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Archiv für Mai, 2009

Weniger ist mehr

Geschrieben von Johannis am 31. Mai 2009 um 12:36 Uhr

Die durchschnittliche Aufmerksamkeitsspanne beträgt beim modernen Medienkonsumenten 2:30. Minuten. Maximal. Ich hab mir die Nörgeleien über viiieeeel zu lange Texte zu Herzen genommen und schreibe jetzt auch mal was Kurzes.
Versprochen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Lautlos kommt der Tod

Geschrieben von Johannis am 30. Mai 2009 um 18:46 Uhr

Oh Gott, höre ich nun einige Leute stöhnen, da isser wieder. Der mit Abstand am wenigsten gelesene Zeroblogger der Blogosphere, ein Klugscheißer mit gigantischem und chronisch unverschließbaren Monsteranus, unser aller moralisches Gewissen, auf das wir herzlich gern verzichten würden. Warum schreibt er nur? Frage ich mich manchmal auch, besonders wenn ich mir die Besucherstatistik ansehe. Ob ich hier das Maul aufreiße oder nicht – das macht kaum einen Unterschied. Nicht mal Freunde lesen mein Zeug, was eventuell daran liegen könnte, dass ich keine Freunde habe. Egal.

Vor zwei Wochen aus dem Vorland des Himalaya-Massivs ins wunderschöne (höh höh!) Westfalen retourniert, habe ich mich erstmal ausgeschwiegen. Relaxt. Gefaulenzt. Den lieben Gott ’nen guten Mann sein lassen. Und mich (wieder mal) gefragt, warum ich eigentlich für ein derart gleichgültiges Publikum wie meines überhaupt schreiben soll. Schlüssige Antworten habe ich (wieder mal) keine, außer dieser: Zur Übung. Damit ich (noch!) besser werde, für wonnig gewählte Worte und sauschön geschmiedete Sätze, einfach für die verfluchte Fertigkeit. Nicht etwa euretwegen! Nur für mich und meine glorreiche Zukunft, für die Tage meiner Entdeckung, für jene Zeiten, da meine Stimme endlich kraftvoll über den ganzen Planeten erschallen wird. Und ich euch lahmarschigen Lesemuffeln und Kommentarversagern endgültig die bitterkalte Schulter zeigen werde. Oder gleich beide.

So, dass sollte zum Abreagieren erstmal reichen. Was es sonst noch gibt? Nicht viel. Ich bin heil und vergleichsweise gesund angekommen, habe unverzüglich Kühlschrank und Weinkeller aufgefüllt und mich alsdann aufs Sofa verkrochen. Woselbst ich eine gute Woche verblieben bin. Mittlerweile hat jedoch der Alltag seine klebrigen Finger nach mir ausgestreckt und mich leider wieder fest im Griff. Leider. Obwohl – in Nepal möchte ich jetzt auch nicht sein. Schon wegen dem Monsun nicht. Dativ darf man ja neuerdings. Gestern war ich beim Arzt, den Augeninnendruck messen. Der ist bei cholerisch veranlagten Menschen schon mal erhöht und das führt dazu, dass sie dann später einen Vogel kriegen. Einen Star, grün. Will ich nicht.

Bei meiner Innercityexkursion fiel mir (wieder mal) auf, wie komplett verschusselt der Durchschnittsdeutsche durch die Stadt eiert. Auf den knapp fünf Kilometern, die ich CO²-neutral und fröhlich radelnd bewältigte, hätte ich locker ein halbes Dutzend Teenies totfahren können, von den tatterigen Omas ganz zu schweigen. Selbst bin ich mehrfach Tod oder Verstümmelung durch idiotische Kraftfahrer entgangen (sehr populär ist mittlerweile, weil offenbar zu bußgeldbillig, das Telefonieren am Steuer), was hauptsächlich meinem überragenden Reaktionsvermögen zu verdanken ist. Und dem regelmäßigen Training in Kathmandu. Wer sich wider Erwarten tatsächlich für die Verkehrsgewohnheiten in Nepals Hauptstadt interessiert, kann sich hier informieren. Sie oder ihn erwarten ein launiger Text und etliche recht schöne Fotos, die ich im vergangenen Herbst der Website von Lorenz Meyer (Lügenbaron, Esoterikteufel und bitterböser Demagoge, der sich hier hinter Pseudonymen wie Henriette Erler versteckt) zur Verfügung stellte. Was ich zulängst und zutiefst bedauere. Aber egal.

