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Archiv für April, 2009

Die Freuden des Fliegens

Geschrieben von Johannis am 27. April 2009 um 19:58 Uhr

Nein, nicht die Freuden der Fliegen, obwohl das auch ein interessantes Thema werden könnte, vorausgesetzt Fliegen haben Spaß am durchs-Zimmer-sausen, Hundekacke-degustieren und auf-Viechern-rumkrabbeln. Ihr seht schon, ein feinsinnig-schöngeistiger Text wird das heute kaum. Fangen wir doch noch einmal von vorne an. Wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Wenn er denn halbwegs erzählen kann und falls ihm überhaupt eine Sau zuhört. Auch kein besonders gelungener Anfang, oder? Egal, dann eben nur die Fakten.

Donnerstag Freikarten für den Nightwash-Club gewonnen und flugs den leicht vergrippten Nachbarn T. mitgenommen. Sind uns hinterher einig gewesen, dass es die allerschwächste Comedy-Vorstellung war, die wir je im Kundenzentrum der DEW21 erduldet haben. Als peinigend schlecht erwies sich vor allem die bitterschokoladenbraune Jennifer (Bühnenname Heidi) aus der Schweiz. Ruckzuck war die Komikkombination aus Dirndl, Afrokrause und politisch möchtegern unkorrekten Negerwitzen dermaßen abgefrühstückt, dass es die attraktive junge Frau auch mit der Zugabe am Ende des Abend nicht mehr rausreißen konnte. Da demonstrierte sie das Klatschen ohne Hände. Nein, nicht die längst überfällige Auflösung des Zen-Koans „Wie klingt eine klatschende Hand?“ Ein Freiwilliger kam auf die Bühne und hielt ihr rückwärtig das Mikrofon an die Kimme, während die barfüßige Heidi auf und ab hüpfte und dabei ihre erstaunlich elastischen Arschbacken unterm Dirndl aneinanderklatschen ließ. Interessanter Effekt. Ansonsten habe ich von dem Abend vor allem T.s Grippeviren mitgenommen, was sich mir aber erst am späten Samstag offenbarte.

Mittlerweile ebenfalls vergrippt und deshalb recht ungnädig mit dem Leben, machte ich mich am Sonntag gen Frankfurt auf, um via Bangkok nach Kathmandu zu reisen. Kurz nachgedacht – laut psychosomatischem Formenkreis bedeutet eine fette Erkältung u. a., dass man von irgendetwas die Nase beziehungsweise Schnauze voll hat. Tatsächlich zieht es mich gegenwärtig nicht unbedingt nach Nepal, soviel ist wahr. (Für Zufallsbesucher dieses Blogs: Ich bin nicht etwa im Urlaub, sondern beruflich unterwegs. Projektbesuche für den Verein HOPE e.V. Es ist meine 14. Reise in dieses schöne, aber komplett chaotische Land.) Egal, da muss man durch. Hatte im Zug nach Frankfurt eine sehr angeregte Debatte über die globale Lage mit jungem Unternehmensberater von Price, Waterhouse & Coopers. Bin immer wieder überrascht, wie häufig eindeutig intelligente Menschen zugeben, dass sich unsere Welt im Kamikazesteilflug befindet, während sie weiterleben wie bisher. Ist das die Systemblindheit der Lemminge?

Der Jumbo nach Bangkok war rappelvoll. Anders als bei der Buchung im Netz bestellt, bekam ich keinen Fensterplatz, sondern durfte am Gang sitzen. Wirklich hartnäckige Stammleser erinnern sich noch an mein traumatisches Vorjahreserlebnis, als mir ebenfalls am Gang eine ungestüme Gulf-Stewardess reichlich süßen Milchkaffee über Hose und deren Inhalt kippte. Mir schwante daher nix Gutes. Nein, kein Seitenhieb auf Gesine. Vorteil des Gangplatzes H 43 ist, dass er am Notausgang liegt, man dort also die Beine ausstrecken kann.

Doch wie alle Nihilisten wissen, ist in jedem kleinen Vorteil der größere Nachteil bereits verborgen. Die Reihe 43 befindet sich im Jumbojet der Thai-Airways direkt neben vier zentral angebrachten Toiletten. Daher wird der freie Platz vor beiden Notausgängen zum forcierten Schlangestehen genutzt. Und natürlich, um gleichzeitig den Besitzern der beiden Gangplätze (C 43 und H 43) nach Kräften auf die Zehen zu treten – am liebsten dann, wenn sie kurz davor sind, tatsächlich mal kurz wegzudämmern. Hätte jeder Mitflieger, der mir wahlweise vors Scheinbein trat beziehungsweise auf meine Zehen latschte oder mich im Dämmerlicht grob angerempelt hat, einen Euro zahlen müssen, hätte das für eine Taxifahrt von Dortmund nach Nepal gereicht. Na gut, vielleicht nicht ganz, aber bis zum Frankfurter Flughafen wäre ich mit der Kohle locker gekommen. Ehrlich!

