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Archiv für März, 2009

Abfuckprämie – Die Zweite

Geschrieben von Johannis am 29. März 2009 um 13:32 Uhr

Unser Land ist haarscharf am Rande des Abgrunds vorbeigeschrammt. Krawalle und blutige Ausschreitungen standen unmittelbar bevor, denn der Topf mit den Abwrackprämien leerte sich dramatisch. Eine Sturzwelle von Reservierungen drohte das zuständige Amt davonzuschwemmen und spätestens am 3. April hätte ein bedröppelter Ministeriumssprecher die bitterste aller Wahrheiten verkünden müssen: Schluss, aus, Sense, finito, alles alle, Kohle futsch! Wer dann noch keinen Kaufvertrag in Händen hält, wird ohne Räder bleiben, der baut sich keine neue Garage mehr, pflanzt kein Apfelbäumchen an den Parkstreifen. Wirklich tragische Nachrichten, die den Bürgern in diesen eh schon schweren Zeiten bittere Tränen der Enttäuschung in die Augen getrieben hätten!

Doch unser aller Lieblingsmerkel hat zusammen mit dem Vizekanzler ein tröstendes Machtwort gesprochen und beschert dem Volk einen Nachschlag. Nur böse Menschen würden dahinter ein vorgezogenes Wahlwerbegeschenk vermuten. Schließlich werden in diesen Tagen die Milliarden schneller rausgehauen, als ein Kettenraucher Kippen aus dem Autofenster schnippen kann. Trotzdem sind nicht alle Lobbyisten der Automobilindustrie zufrieden. Daimler opponiert bereits gegen den Nachschlag, weil die natürlich außer ein paar SMARTs nix verkauft haben. Dabei sind im Februar fast 50.000 neue Karren mehr verkauft worden als im Vorjahresmonat, ein Plus von 21,5 %. Nur leider kaum an deutsche Hersteller.

Bei Hyundai knallen dafür täglich die Sektkorken, dort hatte man im Februar 229 % plus. Suzuki schaffte 214 % Mehrumsatz, Daihatsu 109 %, bei Chevrolet/Daewoo gingen 103 % mehr von den frisch lackierten Klapperkisten vom Hof und Mitsubishi hatte immerhin noch ein Plus von 86 %. Achtet mal drauf, fast alle Kleinwagen der genannten Marken tragen jetzt die grüne TÜV-Plakette für 2012. Ein schöner Beitrag zur Völkerverständigung, Frau Merkel! Wie die Zahlen der deutschen Autobauer aussahen? Naja, nicht so toll. VW hatte 23% plus, unsere Lieblingsmarke Opel 4,2 % und Audi lag bei 0,4 %. Aber zumindest plus. Insgesamt sank der Anteil deutscher Marken an den Zulassungen deutlich, Mercedes und BMW verkauften sogar rund ein Viertel weniger als sonst. Das Klima retten durch Konsumverweigerung – weiter so!

Allerdings spielen sich seit Jahresbeginn auf deutschen Schrottplätzen täglich unzählige Trauerspiele ab. Der Germane ist bekanntlich ein hemmungsloser Schnäppchenjäger und das nicht erst, seit Saturn mit „Geiz ist geil“ und Mediamarkt mit „Ich bin doch nicht blöd“ um die Gunst der Massen werben. Beide Firmen gehören übrigens zum Metro-Konzern und haben einen gemeinsamen Einkauf, aber das nur ganz am Rande. Zurück zu den Schrottern der Nation. Dort, wo ich die glücklichsten Stunden meiner Jugend in ölverschmierten Klamotten beim Schrauben verbrachte, das Autogen- und Schutzgasschweißen erlernte und manche im Überschwang verbeulte Karosserie gespachtelt habe, finden heute Tragödien statt, nach denen ein nach Inspiration suchender Shakespeare sich alle zehn Finger geleckt hätte.