Der Gegensatz ist schon frappierend, wenn man aus einer Stadt zurückkehrt, die etwa fünfmal so viele Einwohner, doppelt so viele Fahrzeuge, aber nur einen Bruchteil des Straßennetzes von Dortmund hat. Und in der alles quirlt, wuselt, hupt, drängt und schiebt, aber dennoch niemand ernsthaft zu Schaden kommt. Trotz aufgelassener Kanalschächte, kokelnder Müllberge, wahnsinniger Busfahrer, löchriger Asphaltdecken und einer Vielzahl von Verkehrsteilnehmern, die hier eher selten anzutreffen sind. Heilige Kühe, streunende Hunde, Ziegenherden, Rikschafahrer, Lastenkulis, blinde Bettler, Leprakrüppel auf wackeligen Rollbrettern und so fort. Das ganz normale Chaos. Klappt aber, weil man wach ist. Aufmerksam.

In Deutschland gibt es eindeutig zu viele Regeln und zu wenig Grips. Besonders bei jungen Leuten schreitet die Verblödung schneller voran als Gletscherschmelze oder der Rückgang des polaren Schelfeises. Sie starren gebannt aufs Handy und senden dabei immens wichtige Botschaften, twittern vielleicht sogar und stolpern zeitgleich quer über die Straße. Nach dem Motto: Was nicht lärmt, existiert nicht. Da mein Fahrrad weder brummt, quietscht noch klappert, ich aber Kraft meines jugendlichen Herzens und strammer (na ja) Waden in flinkem Tempo durch die Welt sause, bin ich zum steten Idiotenslalom gezwungen. Ich habe mir schon überlegt, mir im Scherzartikelladen so einen bunten Schaumgummihammer zu kaufen, der bei jedem Hau ein schrilles Quieken von sich gibt. Anstatt alarmistisch zu klingeln und mich dabei in die Todeskurve zu legen, hämmere ich träumenden Deppen mit dem Juxhammer auf die Birne. Dann fliegen ihnen vielleicht auch die obligatorischen iPod-Stöpsel aus den verschmalzten Ohren. Besser einen Klapps von mir als unter einen Brauereilaster gelatscht und mit reichlich Blumen auf dem Ostfriedhof gelandet. Wie hieß es doch in meiner Jugend so pädagogisch wertvoll: Leichte Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen. In diesem Sinne wünsche ich allen Erdenbürgern, dass sie ab sofort möglichst oft welche auf den Keks kriegen.

So, mir reicht’s für heute. Euch sicher schon lange. Bis die Tage. Oder so.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Blockadementalität

Geschrieben von Johannis am 14. Mai 2009 um 16:46 Uhr

Seit wir neulich tagelang durch das nepalesische Hinterland gegondelt sind und auf unseren Fieldvisits die Dörfer besuchten, in denen HOPE e.V. Schulen, Biogasanlagen oder Trinkwassersysteme bauen lässt, bin ich ziemlich aus der Spur. Schlaflosigkeit heißt das Problem, in meinem Alter auch senile Bettflucht genannt – ich kann morgens nicht mehr pennen, bin aus dem Rhythmus. Warum? In den schangeligen Herbergen der kleinen Käffer bricht der Tag zeitgleich mit der Dämmerung an, also gegen halb fünf. Die anwesenden Hotelgäste haben die Nacht gewöhnlich nur deshalb in den gelegentlich mit blutsaugenden Krabbeltieren, immer aber mit brettharten Pritschen ausgestatteten Winzzimmern verbracht, weil sie am nächsten Morgen einen Bus nach sonstwo kriegen wollen. Busse fahren in Nepal üblicherweise frühmorgens um sechs Uhr ab, alle gleichzeitig und mit einem irrsinnigen Hupkonzert. Daher beginnt in den dörflichen Gasthäusern rechtzeitig beim ersten Hahnenschrei ein großes Kramen und Packen, Kinder werden geweckt und quengeln, man ruft sich quer über den Gang laute Botschaften zu und vor allem räuspert man sich. Nein, nicht verschämt und leise wie im Westen, sondern sehr ostentativ.