Schlummern war demzufolge kein Thema, stattdessen habe ich halblaut Verwünschungen unter der baumwollenen Schlafbrille hervorgeknurrt und meinem Schöpfer (Ja, wieso nicht, Gott macht eben auch mal Fehler. Selbst solche wie mich!) für die festen Treckingschuhe gedankt, die mich vor ernsthaften Verletzungen bewahrt haben. Das schlürfend-schmatzende Vakuumzischen, mir dem menschliche Hinterlassenschaften bei 930 km/h in elftausend Metern Höhe hoffentlich in den Fäkalientank gesaugt und nicht in die Stratosphäre versprüht werden, war übrigens genauso wenig eine Einschlafhilfe wie die olfaktorische Gesamtkulisse. Nach einigen Stunden konnte ich mit schlafwandlerischer Sicherheit bestimmen, ob der zum Platz zurückkehrende Kacker die Reste von Menü eins (grünes Curry mit Huhn, Auberginen und Strohpilzen an thailändischem Klebreis) oder doch die Alternative (Rinderbraten mit Tomaten-Ölivensoße, Blattspinat und Stampfkartoffeln) ausgeschieden hatte. So genau wolltet ihr es gar nicht wissen? Ich auch nicht. Aber mit der Schnüffelnummer hätte ich bei Wetten-dass bestimmt gute Chancen.

Ansonsten gibt es nicht viel zu berichten. Der Kapitän ist ordentlich geflogen, die thailändischen Saftschubsen waren teilweise hübsch, aber alle nett, und neben mir saß ein langweiliges Doktorandenpärchen aus Göttingen, Biologen unterwegs zum Bäumezählen nach Sulawesi. Die beiden waren miteinander toootaaal kuschelmuschellieb und so offensiv verliebt, dass man es als dauerverkrister Hardcoresingle jenseits der Midlife-Crisis nur als fortgesetzte Belästigung empfinden konnte. Dazu lasen sie sich ständig gegenseitig aus einem Buch vor, das den Titel „Jesus, unsere Zuversicht“ hatte. Oder so ähnlich. Christen können manchmal fast so nervig sein wie schiitische Sprengstoffwestenträger. Finde ich.

Eine letzte Begegnung der dritten Art hatte ich vorhin auf dem Tribhuvan International Airport in Kathmandu, woselbst ich nach insgesamt 22 Stunden Reisezeit für mein Visum in der Schlange stand. Kaum hatte ich mehr als zwei Handbreit Abstand zum Vordermann aufkommen lassen, um die Laptoptasche sicher an der Deichsel meines Handgepäcktrolleys zu verzurren, als sich ein mittelkleiner Mann mittleren Alters an mir vorbei schummelte. Oder es zumindest versuchte. Kanadischer Akzent. Ein kleiner Anpfiff brachte ihn murrend zurück ins Glied und wir versicherten uns gegenseitig unserer Wertschätzung, die allerdings kaum messbar war. Meine finstersten Vorurteile fanden überreichlich Nahrung, als ich ihn später auf dem Parkplatz wieder sah, wo er gerade in den schneeweißen Landcruiser einer lutherischen Organisation aus den USA stieg. Missionar oder sonstiger Gottesmann. Von wegen Nächstenliebe und Demut. Pah!

Nun hocke ich beim spärlichen Licht der Notbeleuchtung im vertrauten Zimmer 316 des bekannten Potala Guesthouse, draußen rumoren etliche Generatoren im Chor (heute gibt’s keinen Strom von 4 bis 12 und 16 bis 24 Uhr) und vor lauter Rotz platzt mir fast der Schädel. Übrigens, die Tageshöchsttemperatur betrug heute in Kathmandu 34°. Schleiche mich jetzt noch für eine Suppe ins Restaurant Yak und dann morgen ins Büro unserer Partnerorganisation. Zwischendurch will ich gern für etwa 12 Stunden in ein gnädiges Tiefschlafkoma fallen. Mal sehen ob’s klappt.