Direkt nach dem neunten Geburtstag ihrer vierrädrigen Freunde bringen deutsche Vollidioten ihr bestes Stück zum Schrottplatz, um sich die verfluchte Prämie zu sichern. Manche Autoverwerter haben schon eine chronische Gesichtslähmung, weil sie das feiste Grinsen regelrecht in die Visage eingebrannt hat. Sie entsorgen diese Fahrzeuge kostenlos – früher gab’s Geld für das alte Schätzchen – und ersticken jetzt unter Bergen von Türen, Hauben, Kotflügeln in allen erdenklichen Farben. Überall stapeln sich Windschutzscheiben, Scheinwerfer, Rückleuchten und ähnliches Zeug – in Deutschland lagern mittlerweile genug Teile, Motoren und Getriebe, um sämtliche Autoschrauber in Polen und der Ukraine für sieben Jahre zu versorgen. Mindestens. Hastig ausgeschlachtet wandern in diesen Tagen Fahrzeuge in die Schrottpresse, für die jeder anständige Mann im polygamen Afrika zumindest seine jüngste Frau hergeben würde. Ersatzweise Kamele, Ziegen, Rinder oder kiloweise bestes Haschisch.

Dem Deutschen ist das scheißegal. Schnell weg mit der Kiste, denn nur mit dem schriftlichen Nachweis, dass der treue Freund in der Blüte seiner Jahre eingeschläfert wurde – was man mit keinem Köter machen würde – bekommt der schnäppchengeile Dumpfgermane seine zweieinhalbtausend Kröten. Soviel war der Karren vor ein paar Wochen auf dem Gebrauchtwagenmarkt auch noch wert? Macht nix, dafür kriegt der Ex-Besitzer ja jetzt einen Neuen gesponsert. Also wenigstens teilweise. In Deutschland lebt ein Volk von Milchmädchen, wir sind wirklich auf den Hund gekommen.

Nur weil unser aller Bundeshorst schon neulich in seiner Berliner Rede mit der Nation geschimpft hat, will ich auf den überflüssigen Hinweis verzichten, dass es durchaus der Umwelt dient, ein tadellos funktionierendes Fahrzeug länger als neun Jahre zu nutzen. Wegen der Energie und Rohstoffe, die bei der Produktion eingesetzt wurden und so. Ooops – jetzt ist es mir doch rausgerutscht. Bin halt impulsiv, ein emotionaler Mensch, wie Horst Köhler eben. Der hat ja bei der Trauerfeier in Winnenden auch geweint. Ich weine mich statt dessen jeden Abend in einen unruhigen Schlaf, weil ich an den schwedischen Grafen Axel Gustafsson Oxenstierna af Södermöre denken muss. Der hat schon vor rund vierhundert Jahren zu seinem Sohn folgenden weisen Satz gesagt: „Du weißt gar nicht, mein lieber Junge, mit wie wenig Vernunft die Welt regiert wird.“ Ich hingegen ahne es und vergieße deshalb täglich heiße Tränen. Oder hacke ein bisschen auf meiner Tastatur herum.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Stellschraube 4 bis zum Anschlag nach links drehen

Geschrieben von Johannis am 26. März 2009 um 10:56 Uhr

Es ist die Zeit der erschreckend einfachen Rezepte, der ganz simplen Lösungen. Daran erkennt man einerseits, wie verzweifelt die Lage ist und andererseits, wie wenig Grips und Inspiration unsere Weltenlenker haben. Der Papst, dessen selbstgefällig frömmelndes Grinsegesicht ich nicht mehr sehen kann, ohne intensivsten Brechreiz niederkämpfen zu müssen, redete neulich den afrikanischen Despoten ins Gewissen. Gerechtigkeit sowie Erfolge im Kampf gegen Hunger und Armut hat er gefordert, dazu soll – verständlich aus der Sicht des Marktführers – endlich Schluss mit dem konkurrierenden Hexenglauben sein.

