Seit wir neulich tagelang durch das nepalesische Hinterland gegondelt sind und auf unseren Fieldvisits die Dörfer besuchten, in denen HOPE e.V. Schulen, Biogasanlagen oder Trinkwassersysteme bauen lässt, bin ich ziemlich aus der Spur. Schlaflosigkeit heißt das Problem, in meinem Alter auch senile Bettflucht genannt – ich kann morgens nicht mehr pennen, bin aus dem Rhythmus. Warum? In den schangeligen Herbergen der kleinen Käffer bricht der Tag zeitgleich mit der Dämmerung an, also gegen halb fünf. Die anwesenden Hotelgäste haben die Nacht gewöhnlich nur deshalb in den gelegentlich mit blutsaugenden Krabbeltieren, immer aber mit brettharten Pritschen ausgestatteten Winzzimmern verbracht, weil sie am nächsten Morgen einen Bus nach sonstwo kriegen wollen. Busse fahren in Nepal üblicherweise frühmorgens um sechs Uhr ab, alle gleichzeitig und mit einem irrsinnigen Hupkonzert. Daher beginnt in den dörflichen Gasthäusern rechtzeitig beim ersten Hahnenschrei ein großes Kramen und Packen, Kinder werden geweckt und quengeln, man ruft sich quer über den Gang laute Botschaften zu und vor allem räuspert man sich. Nein, nicht verschämt und leise wie im Westen, sondern sehr ostentativ.
Das Räuspern ist eine typisch nepalesische Eigenart, die einen ausführlichen Absatz verdient, obwohl ich eigentlich über etwas anderes schreiben wollte. Dieses schöne Land ist die Hochburg der Powerräusperer, das Zentrum der tu-was-gegen-deine-verschleimte-Kehle-Bewegung, der geografische Mittelpunkt des lautstark rotzenden Asiens. Fast alle Nepalesen holen regelmäßig Schleim aus den untersten Bereichen von Lunge und Bronchialtrakt hervor und spucken das Ergebnis dieser Bemühungen dann phonstark in die Gegend. Total ungeniert. Besonders am Morgen kann dieser Prozess locker einige Minuten dauern – ich durfte mal einem Bauern zuhören, der fast ein Viertelstunde röchelrotzte und nebenher seine Wasserbüffel fütterte. Um kurz nach fünf, direkt unter meinem Hotelzimmerfenster. Medizinischer Hintergrund dieser schönen Sitte sind das Kochen auf offenem Feuer in ziemlich geschlossenen Räumen, die miserable Luftqualität in den Städten, der sirupschwarze Dieselqualm auf den Highways sowie der allgegenwärtige Staub. Die Rotzerei ist so etwas wie das Zähneputzen, nur für die Atemwege. Im Grunde sinnvoll, leider viel lauter und nicht besonders ästhetisch. Man kann es schwer beschreiben, aber ich verspreche, wer mich anruft, bekommt es live am Telefon zu hören. Die anderen mögen sich bitte eine Kombination aus Langzeitgurgeln bei Halsweh, einem heiser-bronchitischem Krächzen und jenem Geräusch vorstellen, das ein Motorradfahrer macht, dem an einem Sommertag eine mittelgroße Schmeißfliege in den Hals geflogen ist. Oder eben ein anhaltendes europäisches Räuspern, ausgeführt mit offenem Mund und elektronisch verstärkt, das dann im Bereich von etwa 110 Dezibel liegt, etwa halb so laut wie ein startender Düsenjet. Geschrieben wird es ungefähr Chhhhhrrrrrooaauuutsch. Und am Ende der Prozedur wird ausgespuckt, klatscht das oft erstaunlich farbenprächtige Resultat der Rachenreinigung irgendwo auf den Boden und sorgt dafür, dass in Nepal auch in Zukunft erschreckend viele Menschen an Tuberkulose erkranken werden.
Themenwechsel. Fast genauso gern und oft, wie der Nepalese süßen Milchtee trinkt, beteiligt er sich an Streiks und Blockaden. Jede Gruppe, die sich unfair behandelt fühlt beziehungsweise eine mehr oder weniger berechtigte politische Forderung hat, ruft einen spontanen oder sogar organisierten Bandh aus. Bandha heißt zu, geschlossen, dicht – Bandhs sind also kleine, große oder landesweite Generalstreiks. Läden, Firmen, Büros müssen schließen und der Verkehr kommt komplett zum Erliegen. Stunden, Tage oder sogar Wochen lang. Wer den Bandh nicht befolgt, erntet Prügel oder mehr, Scheiben werden eingeschmissen, Autos, Busse und Motorräder demoliert oder angezündet. Alternativ gibt es den so genannten Chukkajam, verwandt mit traffic jam, engl. Stau. Unvermittelt empört sich die Menge und flugs wird in einer Straße, einem Viertel, einer ganzen Stadt der Verkehr für ein paar Stunden oder Tage gestoppt. Mit brennenden Autoreifen auf löcherigem Asphalt, herbeigerollten Felsbrocken, umgesägten Bäumen, Fahnen und wildem Parolengeschrei zwingt der Pöbel alle Fahrzeuge zum Stillstand und die Polizei kuckt meistens zu. Irgendwann beruhigt sich die Lage wieder und man kann weiterfahren.
