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Archiv für Februar, 2009

Neue Trendsportarten

Geschrieben von Johannis am 26. Februar 2009 um 13:08 Uhr

Nachdem am vergangenen Sonntag die internationale Elite der Biathleten ihren letzten Auftritt im hell erleuchteten Stadion von Pyeongchang hatten und dortselbst ganze 250 Zuschauer versammelt waren, müssen folgende Fragen erlaubt sein: Weshalb hat man die Weltmeisterschaft nicht nach Nordkorea vergeben, da hätte Kim Jong Il wenigstens ordentlich Publikum geschickt? Wen – außer den Gebirgsjägern des österreichischen Bundesheeres – interessiert eigentlich Biathlon? Wer kam auf die bescheuerte Idee, Skilanglauf und mit-dem-Kleinkalibergewehr-rumballern zu verknüpfen? Und warum gibt es nicht auch bei anderen olympischen Sportarten ein paar nette Kombinationen?

Selbst ein nach langer Bundesligawinterpause ausgehungerter Sportfreak wird zugeben müssen, dass es wenige reale Situationen gibt, wo ein Mensch mit umgeschnallter Knarre und Skiern an den Füßen durch den Schnee rast. Okay, wenn man nicht in Alaska auf der Flucht vor Bären oder in Lettland hinter den eigenen Rentieren her ist, was aber für den modernen Durchschnittsbürger eher die Ausnahme sein wird. Deshalb wohl auch das verhaltene Zuschauerinteresse in Südkorea. Aber sehen wir es doch einmal von der positiven Seite und überlegen, welche anderen Disziplinen man sportlich zusammenfügen könnte, um deren Attraktivität zu steigern.

Da fällt zuerst der üblicherweise nur mäßig spannende Reitsport ein. Wie wäre es also, wenn man den ReiterInnen ein Florett in die meist freie Hand gäbe und sie paarweise in die langweilige Dressurprüfung gehen ließ? Fechten im Sattel kann doch nicht so schwer sein, früher pikte man dem Gegner beim Ritterturnier eine sauschwere Lanze durch die blechverkleidete Brust, und das im gestreckten Galopp. Die Trefferanzeige müsste dann allerdings drahtlos funktionieren, sonst verheddern sich Mensch und Tier auf dem Grün im Kabelsalat. Alternativ ginge auch Speerwerfen.

Kanusport ist ja ebenfalls nicht besonders aufregend, da könnte deutlich mehr passieren. Wieso wird das nicht mit Boxen kombiniert, das Paddel kann man auch mit Handschuhen halten. Und wenn ein Gegner im Wildwasser strudelnd festhängt und man ihn flink passiert, haut man ihm gleich noch eine rein. Bei K.O.-Schlägen ist dann allerdings die DLRG gefragt, bevor einer absäuft. Blöde Idee? Warum, es gibt doch auch Kanupolo.

Schön fände ich auch Stabhochsprung und Kugelstoßen. Gut, für die Kugel hat der Sportler beim Anlauf nicht wirklich eine Hand frei, aber da hilft ein entsprechend dimensionierter Brustbeutel. Wenn dann die Lattenhöhe erreicht ist und man den Hochsprungstab fallen lässt, wird flugs die Kugel aus dem Sack geholt und weggepfeffert. Klingt schwieriger als es ist. Von hoch oben fliegt der Eisenball auch entsprechend weiter, die Schiedsrichter müssten allerdings Helme tragen.

Trampolinspringen, immerhin seit 2000 olympische Sportart, könnte man prima mit Diskuswerfen kombinieren, das wird ’ne tolle Show. Schade eigentlich, dass Sackhüpfen nur im Jahr 1804 olympisch war, das ließe sich auch sehr gut aufmotzen. Zum Beispiel mit Hammerwurf, das ergäbe eine tänzerisch-humorige Note, und Leichtathletik ist sowieso öde, oder? Tauziehen hat es leider auch nur von 1800 bis 1820 gegeben, das müsste man unbedingt mal auf dem Eis veranstalten. Ja, gern mit Schlittschuhen, in der Langlaufvariante.

