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Archiv für Oktober, 2008

Wallstreetvirus

Geschrieben von Johannis am 30. Oktober 2008 um 16:06 Uhr

Nachdem das große Börsendrama vor einigen Wochen im Westen begonnen hat, Banken wie vogelgrippekranke Truthähne gekeult und Aktien tonnenweise ins Altpapier verschoben wurden, hat die Seuche nun den Osten erreicht. Tokio erlebte diese Woche den tiefsten Börsenstand seit 26 Jahren, in New Delhi schmierten Aktien und die Rupie ab, Taiwan, Singapur und Korea sind krank – ja, selbst das kleine Nepal hustet. Neulich dachte man hier noch, dass Drittweltländer ohne besondere globale Vernetzung ungeschoren davon kämen, aber nix is’. Und auch die mitgebrachte Vereinsbarschaft hat innerhalb weniger Tage bereits gut 6% an Wert verloren, weil der Euro schrumpft wie ein Penis nach dem Koitus interruptus. Bitter, da wird auch Laxmi – an Tihar, dem hinduistischen Festival des Lichts, gegenwärtig vielbeschäftigte Göttin des Wohlstands – nicht helfen können.

Vor den Türen der Weltgemeinschaft steht die Rezession wie der Kuckuckskleber im Hause Hartz-4, man bettelt um Bares beim IMF, zieht sich warm an und pfeift hoffnungsvolle Töne. Pfeifen im Keller – wer, vom Papa zum Bierholen ins unheimliche Tiefgeschoss geschickt, hat das als Kind nicht praktiziert? Erschreckend ist nur, dass auch die Großen und Mächtigen, die Staaten- und Nationalbankenlenker, sich wie Kinder verhalten, während alles offenbar ständig schlimmer kommt, als sie es uns noch vor ein paar Tagen vorhersagten.

Einerseits hat die Krise ja auch ihr Gutes, wird eine Zeitlang weniger verschwendet, verseucht, gerodet, ausgebeutet als bisher. Weniger unsinnige Flugreisen, weniger alberne Produkte, die keiner braucht, weniger absurder Wachstum von Volkswirtschaften, die doch nur das weltweite Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich fördern. Leider ist auch der Ölpreis im Sturzflug, obwohl die Scheichs vorsorglich den Hahn um 1,5 Millionen Barrel pro Tag zugedreht haben. Wenn der deutsche Michel, aber auch Giovanni, Jean, Jim und John wieder billig tanken können, werden die wenigen ernsthaften Bemühungen zur Schonung des Klimas wieder zu Makulatur.

Im Westen verlieren durch die Rezession Hunderttausende ihre Jobs, schrumpfen die Ersparnisse und Rentenfonds von Menschen, die meist lange und hart dafür gearbeitet haben. In den Entwicklungsländern kämpfen die Bauern mit sinkenden Erzeugerpreisen, die Sweatshopbesitzer mit schwindender Nachfrage nach Billigprodukten, und alle mit dem Verfall der Börsenwerte und Währungen. Nur für die Hungernden der Welt gibt es vielleicht kurzfristig Hoffnung, weil die Preise für Weizen, Soja und andere Agrarprodukte ebenfalls fallen. Globalisierung heißt die Krankheit, sie verschont niemanden, ist die Pest der Neuzeit, und es gibt kein Heilmittel.

Nicht jeder hat so viel auf der hohen Kante wie die Herren Abramovich & Co., die zwar über ihre dutzendweise versenkten Milliarden traurig sein werden, den Verlust aber verschmerzen können. Es ist mir nur ein schwacher Trost, dass auch und gerade die unersättlich Reichen nun mit platzenden Hedgefonds ihre Felle nass werden und davonschwimmen sehen. Was mich vor allem mit Besorgnis erfüllt, ist die Frage, ob man den Mächtigen dieser Tage wohl auch nur annähernd zutrauen kann, dass sie kommende globale Krisen rechtzeitig erkennen, proaktiv angehen und halbwegs professionell lösen. Ich bin sehr skeptisch, besonders wenn ich ans Klima denke. Aber – falls sich noch irgendwer erinnern kann – auch das vor Jahrzehnten von den Russen im Nordmeer versenkte Plutonium, die steigende Zahl von Hungernden, von Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser, die chronische Überfischung der Ozeane und ungebremste Abholzung der verbleibenden Tropenwälder bleiben als Bedrohung ungelöst.

