Keine Ausreden
Geschrieben von Johannis am 14. November 2008 um 15:14 Uhr
Die wenigen Leser, die ich durch dreiste Dauerschnoddrigkeit und multiple Miesepetrigkeiten noch nicht vergrault habe, fragen sich vielleicht, wann denn in diesem Blog mal wieder ein mehr oder weniger belangloser Beitrag erscheint. Gute Frage. Also jetzt, irgendwie, sozusagen.
Wie man hier halbwegs glaubwürdig bestätigt bekommt, bin ich schon seit einigen Wochen in Nepal und dortselbst tatsächlich ziemlich beschäftigt. Nein, nicht mit Nabelschau oder apokalyptischem Endzeitgrummeln, sondern mit Arbeit. Leider lässt mir meine ehrenamtliche Tätigkeit für HOPE e.V. derzeit so wenig Freizeit, dass ich nicht zum Schreiben komme. Außer eben für Sheng Fui, und das auch nur, weil dort Spenden für den Verein gesammelt werden.
Um aber wenigstens ein klitzekleines bisschen Traffic auf meine Seite zu leiten, kommen nun – wie ich als Gastschreiber bereits versprochen habe – einige Bilder vom Monsterstau. Letzte Woche waren wir unterwegs gen Osten auf den Prithivi-Highway, der Nabelschnur Kathmandus für alle Reisenden und Gütertransporte von und nach Indien. Und wie so oft gab es mal wieder Stunk, also Stau. Am Vortag war ein Kind von einem Bus erfasst worden und kurz darauf gestorben. Konsequenterweise legten die aufgebrachten Anwohner den gesamten Verkehr auf dem Highway sofort und auch am nächsten Tag still.
So etwas passiert hier viel zu oft. Beides. Menschen kommen auf den Straßen zu Tode (und das nicht nur durch die teils idiotisch riskante Fahrweise der Männer hinter den Steuerrädern von Lastwagen, Bussen und anderen Fahrzeugen, sondern auch durch traumtänzerisch waghalsige Manöver der Fußgänger, Viehhirten, Passagiere, Schulkinder…) und spontane Blockadeaktionen sind ebenso alltäglich. Theoretisch sind Fahrzeuge zwar versichert, aber – wenn überhaupt – gibt es meist nur die Erstattung der Krankenhauskosten. Oder eben die der Bestattung, was oftmals deutlich billiger ist. In der Vergangenheit führte das gelegentlich dazu, dass ein Busfahrer das verletzte Unfallopfer im Rückwärtsgang erneut überrollte, um statt der Krankenhauskosten nur die etwa 150 Euro für die Feuerbestattung zahlen zu müssen. Kein makabrer Scherz, sondern die Wahrheit! Also legt ein aufgebrachter Mob nun nach einem tödlichen Unfall meistens gleich den Fahrer in Fesseln und dann den Verkehr lahm, um Schadensersatz und Schmerzensgeld einzufordern. Dabei ist es egal, ob der Unglücksrabe tatsächlich Schuld am Unfall hatte.
Dann kommt die Polizei, verspricht den aufgebrachten Protestierenden alles Mögliche und setzt im schlimmsten Fall Schlagstöcke gegen sie ein, um den Verkehr wieder zum Fließen zu bringen. Dem Anliegen der wütenden Dörfler wird so halbwegs Genüge getan, aber tausende Unbeteiligter haben unter einer Aktion zu leiden, die das Bruttosozialprodukt Nepals keinesfalls stärkt. Leider hat sich hier in den letzten Jahren ein seltsames Demokratieverständnis eingebürgert, demzufolge man Alles und Jedes durchsetzen kann und darf, indem man Steine in Windschutzscheiben wirft, Autoreifen mitten auf der Straße anzündet und wutschnaubend Parolen brüllt. In Reinkultur nennt sich das dann Nepal Bandh – bandh bedeutet zu, geschlossen, dicht. Generalstreik, das Land wird dichtgemacht, einfach komplett blockiert, und wer nicht mitspielt, riskiert zumindest Sachschaden, manchmal auch sein Leben.
Wie ich zu derartigen Aktionen stehe, brauche ich wohl nicht weiter zu erläutern. Drum lieber ein paar bunte Bilder aus Nepal. Übrigens, hier am Fuße des Himalayas sollten internationale Chaosforscher dringend ein paar neue Lehrstühle einrichten, denn dieses Land hat ihnen unendlich viel zu bieten. Und trotz aller Anarchie funktioniert immer noch überraschend viel zwischen dem eisigen Gipfel des Mount Everest und dem Tiefland am Ganges. Herzliche Grüße aus dem Zentrum des Durcheinanders.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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