Nun sitzt er wieder in Rom, und man kann sich lebhaft vorstellen, wie überall in Afrika die schwarzen Willkürherrscher vom schlechten Gewissen gepeinigt an den Nägeln kauen. Jeder von ihnen rauft seine krausen Haare und schlägt sich wehklagend an die vom Seidenhemd umhüllte Brust, denn endlich ist klar geworden, dass Korruption und Vetternwirtschaft nicht besonders gottgefällig sind und Diktatoren deshalb vielleicht gar nicht in den Himmel kommen. Schon morgen werden die Despoten diverser Failed States ihre Schweizer Nummernkonten auflösen und all das geklaute Geld den Armen schenken, dann ihre Warlords und Milizen in den Ruhestand schicken und danach nie wieder morden, brandschatzen und Frauen vergewaltigen lassen. Großes Ehrenwort!

Michelle Obama lässt inzwischen den Rasen hinterm Weißen Haus umgraben und setzt Salat, Spinat und Gurken. Natürlich wird all das Gemüse biologisch angebaut, schon wegen der Töchter. Es ist noch eine der besseren Ideen der Neuzeit, denn sie signalisiert dem Volk: Leute, zieht euch warm an, es kommen wirklich schwere Zeiten. In Detroit, der sterbenden Motor-City, wo der Durchschnittspreis für ein Eigenheim von 46.000 auf 6.000 Dollar fiel, ist die Kleingärtnerei längst normal geworden. Man ist arbeitslos, legt auf dem Grundstück eines verlassenen Hauses einen Kartoffelacker an, baut daneben ein billiges Foliengewächshaus für Tomaten, Paprika et cetera und ringt dem Boden alles ab, was man zum Überleben braucht. Ich meine, um nicht zu verhungern. Die First Lady hat gleich 55 Sorten Grünzeug säen lassen, angeblich haben Mulch und Saatgut nur 200 Dollar gekostet. Mögen die Pflanzen im Garten des Präsidenten wachsen und gedeihen.

Gut gediehen sind auch die mit Eisen gedüngten Algen vor der Antarktis, sie sollten wachsen und dabei kräftig CO² binden, dann friedlich absterben und auf den Meersgrund sinken – nach dem Motto „Aus den Augen, aus dem Sinn.“ Leider hatte man die Rechnung ohne den Krill gemacht, ein kleiner Krebs, dessen Hauptaufgabe es ist, sich von Walen fressen zu lassen. Er und seine Millionen Freunde haben nun aber die leckeren Algen aufgefressen, es klappt also nicht mit der CO²-Verklappung. Im Grunde kein Wunder, denn ursprünglich ist eisenhaltiger Walkot der natürliche Algendünger. Wie sagte doch der Blauwal: “Wo ich letzte Woche hingekackt hab, kann ich heute lecker frühstücken.” Toll, oder? Eigennutz ist eben keine menschliche Erfindung, auch wenn wir es darin, verglichen mit den Walen, zu unübertroffener Perfektion gebracht haben. Derweil bekommt unser naiv-mechanistisches Weltbild zunehmend Risse.

Der Planet ist doch im Grunde nicht komplexer als ein alter Dieselmotor – wenn der nicht richtig läuft, macht man die Haube hoch, kratzt sich am Kopf und haut schließlich irgendwo mit dem Hammer drauf. Schlimmstenfalls wird die Einspritzanlage eingestellt oder eben die Wasserpumpe ausgetauscht. Und dann geht’s weiter, mit Vollgas ins Verderben. Gut, im Moment haben wir einige Aussetzer, der Motor spotzt und pöttert, ist kurz vorm Absterben. Aber eigentlich müssten die Wissenschaftler doch nur etwas Geniales erfinden, damit er wieder rund läuft. Bisher hat es doch noch immer irgendein Mittel gegeben, warum also diesmal nicht? Wir sind Süchtige, die sich täglich einreden, dass morgen mit der Saufe-/Kokse-/Fixerei Schluss ist. Nur noch heute, wir wollen heute noch einmal richtig breit sein. Und morgen fängt das neue Leben an. Versprochen!