In einer Woche küren die Vereinigten Staaten von Amerika ihr neues Staatsoberhaupt und ich kann – wegen des bescheuerten the-winner-takes-it-all-Wahlsystems der Amis – nur hoffen, dass die Hochrechnungen aufgehen. Den hetzerischen weißhaarigen Vietnamveteranen mit dem ekligen Dauergrinsen und seine verlogene was-sind-denn-schon-150.000-Dollar-wenn-frau-mal-kurz-shoppen-geht-Tussi aus Alaska kann ich nicht mehr sehen, und drohe mit umgehender Selbstentleibung, falls dieses Duo ins Weiße Haus einzieht. Spannend wird es auf jeden Fall, auch wenn Barack gewinnt. Denn wer weiß, wie lange er am Leben bleibt, falls er der erste schwarze Präsident der USA wird. Wie auch immer, die Hoffnung stirbt zuletzt. In diesem Sinne viele Grüße aus Nepal.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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In der Hölle von Bahrain

Geschrieben von Johannis am 26. Oktober 2008 um 17:38 Uhr

Gern würde ich jetzt etwas über die Vorzüge und Annehmlichkeiten von Flugreisen in Zeiten der globalen Mobilität schreiben. Unsere hoch entwickelte Kultur hat eine Unzahl von technischen Errungenschaften hervorgebracht, zu denen unbestritten auch das Flugzeug gehört. Aber dieser Trip stand offenbar von Anfang an unter einem ungünstigen Stern, denn schon in Frankfurt knöpfte Gulf Air mir für läppische fünf Kilo Übergepäck bis nach New Delhi ungerührt den nicht gerade bescheidenen Betrag von 184 Euronen ab. Und das, obwohl der Großteil des Gewichts nachweislich von Gerätschaften verursacht wird, die wir nach Nepal spenden. Wer nicht aufgepasst hat oder nur gelegentlich diesen Blog liest – ich kümmere mich in den nächsten Wochen in Nepal um die Entwicklungshilfeprojekte des Vereins HOPE e.V.

Nachdem ich bezahlt, mich halbwegs abgeregt und den Flieger bestiegen hatte, ging es erstmal deutlich aufwärts, nicht nur höhenmäßig. Eine recht sympathische Ergotherapeutin neben mir und auf dem Minibildschirm in der Rückenlehne vor mir ein saulustiger Film, dazu sogar relativ schmackhaftes Essen – alles war nur noch halb so schlimm. Bis eine übereifrige und turboschnelle Stewardess den Gang entlangstürmte und meinen rechten Ellenbogen traf. An dem seit Jahren mein Unterarm gefestigt ist, dran blöderweise wieder die Hand, in der ich eine Tasse hielt, randvoll mit heißem, gezuckerten Milchkaffee. Der dann zu etwa gleichen Teilen auf mir und der Mannheimer Ergotherapeutin landete. Entsprechend klebrig und mit dem unangenehmen Geruch behaftet, den sonst nur Bürokaffeemaschinen verströmen, in denen bitterbraune Bohnenbrühe stundenlang totgekocht wurde, schreibe ich nun diese Zeilen.

Könnte ich mir für die unzähligen Entschuldigungen der schockierten Saftschubse (eigentlich ja Kaffeeschubse), ihrer ebenso betroffenen Vorgesetzten und des gestrengen Supervisors etwas kaufen, würde ich das Geld wohl kurzfristig in einen Hedgefonds investieren, nach ein paar Wochen die Gewinne mitnehmen und dann umgehend die Aktienmehrheit der Deutschen Bahn erwerben. Wenn die endlich an die Börse geht. Stattdessen sitze ich seit knapp vier Stunden kaffeefleckig in Bahrain und warte auf meinen Anschlussflug, der angeblich heute noch starten soll. Über den hiesigen Flughafen habe ich vor zwei Jahren schon im Blog der WAZ abgelästert, und da ich gegenwärtig meiner physischen Existenz ebenso überdrüssig wie von Herzen gelangweilt bin, kommt er jetzt eben noch mal dran.