Das Räuspern ist eine typisch nepalesische Eigenart, die einen ausführlichen Absatz verdient, obwohl ich eigentlich über etwas anderes schreiben wollte. Dieses schöne Land ist die Hochburg der Powerräusperer, das Zentrum der tu-was-gegen-deine-verschleimte-Kehle-Bewegung, der geografische Mittelpunkt des lautstark rotzenden Asiens. Fast alle Nepalesen holen regelmäßig Schleim aus den untersten Bereichen von Lunge und Bronchialtrakt hervor und spucken das Ergebnis dieser Bemühungen dann phonstark in die Gegend. Total ungeniert. Besonders am Morgen kann dieser Prozess locker einige Minuten dauern – ich durfte mal einem Bauern zuhören, der fast ein Viertelstunde röchelrotzte und nebenher seine Wasserbüffel fütterte. Um kurz nach fünf, direkt unter meinem Hotelzimmerfenster. Medizinischer Hintergrund dieser schönen Sitte sind das Kochen auf offenem Feuer in ziemlich geschlossenen Räumen, die miserable Luftqualität in den Städten, der sirupschwarze Dieselqualm auf den Highways sowie der allgegenwärtige Staub. Die Rotzerei ist so etwas wie das Zähneputzen, nur für die Atemwege. Im Grunde sinnvoll, leider viel lauter und nicht besonders ästhetisch. Man kann es schwer beschreiben, aber ich verspreche, wer mich anruft, bekommt es live am Telefon zu hören. Die anderen mögen sich bitte eine Kombination aus Langzeitgurgeln bei Halsweh, einem heiser-bronchitischem Krächzen und jenem Geräusch vorstellen, das ein Motorradfahrer macht, dem an einem Sommertag eine mittelgroße Schmeißfliege in den Hals geflogen ist. Oder eben ein anhaltendes europäisches Räuspern, ausgeführt mit offenem Mund und elektronisch verstärkt, das dann im Bereich von etwa 110 Dezibel liegt, etwa halb so laut wie ein startender Düsenjet. Geschrieben wird es ungefähr Chhhhhrrrrrooaauuutsch. Und am Ende der Prozedur wird ausgespuckt, klatscht das oft erstaunlich farbenprächtige Resultat der Rachenreinigung irgendwo auf den Boden und sorgt dafür, dass in Nepal auch in Zukunft erschreckend viele Menschen an Tuberkulose erkranken werden.

Themenwechsel. Fast genauso gern und oft, wie der Nepalese süßen Milchtee trinkt, beteiligt er sich an Streiks und Blockaden. Jede Gruppe, die sich unfair behandelt fühlt beziehungsweise eine mehr oder weniger berechtigte politische Forderung hat, ruft einen spontanen oder sogar organisierten Bandh aus. Bandha heißt zu, geschlossen, dicht – Bandhs sind also kleine, große oder landesweite Generalstreiks. Läden, Firmen, Büros müssen schließen und der Verkehr kommt komplett zum Erliegen. Stunden, Tage oder sogar Wochen lang. Wer den Bandh nicht befolgt, erntet Prügel oder mehr, Scheiben werden eingeschmissen, Autos, Busse und Motorräder demoliert oder angezündet. Alternativ gibt es den so genannten Chukkajam, verwandt mit traffic jam, engl. Stau. Unvermittelt empört sich die Menge und flugs wird in einer Straße, einem Viertel, einer ganzen Stadt der Verkehr für ein paar Stunden oder Tage gestoppt. Mit brennenden Autoreifen auf löcherigem Asphalt, herbeigerollten Felsbrocken, umgesägten Bäumen, Fahnen und wildem Parolengeschrei zwingt der Pöbel alle Fahrzeuge zum Stillstand und die Polizei kuckt meistens zu. Irgendwann beruhigt sich die Lage wieder und man kann weiterfahren.

