Frauentag
Geschrieben von Ute am 11. Mai 2008 um 15:12 Uhr
Als ich las, dass Johannis mich schon am Dienstag – zwei Tage nachdem er mich bequatscht hatte, hier gelegentlich was zu schreiben – vollmundig als Gastautorin ankündigte, war ich erstmal sauer. Ich hasse Druck. Dann habe ich einige seiner Beiträge gelesen und mir überlegt, worüber ich schreiben kann und will. Alltag.
Heute ist Muttertag. Keine große Sache. Manche von euch haben zuhause angerufen, sind vielleicht sogar gestern Nachmittag noch losgehetzt, um einen überteuerten Blumenstrauß zu ergattern. Andere werden es auch in diesem Jahr wieder verschwitzen, haben wenig Lust auf den ganzen Zinnober oder eben keine Mutter mehr. In der DDR hieß dieser Tag übrigens Frauentag.
An der Kasse beim Discounter, wo der Löwenanteil meines Lebensmittelbudgets endet, sitzt eine junge Frau. Seit einem Jahr tragen alle MitarbeiterInnen dort einheitliche Arbeitskleidung. Corporate Identity. Blaue Hosen, gestreifte Blusen oder Hemden, und an der Brust ein Namensschild. Auf ihrem steht A. und ein Nachname, der auf cik endet. Das Ruhrgebiet als Schmelztiegel der Kulturen, zweihundert Jahre Kohlebrechen und Stahlkochen, viel Platz für hungrige Polen, die fest zupacken können. Über allen Zechen ist Ruh’ – gezecht wird weiter.
Die Kollegen rufen sie Annette. Ein dünnes, blasses Mädchen, vielleicht 23 Jahre, mit einem Gesicht wie siebzehn. Immer nett, höflich, fleißig. Am Scanner, Piep, Piep, Piep, oft bis abends um acht. Nicht weit von der Backstube, wo Retortenteiglinge durch glühende Luft in Brötchen verwandelt werden. Jetzt im Sommer wird es hier gemein heiß. Keine Klagen.
Unsere Begegnungen sind immergleich. Ich lege meine Sachen aufs Band, sie lächelt und grüßt, schaut in den schräg gehängten Spiegel über meinem Gitterwagen, zieht die Waren über den Scanner und nennt mir mit viel zu leiser Teeniestimme den Endstand. Ich sage etwas Freundliches, wir wünschen uns einen schönen Feierabend. Meiner hat fast immer schon begonnen.
Nie frage ich sie, was ich wirklich gern wüsste. Welche Musik sie hört. Warum sie sich den schwarzen Ring durch die Unterlippe gezogen hat, mit dem sie aussieht, als hätte ihr vorgestern ein Typ seine Faust reingeknallt. Ob sie einen Lover hat. Wie sie sich ihre Zukunft vorstellt. Ob sie Angst vor den zugedröhnten Junkies hat, die zum Klauen kommen und rabiat werden, wenn man sie erwischt. Wie sie es eigentlich aushält, dort an der Kasse, mit uns. Tag für Tag. Jahr um Jahr.
Ich stopfe mein Zeug in den Rucksack und bin froh.
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