Und, habt ihr auch Ideen? Schreibt mir, ich leite eure Vorschläge ans olympische Komitee weiter. Es lebe der Sport!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Halbgott mit Krawatte

Geschrieben von Johannis am 23. Februar 2009 um 17:56 Uhr

Wer jetzt schon genervt weiterklicken will, weil es überall und ständig nur noch ums Bankerbashing geht, sei höflich eines Besseren belehrt. Nein, ich habe mein superschlaues Content-Management-System befragt und von dort den wertvollen Hinweis erhalten, dass ich zuviel Nachsicht mit Akademikern zeige. Speziell Ärzte kommen hier grundsätzlich ungeschoren davon. Das soll sofort anders werden, ab jetzt wird zurückgespritzt!

Laut einer aktuellen Studie leiden etwa 20 Millionen Bundesbürger an chronischen Hauterkrankungen wie z.B. Neurodermitis, Schuppenflechte und Allergien. Tendenz steigend. Ich befinde mich also in bester Gesellschaft und laufe regelmäßig zum Hautarzt. Meiner hat zwei ständig überfüllte Wartezimmer, deshalb hocken die Patienten zusätzlich oft noch auf der Treppe. An drei Tagen der Woche öffnet er für uns finanziell unattraktive Kassenfuzzies morgens von 5:30 bis 12:00 Uhr, dienstags und donnerstags nur nachmittags von 12:00 bis 17:00 Uhr. Der Mann will sich ja nicht überarbeiten und hat auch noch eine Privatpraxis.

Um die Sache spannend zu halten, macht Dottore den Laden gern mal überraschend dicht, fährt mehrmals im Jahr spontan in den Urlaub und experimentiert fortlaufend mit den Öffnungszeiten. Drum hängt an meiner Kühlschranktür eine stets aktualisierte Liste mit den Sonderfällen, denn ständig ruft ihn die Pflicht woanders hin. Patienten werden zusätzlich darauf hingewiesen, dass sie täglich den Anrufbeantworter der Praxis abhören sollen, da sich an den Öffnungszeiten jederzeit etwas ändern kann. Wirklich wichtig sind wir ihm nicht.

Weil er neulich wieder mal unerwartet in den Kurzurlaub verschwand und die Gründe dafür so extrem launig aufs Band sprach, biete ich hier eine Hörprobe. Wir erfahren eine Menge aus dem Leben eines viel beschäftigten Mediziners, er streut Scherze und Liebenswürdigkeiten breitwürfig unters Volk. Sein AB hat leider nur Speicherplatz für 2:30 Minuten, daher endet die Ansage irgendwann abrupt im Tüüt-Tüüt-Tüüt…

Willst du hören, klickst du hier

Wahrscheinlich ruft dieses Zwangsouting sofort den unterbeschäftigten Berliner Anwalt Dr. S. (Insidern auch als ‚Jochen die Petze’ bekannt) auf dem Plan. Als ich mal wenig Schmeichelhaftes über das Personal der Stadtbibliothek schrieb, entblödete er sich nicht und rief schnurstracks dort an. Um es dem Hobbydenunzianten diesmal etwas schwerer zu machen, habe ich den einen oder anderen Piepton über die Aufnahme gelegt, natürlich auch aus Respekt vor den Persönlichkeitsrechten meines Hautarztes.

Nachdenkliche Leser fragen sich bereits seit einigen Zeilen, warum ich unbedingt zu diesem Quacksalber laufe, und warum der nicht einen Partner mit rein nimmt und die Praxis dann ganztägig betreibt. Zu Frage eins: Nur er hat ein spezielles UV-Bestrahlungsgerät, das ich leider brauche. Und Frage zwei hat man ihm auch schon wiederholt gestellt, die beantwortet er aber nicht. Ein Apotheker aus dem Viertel äußerte sich mal kritisch über die endlosen Warteschlangen aus von den seltsamen Öffnungszeiten zu recht genervten Patienten. Als Antwort verbreitete Dottore das Gerücht, die Apotheke würde demnächst schließen, weil der Inhaber pleite sei.