Warten wir’s ab, ob die Tricks der Wissenschaft uns retten können. Zur Planetenkühlung Schwefelsäure in die Stratosphäre pusten oder neue Kohlekraftwerke bauen, um dann Millionen Tonnen CO² abzuspalten und in den Untergrund zu pumpen – wer sich das Atommülllager Asse anschaut, den befallen wahrscheinlich Zweifel, ob das so einfach klappen wird. Besonders in Zeiten, in denen nicht einmal ein U-Bahntunnel gebohrt werden kann, ohne dass dabei Häuser samt ihrer Bewohner im Boden versinken. Aber wir haben ja unerschütterliches Vertrauen in die Technik. Immer noch besser, als unseren Lebensstil ändern zu müssen, oder?

Vielleicht sollte Benedikt der Viertel-vor-Zwölfte sich mal zu dem Thema äußern. Zwei nachdrückliche Sätze von ihm und die Menschheit wird erkennen, dass Prassen und Verschwenden nicht wirklich gottgefällig sind. Dann geht ein großes Erwachen durch die Welt und überall werden klotzige Allradautos aufgebockt, mit Muttererde befüllt und zu Blumenkästen oder in Frühbeete umgewandelt. Ganz ohne Abwrackprämie.

Urbi et orbi – alles wird gut!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Marlen reloaded

Geschrieben von Johannis am 23. März 2009 um 20:10 Uhr

Never change a running system heißt es in Technikerkreisen – man könnte es übersetzen mit: Wenn’s noch funktioniert, lass die Finger davon. Trotzdem muss manchmal ein neuer Treiber installiert oder irgendwelche Software aktualisiert werden, damit das digitale Datenleben weitergehen kann. Persönlich bin ich dabei nicht mal besonders ängstlich, habe sogar ein seltsames Restgrundvertrauen in die moderne EDV und das unsichtbare Heer von Programmierern, das sie halbwegs am Laufen hält. Spottverse wie „EDV – elektronisch, dadurch verzögert“ oder „Technik und Mechanik – Atlantis und Titanic“ verdränge ich erfolgreich. Bis zum nächsten Drama.

Neulich war WordPress dran, das Programm, mit dem man diesen und Millionen andere Blogs halbwegs erträglich bauen, betreiben und verwalten kann. Das Update auf Version 2.7.1 klappte erstaunlich gut, obwohl der FTP-Uploader eine mittlere Ewigkeit damit beschäftigt war, den Ersatz für all die vorab brav gelöschten Dateien auf den Server zu laden. An dieser Stelle möchte ich mich bei allen Lesern entschuldigen, die jetzt auf die Beschreibung einer gigantischen IT-Katastrophe hoffen, denn hinterher funktionierte alles. Tja, so isses manchmal. Sehr manchmal, aber die Horrorstories verkneife ich mir heute.

Lorenz Meyer, mit dem mich mittlerweile eine kaum noch zart zu nennende Freundschaft verbindet, hatte mir vorher ein Plug-In ans Herz gelegt, das den schönen Namen Semmelstatz trägt und von einem Menschen, der angeblich Redunzl Semmelmann heißt, zusammengebastelt wurde. Statz steht hier für Statistik, und Wow! was die kleine Programmerweiterung alles kann. Die Besucher meiner Seite sind neuerdings so durchsichtig wie angeschwemmte Ostseeohrenquallen bei grellem Sonnenschein. Ich weiß von vielen, wo sie wohnen (Schönen Gruß nach Chemnitz, Herr Türke), welche seltsamen Suchwortkombinationen sie zu meinem Blog gebracht haben oder von wo sie sich hierher weitergeklickt haben. Leider siebt Semmelstatz auch alle Suchmaschinen- und Spamplatzierungsroboter aus, so dass sich die Besucherstatistik nun weniger rosig darstellt, als auf der Seite meines Providers. Der reale Traffic ist deutlich dünner als gehofft, aber ich war gewarnt.