In Bhaktapur, einer der Königstädte hier im Tal von Kathmandu, wurde vor einer Woche ein Jugendlicher von einem Lastwagen totgefahren. Der Laster hatte Ziegelsteine geladen, folglich galt der Zorn der Menge den örtlichen Ziegelbrennereien. In Windeseile rottete sich ein wütender Mob zusammen und zündete 15 Lastwagen, fünf Motorräder, drei Traktoren sowie die Büros diverser Backsteinhersteller an. Logisch oder? Die Lage eskalierte derart, dass die Polizei schließlich eine Ausgangssperre für Bhaktapur verhängen musste. Der Gesamtschaden belief sich auf 40 Millionen Rupien, das entspricht rund 400.000 Euro und ist hier ein gewaltiges Vermögen. Die Schuldfrage ist in solchen Fällen eindeutig. Ohne Kraftfahrzeuge gäbe es keine Unfälle, also ist der jeweilige Fahrer schuldig und flieht möglichst sofort vom Unfallort, rennt um sein Leben. Schön simple Theorie.
Auf der Rückkehr vom Distrikt Gorkha durften wir neulich einige Stunden im Chukkajam verbringen, weil auf dem Highway jemand bei einem Unfall zu Tode gekommen war. Die Tragödie war aber schon zwei Tage her, trotzdem wurde die Hauptverkehrsader Nepals blockiert. Während des unfreiwilligen Aufenthalts konnte ich dokumentieren, wie auf der eigentlich nur für jeweils einen Lastwagen zugelassenen Brücke insgesamt sieben LKW parkten. Zum Glück wurde die mittlerweile erschreckend gammelige Brückenkonstruktion mal von deutschen Ingenieuren errichtet und mit Hilfsgeldern aus Bonn bezahlt, germanische Wertarbeit also, die sich nicht in die Knie zwingen lässt. Noch nicht.



Jene vom Volkszorn befeuerten Blockadeaktionen machen leider kein Unfallopfer wieder lebendig und nützen niemandem, wenn man mal von den fliegenden Händlern absieht, die flink bei jedem Stau auftauchen und ein gutes Geschäft mit Obst, Getränken und diversen chilischarfen Snacks machen. Meiner unmaßgeblichen Meinung nach dienen Chukkajams in erster Linie der Psychohygiene, man kann endlich mal Dampf ablassen, was hier offenbar immens wichtig ist. Der Durchschnittsnepalese muss (besonders für die stinkreichen Touristen) andauernd lächeln, er muss immer freundlich sein und ist dabei ständig auf der Hut, damit das erhoffte Geschäft nicht platzt. Er lebt dazu unter einer total korrupten und inkompetenten Regierung und in einem rigiden Kastensystem, bei dem er Mitbürgern aus höheren Kasten stets mit unterwürfiger Höflichkeit und Ehrerbietung begegnen muss. Also den Bramahnen und Chetris, der Obrigkeit in Uniform und Beamtensessel und leider auch solchen Typen wie mir, die Macht und Geld mit sich bringen. Lächeln, Buckeln, Schleimen, Schmieren, damit das Leben halbwegs weitergeht – total zum Kotzen! Da würde ich sicher auch gern mal zündeln oder mit Steinen schmeißen.
In der Nepali Times fand ich kürzlich eine aktuelle Statistik zum Blockadephänomen. Im Schnitt gab es im vergangenen Jahr pro Tag etwa drei Bandhs und drei Straßenblockaden, insgesamt wurden in Nepal 619 Bandhs und 671 Straßenblockaden gezählt. Kein Wunder also, dass dieses Land als rückständig gilt und eine wirtschaftliche Entwicklung fast nicht stattfindet. So, nun sehe ich bereits den missbilligenden Faltenwurf auf ungezählten Leserstirnen, höre die wütend hervorgeknurrte Frage: Wenn dort alles so Scheiße ist, wieso fährt der bescheuerte Typ denn dauernd dahin? Mitnichten ist hier alles schlecht, die Menschen sind durch die Bank netter, herzlicher und ehrlicher als bei uns daheim. Trotz der deprimierenden politischen Zustände und beschissenen Lebensbedingungen herrscht eine verblüffende Fröhlichkeit, wird hier viel gelacht und rumgealbert. Der Umgang der Nepalesen mit ihren Kindern ist von einer derartigen Zärtlichkeit und Affenliebe geprägt, dass ich mir manchmal wünsche, ich wäre nicht in einer neurotischen Mittelklassefamilie aus der norddeutschen Tiefebene aufgewachsen, sondern zwischen Ziegen und Wasserbüffeln an irgendeiner sonnigen Bergflanke im Distrikt Sindupalchok. Das hätte mir später sicher viele Therapiesitzungen erspart und mein Immunsystem wäre durch den allgegenwärtigen Dreck deutlich robuster ausgeprägt.
Um es in einem Satz zu sagen: Ich mag Nepal und die Nepalesen, aber das Chaos hier frisst an den Nerven, macht mich manchmal wahnsinnig. So. Ich freue mich auf mein Zuhause, aber spätestens Samstag im Zug von Frankfurt nach Dortmund werde ich mich wieder wundern, warum wir Deutschen bloß mit dermaßen coolen oder frustrierten Muffelfressen rumlaufen.
Das war’s. Bis demnächst.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«