Apotheker dürfen ja keine Diagnose stellen, aber im Fall des Dermatologen tippt er auf fortgeschrittenen Cäsarenwahn. Stimmt wahrscheinlich. Wenn ich sehe, wie Herr Doktor gockelgleich zwischen den Patienten herumtänzelt und in seinem Praxistheater sprücheklopfend den Professor Unfehlbar gibt, kommt mir das Saure im Hals hoch. Der Mann hat stets einen albernen Spruch auf den Lippen und trägt im Übrigen grundsätzlich Anzughose, blaues Hemd und Krawatte, nie den weißen Kittel. In der Abteilung Feingefühl und Takt wird er höchstens von Dieter Bohlen an die Wand gespielt, distanzloser ist kaum jemand. Vor ein paar Jahren – kurz bevor in der Wohnung hier unten die liebenswerte, alte Dame an einer chronischen Krankheit verstarb – verkündete er mir nach einem Hausbesuch fröhlich: „Bei Ihnen im Haus wird übrigens bald eine Wohnung frei!“ Nett, oder?

So, das sollte für heute reichen. Ob Jammerjochen mich nun wieder anschwärzen wird, ist mir schnurz. Wann ich mal wieder vor spontan verschlossenen Praxistüren stehe, ist offen. Vielleicht bekomme ich ja sogar Hausverbot, es bleibt also spannend.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«  

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Aufruf zum Pogrom

Geschrieben von Johannis am 20. Februar 2009 um 13:17 Uhr

Zart besaitete Naturen, welche die teils drastischen sexuellen Inhalte der letzten beiden Texte mit geradezu hörbarem Naserümpfen beantwortet haben, mögen sich bitte sofort entspannen. Ein Pogrom hat keine analerotische Konnotation und absolut nichts Säuisches, sondern ist – richtig ausgeführt – eine hochanständige Sache. Das nur als Präventivschlag.

Weltweit hat mittlerweile die fünfte Jahreszeit begonnen, man merkt es täglich. Nein, nicht vom Karneval ist die Rede, sondern vom Wichteln, auch Julklapp genannt. Überall werden fleißig Päckchen gepackt und Pakete geschnürt, Konjunktur- und Rettungspakete meist. Den Banken, Immobilienfinanzierern und Versicherungskonzernen wird das Geld schneller hinterher geworfen, als sie es verbrennen können, und die Notenpressen der Staatsbanken laufen heiß und heißer. Zum Glück werden diese Maschinen bei uns bald durch überflüssige Pressen aus den Opel-Werken ersetzt, so eine computerisierte Karosseriestanze ist ja heutzutage flugs umgerüstet. Alles im grünen Bereich also.

Mich wundert die Ruhe der Leute, das Fehlen jeglicher Empörung. Millionen Jobs durch die Gier der Banker und Renditejunkies vernichtet, irrwitzige Vermögenswerte vergeigt – aber niemand regt sich auf. Auch hierzulande, alle sind brav. Hat unsere Regierung, vorausschauend wie immer, vor einigen Monaten damit begonnen, dem Trinkwasser dieser Republik ein potentes Beruhigungsmittel beizumischen? In Zusammenarbeit mit dem Konzern BASF, der ja auch sehr unter der Krise leidet? Wird Frau Merkel jetzt per Erlass die Dosis erhöhen müssen oder ist Ulla Schmidt zuständig? Fragen über Fragen.