Es gibt ja die verschiedensten Konzepte von Hölle. Die Anderen, sauheißes Fegefeuer und Schwefelrauch, wochenlang zusammen mit der Exfrau in einem Atombunker eingesperrt sein, drogenabhängig und leider keine Drogen. Oder sauhungrig mit netten Leuten um einen Riesentiegel voll nahrhaftem Brei gruppiert sein, aber es gibt nur Löffel mit drei Meter langen Stielen, von denen man partout nicht essen kann, weil eben nicht zum Mund führbar. Mein höllischer Favorit ist eine originalgetreue Kopie des Bahrain Airport. Komplett eingerichtet mit vollverschleierten Frauen, ihren plärrenden Kindern und einem Heer männlicher Pakistanis auf Heimreise, die sich alle konstant am Sack kratzen und dabei in einer Lautstärke unterhalten, als stünden sie direkt neben einem laufenden Düsentriebwerk. Dazu ist es hier drinnen schweinekalt. Draußen sind plus 30°, deshalb wird die Klimaanlage so hochgedreht, dass man sich die flimsig-hauchdünne Polyesterdecke zurückwünscht, unter der man bereits im Flugzeug gefroren hat wie ein Schneider.

Am schlimmsten sind aber die automatischen Folterdurchsagen. Hier sind in der Deckenverkleidung Millionen von Lautsprechern installiert, die wattmäßig gut in Diskotheken passen würden. Flächendeckend in einem Raster von höchstens fünf mal fünf Metern, auch auf dem Klo – kein Pardon, kein Entkommen. Alle Ansagen werden in Arabisch, Englisch und Hindi gemacht, wegen der vielen Gastarbeiter vom indischen Subkontinent. Erst kommt ein durchdringendes Pliiinnng-Plooonnng, wie man es vielleicht noch vom Schulkorridor erinnert. Dann der stockende Text, wie erwähnt dreisprachig. Your – attention please! Gulf – Air announces the departure – of its flight – four – seven – six – blablabla. Nochmals die Flugnummer, das Gate, und dann die Auforderung, doch unbedingt dorthin zu gehen und hurtig den Flieger zu besteigen. Zwischen dem Ende einer Ansage und dem nächsten Pliiinnng-Plooonnng vergehen im Normalfall zehn Sekunden, dann kommt erneut eine brandwichtige Bitte um Aufmerksamkeit.

In den letzten drei Stunden betrug die längste Pause ohne jegliche Durchsage exakt 4 Minuten und 37 Sekunden, aber ich vermute, da war der eifrige Durchsagenknöpfchendrücker mal kurz zum Pinkeln raus. Zwischen all den wichtig angekündigten Abflügen dieses Popelflughafens werden wir nebenbei darauf hingewiesen, dass wir hier weder rauchen noch unser Gepäck unbeaufsichtigt rumstehen lassen dürfen. Alles mit einer Lautstärke, die Tote weckt, und in der unnatürlich zerstückelten Betonung, die nur ein Computer hervorbringen kann, der vor Jahren im Studio aufgenommene Satzbruchstücke je nach Bedarf neu zusammenbastelt.

Das Konzept der Finalität ist hier offenbar ebenso unverstanden, wie bei uns zuhause die Tatsache, dass man das Wort einzig nicht steigern kann. Also erschallt die letzte Aufforderung – the final call – ein halbes Dutzend Mal. Gefolgt wird er vom last and final call – spätestens dann hoffe ich, dass die abgestumpften Passagiere endlich zum Gate getrottet sind. Denn nachdem der last and final call einige Male in den wichtigsten Weltsprachen wiederholt wurde, kommt die fleischgewordene Ansage. Ein Uniformierter mit Walkie-Talkie läuft hektisch durch die allerorts aufgestellten Reihen sauunbequemer Plastiksitzmöbel und brüllt allen Leuten den Namen des Zielorts ins Gesicht, für den ihm noch Mitreisende fehlen. Dann sollte man besser nicht so aussehen, als würde man schlafen und nach Lahore wollen, sonst wird man unbarmherzig wachgerüttelt.

Das Einzigste, was mich trösten kann, ist die Abwärme des Laptops auf meinen Knien. Wenigstens ein klitzekleines Bisschen Behaglichkeit in dieser feindlichen Welt. Ach ja, hab ich schon erwähnt, dass ich auch in Delhi nochmals sechs Stunden Aufenthalt habe? Da ist der Transitbereich angenehmerweise ungekühlt, dafür aber so obersiffig, dass man sich nicht hinsetzen mag. Aber zum Glück hat die Hose ja schon Kaffeeflecken.

Guten Flug!

