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Archiv für Oktober, 2008

Butterbrote für Biafra

Geschrieben von Johannis am 15. Oktober 2008 um 18:13 Uhr

Erinnerst du dich noch, oder bist du zu jung dafür? Wenn man in meiner Jugend den Teller nicht leer aß, einen halbgegessenen Apfelgriepsch unauffällig in die Tonne schummeln wollte oder sonstwie am Futter herumnörgelte, kam immer die Biafrakeule. „Denk doch mal an die Kinder in Afrika, die hungern müssen!“ Stimmlage empört, vorwurfsvoller Blick.

Natürlich wurden die schokobraunen Kinder mit den grotesk angeschwollenen Hungerbäuchen nicht satt, wenn wir uns ledrig gebratene Schweineleber mit Apfelmus und Kartoffelbrei, Rinderzunge oder so liebliche Gerichte wie Birnen, Bohnen und Speck gehorsam unter der Nase reinschaufelten. Aber es ging ums Prinzip, und das ist bekanntlich unbarmherzig.

Gestern kam der neueste Welthunger-Index heraus und die Zahl der Hungernden ist von 848 auf 923 Millionen gestiegen, innerhalb eines Jahres. Wann hast du das letzte Mal Hunger gespürt? Nein, nicht Appetit oder dieses hohle Gefühl im Bauch, weil die letzte Mahlzeit tatsächlich schon länger als sechs Stunden zurückliegt. Mal ernsthaft gefastet? Okay, dann weißt du ungefähr wovon die Rede ist. Das Feeling während der ersten zwei, drei Tage, wenn du kurz davor bist, den Kitt aus den Fensterritzen zu kratzen, weil der ja leckeres Leinöl enthält.

In einigen Tagen mache ich mich wieder auf dem Weg nach Nepal, um die Projekte zu besuchen, die der Verein HOPE e.V. dort betreibt. In den schwer zugänglichen Bergregionen des kleinen Landes am Himalaya verhungern auch heute noch regelmäßig Menschen, einfach weil die Ernte schlecht war, durch Überschwemmungen vernichtet oder von Schädlingen befallen wurde. Zweimal am Tag einen Teller Reis, Linsen und Gemüse, ab und an ein bisschen Fleisch – das muss für viele Nepalesen ausreichen. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt bei etwa 300 Euro, im Jahr wohlgemerkt. Meine Monatsmiete ist höher, deine wahrscheinlich auch.

Bald laufe ich wieder durch die Straßen der Hauptstadt Kathmandu, wo mir der Anblick von ausgemergelten Bettlern und Straßenkindern, die sich im Schutz der Dunkelheit aus den Müllkübeln der Touristenhotels ernähren, schmerzlich vertraut ist. Dann werde ich an den Schulhof denken, den ich hier in Dortmund oft überquere, an die dicken Stullen, die von fetten, verwöhnten Schülern achtlos in die Beete geschmissen oder wenigstens abfalltechnisch korrekt in der Mülltonne versenkt wurden. Bevor die Kids sich vom Taschengeld einen Döner oder Pizza holen. Übrigens – ein Drittel aller Lebensmittel, die in Deutschland in den Handel kommen, landen im Müll. Auch bei dir zuhause. Mahlzeit!

PS: Es ist nicht ausgeschlossen, dass ich von unterwegs einige Beiträge für Sheng Fui schreibe. Der von mir regelmäßig geschmähte Lorenz Meier fragte neulich deswegen an, aber ich lass’ ihn noch ein bisschen zappeln.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Leider: Frühes Aus für Haider

Geschrieben von Johannis am 11. Oktober 2008 um 12:56 Uhr

Diese an Unerfreulichkeiten überreiche Woche klingt nun überraschenderweise doch noch auf einem versöhnlichen Grundton aus. Mutter Natur schickt brizzelwarme Sonnenstrahlen durch malerisch gefärbte Laubvorhänge, lockt uns hinaus ins Freie und erinnert dabei zart an jene freundlichen Sommertage, die es in diesem Jahr kaum gab. Und sie hat das Himmelstor ganz weit aufgestoßen, in der Hoffnung, dass einer der bekanntesten Österreicher seinen Weg in luftige Höhen findet.

