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Archiv für November, 2008

From the Goan Pots 2

Geschrieben von Johannis am 30. November 2008 um 14:52 Uhr

Naheliegend wäre es an diesem Freitagabend aus Goa über die Gräueltaten von Mumbai zu berichten, während im Hotel Taj Mahal Sprengsätze gezündet werden und die National Security Guards mit den letzten überlebenden Terroristen kämpfen – naheliegend auch wegen der geographischen Nachbarschaft. Aber ich will über ein Thema schreiben, das die Leserschaft – von Horrormeldungen ermüdet und gramgebeugt – hoffentlich ein wenig unterhält, wenn nicht gar aufheitert. In allem gebührenden Ernst, denn nicht nur der Himmel über Goa trug heute einen anthrazitgrauen Trauerflor. Die Stimmung hier in Indien ähnelt der in Amerika nach 9/11 – nur dass die Anschläge dort in wenigen Stunden geschahen, während das blutige Drama hier auch am Abend des zweiten Tages fortdauert.

Es geht im heutigen Text um Lebensretter, die edelste Sorte Mensch, ganz neu an den Gestaden der indischen Südostküste. Fangen wir also zur Abwechslung mal am Schluss an, bei meinem Interview mit dem australischen Surf-Life-Saver Craig Carney und P.N. Pandey (2. v. rechts) von der Firma Drishtii Adventure Sports, die als Sponsor auftritt. Mit dem taffen Craig (2. v. links) hab ich neulich schon einmal gesprochen und er berichtete mir von den 89 bis 267 (die Zahlen variieren je nach Quelle) meist jungen männlichen Indern, die im vergangenen Jahr an den Stränden Goas ersoffen sind. Und von den Anstrengungen, die er – ein freigestellter Profilebensretter aus Bondi Beach, dem berühmtesten Citystrand Sidneys, berühmt früher nicht nur wegen der braungebrannten, muskulösen Surfer, sondern auch wegen brauner Unappetitlichkeiten, die aus der kurz vor der Küste mündenden Kanalisation ans Ufer geschwemmt wurden – zusammen mit seiner Partnerfirma und ein paar Freiwilligen zum Wohle der Nichtschwimmer unternimmt.

Er macht dabei alles genau so, wie es in Bali und anderswo auch funktioniert – die Badenden werden umzingelt, zermürbt und dann aus dem Wasser vertrieben. Zu ihrer eigenen Sicherheit natürlich. „You know“ knurrt er, “the indian boys follow the tits.“ Die Touristinnen im knapp geschnittenen Badeoutfit sind also schuld. Schilder mit Erläuterungen der neuen Baderegeln für die Einheimischen sollen bis spätestens zum Jahresende aufgestellt werden, bis dahin heißt es eben trillern und schimpfen. Und im Ghetto plantschen, wenn man keinen ausländischen Pass hat. Denn an der hiesigen, flachen und locker 25 Kilometer langen Strandfront hat Craig nur eine handvoll Nichtschwimmerzonen ausgewiesen, die mit gelbroten Fahnen gekennzeichnet und bestenfalls 200 Meter breit sind. Manchmal allerdings deutlich schmaler, dann sieht es aus, als würden die Inder im Meer Schlange stehen und darauf warten, dass einer ihrer vielen Götter auch endlich mal die Fluten teilt.

Aus Gesprächen und Beobachtungen weiß ich, dass die meisten Inder nicht schwimmen können, aber dennoch großes Vergnügen am Brandungsbaden finden. Wenn sie am Wochenende oder bei Junggesellenausflügen ein bis sieben Bier getrunken haben, und sich idealerweise auch noch ein paar hellhäutige Bikinischönheiten in den Wellen tummeln, kennen Mut und Selbstvertrauen keine Grenzen. Wie Figuren aus homerischen Dramen folgen sie den westlichen Sirenen ins lauwarme Wasser und finden dort gelegentlich ein nasses Grab. Oder so ähnlich. Deshalb jetzt also die indische Umsetzung der Volvo-Sicherheitskonzepte für den Nassbereich – der kombinierte Front- und Seitenairbag für Leute, die den Schwimmunterricht geschwänzt haben. Kein Platz für lebensmüde Inder. Ich warte darauf, dass ein kluger deutscher Minister das System kopiert und – zur Vermeidung von Unfalltoten auf unseren Autobahnen – alle Strecken bis auf die A1 für den Personenverkehr sperren lässt.

Das Leben eines Lifeguards ist hart und entbehrungsreich. Frühmorgens rammt er die Fahnenstange in den Sand und richtet sich dann auf seinem einsamen Hochsitz ein wie ein Schiedsrichter beim Wimbledon-Endspiel. Nach präzisen Vorgaben und exakten Messungen müssen Hochsitz und Fahne immer wieder dem unberechenbaren Tidenhub angepasst und versetzt werden. Nur mit Trillerpfeife, dem Surfbrett, seiner Rettungsboje und dem ewig knarzenden Funkgerät bewaffnet, nimmt der Lebensretter seinen Kampf mit den menschlichen Lemmingen auf. Oftmals wartet er Stunden, bis sich eins der scheuen Wesen ins Wasser wagt. Dann gilt es aufpassen, den sobald der Bauchnabel des schwimmunfähigen Artgenossen feucht wird, gilt es beherzt einzugreifen. Egal ob sportliche Halbstarkenteams, die sich nach einem Strandfußballkick abkühlen wollen, oder gereifte Männer, schick im Baumwolldoppelripp – wer nicht zwischen den gelbroten Fahnen badet, den trifft der gerechte Zorn der uniformierten Bademeister.

