Taubstummentreppenhausterror
Geschrieben von Johannis am 3. August 2008 um 11:21 Uhr
Regelmäßige Besucher dieser dubiosen Seiten wissen ja schon ein paar Dinge über das Haus, in dem ich die Tasten malträtiere. Hier leben fast nur Wahnsinnige oder zumindest grenzwertig Gestörte. Wenn man von mir mal absieht, natürlich. Das beginnt unten mit einem Architekturstudenten im 97. Semester, der sich optisch durch einen wildwuchernden Fusselbart immer mehr dem Herrn Karadžić angleicht – allerdings bevor der Held von Srebrenica frisch rasiert im Den Haager Nordseeheilklima eintraf.
Der Studi ließ 10 Monate lang sein Auto vorm Haus vergammeln, bis er dann ein fettes Knöllchen bekam und die paralysierte Kiste kürzlich an ein paar Polen verscherbelte. Diese Masche wird übrigens immer populärer, aktuell sind draußen ein Mercedes 124 und ein Astra-Kombi im Angebot, die langsam vom Unkraut überwuchert werden. Nicht mehr lange, und wir haben hier das echte Bronx-Feeling, so mit aufgebockten, ausgeweideten Limousinen und frierenden Obdachlosen, die ihre schwieligen Hände über Blechtonnen strecken, in denen ein Feuer lodert.
Der Typ gegenüber vom Studi ist ein mittelalter Sack und fast immer weg. Trotz der häufigen Abwesenheit stinkt seine Hütte auch bei geschlossener Tür derart, dass ich am liebsten zu Mauerkelle und Ytong-Steinen greifen würde. Meinetwegen sogar, während er noch drin ist. Zwischen den beiden wohnt ein Jungspund, der seine Hütte nur verlässt, um sich am Kiosk Cola in Maxipullen zu holen. Er lebt ausschließlich von dem Zeug, hat seinen Stoffwechsel komplett auf Phosphorsäure und Zucker umgestellt und wiegt etwa 150 Kilo. Tendenz steigend. Und sitzt von früh bis spät vor der Glotze. Unterschichtenfernsehen, obwohl er nicht verblödet ist. Noch nicht.
Dortmund ist ja stets gut für Rekorde. 1,6 Millionen Piepel bei der Laffparäht und eine Woche später 203 Millimeter Niederschlag auf jeden Quadratmeter. An einem sehr kurzen Nachmittag, ganze Stadtviertel sind abgesoffen. Wenn dann bald die echte Sintflut kommt, verpuppt sich der Colatrinker, wird aus dem Sessel und durchs Erdgeschossfenster gespült und kurz darauf von seinem Ebenbild begrüßt. Dem Buckelwal aus der Ostsee.
Ein Stockwerk höher wohnt nebst Perle der bereits hinlänglich bespöttelte Mann mit dem Bundeswehrtrauma, und den beiden gegenüber der Autor dieser Zeilen. Aber über diesen Mann fällt mir beim besten Willen nichts Despektierliches ein. Dazwischen lebt Indianer Wolf, komplett verwirrt mit Südstaatenflagge, Bürgerkriegsuniform, grauem Filzkäppi und stilechten Militärstiefeln. An der Wohnungstür warnt er mit einem Schild, ist aber eher harmlos. Und taubstumm. Korrekt heißt das jetzt zweifellos anders und stimmt dazu nicht mal, denn er kann ein paar Worte. Scheiße. Arbeit. Morgen. Telefon. Ansonsten keckert und grunzt er vor sich hin. Und zeichenspracht.
Er liebt den Geruch von Freiheit und Abenteuer und besitzt seit einem Jahr ein seltsames blaues Moped mit extrem uncoolem Spritzschutz für den Beinbereich. Das Gerät würde ideal zu einer japanischen Hausfrau im Alter von Mitte fünfzig passen, die zwischen Reisfeld und Bambushain auf dem Dorf lebt. Aber nicht zu einem wolfsblütigen Nachkommen der Easy-Rider-Generation. Er hat uns übrigens neulich ein Bild des bereits bestellten Nachfolgemodells gezeigt, ein Softchopper mit mickerigen 125 cm² Hubraum aus einem optisch aufgeblähten Zylinder. Dahinter ist sogar noch ein Attrappenzylinder montiert, damit das Zweirad etwas mehr nach Harley aussieht. Voll peinlich! Zum Glück kann Indianer Wolf die Sprüche anderer Biker nicht hören, wenn die sich an der Ampel vor Lachen bepissen. Er wundert sich höchstens, wieso neben ihm permanent Leute von ihren Maschinen kippen.
Eingesperrt in der Stille seines gehörlosen Schädels macht der Nachbar gern Krach. Verständlich. Wenn er was von mir will (z.B. mein Fax benutzen, sich 20 Euro pumpen oder die Nebenkostenabrechnung erklärt bekommen), klingelt er und ballert gleichzeitig mit der Faust gegen die Tür. Ich könnte ja über Nacht stocktaub geworden sein. Beim Treppenhausputz hämmert er derart mit Besen und Schrubber um sich, dass man akut um das Überleben der alten Terrazzostufen fürchten muss.
So auch am gestrigen Samstagmorgen, gegen acht ging’s los. Als ich irgendwann die Tür öffnete und ihn verpennt aber gleichzeitig blitzwach und entgeistert anglotzte, dabei auf eine imaginäre Armbanduhr und sofort danach an meine Schläfe tippte, erklärte mir Indianer Wolf gestenreich, dass er sehr früh aus dem Haus muss. Warum das seit Wochen versiffte Treppenhaus nicht bis zu seiner Wiederkehr dreckig bleiben kann, haben wir nicht weiter diskutiert. Ich machte das internationale Zeichen für Spinner und er verblüffte mich mit einer Geste, die oft bei Begegnungen mit dem Dalai Lama gesehen wird. Beide Handflächen aneinandergelegt verbeugte sich der Pseudo-Motorradrocker tief vor mir. Mehrfach. Ist bei einem Dreiviertelerleuchteten wie mir natürlich durchaus angebracht. Aber sagt mal selbst, wie soll man danach auf so einen Spinner noch sauer sein können?
Ich hab’s dann noch mit einem Nickerchen versucht und mich in die gute alte Zeit zurückgeträumt. Als Oma Frieling noch lebte und die Mieterschaft brav wöchentlich mit Feudel und Schrubber durchs Treppenhaus werkelte. Als man sogar oben auf dem Trockenboden regelmäßig putzte. Zum Beweis füge ich eine Liste von der Tür des Dachbodens ein, letzte Eintragung aus dem Mai 1991. Und verrate heute nicht, wer über mir wohnt, denn erstens ist dieser Text eh schon viel zu lang, und zweitens lebt dort einer meiner wenigen Stammleser. Den will ich ausnahmsweise mal ungeschoren lassen, obwohl er in den Augen des inoffiziellen Blockwarts natürlich auch ein Strolch ist. Aber egal, Schwamm drüber.
Schön’ Sonntach!
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