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Archiv für Mai, 2008

Krieg der Vollidioten

Geschrieben von Johannis am 30. Mai 2008 um 13:39 Uhr

Vorhin erreichte mich eine Kettenmail, ein blutdurstiger Kampfschrei, mit dem das Volk aufgestachelt werden soll, um endlich den gierigen Mineralölmultis die verletzliche Stirn zu bieten. Ich habe mir erlaubt die sechzehnseitige pdf-Datei in Teilen umzuwandeln, um sie hier einer aufgeklärten und besonnenen Leserschaft darzubieten.

Nur den Anfang und das Ende habe ich im aufrüttelnden Originalformat belassen, aus dem elendig langen Mittelteil mussten alle Grafiken, Absätze in roter 66-Punkt-Schrift und die meisten Rechtschreibfehler weichen. Auch Zeichen von Rechenschwäche (z. B. 10X3000=3 Millionen) verblieben, um den urtümlichen Stil von Volkes Stimme zu erhalten.

Ich kann nur alle bitten, sich heute noch mit Kraftstoffen zu bevorraten, vielleicht auch im nahen Ausland. Der hier ausgerufene geniale Preiskrieg wird schlimmer als alles, was uns derzeit schon am Milchregal in Panik versetzt. Ich unterstütze ausdrücklich den Aufstand der Massen für eine gerechtere Welt und gegen Traumata an der Zapfpistole. Venceremos!!!

Letztes Jahr wurden einige Vorschläge lanciert, z.B.: « Kaufen Sie an einem bestimmten Tag kein Benzin!» Die Ölgesellschaften lachten, weil sie ja wussten, dass wir das am Montag nicht gekaufte Benzin am Dienstag kaufen würden.

Das war ein kleiner Nachteil für sie, aber kein Problem. Jemand hat an einen Plan gedacht, der funktionieren kann, wenn man es wirklich will. Lesen Sie weiter und schliessen Sie sich uns an, um ihn zu aktivieren!

Das Benzin wird im Moment zu 1,25 € verkauft, für Super Bleifrei in Frankreich.

Wir wissen alle, dass uns die Ölgesellschaften hintergehen. Erinnert Euch, als sie den Preis auf fast 1Euro steigen ließen. Da sagten sie, das Öl würde knapp. Es gibt aber keinen Ölmangel mehr und das Öl fließt reichlicher als vor 35 Jahren. Damals lag der Literpreis bei 0,20€.

Wir müssen aggressiv vorgehen und ihnen zeigen, dass die Konsumenten die Börse kontrollieren. Die einzige Chance, die Preise purzeln zusehen, ist, die Ölgesellschaften da zu schlagen, wo es ihnen weh tut: Bei ihrem Portemonnaie!

WIR KÖNNEN ES MACHEN! WIE?

Da wir alle unsere Vehikel brauchen, können wir natürlich nicht aufs Benzin verzichten. Aber wir können einen grossen Einfluss auf den Preis haben:

WENN WIR GEMEINSAM HANDELN und einen PREISKRIEG entfachen!!!
Wir schlagen folgende Idee vor: Für den Rest des Jahres, kein Benzin mehr kaufen
von den 2 größten Gesellschaften TOTAL und SHELL.

Überlegen Sie mal!

Wenn die 2 grössten Ölgesellschaften kein Benzin mehr verkaufen, müssen sie zwangsläufig ihren Preis senken und dies wird sofort den gewünschten Krieg entfachen. Aber, um das gewünschte Ziel zu erreichen, müssen wir Millionen von TOTAL-und SHELL-Kunden erreichen.

So müssen wir vorgehen! Ich sende diese Mail an etwa 30 Personen. Wenn es jede dieser Personen an 10 weitere schickt, erreichen wir schon 300.