Von zögerlicher Einsicht über hartnäckige Besserwisserei bis hin zu spontanen Handgreiflichkeiten (jene hingegen häufig als Antwort auf Rempeleien und verbale Unsportlichkeiten der Trillermänner) muss sich der Lebensretter auf alles Mögliche einrichten, weil der dumme Inder in seiner irregeführten Auffassung von Demokratie auf dem vermeintlichen Recht besteht, überall in seinem freien Land zu plantschen. Das ist natürlich Blödsinn, denn er darf sich ja schon überall zu Tode fahren (lassen), arbeiten, saufen, rauchen oder fressen. Beim Ertrinken ist aber Schluss, verständlicherweise. Ausnahmen gelten nur für Touristen, denn die können meist sogar besoffen und stoned noch halbwegs schwimmen.

Und so haben Craig Carney und P. N. Pandey heute bei Fototermin und anschließendem Interview ganz umsonst vor mir gezittert, denn erstens wird es dieser Bericht wohl kaum bis in den Reiseteil der ZEIT schaffen und zweitens bin ich bekanntlicherweise ein Mann, der für Law and Order schwärmt. Also Ghettoplantschen und Abschreckung um jeden Preis, denn nur ein lebender Inder ist ein guter Inder. Mit viel Sympathie habe ich tagelang die unaufgeregte Routine der Lifeguards beobachtet und erleben dürfen, wie hart ihr Alltag ist. Langeweile und zu wenig Russinnen in Tangabikinis Ermüdender Zwang zur Aufmerksamkeit und der nie erlahmende Wille, sein eigenes Leben zum Wohle eines in Not geratenen Mitmenschen zu riskieren, fordern schweren Tribut. Doch sie wanken nie, kennen keine Klagen, und die Spezialisten unter ihnen suchen unermüdlich das Meer mit dem Fernglas nach unsicheren Schwimmern ab. Diesen Männern gehört meine uneingeschränkte Hochachtung, sie sind die Jehovas Zeugen des tropischen Küstensaums.

Einige Gastronomen finden das Auftreten der Rettungsschwimmer zwar ein bisschen zu autoritär. Sie verlieren angeblich sogar Kunden, weil ihre Restaurants nicht an der Nichtschwimmerzone, sondern genau gegenüber einer der verhassten blutroten Hier-schwimmst-du-besser-nicht-Kollege-Fahnen liegen, von wo selbst akademisch gebildete Gäste mit unsanftem Nachdruck zum fußnassen Schlangestehen in die Idiotenlagune vertrieben werden. Peter Rodriguez, Inhaber des „Papillon Beach Shack“, tritt hingegen dafür ein, dass die Lifeguards sogar Gewalt ausüben dürfen. „Ich hab es so satt, Mann“ erklärt er in flüssigem Englisch, „jedes Jahr muss ich hier ersaufende Inder rauszerren. Die Mund-zu-Mund-Beatmerei mag ja anderen Leuten Spaß machen, aber mich nervt das. Und es überleben ja noch nicht mal alle, und die liegen dann hier rum wie Fisch in der Sonne. Man sollte die Idioten mit dem Knüppel zum Nichtschwimmerstrand treiben, dann herrscht hier endlich Ordnung!“ Übrigens, eigentlich ist Peter ein netter Kerl.

Ich verabschiede mich mit einigen stimmungsvollen Fotos (draufklicken zum Vergrößern) aus dem herausfordernden Arbeitsleben der unermüdlichen roten Engel von Colva Beach, denen ich weiterhin viel Erfolg bei ihrer wichtigen Aufgabe wünsche.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Belangloser Nachschlag

Geschrieben von Johannis am 28. November 2008 um 10:29 Uhr

Vorsuppe: Als ich am Mittwoch den zweiten Text auf dieser Seite verfasste, wusste außer den Tätern noch niemand von den Plänen zu dem brutalen Anschlag in Mumbai. Heute, am Freitag gegen elf Uhr Ortszeit sind mindestens 124 Menschen tot, darunter viele Polizisten und auch einige Ausländer. Im Hotel Trident stecken immer noch über einhundert Menschen fest, im Haus sind Terroristen und drum herum ist alles voll mit Polizei und Scharfschützen. Über 350 Menschen wurden zum Teil lebensgefährlich verletzt, die Stadt Mumbai ist seit Mittwochnacht im Belagerungszustand.

Die TV-Sender präsentieren der Welt ein blutiges Terrorspektakel in Echtzeit, das schon mehr als 36 Stunden andauert. Ich bin froh, keine Glotze auf dem Zimmer zu haben, aus der sonst ständig Kummer rieseln würde, hab mir aber heute früh alle vier lokal verfügbaren Zeitungen gekauft. Ich betrachte die Bilder und raschele im druckfrischen Blätterwald mit einer Mischung aus bockiger Distanziertheit – denn Mumbai ist nur 600 km weit und ich habe verdammtnochmal ein Recht auf unbeschwerten Urlaub – und dem traurigen Wissen, dass solche Wahnsinnsakte seit Jahren geschehen und auf unbestimmte Zeit zum globalen Alltag gehören werden.

Bizarrerweise lese ich seit zwei Wochen den autobiographischen Roman „Shantaram“ des Australiers Gregory David Roberts, 932 sehr empfehlenswerte Seiten. Er spielt zu großen Teilen in ebenjenem Stadtteil, der nun von den Terroristen überfallen wurde. Orte wie das Cafè Leopold und das Taj Hotel, aber auch Chowpatty oder der Bahnhof sind mir aus der Erzählung sehr vertraut. In acht Tagen ist mein Urlaub um, dann werde ich Mumbai zum ersten Mal besuchen, allerdings nur die beiden Flughafen-Terminals auf dem Heimweg. Schiebe jetzt sorgenvolle Gedanken an die Geiseln im Hotel Trident beiseite, überarbeite den ursprünglichen Text noch einmal und setze ihn dann auf die Seite.

