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Archiv für Oktober, 2008

Leverage

Geschrieben von Johannis am 1. Oktober 2008 um 15:23 Uhr

Das ist doch mal wieder ein schönes Wort, oder? Liewäritsch, auf gut Deutsch sagt man Hebelarmverhältnis. Was man so bewegt kriegt, wenn man die Kraft am richtigen Punkt und mit optimalem Hebel einsetzt. Also mit dem Schraubenzieher ein Auto aufknacken, als leptosomer Schwächling mittels Pressglasaschenbecher einen breitschultrigen Fiesling umhauen, oder fast ohne eigene Kohle ein paar Firmen kaufen und dann plattmachen. Hedgefonds eben, Investmentbanken und Ähnliches.

Ich hab feststellen dürfen, dass in den letzten, schweren Wochen meine ganz persönliche Leverage kolossal angewachsen ist, bin fast erschrocken über die mir innewohnende neue Macht. Real bad Voodoo, guys, oberheftige Magie – ich muss es nur denken, schon geschieht es. Manchmal sogar mehr als das. Stammleser wissen, dass ich kürzlich in Bayern unterwegs war, um der CSU ein paar Beine zu stellen. Maximal 44,6 % war meine Vorgabe, und ich hab sogar noch 1,3 % weniger geschafft. Huber weg, Beckstein weg, FC Bayern auf Platz neun der Bundesliga – rundum ein voller Erfolg. Seehofer krieg’ ich auch noch.

Dem immer mal wieder geschmähten Lorenz Meyer von sheng-fui habe ich gewünscht, dass er an idiotischen Kommentaren erstickt, die aktuellen Zahlen liegen für diesen Beitrag bei über sechshundert. Viele seiner Leser haben mittlerweile die ‚Benachrichtige-mich-bei-neuen-Kommentaren-Funktion’ abgeschaltet, weil sie nicht täglich tausend Mails löschen wollen. Mich erinnert der Vorgang, bei dem eine handvoll User stundenlang Texte ohne Botschaft in Halb-, Viertel- und Achtelsätze aufdröselt und als Kommentare eingibt, an Experimente mit Ratten.

In den goldenen Siebzigern war es, da implantierte man Ratten hauchdünne Elektroden ins Hirn, mit denen sie selbstständig ihr Sexualzentrum stimulieren konnten. Einmal mit der Pfote auf eine Taste geklickt und – Ooohoohhaah – schon gekommen. Manche der flinken Nager schafften es auf über sechstausend elektronische Orgasmen pro Stunde, bevor sie krepierten. Sozusagen im Kopp verglüht. Das ist bei tmp und Konsorten leider noch nicht passiert, aber bisher habe ich auch noch keine Leverage eingesetzt. Abwarten, Leute.

Vorerst muss ich mich auf Donnerstag konzentrieren, die Entscheidung im US-Kongress. Gestern fiel der Dow-Jones um 777 Punkte, eine wahrhaft teuflische Zahl. Soll ich morgen dafür sorgen, dass die Republikaner das 700-Milliarden-Rettungspaket erneut scheitern lassen, sodass die Welt in die größte Wirtschaftskrise aller Zeiten stürzt? Ich bin unentschieden. Einerseits gehört der globale Augiasstall dringend ausgemistet, weltweit muss mal mit dem ganz harten Besen gekehrt werden. Andererseits trifft die Krise auch die Armen, wahrscheinlich sogar am härtesten.

Schon mal überlegt, dass man mit 700 Milliarden US$ alle Hungernden dieser Welt mindestens zwei Jahre lang satt machen könnte, selbst wenn sie nicht einen Cent, keine lausige Süßkartoffel und schon gar kein Reis- oder Maiskorn beisteuern würden? So isses aber, und ich rede von den UN-offiziellen 800 Millionen Menschen weltweit, die nicht genug zu futtern haben. Mal sehen, wie ich mich entscheide. Banken platt, Arme satt. Oder doch weiter wie bisher?

Unabhängig davon solltet ihr euch alle sehr warm anziehen, im herbstlich-realen wie im übertragenen Sinne. Die fetten Jahre sind vorbei. Macht es wie ich, legt euch Jagdwaffen und Angelzeug zu, Vorräte an und euch selbst nur noch dann schlafen, wenn neben euch ein Freund wacht. Es wird böse kommen, ganz bitter – vertraut mir.

Falls nicht noch ein paar Aufrechte mit derselben Macht gesegnet werden, die kürzlich in mich gefahren ist (Nein, Lorenz, es hat nix mit Sheng-Fui zu tun!). Vielleicht setzen sie diese Kraft ja mit maximaler Leverage ein, um uns Wahnsinnige, Träumer, Ignoranten und Komplettverblödeten zu retten. Happyend im letzten Moment. Glaub’ ich aber nicht.

Soviel für heute. Denkt an eure Vorräte, kauft Reis, Batterien, Trinkwasser, Kerzen, Bohneneintopf. Und so.

 

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