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Archiv für Juni, 2008

Geballtes Hirn im Sommerloch

Geschrieben von Johannis am 29. Juni 2008 um 14:22 Uhr

All jene, die jetzt eine Fortsetzung meiner bekanntermaßen hochpräzisen EM-Weissagungen befürchten, dürfen sich weitgehend entspannen. Die für Mittwoch erwarteten Blutbäder sind ja glücklicherweise auch ausgeblieben, und dass mich der türkische Nachbar angemistet hat, weil ich seinen leicht behinderten Stil beim Parken süffisant kommentierte, kann wohl kaum als Ausbruch des bevorstehenden Kriegs der Kulturen gelten.

Nur soviel, heute geht es 3:1 aus, für die Russen Spanien. Und das ist gut so. Punkt.

Themenwechsel. Verwundert hörte ich vorhin im WDR, dass auf Herrn Tiefensee anscheinend der heilige Geist herniedergefahren ist. Der Verkehrsminister muss ein ganze Reihe von luciti intervalli durchlebt haben, oder er lässt mein Telefon anzapfen. Es soll neue Regeln geben, zur Stauvermeidung. „Auf stark befahrenen Autobahnen sollten die Lastwagen ausschließlich die rechte Spur benutzen, alle anderen Spuren gehören den Autos”, sagte er zur Sonntagspostille der deutschen Intelligentia, der BamS.

Ich fordere schon seit einigen Jahrhunderten bei jeder passenden Gelegenheit ein bundesweites Überholverbot für Lastwagen. Welchen Sinn machen denn Idiotenregeln wie auf der A1 gen Norden, wo ich von 6 bis 20 Uhr stur 120 km/h einhalten soll, während die Brummis brav rechts fahren müssen. Pünktlich zu Beginn der Tagesschau kann ich dann mit (elektronisch abgeregelten!) 250 Sachen über die Bahn donnern und rausche von hinten unter die Sattelauflieger der LKWs beim Elefantenrennen, weil die endlich wieder mit 87,3 km/h nebeneinander herkriechen und ihre Lenker sich gegenseitig in die Führerkabinen glotzen dürfen.

Zu den Maßnahmen zur Stauvermeidung gehört laut Tiefensee auch, zur Hauptverkehrszeit in den Ballungsräumen die Standstreifen auf Autobahnen als zusätzliche Spur freizugeben. Das ist garantiert eine Sommerloch-Ente, denn der germanische Durchschnittslenker kommt mit solchen Anarchoregeln niemals klar. Das Einfädeln im Reißverschlussverfahren klappt ja bis heute nicht, siebeneinhalb Jahre nachdem es Vorschrift wurde. Aber immerhin, die Dynamik des Gesetzgebers ist beeindruckend, bis zur überfälligen Einführung einer gesamtdeutschen Geschwindigkeitsbegrenzung ist es offenbar nicht mehr lange hin. Ich schätze, dass sie im Juli 2032 kommt. Herr Tiefensee, wenn Sie noch ein paar Tipps oder Anregungen brauchen, Sie haben ja meine Nummer…

Jetzt ist aber erstmal Sommerpause im Bundestag. 11 Wochen lang. Wieso haben die Damen und Herren Volksvertreter eigentlich doppelt so viel Ferien wie der Normalbürgerotto? Und warum findet man nirgendwo Angaben, wie lang die Winterpause ist? Es gibt sie, aber keiner weiß wann.

Ich mach jetzt auch Pause, muss mich aufwärmen für nachher. Eviva España!

 

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Migrantenkick

Geschrieben von Johannis am 25. Juni 2008 um 17:44 Uhr

Heute ist ein Tag des Dramas, voller sich anbahnender Tragik, fiebriger Nervosität und garantierter mitternächtlicher Übellaunigkeit. Heute werden Innenstädte in Bier, Blut und betäubendem Gebrüll versinken, werden nörgelnde Frauen und vorlaute Kinder zu Unrecht geschlagen, ins Bett oder an den Herd verbannt, egal ob mit oder ohne Kopftuch. Der heutige Tag wird auf jeden Fall bitter enden, denn heute fliegen die Türken aus dem Wettbewerb. Sie können nachher in Basel noch ein letztes Mal kostenlos warm duschen, bevor sie die Sporttaschen packen und samt ihrer bisher vom Schicksal unfairst begünstigten Gurkentruppe nach Anatolien ausgewiesen werden.