Hauptgericht: Mein Vorhaben, den werten LeserInnen noch ein paar schöne Bilder aus dem Arbeitsleben der goanischen Fischer zu präsentieren, wird durch deren wenig kooperatives Verhalten vereitelt. Seit Tagen immer dasselbe Spiel – ich muss nur am Strand auftauchen, schon haben die Männer mit den jeweils zehn Stinkefingern immens wichtiges Zeug zu erledigen. Karten spielen, den Sonnenstand überwachen, den Rekordfang vom 16. April 1987 diskutieren – nur nicht hinausfahren und vor allem fotogen ihre Netze samt zappelnder Fische einbringen.

Eine Crew konnte ich dabei fotografieren, wie sie – kaum meiner ansichtig geworden – plötzlich den Kurs wechselten und stramm nach Süden ruderten, angeblich weil da der Strand nicht so sandig sei. Vertrauenswürdige ausländische Informanten versichern mir, dass die ortsansässigen Bootskapitäne ihren Fang neuerdings grundsätzlich während meiner strandfreien Zeit – also wenn ich am Computer sitze und für euch schreibe – einbringen, um der Dokumentation zu entgehen. Dies ist natürlich nicht hinnehmbar und seit gestern lasse ich meine Strandzeit von einem Zufallsgenerator bestimmen. Vergangene Nacht in der Zeit von 1:49 Uhr bis 5:12 Uhr war es leider sehr ruhig am Ufersaum. Aber ich kriege diese verschlagenen Hunde und dann auch die Bilder für euch.

Nachtrag von Freitag: Bei einem unangekündigten Blitzbesuch konnte ich eine handvoll Fischer stellen, die heimlich und ohne das vorgeschriebene Boot zu benutzen ein Netz ausgebracht hatten. Ihre Hoffnung, den Fang noch vor meinem Eintreffen verschwinden zu lassen, trog sie, wie diese Bilder zeigen. Plumpes Leugnen („Häh, Fischen? Wer, wir? Nöööhh!“), während sich im Hintergrund jemand mit einem Korb voller Fische in die Wellen verdrückt, half ebenso wenig wie Verniedlichung („Ach, sind doch nur ein paar ganz kleine!“). Schließlich rückten alle die versteckten Schuppentiere raus und am Schluss wurde sogar brüderlich geteilt. Ich hab natürlich verzichtet.

Delphintechnisch war diese Saison mit insgesamt vier Sichtungen am Papillon Beach Shack bisher sehr ergiebig, offenbar profitieren die scheuen Tiere vom Credit Crunch und seinen Folgen. Weniger Touristen, weniger Boots- und Jetskifahrten, weniger Lärm – mehr Meeressäuger. Zwei waren es vorgestern, aber sie sind nicht so leicht zu fotografieren, weil eben meist unter Wasser. Trotzdem, wer Beweise fordert – ich hab auch noch ein schlechtes Foto, wo beide Rückenflossen drauf sind.

Die Maler, deren filigranes Bambusgerüst seit einigen Tagen meine Aussicht vervollkommnet (und gestern beim Umsetzen fast zusammengekracht wäre), und die meinen langweiligen Alltag durch akrobatisches Herumkraxeln auf dem Gerüst sowie ausgiebige und wortreiche Besuche meines und der um- und drüberliegenden Balkone bereichern, werden die Fassade wohl noch vor meiner Abreise zu Ende streichen können.

Mein Deckenventilator musste ausgetauscht werden, weil der Motor schlappgemacht hatte. Aber die angenehmere Jahreszeit hat anscheinend endlich begonnen, denn etwas kühlere Luft umwehte diesen Ort in den letzten beiden Tagen. Und nachdem man mir zweimal schrottige Motorroller aufgeschwatzt hatte, steht nun nach Anbieterwechsel vor meiner Tür ein brandneues Model Honda Activa mit gerade mal 84 Kilometern auf dem Tacho und harrt auf den Zündschlüssel. Den soll es auch gleich kriegen.

Ansonsten steht das Thema für den nächsten Beitrag aus der Serie „From the Goan Pots“ bereits fest, die Recherche ist fast abgeschlossen, Bilder sind schon ausgewählt. Das nur als Teaser, um die LeserInnen bei der ominösen Stange zu halten. Bis bald also.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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From the Goan Pots

Geschrieben von Johannis am 24. November 2008 um 09:49 Uhr

Diese Überschrift kann man hier auf den Speisekarten fast aller Restaurants lesen, in denen es Angebote aus der goanischen Küche gibt. Meist handelt es sich um Fischgerichte, schmackhaft zubereitet in einer interessanten Synthese aus portugiesischer und indischer Cuisine. Aus meinen goanischen Töpfen will ich den Lesern hier in lockerer Folge Anekdoten und Berichte aus meinem Urlaub in Colva Beach kredenzen, nicht zuletzt, weil meine Minireportagen aus Nepal doch recht gut angekommen sind. Es gibt sogar schon eine Anfrage zum Abdruck des Artikels über den irrwitzigen Straßenverkehr in Kathmandu, dazu wird es wohl eins der Mandalafotos aus dem Tiharbericht aufs Titelblatt schaffen. Abwarten.

