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Archiv für März, 2008

Lebensformel

Geschrieben von Johannis am 30. März 2008 um 13:00 Uhr

Geben wir’s doch ruhig zu, die permanent zunehmende Komplexität unserer Welt überfordert uns. Fast alle, oder? Wir hätten gern einfache Faustformeln, nach denen wir quer über die stürmischen Ozeane des Lebens navigieren können, so wie weiland die Südseeinsulaner auf ihrem Weg im Hochseeeinbaum nach Neuseeland. Sonne, Mond und Sterne – Ende, mehr brauchten die nicht. Unsereins kriegt nichtmal sein saublödes Telefonnummernverzeichnis vom Nokia-Handy über USB auf den PC überspielt, obwohl er das richtige Kabel eingestöpselt, alle aktuellen Treiber aufgespielt und die Installation der neuesten Version von Nokia-PC-Suite abgeschlossen hat. Das nervt.

Beim Schreiben gibt es Regeln, dort gilt nicht nur weniger=mehr, sondern sogar 1+1=1/2. Beschreibe ich den Blick des auftauchenden Bösewichts als irrlichternd und unstet (was streng genommen bereits ein unerwünschtes Doppelpack ist), um dann nachzuschieben „Seine blutunterlaufenen Augen rollten in ihren Höhlen umher wie die letzten beiden Kugeln auf einem Billardtisch, um den zwei betrunkene Bauarbeiter torkeln“ erzeugt das im Leser üblicherweise eine von drei Reaktionen:

a) Häh?

b) Ja, was denn nun?

c) Toll, der erfindet aber geniale Metaphern!

Möglichkeit c) ist leider eher die Ausnahme. Es wird also klar: 1+1=1/2. Übrigens, ab 1+1+1 steht hinter dem Gleichzeichen ein negativer Wert.

Noch schwerer als gut Schreiben ist das Minnespiel. Lieber einen Computer unter WindowsVista komplett mit achtundzwanzig Programmen neu aufsetzen, als die Gefühle und Gedanken einer Frau entschlüsseln müssen. Besonders, wenn man sich mit ihr paaren will, aber nicht weiß, ob sie auch will. Böse Falle! Obacht, auch beim Ringen der Geschlechter gilt: Viel hilft meistens nix! Übrigens, der gemeine Leser dieses manchmal gemeinen Blogs nimmt ja gemeinhin an, dass ich mir alle Textinhalte selbst einfallen lasse und ständig mein Hirn wundmartere, um hier halbwegs originelle Ideen zu präsentieren. Weit gefehlt. Ich beschäftige mittlerweile einen Stab von Ghost-Thinkern und Idea-Seekern, die mir taugliches Material zutragen, dass die Schwarte kracht.

Folgender anonymisierter Fall kam kürzlich aus dem Umfeld von Leserin Annette: Ein Er und eine Sie fanden sich mal irgendwie ganz nett, verlieren sich dann aber aus den Augen und treffen sich Jahre später im Bioladen wieder. Er schafft es, sie zum kulinarischen Hausbesuch einzuladen. Soweit so gut.

Kurz vor den vereinbarten Termin ruft er an, um sie zu erinnern. Nein, sie hat’s nicht vergessen, ihr IQ liegt deutlich oberhalb von Toastbrot mit Senf, und spontaner Rinderwahnsinn ist heutzutage fast ausgeschlossen. Trotzdem schickt er am nächsten Tag eine SMS mit Uhrzeit, Adresse und Wegbeschreibung. Sie knirscht derart mit den Zähnen, dass die Vibrationen eine Tsunamiwarnung für den östlichen Pazifik auslösen. Beruhigt sich wieder und fährt etwas später ihren Rechner hoch. Plong! kommt eine Erinnerungs-Mail samt Auszug aus dem Routenplaner und einem Anhang mit sieben Fotos. Alle Räume seiner Wohnung im Detail, auch das Bett. Es fehlte nur noch ein roter Pfeil aufs linke Kopfkissen mit dem Zusatz ‚ich schlafe am liebsten hier’.