Tough luck, aber das Spiel wird aus Sicht der Türken 1:4 enden, in der regulären Spielzeit. [Man achte bitte auf die Uhrzeit, zu der dieser Beitrag ins Netz gestellt wurde!] Und dann kriegen wir braven Germanen aufs Maul, werden tausende schwarzrotgoldener Fahnen brennen und feurig sowie fies rußend als geschmolzenes Polyacryl auf ordentlich polierte Autodächer tropfen, spucken uns heimtückische Köche in eben bestellte Dönertaschen, werden Zähne ausgeschlagen und Kieferknochen splittern, denn es darf nicht angehen, dass wir die bessere Mannschaft haben.

Falls ich – undenkbar eigentlich – wider Erwarten falsch liegen sollte, und der grob- und feinmotorisch gestörte Herr Rüstü nicht mindestens viermal hinter sich ins Netz fassen muss, wird es noch schlimmer kommen. Wir Herrenmenschen sind bekanntlich ganz schlechte Verlierer, einige behaupten ja nach wie vor, dass wir den 2. Weltkrieg im Grunde gewonnen haben. Fällt mir sofort mein Mathelehrer Karl-Heinz Karbe ein (hoffentlich längst Friede seiner Asche, ansonsten verklagen Sie mich ruhig, ich habe Zeugen!), der uns in der Mittelstufe wiederholt erklärte, er sei auf Knien weiter in Russland herumgekommen, als wir überhaupt bisher durch die Welt.

Also, die Türken gewinnen und kein Deutscher wagt es, sich zu freuen. Wegen der Migranten, wie sollen die sich denn integrieren, wenn wir immer über sie lachen. Als nächstes brennen aber wieder ein paar Häuser. So wie in Ludwigshafen, das war ja auch Brandstiftung, obwohl selbst die extra angereisten türkischen Kollegen den Brandermittlern aus Rheinland-Pfalz bescheinigten, dass sie den Fall sauber und vollständig aufgeklärt haben. Schade eigentlich, natürlich muss solch gemeines Gestichel wieder von mir kommen, ist doch bekannt, dass ich pollitickäll Korrecktniss nicht mal richtig schreiben kann.

Egal. Oder Kic delik (sprich Ssick dällick), was ungefähr soviel heißt wie Arschlecken, auch wenn an das c unten noch so ein komischer Haken dran muss. Im Finale müssen wir dann leider noch die Russen enttäuschen, auch Migranten. Als Rache für die systematischen Vergewaltigungen vor und nach ’45. Und weil sie damals unsere Fabriken abgebaut und in den Osten verfrachtet haben, wo sie dann vergammelten. Und wegen der aktuellen Gaspreise. Die Gerechtigkeit wird siegen. Oder eben nicht.

Mir doch egal. Ich bin übrigens dafür, dass die Teilnahme an Autokorsos (oder sagt man Korsi?) mit Führerscheinentzug nicht unter drei Monaten bestraft wird. Nervt doch, das Gehupe, oder?

Also schlaft schön, nachher!

 

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Schweine auf Rädern

Geschrieben von Johannis am 23. Juni 2008 um 12:53 Uhr

Einer der wichtigsten Tage meines Lebens war der 18. Mai 1977, denn nahezu zeitgleich mit dem Abiturzeugnis erhielt ich ein viel wichtigeres Papier – den Führerschein Klasse eins und drei. Die Originalfleppe wurde mir zwar zwei Jahre später in Marokko geklaut, aber auch das graue Ersatzdokument aus dem Oktober 1979 ist mir lieb und teuer, zeigt es doch jenen wachen, nachdenklichen und noch recht milchbärtigen jungen Mann, in dessen Haut ich damals offenbar steckte. Nichts bleibt, wie es ist. Der Spaß am Fahren ist Geschichte.

Bereits einige Jahre früher hatte ich mit dem Bestehen der Jägerprüfung den Jagderlaubnisschein und damit das Recht erworben, mit einer Flinte durch den Wald zu stromern. Es ist sicher gut, dass ich das Waidwerk schon in den Achtzigern samt Filzhut an den Nagel gehängt habe und heute unbewaffnet bin. Ansonsten hätte ich gestern vielleicht mal so im Vorbeifahren einen BMW-Besitzer erschossen. Die jungen Araber in dem Mercedes B-Klasse (Kennzeichen HH-DE 5577, sicher eine neue Harburger Schläferzelle) vielleicht auch noch, aber der Verkehr war sehr dicht und es saßen gleich vier Mann im Wagen. Ungünstig, denn die trifft man kaum alle tödlich. Und auch wenn sich die Karre nach dem Tod des Fahrers überschlägt und in Flammen aufgeht, sind ärgerliche Überlebende und somit Zeugen nie auszuschließen.