In Bhaktapur, einer der Königstädte hier im Tal von Kathmandu, wurde vor einer Woche ein Jugendlicher von einem Lastwagen totgefahren. Der Laster hatte Ziegelsteine geladen, folglich galt der Zorn der Menge den örtlichen Ziegelbrennereien. In Windeseile rottete sich ein wütender Mob zusammen und zündete 15 Lastwagen, fünf Motorräder, drei Traktoren sowie die Büros diverser Backsteinhersteller an. Logisch oder? Die Lage eskalierte derart, dass die Polizei schließlich eine Ausgangssperre für Bhaktapur verhängen musste. Der Gesamtschaden belief sich auf 40 Millionen Rupien, das entspricht rund 400.000 Euro und ist hier ein gewaltiges Vermögen. Die Schuldfrage ist in solchen Fällen eindeutig. Ohne Kraftfahrzeuge gäbe es keine Unfälle, also ist der jeweilige Fahrer schuldig und flieht möglichst sofort vom Unfallort, rennt um sein Leben. Schön simple Theorie.

Auf der Rückkehr vom Distrikt Gorkha durften wir neulich einige Stunden im Chukkajam verbringen, weil auf dem Highway jemand bei einem Unfall zu Tode gekommen war. Die Tragödie war aber schon zwei Tage her, trotzdem wurde die Hauptverkehrsader Nepals blockiert. Während des unfreiwilligen Aufenthalts konnte ich dokumentieren, wie auf der eigentlich nur für jeweils einen Lastwagen zugelassenen Brücke insgesamt sieben LKW parkten. Zum Glück wurde die mittlerweile erschreckend gammelige Brückenkonstruktion mal von deutschen Ingenieuren errichtet und mit Hilfsgeldern aus Bonn bezahlt, germanische Wertarbeit also, die sich nicht in die Knie zwingen lässt. Noch nicht.

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Jene vom Volkszorn befeuerten Blockadeaktionen machen leider kein Unfallopfer wieder lebendig und nützen niemandem, wenn man mal von den fliegenden Händlern absieht, die flink bei jedem Stau auftauchen und ein gutes Geschäft mit Obst, Getränken und diversen chilischarfen Snacks machen. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach dienen Chukkajams in erster Linie der Psychohygiene, man kann endlich mal Dampf ablassen, was hier offenbar immens wichtig ist. Der Durchschnittsnepalese muss (besonders für die stinkreichen Touristen) andauernd lächeln, er muss immer freundlich sein und ist dabei ständig auf der Hut, damit das erhoffte Geschäft nicht platzt. Er lebt dazu unter einer total korrupten und inkompetenten Regierung und in einem rigiden Kastensystem, bei dem er Mitbürgern aus höheren Kasten stets mit unterwürfiger Höflichkeit und Ehrerbietung begegnen muss. Also den Bramahnen und Chetris, der Obrigkeit in Uniform und Beamtensessel und leider auch solchen Typen wie mir, die Macht und Geld mit sich bringen. Lächeln, Buckeln, Schleimen, Schmieren, damit das Leben halbwegs weitergeht – total zum Kotzen! Da würde ich sicher auch gern mal zündeln oder mit Steinen schmeißen.