Schöne Grüße aus Nepal.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Wahlkrampf

Geschrieben von Johannis am 24. April 2009 um 10:41 Uhr

Bis morgen muss ich unbedingt noch ein interessantes Buch auslesen, damit es jene bevorstehenden Wochen, die ich mal wieder in Nepal verbringen werde, im Regal der Dortmunder Stadtbibliothek stehen kann. Oder gar erneut in die Hände eines begierigen Lesers gerät und sie oder ihn zum Nachdenken anregt. „Die geheimen Verführer“ von Vance Packard, eigentlich ein ziemlich alter Schinken, erstmalig 1957 in New York erschienen und 1992 ins Deutsche übersetzt. Es hat den Untertitel „Der Griff nach dem Unbewussten in jedermann“. Sehr lesenswert.

Warum ich jetzt mit dem Uraltschmöker komme? Wegen der Wahlprogramme, der neuen Wachstumsprognose (muss ja eigentlich Schrumpftum heißen) und der allgemeinen Ratlosigkeit. Ich weiß, Wahlprogramme sind nix anderes als Werbung für Parteien, also für Leute, die gern an die Macht kommen oder dran bleiben wollen. Enthalten sind viel heiße Luft sowie reichlich leere Versprechen und oft ist es grottenschlechte Werbung, aber weshalb sollten sich SPD und CDU großartig von Saturn oder der Praktiker Baumarktkette abheben? Schlüssige Antworten auf die drängenden Fragen unserer Zeit finden sich selten, weder im Baumarkt noch in den Programmen der Parteien.

Von welchen drängenden Fragen ich fasele? Es gäbe genug, aber nehmen wir doch nur mal eine: Wie soll ein Weltwirtschaftssystem, das von ständigem Wachstum abhängig ist wie ein Junkie vom Heroin, auf Dauer funktionieren, wenn Wirtschaftswachstum automatisch Ressourcenverbrauch und Umweltzerstörung bedeutet? Statt Ressourcen sollte man vielleicht besser Wasser, Luft, Bodenschätze, Land, Energie sagen. Wenn – um die vergötterte Wirtschaftsmaschine am Laufen zu halten – fortwährend mehr produziert und mehr konsumiert werden muss, die Weltbevölkerung dabei ständig wächst, die Ressourcen jedoch endlich sind, braucht es keinen Mathematiker vom Kaliber eines Albert Einstein, um zu erkennen, dass über kurz oder lang der Overkill kommen muss.

Was das mit dem Buch zu tun hat? Viel. In den 50er Jahren entwickelten die großen Konzerne in Amerika neue Marketingstrategien und bedienten sich dabei erstmalig der Hilfe von Tiefenpsychologen. Anstatt wie bisher lautstark die Vorzüge eines Produktes anzupreisen und dann zu hoffen, dass der Kunde es kaufen wird, schuf man raffinierte Leitbilder, die auf der unterbewussten oder sogar unbewussten Ebene wirken. Der Konsument kaufte kein Auto, er kaufte sich eine neue Identität, ein Lebensgefühl, einen sichtbaren Nachweis von Erfolg und Status. Farben, Formen, Düfte, Klänge und besonders die Verpackung – alle denkbaren Eigenschaften oftmals komplett überflüssiger oder sogar schädlicher Produkte werden seitdem einzig darauf abgestellt, bei möglichst vielen Menschen neue Begehrlichkeiten zu wecken, die es dann zu stillen gilt. Alter Hut? Ja, stimmt.

Mich hat beim Lesen des Buches von Mr. Packard allerdings Folgendes überrascht: Der Durchschnittsamerikaner war 1957, also kurz vor meiner Geburt, bereits derart umfassend mit allen wichtigen Dingen eingedeckt, dass der Absatz neuer Güter stockte. Dies auch, weil die damaligen Produkte wegen durchweg guter Qualität einfach viel zu lange hielten – für Industrie und Handel ein ungeheuerlicher Zustand. Daher musste die Werbung den Menschen suggerieren, ein vier Jahre alter Kühlschrank/Gasherd/Mittelklassewagen/Kammgarnanzug sei bereits derart veraltet, dass der Besitz dieser Güter eine Blamage sei. Schäm dich für deinen Toaster, du Hausfrau in Wisconsin, der zwar das Weißbrot prima toastet, aber nicht mehr chic ist. Schande über dich, Herr Konsument, wenn du zufrieden mit dem 1952er Buick durch die Gegend gondelst, anstatt dir schleunigst einen brandneuen und natürlich größeren Wagen zu kaufen. Gern auf Kredit.