Meine zeitgerechte Ankunft in Goa wäre fast noch vereitelt worden, denn auch am Abreisetag brauten sich in der Hauptstadt Nepals gegen Morgen erneut Streiks und Straßenblockaden zusammen, aber zum Glück saß ich bereits um 7:00 Uhr im Taxi zum Flughafen. Ein gut drei Stunden verspäteter Abflug brachte dann echte Spannung in die Jagd nach meinem Anschlussfluges, nicht zuletzt, weil in Delhi erst noch eine Begegnung mit den extrem unaufgeregten Beamten der indischen Einwanderungsbehörde und dann die Fahrt zum etwa 15 Kilometer entfernten Inlandsterminal im Shuttlebus (Fahrer trotz hartnäckig klemmender Tür des einzigen Ausstiegs ebenfalls extrem unaufgeregt) anstanden. Aber dank meiner jahrelang erprobten und ausgefeilten Drängeltechnik alles ging glatt.

Der Dalai Lama hat mal gesagt, man solle jedes Jahr an einen Ort reisen, den man noch nicht besucht hat. Ob die internationale Tourismuslobby dafür Großspenden an ein tibetisches Kloster überwiesen hat, bleibt unklar. Offen bleibt auch, ob der Dalai Lama vom erneuten Besuch jener Orte abrät, an denen man schon mal eine wirklich gute Zeit verbracht hat. Wenn ja, sollten kluge Leute auf jeden Fall den Rat des heiligen Mannes befolgen. Jeder kennt das doch – beim zweiten Mal ist es fast nie so schön wie bei der Premiere. Ich habe mich mental auf diesen Effekt eingestellt und mir täglich gesagt, dass ich nicht zuviel erwarten darf, weil eben nichts im Universum beständig ist.

Aber anders als im vergangenen Jahr, wo ich die blöde Rumreiserei schon derart satt hatte, dass ich am liebsten ins kalte Novemberdunkel der westfälischen Wahlheimat weitergeflogen wäre, hab ich diesmal die anstrengenden Tage in Nepal gezählt und auf den Moment hingehungert, an dem ich das nervige Chaos dort hinter mir lassen und an die Gestade der arabischen See entfliehen kann. Selber Ort, gleiches Hotel, sogar dasselbe Zimmer – Hoffnung auf relativ wenig unangenehme Überraschungen. Und Indien ist tatsächlich eine total andere Welt, besonders hier im Süden. Pünktliche Flüge, Asphaltstraßen fast ohne Löcher, Cybershops mit echten DSL-Leitungen und flinkem Datendownload, absolut keine Berge und der Strom fällt nur gelegentlich aus. Wenn doch, dann auch nur für ein Viertelstündchen, was tagsüber aber sehr unangenehm werden kann, weil der Deckenventilator sofort seinen lebenserhaltenden Dienst einstellt. Womit wir bei den Veränderungen sind.

Es ist diesmal – obwohl ich vierzehn Tagen später angereist bin als letztes Jahr und die klimatisch angenehme Jahreszeit längst beginnen müsste – so viel heißer, dass sogar die Einheimischen maulen. Goas Tagestemperaturen erreichen momentan im Inland knapp vierzig Grad, hier an der Küste sind es kaum weniger und auch nachts sinkt die Quecksilbersäule nicht unter die Dreißig-Grad-Marke. Luftfeuchtigkeit annähernd hundert Prozent, Schlafen klappt nur unterm Ventilator auf zweithöchster Stufe, das ist knapp Orkanstärke. Dazu hat es vergangene Woche zwei Tage lang gegossen, obwohl normalerweise im Oktober der Monsun verlässlich zu Ende geht und die trockene Jahreszeit beginnt. Schon beim Einchecken im Hotel wurde ich auf die Klimaveränderungen angesprochen, auch gestern fragte mich Lawrence, der Inhaber des LaBen-Resorts (www.laben.net), mit deutlicher Besorgnis, wie sich denn das Klima in Europa so gebärdet. Kein Entrinnen vor diesem Thema, und kollektiv haben wir auch 2007 wieder mehr CO² in die Luft geblasen als im Vorjahr. Deshalb sitze ich jetzt in einem knapp geschnittenen italienischen Slip an den Tasten, transpiriere zumindest verhalten und schütte literweise Wasser in mich hinein, während der über mir rotierende Blechpropeller die Warmluft im Zimmer verquirlt.

Was sonst noch anders ist:

Graciano Cottages haben das leckere Frühstücksbuffet eingestellt, wo man sich früher für unanständig wenig Geld superlecker den Bauch vollschlagen konnte. Dafür ist das Restaurant des LaBen von der Dachterrasse in den Garten umgezogen und das große Fressen findet jetzt unter meinem Balkon statt. Ab sieben Uhr morgens bis in den späten Abend hinein, begleitet von jener Art Musik, die meine Eltern in den Siebzigern hörten und die ich damals schon verabscheute. Zum Glück plärrt es in gemäßigter Lautstärke von unten herauf, allerdings kommen auch schon die ersten Weihnachtssongs.

Es gibt jetzt Rettungsschwimmer am Strand, die sich mächtig langweilen, da die meisten Inder – weil prüde und absolute Nichtschwimmer – mehr oder weniger vollbekleidet und nur im knietiefen Wasser rumplantschen. Die Männer im schicken roten Dress mit ihren Surfbrettern warten also auf betrunkene Touristen, die hier in Colva Beach allerdings erstmal rund 200 Meter hinauswaten müssen, bevor das Wasser tief genug zum Ersaufen ist. Da manche aber schon zum Frühstück die erste Flasche Bier (Kingfisher Lager, 650 ml) ordern, besteht berechtigte Hoffnung auf einen Rettungseinsatz in näherer Zeit. Das Thema Rettungsschwimmer wird eventuell noch vertieft, die Recherche läuft.