In der Nepali Times fand ich kürzlich eine aktuelle Statistik zum Blockadephänomen. Im Schnitt gab es im vergangenen Jahr pro Tag etwa drei Bandhs und drei Straßenblockaden, insgesamt wurden in Nepal 619 Bandhs und 671 Straßenblockaden gezählt. Kein Wunder also, dass dieses Land als rückständig gilt und eine wirtschaftliche Entwicklung fast nicht stattfindet. So, nun sehe ich bereits den missbilligenden Faltenwurf auf ungezählten Leserstirnen, höre die wütend hervorgeknurrte Frage: Wenn dort alles so Scheiße ist, wieso fährt der bescheuerte Typ denn dauernd dahin? Mitnichten ist hier alles schlecht, die Menschen sind durch die Bank netter, herzlicher und ehrlicher als bei uns daheim. Trotz der deprimierenden politischen Zustände und beschissenen Lebensbedingungen herrscht eine verblüffende Fröhlichkeit, wird hier viel gelacht und rumgealbert. Der Umgang der Nepalesen mit ihren Kindern ist von einer derartigen Zärtlichkeit und Affenliebe geprägt, dass ich mir manchmal wünsche, ich wäre nicht in einer neurotischen Mittelklassefamilie aus der norddeutschen Tiefebene aufgewachsen, sondern zwischen Ziegen und Wasserbüffeln an irgendeiner sonnigen Bergflanke im Distrikt Sindupalchok. Das hätte mir später sicher viele Therapiesitzungen erspart und mein Immunsystem wäre durch den allgegenwärtigen Dreck deutlich robuster ausgeprägt.

Um es in einem Satz zu sagen: Ich mag Nepal und die Nepalesen, aber das Chaos hier frisst an den Nerven, macht mich manchmal wahnsinnig. So. Ich freue mich auf mein Zuhause, aber spätestens Samstag im Zug von Frankfurt nach Dortmund werde ich mich wieder wundern, warum wir Deutschen bloß mit dermaßen coolen oder frustrierten Muffelfressen rumlaufen.

Das war’s. Bis demnächst.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Ein Land ohne Saft

Geschrieben von Johannis am 7. Mai 2009 um 14:55 Uhr

Manche Leser erinnern sich vielleicht noch an das uralte Schunkellied, in dem behauptet wird, es gäbe auf Hawaii kein Bier. Das stimmt natürlich nicht, aber wozu gibt es denn die Künstlerfreiheit. Und natürlich bekommt man hier in Nepal Saft, sogar viele verschiedene Sorten, darunter Guave, Papaya, Zuckerrohr, Ananas, Mango und natürlich Orange. Natürlich auch frisch gepresst, meist von Hand und überwiegend von den Betreibern mobiler kleiner Saftläden, die auf zwei bis vier schmalen Rädern durch die Straßen schaukeln. So, bevor ich nun in den gleichen blödsinnigen Tonfall verfalle wie die bescheuerte GEZ-Werbung fürs Gebührenzahlen („Natürlich teile ich gern. Auch mal das letzte Bier mit ’nem Kumpel. Ich lass’ mich aber natürlich nicht ausnutzen…“), verspreche ich, dass ich für den Rest des Textes auf das Wort ‚natürlich’ verzichte und dafür endlich zur Sache komme. Allerdings nicht direkt.

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Mein erster Besuch in Nepal fand im Januar 1998 statt, ihm folgten dreizehn weitere und ich stecke mitten im letzten davon. Damals gab es noch kein Loadshedding, ein schönes Wort, das mit Lastabwurf übersetzen werden kann, wenn man die bittere Wahrheit nicht beim Namen nennen will. Die heißt schlicht Stromabschaltung, also kein Saft, finster, aus. Dieses Land produziert seine Elektrizität fast ausschließlich mit Wasserkraft, hat dafür sogar ein immenses, aber weitgehend ungenutztes Potenzial. Die wenigen bestehenden Wasserkraftwerke sind durchweg zu klein dimensioniert, miserabel gewartet, veraltet oder alles zusammen. Staubecken versanden, Turbinen sind und bleiben defekt, und dazu führen die Flüsse außerhalb der Regenzeit meist zuwenig Wasser. Daran sind vor allem die weltweit steigenden Temperaturen schuld. Sie sorgen nicht nur für eine rasante Ausbreitung der Moskitos nebst Malaria und Dengue-Fieber in den vormals von ihnen verschonten – weil höher gelegenen und eigentlich kühlen – Bergregionen, sondern bringen auch die Gletscher erschreckend schnell zum Verschwinden. Aus deren Schmelzwasser speisen sich in der Trockenzeit sämtliche großen Flussläufe, die wiederum alle nach Indien fließen und dort ein Milliardenvolk mit Trinkwasser versorgen. Noch. Aber ich schweife ab.

