Allak arschklar
Geschrieben von Johannis am 17. März 2008 um 10:14 Uhr
Samstag ist bei mir das, was im Kleingedruckten billiger Pauschalrundreisen mit „steht zur freien Verfügung – fakultativ Besuch des Pipapo“ bezeichnet wird. Wenn ich mein Bad soweit hergerichtet habe, dass ich bei überraschendem Damenbesuch (tritt ungefähr so oft ein, wie schwere Erdbeben in Hannover zeitgleich mit totaler Sonnenfinsternis) mit dem Verlust maximal einer Gesichtshälfte davonkomme, und mein wallendes Haupthaar zurückgestutzt ist, hab ich frei. Theoretisch. Es muss natürlich turnusmäßig hier und da geputzt werden, Treppenhäuser wollen gewischt, Wäscheberge abgebaut werden. Aber dann. Frei heißt natürlich nicht auffem Sofa liegen und gammelig riechen. Aber ich mach eben was ich will.
Vorgestern war Allak dran. Ein Schriftsteller hat nur vier wichtige Körperteile – Kopp, Arsch und Flossen. Letztere werden hoffentlich bald weniger strapaziert, ich liebäugele mit einem Spracherkennungsprogramm, meiner eigenen Sekretärin sozusagen. Muss nicht blond sein. Der Arsch ruht tagsüber meist auf Allak. Allak hab ich vor rund zwei Jahren bei Elchmöbel erstanden und er ist ein Blender. Vorgeblich ein Chefsessel ist er in Wahrheit eine billige Imitation für arbeitslose Dreiviertel-Loser, besteht nur zum Teil aus Leder und ansonsten aus Plastik und Lederimitat. Und krummem chinesischem Sperrholz mit Wurmlöchern, Strippen, Tackerklammern, Schaumgummi, Blech und noch mehr Plastik.
Zu Beginn haben wir uns gut verstanden, aber vor etwa zwei Monaten bemerkte ich, dass mein Blickwinkel zum Monitor sich verändert hatte. Erst wollte ich es aufs Alter schieben (forciertes Bandscheibenschrumpeln und so), aber Allak war schuld. Er hat schlapp gemacht, sich plattsitzen lassen. Eine Weile half ein Kissen unterm Hintern, aber am Sonnabend musste der schlaffe Sack dran glauben. Allak klingt ja eigentlich nach Eskimo, oder wenigstens nach Reisschnaps und Palmwein. Dass IKEA-Produkte nicht von semmelblonden halbnackten Jungfrauen mit frischem Birkengrün im Haar und auch nicht am Fjordstrand im weichen Licht der Mitternachtssonne zusammengedengelt und dann in flache Kartons geschubst werden, hat sich ja mittlerweile rumgesprochen. Aber die Wahrheit schmerzt schon. Allak ist ein handgemachtes Dritt-Welt-Produkt, voller Späne, schief gebohrter Löcher, Schweiß- und Blutflecken.
Heut ist nicht der ideale Tag, um kritische Worte über China zu äußern (Tibeteraufstand in Lhasa usw.), darauf will ich Rücksicht nehmen. Deshalb nur die Fakten. Ich habe Allak auseinandergeschraubt, siebentausend Tackerklammern gezogen, Blendstoff, Leder und Kunstleder zurückgeschlagen, Spannschnüre gelockert, diverse Schaumgummilagen sanft gelöst und dem Schlaffi den gesamten Inhalt eines Sofakissens reingestopft. Dann alles wieder zusammengetackert, die Klammern (genau wie’s vorher die Schlitzaugenohren taten) mit ’nem Edding geschwärzt und schließlich das Ensemble erneut verschraubt. Und mich dabei wie in einem Sweatshop in Chongching (5-bis-10-Millionenmoloch am Yangtse-Fluss) gefühlt.
Warum ich euch das alles mitteile? Als Einstimmung auf frag-mutti.de, denn da kommt noch was auf euch zu. Ich sitz jetzt wie Prinz auf der Bohne und mach mal Kaffeepause.
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