Erinnert sich eigentlich noch jemand an die Demo vom 25. September 2008 in New York, bei der jemand mit einem hastig improvisierten Pappschild vor der Börse stand und die Broker zum Selbstmord aufrief? Jump! You Fuckers! hieß es damals in Anspielung auf den 24. Oktober 1929, an dem ruinierte Börsenmakler angeblich scharenweise von den Dächern in einen gnädigen Tod sprangen. Diesem historischen und ehrenvollen Beispiel will in der aktuellen Krise leider niemand folgen, eher zahlen sich die Verantwortlichen noch schnell ein paar fette Boni aus, weil das letzte Jahr für manche Geschäftsbereiche gar nicht so schlecht lief. Oder weil man es so gewohnt ist, weil man es eben kann. Egal, für Verluste bürgt doch die Regierung und damit der dumme Steuerbürger. Der oftmals gar keine Aktien hatte oder, wenn doch, eben selber Schuld ist. Hätte er ja nicht kaufen müssen, der Blödmann. Genau wie sein popeliges Haus, das jetzt zwangsversteigert wird. Mieten ist sicher! Übrigens, global summieren sich die Garantien und Rettungspakete für die sterbenskranke Weltwirtschaft bisher auf etwa fünf Billionen Euro. Tendenz weiter steigend, kein Ende abzusehen.

Fünf Billionen Euro – eine Menge Holz. Otto Normalverbraucher hat wahrscheinlich seine Schwierigkeiten, wenn er sich diesen Betrag bildlich vorstellen soll. Es runterzubrechen auf fünftausend Milliarden oder fünf Millionen Millionen hilft wohl kaum weiter, aber wie wär’s hiermit: Viertausend Jahre lang jeden Samstag den Lotto-Jackpot mit 24 Millionen Euro knacken. Alternativ zusätzlich auch Mittwochs, dann aber nur 2000 Jahre lang. Noch zu schwierig, denn keiner wird so alt? Oder weil die Dauergewinnerei spätestens nach sechs Monaten stinklangweilig ist? Gut, dann eben für jeden lebenden Bundesbürger 120 knisternde Fünfhunderter, lachendes Bargeld, Cash inne Täsch. Das sollte die Konjunktur doch wohl zum Brummen bringen, da wird das Tragen von Ohropax zur Pflicht. Oder sämtliche EU-Bürger kriegen ein neues Auto, alle 500 Millionen, vom Säugling bis zur Oma. Okay, nur ’nen Kleinwagen für zehn Mille, aber dafür hat dann jeder seinen eigenen. In Wunschfarbe.

Natürlich könnte man mit dem genannten Betrag auch alle Hungernden auf diesem Planeten satt machen, und zwar für mindestens fünfzehn Jahre. Inflationsbereinigt, ohne Einrechnung von Zinserträgen und unter der Vorgabe, dass die Armen dieser Welt von jetzt auf gleich überhaupt keine Einkünfte mehr hätten. Viele kratzen täglich immerhin einen halben Dollar zusammen, genug für etwas Reis, Mais oder so. Was die Armen eben futtern. Das bräuchten sie dann nicht mehr, könnten die faltigen Hände in den faulen Schoß legen und würden versorgt. Sozusagen aus dem Maxi-Carepaket der Weltgemeinschaft. Nur mal so als Idee.

Wenn auch Sie unter rätselhafter Unbekümmertheit leiden, kann ich nur empfehlen, was vorsichtige Touristen in vielen Ländern der Dritten Welt tun: Ausschließlich Mineralwasser trinken, es auch zum Kochen und Zähneputzen verwenden und beim Duschen den Mund geschlossen halten. Dann werden wir alle wohl bald und endlich den gerechten Zorn empfinden, der heilsam wirkt. Und sollten umgehend jenen, die uns diesen Riesenschlammassel eingebrockt haben, an die Wäsche gehen. Besser noch an die Gurgel. Ich will Millionen von Demonstranten sehen, überall auf der Welt. Bewaffnet zumindest mit Schildern, auf denen steht: Kill them Fuckers!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Leichter Lügen in der Liebe