Seit einigen Jahren gib es in der Trockenzeit ab Oktober bis Juni zunehmend Lastabwürfe, anfangs nur ein paar Stunden pro Tag, aber in diesem Frühjahr wurde erstmals die Marke von 16 Stunden geknackt. Wohlweislich nicht sechzehn Stunden Saft, sondern keinen. Überall, auch in der Hauptstadt Kathmandu, die irgendwas zwischen zwei und vier Millionen Einwohner hat (genaue Zahlen existieren nicht). Hier in der City gibt es sieben Bezirke und in jedem wird der Strom nach einem bestimmten Stundenplan aus- und eingeschaltet, neuerdings im Schnitt für 12 Stunden täglich. Vor drei Wochen waren es noch 16 Stunden. Auch große Industriebetriebe haben nur an drei Tagen pro Woche durchgehend Strom. Ich hab unten mal den Plan für die Gruppe 6 eingefügt, zu der das Touristenviertel Thamel und die Straße, in der unser Büro liegt, gehören. Pro Woche verbringt man in Gruppe 6 volle vier Abende im Dunkeln, beim Licht von Kerzen oder unter funzeliger Notbeleuchtung, gespeist von Autobatterien oder knatternden Hausgeneratoren. Wenn das in Deutschland stattfände, könnte man die Tagesschau nur donnerstags, freitags und samstags sehen. Nochmals, unten angegeben sind die Stunden ohne Strom!

MO

DI

MI

DO

FR

SA

SO

04:00-12:00

20:00-04:00

08:00-16:00

08:00-16:00

04:00-08:00

12:00-20:00

04:00-12:00

16:00-24:00

20:00-04:00

12:00-20:00

16:00-24:00

Wasser ist übrigens auch knapp, im Büro erbetteln wir vom Vermieter ab und zu einen Eimer voll, um Tee kochen und das Klo spülen zu können – die Leitungen sind nämlich trocken. Der Grund: Ohne Strom kann man kein Wasser aufs Dach pumpen, wo fast jeder Haushalt einen oder mehrere Tanks stehen hat. Das städtische Leitungsnetz ist vollkommen marode und steht fast nie unter Druck, pro Stadtviertel fließt vielleicht zweimal wöchentlich für ein paar Stunden Nass von zweifelhafter Qualität aus den Hähnen. Also pumpt beinahe jeder Haushalt Wasser aus den Untergrund, obwohl der Grundwasserspiegel jedes Jahr tiefer fällt und zunehmend die Brunnen versiegen. Übrigens, die Tageshöchsttemperaturen liegen seit Wochen zuverlässig oberhalb von 30 Grad, ohne fließend Wasser ist das auch für die an Kummer gewohnten Nepalesen nicht witzig.

So schlimm wie in diesem Jahr war es noch nie, was zum Teil auch dem Missmanagement der von Maoisten dominierten neuen Regierung zu verdanken ist. (Die sich gerade wieder auflöst hat, denn der Premierminister ist am 4. Mai zurückgetreten, doch dazu vielleicht bei anderer Gelegenheit mehr.) Man stelle sich einmal den Aufruhr vor, den ähnliche Verhältnisse in Europa auslösen würden. Wer weiß eigentlich, wie lange ein deutscher Haushalt im Jahresschnitt vom Stromnetz abgeschnitten ist? Etwa 45 Minuten, übers ganze Jahr gerechnet. Hier in Kathmandu sind es gegenwärtig 84 Stunden pro Woche, die Menschen sind zwar genervt, ertragen die Zustände aber mit fatalistischer Gelassenheit. Wie so vieles andere.