Diese 300 senden es an 3.000 Leute…

Die nächste Sendung wird 3 Millionen erreichen usw. …

Verstehen Sie, was ich meine? Wenn jede und jeder von Euch diese Mail am gleichen Tag an 10 Leute weiter schickt, sind wir morgen

300 Millionen Menschen, die Krieg führen gegen die Ölgesellschaften innerhalb von einer Woche!

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Internes Zwiegespräch

Geschrieben von Johannis am 30. Mai 2008 um 08:56 Uhr

Ort und Zeit: neulich, bei mir am Schreibtisch

Personen: Literarisches Über-Ich und mein stinknormales Ich

Handlung: eigentlich keine

 

Literarisches Über-Ich (in breitestem Ruhrpöttisch): Hömma, willze nich ma wieda wat fürn Block schreibm?

Mein stinknormales Ich (tonal gerademal postpubertär und pampig): Nöh.

Literarisches Über-Ich: Wieso’n nich?

Mein stinknormales Ich: Kein Bock.

Literarisches Über-Ich: Wat issen?

Mein stinknormales Ich: Weiß nich, lass mich. Schwirr ab, Alter, du nervst!

Literarisches Über-Ich: Und die Leser, wat solln die denken?

Mein stinknormales Ich: Scheiß drauf.

Literarisches Über-Ich: Boah, näh, wie biss dudenn drauf. So wird dat nix mittem Ruhm un allem.

Mein stinknormales Ich: Wird auch nix wenn ich hier schreibe, bis mir die Finger bluten und ich blind bin. Arschlecken und Rasieren, dreifuffzich.

Das literarische Über-Ich gibt ein paar ungeduldig-brummelnde Töne von sich und beginnt, im Zimmer auf und ab zugehen.

Mein stinknormales Ich: Davon, dass du hier den Teppich durchlatscht, krieg ich auch keine bessere Laune.

Literarisches Über-Ich (platzt heraus): Hömma, wat hasse einklich auf eimal? Hab ich dich wat getan? Du stehß dich doch bloß selbs in Wehch.

Mein stinknormales Ich: Und?

Literarisches Über-Ich (denkt nach): Ich glaub, dich muss nur ma wieder wer inn Ahm nehm. Er oder es beugt sich herab und legt meinem stinknormalen Ich die Hände auf die Schultern.

Mein stinknormales Ich (feindlicher Ton, mit leichtem Kloßansatz): Sach mal, bist du schwul?

Literarisches Über-Ich: Quatsch, weisse doch. Er oder es knetet kundig eine vollkommen verspannte Nackenmuskulatur.

Mein stinknormales Ich (mit tränenerstickter Stimme): Ein Segen. Denn noch lieber ne Blondine mit IQ von 47.

Literarisches Über-Ich: 47, dat is ja gradema Schwaazbrot ohne Rinde. Nach einer Pause: Wird schon wieda!

Mein stinknormales Ich weint still vor sich hin.

Literarisches Über-Ich: Mein armer Hase!

Die beiden haben sich dann später tüchtig betrunken und dabei lauthals bedauert, dass sie nicht mehr kiffen. Warum eigentlich nicht? Vergessen.

 

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Sonntagsgebrabbel

Geschrieben von Johannis am 25. Mai 2008 um 12:04 Uhr

Heute kann ich mich nicht recht entscheiden. Ernst oder heiter? Draußen auch dieser Mix, warmer Frühsommerregen. Was nun? Ernste Themen werden hier ja meist mit distinguierter Indifferenz beantwortet, speziell die Leser dieses Blogs haben dabei den Bogen raus. [Ausnahmen wie Sybille, Lorenz und der Kulturbanause dürfen sich in dem warmen Gefühl räkeln, dass sie nicht gemeint sind. Nette Idee übrigens, Kulturbanause, mit der Demo im Kommentar].

