Kultur brutal
Geschrieben von Johannis am 18. Mai 2008 um 10:41 Uhr
Gestern [und bewusst wähle ich dieses Wort zu Beginn, denn dein letzter Beitrag hat mir tatsächlich gut gefallen, Ute] war Vernissage im Kundenzentrum. Mit Konzert und Theater, Sekt und O-Saft – dafür danke an die DEW21, unseren Dortmunder Energie- und Wasserversorger, und sein kulturelles Mäzenatentum. Es war ein netter Abend, den ich allerdings schon gegen 20:40 verließ, um daheim ein Nudelgericht einzunehmen. Marathonläufer brauchen bekanntlich viel Kohlenhydrate. Den Startschuss zum Ruhrmarathon heute früh hab ich dann aber doch verschlafen.
Gestern hingegen erfuhr ich, dass mein humorig-realistischer Beitrag Blackout auch bei der DEW21 gelesen und nur mäßig goutiert wurde. Rechtliche Schritte wurden zwar nicht eingeleitet, aber man beobachtet mich. Nicht mit Freude. Dabei hatte ich gar nicht erwähnt, dass ein DEW-Kundendienstmann zwei Monate später bei der jährlichen Thermenwartung [zufällig natürlich!] vergaß, das Abgasrohr wieder korrekt aufzusetzen und ich beim Duschen fast vergast wurde. Aber erstens war das früher in diesem Land für manche Minoritäten ganz normal, zweitens rechne ich immer mit dem Schlimmsten und drittens haben sie sich entschuldigt. Und viertens bin ich durch mein Sechs-Wochen-Training beim israelischen Mossad auf ganz andere Tricks gefasst. Ihr werdet mich nicht los!
Gestern wurden also Bilder gezeigt, das engagierte Projekt Art-Transmitter präsentiert eine Woche lang viele tolle Arbeiten von Menschen, die privat schon in der Psychiatrie zu tun hatten. Man kann sich bei Art-Transmitter auch Bilder ausleihen, für kleines Geld. Nach etwas Sekt und schon zwei Reden kam ein Kunst-Professor zu Wort, den ich vorher für einen kulturschaffenden Patienten aus der offenen Station gehalten hatte.
Besonders aufgefallen war mir sein schürzenlanger, grotesk ausgeleierter, hellgrauer Wollpullover. Kundig referierte er von A bis Z über Wahnsinn und Kunst, besonders auch die so genannte entartete. Hüstelte dabei etwa sechsmal pro Minute ins Mikro und reicherte jeden kunstvoll gedrechselten Satz mit vier bis elf Ähs an. Nach zehn Minuten lichtete sich der Halbkreis aus etwa hundert stehenden Zuhörern, man wollte sich wohl nochmals die Bilder ankucken. Nach zwanzig Minuten mussten viele dringend eine rauchen gehen und die Drehtür kam kaum noch zum Stillstand.
Fünf Minuten später begann jemand mitten in einem Langsatz des Herrn Professors hinter einer Stellwand zu klatschen. Laut. Killerklatsche. Das half. Er verabschiedete sich mit den Worten „Ach, ich verstehe”, warf den grauen Staubmantel über und verschwand im Nieselregen. Fies, aber trotzdem war die Mehrheit erleichtert.
Ich geh am kommenden Freitag wieder hin, zur Finissage. Nein, nicht wegen Sekt und O-Saft. Die hochbegabte, manchmal aber etwas rätselhafte Ivette Vivien Kunkel liest, hat mir jedoch angedroht, dass sie meinen Namen von der Gästeliste streichen lässt. Soviel zum Thema Solidarität unter Künstlern. Schluss.
Ach ne, einen hab ich noch. Sicher erinnert ihr euch noch an mein trauriges Gewinsel um Bewertungen des Perlenschweins beim Bloggeramt. Irgendeine Sau wertet da offenbar fast täglich mit Null, man darf nämlich regelmäßig auf 0 bis 10 klicken. War ich im März noch bei etwas peinlichen 9,48 hat er/sie mich mittlerweile auf 6,32 runtergewürgt. Kampfansage an den Kulturkillerquerkopp: Wenn ich selbst jedes Mal mit 10 vote, kriegst du mich nie unter 5, du linke/neoliberale/rechtsradikale Ratte.
Wer mag sich wohl dort austoben? Doch nicht etwa mein Freund, der Dr. jur. aus B.? Egal. Ich gebe hier nicht auf. Noch nicht.
Tschüss.
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