Zumwinkeleien
Geschrieben von Johannis am 16. Februar 2008 um 22:44 Uhr
Wenn ein Thema schon als dreifach gesengte Sau durch alle Mediendörfer getrieben wurde, halte ich mich ja gern und überaus vornehm zurück. Diesmal nicht. Warum ? Weil ihr euch grad alle so schön aufregt und ganz dolle wundert.
Dr. Klaus hat gestanden und ein paar Millionen am Fiskus vorbei nach Liechtenstein geschleust. Will eigentlich niemand Mitleid zeigen? Der arme Mann hat kürzlich [man erinnert sich, seine Freunde und er hatten gerade den überhöhten Mindestlohn für Briefträger durchgesetzt, damit PIN, TNT und Co. das Wasser abgegraben und so den Aktienkurs tüchtig nach oben getrieben] 200.000 eigene Postaktien verscherbelt und dabei 4,37 Millionen Euro Gewinn gemacht. Sollte er etwa dieses kleine und echt sauer verdiente Zubrot zum Mickergehalt voll versteuern? Das wäre ja wohl voll bescheuert!
Offenbar ist das geldgeile Kläuschen nur die Spitze des Scheißbergs, Hunderte reicher Promis sollen ähnliche Steuersparmodelle genutzt haben und dürfen in den nächsten Tagen mit Besuch vom Staatsanwalt rechnen. Oaah, die Armen. Wirklich leid tun mir zahllose Steueranwälte, die sich genau jetzt und überall im Land die kostbare Samstagnacht um die Ohren schlagen müssen, um ihren Klienten Textvorlagen für die überfällige Selbstanzeige zu basteln. Der Postbote auf der Tour zur Bochumer Staatsanwaltschaft hat nächste Woche garantiert schwer zu schleppen. Und wir sind kollektiv entrüstet.
Aufwachen, Leute! Wo Tauben sind, da fliegen Tauben hin. Der Teufel scheißt immer auf den größten Haufen. Wer schon reichlich hat, der will noch mehr, keiner kriegt den Hals voll genug. So isses eben, wen wundert’s eigentlich?
Ein Tierarzt, mit dem ich vor ein paar Jahren noch befreundet war (schöne Villa, Bauernkate für’s Wochenende im Münsterland, fest vermietetes Mehrfamilienhaus) fährt zweimal im Jahr mit Gattin und fettem Bargeldbatzen in die Schweiz. Nicht zum Shoppen. Als ich Mitte der Neunziger in Oberbayern im Garten- und Landschaftsbau geschuftet habe, war es normal, dass Kunden bei Neuanlage eines Barockgartens anboten, die Hälfte der fünfstelligen Summe in Cash-und-keine-Fragen zu zahlen, wenn es dafür einen Preisnachlass gäbe.
Das waren übrigens jene Leute, die selbst in der Garage eine Klimaanlage haben, damit der Mercedes SLK auch im Hochsommer stets angenehm temperiert ist. Die dazugehörige Garageneinfahrt wird winters elektrisch beheizt, um das lästige Schneeschippen zu umgehen. Beziehungsweise den Mindestlohn für den Polen, der anderswo mit Schneefräse, Schaufel und Besen zum Schwarzgeldentlohnten Einsatz kommt. Ich schwöre!
Liebe Mitmenschen. Wer ernsthaft glaubt, dass unter den Besserundbestverdienern dieser Republik viele sind, die ihre Schäfchen, Sparschweinchen und auch die Gans mit den goldenen Eiern nicht in Halbseide hüllen und möglichst flink aus dem Land und ins Trockenen treiben wollten, der sollte sich dringend auf verspätet ausgebrochenen Rinderwahnsinn testen lassen. Es gibt kaum Anstand und vor allem keine Solidarität bei den Reichen, noch nicht einmal untereinander. Jeder rafft, zockt ab, bescheißt und lacht sich in beide fetten Fäuste. Und die kleinen Leute wachen langsam auf und folgen dem schlechten Beispiel. Gelegentlich gibt es zwar Ausnahmen, sowohl bei Großverdienern als auch unter Otto-Normalos, aber die sind werden nicht eben mehr.
Wer immer noch an das Gute im Menschen glaubt, erwartet sicher auch, dass Kinderschokolade kerngesund ist. Gier und Dummheit sind dem Menschen angeboren. Überwindung dieser Erbkrankheiten ist – wenn überhaupt – nur durch Einsicht und beständige Anstrengung möglich.
Ungefähr an jenem Tag, als irgendwer auf die schlaue Idee kam, den lästigen Tauschhandel durch Einsatz von Muscheln, Metallscheiben oder bedruckten Papierschnipseln zu revolutionieren, haben wir begonnen unsere Seelen zu verkaufen. Allerspätestens, als der Zins erfunden wurde. Wenn es einen Teufel gäbe, er säße garantiert halbnackt vorm prasselnden Höllenfeuer und klatschte sich auf die haarigen Schenkel, weil wir vor seinen Augen und bis zur Erschöpfung um das goldene Kalb tanzen. Wir haben uns zum Sklaven des Geldes gemacht und führen uns auf wie unersättlich geile Masochisten – fick mich, schlag mich, mach mich fertig. Noch mehr, noch härter!
Und wenn die Zigbillionen verpufft sind, die weltweit nach Profit und Mehrung lechzen und dabei täglich auf’s Neue die Geldmärkte in unkontrollierbare Bewegungen versetzen, wenn wir dann erwachen und entsetzt die Augen aufschlagen, wird uns das irrwitzige Hohnlachen des Teufels in den Ohren gellen und die Trommelfelle zerreißen.
Unsere Welt haben wir dann allerdings leider schon zugrunde gerichtet. Für’s liebe Geld. Und niemand kann sagen, ich hätte sie oder ihn nicht gewarnt.
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