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Doch damit nicht genug, es gibt zudem kaum Benzin und Diesel, zum wiederholten Mal in diesem Jahr. Straßenblockaden im Tiefland an der Grenze zu Indien, woher alle Mineralölerzeugnisse importiert werden, und ständige Streiks der Tanklastwagenfahrergewerkschaft (wunderbares Wort, für so etwas liebe ich die deutsche Sprache!) sorgen für endlos lange Warteschlangen an den Tankstellen und Ausgabepunkten für Kerosin, das vielfach wieder in primitiven Lampen und zum Kochen benutzt wird. Dies nicht zuletzt, weil Flüssiggas für den Küchenherd auch aus Indien kommt, oder wegen der Blockaden eben nicht kommt. Dauern die Straßenblockaden lange genug an, werden alle Mineralölerzeugnisse rationiert, viele Tankstellen haben bereits dichtgemacht. Wo noch offen ist, werden pro Haushalt, Motorrad, Taxi, Privatwagen und LKW nur lächerlich kleine Mengen abgegeben, als wenn regelmäßiges Schlangestehen die Versorgungslage bessern würde. Wer genug Geld hat, kauft deshalb seinen Sprit auf dem Schwarzmarkt, auch für den Generator. Die anderen sitzen nach Einbruch der Dämmerung im Dunklen.

Mich wundert, dass noch kein Soziologe auf die Idee gekommen ist, in Kathmandu eine Studie durchzuführen. Thema: Aufrechterhaltung sozioökonomischer Strukturen bei Versagen der Energieversorgung. Schließlich könnte so eine Studie wertvolle Hinweise geben, wie Gesellschaften mit zusammenbrechender Infrastruktur, extremer Energieknappheit und permanenter politischer Unruhe umgehen. Das kann sich für die moderne Welt irgendwann von großem Nutzen erweisen, denn auch bei uns könnten die Systeme plötzlich zusammenbrechen oder schleichend versagen. Nein, wohl nicht wegen der Schweinegrippe, aber ich kann mir dennoch einige plausible Szenarien vorstellen.

Daheim in Dortmund würde es bei zwölf Stunden täglichem Stromausfall sicherlich zu Ausschreitungen kommen, herrschte bald Mord und Todschlag . Wie sollen die Leute denn ohne Premiere und RTL2 überleben, wo soll man sein Bier kühlen, etwa wieder in der Badewanne? Hier murrt man, erduldet das alltägliche Chaos aber mit Fassung.

Darum bemühe ich mich ebenfalls, auch wenn’s manchmal schwer fällt.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Endlich mal ehrlich!

Geschrieben von Johannis am 5. Mai 2009 um 06:58 Uhr

Die großen Tageszeitungen hier in Kathmandu [und damit in Nepal, nicht etwa in Neapel, Herr/Frau X. (Name ist der Redaktion bekannt, wurde aber auf ausdrücklichen und penetrant wiederholten Wunsch jener Person entfernt, die meine letzten Beiträge mit zunehmend irrsinnigeren Kommentaren bereichert. Bin gespannt, wie weit sie es noch treibt, bei Blödheit gibt es offenbar keine natürliche Grenze.)] kosten jeweils 3 Rupien. Der Wechselkurs steht im Moment bei 103 Nrs / Euro, ich bekomme also acht extrem preiswerte Seiten bedrucktes Papier für knapp drei Cent. Verständlicherweise nimmt der internationale Teil nur wenig Raum ein, schließlich müssen nationale Politik, Sport, Wirtschaft, die Glamourseite, Comics und Horoskope, das Fernsehprogramm und natürlich all die unverzichtbaren Nachrichten über kleine und große menschliche Dramen mit ins Blatt. Ein alter Mann ist bei Biratnagar von einer Klippe in den Tod gestürzt, in Nepalgunj fand man einen Neunjährigen tot hinter dem Busbahnhof, ein Arbeiter aus Jumla wurde von einem Lastwagen überrollt – ohne Meldungen wie diese wäre das Frühstück doch nur halb so lecker. Das Schicksal hat wieder zugeschlagen – aber uns geht es gut, wir sind gesund und lebendig. Deshalb müssen die Nepalesen wohl auch unbedingt von dem Busunglück in Usbekistan erfahren, bei dem mindestens 26 Menschen getötet und 24 verletzt wurden, oder? Good news is no news, so heißt es ehrlicherweise in der Medienwelt.

