Die Qual der Wale
Geschrieben von Johannis am 14. März 2009 um 18:12 Uhr
Eigentlich wären jetzt wohl ein paar fassungslos-betroffene Zeilen über den Niedergang der menschlichen Rasse angebracht, schließlich hatten wir innerhalb einer Woche zwei tödliche Attentate in Nordirland, die nahezu zeitgleichen Amokläufe in Winnenden und Samson, Alabama, und dazu diverse Selbstmordattacken an den üblichen Brennpunkten des Wahnsinns wie Bagdad und Sri Lanka. Oder sollte ich gegen Gewaltverherrlichende Computerspiele hetzen und jene Gefahren benennen, die der Volksseele durch biedere Schützenvereine drohen, den heimlichen Brutstätten für siebzehnjährige Profibrandstifter und Blutbademeister? Muss ich über das bevorstehende Aussterben des Opels schreiben, weil ich in den späten Achtziger Jahren mit großer Zufriedenheit einen Rekord 1900 Coupé gefahren habe? Wohl eher nicht.
Lasst uns statt dessen gemeinsam den Blick weit in die Ferne richten, dorthin, wo die Dinge ebenso rätselhaft sind und manchmal zu viel, dann wieder nicht genug Tiefe haben. Nach Australien. Dort werfen sich seit einigen Jahren in zunehmender Heftigkeit jene Wesen an die Küsten, denen die volle Sympathie jedes guten Menschen gehört – unsere singende Freunde, die Meeressäuger. Im letzten November waren es 64 Grindwale, die in Tasmanien strandeten, eine Woche drauf scheiterten dort sogar 187 dieser klugen Tiere an der eher einfachen Aufgabe, im Wasser zu schwimmen und nicht an Land. Auf einer Sandbank bei den Perkins Islands segneten dann im Januar 48 Pottwale das Zeitliche und jetzt, vor knapp zwei Wochen, waren es wieder Grindwale, von den knapp zweihundert Tieren starben leider mehr als zwei Drittel.
Warum treibt es die friedlichen Flossenträger in Horden ans Ufer, wo sie zwar von Tierfreunden in Neoprenanzügen liebevoll betreut und schnellstmöglich wieder ins angestammte Element zugedrängelt werden, ihnen jedoch meist ein unerfreulicher und absolut sinnloser Tod droht? Wie kann es sein, dass ein Pottwal, der 3000 Meter tief tauchen und dort ganz ohne Stirnlampe tonnenweise Tintenfisch und lichtscheue Riesenkraken findet, zusammen mit seinen Kumpels plötzlich und starrsinnig ans Ufer, sozusagen vor die Wand schwimmt? Das ist doch ungefähr so, als würde ich morgens auf dem Weg zum Zeitungskiosk die Orientierung verlieren, im zweiten Stock das Treppenhausfenster eintreten und mich taumelnd in die Tiefe stürzen. Nur das ich das mit Glück und ein paar gebrochenen Knochen wohl überlebe.
Beim Versuch einer Erklärung stößt man im Netz auf verschiedenste Antworten. Einerseits sollen die Tiere durch den Lärm von U-Booten die Orientierung verlieren, was nicht sehr glaubhaft klingt, wenn man bedenkt, dass diese Fahrzeuge mittlerweile superleise sind und sich deshalb unter Wasser schon mal gegenseitig rammen. Eine Frau meinte, Schuld sei die globale Erwärmung. Die führe dazu, dass Meerwasser verdunstet und die Küsten entlang der Walwanderwege in die Antarktis zunehmend seichter würden. Ziemlich gewagte Theorie. Alternativ soll die NATO schuldig sein, denn sie experimentiert angeblich mit fiesen Sonaranlagen und stellt sich auch noch dumm. Okay, diese hochgezüchteten Unterwasserortungsdinger arbeiten mit Frequenzen, die den Walen wohl nicht besonders angenehm ins Ohr gehen, da könnte was dran sein. Und sich dumm stellen hilft heutzutage fast immer.
Meine Hypothese lautet aber anders. Den Walen ergeht es im Meer wie uns mit der modernen Welt, sie blicken nicht mehr durch und werden langsam aber sicher wahnsinnig. Da Wale nicht aus dem Fenster oder vom Dach springen können, und keine Hände haben, mit denen sie sich die Kugel geben könnten, machen sie’s eben am Strand. Was wir an den Küsten der Welt erleben, sind schlecht getarnte Gruppensuizide. Sinnkrise, fehlende soziale Integration, Zukunftssorgen, Angst vorm Alter, was auch immer – genügend Anlässe für ein Lemmingphänomen unter diesen hochintelligenten Meeressäugern. Achten Sie in den nächsten Wochen einmal drauf – das wird weiter um sich greifen, genau wie Hey!-wir-sind-aber-die-echt-wahre-IRA-Mordanschläge und die spätpubertäre Amokläuferei. Womit ich jetzt etwas knirschend den Bogen zum aktuellen Tagesgeschehen geschlagen habe.
Wer meine Theorie schon jetzt überprüfen möchte, schaut sich die beiden Videos aus Australien an. Wer dafür zu zart besaitet ist und sich nicht dem Leid der armen Tieren aussetzen will, kann sich das letzte, etwas lustigere Video ankucken. Dort wird die Sprengung eines angeschwemmten Walkadavers in Florence, Oregon, im Jahre 1970 gezeigt. Das ging allerdings ziemlich nach hinten los und wurde dort nicht wieder versucht. Mehr Hintergrundinfos, Videos ähnlicher Versuche und Infos über moderne Bestattungsalternativen findet man auf der Website www.theexplodingwhale.com.
Bleiben Sie gesund, alles andere wäre nämlich Mist. Und immer schön im Tiefen schwimmen!
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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