Sensation – Politiker sagt die Wahrheit!
Geschrieben von Johannis am 10. Februar 2009 um 12:59 Uhr
Superärgerlich, wenn ein Beitrag eigentlich fix und fertig ist, nur noch etwas abhängen soll, und dann kommt eine dumme Sache dazwischen. Gut, Michael Glos ist trotz aller Roboterhaftigkeit streng genommen keine Sache, obwohl seine Abwesenheit von der politischen Bühne in den letzten drei Jahren höchstens seiner Putzfrau aufgefallen wäre, wenn abends im Büropapierkorb kein Müll gelegen hätte. Am letzten Wochenende hat Michael zwei Maxipackungen Kleenex vollgeheult und ist nun weg vom Fenster. Durchblick hatte er allerdings eh kaum, es ist also kein Verlust entstanden.
Um Schreibmehrarbeiten zu vermeiden, werde ich das laute Knirschen im voralpinen Personalkarussell stur ignorieren, und den Blick gut eine Woche nach hinten wenden. Dort stapfte am Sonntag, erster Februar 2009, unser übergewichtiger Umweltminister wutentbrannt vor ein paar Kameras herum und kodderte wie weiland Teamchef Rudi Völler. Nachdem die Union durch ein Veto der CSU die Verhandlungen über ein einheitliches Umweltgesetz platzen ließ, warf Sigmar Gabriel deren Politikern “dumpfen Reformunwillen und blinde Blockadepolitik” vor. Dann blähte er noch ein paar Mal die Hamsterbacken auf und sprach zu Schluss folgenden wirklich schönen Satz: „Die intellektuelle Durchdringungstiefe liegt bei einigen Unions-Kollegen im Nanobereich!“
Das klingt wahr, stimmt aber natürlich nicht, denn dann wäre sie mühelos messbar. Nanometer, Picometer, Femtometer – heutzutage alles kein Problem, nur wo nix is, kann man auch nix messen. Die bayerischen Bratwürste im Maßanzug lassen das – zugegebenermaßen nicht sehr schöne, schlanke oder pflegeleichte, aber dennoch sinnvolle – Umweltgesetz nach endlosen Jahren mühevollster Bastelei nicht aus inhaltlichen Gründen platzen, sondern weil gerade die CSU-Großkopfeten die eifrigsten Maulhuren der Industrie sind. Maulhuren nur deshalb, weil kaum ein Vorstandsvorsitzender eines Energie- oder Chemiekonzerns bereit wäre, Herrn Seehofer zu vögeln, wo es doch so viele hübsche Ukrainerinnen gibt. Aber diese billige Polemik führt vom Thema weg.
Schließlich geht es um die Wahrheit. Die lautet: Im September ist Bundestagswahl, und auch vorher sollen wir auf Landes- oder Kommunalebene noch so manches Kreuzchen machen. Profilierungsgeile Typen wie Seehofer und Co. freuen sich wie die Stinte (das sagt man so an der Nordseeküste, obwohl die Visualisierung von Fischfreudensausbrüchen ein Quäntchen Fantasie erfordert), wenn sie dem Nochkoalitionspartner in den Kaffee spucken oder die Stiefel pissen können. An dieser Stelle muss ich noch eins draufsetzen, und bediene mich damit ähnlicher Diktion, wie einstmals Rudi Völler: Ich kann gar nicht so viel fressen, wie ich kotzen möchte, wenn ich mir das verlogene, würdelose und vollkommen durchsichtige Taktieren der herrschenden Parteifritzen ansehen muss.
Ganz egal, wo man hinsieht – es geht fast nie um langfristige Lösungen, um Entscheidungen im Sinne des Volkes, sondern nur um den eigenen Machterhalt. Besonders FDP, Die Linke und CSU reiten auf einer Welle, die aus Volksverdummung, leeren Versprechungen und billigem Populismus besteht. Nepper, Schlepper, Bauernfänger hieß es früher bei Ede Zimmermann. Und die Doofen sterben nicht aus, weder bei Haustürgeschäften noch beim Wahlgang. Da wünscht man sich doch mehr Leute mit dem Temperament der Tante Käthe, wie Rudi auch genannt wurde.
I have a dream, sagte Martin Luther King 1963. Sechsundvierzig Jahre später träume ich von Politikern, die wahrhaftig sind, den Mut zur Wahrheit haben. Und die Wahrheit müsste lauten, dass wir in schweren, vielleicht sogar dramatischen Zeiten leben. Zeiten, in denen Eigennutz vor Allgemeinsinn zurückstehen muss, in denen kein Platz für machtversessenes Taktieren ist, in denen wir uns die altvertrauten Lügen und wohlfeilen Versprechungen nicht mehr leisten können. Nichts wird mehr sein wie früher, denn es wird nicht einfach wieder gut, schon gar nicht von selbst. Nur wenn wir die unbequeme Wahrheit ertragen können, wenn wir uns der Realität stellen und entschlossen handeln, haben wir eine Chance. Schau ich mich um, seh ich jedoch leider fast nur Führer vom alten Schlage, egal ob in Politik oder Wirtschaft. Barack Hussein Obama macht seine Sache bisher erstaunlich gut, aber wir bräuchten Hunderte, Tausende von seiner Art.
Neue, integre, ehrliche Führer kommen nicht von selbst an die Macht. Wenn überhaupt müssen wir andere Politiker einfordern, müssen jeder einzeln und gemeinsam als Volk laut werden. Angeblich hat jedes Volk die Regierung, die es verdient – aber womit können wir diese unfähigen, widerwärtigen Opportunisten verdient haben? Wir sollten uns alle ein Beispiel an Rudi Völler nehmen, und endlich mal das Maul aufmachen.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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