Und am Beach fehlen die fliegenden Händler (kein Entrinnen vor diesem Thema), die früher T-Shirts und bunte Tücher, nicht immer echten Schmuck, knackfrisches Obst – darunter auch leckere, auf Wunsch mundgerecht geschälte Ananas und Papaya – sowie eine Riesenvielfalt an Tinnef feilboten. Dafür gibt es mehr Hunde und heilige Kühe, die mit Hingabe den Strand vollkacken. Ansonsten ist alles wie gehabt, nur eben nicht mehr – wie im vergangenen Jahr – erlebnisneu und überraschend erfreulich.

Jetzt ist es Zeit für den sozialkritischen Textblock, der natürlich nicht fehlen darf. Heute bin ich früh zum Meer hinuntergestapft, um eine Runde zu schwimmen und dann in einem der Strandrestaurants zu frühstücken. Es war Flut und eine Gruppe von Fischern – vor Stunden mit einem zwölf Meter langen hölzernen Auslegerboot hinausgerudert, wie sie baugleich seit einem halben Jahrtausend vor diesen Küsten unterwegs sind – kehrte zurück und zog das Netz ans Ufer. Insgesamt zählte ich 27 Mann, die unter viel Geschrei und mit offensichtlichen Abstimmungsschwierigkeiten den Fang einbrachten. Schließlich lag das mehrere hundert Meter lange kaffeebraune Netz auf dem Sand und darin zappelten sich wohl drei Zentner zweifingerlange Fischlein zu Tode, überwiegend Sardinen. Dazu enthielt der Fang noch einen armlangen Babyschwerfisch, etwas Plastikmüll und ein halbes Dutzend Fische von der Größe einer Ein-Personen-Tiefkühlforelle. Die sterbenden Sardinen erzeugten mit ihren Schwanzflossenschlägen ein unangenehmes Schwirren (das mich an meine Zeiten als Vegetarier gemahnte), Krähen flatterten herbei und stibitzten manch blausilbriges Schuppentier, während die Gesichter der Fischer neben Erschöpfung vor allen Enttäuschung verrieten. Das Thema Krähen wird eventuell noch vertieft.

Meine Recherche ergab Folgendes: Der Besitzer des Bootes (mit dem schönen Namen Infant Jesus und einem am Bug ins schartige Holz eingelassenen Blechkreuz) bekommt die Hälfte des Fangs mit einem Gesamtwert von rund 5000 Rupien. Den Erlös aus dem Verkauf der anderen Hälfte von insgesamt rund fünfzehn Bastkörben voll silberheller Fischleiber teilen sich die Männer, die einige Stunden auf dem Meer und dann noch im brusttiefen Wasser oder am Strand geschuftet haben. Für jeden bleiben rund 100 Rupien, etwa 1,50 Euro oder der Preis für ein einfaches Touristenfrühstück. Noch vor fünfzehn Jahren wurde hier derart viel Fisch gefangen, dass die Fischer am Strand Parzellen markierten und besetzt hielten (wie es Deutsche auf Mallorca gern morgens mit den Liegen am Pool machen), damit jede Crew auch genug Platz hatte, um ihr Netz an Land zu bringen. Ein guter Fang konnte damals zwei bis drei Tonnen Fisch ausmachen, damals, bevor die großen Trawler mit ihren endlos langen Schleppnetzen vor der Küste auftauchten.

Heute finden sich kaum noch Goaner unter den Bootsleuten, es sind meist Männer aus dem Binnenland, die für einen Hungerlohn fischen wollen, weil es in ihrer Heimat keine Arbeit gibt. Was es ebenfalls kaum noch gibt sind Delphine, Schwertfische, Kalamares und beliebte Edelfische, die hier Kingfish und Pomfret heißen. Auch dieser Küstenstreifen wird – wie fast überall am Mittelmeer – bald Frischfisch importieren müssen, um den Appetit der Touristen zu stillen. Solange überhaupt noch Fische ins Netz gehen, was bei der rasant zunehmenden Überfischung der Weltmeere nicht mehr ewig dauern kann. Ende des sozial- und globalisierungskritischen Textblocks.

Übrigens, schön fand ich heute früh die Anlieferung zweier frischer Ringelblumenmalas für’s Strandrestaurant Papillon, das von zwei Brüdern betrieben wird, Söhnen von goanischen Fischern. An der Wand aus gespaltenem Bambus hängt ein kitschbuntes christliches Heiligenbild, mit elektrischen Flackerkerzen umrahmt, und das bekommt jeden Tag eine frische, typisch hinduistische Blumenkette ungehängt. Dazu werden Räucherstäbchen angezündet, damit die vereinten Götter für guten Geschäftsgang sorgen und vielleicht nach alter Sitte das Meer gnädig stimmen. So sei es!

PS: Hatte heute keine Kamera dabei, hoffe aber, dass ich bald ein paar Bilder von der Arbeit goanischer Fischer nachliefern kann.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Ein Land in Ketten

Geschrieben von Johannis am 20. November 2008 um 22:34 Uhr

Klingt ein bisschen wie ein schlechter Buch- oder Filmtitel und lässt vielleicht Assoziationen mit Birma/Burma/Myanmar oder Nordkorea aufkommen, aber es soll noch einmal um Nepal gehen. Der heutige Donnerstag ist mein letzter Tag hier, morgen geht es endlich nach Indien. Eigentlich war gestern noch eine Schuleinweihung angesetzt, aber die musste ausfallen, denn es gab mal wieder Bandh. Bandh heißt dicht, zu, geschlossen und bedeutet, dass die Straßen gesperrt sind, Geschäfte schließen müssen, das Leben gelähmt ist. Gestern gab’s erst nur Zoff in Kalanki, wo der Highway nach Westen die City erreicht, dann auch unterwegs ihn Naubise im Distrikt Dhading, und heute geht im ganzen Tal von Kathmandu nix mehr. Shit happens!