Wovon ich hier eigentlich schwadroniere? Roadrage! Die schwindenden Freuden der Automobilität. Zwischenmenschliches auf der Autobahn, in meinem Fall die A1. Ein runder Geburtstag führte mich nach Hamburg und gestern nachmittags wieder zurück. Schweine mit Flügeln war ein Buch über Sex und Politik, es lag früher im Bad einer WG, deren Teil ich war. Schweine auf Rädern findet man heutzutage überall, denn zwischen Mittelleitplanke und Standstreifen wird genötigt, was das Zeug hält. Drängeln, Schneiden, rechts Überholen, Ausbremsen, dutzendfach gereckte Fickfinger, Licht- und Tonhupen – das Repertoire des Homo sapiens am Ende des mobilen Zeitalters.

Gut also, dass ich keine 9 Millimeter Heckler & Koch im Handschuhfach hatte, denn den Fahrer des tiefergelegten BMW-5er-Kombis hätte ich gern in die ewigen Jagdgründe geschickt. 120 waren erlaubt, ich hatte 145 auf dem Tacho und er ballerte von hinten heran wie ein ICE der neuesten Generation. Zwei Meter Abstand zu meiner Heckklappe, mein Rückspiegel zeigte einen Stiernacken plus stoppelblonde Nazifrisur und dazwischen das Gesicht eines Gewohnheitsvergewaltigers. Ich passierte das Wohnmobil, schwenkte hurtig auf die rechte Spur und zeigte mit gelassener Mimik das Taucherzeichen für Okay (Daumen und Zeigefinger zum Kreis geschlossen) am Seitenfenster. Nur mit extremer Böswilligkeit lässt sich diese Geste der Fairness so übersetzen, als hätte ich den Herrn als Arschloch bezeichnen wollen. Was mir natürlich komplett fern lag.

Er reagierte mit einem fiesen Seitschwenk auf meine Spur, der seine Breitreifen quietschen ließ wie vier junge Eber beim Kastrieren, und weniger abgebrühte Verkehrsteilnehmer sicherlich zum Herzstillstand sowie direkt in den Graben getrieben hätte. Jahrelanger Einsatz als Taxifahrer, die Schadensfreiheitsklasse 23 und dazu das Wissen um die Schlechtigkeit der Menschen hielten mich jedoch stoisch in der Bahn. Seine blöde Visage hätte ich aber doch gern gesehen, wenn er Minuten später beim nächsten Rückstau ganz locker und rechts von mir überholt worden wäre. Kurz bevor dann das Hochgeschwindigkeitsteilmantelgeschoss seine Seitenscheibe durchschlägt und ihm die Schädeldecke wegreißt.

Blonde Sau, germanische.

 

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Nahtoderlebnisse

Geschrieben von Johannis am 20. Juni 2008 um 13:57 Uhr

Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne, aber für mich hat es sich offenbar bald ausgezaubert. Denn mich überfallen andauernd die unangenehmsten Vorahnungen. Sozusagen Visionen.

Ihr kennt das ja aus dem Kino – wenn alles gut läuft, geht garantiert gleich etwas ganz böse schief. Der Held ist gutgelaunt und deutlich mehr als angetrunken im Auto unterwegs, plötzlich ins Schleudern gekommen, durchs Geländer gebrettert, stumpf von der Kanalbrücke gestürzt und krachend durch die Eisdecke gerauscht. Der wirklich allerletzte winterkalte Januar, bevor der Kölner Dom 2017 in der gierig ausufernden Nordsee versinkt. Durch Kurzschluss wird die Zentralverriegelung auf Anti-Car-Jacking gestellt, die scheißelektrischen Fensterheber versagen ebenfalls. Kein Schiebedach, die Scheiben sind aus diesem Supersicherheitsglas, das im Safaripark sogar brünstige Elefanten abhält. Der spitze Nothammer, den er vor Jahrzehnten aus der Buslinie 22 geklaut hat, liegt zuhause im Warmen, die sauteure Leasingkarre versinkt gurgelnd im braunen Eiswasser, und unser Held hat eindeutig ausgefrühstückt. Könnte im Grunde jedem von uns passieren, oder?

Und dann der Flash. Das ganze Leben rauscht im Zeitraffer vorm inneren Auge vorbei, vom ersten Spinat, den er Papa aufs helle Sonntagshemd gekotzt hat, über den peinlich verfrühten Samenerguss beim Petting mit Bettina, bis zur Beförderung vor ein paar Wochen, als er die Idee vom verschnarchten Neumeyer als ureigensten Geistesblitz verkaufen konnte. Dann bleibt ihm die Luft weg, das mystische Leuchten kommt näher und der letzte Gedanke zeichnet sich durch etwa soviel Genialität aus wie: „Scheiße‚ am Wochenende ist doch das Pokalendspiel!“ Danach ist nur noch Sterben. Und Erben. Ende.