Doch damit wird es wohl nichts, denn zumindest nach gängig-christlicher Lesart sollte Jörg jetzt bereits bei unbekömmlichen Temperaturen stinkigen Schwefelrauch atmen und von einem feixenden, unbedeutenden Unterteufel mit rostigem Spieß in den nackten Hintern gepiekt werden. Mein großes Latinum taugt nur zum Angeben und für ein ‚De mortuis nihil nisi bene’. Drum will ich auch nichts Schlechtes über den Toten sagen, denn es ist wahrhaft gut, dass der Kärntner Landeshauptmann von der Bühne abgegangen ist. Im VW Phaeton beim eigenhändigen Überholen gegen einen Betonpfeiler geklatscht und dann ohne weitere Unfallopfer den letzten Odem ausgehaucht. Friede seiner Asche – obwohl, die gibt es ja wohl noch nicht, oder?

Schade nur, dass in vielen Ländern der Dritten Welt die Infrastruktur noch nicht so gut ausgebaut ist, wie bei uns und den Ösis. So manchem afrikanischen Despoten wünscht man doch von ganzem Herzen einen anständigen Geschwindigkeitsrausch und dann die Begegnung mit einem stoischen Brückenfundament. Auch hier in der Heimat fällt mir manch überflüssige Figur ein, vielleicht kauft Herr Westerwelle sich ja bald einen neuen, schnellen Dienstwagen. Nur so eine Idee.

Wie auch immer, Jörg Haider hat in seiner politischen Karriere oft für Überraschungen gesorgt und manch erstaunliches Comeback hingelegt, aber Letzteres sollte ihm diesmal schwerlich gelingen.

Pfüati, Jörgerl!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Das Island-Syndrom

Geschrieben von Johannis am 10. Oktober 2008 um 15:57 Uhr

Momentan möchte man ja Besitzer einer afghanischen Opiumplantage sein, oder wenigstens im marokkanischen Rif-Gebirge Marihuana anbauen. Meinetwegen auch Kathsträucher, dann eben weiter südlich auf dem gescheiterten Kontinent Afrika. Aber auf jeden Fall Drogen, denn die haben Zukunft. In Zeiten, in denen ein pechschwarzer Montag noch in derselben Woche von einem kohlrabenschwarzen Freitag gefolgt wird, wollen wir Rausch, Betäubung oder wenigstens kurzfristiges Vergessen. Denn uns schwant Böses.

Die weltweiten Börsen überbieten sich gegenseitig in der Dramatik ihrer Abstürze und erinnern an bekokste Bungeejumper über einer malerischen Schlucht in Neuseeland. Es kann nicht lange dauern, bis einer sich den Schädel einschlägt, weil er am überlangen Seil auf saftiggrün bemooste Felsen klatscht. Die Wirtschaft des kühlen Island ist wohl solch ein Fall fürs Leichenschauhaus, das Land hat ein paar Jahre wie im Rausch gefeiert, sich überall zu Wahnsinnszinsen Geld gepumpt und ist nun pleite.

Wahrscheinlich wird der sympathische Jean-Claude Juncker am nächsten Montag vor die Kameras treten und uns mit traurigem Dackelblick erklären, dass die EU das Land der Gletscher und Geysire für den symbolischen Preis von einem Euro aufgekauft hat und vollständig in einen Naturpark umwandeln möchte. Die rund 316.000 Islandisten werden dann sämtlichst über eine Beschäftigungsmaßnahme als Parkwächter eingestellt, bürsten das Moos, katalogisieren Flechten, singen im Chor mit Björk traurige Lieder und kriegen Hartz-4. Höchstens.