Hintergrund: Man hat vorgestern die Leichen von zwei jungen Aktivisten der UML (Kommunistische Partei Nepals, United Marxist Leninist) gefunden, verscharrt am Ufer eines Flusses im Distrikt Dhading, wo die Mehrzahl unserer Projekte angesiedelt ist. Die beiden wurden Anfang November von Mitgliedern der YCL (Young Communist League, militante Jungendorganisation der herrschenden Maoisten) entführt, gefoltert und getötet, zwei ihrer Kameraden konnten mit knapper Not entkommen.

Also wurden gestern Straßensperren errichtet, Reifen verbrannt, Steine geworfen, Parolen gebrüllt. Heute dann Valley-Bandh, im ganzen Tal von Kathmandu sind nur Fußgänger und Radfahrer unterwegs, und dazu Rikschafahrer, die das Geschäft des Monats machten. Wer sich dennoch motorisiert hinaus wagte, konnte was erleben. Ich sah mitten in der Millionenstadt vier Studenten, Mitglieder der All Nepal Students Union (als bräuchten Studenten eine Gewerkschaft), die eine der Hauptstraßen besetzt hielten und die wenigen Fahrzeuge (meist voller Touristen, die dringend zum Flughafen wollten) mit Steinen bewarfen. Nur hundert Meter weiter hockten mindestens zwanzig bewaffnete Polizisten in voller Demoausrüstung (Brust- und Beinpanzer, Schlagstöcke, Plexiglasschilde, Gewehre für Gummigeschosse) im Schatten und dachten über ihre Pensionierung nach. Oder etwas ähnlich Wichtiges.

Leider hatte ich keine Kamera dabei, sonst hätte ich auch den Bus eines privaten Unternehmers fotografiert, der verbeult und mit rundum eingeschmissenen Scheiben am ehemaligen Königspalast vorbeirauschte. Ich habe die so genannten Studenten angesprochen und beschimpft, was mir die Sympathie einiger Passanten eintrug. Die Steineschmeißer sind in meinen Augen nicht besser als Terroristen, terrorisieren sie doch das Land und seine Bewohner, um ihre Machtgelüste zu befriedigen und politisch zu agitieren. Die totgeschlagenen UML-Aktivisten werden davon nicht wieder lebendig, die Behörden ermitteln wohl auch kaum schneller, aber Hauptsache es gibt Randale.

Ich hab diese idiotische Krawallverliebtheit so satt, mir fehlen tatsächlich die Worte. Heute früh, ich kam gerade vom Frühstück ins Hotel zurück, gellte plötzlich der Ruf „Djuluss ayo“ durch das Touristenquartier Thamel. Die Auslagen vor Verkaufsständen wurden hastig eingepackt, Rolltore rasselten herunter, Menschen verschwanden in Hauseingängen, Minuten später war alles verrammelt. Djuluss ayo bedeutet, die Demo oder der Protestzug kommt. In diesem Fall eine Zusammenrottung militanter Studenten, um die Einhaltung des Streiks zu erzwingen. Sachbeschädigung ist dabei das gängige Mittel, aber auch Prügel sind drin.

Es vergeht kein Monat, ohne das irgendeine politische oder Lobbygruppe zumindest einen Tag lang und mit Vorankündigung diese Großstadt lahm legt. In manchen Distrikten Nepals dauern Bandhs wochenlang, und dazu gibt es ständig „Chakkajams“, spontane Straßenblockaden. Neulich gab es hier in der City einen Aufstand der nepalesischen Zocker, denn offiziell dürfen nur Ausländer die wenigen Kasinos besuchen. Flugs blockierte die Allgemeine Vereinigung Nepalesischer Spielsüchtiger (AVNS – dummer Scherz) das Stadtviertel rund ums Hotel Annapurna, dem ein Kasino angegliedert ist. Im Grunde so, als würden deutsche Kettenraucher die A1, A7 und A45 blockieren, um endlich wieder zwischen Nichtrauchern an der Theke sitzen und qualmen zu dürfen.

Aber Spaß beiseite, ich finde diese gewalttätig erzwungenen Landeslähmungen zum Kotzen. Dabei betrifft es mich heute kaum, den Besuch im Büro der Gulf Air (Fliegt nie mit Gulf Air! Zu diesem Thema ein anderes Mal mehr.) konnte ich zu Fuß erledigen, anders als die junge Britin, neben der ich vorhin beim Frühstück saß. Sie wollte nach Pokhara und dann zum Trekken an den Annapurna hinauf, aber nix is. Wäre mein Flug nach Delhi heute früh gewesen, hätte ich saublöd aus der Wäsche geguckt, denn mit der Fahrradrikscha dauert es etwa 90 Minuten zum Airport, und man verschleißt an den Steigungen mindestens einen durchtrainierten Rikschafahrer. Wirklich ärgert mich die Schicksalsergebenheit, mit der die Nepalesen es hinnehmen, dass Krawallisten ihnen Land, Geschäft und Leben versauen. Dass die Kommunisten sich hier gegenseitig umbringen, dass die Jungendorganisation der Maoisten (die ja schließlich seit einigen Monaten die Regierungsmehrheit im Lande stellen) auch zweieinhalb Jahre nach Ende des Bürgerkriegs weiterhin Menschen entführen, erpressen und sogar totschlagen können, zeigt, wie weit der Weg bis zu einer halbwegs glaubwürdigen Demokratie in Nepal noch ist.