Dafür zeigt das Plug-In mir an, ob gerade Besucher online sind, was tatsächlich vorkommt. Mit denen führe ich dann stille Herz-zu-Herz-Kommunikationen und freue mich über jeden ihrer Klicks, über jede hier verweilte Minute wie ein Fünfjähriger am Nikolausmorgen vorm gut gefüllten Winterstiefel. Leider weiß ich nun auch, welche Beiträge bei den Lesern in den letzten zwei Wochen besonders populär waren. Angeführt wird die Hitliste von Marlenitis chronifiziert, das Bronzetreppchen verteidigt meine Anleitung für Amokläufer und auf Platz 5 kommt Plattonnische Libe. Dazwischen dümpeln tatsächlich die aktuellen Texte – aber trotzdem, Leute!

Das mit der Amokläuferei kann ich derzeit ja verstehen, aber muss die durchtriebene Junggesellenabzockerin Marlen immer noch so viel Aufmerksamkeit kriegen? Sollte es an Suchbegriffen wie nacktfotos-mit-blondinen und magersüchtig-blondinen liegen, oder sind es die Links aus Foren für tiefergelegte Autofans und glücklose Aktienanleger? In einem der dort gefundenen Kommentare werde ich zumindest als ein Besserer bezeichnet, was ja eine Steigerung von Guter ist. Danke. Gleichzeitig wird darauf hingewiesen, dass die Mehrzahl der 122 Kommentare der Marlenitiskranken komplett hirnlos ist. Stimmt.

Zugegebenermaßen richtet sich dieser Blog nicht vordringlich an Menschen mit Hang zum Benzinschnüffeln. Leute, die sich in Autoforen durch ein Endlosschleifenvideo von einem mit qualmenden Reifen durch die Kurve driftendem roten Camaro (oder war es doch eine Corvette?) präsentieren, haben vielleicht nicht ganz das politische Bewusstsein, kulturelle Interesse oder den allgemeinen Tiefgang, den ich meinen Blogbesuchern wünsche. Aber gelesen werden will ich auch. Was tun? Soll ich flink eine neue Marlen-Story posten, vielleicht mit gefälschten Nacktfotos? Oder doch lieber die Anleitung für Amokläufer Teil 2? Dann aber die Sparversion für Hartz-Vierer, unter dem Motto „Billig Killen kinderleicht.“

Ich denk mal drüber nach.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Tsunamiwarnung

Geschrieben von Johannis am 20. März 2009 um 12:23 Uhr

Die zwölfte Kalenderwoche neigt sich dem Ende entgegen und wir können nur froh sein, dass die Erde keine Scheibe ist, denn sonst würden wir wohl alle in den unwirtlichen Weltenraum rutschen. In den letzten Tagen gab es einfach zu viel Neigung zu allem Möglichen [speziell zu medienwirksamer Betroffenheit und dem Drang, ultraeinfache Erklärungen sowie platte Lösungsvorschläge in die Öffentlichkeit zu posaunen] und gleichzeitig brandeten turmhohe Wellen der Verlogenheit an alle Gestade. Beginnen wir mit DEEEM Thema der Woche: Tim Kretschmer [neuerdings gern mit dem Zusatz († 17)], der Beretta seines Vaters [Ermittlungen wegen fahrlässiger Tötung, weil die Wumme nicht weggeschlossen war] und den fünfzehn Leichen in Winnenden und dem anderen Kaff, an dessen Namen sich bald niemand mehr erinnert. [Ab hier (hoffentlich) keine Klammern mehr.]