PS: Ab jetzt gibt es auf den Seiten von Sheng Fui immer Mittwochs einen Gastbeitrag aus der asiatischen Fremde. Handgestrickt von mir, atmosphärisch dicht und meist bebildert, randvoll mit Insiderkostbarkeiten und garantiert mit einem Extraklacks Betroffenheit. Leider auch in Verbindung mit einem Spendenaufruf zu Gunsten von HOPE e.V., der sich aber leicht ignorieren lässt.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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Malariaanfall

Geschrieben von Johannis am 25. Oktober 2008 um 18:25 Uhr

Nein, dies ist noch kein Tatsachenbericht aus Nepal, es geht um stinknormale Erste-Welt-Themen, nur um die Neurosen eines mittelalten Sacks. Midlife-Crisis, dacht’ ich jedenfalls immer, ist wie Mumps. Oder Masern. Kriegt man einmal und dann ist gut. Stimmt aber nicht. Eine anständige Midlife-Crisis ist wie Malaria – einmal befallen bekommt man immer wieder Fieberschübe, die dramatisch, in seltenen Fällen sogar letal verlaufen. Das heißt tödlich. Allerdings nur bei Kindern und alten Leuten. Also Malaria, nicht Midlife-Crisis, denn Kinder leiden zum Glück bisher eher selten an der Midlife-Crisis und alte Leute sind meist schon zu alt dafür. Heißt ja schließlich nicht Endlife-Crisis oder Finalkrise. Gott, was’n verkorkster Anfang!

Im Januar 1983 hab ich mir auf Sri Lanka das Dengue-Fieber eingefangen. Von einem Tag auf den nächsten war ich plötzlich sterbenskrank, delirierte im Fieberwahn und wäre sicher ruckzuck verglüht, wenn meine damalige Lebensabschnittsgefährtin mich nicht ständig in nasse Betttücher gewickelt und rund um die Uhr gekühlt hätte. Wahrscheinlich wollte sie bloß nicht allein durch das vom frisch erblühten Bürgerkrieg geschüttelte Tropenparadies reisen. Egal, trotzdem danke.

Nach ein paar Tagen war ich immerhin fit genug, um mich aus dem Haus zu schleppen und mit einem klapperigen Dreiradtaxi in die nächste Arztpraxis zu gurken. Dort bekam ich teure Antibiotika und ebenso teure nutzlose Ratschläge, juckelte dann zurück ins Hotel und legte mich wieder ins Bett. Zum Sterben. Erst ein fiesbitterer, dickflüssig-rabenschwarzer Kräutertrank, den mir Tage später die runzlige Köchin der Pension verabreichte, brachte mich schließlich wieder auf die Beine. Trotz allem – der beste Moment auf dieser Reise war jener, an dem wir unseren Rückflug umbuchen konnten. Schon nach drei statt fünf Wochen Rucksacktour durch Sri Lanka sind wir wieder ins wintereisige Norddeutschland gedüst, und ich hab dort gern ein bisschen gefroren.

Was das alles mit dem Thema Midlife-Crisis zu tun hat? Wenig. Außer, dass ich naiv und voreilig gehofft hatte, ich würde im nicht mehr besonders zarten Alter von nunmehr 50 Jahren von allen Rückfällen verschont bleiben. Keine Attacken von unüberwindbarem Lebenszweifel mehr, nur heiteres Sich-in-sein-Schicksal-fügen-und-nicht-mehr-Nörgeln, erste Zeichen von Altersweisheit – so etwa hatte ich mir das vorgestellt. Pustekuchen. [Das ist doch ein seltsamer Ausdruck, oder? Hier gibt es mehrere Theorien dazu. Mir fällt spontan der mit brennenden Kerzen zugepflasterte Geburtstagskuchen ein, und die Atemnot, die Fastgreise wie mich beim Aushauchen von fuffzich oder mehr blakenden Wachsdochten befällt.]

Gegen Malaria gibt es Medizin und Bill Gates, der sie zusammen mit Melinda ausrotten will. Nein, er will seine Frau nicht ausrotten. Warum kümmern die sich eigentlich nicht um uns gebeutelten Frühsenioren, Kohle genug haben sie doch wohl? Wieder egal. Und ein anständiges Ende für diesen Text fällt mir auch nicht ein. Noch mal egal.

Schluss.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

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Guuuuute Nachrichten!