Dieser Mann hat in seinem Eifer so ziemlich ALLES falsch gemacht. 1+1+1+7=minus 18,45. Dass die betreffende Dame dennoch die Verabredung einhielt, kann nur drei möglichen Faktoren zugeschrieben werden:

a) deutlich erhöhte Paarungsbereitschaft ihrerseits

b) echt viel Mitleid

c) sie hatte einen leeren Kühlschrank

So, das war’s für heute. Ach ja, die gültige Formel für Beziehungsarithmetik kenn’ ich nicht. Freu’ mich aber über eure Zusendungen und/oder Kommentare. Und verwöhne euch füttere die mir noch unbekannte Frau meiner Träume jetzt schon mal mit einem Bild meines Badezimmers an. Man weiß ja nie. Die Wanduhr (nicht zu sehen) is’ schon auf Sommerzeit.

Tschüsskens.

bad.jpg

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Rotierender Leichnam

Geschrieben von Johannis am 27. März 2008 um 21:03 Uhr

Heut war ich zum Geburtstagskaffee eingeladen. Ländlich, Menschen meines Alters, exquisite Torten, leicht erhöhter Pädagogenanteil, alle wirklich nett. Gespräche schwappen hin und her, man ist sich herzlich zugetan, raucht nicht und bringt dem Geburtstagskind ein Ständchen, sogar als Kanon.

Es mögen mich manche, an diesem grieselgrauen Nachostertag irritiert mich das ein wenig. Eine wahrhaft liebenswerte Frau hat mal was auf meinem Blog gelesen, hat ihr aber nicht gefallen. Ein Segen. Zu persönlich. Okay. Über irgendwas hat sie sich sogar geärgert, dann aber zuwenig Mut gehabt, um einen passenden Kommentar zu schreiben. Versteh ich. Sie kommt aber zu meiner nächsten Lesung. Schön.

Auf meine Erklärung, dass der Blog halt eins von mehreren Ventilen ist, und ich dort hier vorwiegend jenes Zeug verbrate, das in Lyrik, Kurzgeschichten oder Roman nicht viel zu suchen hat, bemerkt sie: „Aber das klingt irgendwie alles so desillusioniert und frustriert.“

Einspruch, Euer Ehren! Wohlwahr, der Illusionen beraubt bin ich, sie sind mir davongeschwommen wie Felle, über die Wupper gegangen, verreckt, vom Winde verweht, samt heißem Bade mit dem Kind in den Brunnen gekippt worden. Und Deckel drauf. Jedoch nicht Ohnmacht oder Enttäuschung lassen mich hier immer wieder und selten gefällig die Fresse aufreißen, sondern stinknormaler Zorn. Das ist natürlich unpopulär, weil, bringt doch nix, schadet man sich doch nur selbst mit. Et is wie et is, woll? Un et is no’ immer joht jejange. Wie der Kölner sagt. Wer’s glaubt!

Ich wünsche mir manchmal euch mit meiner Wut anzustecken, will euch um den Schlaf und in Rage bringen, unwiderruflich aufstacheln. Einer meinte heute, man müsste eine subversive Kooperative gründen. Zuviel Torte. Lasst uns burmesische Mönche werden.

waechter-selbst.jpg

 

In meiner Küche hängt, kummervoll vergilbt, eine Karikatur vom seit zweieinhalb Jahren toten F. K. Waechter (die ich am 02.04.08 mit dieser täuschend ähnlichen Arbeit nach dem Original ersetzt habe, um Stress mit Anwälten zu vermeiden). Ich bin sicher, an manchen Tagen könnte man seinen heftig rotierenden Leichnam problemlos zur Stromerzeugung einsetzen, eine mittlere Kleinstadt, schätz’ ich mal. Warum schreit und randaliert ihr eigentlich nicht?

 

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Platonnische Libe

Geschrieben von Johannis am 23. März 2008 um 12:31 Uhr

Alle, die hier und heute einen Schwung antichristlicher Häme [Wir gedenken des Mannes, der vor ziemlich genau 1975 Jahren unter unerquicklichen Umständen am Kreuz verstarb] erwartet oder befürchtet haben, muss ich enttäuschen. Würd’ ich doch nicht tun! Lieber will ich mich jungen, liebestollen Frauen zuwenden. Mittlerweile hab ich ein Alter erreicht, wo knusprige Mittzwanzigerinnen meine lüsternen Blicke entweder ignorieren oder mit der Mimik junger Mütter beantworten, wenn man(n) mit langem Mantel, Bierpulle und freilaufendem Hund beim belebten Spielplatz aufkreuzt. Schade.

Umso mehr freut es mich, wenn ich dann Mails mit eindeutigen Angeboten erhalte. Zum Beispiel die von Elena. Sie schrieb (sic!) ausschnittsweise folgendes:

—– Original Message —–

From: “Elena” <Hilton36@queenslandclub.com>

To: “info” <ich@weisstschon.de>

Sent: Sunday, March 16, 2008 5:34 AM

Subject: Hallo mein deutscher Freund!