Ich weiß nicht, wie es euch geht, aber ich habe von der Story schon seit Tagen die Schnauze voll. Natürlich ist es tragisch und schockierend, wenn ein Halbwüchsiger sich die Taschen voller Munition stopft, dann eine von Papas Pistolen schnappt und an einer Schule und anderswo ein Blutbad anrichtet. Aber mindestens so widerlich ist die Art und Weise, in der sich ein Riesenschwarm sensationsgeiler Medienvertreter seit Tagen an den Leichen satt frisst, wie Hitchcocks Vögel über dem unglücksseligen Ort kreist und auf jeden Menschen herabstößt, der nicht schnell genug vor Objektiv und/oder Mikrofon in Deckung geht. In rasendem Tempo wird halbwegs professionell gelogen, verdreht, spekuliert, getwittert und gepostet, man sendet weltweit, was die Kanäle schlucken können und druckt den gigantischen Rest auf geduldiges Papier oder stellt ihn als Video bei youtube rein. Zum Beispiel die letzten Sekunden des Tim K. auf dem Parkplatz des Autohändlers in Wendlingen, als Handyvideo. Mahlzeit!

Liebe Leute, alle zehn Sekunden verhungert auf diesem Planeten ein Kind, allerdings ohne Medienbegleitung. Das sind 360 pro Stunde, 8640 jeden Tag oder eben etwas mehr als 60.000 verhungerte Kinder allein in dieser Woche. Who cares? Exactly – nobody cares! Es wird weltweit gemordet, gefoltert, vergewaltigt, gebrandschatzt und vertrieben – und zwar an jedem mehr oder minder schönen Tag, den der angeblich dafür zuständige HERR werden lässt. Selbst am heutigen,  halbwegs sonnigen Frühlingsanfang. Und regen wir uns deshalb auf? Nicht wirklich.

Warum also wegen Winnenden? Etwa wegen der gezielten Kopfschüsse? Wohl kaum. Das Thema wird gehypt, hochgekocht, aufgeblasen, breitgewalzt und wiedergekäut, solange damit Einschaltquoten und zusätzliche Leserzahlen erzielt werden können. Dann ist Sense, verlasst euch drauf. Der Tsunami der Verlogenheit schwappt bis zum höchsten Punkt des Strandes, die Wogen der Empörung stoppen kurz und strudeln dann zurück ins Meer des Vergessens. Zurück bleiben – wie in Banda Aceh – Dreck, Trümmer und Verwüstung. Eine, allerdings nicht vollständige, aber dennoch sehr lesenswerte Chronik der Instinkt- und Geschmacklosigkeiten könnt ihr im Blog des kritischen Journalisten Stefan Niggemeier nachlesen. Ansonsten gilt: Lasst die Menschen in Winnenden und Wendlingen in Ruhe, damit sie trauern und dann wieder Lebensmut schöpfen können.

Was geschah sonst noch? Die Welt ist um eine Hoffnung ärmer, denn Mohammad Chatami, gemäßigter Präsidentschaftskandidat und Hoffnung aller iranischen Demokratiefreunde, hat sich nach massiven Drohungen aus dem Wahlkampf zurückgezogen. Man hatte ihm pakistanische Verhältnisse in Teheran versprochen, was in einem Land, wo beispielsweise den friedliebenden Anhängern der Bahai-Religion [es gibt keinen wahren oder falschen Gott, Frauen sind gleichberechtigt, Fanatismus ist Sünde (sorry, nochmals Klammern)] die Todesstrafe droht, nur bedeuten kann, dass man ihn wie weiland Benazir Bhutto im Wahlkampf umbringen wird.