Geschrieben von Johannis am 23. Oktober 2008 um 14:33 Uhr

Ständig warte ich darauf, dass man mir mindestens mittelschwere Miesepetrigkeit unterstellt, werde dem aber jetzt schon prophylaktisch entgegentreten und frei nach Herrn Kästner den Blick entschlossen auf das Positive richten. Kürzlich gaben die Medien die neuesten Berechnungen zur planetaren Erwärmung bekannt, sie kamen – glaub’ ich – aus dem Haus Max und Planck. Demnach geht alles überraschenderweise – genau wie beim Entstehen ungewollter Schwangerschaften – viel schneller als gedacht, und der blöde Meeresspiegel wird bis zum Ende des Jahrhunderts nicht um vorausgesagte vierzig, sondern eben um hundert Zentimeter steigen. Pah, ein läppischer Meter, das Wasser reicht mir dann noch nicht mal bis zum Bauchnabel!

Keine große Sache, sagen sich also die meisten Leute, obwohl so mancher Mann gern ein paar Zentimeter mehr in der Hose hätte. Alles halb so wild, denken sie sich, denn im Meer gibt es doch sowieso Ebbe und Flut – den Anstieg kann man also gar nicht exakt messen. Und wer will schon ernsthaft bis zum Sylvestercountdown im Jahr 2099 durchhalten, so rechthaberisch ist doch niemand. Höchstens ich. Und die Bewohner jener halben Handvoll kleiner Inseln, auf denen man wohl tatsächlich nasse Füße bekommt, könnten doch nach Oberbayern umgesiedelt werden, zum Kühe hüten. Nein, keine Seekühe.

Richtig klasse ist, dass wir bald all die tollen, superpreiswerten und ungeheuer nützlichen Produkte aus China noch ein bisschen billiger einkaufen können. Denn das unzuverlässige Polareis macht sich derart dünne, dass im September dieses Jahres sowohl Nordost- als auch Nordwestpassage eisfrei waren. Man hätte also mit dem Schiff am Nordpol vorbei nach Shanghai und Peking fahren können, das spart Zeit und Sprit. Bald ist es soweit, dann werden die Containerfrachter zumindest während der Sommermonate da entlang schippern. Die Strecke ist gut 4,000 Seemeilen kürzer, eine echte Erfolgsstory also. Wer’s nicht glaubt kuckt hier.

Wunder geschehen immer wieder, bestimmt kommt alles noch viel besser, wir haben bloß keine Ahnung. Man sollte den blöden Begriff Klimakatastrophe zum Unwort des Jahres wählen und statt dessen von Klimachancen oder Erderwärmungsgewinnen reden. Wenn wir noch ein paar zusätzliche Windparks an die Nordseeküste setzen, brauchen wir bald überhaupt keine Kohle- oder Kernkraftwerke mehr. Die regelmäßig vom Atlantik heranziehenden Orkane lassen dann die Generatoren rotieren, dass es nur so brummt. Und geheizt wird höchstens drei Wochen im Jahr, vielleicht zu Weihnachten – nur weil’s vorm Kamin so schön gemütlich ist. Schöne Aussichten, oder?

Na siehste, Johannis, es klappt doch mit dem Positiven.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

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Kinderhasser 1.0

Geschrieben von Johannis am 19. Oktober 2008 um 13:52 Uhr

In dem Bemühen, mich bundes- oder weltweit – ach, was soll die Bescheidenheit, in der gesamten Galaxie – unbeliebt zu machen, bin ich ja schon über die verschiedensten Bevölkerungsgruppen hergezogen. Religiöse Menschen fast jeder Couleur, Frauen, Migranten, Blondinen, Autofahrer, Migranten, Mitarbeiter von Bibliotheken und Energieversorgungsunternehmen, Anwälte, Selbstmordattentäter, Migranten, Nachbarn, Architekten, Leute, die zwanghaft in Blogs kommentieren, und so weiter und so fort.

Wenig Aufmerksamkeit wurde dabei jedoch dem Nachwuchs gewidmet, den kleinen Kackern, die je nach Grundeinstellung und Größe als allerliebste Schätze, stinknormal als Blagen oder auch als Teppichratten bezeichnet werden. Kinder. Ich habe zum vorpubertären Jungvolk eigentlich einen recht guten Draht, oder ich unterschätze die Fähigkeit von Klein- und Mittelkindern, sich clever zu verstellen. Ob das aus Mitleid mit dem kinderlosen Onkel, aus Spaß am fiesen Spiel oder schlicht aus perfider Berechnung geschieht, ist dabei erstmal egal. Jedenfalls bilde ich mir ein, dass Kinder mich meist mögen, was meiner Meinung nach eine direkte Folge davon ist, das ich sie erstmal als vollwertige Menschen ansehe und mit Gören nicht durch Heiteiteih-Duziduziduzi-Gesabbel kommuniziere.