Geschrieben von Johannis am 17. Februar 2009 um 08:23 Uhr

Nein, ich hab nicht gepennt. Dieser Text sollte nicht zum Welthasstag aller Singles, dem Valendienstag (fiel in diesem Jahr verwirrenderweise auf einen Samstag), erscheinen. Mainstream macht ja heute fast jeder, dagegen muss man auch mal entschlossen anschreiben können. Vielmehr war es so, dass mich nach dem ersten Beitrag zum Thema „Kreative Unwahrheit“ erstaunlich viele Anfragen per Email erreichten. Deshalb kommen heute ein paar praktische Tipps für Liebende und solche, die es werden wollen. Den Lesern sei nachdrücklich ans Herz gelegt, die Hinweise auch zu befolgen, sonst geht es ihnen womöglich wie Hartmut Mehdorn. Der Bahnchef hat meine kürzlich erteilten Ratschläge engstirnig ignoriert, mit der Folge, dass ihm nun ein Konsortium japanischer Wissenschaftler nachstellt. Sie brauchen dringend einen Hautabstrich von der Epidermis seines Gluteus Maximus, weil Herr Mehdorn so unerschütterlich mit dem Arsch im Chefsessel klebt. Aus der DNA-Probe wollen sie die Formel für einen neuen biologischen Hightech-Leim entwickeln. Mein Namensvorschlag für das Produkt: Superhardy – der Jahrhundertkleber.

Doch nun zu den wirklich interessanten Themen. Partnersuche findet heute bekanntlich fast ausschließlich im Internet statt, was zwar zeitraubend und teuer, aber an sich nicht schlecht ist. Dumm nur, wenn nach ausgiebigem Chatten, Flashen, Mailen und Simsen der Tag der Wahrheit kommt und man dem favorisierten Online-Angebot in der harschen Wirklichkeit gegenübertritt. Enttäuschungen sind vorprogrammiert, denn fast jeder Single lügt im Netz. Was also tun, wenn Sebastian_69 offenbar ein Foto aus dem letzten Jahrtausend verwendete (damals hatte er noch Haare) oder Melanie4U bei der Angabe von Gewicht und Größe in ihrem Profil eindeutig zwei kleine Zahlendreher unterlaufen sind. Statt 165 ist sie nur 156 groß, wiegt dafür aber quicklebendige 95 Kilo.

Unverantwortlich wäre es, bei solchen Erstbegegnungen außerhalb der virtuellen Realität die nackte Wahrheit zu sagen. „Du, ich steh absolut nicht auf Glatze“ oder „Dein Lieblingsfilm ist bestimmt ‚Vom Winde verweht’“ sind ebenso unpassend wie ein „Ich liege beim Sex am liebsten unten, hab aber einen schwachen Rücken“ oder „Seit wann gibt es eigentlich weibliche Sumo-Ringer?“ Handeln Sie stets nach dem kategorischen Imperativ, denn auch Sie suchen ja die wahre Liebe und sind verletzlich. Deshalb sollten Sie aber keine todlangweiligen Parkspaziergänge mit eindeutigen Ausschusskandidaten erdulden oder sich in einem Café bis zum Erbrechen mit Sahnetorte voll stopfen müssen.

Die optimale Notlüge bei unüberwindbarer Ernüchterung klingt folgendermaßen: „Du, ich freu mich total, dass wir uns endlich treffen, aber ich muss dir etwas gestehen. Mir ist vorgestern vollkommen zufällig der Andreas/die Sabine begegnet, wir kennen uns schon seit dem Kindergarten. Nach der siebten Klasse haben wir uns leider aus den Augen verloren, weil seine/ihre Familie nach Regensburg umgezogen ist (Regensburger variieren z.B. mit Bad Segeberg). Na ja, was soll ich sagen – plötzlich steht er/sie neben mir an der Käsetheke im Supermarkt, und wir haben uns sofort wiedererkannt. Es hat total gefunkt zwischen uns. Ich wollte dir eigentlich gestern noch absagen, fand das dann aber irgendwie blöd. Du bist sooo ein toller und liebenswerter Mensch, und wir hatten sooo (eventuell nur ein so betonen) einen intensiven Kontakt, da kann ich doch nicht bloß ‘ne Mail schicken, oder? Und außerdem wollte ich dir Mut machen, weil ich ganz sicher bin, dass auch du bald die ganz große Liebe findest.“ Kurze Floskelei, Händeschütteln, Abgang. Vorsicht: Im Auto auf dem Parkplatz oder draußen vor dem Café nicht laut lachen, Sie werden wahrscheinlich noch beobachtet.