Jetzt muss ich noch die Kurve nach Nepal kriegen und kann diesen Text ins Netz stellen. Pro Kopf betrug das BIP dort im Vorjahr 320 US$, es ist also wohl fair zu sagen, dass der Durchschnittsnepalese mit weniger als einem Euro pro Tag auskommen muss. So geht es übrigens etwa einem Drittel der Weltbevölkerung, diese Armen sind jedoch als Zielgruppe für das Marketing des 21ten Jahrhunderts bisher allerhöchstens drittrangig. Mode, Status, Lebensgefühl – all das interessiert herzlich wenig, wenn man nicht genug zu futtern hat oder kein sauberes Trinkwasser findet. Aber auch in Nepal wächst die zahlungskräftige Mittelschicht, wird geworben und konsumiert, muss die Wirtschaft wachsen. Von China, Indien, Brasilien und Co. will ich gar nicht erst anfangen.

Wäre es nicht langsam mal Zeit für eine neue Bescheidenheit? Für ein Umdenken weltweit? Müsste nicht in allen Wahlprogrammen fett gedruckt stehen, dass wir, die Menschheit, nur mit deutlich mehr Genügsamkeit eine halbwegs realistische Überlebenschance haben? Zumindest eine Zeitlang, denn das Klimaproblem haben wir bisher nicht mal ansatzweise im Griff, da stehen uns noch Dinge bevor, die man sich besser nicht ausmalt. Statt dessen wird überall zum Konsumieren aufgerufen. Kauft, damit die stotternde Wirtschaftsmaschinerie wieder in Schwung kommt, damit die Rendite stimmt, damit Profite gemacht werden und Dividenden gezahlt werden können! Ja, auch damit Menschen Arbeit haben, die ließe sich aber anders verteilen und auch die Produktion sinnvoller Güter und Dienstleistungen schafft Arbeitsplätze. Trotzdem dienen diese Appelle wohl eher den Interessen derer, die an den Börsen spekulieren und weniger jenen, die zur Zeit noch bei Karstadt hinter der Kasse stehen

Mein Eindruck ist, dass die Konzernlenker, Fondsverwalter, Großaktionäre ein Spiel spielen und bei diesem Spiel geht es einzig ums Geldvermehren. Zuwachs um des Zuwachses willen, mehr, mehr, mehr, weil es eben möglich ist. Eine internationale Clique von Dagobert Ducks badet zweimal täglich im Geld, einfach weil sie es kann. Diese Clique ist klein, es sind weltweit nur einige Millionen Leute, aber sie haben die Macht und Skrupellosigkeit, sie bestimmen die Spielregeln für den Rest der Welt. Für uns alle. Natürlich bilde ich mir nicht ein, dass ein paar aufgebrachte Zeilen in einem kaum gelesenen Blog daran etwas ändern werden, aber man darf ja träumen oder laut denken.

Übrigens, beim Präsidentschaftswahlkampf von 1956 wurden in den USA erstmals im großen Stil Soziologen, Psychologen und Psychoanalytiker eingesetzt. Mit überraschendem Erfolg. Seither geht es beim Politikmarketing kaum noch um Inhalte, Lösungen und Botschaften, sondern vor allem um Verpackung und unterschwellige Gefühle.

Achtet mal drauf, die nächsten fünf Monate bis zum 27. September bieten dazu reichlich Gelegenheit. So, ich bin dann mal weg.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Zertifizierte Arschlöcher

Geschrieben von Johannis am 21. April 2009 um 19:05 Uhr

Neulich abends, in der Videothek meines Vertrauens, erlebte ich folgende Szene. C., der langhaarige und garantiert ganzkörpertätowierte Kundendienstler, fragte mich nach Rücknahme meiner entliehenen DVDs [die Leser: Ganz toll, immer über das Fernsehen ablästern, aber Hollywoodfilme und Pornos glotzen! der Autor: Nöh, keine Pornos.], ob ich wohl eine Minute Zeit hätte, er würde nämlich allein arbeiten. Kaum hatte ich freundlich genickt, verschwand er in Richtung Sanitärtrakt und ward ein gefühltes Viertelstündchen nicht wieder gesehen.

