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Archiv für April, 2009

Verdrängungstotalversager

Geschrieben von Johannis am 7. April 2009 um 14:29 Uhr

Die von mir noch kürzlich hochgelobte Statistik-Software Semmelstatz macht mir zunehmend das Leben sauer und zeigt, wo ich hingehöre. Zu den Losern. Weil ich nicht verdrängen kann, nicht im Hier und Jetzt lebe. Gut, ich verstehe ja, dass die so genannte Leserschaft nur wenig Neigung verspürt, sich zweimal wöchentlich meine moralinsauren Stänkereien reinzuziehen. Die zugegebenermaßen nur begrenzten Unterhaltungswert haben und meistens schlecht getarnt die Botschaft senden, dass im Staate Dänemark und drum herum eine Menge schief läuft, also oberfaul ist.

Autorenwunsch und -wirklichkeit klaffen fast immer ähnlich weit auseinander wie Eigen- und Fremdwahrnehmung des endlich sozialverträglich entsorgten H. Zähdorn von der Bummelbahn. Nicht dass ich mir wirklich einbilden würde, mit meinen Beiträgen bei den Konsumenten durchgreifende Bewusstseinsveränderungen herbeizuführen, das nicht. Vielleicht einen winzigen Anstoß, das hoffe ich manchmal heimlich. Darf man doch. Aber die Realität ist ein Killer und deshalb hat die differenzierte Kenntnis der Lesegewohnheiten mich jetzt in eine veritable Semmelstatzdepression gestürzt.

Über 220 Leser haben in den letzten drei Wochen die uralten, aber immerhin bebilderten Beiträge über Marlen, die russische Emailhure, angeklickt. Deutlich intelligentere und literarisch anspruchsvollere Texte kacken dagegen müde ab und wurden nicht einmal halb so oft gelesen. Was mich zu dem Schluss kommen lässt, dass zumindest ein Teil der angepeilten Zielgruppe mehr Substanz zwischen den Beinen als zwischen den Ohren hat. Schade, aber so isses wohl, denn die Kommentare der Marleniter (Durchschnitts-IQ: 82,7) sprechen eine erschreckend deutliche Sprache. Desgleichen die Tatsache, dass kaum einer von den Dussels die komplette Marlen-Bildergalerie gefunden hat. Egal.

In jedem Nachteil liegt ein verborgener Vorteil, den muss man nur finden. Die Krise bietet auch Chancen, hören wir doch täglich. Diesmal wird es wohl eine umfassende Neuausrichtung meiner Lebensschwerpunkte sein, weg vom besserwisserischen ewig-die-Apokalypse-herbei-Nörgeln und hin zu mehr Mitgefühl und sozialer Verantwortung. Manchmal kann ich es ja irgendwie sogar halbwegs oder fast ein bisschen verstehen, dass die Menschen sich nicht mit der trist-bedrohlichen Realität auseinandersetzen wollen, besonders jetzt im Frühling. Glücklicherweise habe ich vorgestern den Kaninchenschutz e.V. entdeckt, deren erste Vorsitzende ganz in meiner Nähe wohnt.

schutz

Vielfältig sind die lobenswerten Aktivitäten der wackeren Karnickelschützer, sie reichen von Informationen über Langohrhaltung, der Vermittlung einsamer oder überzähliger Nager, zahllosen Veranstaltungen im gesamten Verbreitungsgebiet bis zu einem total spannenden Forum. Dort werden drängende Fragen wie z.B. Färbt Sellerie den Urin wirklich so sehr ein? oder Wo bekomme ich “normale” Ananas her? behandelt. Auch zu den Stichworten Schlimmer Buddelalarm, Scheinschwanger oder Werden Kaninchen inkontinent? findet man Rat und Trost. Der Shop bietet so wertvolle Dinge wie eine von den Mitgliedern handgefertigte Kuschelröhre aus Fleece (nur 19,99 €, leider aber 5-6 Wochen Lieferzeit) oder 70 verschiedene Schilder mit wirklich tollen Slogans. Mein Favorit dabei: Mich zu streicheln, ist wie ein Stromschlag der Liebe! Hoffentlich mit Blitzableiter.

Kaninchen erden den zum Abheben neigenden Menschen, denn sie leben in Erdhöhlen. Gut, ganz nebenbei schmecken sie auch recht gut, aber darum geht es hier nicht. Ich werde mir noch diese Woche ein liebes Langohr kaufen oder adoptieren und freue mich schon auf verschmuste Stunden in der Kuschelröhre. Und wenn beim Kaninchenschutz e.V. kein Platz für Mitglieder wie mich sein sollte, versuche ich es eben mit Sweetrabbits in Seevetal bei Hamburg. Da wohnt doch auch Dieter Bohlen, vielleicht hab ich sogar noch Chancen bei DSDS. Abwarten. Auf jeden Fall ist es toll, dass sich so viele Menschen für nagende Haustiere engagieren.