Vom Beispiel Island ist es nur noch ein kleiner Schritt bis zum finanziellen Mega-GAU. Ich will euch nicht mit Ausführungen über die Wechselwirkungen zwischen Mikro- und Makrokosmos langweilen, aber was im Kleinen klappt, funktioniert leider auch im Großen. Wobei ein Nationalpark, der von der Atlantikküste Neuenglands bis zum Pazifikstrand von San Diego reicht und Seattle ebenso wie Miami einschließt, wohl auch für die ehrgeizigsten Tourismusunternehmer leicht überdimensioniert sein dürfte. Und Anchorage, Heimat von Sarah Palin – möge der Blitz sie beim Scheißen treffen heilige Geist auf sie herniederfahren, sie läutern und erhellen – habe ich sogar noch vergessen. Egal.

Einstweilen hören wir Tag für Tag mit Staunen, welcher Staat jetzt wieder wie viele Milliarden oder gar Billionen aus dem Ärmel zaubert, um damit ein paar Banken zu verstaatlichen oder die weltweit verunsicherten Kleinanlegern zu überzeugen, dass ihr sauer Erspartes sicher ist und natürlich alles gut wird. Bestimmt!

So, ich muss jetzt die Wasserpfeife sauber machen, eine neue Mischung bröseln und erstmal tierisch einen durchziehen. Hoffentlich kommt Wang morgen mit dem Opium, die Kifferei bringt es nämlich echt nicht mehr. Kannste voll vergessen.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Dein Geld ist sicher!

Geschrieben von Johannis am 6. Oktober 2008 um 18:29 Uhr

Eigentlich könnte ich als Globalisierungsfeind und Kapitalismuskritiker von früh bis spät frohlocken, wenn ich die Krise auf den internationalen Finanzmärkten betrachte. Der entfesselte Raubtierkapitalismus kannibalisiert sich selbst, weltweit platzen Spekulationsblasen mit dem hässlichen Plopp!! von auf heißem Asphalt überrollten Ochsenfröschen. Passiert übrigens in Australien täglich, das mit den Fröschen.

Der omnipotente Markt reguliert sich selbst, er heilt seine eigenen Wunden, wird in seiner unerschütterlichen Stärke sogar unsere ebenso verdrängten wie drängenden Umweltprobleme lösen, solange man die Wirtschaft nur in Ruhe lässt. Geld schafft mehr Geld, Renditezuwächse kennen keine Obergrenzen, alles wird gut – Hauptsache der Staat hält sich raus und reguliert nicht. So und ähnlich tönte es bis vor ein paar Monaten, zum Teil noch vor Wochen. Ende Gelände, Schluss mit lustig, das war mal! Hastig schnürt man jetzt überall klotzige Milliardenpakete und die Ackermänner dieser Welt fordern allenthalben und lauthals Hilfe vom Staat. Vor allem wollen sie Geld und Garantien für mehr Geld, Sicherheiten eben.

Bei uns ist alles anders, deshalb wollen wir Deutschen auch bei der Idee des umtriebigen kleinen Franzosen nicht mitmachen, denn wir brauchen keinen Hilfsfond für kranke Banken. Europa ist ja schließlich nicht Amerika. Als Angie und Peer dann aber am Sonntag vor die Kameras traten und ungefragt beteuerten, die 658 Milliarden Euro an Erspartem, die der deutsche Michel auf dem Konto hat, seien garantiert und sicher, klingelte es in meinen Ohren wie bei einem Monstertinnitus. Okay, die Hypo Real Estate musste gerade zum zweiten Mal innerhalb einer Woche gerettet werden und braucht bis Ende 2009 wohl mindestens 100 Milliarden zum Überleben, aber unser Spargeld ist sicher. Glaubt ihr das?