Zeitgleich erschien ein Mann von Ende Dreißig, irgendwie halbseiden, aber nicht regelrecht abstoßend, sehr sonnenstudiobraun und von Kopf bis Fuß in teure Freizeitklamotten gehüllt, welche ausnahmslos die Logos bekannter Sportartikelhersteller trugen. Ich lächelte ihm einen erklärenden Satz entgegen und stand weiter vorm Videothekentresen herum, als hätte ich kein Zuhause. Der braune Sportsmann tippte eine SMS in sein goldglänzendes Handy und schaute gelangweilt aus der teuren Wäsche. Dann rief er jemanden an. „Hi, ich bin’s. Wollte mal fragen, wann wir uns sehen. … Ja, ich komme vorbei. … So halb zwölf oder zwölf, wie wär’s? … Okay, dann bin ich um halb zwölf bei dir!“ Biep, Ende, aus. Er schob sein Edelhandy in die Tasche und wendete sich an mich. „Ist der kacken gegangen?“

Nun bin ich nicht befugt, über die Ausscheidungsprozesse mir nicht näher bekannter Videothekenaushilfskräfte Auskunft zu erteilen, das lange Fernbleiben von C. ließ allerdings darauf schließen, dass er entweder beim Pinkeln einen Herzinfarkt erlitten hatte oder tatsächlich eine größere geschäftliche Transaktion abwickelte. Cool und leicht distanziert zuckte ich mit den Schultern und ärgerte mich dabei heimlich über die immanente Verlogenheit der Menschheit. Hast du mal eine Minute Zeit – Pustekuchen! Andererseits ist mit einem zum Platzen gefüllten Mastdarm nicht gut Arbeiten und die Frage „Kannst du mal zehn Minuten lang meine Kunden abwimmeln, während ich gemütlich auf der Schüssel hocke und einen Joint rauche?“ hätte ich kaum mit Ja beantwortet.

Wie auch immer, C. kam irgendwann die Treppe heraufgeflitzt und kommentierte sein Fernbleiben mit einem spaßig-vorwurfsvollen „Kaum ist man mal kurz auf dem Klo, da wird man auch schon geflashmobbt.“ Schönes neues Verb – flashmobben. Ich verabschiedete mich in dem Bewusstsein, eine gute Tat vollbracht zu haben und schwor, dass es für den Rest des Jahres die letzte gewesen sein sollte. Draußen parkte jetzt neben meinem weißen 93er Passat-Kombi ein schwarzer Porsche Cayenne, mit laufendem Motor – der klassische Showdown, Gut gegen Böse. Nun war es ein nachösterlicher Mittwoch mit frühlingsmilden 18 Grad am frisch hereingebrochenen Abend, also kein echter Bedarf für Heizung oder Kühlung. Zumindest wenn man dem Menschengeschlecht entstammt – für Eisbärenverhältnisse herrschte eine Sauhitze und diese Tiefseebakterien, die sich vom Schwefel brodelnder Vulkanabgase ernähren, wären längst den Kältetod gestorben.

In der Karre saß jedoch eine junge, sehr aufgebrezelte Frau und studierte blasiertem Blick ihre Fingernägel. Ich hielt ihr also mit dieser Hey-Schwester-wir-sitzen-alle-im-selben-Boot-Mimik meinen mickerigen Autoschlüssel ins Blickfeld und drehte ihn dabei heftig nach links. Will sagen, schalt doch mal den Motor aus. Sie kuckte mich an, als hätte ich eine halbe Sahnetorte im Gesicht oder einen blutigen, 20 Zentimeter langen Zimmermannsnagel quer im Schädel stecken. Sonst keine Reaktion. Egal, ich stieg ein, ihr Achtzylinder blubberte weiter und mir wurden schlagartig die Zusammenhänge klar. Sie ist eine Nutte Prostituierte und der Typ mit dem goldenen Handy ihr Lude Freund Betreuer. Loddel, Pimp, Zuhälter, nenn’ es wie du willst. Bis zur Linienstraße sind es nur 500 Meter und wahrscheinlich trug sie unter dem Mantel nur Strapse. Beim Ausparken tippte ich kurz und schulmeisterlich auf meine Billighupe und sie antwortete mit einem sauwütenden Aufbrüllen der Zuffenhausener Edelfanfare, weshalb im zweiten Stockwerk über der Videothek kurzfristig der Herzschrittmacher eines Rentners einsetzen musste. Gut, dass ich noch immer keine Knarre im Auto habe.

Was mich das lehrt? Nix, was ich nicht schon wüsste. Wer Kohle hat, will sie meist auch zeigen. Klimaschutz ist für Schwächlinge. Dickes Auto, dickes Ego. (Wieso habe ich dann eigentlich kein dickes Auto?) Früher hatte man Aufkleber „Eure Armut kotzt mich an“, heute fährt man eben SUVs. Alles wie immer, nur anders.