Ich bin saufroh, dass ich eine neue Aufgabe gefunden habe. Wenn alles klappt, bin ich bald Karnickelschützer des Monats. Drückt mir mal die Daumen, dann hat das sauertöpfische Gequake hier auch bald ein Ende. Muss mich nur noch für ein Kaninchen entscheiden. Welches würdet ihr nehmen?

niedlich

lecker

sus

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Bald Pflicht: Waffenschein für Kleingärtner

Geschrieben von Johannis am 4. April 2009 um 15:39 Uhr

Mit Bestürzung beobachte ich die brutalen Angriffe rechts-, links- und mittelradikaler Demonstranten beim sonst so harmonischen NATO-Gipfel zwischen Baden-Baden und Straßburg. Ganze Hundertschaften hundsgemeiner Protestjunkies attackieren dort die ihnen zahlenmäßig weit unterlegenen Ordnungshüter und ziehen dabei unser internationales Ansehen in den Dreck. Insgesamt gerade mal 40.000 Polizisten sorgen nach Kräften für Ruhe und Ordnung, damit die gastgebenden Völker sich nicht vor Barack Obama und seiner Frau schämen müssen. Aber das soll den Uniformierten trotz aller Anstrengungen wohl nicht gelingen, denn die Störer sind blutdurstiger als transsylvanische Vampire.

Beim Zähneputzen erreichte mich gestern Nacht die schockierende Meldung, dass heute in Straßburg zwei Krawallmacher wegen unerlaubten Waffenbesitzes vor ein Schnellgericht gestellt werden sollen. Nein, es handelt sich dabei nicht um die mikrowellengerechte Version von Currywurst mit Pommes und Majo, Leberkäse an lauwarmem Sauerkraut oder Speckkartoffelsalat mit Nürnberger Würsteln. Richtige Richter werden über die Übeltäter zu Gericht sitzen, und das ist auch gut so. Wirklich erschüttert war ich, als im Radio die Waffen benannt wurden, mit denen die gewissenlosen Autonomen ihre barbarischen Attacken auf brave Gesetzeshüter ausführen wollten – eine Eisenstange und eine Harke!!

Das ist doch wohl der Gipfel der Abgebrühtheit – Randalierer tarnen sich als harmlose Gärtner oder tun, als würden sie Alteisen sammeln, und töten dann uniformierte Wachmänner. Also fast. Ich hätte spontan auf eine AK-47, die zunehmend populäre Beretta (auch bekannt als Tims Wunderwaffe) oder wenigstens eine abgesägte Schrotflinte getippt, aber nun wurden mir die Augen geöffnet. Wie heißt es doch in vielen englischen Krimis: Der Mörder ist immer der Gärtner. Von der Öffentlichkeit unbemerkt schlummert in den Gartenhäuschen, Garagen und Schuppen der Nationen ein Waffenarsenal für tausendfachen Overkill. Scharfkantige Apparaturen, rostige Hacken, spitze Werkzeuge, Gift, Draht, Seile, Sägen – all das besitzen Europas Gärtner. Und auch noch ganz legal.

Es kann nur noch Tage dauern, bis die ersten Polizisten mit dem Spaten attackiert (wie damals in Verdun beim Grabenkrieg gegen den verhassten Franzmann, wenn bereits die letzte Patrone verschossen und das Bajonett abgebrochen war) oder von Demonstranten umzingelt und gefesselt werden, bevor man ihnen Wühlmausbomben in den Hals stopft. Die sind mittlerweile verboten? Dann nimmt man eben ’ne Handvoll Karbid und gibt einen Schubs Wasser drauf, das wirkt genau so herzzerreißend. Ich werde mich auf jeden Fall bereits am Montag selbst bei der Dortmunder Polizei anzeigen, denn ich besitze nicht nur einen Spaten, sondern auch Rosenschere, Entastungssäge und einen rostigen Schneeschieber. Wehret den Anfängen!

Ansonsten geht’s in Baden-Baden, Kehl und Straßburg recht friedlich zu, es wird umarmt, gelächelt und gebusselt, dass die Schwarte kracht. Unter den Mächtigen der Welt ist die neue Herzlichkeit ausgebrochen, nie wurde so häufig kameratauglich geküsst wie heutzutage. Vielleicht haben sie kapiert, dass bald alles vorbei ist und sind deshalb so lieb zueinander. Endzeitharmonie. Barack klang gestern allerdings ziemlich erkältet, die forcierte Küsserei bringt eben auch gesundheitliche Gefahren mit sich. Die wichtigsten Themen des NATO-Gipfels: Welches Kleid trägt Michelle Obama nachher? Warum hat Berlusconi bei der Brücke telefoniert und mit wem? Werden die Männer gleich während der Besprechung auf der Herrentoilette den störrischen Türken Gül davon überzeugen können, dass der Däne Rasmussen ein echt netter Typ ist?

Wir erfahren es sicher schon heute Abend. Nach der kitschigen Wiedervereinigungsshow mit Sarko auf der Brücke kam Berlusconi leider nicht aufs Gruppenfoto, wegen zu spät. Sein Fehlen könnte durchaus ein Omen sein, denn mit seinem Demokratieverständnis passt er schlecht in die Runde der Jubiläumsfeierer. Wenn es danach ginge, sollte er sich mal mit Omar Al-Baschir, Robert Mugabe und Wladimir Putin zum Plausch treffen, die verstünden sich bestimmt prima miteinander. Der Anruf auf dem Handy kam übrigens von dem 23-jährigen Fernsehstarlet Stefania P. aus Mailand. Sie teilte Silvio mit, dass er wieder Vater wird. Glückwunsch!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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