Vorauseilende Dementis sind in der Politik gängiger Standard, üblicherweise streitet man alles ab, solange die unerfreulichen Tatsachen nicht bewiesen sind. Die Gesichter von Peer und Angie sprachen jedoch Bände und ließen nichts Gutes erwarten. Der allmontägliche Börsencrash heute lässt kaum Hoffnung aufkommen, macht wenig Vertrauen in die Selbstheilungskräfte des Marktes. Wenn ich Geld auf der Bank hätte, würde ich es jetzt wohl langsam heimholen, in den Sparstrumpf oder hinter einen Schrank stecken. Oder wenigstens in Gold anlegen. Und natürlich die Überlebensvorräte im Keller aufstocken – wer weiß, was als Nächstes kommt. Bleibt wachsam!

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Ceterum censeo

Geschrieben von Johannis am 5. Oktober 2008 um 13:22 Uhr

Ich habe ja kürzlich in meiner bewährt subtilen Art angedeutet, dass sich hier im Blog ein Paradigmenwechsel vollzieht. Von der Weltöffentlichkeit weitgehend unbeachtet, aber was soll’s. Weniger politisch unkorrektes Gewitzel, mehr moralinsaures Genörgel. Wer’s mag…

Hintergrund ist dabei weniger die Tatsache, dass ich nun amtlicherweise ein halbes Jahrhundert auf diesem Planeten verbracht und gleichzeitig auf dem Buckel habe. Also mehr als zwei Drittel meiner statistischen Lebenserwartung, auch wenn es durchaus denkbar ist, dass mir diesbezüglich noch eine Abkürzung einfällt. Aber morbider Scherz beiseite. Ich habe beschlossen, dass ich endlich die Dinge sagen und schreiben will, die mir wirklich auf Herz, Seele und Magen liegen. Und es mir egal ist, ob ihr das unterhaltsam findet und lesen wollt. Die Hoffnung, dass es gelesen wird und möglicherweise etwas bewegt, soll mir vorerst genügen.

Und falls das Geschreibsel tatsächlich nur Psychohygiene ist und dafür sorgt, dass ich in einer zunehmend wahnsinnigen Welt noch ein paar Jährchen durchhalte, bevor ich schlussendlich ebenfalls durchdrehe, ist das doch auch eine gute Sache. Vom Überbau halte ich mich streng an Georg Christoph Lichtenberg, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhundert unzählige Gedanken, Ideen und vor allem Aphorismen in seine so genannten Sudelbücher schrieb, bevor er am 24. Februar 1799 vor seinen Schöpfer oder den damals diensthabenden Stellvertreter trat. Mein Lieblingsaphorismus des guten Georg lautet: »Ich kann nicht sagen, ob es besser werden wird, wenn es anders wird. Aber so viel kann ich sagen: Es muss anders werden, wenn es gut werden soll.«

Unter diesem Motto werdet ihr hier in deutlich gelockerter Folge mehr oder weniger unterhaltsame Texte finden, die sich meist um die offensichtlichen Fehlentwicklungen auf diesem Planeten drehen. Nicht ausgeschlossen ist, dass mir ab und an trotzdem mal ein halbwegs amüsanter Beitrag rausrutscht, aber auch der wird frei nach Marcus Porcius Cato Censorius mit meinem Credo enden.

Marcus wurde mit 85 Lenzen für damalige Verhältnisse steinalt und hat schon vor 2157 Jahren den Löffel abgegeben. Eine halbe Ewigkeit lang forderte der alterstarrsinnig-beharrliche römische Politiker am Ende der Senatssitzungen mit den Worten »Ceterum censeo Carthaginem esse delendam« die Zerstörung Karthagos. Jedes Mal nervte er die Kollegen mit dem Satz »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass Karthago zerstört werden muss« und irgendwann gab die Versammlung nach und ihm Recht. Darauf begann der Dritte Punische Krieg, der umwälzende Veränderungen im römischen Reich einleitete.

Umwälzende globale Veränderungen würde ich auch gern erleben, aber dieses Glück wird mir wohl kaum beschieden sein – ich kann von Glück reden, wenn mir überhaupt jemand zuhört. Nichtsdestotrotz erlaube ich mir im Gedenken an Georg Christoph und Marcus Porcius zukünftig immer folgende Abschlussbemerkung:

»Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

In diesem Sinne.

 

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