Wallstreetvirus
Geschrieben von Johannis am 30. Oktober 2008 um 16:06 Uhr
Nachdem das große Börsendrama vor einigen Wochen im Westen begonnen hat, Banken wie vogelgrippekranke Truthähne gekeult und Aktien tonnenweise ins Altpapier verschoben wurden, hat die Seuche nun den Osten erreicht. Tokio erlebte diese Woche den tiefsten Börsenstand seit 26 Jahren, in New Delhi schmierten Aktien und die Rupie ab, Taiwan, Singapur und Korea sind krank – ja, selbst das kleine Nepal hustet. Neulich dachte man hier noch, dass Drittweltländer ohne besondere globale Vernetzung ungeschoren davon kämen, aber nix is’. Und auch die mitgebrachte Vereinsbarschaft hat innerhalb weniger Tage bereits gut 6% an Wert verloren, weil der Euro schrumpft wie ein Penis nach dem Koitus interruptus. Bitter, da wird auch Laxmi – an Tihar, dem hinduistischen Festival des Lichts, gegenwärtig vielbeschäftigte Göttin des Wohlstands – nicht helfen können.
Vor den Türen der Weltgemeinschaft steht die Rezession wie der Kuckuckskleber im Hause Hartz-4, man bettelt um Bares beim IMF, zieht sich warm an und pfeift hoffnungsvolle Töne. Pfeifen im Keller – wer, vom Papa zum Bierholen ins unheimliche Tiefgeschoss geschickt, hat das als Kind nicht praktiziert? Erschreckend ist nur, dass auch die Großen und Mächtigen, die Staaten- und Nationalbankenlenker, sich wie Kinder verhalten, während alles offenbar ständig schlimmer kommt, als sie es uns noch vor ein paar Tagen vorhersagten.
Einerseits hat die Krise ja auch ihr Gutes, wird eine Zeitlang weniger verschwendet, verseucht, gerodet, ausgebeutet als bisher. Weniger unsinnige Flugreisen, weniger alberne Produkte, die keiner braucht, weniger absurder Wachstum von Volkswirtschaften, die doch nur das weltweite Ungleichgewicht zwischen Arm und Reich fördern. Leider ist auch der Ölpreis im Sturzflug, obwohl die Scheichs vorsorglich den Hahn um 1,5 Millionen Barrel pro Tag zugedreht haben. Wenn der deutsche Michel, aber auch Giovanni, Jean, Jim und John wieder billig tanken können, werden die wenigen ernsthaften Bemühungen zur Schonung des Klimas wieder zu Makulatur.
Im Westen verlieren durch die Rezession Hunderttausende ihre Jobs, schrumpfen die Ersparnisse und Rentenfonds von Menschen, die meist lange und hart dafür gearbeitet haben. In den Entwicklungsländern kämpfen die Bauern mit sinkenden Erzeugerpreisen, die Sweatshopbesitzer mit schwindender Nachfrage nach Billigprodukten, und alle mit dem Verfall der Börsenwerte und Währungen. Nur für die Hungernden der Welt gibt es vielleicht kurzfristig Hoffnung, weil die Preise für Weizen, Soja und andere Agrarprodukte ebenfalls fallen. Globalisierung heißt die Krankheit, sie verschont niemanden, ist die Pest der Neuzeit, und es gibt kein Heilmittel.
Nicht jeder hat so viel auf der hohen Kante wie die Herren Abramovich & Co., die zwar über ihre dutzendweise versenkten Milliarden traurig sein werden, den Verlust aber verschmerzen können. Es ist mir nur ein schwacher Trost, dass auch und gerade die unersättlich Reichen nun mit platzenden Hedgefonds ihre Felle nass werden und davonschwimmen sehen. Was mich vor allem mit Besorgnis erfüllt, ist die Frage, ob man den Mächtigen dieser Tage wohl auch nur annähernd zutrauen kann, dass sie kommende globale Krisen rechtzeitig erkennen, proaktiv angehen und halbwegs professionell lösen. Ich bin sehr skeptisch, besonders wenn ich ans Klima denke. Aber – falls sich noch irgendwer erinnern kann – auch das vor Jahrzehnten von den Russen im Nordmeer versenkte Plutonium, die steigende Zahl von Hungernden, von Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser, die chronische Überfischung der Ozeane und ungebremste Abholzung der verbleibenden Tropenwälder bleiben als Bedrohung ungelöst.
In einer Woche küren die Vereinigten Staaten von Amerika ihr neues Staatsoberhaupt und ich kann – wegen des bescheuerten the-winner-takes-it-all-Wahlsystems der Amis – nur hoffen, dass die Hochrechnungen aufgehen. Den hetzerischen weißhaarigen Vietnamveteranen mit dem ekligen Dauergrinsen und seine verlogene was-sind-denn-schon-150.000-Dollar-wenn-frau-mal-kurz-shoppen-geht-Tussi aus Alaska kann ich nicht mehr sehen, und drohe mit umgehender Selbstentleibung, falls dieses Duo ins Weiße Haus einzieht. Spannend wird es auf jeden Fall, auch wenn Barack gewinnt. Denn wer weiß, wie lange er am Leben bleibt, falls er der erste schwarze Präsident der USA wird. Wie auch immer, die Hoffnung stirbt zuletzt. In diesem Sinne viele Grüße aus Nepal.
Ceterum Censeo: »Im Übrigen bin ich der Meinung, dass die Menschheit in rasantem Tempo und offenbar vorsätzlich ihre Lebensgrundlagen vernichtet. Nur radikal geändertes Denken und Handeln kann uns retten. Zur Umkehr bleibt kaum noch Zeit.«
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