Es gibt Tage, an denen kann ich den Beginn der Apokalypse kaum noch abwarten. Aber ich gedulde mich. Noch ein bisschen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Fortschreitende Verzagtheit

Geschrieben von Johannis am 18. April 2009 um 13:49 Uhr

Konsequent gegen den Trend denkend und lebend muss ich natürlich in diesen vorsommerlichen milden Frühlingstagen über Alter und Tod schreiben. Obwohl ich gewarnt wurde, aber ich höre ja grundsätzlich nicht auf Warnungen. Dabei ist Altwerden ungefähr so sexy wie Gespräche über Fußpilz oder Vaginalherpes – so was hat man nicht, ergo wird man auch nicht alt, stirbt am besten vorher. Tabu, Pfui, Aus! Und wer, bitteschön, möchte denn mit Gerüchten über eine bevorstehende globale Katastrophe behelligt werden? Keiner! Zum Glück gibt es ja in diesen aufregenden Zeiten mehr als genug wichtige Themen, werden täglich mindestens ein halbes Dutzend gesengte Säue mediengerecht durch unser weltumspannendes Dorf getrieben. Zum Beispiel frei vögelnde HIV-positive Popsternchen. Man kommt kaum noch nach bei der heutigen Echtzeitberichterstattung, es ist echt stressig. Dabei sollen wir uns eigentlich nur ein bisschen aufregen, nebenher die Werbung wahrnehmen und ansonsten brav weiterkonsumieren.

In der Hektik fast vergessen sind die Highlights der vergangenen Woche – wenn der bockige Herr Määähdorn nicht mit Klage auf Zahlung von zwei Jahresgehältern gedroht hätte, wäre er längst Geschichte. Daimler und Thyssen zahlen ihren Aktionären Dividende, kündigen aber gleichzeitig Entlassungen an. Nein, nicht bei den Aktionären. Silvio Berlusconi sagt den Überlebenden des Erdbebens, sie sollen sich gefälligst nicht so anstellen, ein Aufenthalt im Zeltlager ist doch fast wie Campingurlaub. Kurz darauf plärrt er beim Karfreitagsbeisetzungsgottesdienst in L’Aquila derart tränenreich in die Kameras, dass man sich fragt, welche Drogen der Mann nimmt.

Woran ich merke, dass ich alt werde? Daran, dass ein Großteil der im Radio gespielten Musik wie banaler Billigdreck klingt, ich mich aber gleichzeitig über die ewigen 80er-Jahre-Revival-Sendungen wundere. So wollte ich nicht werden, nie. An den Blicken junger Frauen, denen ich auf der Straße gelegentlich gewinnend zulächele und die dann immer kucken, als hätte ich ihnen gerade ein kostenloses Jahresabo für den Swinger-Club angeboten. Und an den Lügen meines Orthopäden, der seit einem Jahrzehnt behauptet, mein hypermobiler Lendenwirbel würde sich mit dem Alter versteifen. Nix ist, nur der Schmerz und das ewige Knacken bleiben.

So, da sich nun spätestens an dieser Stelle sämtliche Leser verabschiedet haben, kann ich getrost zum Thema kommen. Ich finde, es hat sich etwas verändert, die Tonlage öffentlicher Bekenntnisse hat sich erschreckend ins sorgenvolle Moll verlagert. Klangen vor der Krise noch die durigen Alles-wird-gut-Töner durchs Feuilleton, so finden sich dort nun ganz andere Stimmen. Nachfolgend drei Beispiele.

Der Verleger Michael Krüger, 65, sagt in seinem sehr ehrlichen Interview im Dossier der ZEIT Nr.1-2009 Sätze wie: Schon seit Jahren erleben wir eine permanente Beschleunigung unserer Lebensverhältnisse, alles wird komplizierter, unverständlicher und irrealer. Keiner fühlt sich mehr auf der Welt zu Hause… … Wir haben die Kontrolle verloren. Heute wissen wir, dass nicht einmal Herr Ackermann weiß, was das Geld seiner Deutschen Bank so genau treibt. Der Mensch ist dabei, sich selbst abzuschaffen… …Ich muss lachen, wenn von der neuen Wissensgesellschaft geredet wird. Die Wahrheit ist doch: Wir sind auf dem besten Weg, total zu verblöden. Und weiter auf Seite 5: Ich glaube nicht, dass wir durch die Krise eine nachdenkliche Nation werden, ich fürchte eher das Gegenteil. Jetzt beginnt erst die wirkliche Gier… …Wir sind auf Krisen nicht vorbereitet. Wenn eine RTL-Gesellschaft der Schlag trifft, werden Kräfte frei, an die ich gar nicht zu denken wage. Ich hoffe nur, dass ich mich irre.