Hello!

Verwundere sich uber meinen Brief bitte nicht. Ich sah dich auf der deutschen Web-Seite der Singles. XXXXXX oder YYYYY. Ich denke dass es du warst. Ich denke dass du und ich konnen wir versuchen, die grosse Liebe zu schaffen. Moglich irrte ich mich auch diesen e-mail anderen den Mann. Wenn ich mich jenes irrte bitte ich, mich zu verstehen. Moglich ist es Schicksal was ich dir geschrieben habe? Wir konnen es sehen. Ich schicke seines Foto jetzt nicht. Aber ich muss dir seines Foto im nachsten Brief schicken.

Ich werde ein bisschen uber mich erzahlen. Ich die russische gewohnliche Frau. In diesen Moment lebe ich in Kanada. Meine Eltern sind abgereist, in Kanada das Jahr ruckwarts zu arbeiten. Fur die gute Arbeit und des Einkommens. In Russland das kleine Gehalt. Mein Vater der Bauarbeiter. Meine Mutti arbeitet den Designer der naturlichen
Landschaften. Ich bin zu Portugal 4 Monate ruckwarts angekommen.

Warum die deutschen Manner? Meine beste Freundin hat den deutschen
Mann verheiratet. Sie leben zusammen etwas Jahre. Meine Freundin
beratete, nach dem Mann in Deutschland zu suchen. Gut dass das Internet in
dieser Welt existiert. Der Mann meiner Freundin lernt sich mit dem Studium der Wettererscheinungen. Meine Freundin bat mich, in Deutschland anzukommen. Es ist nur erforderlich, ihr Haus manchmal zu prufen. Du sollst dich nicht wegen des Geldes aufregen. Ich werde bei dir das Geld nicht bitten. Ich bitte das Geld bei dem Mann nicht. Ich warte deinen Brief und die Antwort. Ich werde sehr sehr glucklich deine des Briefes bekommen. Du darfst mich glucklich machen.

Schreibe mir seine des Briefes auf meinen personlich e-mail. Da die Adresse meinen personlich e-mail: elelenana@yahoo.com
Deine Elena

Trotz des verlockenden Angebots dieser russischen gewohnlichen Frau, sie glücklich machen zu dürfen (ihr beizuwohnen, oder?), hab ich nicht geantwortet. Hauptsächlich, weil mir Frauen suspekt sind, die rückwärts reisen, egal wohin. Und angeblich in Kanada leben, aber aus Queensland, Australien schreiben. Und mir kein Bild schicken, vielleicht ja, weil sie schweinehässlich sind. Und auf den Single-Portalen XXXXXX oder YYYYY war ich auch nie.

Anders war das bei Marlen. Marlen, eine von uns beiden muss jetzt geh’n. Rosenberg, oder? Marlen schickte a) ein Bild, sie hält b) ihre Nachricht kurz, und ich war c) tatsächlich mal bei datingcafe.de gelistet. Ist aber schon Jahre her. Marlen schrieb:

—– Original Message —–

From: “Marlen” <marlen727@googlemail.com>

To: <ich@weisstschon.de>

Sent: Friday, March 21, 2008 11:55 AM

Subject: Hallo

Hallo! Mich rufen Marlen. ich das junge Modchen aus Finnland. Mir 26 Jahre. Ich habe dein Profil auf der Web-Seite datingcafe.de gefunden, und hat entschieden, dir zu schreiben. Du hast mir sehr gefallen. Ich wollte beginnen, mit dir abgeschrieben zu werden. Moglich, du gerade jener Mensch, der suche ich. Ich schicke dir mein Foto zusammen mit dem Brief. Wenn ich dir gefalle, so schreibe mir und schicke dein Foto. Ich hoffe mich auf deine schnelle Antwort. Mit freundlichen, Marlen.

 

marlen.jpg

 

Ich hab kurz zurück geschrieben, und das war’s dann – keine Antwort von Marlen.

 

—– Original Message —–

From: ich@weisstschon.de

To: marlen727@googlemail.com

Sent: Friday, March 21, 2008 6:45 PM

Subject: joke?

Hi Marlen,

it’s a joke, isn’t it? I am almost twice your age, my profile has been deleted since 2 years, so how could you have found me? Anyway, you look nice – if it’s you. Greetings, J.