Josef Fritzl alias ‘Das Monster von Amstetten’ hat plötzlich doch gestanden und nun seine angeblich gerechte Strafe bekommen. Angeblich gerecht, weil man ihm unmöglich auch nur einen Bruchteil des Leides antun könnte, das er seiner Familie zugefügt hat. Wenn es nach dem urchristlichen ‚Auge um Auge’ ginge, meine ich. Die deutschen Rentner sind rechtzeitig vor all den bevorstehenden Wahlen mit einem warmen Geldregen daran erinnert worden, dass sie ihre Kreuze bitte bei den C-Parteien machen sollen, bevor sie dann irgendwann selber unter Kreuzen zu liegen kommen. Unsere Angie hat sich plötzlich hinter die unsägliche Berufsblondine Erika Steinbach und wieder vor eine Versammlung der ewiggestrigen Revisionisten vom Bund der Vertriebenen gestellt, woselbst sie wahlwirksame warme Worte von sich gab. Komisch eigentlich, noch vor zwei Wochen hätte Angie den Namen Steinbach nicht in den Mund genommen, lieber noch den Schwanz von – doch das würde jetzt zu weit führen.

Unser aller Papst besucht in Afrika die Neger und erklärt ihnen, dass Kondome keine Lösung gegen AIDS sind. Im Gegenteil, sie würden das Problem sogar noch verschlimmern. Nur eine neue Moral könnte die Epidemie eindämmen. So isses, Chef! Soll noch mal jemand behaupten, ich sei ein Zyniker. Wieso allerdings ein alter Sack, der 1951 zum Priester geweiht wurde und seitdem die Hände nachts brav auf der Bettdecke lassen muss, beim Thema Kondome mitreden können soll, bleibt mir ein Rätsel. Sein runzeliger Schniedel wird doch schon etwas länger keinen Präser von innen gesehen haben, wieso verteufelt er die Dinger so? Gut, mental stammt Ratzi aus dem späten Mittelalter, da gab es noch kein hauchfeines Latex, sondern man nutzte – wenn überhaupt – ein auswaschbares Futteral aus Schafsdarm, insofern wäre die Aversion erklärbar. Aber seien Sie unbesorgt, Herr Ratzinger, die armen Negerlein haben eh nicht genug Geld für Fromms & Co., die schnackseln auch weiter ungeschützt und im Vertrauen auf einen Gott, der ihnen garantiert nicht hilft.

So, das müsste für heute eigentlich reichen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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100 % Verarschung – Nur bei Praktiker!!!

Geschrieben von Johannis am 17. März 2009 um 09:45 Uhr

Wohlwissend um die geistige Entwicklung unserer Mitbürger, die in ihrer Tendenz etwa parallel zur Kurve des DAX seit dem September 2008 verläuft, sollte ich vielleicht etwas mehr Milde zeigen. Unterschichtenfernsehen, schlechte Bücher (wenn überhaupt), Ballerspiele, fehlende Schulabschlüsse, Mangelernährung durch Fastfood – all dies und noch viel mehr fordert hirnphysiologisch seinen Tribut. Trotzdem wundere ich mich über die Umsatzsteigerungsstrategieentwickler, die genialen Werbeprofis in den unzähligen Agenturen dieser Republik. Kann der Durchschnittskunde tatsächlich derart blöd sein? Fällt er wirklich noch auf diesen ständig neu aufgekochten Schmus herein? Echt?

Vierzehntägig, jedoch gefühlt in jeder gottverdammten Woche, schallt es mir aus dem heimischen Radio entgegen. „Zwanzig Prozent auf alles, außer Tiernahrung! Zwanzig Prozent auf alles, nur bis Samstag. Nur bei Praktiker!“ Jawoll, is ja toll. Nun lauf ich garantiert sofort los und kauf mir eine neue Tischkreissäge, hundertfuffzich Quadratmeter Rigips, einen hydraulischen Bohrhammer, zwei Paletten OSB-Platten und genug Spakschrauben, um damit den demnächst einstürzenden Himmel zu fixieren, und zwar komplett bis zum hinteren Rand der Milchstraße. Vorher sollte ich mir allerdings noch einen Kleintransporter mieten, damit ich den ganzen Mist auch vom Baumarkt meines Vertrauens wegkriege.