Auf der internationalen Seite des ‚Himalayan’ fand ich vorgestern, neben den obligatorischen Neuigkeiten zum Thema Schweinegrippe, eine interessante Agenturmeldung der Associated Press. Australiens Regierung will Luftwaffe und Marine aufrüsten und hat deshalb beschlossen, einhundert Lockheed F-35 Kampfjets zu kaufen. Zusätzlich werden die existenten sechs U-Boote durch 12 neue Modelle mit größerer Reichweite ersetzt, dasselbe geschieht auch mit den zwölf Fregatten der australischen Marine. Überrascht hat mich die Aufrichtigkeit der Begründung für diese extrem teuren Anschaffungen. Premierminister Kevin Rudd gab als Grund an, dass Klimaerwärmung und die bevorstehende Verknappung von Erdöl und anderen Rohstoffen voraussichtlich zu Verteilungskriegen führen werden. Zusätzlich wird sich die globale Lage durch Knappheit von Nahrungsmittel und Trinkwasser sehr verschärfen, was wahrscheinlich unkontrollierte Flüchtlingsströme hervorrufen wird. Gegen die Auswirkung dieser Faktoren will sich der Kontinent down under wappnen, koste es was es wolle.

Mich freut diese Offenheit, endlich gibt ein Politiker zu, dass er mit dem Schlimmsten rechnet. Schade nur, dass die vielen Milliarden, die in das australische Rüstungsprogramm fließen, nicht zur Lösung der erkannten Probleme aufgewandt werden. Aber andere Staaten machen es genau so, warum sollte man sich in Canberra anders entscheiden? Wir alle wissen, dass die Rüstungsausgaben weltweit steigen, und zwar von Jahr zu Jahr. 2007 betrugen sie umgerechnet 860 Milliarden Euro, was sich heute im Vergleich zu all den krisenbedingten Rettungs- und Konjunkturpaketen zwar wie ein Pappenstiel anhört, aber keiner ist. Und laufende Kosten zur Führung diverser Kriege sind in dieser Summe nicht enthalten, die werden von den Völkern der Welt extra gezahlt. Natürlich aus Steuermitteln.

Gegenwärtig halte ich mich beruflich bedingt in einem der ärmsten Länder Asiens auf, das außerdem zu jenen gehört, die von den Klimaveränderungen am härtesten getroffen werden. Während des Monsuns, also in der Regenzeit von Juni bis Ende September, schifft es in Nepal wie aus gigantischen Fässern, das Wasser spült ganze Bergflanken mitsamt den idyllischen Dörfern und kunstvoll angelegten Terrassenfeldern ins Tal, es lässt Flüsse ihr angestammtes Bett verlassen, reißt Dämme fort und überschwemmt fruchtbare Ebenen. Die Durchschnittstemperaturen steigen stetig, der Monsunregen fällt seit mindestens einem Jahrzehnt zunehmend heftiger aus, dafür bleibt der für das Pflanzenwachstum immens wichtige Winterregen oftmals aus. So auch in diesem Jahr – in vielen Teilen Nepals herrscht Dürre, die Menschen darben und Hunderttausende müssen durch Hilfsprogramme der UN vor dem Hungertod bewahrt werden.

Diese Globalisierungsverlierer sollten Mr. Rudd aber keine zusätzlichen Sorgenfalten auf die Stirn treiben, diese bettelarmen Hungerleider werden auch in Zukunft nie die australische Küste erreichen und dort um Asyl bitten. Wer es sich leisten kann, wandert heute schon legal nach Australien, Europa oder in die USA aus, meist sind es die jungen, gebildeten Nepalesen aus den Städten. Die einfachen Dorfbewohner begreifen nicht, warum Mutter Natur sie im Stich lässt, sie stehen hilflos vor ihren verdorrten Feldern, die kaum Ernte tragen, und verstehen die Welt nicht mehr. Diese Menschen stellen keine Bedrohung für die reichen Nationen dar, sie sind einfach nur Kollateralschäden unserer verschwenderischen Lebensweise und der bornierten Sturheit, mit der wir an exakt dieser ruinösen Lebensart festhalten.

Trotzdem, mein Dank gilt Premierminister Rudd, weil er ehrlich war.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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