Je länger ich das Bild betrachte, desto mehr bereue ich diese Zeilen. Wahrscheinlich kann sie hellsehen und steht bald vor meiner Tür. Ihr Blick ist der einer herrschsüchtigen Domina beim Ostersonntagsausflug zu den Eltern. Kurz darauf wird sie wieder die Peitsche schwingen und winselnden Männern ihre spitzen Absätze ins Gemächt in den schlaffen Hintern rammen. Uri Geller weint dann stumme Tränen, denn er hätte nie gedacht, dass aus seiner Tochter eine sadistische Liebesdienerin wird. Sie hat doch Abi. Und seine Gene. Und sieht TV-tauglich aus. Schade!

Wie ich auf die Verwandtschaft zwischen Marlen und Uri komme? Da reicht doch wohl ein Blick auf Marlens Schmuck.

Noch geht’s mir gut, ich bin Single.


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Ignorantenstadl

Geschrieben von Johannis am 20. März 2008 um 15:06 Uhr

Wie kürzlich versprochen will ich heute mal wieder etwas lästern, damit ich nicht versehentlich in der Kuschelecke für Gutmenschen lande. Dank sei an dieser Stelle dem Wackelkontakt in der WLAN-Karte meines ziemlich neuen Laptops gezollt. Ich schreibe an mehreren Tagen der Woche am Roman, und sitze dann nicht hier, wo mich ständig eintreffende Hassmails und die Todesdrohungen islamistischer Fundamentalisten ablenken könnten, sondern mit dem Lappy an einem anderen Platz. Streng nach Feng Shui in der Kreativitätsecke meines Domizils und zusätzlich noch unter einem nach Goethes Farbenlehre komponierten abstrakten Gemälde.

Ohne Google geht aber auch da nix, und wenn das WLAN vermeintlich eingepennt ist, gebe ich irgendwelchen Schrott ein, um zu sehen, ob noch Leben im Funk ist. So zum Beispiel neulich das Wort Kartoffel. Dadurch stieß ich auf www.frag-mutti.de, eine deutsche Seite für Menschen, die kein Brot schneiden können. Zum Thema Kartoffel erfuhr ich:

Weiß lackierte Schränke und Türen werden wieder hell, wenn man sie mit dem Aufgusswasser von gekochten Kartoffeln abreibt. Einfach Salzkartoffeln kochen und wegwerfen, und mit dem heißen Wasser resolut die Schränke abbürsten. Oder so ähnlich.

Superschön finde ich auch die Waschmaschine für PC-Tastaturen. Dabei reicht es nicht, eine Tastatur über Kopf in eine Colakiste zu hängen und mit Seifenwasser zu traktieren, nein, man braucht auch noch zwei Schlüsselringe und ein Katzenhalsband zum Spannen der ganzen beknackten Apparatur. Den kompletten Tipp gibt’s (keine Haftung bei versehentlicher Verblödung durch den Besuch dieser Seite!) gleich hier:

http://www.frag-mutti.de/tipp/p/show/category_id/2/article_id/8259/&quotTastatur-Waschmaschine&quot-f%FCr-PC.html

fotodummy.jpg

http://www.frag-mutti.de/images/uploads/de/big/8259/Tastatur-Waschmaschine.jpg

Bei unseren Freunden in Amiland (Herzlichen Glückwunsch zum Jubiläum, schon 5 Jahre Spaß im Irak und das Ganze zum Schnäppchenpreis!) kann ich mir auf www.about.com zeigen lassen, wo der Hammer hängt wie man einen Hammer hält. Bitte die Schutzbrille nicht vergessen!

Dort kann man sich dann sicher auch bald vorführen lassen, wie man unfallfrei Bananen isst oder korrekt ein Präservativ überstreift. Not on the banana, stupid!


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Tibet = Burma

Geschrieben von Johannis am 18. März 2008 um 19:46 Uhr

Vor ziemlich genau 10 Jahren lebte ich für einige Wochen in Dharamsala und unterrichtete dort neu in Indien angekommene tibetische Flüchtlinge in der englischen Sprache. Während dieser Zeit erlebte ich die Ankunft derjenigen fünf Frauen und Männer mit, die ihren im März 1998 in Delhi begonnenen Hungerstreik überlebt hatten. Zusammen mit ein paar tausend meist tibetischen Menschen sah ich die ausgemergelten Körper und weinte. Drei von ihnen waren nachts mit Gewalt aus dem Zelt gezerrt und danach intravenös ernährt worden, die anderen an drei sollten im Morgengrauen des 27. April verhaftet werden.