Letzte Woche haben sich die Praktiker noch etwas Neues einfallen lassen, sie nennen es frohlockend ein Konjunkturprogramm. „Fünfundzwanzig Prozent auf alles, was einen Stecker hat. Nur bis Samstag.“ Wow! Diese Rabattaktion gilt allerdings wohl kaum für den knackigen jungen Mann, der die Plattensäge bedient – es gibt leider immer einen Haken. Nachahmer finden sich übrigens nicht nur in der Amokläuferszene, sondern auch im Business zuhauf. Ein Möbelmarkt aus Essen verspricht zwanzig Prozent auf alles, außer – und da senkt der Reklameplauderer seine sonore Stimme und verdoppelt die Sprechgeschwindigkeit wie beim unvermeidlich runtergerappelten „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“ – außer eben bei ausgewählter Markenware. Vermutlich alles, was kein chinesischer Billigschrott ist. Fairerweise könnten die uns schon gleich im Radio die Wahrheit sagen: „Zwanzig Prozent auf alles, ausgenommen Artikel, die Ihnen wirklich gut gefallen.“

Halten die Werbefritzen uns eigentlich für derart endbescheuert? Wenn eine Baumarktkette zweimal im Monat 20% Rabatt aufs ganze Sortiment gibt (außer Tiernahrung), liegt da nicht der Schluss nahe, dass wir in heute-gibt’s-leider-keinen-Rabatt-Wochen fett abgezockt werden, weil dann alles zu Mondpreisen verkauft wird? Warum versuchen die es nicht mal anders? Zum Beispiel mit der Aktion „Diese Woche alles 25% teurer!“ Klingt erstmal besser, weil mehr, kommt aber auf dasselbe raus. [Tja, Prozentrechnung ist nicht einfach. Hundert Euro minus 20% macht achtzig. Achtzig plus 25% sind wieder hundert.] Positiver Nebeneffekt einer derartigen Aktion wäre, dass der werbende Bau- oder Möbelmarkt während der rabattfreien Woche fast das gesamte Personal in den Kurzzeiturlaub schicken könnte. Kein Kunde stört dann die himmlische Ruhe zwischen den Regalen, höchstens ein paar Doofmänner, deren Radios kaputt sind.

Zu Normalpreiszeiten würde dafür business as usual herrschen, ganz ohne Schnäppchenjäger. Kein nerviges Gedrängel an den Kassen, niemand fährt einem von hinten mit einer halben Tonne Spanplatten in die sensible Achillesferse oder rammt zögerlichen Kunden viermeterlange Pakete schimmelfeindlich grün gebeizter Dachlatten ins Kreuz, weil die sich noch überlegen, ob sie das Katzenfutter trotzdem bei Praktiker kaufen sollen. Endlich Friede auf Erden oder zumindest im Baumarkt. Wieso eigentlich diese Einschränkung, von wegen „außer Tiernahrung“? Haben Hundehalter einen unkontrollierbar heftigen Drang zum Hamstern, wenn’s Chappi billiger gibt? Hassen die Praktikeranten alle häuslich gehaltenen Vierbeiner und sogar Wellensittiche? Oder sollen wir glauben, dass Praktiker die Preise bei Frolic, Whiskas und Co. schon dermaßen scharf kalkuliert, dass sie pro Packung oder Dose nicht einen halben Cent nachlassen könnten, ohne die sofortige Insolvenz des Gesamtkonzerns zu riskieren? Keine Ahnung.

Ich mach mir jetzt erstmal eine Portion Sheba® Feine Filets mit Huhn und Entenbrust warm und lese dann auf der dazugehörigen Katzenfutterseite mit dem Slogan „Gemeinsam sinnliche Momente erleben“ ein paar Gedichte. Wie heißt es dort so schön: Poetik liegt nur einen Katzensprung entfernt. Wie wahr.

Kein Abgrund zu tief, um hineinzuspringen, keine Idee zu platt, dass man sie nicht noch etwas auswalzen könnte. Ich hätte doch in die Werbung gehen sollen. Zu spät. In diesem Sinne: Schalt dein Radio ein und das Hirn aus!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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