Den starken Wunsch, sich zu irren, äußert ebenfalls Hans Joachim Schellnhuber, einer der führenden Klimaexperten der Welt und Berater der Bundesregierung. Ebenfalls im Dossier der ZEIT sagt er ein paar Monate später in Nr.14-2009 : Uns Klimawissenschaftlern ist natürlich schon lange bewusst, dass die Fluchttür beim Klimawandel nur noch eine Handbreit offen steht. Bald könnte sich diese Tür ganz schließen – etwa durch die Freisetzung der Methangase aus terrestrischen und marinen Quellen. Und wenn wir tatsächlich in diesem Jahrhundert eine globale Erwärmung von fünf, sechs Grad zustande bringen, dann wird es auf diesem Planeten eine Hochzivilisation, wie wir sie heute kennen, nicht mehr geben. Später gesteht er: Zunehmend setzte ich meine letzte Hoffnung nicht auf die plötzliche Einsicht der politischen Welt, sondern auf die Hoffnung, dass sich die Wissenschaftsgemeinschaft in der Klimafrage kollektiv geirrt hat. Das ist mein dickster Strohhalm. Vielleicht haben wir irgendetwas Entscheidendes übersehen, etwa dass es in der planetarischen Maschinerie irgendeinen Selbststabilisierungsmechanismus gibt, der plötzlich anspringt und alles doch noch gut werden lässt. Auf die Frage des Reporters: Wie hoch ist denn die Wahrscheinlichkeit dieser Hoffnung? antwortet der Wissenschaftler: Diese Frage haben mir führende Politiker öfter gestellt. Nun, die Chance, dass das gesamte Wissenschaftssystem hier irrt, liegt wohl unter einem Prozent. Aber beim Lotto sind die Gewinnaussichten noch geringer.

Der amerikanische Schriftsteller Jonathan Franzen gesteht im März in einer Literaturbeilage, dass er versucht die Krise auszublenden. Er steht früh auf, geht in sein Büro, lässt die Jalousien runter und schreibt. Beneidenswert, so ein arbeitsamer Profiverdränger! Trotzdem malte er sich aus, wie Obama nach seinem Amtsantritt die Geheimakten der USA vorgelegt wurden, nach deren Studium der Präsident zu folgender Einsicht kam: … Was auch immer ich tun werde, es steht nicht in meiner Macht, dieses Land oder die Welt vor einer Katastrophe zu bewahren, es ist zu spät, wir haben den Zeitpunkt verpasst, an dem eine langsame Verringerung sinnvoll und machbar gewesen wäre. Es wird harte, schmerzhafte, opferreiche Umwälzungen geben – und alles, was ich tun kann, ist, diesen Prozess so lange wie möglich zu verzögern. Franzen selbst glaubt, … nicht einmal der Messias selbst könnte angesichts der Gegebenheiten viel erreichen, denn was ich in diesen Akten vermute, ist wirklich tief beunruhigend – nicht nur in Bezug auf die ökologische Katastrophe, die vielleicht unausweichlich ist.

Der Autor dieser Zeilen hofft ebenfalls inständig, dass er sich irren möge, dass er einfach in einem sehr schlechten und sehr langen Alptraum festhängt und bald daraus erwachen wird. Dann ist alles wieder gut, die Menschen sind sympathisch, nachdenklich und hilfsbereit, sie haben viel Zeit und Geld ist niemandem wichtig. Alle fahren Rad oder höchstens mal zu viert in einem Kleinwagen, sowohl RTL als auch die BILD-Zeitung sind pleite und hübsche Frauen Anfang dreißig möchten sich unbedingt ausführlich mit mir über Literatur und Zeitgeschichte unterhalten. Gern zuhause bei einem Glas Wein.

Aber mein Scheißwecker tickt und tickt gemütlich weiter, das Mistding will partout nicht klingeln.

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Obama in Psychiatrie: Diagnose Titanenwahn

Geschrieben von Johannis am 10. April 2009 um 12:45 Uhr

Meinen Faible für den neuen US-Präsidenten habe ich nie verschwiegen, fand den Mann schon toll, da war er gerade mal Bewerber um die Kandidatur. In mehreren und teilweise unkritischen Beiträgen habe ich den Wahlkampf kommentiert, hab gehofft, gezittert und schließlich Anfang November ein paar heiße Tränchen verdrückt, als der Sieg des braunen Mannes endlich feststand. Ich war sogar so naiv und habe angenommen, Mr. Obama würde seine Reden frei und dennoch druckreif halten, weil man bei den cleveren Kameraeinstellungen diese gläsernen Teleprompterdinger nicht sehen konnte. Selbst wenn man so abgebrüht, zynisch und desillusioniert ist wie ich – Menschen wollen dennoch an Wunder glauben. Seit den ersten Pressekonferenzen, wo die anwesenden Journalisten in manchen präsidentialen Denkpausen problemlos hätten eine rauchen gehen können und trotzdem rechtzeitig zur Antwort wieder im Saal gewesen wären, bin ich wieder auf dem Boden der Tatsachen, finde den Mann aber trotzdem gut. Anders als sein Vorgänger redet er wenigstens nicht bei abgeschaltetem Stammhirn.