Und als wäre das nicht genug, liegt das Land auch sonst in Fesseln. Da sind zu nennen das Kastensystem, durch das die gesellschaftlichen, beruflichen und persönlichen Chancen vorbestimmt sind, und in dem kein Aufstieg möglich ist. Dann der religiöse Fatalismus, denn alles ist ja Karma. Was auch immer geschieht – unendlich weise Götter haben es so entschieden und man oder frau muss es demütig hinnehmen. Wozu sich also anstrengen, aktiv Einfluss nehmen, Bestehendes warten und instand halten, für die Zukunft planen und vorsorgen? Hauptsache man betet feste und sorgt für eine gute Wiedergeburt, dann ist alles in Butter.

Überall im Land sieht man Männer faulenzen, während Frauen schwere Arbeit tun. Offenbar glaubt von den Herren kaum jemand ernsthaft daran, dass man sein Schicksal in die Hand nehmen, das heiße Eisen schmieden sollte. Wo man auch hinschaut verkommen Gebäude, gammeln Fahrzeuge und Baumaschinen einem verfrühten und sicheren Tod entgegen, geht alles seinen sozialistischen Gang. Und bald soll das Land eine Volksrepublik werden, mit ehemaligen Terroristen an der Spitze, die nur dummdreiste Bereicherung, durchsichtige Demagogie und politisches Ränkespiel beherrschen. Aber der große Bruder hinter der chinesischen Grenze verspricht Straßen, Kraftwerke, Aufbauhilfe.

Dabei dauert der Aufbau schon mehr als ein halbes Jahrhundert, pumpen unzählige internationale Organisationen immense Summen ins Land am Fuße des Himalaya, wo es mindestens 35.000 lokale NGOs gibt (Non Government Organisations – also Initiativen, Vereine etc., die sich angeblich alle aktiv für die Landesentwicklung und soziale Themen einsetzen). Alle warten auf das schnelle Geld, betteln um neue Straßen und Gebäude und wollen oftmals selbst möglichst wenig leisten. Die Menschen sind zwar vielfach wirklich arm, aber zum Teil auch stinkfaul und durch die ständigen Geldgeschenke mittlerweile unwiderruflich verdorben.

Nichts lähmt den Willen der Leute, ihr Leben selbst zu meistern, so sehr wie der endlose Geldfluss aus West und Ost. Korruption ist hier so normal wie gekochter Reis, und die Maoisten der Gemeinde Salyantar (dort baut HOPE e. V. gegenwärtig eine Schule und 50 Biogasanlagen) fordern gerade kackdreist, dass wir den unfähigen und lahmarschigen lokalen Bauunternehmer weiter beschäftigen, weil er eben ein Parteifreund ist. Und das, obwohl selbst das Schulkomitee sich gegen den Mann ausgesprochen hat, weil der Schulbau bereits zwei Monate hinterm Zeitplan hinterherhinkt. Ich habe schon mit wirklich gebildeten Nepalesen diskutiert, die forderten, dass die internationale Hilfe eingestellt wird, damit ihre Landsleute endlich die Ärmel hochkrempeln und in die Hände spucken. Aber ist das die Lösung?

So, etwas Dampf ist abgelassen. Nun will ich selbst die Ärmel hochkrempeln und den letzten Kram zusammenpacken, damit ich morgen rechtzeitig am Flughafen bin. Im Moment kommt mir Indien im Vergleich zu Nepal wie das gelobte Land vor, eine Oase der Rechtstaatlichkeit und Ordnung, fortschrittlich und demokratisch. Dabei sollte man nicht vergessen, dass auch dort die indischen Maoisten dreizehn Bundesstaaten zumindest teilweise beherrschen und gerade in diesen Tagen die Wähler einschüchtern, wenn diese unbedingt zur Urne schreiten wollen. Wie sagte doch Erich Kästner so schön: Die Dummheiten wechseln, nur die Dummheit bleibt! In diesem Sinne ab dafür!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Kathmandu ist schön

Geschrieben von Johannis am 18. November 2008 um 22:14 Uhr

Wer halbwegs aufmerksam verfolgt hat, was ich in der letzten Zeit hier und vor allem dort über meinen Aufenthalt in Nepal von mir gegeben habe, muss bei dieser Überschrift annehmen, ich sei entweder nach akuter Höhenkrankheit schwer verwirrt oder dem hier auf Schritt und Tritt angebotenen Rauschgift anheim gefallen. Nichts davon stimmt, und ganja sowie charras, bei uns als Marihuana und Haschisch oder Gras und Shit bekannt, berauschen zwar angenehm und verlässlich, sind aber nicht giftig. Cannabis indica übrigens, diese robuste, anspruchslose Pflanze, wächst hier überall wild, sogar an den Straßenrändern der Hauptstadt. Anders als Bill Clinton habe ich früher sogar gelegentlich inhaliert, aber darum soll es hier nicht gehen, obwohl Cannabis auch ein schönes Thema wäre.