Was mir den heutigen Sonntag vergolden würde, wäre beispielsweise die Nachricht vom Blitzbesuch eines schwer bewaffneten Terrorkommandos in Harare mit abschließender erfolgreicher Exekution von Herrn Robert Mugabe. Nein, nicht nur der Flüchtlinge aus Simbabwe wegen, die in Südafrika neuerdings bei lebendigem Leibe in ihren Elendshütten verbrannt werden. Der Mann muss weg, lieber vorgestern als morgen. Ich würde freudig für solche Einsätze spenden. Mein Geld.

Aber die Demokratie ist ein zahnloser Tiger Yorkshireterrier. Solange die eigene Wirtschaft wächst, lässt man den Nachbarn in Ruhe, auch wenn er gerade im Garten die zerlegte Gattin in ein Salzsäurefässchen stopft.

Verwirrendes findet sich überall, auch in den Botschaften der Werbung. Nebenprodukt einer Fotorecherche, die mich auf den Dortmunder Fernsehturm führte, sind folgende Bilder.

Hier fragt man sich, wann das Schild angebracht wurde. Vor oder nachdem im Juli 2003 das Seil riss, und ein Bungee-Springer in den frühen Tod sprang?

Dieses Plakat an einem geparkten Opel Corsa arbeitet heftig mit Doppelbotschaften. Unklar ist, ob es sich um einen Scherz oder das beste Angebot des Monats handelt. Nichtraucher in drei Stunden. Über 90 % Erfolgsquote, von Krankenkassen zertifiziert. Werden einem dort beide Hände amputiert oder geht es um Eingriffe ins Stammhirn? Ich war versucht, spontan das Rauchen wieder anzufangen, um der Sache auf den Grund gehen zu können.

Komplett verwirrt war ich dann an der Einfahrt zur Parkgarage einer Versicherungsgesellschaft. Die Mitarbeiter des Konzerns werden offensichtlich täglich darin trainiert, unabhängige Bauchentscheidungen zu treffen, und sich dabei nicht durch Infos von außen beirren zu lassen. Hier ist Versicherungsbetrug sicher fast unmöglich. Gut so!

 

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Stadteichhörnchen

Geschrieben von Ute am 22. Mai 2008 um 10:42 Uhr

Endlich wird es Sommer! Auch wenn die Nächte noch kalt sind, ich liebe diesen knallblauen Himmel. Mauersegler kreischen durch den Frühlingswind, haschen einander in tollkühnen Manövern, zeichnen Kurven in die Luft, bei denen mir vor Freude das Herz stockt.

Vor unserem Haus ist ein Grasfleck. Nachmittags schiebt sich die Sonne an einer hohen, jetzt zartgrünen Birke vorbei, und lässt dort alles leuchten. Oft schnappe ich mir dann einen Becher Kaffee und den Klappstuhl, in der WG-Küche ist fast immer reichlich Trubel.

Das warme Steingut zwischen den Handflächen, Kaffeeduft in der Nase und hinter den geschlossenen Lidern ein pulsierendes Orangerot, lausche ich in die Welt. Ein Fahrrad rollt klickend heran, wird abgestellt, der Deckel vom Müllcontainer quietscht. Rascheln, Klappern, irgendetwas fällt schwer aufs Pflaster.

Wir haben hier in Bochum weder Grizzlys noch Waschbären, also öffne ich die Augen, blinzele ins Licht. Ein Mann gräbt in unserem Müll. Er wirft ein paar Schuhe und dann noch einen Fön zum Fahrrad hinüber, das verdrehte Kabel zuckt wie eine dünne, schwarze, sterbende Schlange über den Boden. Dann bemerkt er meinen Blick und fragt:

„Sie kaputte Sache habe? Elektro odder Metall?”

Ich schüttele überrascht den Kopf, Worte fehlen. Er wirft seine Beute in eine Kiste, die auf dem Gepäckträger klemmt, und schiebt zum Nachbarhaus. Dort steht nur eine graue Mülltonne. Besser als nichts. Sicher sehen wir uns bald wieder.