Nun weicht die Sympathie allerdings echter Besorgnis, Mitgefühl wallt auf und Angst schnürt meine Kehle zu. Offenbar haben wir es entweder mit einem schweren Fall von Messias-Syndrom zu tun, oder Baracks Redenschreiber machen ihren Job abwechselnd auf Koks und Exstasy. Das ging schon vor ein paar Wochen los, als der Präsident dem amerikanischen Volk versprach, das Land könne und werde die Krise aus eigener Kraft überwinden und würde stärker denn je zuvor daraus hervorgehen. Bullshit! Das klingt wie die Voraussagen eines drittklassigen Wunderheilers im verschneiten Ostallgäu, der Krebspatienten im Endstadium schwört, dass sie bald wieder putzmunter sein werden. Sind die dann auch, drei Wochen lang, bis kurz vor der Beerdigung.

Der neueste Kracher kam neulich in Prag, da entwickelte Barack die Vision einer Welt völlig ohne Atomwaffen. Während zeitgleich eine nordkoreanische Mittelstreckenrakete über Japan wegzischte. Schöne Idee, aber warum so bescheiden? Wieso nicht auch gleich ohne Hunger, Drogen, Tickets für Falschparker, Stefan Raab, die internationale Mafia und kotzbanale Hollywood-Filme? Ach ja, Hundekacke auf dem Gehweg und Paris Hilton hab ich noch vergessen. Keine halben Sachen, Mister Obama, go the distance! Wahrscheinlich haben sie ihn heimlich brainwashen lassen, vielleicht mit irgend so einem Superlearning-Teil. Unterwegs im Flieger, seiner Airforce One. Kopfhörer auf, Lichtblitze aus der Diodenbrille und mitten über dem Atlantik mussten die Leibwächter ihn fesseln, weil Barack plötzlich die Tür zur Stratosphäre aufstoßen wollte. I believe I can fly. Und übers Wasser laufen sowieso. War wohl die falsche Software drin. Nach der Landung haben sie dann versucht, ihn wieder zu deprogrammieren, hat aber nicht geklappt.

Oder es sind einfach die Auswirkungen der ekstatischen Menschenmassen, des ständigen Dauerjubels. In Frankreich wollten reihenweise junge Frauen ihn abküssen, jeder will wenigstens seine Hand schütteln, der Mann ist größer als Michael Jackson zu dessen allerbesten Zeiten, er ist Papst hoch drei. Das wäre übrigens die schlimmste aller Möglichkeiten – Barack Obama glaubt tatsächlich an das, was er den Leuten verspricht. Aufschwung bald, Arbeit für alle, steigender Wohlstand, gerettetes Klima, nette Talibane, nie wieder Atomwaffen, Türken in der EU.

Ich befürchte allerdings eher, die Geheimdienstler und Spindoctors haben ihm klargemacht, dass er knallhart auf Zeit spielen muss. Das Klima kippt komplett, die Weltwirtschaft gesundet nie wieder, das Öl ist bald alle, bis zum Mars schaffen wir es nicht rechtzeitig – mit anderen Worten: wir sind am Arsch. Der Durchschnittsami wird noch eine Weile brauchen, bis er das kapiert hat, aber dann brechen sämtliche Dämme, gibt es Aufruhr vom Allerfeinsten, Mord und Totschlag schon zum Frühstück. Bis dahin wollen sich die Regierungsstrategen noch etwas einfallen lassen, wahrscheinlich wird rechtzeitig das Trinkwasser der gesamten USA mit Tranquilizern und Tetrahydrocannabinol versetzt. Happiness für alle, glücklich in den Weltuntergang.

Eventuell haben sie ihn sogar längst gegen einen Doppelgänger mit Fernsteuerung ausgetauscht. Barack, der Schokocyborg. Der echte Präsident wird irgendwo gefangen gehalten, weil die Leute vom CIA befürchten, er könne dem Volk die bittere Wahrheit sagen. Zuzutrauen wäre es den Schlapphüten ja. Und ihm auch. Das mit der Wahrheit, meine ich. Aber wieso hat Michelle nichts von dem Tausch bemerkt?

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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