Nein, Kathmandu, dieser röchelnde Moloch, diese stinkende Miniaturversion von Mexiko City, ist schön. Manchmal. Also sehr manchmal. Morgens zum Beispiel, wenn die Luft über der Stadt sich ein bisschen geklärt und den Staub des letzten turbulenten Tages abgeschüttelt hat, wenn noch Reste der nächtlichen Stille wie eine löchrige wollene Decke über den Häusern liegen, morgens ist Kathmandu schön. Heute bin ich früh aufgestanden, um das warme Wasser zu nutzen, bevor die anderen Hotelgäste zum Wachwerden ewig dauerduschen und schließlich nur noch ein lauwarmes Rinnsal aus dem Hahn kommt. Nach eineinhalb Stunden ist meine Wäsche – zuhause ungefähr eine Maschinenladung – mit der Hand im Eimer gewaschen, viermal ausgewrungen, dreimal gespült und wird schlussendlich auf die Dachterrasse getragen, wo ich an Waschtagen ein Nylonseil aufspanne.

Zaghaft tastet sich eine blasse Sonne durch Nebel und dünne Wolken, früherwachte Krähen spötteln von Dächern und den dort allgegenwärtigen schwarzen Wassertanks, auf den Mauersimsen gurren nimmerpaarungsmüde Tauben und in den Straßen liegt eine angenehme Schläfrigkeit. Eine Stimmung wie an einem Sonntag, wenn man dem stummen Wecker einmal zugeblinzelt hat, sich dann umdreht und wieder unters Daunenbett schlüpft. Jetzt, wo es in Kathmandu – die Leute denken immer an eisige Gebirgshöhen, aber hier im Talkessel tragen Bananenstauden und Dattelpalmen üppige Früchte – nachts schon recht kühl wird und die Menschen auch tagsüber ihre Jacken nicht ablegen (egal ob zuhause, im Büro oder Restaurant), braucht das Leben morgens etwas Anlauf. Die Sonne geht auch hier später auf und braucht lange, bis sie über die Dächer schaut und die schattigen Gassen erwärmt, man bleibt in den meist ungeheizten Wohnungen, schlürft reichlich heißen Tee und wartet auf das morgendliche Mahl.

Während ich mit den wenigen Wäscheklammern hantiere und Hosen, Hemden und Strümpfe auf die Leine drapiere, schweift mein Blick über das total verbaute Tal. In der Frühe kann man noch die nahen Berge erkennen, die mit ein bisschen verschontem Wald, kahlen Hängen und abertausend Reisterrassen als grünbrauner Kranz die Stadt einrahmen. Dahinter ahnt man nur die schneebedeckten Gipfel vom Langtang-Massiv, die schon bald im dichten Smog verschwinden werden. Von irgendwo klingt der stete, helle Ton einer kleinen Messinglocke herauf, dazu leiser Singsang. Morgengebet, eine sanfte Brise trägt den süßen Duft von glühendem Sandelholz heran. Ein einsames Taxi holpert durch die Straßen und findet weder Fahrgäste noch einen Grund zum Hupen. Vom Tempelberg schwebt ein hungriger Bussard heran, den man hier fälschlich Adler nennt, aber das weiß er nicht.

Das letzte T-Shirt ist ausgewrungen und in Form gezogen, Sonnenstrahlen treiben hauchfeine Dampffäden aus feuchtem Baumwollstoff in die Morgenkühle, mit klammen Fingern zupfe ich einen Hemdkragen zurecht. Von fern dringt Stimmengewirr heran, das mich an Fußballfans oder einen Protestmarsch denken lässt, aber es sind die Schüler der J. P. Highschool an der Ecke gegenüber, die grüppchenweise zur Schule schlendern und dabei schnattern, spotten, sich zanken oder gemeinsam lachen. Eine Weile wird dieser Klangteppich immer dichter, bis dann schließlich die Glocke schrillt. Nach dem Klappen von zwei dutzend Türen kehrt Ruhe ein, nur noch ab und an hastet ein verspätetes Kind über den Schulhof.

Um diese Zeit hört man aus allen Himmelsrichtungen das Zischen der Dampfkochtöpfe, denn der Nepalese nimmt – wenn es ihm vergönnt ist – morgens wie abends eine warme Mahlzeit ein, die traditionell aus Reis, Gemüse und Linsensoße besteht, Dal Bhat genannt. Dal kocht man im Dampfkochtopf, damit die Linsen schneller gar werden. Mit scharfem Zischen öffnen sich Überdruckventile, antworten einander von Küche zu Küche, erfüllen die Stadt mit rhythmischen Brausen, bis endlich alle Nepalesen vor gefüllten Tellern sitzen und selbst zischend die Luft zwischen den Zähnen einsaugen, wenn das Curry besonders scharf oder ein Biss von der beliebten grünen Chilischote etwas zu groß geraten ist. Das Zischen der Dampfkochtöpfe gehört zu Nepal wie das Fauchen der Kerosinkocher, in der morgendlichen Stille hört man es besonders gut.

Rasselnd werden nun die ersten eisernen Rolltore vor den Geschäften hochgeschoben, die eifrigsten Händler bauen schon ihre Stände auf, breiten Waren aus und begrüßen früh aufgestandene Touristen mit freundlichen Worten und routiniertem Lächeln. Ich werfe einen letzten Blick zum Tempelberg, wo sich der schneeweiße Kegel des Swayambunath Stupa nur erahnen lässt, und bin froh. Kathmandu ist schön, besonders wenn man weiß, dass man nur noch drei Tage hier sein und samstags an der indischen Westküste aufwachen, flink in Shorts und ein dünnes Shirt schlüpfen und dann zum Strand hinunterschlendern wird. Vergangenes Jahr habe ich dort frühmorgens einen Delphin gesehen, vielleicht habe ich ja diesmal wieder solches Glück.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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