Bei mir ist es ganz genauso, nur anders. Mein Lebensendrückschaufilm wird in Episoden abgespielt, als meine private Daily-Soap sozusagen. Wenn ich die stückweise Wiedergabe gegen die Durchschnittsdauer des finalen ‚das-wars-dann-also-Flashes’ hochrechne, habe ich etwa noch sechs Wochen zu leben. Maximal acht. Dauernd fällt mir irgendwas ein, Erinnerungen bedrängen mich geradezu. Das komplett zugekiffte Wochenende in Delmenhorst, nachdem ich den Schlagzeuger dieser schrillen New-Wave-Kapelle kennen lernte. Wie ich mal mit Birgit im Raps gevögelt habe, und der beknackte Bauer kommt angestiefelt und glotzt wie’n Tapir. Mehr als ein dröges ‚Tach’ brachte keiner von uns dreien über die Lippen. Diese seltsame Kombination aus Roller und Fahrrad, die ich als Kind hatte, kleine helle Reifen, unten ein Holzbrett, der Rahmen in kackgrün.

Lauter so’n Zeugs bestürmt mich neuerdings. Ich mach’s nicht mehr lange, da könnt ihr sicher sein, bald seid ihr mich endgültig los. Könnt froh sein, wenn euch dann noch einer die Frage ‚Naht oder Lebnisse?’ beantworten kann.

 

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Wieso protzig?

Geschrieben von Johannis am 15. Juni 2008 um 12:41 Uhr

Bescheidenheit ist eine Zier, doch weiter kommt man ohne ihr, kalauerte man früher. Schön fand ich auch das T-Shirt mit dem Slogan ‚Eure Armut kotzt mich an!’ Zu all den verbrieften schlechten Eigenschaften des Autors dieses nichtswürdigen Blogs gehört natürlich auch die Missgunst. Loser sind ja bekanntermaßen immer extrem neidisch. Daher wird es niemanden verwundern, dass ich an dieser Stelle billige Häme über eine architektonische Bereicherung unseres bekanntlich sehr schönen Dortmunder Weichbilds ausgieße.

Anlässlich einer Recherche im Westfalenpark fand ich mich kürzlich an der Ecke Baurat-Marx-Allee und Oberschlesierstraße wieder, zum Glück mit extradunkler Sonnenbrille. Ein bescheidenes Anwesen, das dort nahezu bezugsfertig aufragt, regte meine ausgesprochen geschmacksichere Begleiterin (Diplom-Designerin) zu folgendem Satz an: „Dafür sollte man den Architekten bei lebendigem Liebe verbrennen, und zwar über Kopf aufgehängt!“ Meinen Einwand, dass der Tod schneller eintritt, wenn das Hirn zu dicht an den Flammen hängt, ließ sie ausnahmsweise gelten. Darauf soll also verzichtet werden, es erwartet ihn ein stinknormales Fanal, aufrechtes Stehen, gefesselt auf dem Scheiterhaufen. Basta.

Doch schaut euch das Häuschen mal selbst an (draufklicken zum Vergrößern).

Bitte auch beachten, wie organisch sich das Gebäude in die gewachsene Umgebung einfügt, und somit auch extraterrestrischen Besuchern aus weit entfernten Galaxien als Landemarke dienen kann. Es verdichten sich übrigens Hinweise, dass die neuerdings extrem verstärkten seismischen Aktivitäten im Ruhrgebiet vom Grab des 1912 verstorbenen Baurates Georg Marx ausgehen, nach dem die Straße benannt wurde.

An diesem Wochenende stehen in der Nordstadt insgesamt 19 Ateliers offen für interessierte Besucher – 82 Maler und Bildhauer zeigen dort ihre Werke. Vielleicht ist ja auch ein Graffitikünstler dabei, der noch Inspiration braucht. Das abgebildete Haus – eine Orgie in klotzigem Sahnebeige – könnte von etwas farblicher Auflockerung durchaus profitieren. Doch Obacht, unter den Dachrinnen sind reichlich Videokameras angebracht! Allerdings in ungünstiger Position, denn die Außenseite der südlichen Begrenzungsmauer liegt im toten Winkel.

Vorsichtshalber aber trotzdem bitte immer eine Georg-Bush-Gummimaske tragen, liebe Künstlerfreunde! Dann könnte es dort also bald so aussehen:

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