Nun muss ich allerdings umschwenken und eine brutale Attacke gegen Kinder allgemein und die Blagen meines muslimischen Nachbarn im Besonderen reiten. Ich habe den Mann ja bereits erwähnt, als er – geschickt die Mentalität des deutschen Blockwarts adaptierend – es schaffte, sich einen etwa fuffzich Meter langen Behindertenparkplatz für seinen rostigen Golf III zu beschaffen. Weil die vierjährige Tochter geistig und körperlich behindert ist. Wann sie den Führerschein bekommt, wage ich nicht vorauszusagen. Egal, darum geht es hier nicht.

Es geht um Lärm und artgerechte Säugetierhaltung, denn der Mensch ist ja ein Säuger. Die Häuser in meiner Straße wurden 1922 fertiggestellt, das war lange vor DIN, Porenbeton und Steinwolle. Die Zimmerdecken sind zwar recht hoch, aber die Wände dünn und daher kann man hier drin jeden Furz hören. Leider auch aus dem Nachbarhaus, das wohl einfach bündig an meine Bude angemörtelt wurde.

Nebenan tummeln sich zwei kleine Mädels, die auch bei schönem Wetter nie raus dürfen, weil Mama kein Wort Deutsch spricht und eben – außer kopfbetucht und im knöchellangen Mantel zum Lidl – auch nicht aus dem Haus geht. Krabbelgruppe, Kindergarten oder wenigstens der Spielplatz mit Schaukel, Rutsche und Sandkiste hinten im Hof – nix is! Mama redet auch nicht mit den Kindern – von denen die Ältere fast ständig weint – sondern sie schweigt beständig. Oder kreischt die Kurzen an. Das ist im Grunde eine gute Vorbereitung auf Begegnungen mit Papa, denn der brüllt genauso. Nur lauter.

Die Arbeit des Schreibens ist bekanntlich, abgesehen vom Tastengeklapper, mit wenig Lärm verbunden. Drum entwickelt sich bei Autoren oft eine beträchtliche Geräuschempfindlichkeit, was man aber mit etwas gutem Willen verstehen könnte. Denn wir suchen permanent nach dem idealen Wort und dem perfekten Ausdruck, durchforschen das Hirn nach netten Formulierungen und martern unsere graue Masse, melken muntere Metaphern heraus. Und nebenan toben die Scheißblagen, als wenn man sie mit Speed und Epo gedopt hätte. Und dann kommt das muselmanische Familienoberhaupt von der Arbeit, parkt den Golf mittig auf seinem Behindertenparkplatz, der lang genug für drei Reisebusse ist, und brüllt den Nachwuchs zusammen. Weil Papa beten muss. Wozu er aber erstmal hammerlaut seinen MP3-Muezzin laufen lässt. Hier machste was mit!

Folgerichtig bin ich stinksauer. Auf alle und jeden, kann mich aber nicht recht entscheiden, wen oder was ich am meisten hasse. Mein Vaterland, weil es solche Pädagogik-, Kommunikations- und Integrationsversager überhaupt rein lässt? Die beiden Mädchen, die dauereingesperrt verständlicherweise den Hüttenkoller kriegen, und bald die gigantische Gruppe der Schulanfänger ohne Deutschkenntnisse bereichern werden? Die Alten, weil sie so strunzdumm und instinktlos sind, und ihre Kinder wie Köter aufziehen? Mich selbst, weil ich vor Jahren mit der buddhistischen Meditation aufgehört und dafür das Schreiben begonnen habe? Oder weil ich nicht Investmentbanker geworden bin, und mir deshalb auch keine eigene Insel im Südpazifik leisten kann? Die Piloten der alliierten Bomberstaffeln, weil sie weiland ausgerechnet die Häuser in meiner Straße nicht anständig getroffen haben, und ich daher in hellhörigem Altbaumaterial wohne, anstatt im wiederaufgebauten und gedämmten Nachkriegskasten? Noch mal mich, weil ich mich verdammtnochmal nicht entscheiden kann, ob ich jetzt nach nebenan gehe und den Rambo mache, per Telefon das Jugendamt informiere oder doch wieder meditiere?

Es ist wie verhext! Ich versuche den Schmerz und die Wut wegzuatmen. Is’ nich’ leicht.

Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«

 

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