheit hat einen besonderen Duft, der die Menschen freudig aufatmen lässt, bei dem sich ganz von selbst der Rücken streckt und die Schultern straffen, es ist ein Duft, der die Augen leuchten lässt. Ab und an weht dieser Duft durch die Welt wie warmer Frühlingswind, trägt das süße Aroma weit übers Meer, durch die Lande und in jedes Tal. Als vor zwanzig Jahren chinesische Studenten ihre eigene Freiheitsstatue auf dem Tiananmen Platz errichteten oder, fünf Jahre später, die Wahl Nelson Mandelas zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas, der Fall der Mauer oder, erst drei Jahre ist es her, der Moment, als der nepalesische König abdankte, elf Jahre Bürgerkrieg endeten und das Parlament wieder eingesetzt wurde – zu jenen Zeiten zog dieser wundervolle Duft durch die Welt.
Es ist ein warmer, süßer Wohlgeruch, wie von blühendem Jasmin, hereingeweht durchs offene Fenster an einem Sommermorgen. Im letzten Herbst war er überall zu riechen, die Wahl Barack Obamas ließ Hoffnung weltweit keimen. Und auch jene Bilder aus Teheran vom vergangenen Freitag – fröhliche Massen, begeisterte Gesichter, Frauen und Männer, alte und sehr viel junge Leute, im Gedrängel auf den Straßen vor oder nach der Stimmabgabe, die Finger zum Siegeszeichen gespreizt und in der Hoffnung auf bessere Zeiten grün gefärbt – trugen den Duft von Jasmin in die Welt.
Betrug hat einen salzig-rostigen Geruch, der sich hartnäckig im Hals festsetzt. Betrug stinkt nach Eisengittern und Handschellen, nach Panzerwagen und Stacheldraht, nach Tränengas und dem Rauch von Barrikaden. Die Brust wird eng, Blutgeschmack liegt im Mund, ängstlich sucht die Zunge im Mund nach ausgeschlagenen Zähnen. So riecht Betrug.
Mehr Rechte für Frauen, Pressefreiheit, wirtschaftliche Entwicklung, Arbeit und Brot für alle – das sind einige der Werte, für die Kandidat Moussavi und seine mutige Frau einstehen. Eindeutig zuviel sozialer Sprengstoff für ein Land, das von einem religiösen Wächterrat gelenkt wird und in dem der Präsident nur eine mächtige Marionette der Mullahs ist – wenn auch eine vom Volk gewählte Marionette. Doch auch um dieses Wahlrecht sind die Iraner betrogen worden, ihre Stimmen zählten nicht, der Urnengang war eine Farce.
Ein sympathischer und gebildeter Herausforderer Ahmadinedschads, ein Mann, der offenbar das Vertrauen des Volkes hat und sich gemeinsam mit seiner klugen Gattin glaubhaft für Menschenrechte einsetzt – das konnten die Islamofaschisten im Wächterrat nicht dulden. Sie halten an ihresgleichen, an Dogma, Atombombe und Judenhass fest, wollen weiterhin die alte Puppe an bekannten Schnüren tanzen lassen, das iranische Volk bevormunden. Ich bedauere die Menschen in Teheran, im ganzen Iran. Selbst wer am Freitag die Hoffnung in ihren Gesichtern leuchten sah, wird kaum ermessen können, wie tief ihr Schmerz, wie groß ihre Wut jetzt sein muss. Gedemütigt, belogen und betrogen – der dreizehnte Juni war ein Tag der Enttäuschung, ein Rückschlag für die Hoffnung auf Freiheit.
Vielleicht ist es Zeit für eine neue Revolution, eine friedliche und weltweite Revolution der Vernunft und Aufklärung. Barack Obama sagte neulich in Kairo: „Wir wissen, was zu tun ist, nun müssen wir handeln.“ Das gilt in fast allen Bereichen, egal ob Klima, Hunger, Wirtschaft. Noch scheint uns der Preis zu hoch, wollen wir wirkliche Veränderungen ungern zulassen, lieb gewonnene Gewohnheiten nicht ändern müssen. Hauptsache, wir warten nicht so lange, bis Diktatoren und Terrorherrscher die von ihnen geknechteten Völker derart gegen sich aufgehetzt haben, dass sich blutige Gewalt wie ein Flächenbrand über die Kontinente frisst.
Oder es anderweitig zu spät ist.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«