20080311xtibet.jpg

Damals weinten wir auch um Thupten Ngodup, den Koch des Dip Tse Chok Ling, eines kleinen Klosters, in dessen Guesthouse ich im Mai 1998 zufällig wohnte. Thupten Ngodup hatte sich am 27.04.1998 dem Zugriff der indischen Polizei entzogen, sofort mit Benzin übergossen und angezündet, er starb zwei Tage später. Live-Aufnahmen seiner Tat sind Teil des 8-Minuten-Videos aus jener Zeit, das allerdings nichts für schwache Nerven ist. Bereits am ganzen Körper in Flammen stehend, hebt er die Hände wie im Gebet. Hier das Video:



Keiner der Teilnehmer des Hungerstreiks hat damals auf des Dalai Lamas dringende Bitten zum Abbruch reagiert, alle waren zum Äußersten entschlossen und wollten sich zu Tode fasten. Der Dalai Lama war beim Empfang der Überlebenden nicht präsent, obwohl die Versammlung direkt vor seiner Residenz am Haupttempel in Dharamsala stattfand. Dies war ein klares Zeichen seiner Missbilligung für radikale Taten und jede Gewalt, auch gegen den eigenen Körper.

Im Sommer 2001 war ich zweimal für einige Wochen als Reiseleiter mit Touristengruppen in China unterwegs. Ich habe die Mehrzahl der Menschen dort als wenig liebenswürdig und außergewöhnlich unspirituell erlebt, nirgendwo sonst ist mir davor oder danach derartig viel Dickfelligkeit und dreiste Geldgier begegnet, nicht einmal in Texas.

Für den Dalai Lama habe ich bei verschiedenen europäischen Großveranstaltungen in den Jahren 1998, 1999 und 2002 gearbeitet, und hatte dabei reichlich Gelegenheit, ihn zu erleben. Er gehört für mich zu den herausragenden Persönlichkeiten unserer Zeit, ein Mensch von vorbildlicher Weisheit und Integrität, dessen Name in einem Atemzug mit Männern wie Mahatma Gandhi, Martin Luther King und Nelson Mandela zu nennen ist.

Aus dem Exil predigt dieser Mann seinem Volk seit Jahrzehnten Geduld und Langmut, ruft es zu Gewaltfreiheit auf und bietet sich den chinesischen Behörden als Gesprächspartner an. Wohlgemerkt, einem Regime, das seit 1951 insgesamt 1.400.000 Tibeter getötet hat, ihn zur Flucht ins Exil zwang und ständig verleumdet. Nach meiner Meinung ist es vollkommen ausgeschlossen, dass dieser Mann heute die Menschen in Lhasa zu Gewalttaten aufruft, bei denen sie sinnlos ihr Leben riskieren. Er will nur eine kulturelle Autonomie Tibets.

China betreibt nach der gewaltsamen Besetzung Tibets, der Zerstörung tausender Klöster, einem spirituellen Genozid und der rücksichtlosen Ausbeutung der tibetischen Ressourcen, nun seit Jahrzehnten einen kulturellen Genozid. Die tibetische Kultur soll ausgelöscht oder bis zur Unkenntlichkeit assimiliert werden und dieses Ziel ist durch die chinesische Siedlungspolitik fast erreicht. Hier stimmt der Satz von Erdogan ausnahmsweise, ist Assimilation tatsächlich ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit. Aber die Welt sieht zu oder schaut weg, kauft weiter den billigen China-Schund, der unsere Märkte überschwemmt, und schickt sicher auch bald ihre Sportler nach Peking.

Der Dalai Lama soll nun öffentlich bekennen, dass Tibet und Taiwan unverzichtbare Teile Chinas sind. Das ist etwa so, als müsste ich schwören, dass mein mir geklautes Auto immer schon den Dieben gehört hat. Ach ja, und das vor Wochen gestohlene Motorrad meines Nachbarn war auch nie seines. Vergewaltigung mit Worten, Newspeak auf Chinesisch.

Die chinesische Polizei und Armee erschießt auch heute in Lhasa Menschen auf offener Straße, sie bedroht und verfolgt untergetauchte Demonstranten mit gnadenloser Härte. In Tibet wird es in den nächsten Monaten viele Hinrichtungen geben. Es lebe der Sport!

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