Vielleicht ist die erste Begegnung aber nicht wirklich abschreckend genug, Sie sind echt verzweifelt, leiden an einem akuten Hormonstau und überstehen deshalb einige peinliche Treffs. Irgendwann kommt es zum Schwur und Sie liegen nackt im Clinch mit Alexandra oder Maximilian. Wenn der Herr dann, kaum von Ihnen eingelassen, wildschweinisch grunzt, erschaudert, sich auf die Seite rollt und klassisch „Na, wie war ich?“ fragt, wäre folgende Antwort im Sinne einer zukünftigen und erfüllenden Partnerschaft wenig hilfreich: „Bisschen wie auf der Strecke Köln-Frankfurt. Da rauschen die ICEs auch so schnell durch’n Tunnel.“ Sagen Sie statt dessen lieber: „Mir fehlen die Worte, ich bin noch ganz benommen.“

Kreischt hingegen die Dame beim Liebesspiel ausdauernd im Tonfall einer Straßenbahn bei langsamer Kurvenfahrt, krallt sich mit spitzen Nägeln in den Rücken des bemühten Lovers und beißt ihm womöglich ein Stück aus der Rotatorenmanschette des Schultergelenks, dann wäre dieser Satz vielleicht wahr, aber sehr unhöflich: „Tut mir leid, dass du zuletzt mit neunzehn richtig rangenommen worden bist, aber ich hab meine Ohrenschützer auf der Baustelle gelassen. Bin mal gespannt, ob der Tinnitus wieder weggeht.“ Viel netter ist ein gehauchtes „Du bist ja eine richtige Wildkatze!“ Wenn Ihnen tatsächlich der Sinn nach weiteren amourösen Begegnungen mit dieser Frau steht, sollten Sie das Raubtierthema vertiefen und sie zukünftig nur von hinten nehmen. Wie ein echter Dschungelkönig eben. So verringern Sie das Verletzungsrisiko und können auch den Lärm etwas dämpfen, indem Sie Kittycat mit dem Gesicht ins Kissen drücken. Achtung: Latente Erstickungsgefahr!

Falls Sie hingegen auf weitere Begegnungen mit der temperamentvollen Dame verzichten möchten, sollten Sie in einer Atempause das Bad aufsuchen und sich lautlos wie ein Tiger aus dem Gefahrenbereich schleichen. Idealerweise schnappt man sich dabei noch unauffällig seine Klamotten, in manchen Extremfällen ist es jedoch angeraten, nur das nackte Leben zu retten und die Anzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses in Kauf zu nehmen. Wenn Sie trotzdem bei Ihrer Neubekanntschaft einen unauslöschlich positiven Eindruck hinterlassen haben, ist danach eventuell ein Wechsel von Wohnort, Arbeitgeber, Telefon- und Handynummer sowie Email-Adresse unumgänglich. Manchmal lassen sich solche Komplikationen jedoch vermeiden, indem Sie – statt zu flüchten – bei Ihrer Rückkehr aus dem Badezimmer gedankenverloren an sich herunterschauen und halblaut folgenden Satz sagen: „Mist, ich dachte eigentlich, das Genitalherpes wäre abgeheilt.“

Natürlich müssen auch heute wieder viele Fragen unbeantwortet bleiben, aber ich hoffe, das Prinzip der kreativen Lüge ist klar geworden. Bei etwas Fantasie und Übung werden auch Sie bald alle Hürden auf dem Parcours der Geschlechter mit Leichtigkeit und Eleganz überwinden – oder sich eben dankbar mit Ihrem Singledasein anfreunden. Viel Glück dabei.