Mein Kaffee schmeckt nicht mehr und wird kalt.

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Oh Herr, schick uns ein Unglück!

Geschrieben von Johannis am 20. Mai 2008 um 07:55 Uhr

Früher, in der Schule, hieß es immer „Eigenlob stinkt!”. Heute nennt man das Self-Marketing. Ein kluger und ungemein belesener Mann mailte mir neulich „Du schreibst im Blog sehr eindringlich und wortgewaltig und findest immer neue überraschende Bilder und Vergleiche. In der Kombination mit dem vorgetäuschten Nihilismus des enttäuschten Moralisten macht das die Sache, jedenfalls für mich, recht vergnüglich und kurzweilig.”

Darüber hab ich mich gefreut. Erstmal. Dann nicht mehr. Wieso ‚vorgetäuschter Nihilismus’? Der ist echt. Ich hasse euch und die Welt. Ja, sogar mich selbst ein bisschen! Und Moralisten sind ja wohl so was Ähnliches wie Gutmenschen. Igitt! Zum Gutmenschentum hab ich ein ähnlich gespaltenes Verhältnis wie der Teufel zur Hexenverbrennung [gut für die zukünftige Auslastung der Hölle, wenn fanatische Christen Unschuldige anzünden schlecht, wenn es echt böse Kolleginnen erwischt]. Der Mensch wird nämlich nicht durchs Gute gut, sondern nur durch Kummer, Schmerz und Leid. Aber wer will schon freiwillig leiden? Leider kaum wer.

Ungeduldige Leser fragen sich spätestens an dieser Stelle, wie ich denn wohl die Kurve zur Überschrift kriegen will. Mal seh’n. Im Radio hörte ich gestern einen Bericht über ein Dorf bei Rangun, wo alle Hütten und auch das Kloster weggeflogen sind. Mit den Trümmern haben die Dörfler einige Häuser notdürftig repariert und leben dort jetzt in ein paar Riesen-WGs. 800 Leute. Das Meditationshaus des Klosters sieht aus wie im Märchen vor den drei kleinen Schweinchen, nachdem der Wolf sein Lungenvolumen demonstriert hat. Futsch. Deshalb haben die Nonnen all ihre Trümmer und besonders das begehrte Wellblech freigegeben, um damit kaputte Hütten zusammenzuflicken.

Die Menschen dort haben kaum was zu futtern, teilen das Wenige aber brav. Hier etwas Reis von der UN, dort ein paar Kartoffeln aus Thailand oder Indien. Was mich wirklich fasziniert hat, war der heitere und gelassene O-Ton überall. Es wurde sogar gelacht, man macht eben das Beste draus, rauft sich zusammen, packt gemeinsam an, baut die Welt wieder auf. Aufsteigende Erinnerungen an die Trümmerfrauen 1945 und danach in meiner Geburtsstadt Hamburg und anderswo.

Nun bin ich vergleichsweise sicher, dass hier und anderswo nicht gleich die buddhistische Nächstenliebe und Gelassenheit ausbräche, wenn uns ein Desaster träfe. Aber es würde uns helfen, das Wesentliche wieder zu sehen. Und uns bestimmt ein bisschen zusammenschweißen. Erinnert euch an New Orleans nach Katrina oder NYC nach 9/11.

Deshalb überlege ich ernsthaft, ob ich in meine bekannt wirkmächtigen allabendlichen Gebete die Bitte nach einer richtig fetten Katastrophe einschließen soll. Irgendwas Globales. Monstermeteoriteneinschlag im Atlantik oder auf Grönland. Damit wir uns die Haare raufen, gemeinsam trauern und dann die Ärmel hochkrempeln und anpacken können. Damit wir alle endlich kapieren, was für ein Glück wir haben mit unserem Zuhause, dieser kleinen Kugel am Rande einer unbedeutenden Galaxie.

Ich denk’ noch mal drüber nach. Betet, dass ich nicht bete!

 

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