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Galoppierende Volksdemenz

Geschrieben von Johannis am 14. Februar 2009 um 12:45 Uhr

Ich habe mich an dieser Stelle wiederholt über jene Staatsform ausgelassen, von der Winston Churchill sinngemäß gesagt haben soll, sie sei von allen beschissenen Alternativen immer noch die beste. Da stimme ich grundsätzlich zu, aber meine Zweifel wachsen täglich, denn nur solange das Volk noch deutliche Reste von geistiger Gesundheit aufweist, kann Demokratie funktionieren und medizinisch vertretbar sein. Diese Reste schwinden jedoch schneller als die Eisscholle unter den Füßen einer nervösen Eisbärenfamilie, weltweit verblöden die Leute nachweislich in rasantem Tempo.

Dass die Italiener Herrn Berlusconi wieder an die Macht gebracht haben, obwohl sein Vorstrafenregister bis auf Kindesmissbrauch und den Handel mit spaltbarem Material so ziemlich alles aufweist, was das Strafgesetzbuch an Tatbeständen kennt, ist tragisch, aber Schnee von gestern. Neuer und ebenfalls entlarvend ist sein letzter Ausfall im Streit um die Koma-Patientin Eluana Englaro, die er unbedingt am Leben erhalten wollte. Sie sei ja – mit 38 Jahren und nach 17 Jahren im Wachkoma – noch im gebärfähigen Alter, könne also noch Kinder haben. Alles klar – auf keinen Fall etwas wegwerfen, das noch einen Restwert hat! Frauen haben schließlich Aufgaben zu erfüllen, dem Volk zu dienen, eine Bringschuld. Besonders jetzt, wo Italiens Geburtenrate im Keller ist. Nicht überliefert ist, ob Silvio sich auch gleich angeboten hat, die Gute im Krankenbett zu schwängern. Zuzutrauen wär’s ihm aber.

Nicht minder tragisch ist die Tatsache, dass die Israelis Benjamin Netanjahu erneut in den Stuhl des Regierungschefs hieven wollen. Bibi, wie man ihn in Tel Aviv nennt, hatte sich nach einer bunten und schier endlosen Reihe von Skandalen und Korruptionsvorwürfen 1999 aus der aktiven Politik verabschiedet, wofür die Welt ihm von Herzen dankbar sein musste. Doch auch Bibi erinnert sich nur noch schlecht an damals, dazu kann er den Entzug von der Droge Macht nicht aushalten. Und nun haben knapp ein Viertel der israelischen Wähler diesem Monsterkotzbrocken wieder ihre Stimme gegeben. Er wird es ihnen mit mehr Bomben auf Gaza, mehr Siedlungsbau im Westjordanland, und vielleicht schon bald mit einem Atomraketenangriff auf den Iran danken. Tragisch, aber sie haben es nicht anders gewollt.

Wirklich wütend macht mich neuerdings der inflationäre und absolut irreführende Gebrauch des Wortes Friedensprozess. Allenthalben schallt es uns entgegen, jeder pseudobesorgte Medienfuzzy weiß, dass der Rechtsruck in Israel dem Friedensprozess schaden wird. Orwellscher Neusprech in Reinkultur. Die Geschehnisse im Nahen Osten als Friedensprozess zu bezeichnen, ist ungefähr so stimmig, als würde man die mehrstündige Vergewaltigung einer dreizehnjährigen Klavierschülerin durch sechs besoffene Kerle im Keller eines Abbruchhauses (neudeutsch Gangbang genannt, sprich Gängbäng) als gemütliches Beisammensein oder romantisches Stelldichein darstellen.

So, das musste mal gesagt werden. Und nun träumt weiter.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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